Fantasy & Horror
Blutlust

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"Blutlust"
Veröffentlicht am 22. Januar 2015, 38 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Blutlust

Blutlust

BlutLust

Sylvia stellte das Wasser aus und hängte den Duschkopf zurück auf die Halterung. Sie nahm das bereitgelegte Handtuch und trocknete sich ab. Nachdem ihre Haare halbwegs trocken waren, band sie sich das Handtuch um und verließ die Dusche. Sie stellte sich vor den Spiegel und atmete tief durch. Durch den Wasserdampf war der komplette Spiegel beschlagen und sie konnte lediglich die Umrisse ihres Gesichts erkennen. »Bist du sicher, dass du das tun willst?«, fragte sie ihr Spiegelbild. Es war Halloween und heute Abend würde

es überall Partys geben. Aber Sylvia und ihre beste Freundin Sonja waren zu einer ganz besonderen Party eingeladen: »Blutlust«, hieß die heutige Mottoparty. Eine Fetish-Kostüm-Feier. Es würde ihr erster Erotik Event werden. Es waren noch Stunden bis dahin, aber allein bei dem Gedanken an den heutigen Abend überlief sie ein wohliger Schauer. Die Antwort auf ihre Frage war ein ganz klares Ja! Sie verließ das Badezimmer und ging zum Kleiderschrank. Was sollte sie nur anziehen? Die schwarze Lackunterwäsche schien ihr förmlich ins Gesicht zu springen. Sie nahm den String und zog ihn an. Dann überlegte sie

kurz. Mit einem Grinsen legte sie den BH wieder zurück. Stattdessen nahm sie das schwarze Samtkorsett. Das mit dem extra tiefen Ausschnitt. »Das kannst du nicht machen«, hörte sie ihre Mutter in Gedanken sagen. »Doch«, murmelte sie. »Ich bin 22 und weiß, was ich tue!« Sylvia schnürte das Korsett zu und prüfte vor dem Spiegel, wie viel Oberweite zu sehen war. Sie war mit dem Ergebnis zufrieden. Ihr Handy blinkte. Sonja hatte ihr eine SMS geschickt, als sie noch unter der Dusche gewesen war. »Hey, bin um 21:00 am Bahnhof. Bist du auch schon so wuschig?« »Bin zwar schon geil, aber nicht so geil

wie du«, schrieb Sylvia zurück. Sonja war jetzt seit drei Wochen solo. Sylvia hatte ihren Exfreund vor zwei Wochen in den Wind geschossen. Anwärter hatte es in der Zwischenzeit für sie beide genug gegeben. Aber das Richtige war noch nicht dabei gewesen. »Wenn heute nichts Gescheites dabei ist, müssen wir halt selbst übereinander herfallen!« Sonjas Antwort hatte nicht lange auf sich warten lassen. Sylvia ging zurück ins Badezimmer. Sie wollte ausreichend Zeit zum Schminken haben. Bereits von Weitem konnte sie die schwarz gekleidete Gestalt sehen, die am

Bahnhof wartete. Sonja war mal wieder überpünktlich. Das war typisch für sie. Es war kurz vor 21:00 Uhr und ziemlich kalt geworden. Außerdem pfiff ein ziemlicher Wind. Sylvia war froh, dass sie sich für die Lederhose und die hohen Stiefel entschieden hatte. Außerdem hatte sie ihren langen Mantel eng zugeknöpft. »Und«, begann Sonja, sobald sie in Hörweite war, »bist du schon in Stimmung?« »Nicht bei dieser Kälte«, sagte Sylvia. »Frag mich nachher noch mal.« Die S-Bahn kam mit kurzer Verspätung und die beiden konnten wieder ins

Warme. »Wie lange müssen wir fahren?« »Nicht weit.« Sonja suchte sich einen freien Platz. »Nur vier Stationen. Dann müssen wir noch etwa fünf Minuten laufen und sind da.« Sylvia nickte, lehnte sich auf ihrem Platz zurück und schloss die Augen. Dieses nervöse Gefühl in ihrem Magen hatte sich verstärkt. Was würde sie heute Abend erwarten? Es war gut, dass ihre beste Freundin neben ihr saß. »Hallo. Aufwachen!« Sonja rüttelte sanft an ihrer Schulter. »Wir müssen aussteigen.« Schnell stand Sylvia auf und folgte ihrer Freundin nach draußen. Sonja bog in eine

