Romane & Erzählungen
Leseprobe: Nick Francis 3 - Die Festung

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"Piratenstiefel stampfen über zernagte Schiffsplanken. Säbel rasseln gegeneinander!"
Veröffentlicht am 19. Januar 2015, 122 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
© Umschlag Bildmaterial: Noxlupus
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Über den Autor:

Ich sehe etwas, höre manchmal nur ein Wort und schon tanzen Bilder dazu in meinem Kopf. Bilder, die eine kleine Idee entstehen lassen. Manchmal verblasst diese wieder, doch hin und wieder wächst die Idee weiter und weiter, bis sie sich letztendlich als Handlung einer Geschichte entpuppt. Einer Geschichte, die geschrieben werden muss. Doch mit dem richtigen Geschichtenschreiben dauerte es - so an die 25 Jahre. All die Jahre zuvor hatte ich ...
Piratenstiefel stampfen über zernagte Schiffsplanken. Säbel rasseln gegeneinander!

Leseprobe: Nick Francis 3 - Die Festung

In der Nick-Francis-Buchreihe sind bis jetzt erschienen

Nick Francis 1 – Die Burg

ISBN 978-3-9814313-1-5


Nick Francis 2 – Die Stadt

ISBN 978-3-9814313-2-2


Nick Francis 3 – Die Festung

ISBN 978-3-9814313-3-9 Nick Francis 4 - Der Keller ISBN: 978-3-9814313-5-3 www.noxlupus.de



Azurblaues Meer, so weit das Fernrohr reicht! Piratenstiefel stampfen über zernagte Schiffsplanken! Säbel rasseln gegeneinander! Schwere Kanonenkugeln schlagen ein! In seinem dritten Abenteuer, welches Nick Francis durch das von ihm gefundene mysteriöse Buch erlebt, kämpft er nicht nur gegen finstere Piraten, nein, auch gegen die stürmische See muss er sich tapfer zur Wehr setzen. So schippert Nick von einem Hafen zum anderen, stürzt sich von einem Abenteuer ins nächste, bis endlich das große Ziel erreicht ist und er erkennt, was wirklich gespielt wird.

Klappentext

Nachdem der Buchhändler Nick Francis seine ersten beiden Abenteuer durchlebt hat, ohne sich eine Verschnaufpause zu gönnen, lässt er es jetzt ruhiger angehen. Er legt das Torbuch, wie er es nennt, durch das er schon in so manche aussichtslose Situationen geraten ist, für einige Zeit aus den Händen. Er unternimmt erst einmal keine Reisen mehr, lebt keine Geschichten in dem Buch. Vielmehr beschließt er, mehr über den rätselhaften Wälzer hier in seiner Welt in Erfahrung zu bringen. Wie ein Detektiv macht er sich mithilfe seines väterlichen Freundes Willi Funke auf die

Suche, um eine Erklärung für das Unbegreifliche zu erhalten, um Antworten auf seine selbst gestellten Fragen zu finden. Doch die Antworten, die er bekommt, werfen nur wieder neue Fragen auf, denen er nur im nächsten Abenteuer nachgehen kann. Er beschließt deshalb, die dritte Reise anzutreten. Lauscht Nick bei seinem Reisebericht, der voller aufregender Ereignisse steckt. Segelt mit Nick und seinen Freunden durch das karibische Meer, um den angenommenen Auftrag zu erfüllen. Doch bevor ihr mit Nick in See stecht, nimmt er euch mit zu einem Experten,

von dem er mehr über sein ominöses Fundstück zu erfahren hofft.

Leseprobe

Prolog Das ist schon eine ziemlich verrückte Sache, in die ich da vor gut zwei Jahren reingeschlittert bin. Und das nur wegen eines Buches, von dem keiner weiß, wo es herkommt, geschweige denn, wer es geschrieben hat ... wobei, in diesem Fall sollte ich lieber sagen: wer es erfunden und hergestellt hat. Denn ein geschriebenes Buch ist es nun wirklich nicht. Es ist eher ein Tor zu einer anderen Welt – darüber habe ich ja schon bei unserem letzten Treffen gesprochen – oder, anders gesagt, ein Tor zu verschiedenen und äußerst

gefährlichen Welten. Denn die Geschichten in diesem Torbuch kann man nicht lesen, man lebt sie. Ungewöhnlich ist auch, dass dieses DIN A4 große Buch eine Dicke von stolzen acht Zentimetern aufweist und dabei nur dreizehn Seiten beherbergt, wobei lediglich auf acht Seiten etwas zu lesen war, als ich es fand – scheinbar die Titel von ungeschriebenen Geschichten. Doch diese Titel waren nicht etwa gedruckt, nein, sie waren tief in die Seiten eingraviert. Zwei der ursprünglich acht Gravuren sind inzwischen verschwunden, nämlich Die Burg und Die Stadt. Wie es dazu kam, werde ich kurz erzählen. Alles

begann an einem Freitagabend, nachdem ich das Buch auf dem Dachboden, der zu der von mir kurz zuvor übernommenen Buchhandlung gehörte, entdeckt hatte. Mithilfe des Buches und eines Rituals reiste ich in eine andere Welt – in mein erstes Abenteuer. An jeder Ecke lauerte dort das Grauen auf mich. Kaum zurückgekehrt, stürzte ich mich erneut in das Buch, also in ein neues Abenteuer, so groß war meine Neugierde. Das ist jetzt alles ungefähr zwei Jahre her. In diesen zwei Jahren machte ich mich daran, euch von meinen bis dato erlebten Abenteuern zu berichten, und zwar in Form von zwei Büchern. Wer

diese noch nicht kennt, kann das selbstverständlich nachholen. Mehr Wissen über mich findet ihr in meinem virtuellen zu Hause: www.nick-francis.de. Ich lade euch herzlich ein, mich dort einmal zu besuchen. Außerdem habe ich mich von den Strapazen erholt, recherchiert und über all das Seltsame nachgedacht, das ich bisher erlebt habe. Vor einem halben Jahr war es dann so weit, ich bin wieder durch das Torbuch gegangen – in eine weitere Welt. Und ich freue mich sehr, heil und unversehrt wieder hier zu sein und euch von meinem neuen Abenteuer erzählen zu können. Doch zuvor lasst mich euch noch berichten,

was ich mithilfe meines alten Freundes Willi bis zum Eintritt in die Welt der Festung über das Torbuch herausgefunden habe. *** Wenige Wochen nach meinen ersten beiden haarsträubenden Abenteuern, die unterschiedlicher nicht sein konnten, saß ich in meinem Stammcafé in der Einkaufsstraße, in der ich wohne und meine Buchhandlung habe. Das Buch lag als stiller, geheimnisvoller Begleiter gut verpackt neben mir auf der Bank. Ich war mit Willi verabredet. Für diejenigen unter euch, die heute das erste Mal dabei sind: Willi ist der Mann, von dem ich die Buchhandlung übernommen hatte.

Ich kannte Willi schon, da war ich noch ein kleiner Junge, der ständig in die Buchhandlung gerannt ist, um sich mit diversen Schmökern zu versorgen. Doch das nur kurz am Rande, an anderer Stelle hatte ich ja schon ausführlich darüber gesprochen. Wieder und wieder schaute ich auf die Uhr. Willi würde jede Minute kommen, und ich hatte immer noch keine Ahnung, was und vor allem wie ich ihm von meinen Erlebnissen erzählen sollte. Er sollte mich schließlich nicht für total übergeschnappt halten. Ob ich am besten mit der Tür ins Haus fiel und mit allem gleich herausplatzte? Oder sollte ich ihn Stück für Stück an meine

Entdeckung heranführen und ihn erst fragen, ob er bestimmte Dinge prinzipiell für möglich hielt? Seit dem Abend, an dem ich das Buch gefunden hatte und damit bei ihm war, hatten wir uns nicht mehr gesehen, und bei den wenigen Telefongesprächen, die mehr geschäftlich als privat waren, hatte er nicht danach gefragt und ich hatte nichts gesagt. Doch schon wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, die Zeit, mir eine Wie-erkläre-ich-es-Willi–Strategie zurechtzulegen, war vorüber. »Hallo Nick, schön dich zu sehen!« Während ich seinen Gruß erwiderte, ließ sich Willi auf den gegenüberliegenden Stuhl

nieder. »Hallo Willi«, begrüßte ihn Tina, die Kellnerin, »einen Cappuccino und drei Kekse wie immer?« »Hallo Tina, ja, wie immer. Danke!« »Schön, dass du dir gleich Zeit genommen hast«, bedankte ich mich. »Ich hatte sowieso was in der Stadt zu erledigen und du weißt doch: Für dich habe ich immer Zeit.« Ich lächelte, doch Willi merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. »Was ist los? Du siehst aufgekratzt aus. Stimmt etwas nicht mit dir oder dem Laden?«, fragte er und musterte mich. »Nein, mit dem Laden ist alles in Ordnung. Mit mir eigentlich auch, aber

...« »Aber? ...« »Ne, es gibt kein Aber, ich wollte eigentlich ...«, setzte ich an, wurde aber von Tina unterbrochen, die einen kleinen Korb mit mindestens sechs Keksen und den Cappuccino auf den Tisch stellte. »Hier, Willi, dein Cappuccino und die drei Kekse.« »Danke, oh, du meinst es aber wieder gut mit mir«, bedankte sich Willi, der beim Anblick der Kekse strahlte. »Doris braucht ja nichts davon zu wissen«, erwiderte Tina verschwörerisch. »Ach ja, die gute Doris, wenn sie nicht

auf mich aufpassen würde, käme ich wohl bald nicht mehr durch die Türen«, sagte er und strich sich über das runde Wohlstandsbäuchlein. Nachdem uns Tina wieder verlassen hatte, knüpfte ich an das vorherige »Aber« an. »Eigentlich wollte ich mich mit dir nur mal so von Buchliebhaber zu Buchexperte unterhalten.« »So, so, was ist los, Nick, du hast doch was auf dem Herzen – das sehe ich dir doch an. Ich kannte dich schließlich schon, als du gerade über die Tischkante hier schauen konntest, mir kannst du nichts vorspielen. Raus mit der

