Fantasy & Horror
Ignipotens - Das Feuer in Dir.

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"Ignipotens - Das Feuer in Dir."
Veröffentlicht am 04. Juli 2014, 148 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

There's nothing more powerful on this world than words. Words can bring you everywhere. Words are wonderful and dangerous in the same time. To those who know about the power of words, it's a weapon and a gift, for those who don't, well they might fall very fast without knowing why. We should deal more carefully and certain with words. They can create a world, a wonderful world, but they can also easiliy destroy that world.
Ignipotens - Das Feuer in Dir.

Ignipotens - Das Feuer in Dir.

 

Marleen

Johannsen

Ignipotens

Das Feuer in Dir.

2014

Out of fire

I came

To fulfil my destiny

Oh, all you liars

There leaves my shame

Into fire

I went

To find my personal light

Oh, you fight, fight

And I bend

A shadow, a light

What survives

Is nothing but ashes

Final crashes

There it does fly

The ashes

Of my love

Meshes my

Hope.



Prolog

Wie der Regen im Sommer und die Sonne im Winter. Wie klares, kühles Wasser im Sand. Wie kraftvolles Feuer in Eis. So fühlt es sich an. So unglaublich gut und erfrischend. Erleichternd und einfach glücklich. So fühlt es sich an, das erzählte man sich.

Doch viele Worte mehr fallen mir zu der anderen Seite ein. Zu Hass, zu Neid, zu Kälte, Kälte, die kein Feuer und kein Licht und nichts zu bezwingen vermag.

Zur Hitze, zum Durst in der unendlichen Weite ohne Wasser. Zu dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Einsamkeit.

Zu allem was Dunkel ist, und alles was

Dunkel ist, ist alles was in mir ist.

Und nach allem, was ich getan hatte, war ich mir dessen sehr sicher. Ich war mein eigener Gefangener. Und während ich in der Dunkelheit wandelte, passierten im Licht die Dinge, von denen ich nicht erzählen kann. Denn das ist nicht meine Geschichte, es war sie niemals.

Und doch, bin ich dadurch zu dem geworden, was ich jetzt bin. Kalt, leer, zerbrochen. Meine Augen wirken tot, meine Seele ist tot. Das zumindest glaube ich.

Aber das war nicht immer so. Ich entsinne mich einer Zeit, vor vielen Jahren, in der die Welt, wie sie jetzt ist, anders war. Und somit auch ich.

Es war kalt, ja. Aber die Kälte war nicht für immer. Es war immer ein Feuer in der Nähe. Und wenn keines in der Nähe war, so flammte in mir ein inneres Feuer. Es wärmte mich von innen, es gab mir Hoffnung und Frieden. Und Glück, vor allem Glück. Ja, ich war glücklich. Aber das Gefühl des Glücks ist jetzt Vergangenheit und ich kann mich nicht mehr daran erinnern, so lange ist es her.

Damals nannte man mich Ignipotens, Beherrscher des Feuers. Aber der Name streifte Lügen, denn das Feuer habe ich nie beherrscht. Das Feuer beherrschte vielmehr mich, es war mein Segen, meine Gabe, es war mein Fluch, mein Verderben.

Als Kind sahen die Menschen mich als ihren Beschützer. Wenn die Nacht kam, die Dunkelheit, schien ich von innen zu leuchten. Durch meine Augen tanzte das Licht und es stand nie still. Sie küssten mir die Stirn, nannten mich den „Erwählten“, den „ Heiland“. Einzig meine Mutter wusste, was ich wirklich war, doch gesagt hat sie es mir nie. Sie war eine stille Beobachterin, sie wartete und wartete. Auch war sie die einzige, die mich niemals küsste und ebenso die einzige, die mich bei meinem wahren Namen nannte.

Das Feuer, mein Feuer, war der Anfang meines Seins und sehr schnell auch das Ende. Und so hell wie ich zuerst

strahlte, so dunkel wurde ich danach. Schwärze umfasste mich, Schwärze und Schatten, die ich liebte.

Und mit dem Schatten verschwand das Licht und alle Erinnerung daran. Ich vergaß wie sich die Wärme auf meiner Haut anfühlte.