Seitenstraße ein. Kurz darauf standen sie vor dem bulligen Türsteher. »Guten Abend«, wurden sie von dem Muskelprotz begrüßt. Es war offensichtlich, dass ihm gefiel, was er sah. »Das ist eine Kostüm Party. Habt ihr Masken dabei?« Sonja kramte in ihrer Manteltasche und holte zwei Augenmasken hervor. »Gut.« Der Türsteher nickte. »Es ist außerdem eine Erotik Party. Zeigt mal, was ihr drunter anhabt.« Bitte? Sylvia glaubte, ihren Ohren nicht ganz trauen zu können. Sollten sie sich etwa hier, auf offener Straße, bereits ausziehen? Sie blickte zu Sonja. Diese nickte ihr zu und öffnete ihren Mantel.

Ihre Freundin trug einen sehr knappen Minirock aus Leder und ein schwarzes Netzoberteil. Sie trug keinen BH. Stattdessen hatte sie sich jeweils zwei schwarze Klebestreifen in Form eines X über ihre Brustwarzen geklebt. Sylvia blickte ihrer Freundin unverhohlen auf den Busen. Und sie dachte, dass sie gewagt angezogen wäre! Sylvia öffnete nun ebenfalls ihren Mantel und ließ die Musterung über sich ergehen. »Sehr gut. Immer rein mit euch.« Der Türsteher winkte sie durch. Sylvia ging an ihm vorbei und fragte sich, an wie viel von dem eben Gesehenen sich dieser Kerl später erinnern würde, während er seiner Handarbeit

nachging. Kaum waren sie durch die Tür gekommen, schienen sie gegen eine Wand aus Hitze zu laufen. Laute Musik war zu hören. Sylvias erster Blick fiel auf ein Gothic Pärchen, die wild knutschend und fummelnd auf einer Couch lagen. Der Laden schien gut besucht zu sein. Auf den ersten Blick schätzte sie etwa hundert Leute, die mehr oder weniger angezogen in kleineren Gruppen zusammenstanden, oder sich auf der Tanzfläche vergnügten. »Nun gut«, dachte Sylvia, »schließlich sollen sich die Leute ja hier auch fast nackig machen.« Sie zog ihren Mantel

aus. In Anbetracht der Hitze hätte sie die Lederhose am liebsten ebenfalls ausgezogen, aber das ging zu weit. Schnell entdeckte sie die Garderobe und ging dorthin. Sonja folgte ihr. »Also Süße, was machen wir als Erstes?«, fragte Sonja, nachdem sie ihre Mäntel abgegeben hatten. »Wollen wir uns erst mal umsehen? Ich war hier noch nie.« »Hier unten ist die Bar und der Tanzbereich. Da hinten«, Sonja zeigte auf die gegenüberliegende Seite des Raumes, »geht eine Treppe nach oben. Dort sind die Spielgeräte aufgebaut.« Sonja grinste. »Jetzt lass uns aber auf die Tanzfläche! Auf das wir die Blicke

von jedem heißen Typen hier drinnen auf uns ziehen!« Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte sie Sylvias Hand und zog sie zur Tanzfläche. Sylvia ließ es geschehen, obwohl sie viel lieber nach oben gegangen wäre, um sich das anzusehen, was ihre Freundin vorhin Spielgeräte genannt hatte. Die beiden Freundinnen gingen bis zur Mitte der Tanzfläche und begannen damit, sich zu dem Rhythmus der Musik zu bewegen. Wie Sylvia sah, meinte ihre Freundin das, was sie gesagt hatte, ernst. Sonja achtete auf eine besonders erotische Tanzweise und strich sich immer wieder mit den Händen über die