Sprache!« »Na, so klein war ich nun auch nicht mehr«, protestierte ich und kam darauf gleich zur Sache. »Ich wollte dich nur mal fragen, ob du es für möglich hältst, dass man in Büchern reisen kann?«, stellte ich meine erste Frage spontan und so direkt, dass ich selber darüber erschrak. Willi zog die Stirn in Falten, sagte dann aber zu meinem Erstaunen: »Ja natürlich, ich selbst reise in jedes Buch, das ich lese. Das ist es doch, was ein Buch ausmacht. Der Leser kann sich mithilfe seiner Fantasie mitten in der Geschichte wiederfinden. Oder meinst du es etwa so wie in Die Unendliche

Geschichte, in der der junge Held Bastian mit Figuren aus einem Buch spricht und am Ende selber in das Buch hineingeht?« »Äh ... ja, genau das ... so was meine ich. Hältst du das für möglich?« »Sicher, in der Fantasie ist alles möglich.« »Und in der Realität? Denk doch mal an den ganzen Computerkram, Internet und E-Mails, oder was ist mit der Medizin? Künstliche Herzklappen, künstliche Arme, die sich durch Nervenimpulse vom Gehirn aus steuern lassen, Raumfahrt, all das war vor Kurzem noch Fantasie und Science-Fiction und jetzt ist es

Realität.« »Richtig, aber worauf willst du hinaus?« Ich zögerte, doch dann ließ ich die Katze aus dem Sack, beziehungsweise das Buch aus der Tüte und legte es vor Willi auf den Tisch. »Ach, du redest von dem Buch, das lässt dir wohl keine Ruhe.« »So kann man es sagen«, erwiderte ich und schlug es auf. »Kannst du dich noch daran erinnern, dass es acht von diesen Titeln in dem Buch gab?«, fragte ich und tippte mit dem Finger auf den Titel Die Festung. »Ja, natürlich, ich hatte sie früher mehrmals gelesen und neulich hast du sie mir ja wieder ins Gedächtnis

gerufen.« »Dann möchte ich dich bitten, das Buch einmal mehr durchzusehen.« »Wenn es dir eine Freude macht«, meinte er, zuckte mit den Schultern und begann, die fünf Millimeter starken aluminiumähnlichen Seiten umzublättern. Als er die letzte Seite in Augenschein genommen hatte, bemerkte er: »Oh, nur sechs? Wo sind die anderen zwei Gravuren geblieben? Soweit ich mich erinnere, fehlen Die Burg und Die Stadt.« »Gutes Gedächtnis, Willi. Genau darüber wollte ich mit dir sprechen.« »Hmm, da hatte ich das Buch so viele Jahre und nichts konnte ich darüber

erfahren, geschweige denn, dass etwas damit passiert ist, und jetzt hast du es gerade mal ein paar Wochen in den Fingern und schon ist was Unbegreifliches passiert. Was hast du getan?« »Getan habe ich eigentlich nichts ... wie soll ich sagen? Ich bin lediglich mit dem Buch auf dem Bauch eingeschlafen, und als ich wieder aufgewacht bin, war jedes Mal ein Titel verschwunden.« »Einfach so?« »Einfach so, nur ...« »Nur was?« »Nur hatte ich jedes Mal so etwas wie einen ziemlich heftigen Traum, der eben kein Traum war, sondern Wirklichkeit.

Ich erlebte zwei fantastische Abenteuer. Ich kämpfte gegen einen skrupellosen Marquis auf seiner Burg und vertrieb eine Bande Outlaws aus einer Stadt im Wilden Westen.« Die Falten auf Willis Stirn vertieften sich. Er senkte den Blick und schaute auf Cappuccino und Kekse, die noch unangetastet auf dem Tisch standen. Stumm nahm er einen Keks und biss genüsslich hinein, anschließend trank er einen Schluck Cappuccino. Ich griff ebenfalls nach meiner Tasse Kaffee und aß das letzte Stück von meinem Käsekuchen. Nachdem Willi die offiziellen drei Kekse verputzt hatte, lehnte er sich zurück, und faltete die

Hände auf dem Bauch. Er holte tief Luft und sagte mit gespielter Empörung: »Nick, wenn ich dich nicht schon so lange kennen würde, dann würde ich sagen, du nimmst gerade einen alten Mann gehörig auf den Arm.« In seiner Stimme schwang Sorge mit: »Bist du überarbeitet? Solltest du vielleicht doch mal Urlaub machen? Ich kann dich in der Buchhandlung gerne vertreten.« »Ich weiß, dass du mich sofort und auch liebend gerne vertreten würdest, aber das ist wirklich nicht das Problem«, entgegnete ich – wohl etwas heftiger als beabsichtigt, denn Willi sah mich mit einem nachdenklichen »Hmm« durchdringend an.

»Obwohl ich mich mein ganzes Leben in Fantasiewelten bewegt habe«, setzte er bedächtig an, »bin ich doch stets Realist geblieben. Ich kann zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, und was du mir da erzählst, gehört für mich nicht in den Bereich der Realität.« »Fakt ist, ich habe das Gefühl, mehrere Tage in einer Geschichte gelebt zu haben, und wenn ich wieder aufwache, sind hier nur ein paar Minuten vergangen. Das könnte natürlich auch ein fantastischer Traum gewesen sein, aber was ist mit der Veränderung des Buches? Wieso sind die Gravuren

verschwunden?« Willi schaute nachdenklich an die Caféhausdecke, dann wanderte sein Blick zu dem Buch und ging weiter zu den Keksen. Seine Hand langte in das Körbchen und stibitzte einen weiteren heraus, den er schnell in seinem Mund verschwinden ließ. Noch während er kaute schlug er das Buch auf und fuhr die Inschriften mit den Fingern ab, gerade so, wie ich es schon an die hundertmal getan hatte. Er blätterte es durch und strich ebenfalls über die glatten Seiten, die noch vor Kurzem Gravuren geschmückt hatten. »Du willst mir also erzählen, dass du in dieses Buch hineingereist bist wie

Bastian ins Land Phantásien?« »So in etwa, ja!« Willi klappte das Buch zu. »Jetzt lass dir nicht jeden Krümel einzeln aus der Nase ziehen. Es ist an der Zeit, dass aus den Krümeln ein Keks wird und du mit der ganzen Geschichte rausrückst.« »Das will ich ja, aber nicht hier, denn es wird wohl etwas länger dauern, dir alles zu erzählen. Immerhin begreife ich es ja selber noch nicht. Willst du am Samstagnachmittag zu mir kommen? Da können wir ausgiebig reden.« »Samstag? Heute ist erst Mittwoch, so lange willst du mich auf die Folter spannen?« »Drei Tage wirst du das schon aushalten.

Stell dir einfach vor, ich wäre ein Buch, das du unbedingt weiterlesen willst, aber dir fehlt die Zeit dazu.« »Für ein Buch habe ich immer Zeit«, erwiderte er bestimmt, »aber sei’s drum, ich warte also. Hast du nicht Lust, am Samstag nach Ladenschluss zu uns zum Mittagessen zu kommen? Doris beschwert sich sowieso schon die ganze Zeit, dass ihr Junge so lange nicht mehr bei uns war.« Ich grinste. Für Doris werde ich wohl auch mit sechzig noch ihr Junge sein. Deutlich entspannter als zu Beginn des Gesprächs platzte ein »Samstag! Mittagessen im Hause Funke – hört sich gut an« aus mir

heraus. *** Drei Tage später stellte ich mein Fahrrad vor Willis Haustür ab und klingelte. »So kenne ich meinen Nick, pünktlich auf die Minute«, begrüßte mich Doris und schloss mich in die Arme. »Hallo Doris«, sagte ich und streckte meine Nase in den Hausflur, »das riecht ja wieder köstlich. Ich hab mich schon den ganzen Tag auf deine Kochkünste gefreut.« »Na, dann komm rein, mein Junge. Wir können gleich essen.« Ich schlenderte ins Esszimmer und Doris ging in die Küche. Willi saß bereits

am Tisch und las in der Tageszeitung. »Da bist du ja endlich«, sagte er, sah von der Zeitung auf, faltete sie zusammen und legte sie auf den Tisch, dabei sah er mich an. »Lass uns schnell essen, dann können wir in mein Arbeitszimmer gehen und reden.« »Von wegen schnell essen! Ich habe den ganzen Vormittag in der Küche verbracht und ihr werdet euch unterstehen, alles runterzuschlingen«, protestierte Doris und betrat mit einer Suppenterrine in den Händen das Zimmer. »Nein, natürlich werden wir dein Essen wie immer ganz in Ruhe genießen«, beruhigte ich die Köchin und setzte mich

mit an den Tisch. Doris stellte die Schüssel ab und nahm die Zeitung, die sie dann zum Zeitungsständer brachte. »Das wollte ich auch gerade machen, meine Liebe!« »Ich weiß, mein Schatz«, erwiderte sie und tätschelte ihrem Mann die Wange. Vorab gab es eine hausgemachte Hühnersuppe, anschließend servierte Doris den Hauptgang: Rinderbraten mit Kartoffelknödeln, Rotkohl und Rosenkohl. Dazu kredenzte Willi einen trockenen Rotwein. Der arme Willi bekam alles von Doris zugeteilt, und als er es wagte, nach der Schüssel mit den Knödeln zu greifen, erntete er einen vorwurfsvollen Blick von ihr. Er rollte

mit den Augen, ließ aber den Löffel in die Schüssel zurückfallen. »Ich hab doch keinen Hunger mehr«, grummelte er. Ich hingegen schlug mir achtlos den Bauch voll und machte auch vor einer zweiten Portion Vanillepudding mit Erdbeeren nicht halt. Nach dem Essen wollte ich helfen abzuräumen, doch Doris befreite mich davon: »Lass nur Nick, ich mach das schon, ich seh doch, wie ungeduldig mein Willilein ist. Ich weiß zwar nicht, was ihr wieder ausgeheckt habt, aber es muss ziemlich wichtig für ihn sein, er ist schon seit ein paar Tagen so aufgekratzt.« »Stimmt doch gar nicht«, widersprach

