
Wenn ein paar Stunden von Zusammensein etwas in dir auslösen, wovor du jahrelang Angst hattest, hast du auch gleichzeitig Angst, diese Angst zu verlieren, da sie ein Kriterium dafür ist, Schmerz zu empfinden, welchen wir wiederum erwarten, da Existenz auf Verzweiflung basiert. Ängste lösen Ängste aus, die auf Ängsten basieren. Eine gefühlte Ewigkeit wird geschworen, dass man alles schon erreicht hat, dass all das, was man schon erlebt hat, quasi immer wieder zum Vorschein kommen wird, dass wir auf das vorbereitet sind, was uns erwartet.
Plötzlich findest du dich in dem wieder, was du kennst, aber keineswegs verstehst. Jedes Mal, wenn du an diesen Punkt gekommen bist, wo alles unerreichbar scheint, fühlst du dich lebendig und innerlich geschieden. Man sagt, dass Schmerz dazu da ist, gefühlt zu werden, dass Unerreichbarkeit nur ein Gedanke ist, der dich vor etwas schützen soll, was dich zerstören könnte. Hat denn noch niemand herausgefunden, dass Zerstörung die Grundlage dafür ist, ein neues Fundament zu errichten? Es wurde totgekotzt, dass man all das haben will, was man nicht haben kann, und leider Gottes sollten wir diesen Gedanken
unterstützen, denn die pure Unzufriedenheit in unserem eigenen Denken und Vorgehen scheint uns zu etwas zu bringen, was wir immer erreichen wollten - Lebendigkeit. Wir fühlen uns zu etwas hingezogen, was schlichtweg unmöglich ist, viel zu unfunktional, weil wir Leid suchen, was uns zu etwas macht, was wir als Existenzgrundlage bevorzugen.- Schade, dass man nicht sehen kann, dass ein Lächeln Leid beinhaltet, dass Augen, die einen Ozeane versprechen, Haie in sich birgen, dass Berührungen, die man aus Liebe erwidert, auf Egoismus des gegenüber zurückzuführen sind.
Perfektion liegt darin, worin ich sie sehe. Ich schließe daraus, das Perfektion das ist, was mich nicht braucht.
Wenn man es so sieht, ist deine eigene kleine Zwischenwelt nie von Grund auf gut oder böse. Es mag sein, dass man nicht versteht, worin man sich befindet, dennoch können Gefühle versuchen, das zu beschreiben, wozu Worte nicht in der Lage sind. Intensive Stunden des einfachen Zusammenseins und mit relativ unkonventionell gehandhabten zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen kann man niemals etwas Derartiges zusammenfassen, was sich trotz der normalen Umständen in einem auszubreiten versucht. Es klingt ziemlich unbedeutend, langsam und
völlig natürlich - was es eigentlich auch ist - aber nicht, wenn du anfängst, zu vergessen. Es mag sein, dass jeder seine eigene Vorstellung seiner Zwischenwelt hat, doch meine ist relativ eindeutig. Wenn jemand vor dir sitzt und das Rede- Antwort - Redespiel seinen Lauf nimmt, hat man zuallererst nichts Schlimmeres zu befürchten. Zu befürchten hat man erst dann was, wenn diese eher einfach gestickte Art der Kommunikation deine komplette Welt für mehrere Stunden niederlegt und einfrieren lässt. Wenn man nicht mal mehr den kleinsten Gedanken an die Wichtigkeit der
Tätigkeiten verschwendet, an das Herzblut deiner Liebsten denkst oder du nicht mehr das Verlangen nach Befriedigung aller Art verspürst, es quasi nicht existiert oder anders gesagt in dieser Zeit komplett unrealistisch wirkt - dann erst, wird es gefährlich. Dieses Zusammensein heißt für mich nicht, dass diese Art des zwischenmenschlichen Austausches etwas ist, welches man bereits noch nie erlebt hat. Dieses Zusammensein findet selten sein Ziel in kommunikativen oder körperlichen Wegen, viel mehr trifft es dich an einer Stelle, welche man vorher noch nie an sich entdeckt hatte - daher gehe ich davon aus, dass dieser Mensch eines
neues, kleines "Ich" in mir hervorruft. Jeder spricht von diesen Situationen, wo alles scheinbar unwichtig oder belanglos erscheint, wo man sich fallen lassen kann und sich befreit von dem fühlt, welches einem Tag ein Tag aus auf den Schultern lastet - diesen Moment möchte ich hiermit aber alle male nicht versuchen, deutlich zu machen. Dieser Moment, diese Zeit und diese Intensität deiner Emotionen wird dir nicht auf die Schnelle bekannt, sondern führt vielmehr zu einem Weg zu dir, den deine Gedanken erst neu erbauen und kreieren mussten. Dieser Weg wurde erst
erschaffen, als dieser Mensch ihn für dich bereitgelegt hat, ob wissentlich oder unwissentlich, ist hier völlig irrelevant. Es geht hier nicht um seltene Gefühle, um Glück oder Schande, um Enttäuschungen oder Versprechen, hierbei handelt es sich mehr um die Erschaffung eines ganz neuen, einzigartigen Gedanken, der dir vielleicht nicht viel gibt, dich trotzdem ängstlich und unwissend zurücklässt, aber dennoch dein vollstes Interesse in Anspruch nimmt. Ich habe gesagt, dass es hier nicht um gut oder böse geht, denn hier geht es um
viel mehr. Hier spricht dass von mir, was vorher nicht existiert hat - Meine eigene, kleine Zwischenwelt.
Weißt du noch, wie ich händeringend nach einer Antwort auf das gesucht habe, was eigentlich gar nicht existiert ? Erinnerst du dich daran, wie ich flehend, fast abhängig an deiner Schwelle stand, mich nach jedem Wort verzehrt habe, welches deine Lippen verließ, wo sich konstant etwas in mir, nur für dich!, bewegt hat, wo jeder Gedanke, jede einzelne Synapse nur dafür funktionierte, dich einzuatmen?
Ich erinnere mich gut daran, denn, so lebendig ich mich auch gefühlt habe, war
ich allen Anschein nach für alle Äußeren Einflüsse schlichtweg tot. Ich war tot für meine Familie, ich war tot für meine zwischenmenschliche Welt, ich war tot für meine Liebenden, ich war schier unerreichbar für das, was mich erreichen wollte. So etwas wie Liebe, Anmut und Stolz, Respekt oder Fürsorglichkeit kann niemals nur ansatzweise beschreiben, wie ich mich gegenüber meiner toten Welt versucht habe, zu rechtfertigen. Wenn es überhaupt einmal dazu kam, das mein totes Ich versucht hat, mit meiner toten Welt zu kommunizieren, dann nur, weil ich versucht habe, meine tote Welt über mein lebendiges Ich, dass nur für dich existiert hat, aufzuklären. Lebendig war
ich nur für dich, tot für alle anderen. Ich nenne dich meinen teuflischen Dieb, denn wenn man nach der Hölle sucht, dann verbrennt man sich. Teuflisch kann nur vage das hervorrufen, was ich in meiner Erinnerung habe. Und Erinnerung ist hier das Wort, was mich am glücklichsten macht, denn -
Es ist eine Erinnerung. Es ist kein Gefühl mehr, es ist keine Überflutung mehr, keine geistige Abweichung jeglichen menschlichen Verstandes, denn es ist - vorbei.
Weißt du noch, als ich tot war ? Ja, ich kann mich noch gut daran erinnern.
Mehr aber auch nicht.