Brüste. Zuerst war sie schockiert, aber nach und nach fand Sylvia gefallen an diesem Tanzstil. Sie waren auf einer Erotikparty und die Leute um sie herum tanzten ebenfalls ausgesprochen lasziv. Sylvia ließ ihr Becken ausgiebiger kreisen und wanderte mit den Händen über ihren ganzen Körper. Sie könnte Stunden so weitermachen! Sonja tanzte näher an sie heran. Wie selbstverständlich legte sie einen Arm um sie und drückte ihr Becken gegen ihres. Sylvia spürte, dass sie scharf wurde. Ohne darüber nachzudenken, legte sie ihre Hände auf Sonjas Hintern. Sonja hielt in der Bewegung inne. »Guck

dir den Typen an. Ich fange gleich an zu Sabbern.« Sylvia drehte sich um. Es stand völlig außer Frage, wen sie gemeint hatte. In der Nähe des Eingangs stand ein Hüne, der die anderen Besucher um einen ganzen Kopf überragte. Er hatte lange, schwarze Haare und trug lediglich eine Lederhose. Er war derart muskulös, dass sich Sylvia fragte, ob er Anabolika nahm. Der Anblick erinnerte sie an Wrestling Sendungen, die sie früher im Fernsehen gesehen hatte. Seine Haut war unglaublich bleich und überall standen die Adern hervor. Vielleicht eine Folge der Steroide. Dennoch: Sylvia war ohnehin bereits in Stimmung und der

Anblick dieser Muskelpakete machte sie noch wuschiger. »Uff«, Sylvia ließ sich auf eines der Sofas fallen. Endlich sitzen. Fast eine ganze Stunde hatte sie getanzt. Nun hatte sie sich eine Pause verdient. Danach würde sie zur Bar gehen. Sie musste dringend etwas trinken. Sie sah Sonja zu, die noch immer tanzte. Bewundernswert, dieses Durchhaltevermögen. »Hey«, ein Kerl kam zu ihr. Als Kostüm hatte er sich zwei Spitzohren angeklebt. Es sollte vermutlich einen Elfen darstellen. »Bist du dominant oder

devot?« Sylvia verdrehte die Augen. So etwas Plumpes hatte sie schon lange nicht mehr erlebt. »Weder noch. Lass mich in Ruhe.« »Ach, so ist das. Du spielst die Zicke, um dich danach unterwerfen zu können.« Der Typ war echt zu blöd. Sylvia drehte ihren Kopf demonstrativ in eine andere Richtung. Wenn sie ihn nur lange genug ignorierte, würde er bestimmt abziehen. »Hör mal, Kleine ...« »Lass sie in Ruhe«, eine ruhige, tiefe Stimme hatte sich in das Gespräch eingeschaltet. »Und jetzt hau ab.« Schritte entfernten sich. Der Idiot ging also. Sylvia drehte sich wieder um, damit

sie sich bedanken konnte. Vor ihr stand der riesige Hüne, den sie bereits von der Tanzfläche aus bewundert hatte! Nun stand er direkt vor ihr. Er musste mindestens zwei Meter groß sein. Hatte sie nicht eben noch etwas sagen wollen? Etwas ganz Einfaches: so wie »Vielen Dank« oder etwas Ähnliches. Sie bekam keinen Ton heraus. »Alles in Ordnung mit dir?« Sylvia nickte. »Keine Angst. Der Typ kommt nicht wieder.« Verdammt. Ihr musste jetzt endlich etwas einfallen, was sie zu ihm sagen konnte. Sonst würde er sich bald

umdrehen und weggehen. »Wo ist dein Kostüm?«, kaum hatte sie es ausgesprochen, gab sich Sylvia gedanklich eine Ohrfeige für die dumme Frage. Anstatt zu antworten, lächelte er sie an und entblößte dabei ein Paar Vampirzähne. »Bist du durstig?«, fragte er. »Ja. Aber ich habe so lange getanzt, da muss ich erst einmal meine Füße ausruhen. Ich hohle mir später was.« Ohne ein weiteres Wort beugte er sich zu ihr, legte einen Arm um ihren Nacken und die Kniekehlen und hob sie hoch. Während er sie auf Händen quer durch den ganzen Saal trug, schien ihn das

nicht im Geringsten anzustrengen. Sein Atem ging ganz ruhig. Kein Schweiß stand auf seiner Stirn. Er lächelte. »Zwei Bloody Mary«, bestellte er für sie. Der Barkeeper verschwand und war kurz darauf mit den Getränken wieder da. Sylvia wollte zu ihrem Portemonnaie greifen, aber der Wirt war schon wieder weg. »Der Wirt kennt mich«, erklärte der Hüne. »Du brauchst hier nicht zu bezahlen.« »Danke.« Sylvia lächelte. Er hielt sie noch immer sicher. Es gefiel ihr, von diesem starken Kerl auf Händen getragen zu werden. Konnte Sonja sie sehen? Sie platzte bestimmt schon vor Neid.