Willi, »wir wollen uns nur über ein Buch unterhalten.« Mit diesen Worten stand er auf und ging hinaus, ich folgte ihm bis ins Arbeitszimmer. Eilig schloss Willi die Tür. »Nun los, erzähl mir alles von Anfang an«, drängte er. Und ich begann. Ich erzählte von dem Kribbeln, das mich überkommt, wenn ich mit dem Buch auf dem Bauch einschlafe und dabei eine Hand auf einem Titel ruht. Anschließend berichtete ich ausführlich von meinen bis dato erlebten Abenteuern. »Ich bin sprachlos, Nick. Was soll ich dazu sagen. Das hört sich einfach unglaublich an! … Ich weiß ja, dass du

kein Spinner bist, darum bin ich geneigt, dir zu glauben.« Willi lächelte. »Danke!« »Ich beneide dich sogar. Wie gerne hätte ich das selber alles erlebt. Wenn ich damals vor dreißig Jahren, als der Landstreicher das Buch zu mir brachte, hinter das Geheimnis gekommen wäre, ich hätte eine Geschichte nach der anderen durchleben wollen. Aber jetzt«, Willi machte eine kurze Pause, »in meinem Alter bin ich leider nicht mehr fit genug, um solche Strapazen durchzustehen.« Wir schwiegen beide einen Augenblick, dann eröffnete ich ihm meinen Plan: »Ich will versuchen, mehr über das Buch

und über die Ortschaften, in denen ich gelandet bin, in Erfahrung zu bringen.« »Dabei würde ich dir gerne helfen!«, bot Willi sich an und seine Augen leuchteten. »Das wäre super, ich könnte dir einige Jahreszahlen geben sowie die Städtenamen, und du versuchst, in deiner Bibliothek etwas darüber zu finden, oder – wenn du ganz waghalsig bist – stöberst du mal im Internet.« Willi machte eine wegwerfende Handbewegung. Internet, dieses Wort, das Willi anfangs gar nicht mochte. Er brauchte Bücher zum Blättern. Doch allmählich gewöhnte auch er sich daran, lernte die Vorteile zu würdigen und nach

ein paar Monaten klickte er sich von Link zu Link wie ein alter Hase. Auf dem Boden stapelten sich auch keine ungelesenen Ausdrucke mehr, denn der Drucker ratterte immer seltener. Anfangs hatte er alles ausgedruckt, was er meinte lesen zu müssen. Jetzt wurden nur noch wichtige Stellen markiert und gedruckt. Alles andere wurde gelesen und anschließend weggeklickt. Die nächtlichen Anrufe, in denen Willi mir Hiobsbotschaften über sein angeblich verschwundenes Internet entgegenschleuderte, wurden ebenfalls seltener, da er sich mit der Zeit mehr und mehr selber helfen konnte. Das Einzige, was sich nicht änderte, war das

Chaos aus Ordnern und Dateien auf seinem Rechner. Aber das war ja auch nicht anders zu erwarten. *** Rund zwei Jahre sind seit dem Essen und dem anschließenden Gespräch mit Willi vergangen. In dieser Zeit ist viel passiert und es war die arbeitsreichste Zeit meines Lebens. Zunächst einmal musste ich mein Wohnzimmer zurückerobern, denn da lagen, wie ihr euch vielleicht noch erinnern könnt, die ganzen Bücher vom Dachboden. Das Zimmer von den Bücherstapeln zu befreien und die Möbel wieder an ihren gewohnten Platz zu stellen hat sehr viel Zeit gekostet. Zudem hatte ich mir selbst

ein Buchankaufsverbot erteilt, damit ich erst einmal die Wohnzimmerbesetzer los wurde. Ich kaufte zwar einzelne interessante Exemplare von Kunden, die in meinen Laden kamen, und ein paar wenige antiquarische Bücher sowie die aktuellen Bestseller. Doch ich ging weder auf Märkte noch auf Messen, denn ich hatte wahrlich genug Ware im Laden und falls ein Kunde einen speziellen Wunsch hatte, konnte ich diesen notfalls immer noch durch eine Bestellung erfüllen. Übrigens, hier habe ich mal eine Aufstellung von meinen bisherigen Erkenntnissen gemacht. Bei unserem letzten Treffen hatte ich euch eine

solche Aufstellung versprochen. Gehen wir also einmal das Wichtigste durch, was wir anhand der ersten beiden Geschichten herausgefunden beziehungsweise nicht herausgefunden haben. Folgende Tatsachen sind gesichert: 1.) Jede Geschichte kann nur einmal gelebt werden, da der Titel verschwindet, wenn man diese zu Ende gelebt hat – das Tor ist geschlossen. 2.) Hier bei uns vergeht während des Aufenthaltes in einer der anderen Welten nur ungefähr eine halbe Stunde, egal ob man in der Geschichte Tage, Monate oder gar Jahre unterwegs war. 3.) Selbst wenn man sich in der

Geschichte im Ausland befindet, wird deutsch gesprochen und geschrieben. 4.) Verletzungen, Narben, die einem in der Geschichte zugefügt wurden, sind nach der Rückkehr in unsere Welt nicht mehr vorhanden. 5.) Kurz vor dem Einschlafen wird das Buch aktiviert, wenn dabei eine Handfläche auf einem eingravierten Titel liegt. 6.) Einige Personen tauchen in mehreren Geschichten auf. Sogar wenn sie in einer früheren Geschichte gestorben sind. Allerdings haben sie andere Namen und sehen in jeder Geschichte etwas anders aus. Folgende Fragen sind noch nicht

geklärt: 1.) Was hat es mit dem schwarzen Nichts auf sich, das ich in der Burg hinter einer Tür entdeckt habe? 2.) Wieso gibt es in den Geschichten Dinge, die es zu der Zeit, in der die Handlung spielt, noch gar nicht gegeben hat? Einen Kugelschreiber im Wilden Westen zum Beispiel. 3.) Wie können Naturgesetze durchbrochen werden wie bei den Tumbleweeds, die schon im Sommer durch die Gegend rollten, obwohl sie eigentlich erst im Herbst ausgeblüht sind? 4.) Was wusste der Schlafwagenschaffner Sam von

mir? 5.) Wem gehört die Stimme aus dem Nichts, die ich in den Geschichten ab und an höre? 6.) Wer war der Tote, den ich im Wilden Westen gefunden habe, und der anscheinend aus unserer Welt kam? 7.) Was hat es mit Spürauge auf sich? 8.) Gibt es noch weitere Bücher dieser Art? 9.) Bleibt der Körper, in dem man in der Geschichte lebt, dort zurück? Wo kommt er überhaupt her? 10.) Standen auf den leeren Seiten auch mal Titel, die jemand schon gelebt hat und die deshalb verschwunden sind? Aber die vordringlichsten Fragen

lauten: Was passiert, wenn ich in einer Geschichte sterbe? Bin ich dann auch hier tot? Wer war der Landstreicher, der das Buch zu Willi gebracht hat? Warum hat er sich so schnell aus dem Staub gemacht, ehe Willi ihm Geld für das Buch geben konnte? Und warum hat er Willi das Buch überhaupt überlassen? Wer war der Verstorbene, bei dem das Buch angeblich gefunden wurde? Kommen wir nun zu dem, was Willi inzwischen herausgefunden hat. Das war zum Beispiel, dass die Stadt Dumles aus dem Burgabenteuer dort liegt, wo sich der schottische Ort Dumfries befindet, und es in Dumfries eine

Gaststätte namens Globe Inn bereits seit dem siebzehnten Jahrhundert gibt. Nach seinen Recherchen trieb sich zu der Zeit, als ich mich in Dumles beziehungsweise Dumfries befand, der berühmte schottische Schriftsteller und Poet Robert Burns ebenfalls da herum. Seinen Namen kenne ich, aber gelesen habe ich noch nichts von ihm. Ihr erinnert euch an den Schriftsteller Robert Hilton? Zu Rocky Town aus dem Wilden Westen hat Willi keinen real existierenden Ort gefunden, aber die Gegend erinnert an die um Denver in Colorado. Rocky Town könnte sogar ein Pseudonym für Denver sein, ebenso wie Dumles für

Dumfries. Dann hat Willi noch herausbekommen, dass die Freiheitsstatue, von der in Rocky Town gesprochen wurde, in Wirklichkeit erst zwei Jahre nach meinem dortigen Aufenthalt gebaut wurde. Aber nicht nur Willi hat viel recherchiert. Auch ich war nicht untätig und so besuchte ich unter anderem einen Computer-Elektronik-Experten, da ich davon überzeugt war, dass es in dem Buch technische Besonderheiten geben musste. Denn das war mit Sicherheit keine Zauberei. Vielleicht ist das Buch ja eine Art virtueller Cyberspace und irgendjemand hat mal wieder die Gebrauchsanweisung verbummelt. Ach

ja, es sollte doch einen Brief gegeben haben! Laut Aussage des Landstreichers. Wo der Brief nur geblieben ist? Auf dem Dachboden war er jedenfalls nicht. *** Kaum hatte ich die Tür zur PC-Klinik Schubert geöffnet, begrüßte mich auch schon ein schlanker Mann hinter dem Verkaufstresen. Sein graues Haar stand wirr nach allen Seiten ab. »Guten Tag, mein Name ist Nick Francis. Ich habe einen Termin mit Herrn Schubert.« »Da sind Sie genau richtig, ich bin Schubert. Sie sagten am Telefon, Sie hätten etwas, was ich mir einmal

ansehen sollte?« »Ja, das hier«, antwortete ich und legte das Buch vor dem Mann auf den Tresen. »Ein Buch?«, fragte er leicht irritiert. »So sieht es aus.« Verwundert schaute sich Herr Schubert das Buch an. Nach einer Weile drehte er sich um und rief nach hinten in den Laden: »Matthias, kommst du mal nach vorne!« »Ja, Chef!«, hörte ich eine Stimme vom anderen Ende des Ladens und ein etwa zwanzigjähriger Mann mit schulterlangen Haaren, Stirnband und Kinnbart kam zu uns. »Kannst du mal eben hier vorne bleiben, ich habe etwas mit dem Herrn hier zu

