Kinderbücher
Kleine Feder und sein Traumfänger

0
"Kleine Feder und sein Traumfänger"
Veröffentlicht am 15. Dezember 2014, 16 Seiten
Kategorie Kinderbücher
http://www.mystorys.de
Kleine Feder und sein Traumfänger

Kleine Feder und sein Traumfänger

Böse Träume

Kleine-Feder atmete tief durch. Sein Vater hatte ihm beigebracht, dass er bewusst langsam atmen musste, wenn er sich beruhigen wollte. Ohne ein Geräusch zu verursachen zog er einen Pfeil aus dem Köcher und spannte seinen Bogen. Der-Böse-Mann kam langsam in seine Richtung. Noch hatte er ihn nicht gesehen, aber er suchte nach ihm. Kleine-Feder hatte Angst. Doch er war ein Lakota Indianer und sein Stamm war der tapferste im weiten Grasland, der Prärie. In der Sprache seines Volkes hieß er Cikála Wiyake, was Kleine-Feder

bedeutete. Er war erst zehn Winter alt, aber er war bereits bewaffnet. Nein, er würde nicht weglaufen. Er wollte sich der Gefahr stellen und dafür sorgen, dass Der-Böse-Mann das Lager seines Stammes niemals betreten würde! Der Pfeil surrte durch die Luft. Der-Böse-Mann wurde in der Schulter getroffen. Er blickte sich um und sah Kleine-Feder. Dann kam er direkt auf ihn zu. »Wach auf«, es war seine Mutter. Sie strich ihm immer wieder über den Kopf. Kleine-Feder setzte sich auf und blickte sich um. Der-Böse-Mann war verschwunden. Er hatte geträumt. Schon

wieder. »Du hast im Schlaf gesprochen«, seine Mutter schien sich Sorgen zu machen, »und um dich geschlagen.« »Ich habe schon wieder von dem bösen Mann geträumt. Er kommt jede Nacht. Was bedeutet das?«, Kleine-Feder spürte, wie Tränen in ihm aufsteigen. »Ich weiß es nicht«, seine Mutter drückte ihn an sich. »Wenn du möchtest, gehe ich mit dir zum Medizinmann.« Ihre Nähe war tröstlich. Er fasste neuen Mut und schluckte die Tränen runter. »Nein, ich gehe allein. In meinen Träumen bin ich schließlich auch

allein.« Er stand vor dem großen Tipi von Der-Viel-Weiß und wartete darauf, dass er eingelassen wurde. Der Medizinmann - der in der Sprache seinen Volkes Wicasa Wakan genannt wurde, was so viel bedeutet, wie: „heiliger Mann“ - hatte den vorherigen Besucher bereits verabschiedet. Es konnte also nicht mehr lange dauern. Kleine-Feder betrachtete das große Zelt, das mit allerlei Fellen, Knochen und Schädeln geschmückt war. Ganz oben, neben dem Rauchablass, war ein kreisförmiges Gebilde aus Ästen und Blättern angebracht

worden. »Du kannst jetzt hereinkommen«, meldete sich eine Stimme von drinnen. Kleine-Feder betrat das Zelt des Medizinmannes. »Danke.« Der-Viel-Weiß hatte graue Haare und die Eltern hatten Kleine-Feder beigebracht, dass man den Ältesten stets mit dem größten Respekt entgegentritt. »Was bringt dich zu mir?« »Ich träume jede Nacht schlecht.« »Ist es immer derselbe Traum, oder verschiedene?« »Immer derselbe.« »Erzähl mir davon.« Klein-Feder berichtete von seinem Traum

und beschrieb Der-Böse-Mann so gut er konnte. Der Medizinmann hörte ihm zu, dann dachte er eine Weile nach. Schließlich führte er ihn hinaus vor das Tipi und zeigte auf das kreisförmige Gebilde. »Weißt du, was das ist?« »Nein«, gab Kleine-Feder zu. »Das«, sprache der Medizinmann, »ist ein Traumfänger. Meine Großmutter hatte ihn damals für mich gemacht. Jeder Traum, der mich im Schlaf ereilen will, muss zuerst hier durch. Ist es ein guter Traum, werden sie für immer im Netz des Lebens verharren. Wenn es ein böser Traum ist, wird er durch das Loch in der Mitte für alle Zeit