Seit dem einem Tag, an dem mein Leben sich veränderte, versuche ich zu verstehen warum das alles passieren musste. Warum ich anders war und wieso. Ich ging fort. Lange Zeit irrte ich durch die Wildnis, durch Berge und Klüfte, durch riesige Wälder bis an die Große Wüste. Hier gab es keinen Schatten mehr in dem ich mich verstecken könnte. Ich war seit langem

wieder der Sonne ausgesetzt. Und sie stach mir entsetzlich in den Augen, die Wärme schien zu Hitze zu werden und meine Haut zu verbrennen. Ich schrie. Der Schmerz war schlimm. Und was noch schlimmer war, ich konnte ihn nicht verstehen. Gleichzeitig mit dem Schmerz kam die Sehnsucht. Sehnsucht nach dem, was mich vor Schmerzen zum Schreien brachte. Ich drehte um und verschwand wieder im Schatten der Bergriesen. Und ich war allein hier. Keiner konnte mir helfen oder meinen Schmerz lindern. Keiner konnte mich in die Arme schließen um mir zu sagen, dass es noch Hoffnung gibt. Keiner hörte meine Schreie. Ich war allein. Allein an

eine kalte glatte Steinkante gelehnt, allein auf dem Boden, am Ende meiner Existenz. Ohne Hoffnung auf irgendwas oder irgendwen. Ich hatte meinen Glauben an mich  selber verloren. Und vielleicht sah ich in der Abneigung der Sonne gegen mich eine Art von Strafe dafür, dass ich bisher zu sehr von ihr behütet worden war. Als Junge von 12 Jahren wie hätte ich es verstehen sollen, wie hätte ich ahnen können was all das bedeutete. Als Kind war mein Glauben an die Welt zerstört.

Eine Träne rann über meine Wange, lief über mein Gesicht und verschwand in der dürren Erde unter meinen Körper. Ich wischte sie nicht fort, sah jediglich zu

wie der Boden sie verschluckte und nach kurzer Zeit war sie verschwunden. Ich wünschte mir so sehr, sie könnte eine Pflanze zum Leben erwecken, aber ich wusste, dass eine einzige Träne nicht ausreichen konnte. Ich wusste es so sicher, so sicher. Und dennoch würde ich später an diesen Ort zurückkehren. Ich schwor es mir. Ich würde zurückkehren und genau hier; ich berührte mit meinen Händen den trockenen Sand, genau hier würde ich ihm Leben einhauchen. Meine blauen Augen blickten gen Himmel, ich sah wie die Sonne hinter den Bergen verschwand und verabschiedete mich im Stillen von ihr.

Das ist das Ende. Leb wohl Licht. Leb

wohl Wärme. Leb wohl Frohsinn, leb wohl Glück. Oh, möget ihr alle mich vermissen, so wie ich es tun werde. Oh, Feuer, Feuer, Feuer… Verschone mich…

Kapitel Eins

Er war gekommen, gekommen um mich zu sehen. Er war da, so nah. Doch in meinem Kopf war nichts als Leere, nur eine klanglose Melodie, die stets weiterspielte ohne jemals Musik genannt

zu werden dürfte.

„Asrahel“

Ich hob den Kopf beim Klang meines Namens.

„Asrahel, die Zeit ist reif. Folge mir.“

Ich erhob mich vom Boden, klopfte noch einmal den Staub von meinen zerschlissenen dunklen Klamotten, strich mir das lange Haar aus dem Gesicht und folgte mit gebeugtem Kopf. Mein einst so helles Haar war jetzt dunkel, meine blauen Augen schwarz. Meine ganze Erscheinung schien düster. Menschen schauten mich nicht an, hatten Angst vor meinen schwarzen Augen. Sie tuschelten, ich hörte es oft, und es erinnerte mich an alte, fast vergessene Zeiten. Doch

diesmal war es etwas Anderes, was sie sagten. Etwas Dunkles würde kommen. Ein schwarzes Omen.

Das schwarze Omen, das war ich.

Er empfing mich in einem Zelt, dem größten was ich je erblickt hatte. Blau und rot, grün und gelb, die schiere Farbenpracht schien mich von außen zu erdrücken. Vorsichtig hob ich den Kopf. Er musterte mich von einem Stuhl aus dunklem Holz mit zwei fein geschnitzten Löwenköpfen an jedem Ende einer Lehne.

Seine Stimme war tief als er nach einer gefühlten Ewigkeit das Wort erhob.

„Lasst uns allein, Treiber.“

Dieser verschwand kommentarlos durch

den Eingang und ließ nichts als einen Windzug zurück.

„Setzt euch, Ignipotens“

Ich starrte ihn an, stumm, sprachlos. Wusste nicht was ich tun, wie ich reagieren sollte. Ignipotens. Doch er wendete den Blick nicht ab, als er in meine Augen sah. Die seinen waren klar, grün schimmernd und reflektierten die Farben des Zeltes.