besprechen.« »Mach ich, Chef!« Die Ladentür ging auf, ein Kunde trat herein und wir gingen nach hinten in einen kleinen Raum, der mit auseinandergenommenen Computern, Fernsehapparaten, Spielekonsolen, DVD-Playern, Radios und anderem Kram vollgestopft war. War dies das Reich eines Elektro-Willis? Ich setzte mich auf den Stuhl, den mir Herr Schubert anbot, und richtete all meine Aufmerksamkeit auf den Ladenbesitzer. »Also, Herr Schubert, können Sie mir sagen, ob sich in diesem Buch etwas Elektronisches verbirgt?« Herr Schubert betrachtete das Buch noch

einmal und klappte die Seiten um. »Keine Verschraubungen oder Nieten, keine Anzeichen dafür, dass die Seiten aus zwei Teilen zusammengepresst sind. Jede Seite scheint wie aus einem Guss zu sein, wie eine Metallplatte.« Ungeduldig wippte ich hin und her: Ja, das weiß ich auch, erzähl mir lieber etwas, das ich noch nicht weiß. »Also, mit Gewalt möchte ich nicht daran gehen.« »Gewalt?!« »Mit Hammer und Meißel etwa, um die Nuss, also die Seiten, aufzubekommen. Eher schlage ich vor, die Seiten zu durchleuchten.« Das hört sich doch wie eine gute Idee

an. Herr Schubert holte einen schuhkartongroßen Kasten aus einem Schrank, stellte ihn auf die Seite mit dem Titel Die Festung und stöpselte den Stecker des Kastens in eine Steckdose. »Mal sehen. Wenn die Außenschicht nicht zu dick ist, können wir mithilfe des Röntgenscanners erkennen, ob sich da was im Inneren verbirgt.« Der Monitor des Geräts begann zu flackern, nachdem Herr Schubert einen Kippschalter an der Seite des Scanners betätigt hatte. Sekunden später flimmerte ein Bild auf dem Schirm. »Sehen Sie, Herr Francis, da ist etwas. Sie hatten

recht.« Recht haben ist immer gut. Ich starrte auf den Monitor und rutschte auf dem Stuhl hin und her. Umrisse von Drähten, Schaltkreisen, Minirelais und Ähnlichem waren zu sehen. Steckte da eine Computerplatine in der Seite? Auf jeden Fall handelte es sich augenscheinlich um etwas Technisches und nicht um Zauberei. Doch wie das alles funktionierte, war damit noch nicht geklärt. »Was kann denn dieses Buch, das Sie veranlasst hat, mich aufzusuchen? Offensichtlich gibt es keine Schalter oder so, womit man es aktivieren kann. Um einen überdimensionalen

E-Book-Reader handelt es sich also nicht.« »Nein, ein E-Book-Reader ist es nicht, das Buch ist mindestens dreißig Jahre alt. Was es genau kann, ist eine lange Geschichte und ich möchte Ihre Zeit nicht länger beanspruchen, denn, wie ich sehe, sind Sie ein viel beschäftigter Mann«, erklärte ich und wies mit einer unbestimmten Geste auf die Geräte, die uns umgaben. »Ach, wissen Sie, meine Arbeit ist mein Hobby und so etwas wie Ihr Buch interessiert mich ungemein.« »Das kann ich mir gut vorstellen, wenn ich mich hier so umsehe, aber seien Sie mir bitte nicht böse, dass ich Ihnen zu

diesem Zeitpunkt nicht mehr erzählen kann.« »Schade, dann hoffe ich, dass es einen Zeitpunkt dafür geben wird«, sagte er etwas pikiert und nahm seinen Apparat von dem Buch. »Ganz sicher, wenn ich ein vollständiges Bild von dem Buch habe, werde ich es Ihnen erzählen.« Ich zögerte etwas, fragte dann aber doch noch, ob wir uns alle Seiten mal mit dem Gerät ansehen könnten. »Wenn es Ihnen hilft.« Herr Schubert sah noch etwas unzufrieden aus, setzte sein Gerät aber wieder auf das Buch. Jede Seite wies im Inneren das gleiche Bild auf, auch der Buchdeckel. Nur die

Buchrückseite war schaltkreisfrei. Nachdem alle Seiten durchleuchtet waren, bedankte ich mich bei Herrn Schubert und versprach, mich bei ihm zu melden, sobald ich mehr in Erfahrung gebracht hatte. Nach dem Besuch in der PC-Klinik beschloss ich, eine neue Reise zu unternehmen. Vielleicht würde ich da noch weitere Hinweise bekommen, und mit etwas Glück tauchte die Stimme wieder auf und war dann etwas redseliger, wenn ich ihr erzählte, was ich entdeckt hatte. *** Am frühen Abend vor meinem Aufbruch in Die Festung besuchte ich noch einmal

Willi und Doris. Als ich mein Fahrrad abgestellt hatte, öffnete Willi auch schon die Tür. Sein »Hallo« konnte ich so gerade noch verstehen, aber was er danach sagte, ging im Gezeter hinter seinem Rücken unter. »Ich habe dir schon tausendmal gesagt, lass deine Bücher und Zeitschriften nicht überall im Haus rumfliegen! Dafür haben wir doch extra ein Zimmer eingerichtet, in dem du dich nach Herzenslust dichtmüllen kannst, so wie du es in deiner Buchhandlung geschafft hast.« »Oh, oh!«, sagte ich. »Ja, oh, oh«, murmelte Willi. Doch noch ehe wir ein weiteres Wort wechseln

konnten, drängte sich Doris an ihm vorbei und begrüßte mich mit einer herzlichen Umarmung. »Na, mein braver Junge, komm doch rein«, sagte sie und strahlte mich an. Danach wandte sie sich zu Willi um und sah ihm scharf ins Gesicht. »Und du sorgst gefälligst dafür, dass hier wieder etwas Ordnung herrscht.« »Ach bitte, lass mich das nachher machen, wenn Nick wieder weg ist, er bleibt doch nicht lange.« Mit großen Augen sah er sie an, und Doris lenkte ein. »Na schön, aber wehe dir, wenn du nachher eine andere Ausrede findest, um dich davor zu drücken, so wie du es

schon seit drei Tagen machst. Nimm dir mal ein Beispiel an unserem ordentlichen Nick! Der Junge bringt jetzt deinen Chaosladen so schön auf Vordermann.« Nach dieser Ansprache verließ uns die zierliche Frau, die keine eins sechzig groß war, und wir gingen ins Arbeitszimmer, das Willi extra wegen seines speziellen Ordnungssinnes bekommen hatte. Wir schlängelten uns an Bücherstapeln vorbei, erreichten den Schreibtisch mit dem neuen Computer, an dem er das meiste recherchiert hatte, und setzten uns. »So Nick, erzähl doch mal, bist du bereit für deine neue Reise? Aufgeregt?

Hast du alles gepackt?«, fragte Willi mit leuchtenden Augen. Die ordnungsliebende Ehefrau war vergessen. »Ich brauche doch nichts zu packen, Willi, das ist der Vorteil bei so einer Reise, ich muss mir nicht den Kopf zerbrechen über Dinge, die ich vielleicht brauchen könnte, da ich sowieso nichts mitnehmen kann. Ich werde sogar immer komplett neu eingekleidet, es ist also auch egal, was ich vor Antritt einer Reise trage.« »Ach ja, stimmt, ich vergaß. Und was glaubst du, was dich in der Festung erwarten wird?« »Das kann alles Mögliche sein. Ich kann

bei den Rittern landen oder wieder bei irgendwelchen Horrorfiguren, vielleicht bin ich am Bau der Festung beteiligt, vielleicht soll ich sie von einer Belagerung befreien oder ich gehöre zu den Eroberern. Alles ist möglich, das ist ja das Spannende.« »Oh, wie gerne wäre ich an deiner Stelle!« sagte Willi. Er war ganz atemlos. Ich nickte. Für einen Mann wie Willi, der sein Leben mit Büchern verbracht hatte, gäbe es sicher nichts Schöneres, als mit mehr als nur seiner Fantasie in ein Buch zu reisen. Nach einer knappen Stunde verabschiedeten wir uns voneinander. Willi schloss mich in die Arme, so als würde er mich nicht

wiedersehen, als sei es ein Abschied für immer. »Ruf an, wenn du angekommen bist«, sagte er an der Tür und zwinkerte mir zu. »Meistens kann ich leider nicht nach Hause telefonieren, deshalb sei nicht traurig, wenn ich mich nicht melde«, entgegnete ich und grinste. »Morgen zum Frühstück bin ich wieder hier mit frischen Brötchen – versprochen.« Ich lächelte, drehte mich um und ging zu meinem Fahrrad. Das müsste ich auch mal wieder putzen. *** Zunächst trat ich gemächlich in die Pedalen, aber je mehr ich über mein

bevorstehendes Abenteuer nachdachte, desto schneller pochte mein Herz und desto schneller radelte ich. Nach kurzer Zeit raste ich den Feldweg entlang. Erst im letzten Augenblick bemerkte ich, dass ich die Neunziggradkurve, hinter der sich einige Meter weiter das Ende des Feldweges befand, erreicht hatte. Ich riss den Lenker ruckartig nach links, das Fahrrad blockierte und ich stürzte auf den Kiesweg. Kaum gelandet fuhr ich auch schon hoch, schaute mich um und war erleichtert – ich war alleine, keiner hatte meinen peinlichen Auftritt gesehen. Tief durchatmend schwang ich mich wieder auf den Sattel.

Als ich endlich zu Hause angekommen war, verstaute ich den Drahtesel in der Garage und ging in meine Wohnung. Im Treppenhaus traf ich Frau Maier aus dem ersten Stock. »Hallo Nick! Oh, sind Sie gestürzt?«, fragte sie. »Gestürzt? Wie ... woher wissen Sie das?« »Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert?« »Nein, gar nicht. Danke der Nachfrage« »Dann bin ich ja beruhigt. Schönen Abend noch!« »Danke, Ihnen auch Frau ... Frau

Maier!« In meiner Wohnung zog ich die Jacke aus, hängte sie an den Garderobenhaken, ging in die Küche, um mir einen entkoffeinierten Kaffee zuzubereiten. Dabei freute ich mich wieder über den neuen Kaffeeautomaten, mit dem das Kaffeekochen kaum mehr war als ein Druck auf einen Knopf. Schon nach kurzer Zeit setzte ich mich mit der dampfenden Kaffeetasse an den Küchentisch und beim Setzen entdeckte ich das Malheur. Die dünne Stoffhose hatte ein Loch am linken Knie und darunter war die Haut abgeschürft. Ein wenig Blut klebte an einem Stofffetzen. Jetzt spürte ich auch einen pochenden

Schmerz. War ich so von der Rolle, dass ich es nicht mal merkte, wenn ich mich verletzte? Na ja, jetzt weiß ich wenigstens, woher Frau Maier wusste, dass ich gestürzt bin. Es gibt doch für alles eine Erklärung! Ich zog mir die Hose aus, um mir mein Knie genauer anzusehen. Sofort stellte ich die großmütterliche Diagnose: Bis zu meiner Hochzeit ist das wieder gut. Beruhigt setzte ich mich wieder hin, trank den Kaffee und gönnte mir noch ein Käsebrot mit Tomaten dazu. Schließlich, als Kaffee, Brot und das letzte Tomatenstück in meinem Bauch verschwunden waren, war es an der Zeit, mich dem Buch zuzuwenden. Ich

holte es aus dem Wohnzimmer und ging samt Buch ins Schlafzimmer. Dem Buch war es mit Sicherheit ziemlich egal, wo ich mich zum Schlafen hinlegte, aber dennoch machte ich es mir traditionsgemäß im Bett gemütlich und nicht auf dem Wohnzimmersofa. Routiniert legte ich meine rechte Handfläche auf die Buchseite mit dem Titel Die Festung, warf noch einen Blick auf den Wecker, 22.36 Uhr, und wartete. Ich war schon ziemlich müde, denn in der letzten Nacht hatte ich extra nicht viel geschlafen. Wenn dieses Buch elektronisch funktioniert, woher kommt dann die Energie? Gibt es da einen Akku, der so lange hält?, war das

Letzte, was ich dachte, und dann ging es los. Wie ein seichter Stromstoß durchfuhr es mich, als meine Hand mit der warm gewordenen Buchseite, die wieder weich wie Schaumstoff wurde, verschmolz. Als Erstes kribbelte die Hand, dann der Arm, dann beide Arme, schließlich der Oberkörper bis runter zu den kleinen Zehen und schon sauste ich los. Beam me up, Scotty!


Kapitel 1 Angekettet Das Erste, was ich spürte, war ein

schneidender Schmerz, der sich über meinen Rücken zog, und ich hörte eine raue Stimme in mein Ohr krächzen. »Wenn du hier pennst, Freundchen, werde ich weitermachen, bis deine Haut nur noch in Fetzen an dir runterhängt. Willst du das?« »Nein!«, brüllte ich erschrocken und noch halb im Dämmerzustand. Da krakeelte die Stimme auch schon weiter. »Dann leg dich gefälligst in die Riemen.« Freunde, ich hatte es mal wieder geschafft, ich steckte mitten im dicksten Schlamassel. Konnte mir nicht ein ruhiger Anfang erlaubt werden wie das letzte Mal im Zug, mit dem ich gemütlich in Die Stadt gefahren bin?

Hier war es leider alles andere als gemütlich. Allem Anschein nach befand ich mich im Rumpf eines Schiffes. Auf jeden Fall war ich an einer Sitzbank angekettet. Neben mir saßen zwei Männer, die das Ruder – oder fachmännisch gesagt, den Riemen – vor mir im Kreis bewegten. Eilig griff ich danach und ruderte gemeinsam mit den anderen im Takt der Trommel, die im Hintergrund dröhnte. Der Mann, der mir am nächsten saß, schien etwas größer und älter zu sein als ich. Feste Muskelpakete zeichneten sich auf seinem braun gebrannten Oberkörper ab. Bei der gesunden Hautfarbe kann der noch nicht so lange hier unten

sein. »Na Junge, endlich zur Besinnung gekommen?«, fragte der Muskelmann. »Ja, leider.« »Die haben dich ganz schön fertiggemacht, so lange wie du weggetreten warst.« »Wer hat mich fertiggemacht?« »Frag doch nicht so blöd, das solltest du wohl am besten wissen.« »Sollte ich?« »Haltet eure verdammten Schnauzen, ihr erbärmlichen Hunde. Sonst bekommt ihr die Peitsche zu spüren«, brüllte der Kerl, der mich so unsanft aus dem Schlaf gerissen hatte. Eine Weile sagten wir nichts mehr.

Insgesamt schufteten hier unten dreißig Mann an zehn Riemen, fünf Riemen auf jeder Schiffsseite, und wir alle waren diesem Peitschenkerl ausgeliefert, der keine Minute verstreichen ließ, ohne uns anzubrüllen oder seine Peitsche zischen zu lassen. Zwei weitere Typen standen mit verschränkten Armen beim Trommler und ihre einzige Aufgabe bestand darin, uns grimmig zu fixieren. Kann ich nicht diesen Job haben? Ich bin dafür ganz sicher qualifiziert! Schweigend ruderten wir weiter. Ich fiel in eine Art Trance. Meine Bewegung verschmolz mit den Paukenschlägen. Nach einiger Zeit stiegen zwei Männer mit einem Topf in der Hand die enge

Treppe zu uns nach unten. Bei uns angelangt, stellten sie den Topf in den schmalen Gang. Mit zwei Kellen schöpften sie den Inhalt, so etwas wie eine klare Brühe, heraus, gingen von Mann zu Mann und flößten jedem von uns Ruderern davon etwas in den Mund. Danach wurde uns der zweite Gang, ein Stückchen Brot in den Mund gestopft. Während der Fütterung durften wir unsere Arbeit nicht unterbrechen, darüber wachten die Aufseher mit stechenden Blicken. Selbst unsere Kellner wurden angetrieben. »Nun beeilt euch, sonst könnt ihr gleich einen Platz hier unten bekommen, dann ist das schöne Leben in der Kombüse aus

für euch zwei Seepocken.« Ein heftiger Peitschenknall unterstützte die Worte. Plötzlich, als der Peitschenmann auf der Höhe der Bank war, auf der ich saß, rief der Braungebrannte neben mir: »Jetzt!« Was jetzt?, fragte ich mich, doch da spürte ich schon einen Ruck. Die beiden Männer neben mir stießen den Riemen wie einen Rammbock in die Rippen des Peitschenmanns auf dem Gang. Die drei, die auf der anderen Seite saßen, taten dasselbe. Unser Peiniger brach zusammen. Im selben Moment fielen die beiden Suppenjungs über die Kerle beim Trommler her. Abrupt setzte die Trommel

aus. »Trommle weiter, oder es wird dir so ergehen wie den beiden hier«, fauchte ein Suppenjunge. Mindestens genauso überrascht wie unser Rhythmusgeber, starrte ich noch immer auf den am Boden liegenden Peitschenmann. »Los Junge, greif dir den Schlüssel«, zischte der Kerl neben mir. Schlüssel? Welchen Schlüssel? Ich schaute mich hektisch um. Ah, da ... er hing am Gürtel des Peitschenschwingers. Rasch griff ich danach. Die Kette war gerade lang genug, ich öffnete das Schloss und wir konnten die Kette aus den Ringen ziehen.

Mein Rudernachbar, der das Zeichen zum Angriff gegeben hatte, hieß übrigens Kapitän Quinn. Seinen Namen erfuhr ich zwar erst zu einem späteren Zeitpunkt, aber der Einfachheit halber werde ich ihn jetzt schon so nennen. Kapitän Quinn übernahm das Kommando, wie es sich für einen Mann seines Standes gehört. Er bedeutete uns, leise zu sein. Während der Trommler weiter den Takt schlug, als sei nichts vorgefallen, schlichen zehn von uns die Treppe nach oben. Der Rest ruderte weiter, damit sich die Riemen weiter bewegten und die Geschwindigkeit nicht zu stark

nachließ. *** Es war früh in den Morgenstunden, die ersten Sonnenstrahlen krochen gerade über den Horizont. Auf dem Vordeck entdeckten wir zwei Matrosen und wir sahen den Steuermann auf dem Steuerdeck. Doch er war nicht alleine, denn bei ihm standen ebenfalls zwei Seeleute. Kein Lüftchen war zu spüren, die Segel waren eingeholt. Wahrscheinlich mussten wir deshalb so hart rudern. Ich blickte mich um und beobachtete, wie Kapitän Quinn ein paar Männern Zeichen gab. Vier von ihnen schlichen daraufhin an die zwei Matrosen im Bug heran, während vier

weitere auf die Brücke krochen. Im Nu waren die Männer an Deck überwältigt und lagen gut verschnürt am Boden. Das alles geschah völlig lautlos. Keiner hatte einen Mucks von sich gegeben. Kurz darauf kam Kapitän Quinn auf mich zu. »Komm du mal mit«, forderte er mich auf. Leise stiegen wir die Treppe zur Brücke hinauf. Oben angelangt, zeigte er auf das große Steuerrad. »Aber ich kann nicht ...«, begann ich, doch er unterbrach mich. »Doch, du kannst. Du brauchst nur das Rad auf dieser Position zu halten, das wirst du doch wohl schaffen – oder?« Zögernd griff ich nach dem Rad. »Wo sind wir hier eigentlich?«, fragte

ich den Kapitän. Der lachte leise. »Wo wir sind? Das hast du nicht mitbekommen? Mann, die haben dir wirklich übel mitgespielt. Wir sind auf der Galeere des größten Piratenjägers der Karibik – Kapitän Loco. Doch wenn ich dich so ansehe, hat er sich bei dir bestimmt vergriffen«, sagte er und beäugte mich von oben bis unten. Kopfschüttelnd und leise lachend ließ er mich alleine mit dem großen Rad in den Händen. Ich versuchte, das zu tun, was er mir aufgetragen hatte. Ich hielt das Rad fest, ich klammerte mich regelrecht daran. Plötzlich hörte ich Schreie an Deck. Ich stellte mich auf die

Zehenspitzen und sah, wie einige Männer an Deck getrieben wurden. Stimmen schwirrten durcheinander, ansonsten geschah nichts. Nach einer Weile kam ein stämmiger Kerl, den ich schon im Ruderraum gesehen hatte, auf mich zu. »Mach, dass du nach unten kommst, Käpt’n Quinn sagt, ich soll jetzt das Ruder übernehmen.« Erleichtert löste ich meine verkrampften Hände vom Steuerrad und stieg die Treppe herunter. Dort sah ich Kapitän Quinn. Gebannt starrte er auf die eine Tür unter der Brücke. Plötzlich wurde sie aufgestoßen und ein Mann im Nachthemd wurde aus der Kabine

gestoßen. »Hier Käpt’n, sehen Sie, was wir hier Niedliches haben!«, grölte einer der beiden Männer, die hinter dem Gefangenen standen. Kapitän Quinn trat näher. »So schnell ändert sich alles, Kapitän Loco! Hübsches Hemdchen übrigens.« »Quinn, hätte ich Sie doch gleich über die Planken gehen lassen!« »Hätten Sie vielleicht machen sollen, aber aus Fehlern kann man lernen. Sie waren einfach viel zu gierig, Sie wollten auch mein Kopfgeld einstreichen. Jetzt sehen Sie, was Ihre Gier Ihnen eingebracht hat.« Kapitän Quinn lächelte, dann drehte er sich zu seinen

Männern. »Los, bindet ihn an den Mast!«, befahl er, »und bringt die anderen runter zum Rudern!« Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da hörte ich eine Stimme aus dem Ausguck »Wind zieht auf!« rufen. »Na, da habt ihr ja mehr Glück als wir«, meinte Kapitän Quinn zu Kapitän Locos Männern, die gerade nach unten gebracht wurden. Danach wandte er sich seiner Mannschaft zu. »Dann mal los, Männer, setzt die Segel und machen wir, dass wir Kordina so schnell wie möglich erreichen.« Nach diesen Worten herrschte auf einmal ein wildes Durcheinander, zumindest sah es für einen Ahnungslosen

wie mich so aus. Tatsächlich aber saß jeder Handgriff, jeder wusste, was er zu tun hatte. Nur ich war wie ein Praktikant an seinem ersten Tag, der nutzlos rumsteht, weil sich keiner um ihn kümmert. Als die Segel gesetzt waren, konnte auch ich den leichten Wind in meinem Gesicht spüren. Ich setzte mich auf eine Kiste, atmete tief durch und schaute an mir runter. Ich trug eine weit geschnittene rotbraune Stoffhose, die bis über meine Knie ging, an den Füßen befanden sich Schnürsandalen. Meinen Oberkörper schmückte ein dunkelblaues Hemd. In Gedanken vertieft schob ich das linke Hosenbein hoch und entdeckte die

Schürfwunde am Knie. Ich hatte also meine Verwundung aus der realen Welt mitgenommen. Eine interessante Entdeckung! Plötzlich trat jemand mit Wucht gegen mein Sitzmöbel. Ich erschrak! »He, du fauler Hund, was ist mit dir? Glaubst du, du bist hier, um dich zu erholen? Mach dich gefälligst an die Arbeit!«, raunzte mich Kapitän Quinn an. »Würde ich ja gerne, aber was soll ich tun?« »Erst einmal aufstehen, wenn dein Kapitän mit dir spricht«, sagte er und trat ein weiteres Mal gegen die Kiste, fast hätte er sie unter mir weggeschossen und ich wäre auf dem

Boden gelandet. Ich sprang auf. »Schon besser, und nun sag mir, was deine Aufgabe auf einem Schiff ist?« »Ich habe keine!« »Es heißt Sir!« »Sir, ich habe keine Aufgabe. Ich bin kein Seemann … Sir.« Der Kapitän musterte mich erneut. »So, du willst mir also erzählen, dass Kapitän Loco eine verfluchte Landratte gefasst hat?« »Wenn Sie es so ausdrücken wollen.« »Wenn Sie es so ausdrücken wollen – Sir!« »Genau das – Sir.« Mann, habe ich hier etwa den durchgeknallten Sergeant aus Full Metal

Jacket vor mir? Ein weiterer Mann kam zu uns. »Hier Käpt’n, mit besten Grüßen aus Kapitän Locos Kajüte«, sagte er und hielt dem Kapitän einen Becher hin. Doch dieser gab ihn an mich weiter. »Hier, trink.« Dankend nahm ich den Becher entgegen und setzte ihn an. Ich hatte einen ganz trockenen Mund und freute mich auf das Wasser. Doch es war kein Wasser. Noch ehe ich den beißenden Geruch wahrnahm, spürte ich den ersten Schluck scharf und heiß in meinem Rachen brennen. »Na, was ist, du Landei? Ist dir das Gebräu zu stark?«, höhnte Kapitän Quinn

lautstark. »Es ist etwas anderes, als ich erwartet hatte.« »Ach nee, was hat der feine Herr denn erwartet? Vielleicht eine Tasse heiße Schokolade?« Die beiden Seemänner brachen in Gelächter aus. »Na, lassen wir das Bübchen mal in Ruhe«, er nahm mir den Becher aus der Hand und trank ihn in einem Rutsch aus. Anschließend hob er den Deckel von einem Fass ab und tauchte den Becher hinein. »Hier, nimm das, das ist wohl eher was für dich.« Erneutes Gelächter. Jetzt war ich es, der den Becher in einem Rutsch austrank. Das kühle Wasser rann die

Kehle hinunter und erfrischte mich, das war eher nach meinem Geschmack. »Und nun sag mal, wo haben die dich denn her, was hat einer wie du auf dem Kerbholz?«, fragte der Kapitän neugierig. »Nichts«, sagte ich und setzte nach, »nichts, womit ich groß angeben könnte.« »Hör dir den an, Käpt’n«, sagte der Mann, der den Becher gebracht hatte, und lachte. Inzwischen waren wir umringt von Männern aus Quinns Mannschaft. Sie stimmten in das Gelächter ein, bis die Stimme des Kapitäns das Grölen übertönte. »Was steht ihr hier so faul rum? Zurück an eure Arbeit, oder habe ich euch etwa

gestattet, eine Pause einzulegen? Ab mit euch in die Wanten, ihr verlausten Affen, oder ich hol die Peitsche aus dem Ruderraum!« Rasch zerstreuten sich die Männer. Keiner schien von den Beleidigungen und den Androhungen von Peitschenschlägen gekränkt zu sein. Das ist wohl der gute Ton an Bord. Würde bei uns ein Chef so mit seinen Angestellten reden, hätte der doch gleich die Jungs von der Gewerkschaft am Hals. Und hier gingen die Männer einfach an die Arbeit, anstatt ihren Chef zu verklagen. Mit offenem Mund stand ich da und bestaunte die Professionalität der

Männer, jeder Handgriff saß. Ohne darüber nachzudenken, ließ ich mich wieder auf die Kiste nieder. Kapitän Quinn sah mich mit funkelnden Augen an. »Sitzt du gut?« »Nein, Sir!«, sagte ich zackig und sprang ebenso wieder hoch. »Ich weiß noch nicht so recht, was ich mit dir anstellen soll. Du gehörst nicht zu meiner Mannschaft und bist nicht mal ein Seemann. Du scheinst ein Geheimnis mit dir rumzutragen, und ich weiß nicht, wo du herkommst. Aber das geht mich auch nichts an. Du bist jetzt an Bord meines Schiffes und das bedeutet für dich, dass du tun wirst,

was ich dir befehle. Und der erste Befehl lautet: Geh nach unten in die Kombüse. Dort fangen alle Seemänner an. Der Smutje wird dir schon Arbeit geben. An Deck können wir dich nicht gebrauchen und geschrubbt wird hier erst am Sonntag.« Er lachte wieder und ging. Humorvolle Leute! Ich hörte noch seine Stimme über das Deck dröhnen. »Bootsmann!« Doch anstelle eines Bernhardiners kam ein grauhaariger Seemann im Laufschritt zu ihm. Und jetzt lade ich euch wieder herzlich ein, meine Freunde, begeben wir uns zum dritten Mal in ein unbekanntes Land. Macht es euch wie immer bequem, bringt etwas Zeit und Ruhe mit,

dimmt das Licht oder holt die Kerzen aus der Schublade, schließt einen Moment die Augen und stellt euch vor, ihr seid an Bord einer Galeere mit Kurs auf eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse. Kommt zu mir an Deck und seht was ich gesehen habe, erlebt was ich erleben musste. *** Wie gut, dass ich noch nicht wusste, welche Schindereien und Schikanen ich in den nächsten vierundzwanzig Stunden ertragen musste, als ich die Kombüse betrat. Nichts von wegen »Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön ...« Davon war hier an Bord zumindest für mich nichts zu

spüren, geschweige denn zu sehen. Schon gar nicht mit diesem Smutje, einem kleinen, versoffenen Typen, dessen langes fettiges Haar unter einem speckigschmutzigen Kopftuch heraushing. Dieser Kerl malträtierte mich ganze zwölf Stunden ohne Pause. Er gehörte, wie sich herausstellte, nicht zu Kapitän Quinns Leuten, als Einziger an Bord war er sein eigener Herr, kein Kapitän hatte ihm was zu sagen. Dass die ursprüngliche Mannschaft der Venus, so der Name der Galeere, durch die von Kapitän Quinn ausgewechselt worden war und der frühere Kapitän nun als Gefangener mitfuhr, interessierte ihn nicht im Geringsten. Der Smutje hatte

nur eine einzige Pflicht und die bestand darin, das Essen pünktlich zu servieren, egal für wen. Und angeblich hinderte ich ihn daran. »Schäl gefälligst die Kartoffeln schneller! Die Männer wollen schließlich heute noch was essen. Und außerdem sollst du nur die Schale abziehen und nicht die halbe Kartoffel wegschmeißen, kapiert?!« Wie denn ohne Sparschäler? Ich habe noch nie in meinem Leben so Kartoffeln geschält – du Idiot! Und der Smutje brüllte weiter. »Die Töpfe sind noch dreckig von gestern! Also halt dich gefälligst ran und mach sie

sauber.« Leider musste ich das allein über mich ergehen lassen, denn die zwei Gehilfen, die er zuvor gehabt hatte, waren jetzt an Deck beschäftigt. Es waren die beiden, die uns die Suppe gebracht hatten, und da die Jungs zu Kapitän Quinn gehörten, waren sie nun wieder an Deck. So hatte ich mehr oder weniger alleine die Aufgabe, ein Essen für etwa sechzig Mann zu kochen, denn bei Kapitän Quinn bekamen auch die Gefangenen was zu essen und nicht nur dünnes Brühwasser. Der Smutje lag die meiste Zeit in seiner Hängematte und trank. Und wenn er sich gerade nicht den Rum eintrichterte,