verschwinden.« Fasziniert blickte Kleine-Feder auf den Traumfänger. »Darf ich ihn haben?« »Nein«, Der-Viel-Weiß streichelte ihm über den Kopf, »so funktioniert das nicht. Es sind deine Träume. Daher brauchst du auch deinen eigenen Traumfänger.« Kleine-Feder nickte, »wie baue ich einen?« »Gehe in den Wald und hole dir ein paar Zweige und Blätter. Damit bauen wir das runde Gerüst. Dabei helfe ich dir. Das Netz werden wir ebenfalls gemeinsam hineinweben. Dann musst du ihn noch mit Dingen verzieren, damit es dein ganz persönlicher Traumfänger

wird.« »Was sind das für Dinge?« »Das wirst du selbst herausfinden müssen. Wie gesagt, es sind deine Träume. Zieh einfach los. Wenn du auf etwas stößt, was für deinen Traumfänger geeignet ist, wirst du es wissen.«

Der Traumfänger

Kleine-Feder hatte angefangen zu singen. Es war ein Kinderlied, das ihm seine Mama immer vorsang, wenn er traurig war. Es konnte ihn zwar niemand hören, trotzdem sang er so laut und schön wie er konnte. Die Zweige und Blätter hatte er bereits. Nun mußte er noch ein paar Dinge finden, mit denen er seinen Traumfänger später verzieren konnte. Der-Viel-Weiß hatte ihm für diese Aufgabe extra einen kleinen Beutel mitgegeben. Er richtete seinen Blick auf den Boden. Er wollte nur die Dinge mitnehmen, die bereits von den Bäumen herabgefallen waren.

Auf diese Weise würde er den Pflanzen nicht »unnötig wehtun«, wie es sein Vater ausdrückte. Er entdeckte einen schönen, großen Tannenzapfen und beschloss, ihn mitzunehmen. Ein abgefallenes Stück Baumrinde steckte er ebenfalls in seinen Beutel. Er fand mehrere Eicheln und legte sie ebenfalls dazu. Ein Stück Moos wanderte in den Beutel. Ein paar Misteln. Eine Holunderblüte. Ein Steinpilz sowie ein paar kleine bunte Steine. Nach einiger Zeit fand er sogar ein leeres Schneckenhaus. Mit dem gefüllten Beutel ging er gut gelaunt zurück in das Lager. Seine Mutter schenkte ihm noch ein paar

Federn für seinen Traumfänger. Einige der Misteln tauschte er bei einem Freund gegen einen kleinen Knochen ein. Kleine-Feder war zufrieden. Stolz machte er sich auf den Weg zurück zum Medizinmann. Er hatte sich auf den Boden gesetzt und sah zu, wie Der-Viel-Weiß die Zweige so aneinander band, dass sie einen Kreis ergaben. Dann verstärkte dieser das Geflecht mit weiteren Zweigen und Blättern. Er fertigte eine Art Spinnennetz aus Pfalzenfasern. Schließlich hielt ihm der Medizinmann das fertige Konstrukt hin. Kleine-Feder öffnete den Beutel und

breitete seine Schätze vor sich aus. Er überlegte kurz, dann befestigte er seine Fundstücke an den Stellen des Traumfängers, die er für richtig hielt. Der-Viel-Weiß befestigte das Netz, das er gewebt hatte, im Inneren des Kreises. Voller Ehrfurcht nahm der Kleine-Feder den fertigen Traumfänger entgegen. Zusammen mit all seinen Freunden rannte Kleine-Feder am Fluss entlang. Die Sonne strahlte, es war nicht eine einzige Wolke zu sehen. Die Vögel zwitscherten. Die Kinder versuchten, sich gegenseitig zu fangen. Sie waren ausgelassen und lachten. Kleine-Feder hielt am Ufer des Flusses

an und nahm sich einen Augenblick, um die Fische zu beobachten. Dann sah er nach oben. Der-Böse-Mann hing, in sicherer Entfernung, weit über ihm in der Luft. Er war gefangen im Netz des Traumfängers und konnte sich offensichtlich nicht befreien. Kleine-Feder war froh. Nun würde er nie wieder schlecht träumen!

0

Hörbuch

Über den Autor

Treebeart

Leser-Statistik
40

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Zeige mehr Kommentare
10
0
0
Senden

122748
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung