
Lana war nervös. Heute Nacht musste sie beweisen, dass sie ein echter Vampir ist.
Während sie mit aufrechtem Gang auf ihr Opfer, das aufgrund einer Reifenpanne am Straßenrand stand, zuging, sah Lawrence aus sicherer Entfernung zu. Er musste sicher gehen das alles nach Plan verlaufen würde.
"Die Tatsache, dass du dein Opfer nicht persönlich kennst, sollte die ganze Sache vereinfachen", hatte er, bevor sich Lana auf den Weg zu ihrem Opfer machte, gesagt.
Lana fühlte sich schlecht. Der Gedanke,
dass dieser Mann eine Familie hatte, die ihn liebte und ihn schmerzlich vermissen würde ließ sie nicht los.
Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, wurde ihr wirklich klar, was jetzt geschehen würde. Sie verspürte den Drang weg zu rennen und niemals wieder auch nur einen Fuß in diese Stadt zu setzen, doch all dies war nicht mehr möglich.
"Wenn du glaubst mir entkommen zu können, hast du dich mächtig getäuscht. Glaub mir, ich werde dich finden und dann wirst du dir wünschen nie geboren zu sein" , flüsterte Zacharias ihr damals ins Ohr, als sie mit diesem Gedanken spielte.
Zacharias war einer der mächtigsten Vampire und wurde von allen gefürchtet, denn er war für seine ,,Wutausbrüche'' bekannt.
"Er hat 20 seiner Bediensteten töten lassen, weil ihm jemand Kaffee statt Tee serviert hatte" , erzählte Lawrence mit einem warnenden Unterton.
Sie stand nun genau hinter dem Mann, als sie ihm auf die Schulter tippte und ihm in die Augen sah.
Ihre Pupillen weiteten sich und sie konzentrierte sich ganz auf den Mann und sprach mit zittriger Stimme: " Du wirst mir jetzt unauffällig folgen. Du wirst nicht schreien egal was passiert und egal wie schmerzhaft es für dich
wird, Verstanden? "
Der Mann nickte und Lana war einen Moment lang stolz auf sich, da es beim ersten Mal sofort geklappt hatte.
Das Gefühl hielt nicht lange an, denn sie schämte sich, dass so eine Tat sie freute.
Jemanden zu manipulieren war in ihren Augen menschlich und unentschuldbar.
Aber wie sonst sollte sie in so einer Welt überleben?
Sie ging zielsicher mit dem Mann zum Versteck zurück und präsentierte Lawrence ihre Beute.
"Da man nicht mit seinem Essen spielen darf, solltest du jetzt mit dem Trinken beginnen, nicht wahr?" , sagte er
unbeeindruckt.
Die Nervosität, die vorhin von der Angst verdrängt wurde, nahm wieder ihren Platz ein.
"Und wenn ich wieder die Kontrolle verliere?" , fragte Lana, obwohl sie die Antwort schon kannte.
Lawrence antwortete kühl: "Dann wird es so sein ! Die Natur nimmt..."
"Nimmt nur seinen Lauf...ich weiß", sagte Lana ernüchtert.
Sie legte den Kopf des Mannes zur Seite und biss ihm in den Hals.
"Nicht schlecht", sagte Lawrence leicht angetan, denn sie hatte schon beim ersten Versuch die Ader getroffen.
Lana hatte schon längst die Kontrolle
verloren, als Lawrence es bemerkte. Bevor er eingreifen konnte, hatte Lana dem Mann bereits den Kopf abgerissen.
Und erst als sie diesen wenige Meter vom Körper des Mannes sah, erkannte Lana, dass sie soeben einen Mann getötet hatte.
"Ich... Ich habe ihn umgebracht! ", stotterte sie.
"Stell Dich nicht so an!", polterte Lawrence, "Beseitigen wir diese Sauerei!"
Sie vergruben die Leiche im Wald und verwischten all die Spuren.
"Wir sollten nach Hause gehen."
Lawrence hatte das ausgesprochen, was sie mit aller Kraft versuchte zu
verdrängen. Zacharias sollte von nun an ihr zu Hause sein, ob sie nun wollte oder nicht. Sie hatte keine andere Wahl, ihre Familie hielt sie für tot.
Als sie zu Hause waren, lief Lana sofort in ihr Zimmer, legte sich in ihr Bett und zog die Decke über den Kopf.
"Was ist nur aus mir geworden?", fragte Lana sich selbst und schlief ein.
Lana langweilte sich, denn bis auf die gestrige Nacht hatte sie nicht einmal das Haus verlassen können.
Für einen Moment lang, spielte sie mit dem Gedanken einfach die Gardine, die sie vor der Sonne schütze, vom Fenster zu reißen.
Einfach so lange am Fenster stehen zubleiben bis nichts mehr außer Asche von ihr übrig war.
Sie konnte es einfach nicht fassen, dass sie von nun an für immer ein Vampir sein würde. Und für immer an Zacharias gebunden?
Ihr Gedankenfluss wurde unterbrochen,
als Lawrence ins Zimmer kam.
"Klopfen ist wohl nicht deine Stärke.", sagte Lana in einem herablassenden Ton.
"Entschuldige, du hast Recht" , gab Lawrence ein wenig verlegen zu,
"Ich habe hier deinen Lapislazuli - Ring."
"Mein was?", fragte Lana.
"Ein Ring, der dir erlaubt das Haus auch am Tage zu verlassen", erklärte er ihr.
"Das verstehe ich nicht,wie ist so etwas möglich?"
Sie hatte oft gesehen wie Lawrence oder die Bediensteten das Haus am Tage verließen, ohne zu verbrennen. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass sie wieder, wie ein Mensch im Park sitzen und den
Kindern beim Spielen zuzusehen könnte, so wie sie es früher immer getan hatte.
Wiedermal unterbrach Lawrence ihren Gedankenfluss: "Es liegt am Lapislazuli. Dieses
Mineralgemisch benutzen die Hexen, um einen Zauber daran zu binden, der uns Vampiren erlaubt ins Sonnenlicht zu treten. Verliere ihn bloß nicht."
Lawrence legte Lana den Ring in die Hand und marschierte zur Tür.
"Warte! Wieso können wir ohne diesen Ring nicht ins Sonnenlicht treten?" , fragte Lana sichtlich verwirrt.
Lawrence stand noch immer mit dem Rücken zu ihr: "Vor vielen Jahrhunderten konnten Vampire einst in
der Sonne wandern, bis ein Schamane sie verfluchte. Nun, dieser Fluch wird Sonne-Mond Fluch genannt." Mit diesen Worten verabschiedete er sich von ihr.
Nun konnte Lana sich den Ring genau ansehen. Er war Silber mit aufwendiger Verzierung . Der Stein war Rubinrot.
"Wunderschön", dachte sie sich als sie ihn überstreifte. Sie ging auf das Fenster zu, riss die Gardinen auf und schrie: "FREIHEIT!"