beschimpfte er mich und scheuchte mich durch die Kombüse. Auch wenn Kapitän Quinn mich und seine Männer etwas ruppig anging, lag in seiner Stimme nicht diese Grausamkeit und Brutalität wie bei diesem Küchenschwein. Die einzige Gelegenheit für mich, an Deck zu kommen, war bei der Essensausgabe. Wie gerne wäre ich bei den Männern draußen an der frischen Luft gewesen, hätte das Schiff erkundet und wäre ihnen zur Hand gegangen. Auch wenn ich keine Ahnung von der Seefahrerei hatte, würde ich doch schnell lernen und zwei linke Hände hatte ich auch nicht. Doch stattdessen

musste ich in der schmierigen, stinkenden Kombüse schuften, wo einem der Appetit verging. Wenn ich hier wieder raus bin, gehe ich als Erstes zum Gesundheitsamt und dann kommt der Mann mit dem weißen Kittel und macht den Laden hier dicht, kannste aber Gift drauf nehmen – du Möchtegernfünfsternekoch! Irgendwann, nachdem ich die letzten Blechteller gespült und alles einigermaßen an seinen Platz geräumt hatte, neigte sich mein erster Tag an Bord dem Ende zu. Schon eine ganze Weile hatte ich kein Geschrei mehr aus der Hängematte gehört, ich wunderte mich so lange, bis mir ein lautes

Schnarchen das Ende meines Arbeitstages anzeigte. Der rechte Arm des Smutjes baumelte aus der Hängematte heraus, mit der linken hielt er die leere Rumbuddel umklammert. Sein dichter Bart war vollkommen verkrustet. Ich ließ ihn liegen und hoffte, dass ich nicht noch einmal so einen Tag erleben musste. Da hänge ich doch lieber kopfüber an einem Baum vor einem Banditen des Wilden Westens! Die frische Seeluft draußen an Deck war die reinste Wohltat. Mit dem Wind glitt die Venus sanft durchs Wasser. Sonne und Mond hatten gerade ihren Millionen Jahre alten Schichtwechsel vollzogen. Ein Teil der Besatzung lag an

Deck, andere kletterten in den Wanten herum. Der Steuermann stand am Ruder. Von Kapitän Quinn keine Spur. Es war ruhig geworden. Jetzt hatte ich endlich Gelegenheit, das Schiff zu erkunden. Obwohl ich in Norddeutschland zu Hause bin und die See nicht weit ist, bin ich doch nur einige Male auf einem Schiff gewesen. Trotzdem wurde ich nicht seekrank, das Schaukeln machte mir nichts aus. Ganz im Gegenteil, ich werde gerne durch die Gegend geworfen. Keine Achterbahn oder Schiffsschaukel auf dem Hamburger Dom oder irgendeinem anderen Jahrmarkt ist vor mir sicher, und als Kind stand kein Karussell still, wenn ich

in der Nähe war. Meine Erkundungstour führte mich auch in den Mannschaftsraum unter Deck. Einige lagen in den, wie sagt man hier, Kojen? Wobei die Kojen eher Regalfächern glichen, die sich bis zur Decke stapelten. In so einem Regal wollte ich nicht schlafen. Ich beschloss, nach draußen zu gehen und mir da einen Schlafplatz zu suchen. Nur eine herrenlose Decke nahm ich aus einem der Schlafregale mit. *** Zwischen zwei Seilhaufen schlief ich wie ein Stein, bis mich ein schriller Pfeifton aus dem Schlaf riss. »Aaalle Mann an Deck!«, brüllte der

grauhaarige Bootsmann. Während ich mich in meinem Seilnest noch gemütlich streckte, ging das Gepolter los. Schwere Stiefel rannten über die Planken, aus allen Ecken kam die Mannschaft zum Vorschein. Um nicht gleich wieder Ärger zu bekommen, rappelte ich mich hoch und rannte den anderen hinterher zur Kapitänskajüte. Hier versammelten sich die Männer und unterhielten sich murmelnd, bis Kapitän Quinn die Kajütentür öffnete und in die ersten Sonnenstrahlen trat. »Was seid ihr nur für eine trübe Bagage? Mit so einer verschlafenen Bande ist wohl kein großer Fischfang zu

machen!« Die Männer grummelten, doch Kapitän Quinn brachte sie mit einer wegwischenden Handbewegung zum Schweigen. »Ist ja gut, Leute, wir haben es bald geschafft. In Kordina könnt ihr euch von den Mädchen in den Schlaf kraulen lassen.« Bei diesen Worten machte sich Zufriedenheit auf den verknautschten Visagen der Seeleute breit, und der Kapitän sprach weiter. »In zwei Stunden werden wir das Hinterland von Kordina erreichen. Dort setzen wir Kapitän Loco und seine Männer ab. Sie werden etwa drei Tage brauchen, um sich durch die Sümpfe und über die Berge in die Stadt

durchzuschlagen. Zeit, in der wir unser Schiff zurückholen und von hier verschwinden. Ihre stolze Galeere lassen wir im Hafen für sie zurück.« »Sie wollen sie also wirklich am Leben lassen, Käpt’n?«, fragte der Bootsmann. »Wieso denn nicht, Mr. Donovan, was meinen Sie, wie langweilig es uns wird, wenn diese Bande nicht ab und an hinter uns her ist. Und das werden sie sicherlich sein, wenn sie erst mal ihr Schiff wiederhaben. Außerdem sind wir ehrenhafte Piraten und keine Meuchelmörder.« Dann schaute er sich um, als suche er jemanden, und rief »Küchenjunge!« Ich schaute nach allen Seiten, keiner

antwortete. »He, du Landratte, wo hast du dich verkrochen?«, brüllte der Kapitän. Erst jetzt begriff ich – ich war gemeint. Zaghaft hob ich den Arm und stotterte »Hi...hier!«. »Hier, Sir«, grollte Quinn, »und nächstes Mal meldest du dich sofort!« »Jawohl, Sir«, erwiderte ich und trat aus der Menge heraus. »Geh und hol alles Essbare, was du finden kannst. Brot, Zwieback, und wenn noch was da ist, auch Obst. Mach schon!« »Jawohl, Sir!« »Und ihr anderen macht, dass ihr an die Arbeit

kommt!« »Aye, aye, Käpt’n«, hallte es im Chor. Alles war so neu für mich und interessant obendrein. Die kurzen Kommandos, die Lieder, die Quinns Männer bei der Arbeit sangen, das Ausrichten der Segel, das Quietschen der gewaltigen Flaschenzüge beim Bewegen von Lasten, das Knacken und Knarren in jedem Winkel der Galeere, der Geruch nach feuchtem Holz und Stoff, dem Meer und die vielen anderen fremden Gerüche und Geräusche. Ich sah, wie Quinns Männer kleinen Äffchen ähnlich in den Wanten hin und her sprangen und wie der Wind die Segel füllte, doch leider konnte ich mir

das Schauspiel nicht länger ansehen. Zwar sträubte sich alles in mir dagegen, nach unten in die Kombüse zu gehen, aber ich überwand mich – immerhin waren es nur noch ein paar Stunden, dann würde ich das Schiff verlassen. In der Kombüse saß der Smutje am Tisch und pulte sich mit einem Messer den Dreck unter den Nägeln heraus. Na lecker! Neben ihm stand sein treuer Begleiter, die Flasche Rum. »Da bist du ja, du fauler Hund!«, war sein netter Gutenmorgengruß. »Ihnen auch einen schönen guten Morgen«, antwortete ich freundlich. In wenigen Stunden würde ich diesen Schmierlappen los sein, an Land war ich

frei und würde nichts mehr mit ihm zu schaffen haben. Diese Aussicht half, höflich zu sein, denn in ein paar Stunden würde es nur noch heißen: und tschüss ... »Der Käpt’n hat mir aufgetragen, Brot und Zwieback an Deck zu bringen und Obst, wenn noch welches da ist. Wir sind bald im Hafen von Kordina.« »Tu, was du nicht lassen kannst. Äpfel sind hinten im Lager.« Das war alles, was wir miteinander sprachen. Ich ging ins Lager und entdeckte die etwas angefaulten Äpfel in einem Fass. Zwei Kisten mit Zwieback standen so da, als warteten sie nur auf mich, ebenso die acht harten Brote, die in Leinentücher

eingewickelt waren. Als Krönung fand ich noch einen fußballgroßen Schinken. Nach und nach schleppte ich alles an Deck, wo die Mannschaft wie eine Horde hungriger Löwen über das Zeug herfiel. Zwei Stunden später wurden drei Beiboote zu Wasser gelassen. Darin befanden sich bereits die letzten Essensreste, die ich zusammengekratzt und in den Booten verstaut hatte. Als die Boote im ruhigen Wasser schaukelten, ließen wir die Gefangenen nacheinander an einer Strickleiter runterklettern. »Wenn Sie sich beeilen, haben Sie in drei Tagen Ihre Venus wieder, Kapitän

Loco. Sie wird im Hafen von Kordina auf Sie warten!«, rief Kapitän Quinn nach unten, und auf ein Zeichen von ihm wurde ein Seesack zu den Männern herunter gelassen. »Hier, noch ein kleines Abschiedsgeschenk von mir, damit Sie für Ihren Fußmarsch ein bisschen besser gerüstet sind.« Kapitän Loco riss den Sack auf und zum Vorschein kamen ein paar Messer und drei Pistolen. »Sie sind ja mächtig um unser Wohl bemüht, Kapitän Quinn. Hoffentlich werden Sie das nicht eines Tages bereuen, denn eines verspreche ich Ihnen, wenn wir uns wiedersehen, hat Ihr letztes Stündlein geschlagen. Dann

gehört die nächste Planke Ihnen!« »Wir werden sehen … vielleicht lasse ich Sie dann nicht noch mal davonkommen, und nun gute Reise, meine Herren!« Mit diesen Worten wurden die Seile gekappt, mit denen die Boote an der Venus vertäut waren. Kapitän Loco gab den Befehl zum Rudern, er wollte so schnell wie möglich an Land. Das wollte auch unser Kapitän, und da seit einer Stunde nur noch eine leichte Brise wehte, gab er uns denselben Befehl. Es sollte dieses Mal eine angenehmere Ruderpartie werden. Keiner brüllte uns an und drohte mit Peitschenschlägen. So zu rudern – und selbst wenn ich es einen