»Möchtest du mich den ganzen Abend über tragen?« »Nenn mir einen Grund, warum ich dich loslassen sollte. Aber wir sollten vielleicht tatsächlich an einen ruhigeren Ort gehen. Kommst du mit hoch?« Nach oben? Dort wo die Spielgeräte standen, die sie immer noch nicht gesehen hatte? »Sehr gerne.« Sylvia nahm die beiden Gläser und ließ sich nach oben tragen. »Sag mal, wie lange hat es gedauert, bis du so stark geworden bist?« Bereits den ganzen Weg nach oben hatte Sylvia überlegt, wie sie ihm diese Frage stellen

konnte, ohne beleidigend zu wirken. Aber bei der Statur konnte es kaum mit rechten Dingen zugehen. Es mussten Steroide oder etwas anders im Spiel sein. Sie musste das unbedingt wissen, bevor ihr dieser eindrucksvolle Mann zu sympathisch wurde. »Nicht lange. Es ist reine Willenskraft. Ich bin Vampir, schon vergessen?« Okay, er spielte also seine Rolle. Dass er sich getreu seiner Kostümwahl verhielt, machte ihn einerseits liebenswert, andererseits brachte ihr diese Antwort im Moment überhaupt nichts. »Also schön, du Vampir.« Sylvia beschloss, das Spiel mitzuspielen. »Was

hast du mit mir vor?« »Du wolltest doch die Spielgeräte sehen. Dahin bringe ich dich.« Hatte sie ihm das gesagt? Sylvia konnte sich nicht daran erinnern. Andererseits war es möglich, dass sie es einfach vergessen hatte. In Situationen wie dieser konnte so etwas schon einmal vorkommen. Er brachte sie in einen abgedunkelten Raum und stellte Sylvia ab. Sie erkannte an der Wand ein großes, schwarzes Kreuz. Gebannt blickte sie auf die Fesseln, die sich an den Enden des Kreuzes befanden. »Fühlst du dich gut?«, die Stimme war ganz nah an ihrem Ohr. Sylvia

nickte. »Du hast mir eben nicht geglaubt, als ich von Willenskraft gesprochen habe. Nun, ich werde dir ein Beispiel geben, was die Kraft des Willens alles bewirken kann.« Ihr linker Fuß fühlte sich so leicht an. Es war, als ob ein sich ein Luftzug unter der Sohle des Stiefels gesammelt hatte, der stetig stärker wurde. Schließlich verließ ihr Fuß den Boden. Das Bein hob sich, bis die Spitze des Stiefels auf der Höhe ihrer Hüfte war. Fassungslos sah Sylvia mit an, wie sich der Schnürsenkel von selbst löste und aus den Ösen herausglitt. Der lose Stiefel fiel von ihrem Bein ab. Der Fuß wurde schwer

und senkte sich wieder. Nun spürte sie, wie sich ihr rechtes Bein anhob. Kurz darauf verlor sie auch den zweiten Stiefel. Ein plötzlicher Luftdruck drückte sie rückwärts gegen die Wand. Sylvia spürte das Kreuz in ihrem Rücken. Ihr Gürtel öffnete sich. Dann sprang der Knopf ihrer Hose auf. Das Kleidungsstück zog sich selbst nach unten. Ihre Füße traten wie automatisch aus der Lederhose heraus. »Faszinierend, oder?«, sagte der Vampir. »Glaubst du jetzt an Willenskraft?« Sylvia fand endlich ihre Stimme wieder. »Wie hast du das gemacht?« Der Vampir lachte kurz auf. »Das hat

mich deine Freundin auch gefragt.« Hinter ihm wurde es heller. Nun sah Sylvia, dass an der gegenüberliegenden Wand ebenfalls ein Kreuz stand. Dort hing Sonja! Sie schien nicht aus eigener Kraft stehen zu können. Die Fesseln verhinderten, dass sie fiel. Die Klebestreifen auf ihrer Brust fehlten. Ihr Slip hing auf Kniehöhe zwischen den Beinen. Dann sah sie die Bisswunde am Hals! Sylvia schrie. Sie rief so laut sie konnte um Hilfe, bis sie vor Erschöpfung zusammensackte. Niemand kam. Warum auch? Jeder, der ihre Schreie gehört hatte, musste denken, dass es sich um den Teil eines