Tag lang tun müsste – war mir tausendmal lieber als auch nur eine weitere Stunde in der Kombüse zu verbringen. Der Trommler, der sich uns als Fredo vorgestellt hatte, war nicht mit ausgesetzt worden. Das hatte man wohl vergessen oder er gehörte mit zum Inventar, genau wie der Smutje. Fredo gab also weiter den Rhythmus vor und die Männer sangen ein paar Seemannslieder, die ich alle nicht kannte. Einmal stimmte ich »Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste« an, aber den Text kannten wiederum diese Kerle nicht und dabei ist es doch das Seeräuberlied schlechthin. Das zweite Lied, das ich im Repertoire hatte, war

das vom Seeräuberopa Fabian, das sie aber auch nicht hören wollten, darum summte ich es nur leise vor mich hin, während die anderen ihre Lieder schmetterten. *** Der Anker klatschte ins Wasser und versank. Wir lagen auf Reede, einige Meter vor dem Hafenbecken neben vier weiteren Schiffen, da die Anlegestellen am Pier besetzt waren. Der Kapitän kam aus der Kajüte und trug eine Holzkiste voller kleiner Säckchen. Er ließ die Kiste vor seine Füße fallen und griff zwei heraus. »Männer, als kleine Entschädigung für die anfänglichen Unannehmlichkeiten an

Bord überreiche ich jedem von euch im Namen von Kapitän Loco, der uns bedauerlicherweise schon verlassen hat« – alle lachten – »zehn Goldstücke.« Mit diesen Worten warf er die beiden Säckchen den zwei Männern zu, die ihm am nächsten standen. Ja, ist denn heut schon Weihnachten? »So«, fuhr Quinn fort, »und nun kommt her, jeder nimmt sich einen Sack, aber wehe, einer von euch Ratten wagt es, mehr zu nehmen, dem hacke ich persönlich die Hand ab, die danach greift!« Er drohte mit erhobenem Säbel. Als ich in die Kiste greifen wollte, schlug er mir mit dem Säbel auf die Finger. Aua! Zu eurer Beruhigung: Es

war die flache Seite. »Was, du auch?« »Ja, Sir!« »Hast du dir das denn auch verdient? Ich hab dich nur beim Kistenhocken und Seilschlafen an Deck gesehen, aber nicht beim Arbeiten!« Einmal mehr war ich der Anlass, dass alle anfingen zu lachen, doch ich ließ mich nicht unterkriegen. »Unter Deck hab ich gearbeitet, Sir. Mir habt ihr es zu verdanken, dass ihr auf unserer Kreuzfahrt nicht verhungert seid. Denn von diesem versoffenen Schiffskoch hättet ihr bestimmt nichts bekommen!« »Was?! Für den Fraß willst du noch

einen Lohn?« »Für die gekochten Kartoffeln und das Gemüse mit Schinkenspeck und dafür, dass ich gerudert habe, und dafür, dass ich die meiste Zeit in dieser stinkenden, stickigen Kombüse verbringen musste, und dafür ...« Der Kapitän hob die freie Hand und ich schwieg. Nachdenklich sah er mich an und zog den Säbel von meiner Hand. »Ganz schön mutig, unser Schiffsjunge, findet ihr nicht auch?« Wie die Mannschaft auf die Worte reagierte, brauche ich euch wohl nicht zu sagen, auf jeden Fall sollte es das letzte Mal sein, dass sich diese Kerle über mich

kaputtlachten. Nachdem jeder, mich eingeschlossen, sein verfrühtes Weihnachtsgeschenk an sich genommen hatte, gab der Kapitän den Befehl, das verbliebene Beiboot zu Wasser zu lassen, und wählte einige Männer aus, die als Erste an Land rudern durften. Zwei von ihnen sollten dann wieder zurückschippern und weitere Männer aufnehmen, bis alle von Bord waren. Ich gehörte zur ersten Ruderpartie und war überglücklich, endlich von diesem Schiff runterzukommen, das für mich, durch den Job in der Kombüse, ein schwimmendes Gefängnis gewesen war. Kapitän Quinn würde mit der zweiten

Seeräuberladung übersetzen. Der Smutje blieb in seiner stinkenden Kombüse zurück. Wie ich erfuhr, war der Trommler auch ein Gefangener von Kapitän Loco. Er war allerdings schon so lange bei ihm und hatte auch nichts auszustehen, solange er nicht aus dem Takt kam, dass er es selbst fast vergessen hatte. Trotzdem schloss er sich jetzt der Truppe von Kapitän Quinn an. Mit jedem Ruderschlag entfernten wir uns von der Venus und kamen dem Festland näher. Immer besser konnte ich den Hafen erkennen und dann hatte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich stand noch unschlüssig am

Pier, während Quinns Männer schon losrannten. Sie hatten offenbar ein Ziel und schienen es mächtig eilig zu haben. Zwei Männer machten wie befohlen kehrt und holten die nächste Ladung Seeleute vom Schiff. Keiner der Kerle kümmerte sich weiter um mich. Es gab nicht mal eine Verabschiedung. Hallo, interessiert sich hier überhaupt jemand für mich? Ich blieb allein zurück und dachte nicht im Traum daran, dieser davonrennenden Meute hinterherzudackeln. Welche Aufgabe ich in dieser Geschichte hatte, würde sich schon noch zeigen, das wusste ich aus Erfahrung. Bis jetzt hatte ich keinen Schimmer, was ich hier

sollte, und von einer Festung war weit und breit nichts zu sehen. Ich beschloss, mich im Hafen umzusehen. Die dicht zusammenliegenden Schiffe am Pier wurden be- und entladen, Kisten und Kübel wurden getragen, Fässer gerollt, Ziegen und Kühe durch die Gegend getrieben, in Käfigen gackernde Hühner verladen. Um die hundert schwarze und weiße Männer liefen geschäftig herum. Dagegen waren sehr wenige Frauen zu sehen. In der Nähe des Anlegers gab es einige Lagerhäuser, einen Segelmacher, eine Netzknüpferei und sogar eine kleine Werft, neben der sich die Reeperbahn befand, in der die Seile gedreht wurden.

Ich verließ den Hafen und kam an Fischerhütten vorbei, die ihren eigenen Anlegeplatz hatten. Im Zentrum des Hafengebietes stand ein Hotel, Matrosenlager hieß es, und ich zählte vier Kneipen, sie hießen Zum Goldenen Anker, An Deck, Viermaster und Walfänger. Nach einer gefühlten halben Stunde sah ich von Ferne, wie das Ruderboot zum zweiten Mal anlegte. Kapitän Quinn und seine Leute stiegen aus und gingen den Steg entlang in Richtung Zum Goldenen Anker. Wo sind bloß meine Gefährten, die mich sonst immer erwarten? Das hier sind ganz andere Charaktere als bei meinen

bisherigen Abenteuern. Wo ist der freundliche Henry alias Pater Laurentius und wo sind die anderen? Oder treffe ich vielleicht doch nicht immer mit denselben Leuten zusammen? Aber warum hat die Stimme in meinem letzten Abenteuer dann »Hilf deinen Gefährten« gesagt? So wünschte ich mir, meine Freunde aus vergangener Zeit noch zu treffen. Allmählich bekam ich Hunger. Ich lenkte meine Schritte auch zum Goldenen Anker in der Hoffnung, dass es da nicht bloß Rum gab, sondern auch was zu beißen. Mit knurrendem Magen bahnte ich mir einen Weg durch das Gewimmel von Menschen, Karren, Kleinvieh, Kisten

und Fässern. © Noxlupus Verlag 2013

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Hörbuch

Über den Autor

Noxlupus
Ich sehe etwas, höre manchmal nur ein Wort und schon tanzen Bilder dazu in meinem Kopf. Bilder, die eine kleine Idee entstehen lassen. Manchmal verblasst diese wieder, doch hin und wieder wächst die Idee weiter und weiter, bis sie sich letztendlich als Handlung einer Geschichte entpuppt. Einer Geschichte, die geschrieben werden muss.

Doch mit dem richtigen Geschichtenschreiben dauerte es - so an die 25 Jahre. All die Jahre zuvor hatte ich nur Ideen gesammelt und Entwürfe verfasst. Am wirklichen Schreiben hatte ich mich selbst gehindert, da ich extreme Kämpfe mit der Rechtschreibung und dem Lesen auszutragen hatte. Und ehrlich gesagt, die Friedenspfeife ist immer noch nicht so wirklich geraucht.

Durch meine ausgeprägte Legasthenie habe ich erst mit Mitte 20 so richtig angefangen Romane zu lesen. Denn das Lesen brachte mir ja aus gegebenem Anlass nun auch nicht wirklich Spaß, was heute inzwischen ganz anders ist. Den Drang, meine eigenen Geschichten zu Papier zu bringen, verspürte ich allerdings schon sehr viel früher. Erste Versuche wurden im stillen Kämmerchen auf einer elektrischen Schreibmaschine gehämmert, später dann in den PC geschrieben.

Bis ich mir vor einigen Jahren sagte: "Was soll´s! Raus aus deiner Kammer. Rechtschreibung hin oder her." So begab ich mich auf die Suche nach Profis und knüpfte Kontakte zu freiberuflichen Lektoren und vor allem Korrektoren.

Und tatsächlich, nach all den Jahren hielt ich 2011 meinen ersten fertigen Roman in den Händen. "Und jetzt?" Da ich keine Lust auf Verlagsabsagen hatte, entschied ich mich dazu, mein erstes Buch im eigenen Verlag herauszubringen. So legte ich mit diesem Buch den Grundstein für die Nick-Francis-Reihe.

Doch bei dieser Buchreihe soll es nicht bleiben, denn noch viele keimende Ideen warten darauf, großgezogen zu werden ...

www.noxlupus.de


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