Spiels handelte und sie sich in Wahrheit prächtig amüsierte. Erste Tränen stiegen ihr in die Augen. Niemand würde ihr helfen. Moment mal. Sonja hatte ihr einmal von einem Kennwort für solche Partys erzählt, mit dem man auf sich aufmerksam machen konnte. Verdammt, wie war das doch gleich? Es fiel ihr nicht ein. Was sollte sie nur machen? Sylvia zwang sich, zehnmal hintereinander ruhig zu atmen. Dann überlegte sie noch einmal. So schnell sie konnte sprang sie auf. Immer wieder laut »Mayday« rufend rannte sie aus dem

Zimmer. »We are the members of Mayday«, dröhnte die monotone Stimme aus den Boxen. Sylvia wurde von den dumpfen Bässen erfasst. Der DJ war mittlerweile auf Techno umgestiegen. Musste er ausgerechnet jetzt Lieder von genau dieser Gruppe spielen? Die Leute tanzten, feierten und grölten immer wieder «Mayday« wie einen Schlachtruf in die Menge. Sylvia blieb auf halber Treppe stehen. Auch hier würde niemand ihren Hilfeschrei hören. »Du unterschätzt meine Willenskraft?«, die Stimme war direkt neben ihr, obwohl Sylvia allein auf der Treppe war.

Wieder ein Sog. Mit überwältigender Kraft drückte er gegen Sylvias Brust und drängte sie zurück. Sie kämpfte dagegen an und versuchte mit aller Kraft, ihre Beine in die andere Richtung zu bewegen. Vor Anstrengung stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihre Füße gehorchten ihr einfach nicht. Schritt für Schritt ging sie rückwärts die Treppe wieder nach oben. Schließlich stand sie wieder vor dem Vampir. »Unterschätzt du mich?«, wiederholte er seine Frage. Der Sog war verschwunden. Sylvia hatte wieder Kontrolle über ihren Körper.

»Nein!« Sie riss ihren Arm nach oben zeigte ihm den Mittelfinger. »Du unterschätzt mich!« Sylvia drehte sich um und rannte in die entgegengesetzte Richtung. Am Ende des Ganges war ein Fenster. »Diese Jagdspiele machen Spaß«, hörte sie die Stimme des Vampirs. »Findest du nicht auch?« Sylvia erreichte das Fenster und drehte am Griff. Es ließ sich problemlos öffnen. Beruhigt atmete Sylvia durch, zog das Fenster auf und streckte den Kopf nach draußen. Sie war im zweiten Stock. Direkt unter ihr lag eine geteerte Straße und ein Gehweg aus Stein. Es war zu tief zum

Springen. »Hilfe!« Sie schrie so laut sie konnte. Niemand reagierte, Sylvia blickte sich um. Sie konnte nirgends jemanden erkennen. »Hilfe! Hier oben ist ein echter Vampir!«, versuchte sie es noch einmal. »Meine Freundin ist ermordet worden!« »Halt dein Maul, du versoffene Schlampe!« Die Antwort kam von irgendwoher. Sylvia war kurz vor einem Zusammenbruch. Niemand würde ihr helfen. Nicht weit von ihrem Fenster gab es eine Feuerleiter! Sylvia schätzte die Entfernung. Sie würde Springen müssen,

aber sie konnte sie erreichen. Sofort kletterte sie auf das Fenstersims und sprang. Mit beiden Händen packte sie nach den Sprossen und hielt sich fest. Für einen Moment fragte sie sich, wie alt diese Leiter war und ob sie unter ihrem Gewicht zusammenbrechen konnte. Mit aller Kraft hielt sie sich fest. Der linke Arm drohte bereits nachzugeben. Endlich fanden ihre Füße sicheren Halt. Sylvia stieß die Luft aus. Sie hatte es geschafft. Diese Leiter führte nur nach oben! Sylvia war fassungslos. Welche Feuerleiter führte denn bitte schön nach oben, anstatt auf den sicheren Boden? Zu

spät, sie kletterte so schnell sie konnte die Leiter nach oben. Endlich erreichte sie den Rand des Daches. Sylvia zog sich über den Rand und blieb erschöpft sitzen. Was nun? Ratlos blickte sie sich um. Das Dach war flach und fast quadratisch. Außerdem waren überall Pfützen. Es musste irgendwann den Abend über geregnet haben. War sie hier oben sicher? Bestimmt nicht. Sylvia zwang sich, aufzustehen und den Rand des Daches abzulaufen. Nirgends gab es eine weitere Leiter oder Treppe nach unten. Die umliegenden Häuser waren alle so weit weg, dass ein Sprung ausgeschlossen war. Sie saß hier

oben fest! Jetzt erst merkte sie, wie kalt ihr war. Kein Wunder, immerhin stand sie am letzten Tag des Oktobers halb nackt auf einem Häuserdach herum. Sylvia schlang die Arme um sich und versuchte, das Wort »Kälte« aus ihren Gedanken zu vertreiben. Vielleicht konnte sie die Nacht hier oben verbringen? Wie viele Stunden dauerte es noch, bis die Sonne aufging? Es war Herbst. Außerdem hatten sie am Wochenende erst die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Es würde mindestens noch vier bis fünf Stunden dauern, bis die ersten Sonnenstrahlen zu sehen

waren. »Warum quälst du dich so?« Die Stimme war wieder ganz nah. Sylvia brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass der Vampir hinter ihr stand. »Es könnte doch alles so einfach sein. Komm zu mir und du wirst nie wieder frieren müssen.« Das war es dann also. Sylvia war ganz ruhig. Sie hatte sich entschieden! Der Vampir würde sie nicht bekommen. Das würde sie nicht zulassen. Nach allem, was sie wusste, durften Vampire nicht von Toten trinken und dieses Wissen reichte, um sie ganz ruhig werden zu

lassen. Gab es ein Leben nach dem Tod? Ging es irgendwie weiter? Oder war dann endgültig Schluss? Nun ja, sie würde es herausfinden … Wie war das noch mal mit dem Paradies? Selbstmörder hatten dort keinen Zutritt. Obwohl es unter diesen Umständen vielleicht eine Ausnahme geben würde. Würde sie in die Hölle kommen? Oder war sie vielleicht schon dort? Sylvia drehte sich um. Sie wollte dem Vampir ins Gesicht sagen, dass er sie niemals bekommen würde. Sie stand allein auf dem Dach. Hatte sie sich die Stimme vorhin nur eingebildet? »Nein, hattest du nicht.« Die Stimme war

direkt in ihrem Kopf. »Komm zu mir. Ich kann dir ein Leben bieten, von dem du bisher nicht einmal zu träumen gewagt hast.« »Hattest du das Sonja ebenfalls angeboten?« Sie versuchte, so viel Verachtung wie möglich in ihre Stimme zu legen. »Deine Freundin war schwach. Sie wäre eines ewigen Lebens nicht würdig gewesen. Du dagegen ...« Sylvia spürte wieder den Sog. Zuerst an ihrem Hinterkopf, ging er langsam an ihren Hals herab. Dann hatte sie das Gefühl, als ob sie zwei Hände auf ihren Busen legten. »Du könntest unsterblich werden.« Die

Stimme hatte etwas hypnotisches angenommen. Ihr Verstand war ausgeschaltet. Es gab keine Gedanken mehr. Nur noch die Stimme des Vampirs in ihrem Kopf und seine Hände, die ihren Körper liebkosten. Trotz der Kälte verspürte Sylvia eine Hitze, die direkt herauszukommen schien. Es war, als ob in ihrem Inneren ein Feuer entfacht worden war. Sie atmete tief durch. »Nein. Du wirst mich nicht bekommen!« Sylvia rannte los und sprang über den Rand des Daches. ENDE

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frajo2008 Tolle Story, spannend erzählt. Hat mir sehr gut gefallen.
LG Franz
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Treebeart Vielen Dank
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