„Das bin ich nicht, nicht mehr.“, sagte ich schließlich. Es war die Wahrheit. Ignipotens war damals an der Großen Wüste mit all meinen Hoffnungen und all meinem Lachen gestorben. Und seitdem hatte ich niemals wieder jemanden mich so nennen hören.

„Oh doch, du bist immer noch der Gleiche wie damals. Ich sehe es“

Ich machte zwei Schritte rückwärts, wie aus Angst vor diesem weißbärtigen Mann. „Ihr irrt“

Ich schüttelte den Kopf. Nein, nein. Es war fort, fort für immer.

„Und doch bist du nicht Asrahel“ Ich zog mich weiter zurück.  Nein, nein, nein.

„Weder der eine noch der Andere. Wer seid ihr dann?“ Ein kleines Lachen zeichnete sich in seinem Gesicht ab. „Kommt zu mir und hört euch meinen Vorschlag an. Ich werde euch nicht wehtun.“

„Nicht davor fürchte ich mich. Ich bin Schmerzen gewohnt“ Ich fixierte ihn.

Der Schmerz war mein Leben. Aber ich dachte nicht, dass er es verstehen würde.

„Oh, diese Art des Schmerzes meinte ich nicht.“ Das Lächeln wurde breiter.

Dann drehte ich mich und flüchtete aus dem bunten Zelt, verschwand im Schatten und rannte lautlos davon. Ich drehte mich nicht um, sah nicht nach hinten. Keuchend sank ich an einer Steinmauer zusammen, kniff meine Augen zu, krallte meine Hände in den Sand. Nein, nein. Nie, niemals. Vor 5 Jahren hatte man mich am Rande meiner psychischen und physischen Kräfte gefunden und in dieses Kriegslager verschleppt. Man hatte mich gedrillt, gedemütigt, bis zum Äußersten

getrieben, immer und immer wieder. Dennoch, dieser Name war schmerzhafter als alles vorherige, denn er riss Wunden auf, die ich hoffte für immer verschlossen zu haben. Das Feuer schien erneut in mir aufzulodern, ich erdrückte es mit aller Kraft die ich noch aufzubringen vermochte.

Und wieder fand ich mich an einer Steinmauer auf dem Boden wieder, wieder wusste ich nicht was ich als nächstes tun konnte, oder was ich tun müsste.

Wer bin ich? Was will ich?

Ich war ratlos und ohne Antwort. Ich war ein Sklavenkrieger irgendwo im Nirgendwo, der immer mal wieder kleine

Rebellionen von Dorfbewohnern mit wütender, teilnahmsloser Gewalt niederschlug. Ich war einer des Alten Volkes, der Veti, die in der Spätzeit von den übers Meer kommenden Renati, den Neugeborenen, hinter die große Wüste verdrängt wurden. Aber das ist schon viele Jahrhunderte her. Was ich wusste war, dass ich nie wirklich ein Teil dieser Geschichte war und es vielleicht auch nie werden würde. Im Licht spielten die Menschen um Herrschaft und Macht. Und ich wartete im Schatten, beobachtete sie. Ich war allein und einsam, ich hatte nie den Drang nach sozialem Kontakt verspürt. Als heller Herrscher über die Veti geboren, jetzt ein Sklavenkrieger

der Renati.

Die Sonne schien aufzugehen, ich hörte das Stimmengewirr der Mädchen, die Wasser holten und die knallenden Laute der Treiber. Ich musste ebenfalls mit dem Training beginnen.

Mühsam rappelte ich mich auf, verbannte Ignipotens und alles was damit zu tun hatte, aus meinem Kopf und begab mich zu dem Übungsplatz im Zentrum des Kriegslagers. Die Anderen standen schon, in Reih und Glied, mit brauner Lederbekleidung und Helm und einem Langschwert aus blitzenden Stahl in den Händen. Keiner sah mich an, als ich mich ruhig und demütig zu ihnen in die Reihe stellte.

„Du!“ Die Peitsche des Treibers knallte. Ich starrte geradeaus, darauf bedacht mich keinen Zentimeter zu bewegen. Der Schmerz kam plötzlich und ließ mich zusammenzucken. An meinem rechten Arm und über der Brust platzte meine Haut auf und Blut trat aus. Ich verzog das Gesicht nicht, das tat ich nie. Stark wie die Felsen jenseits der Wüste. Stark, stark, stark.

„Nehmt euch ein Beispiel an diesem hier.“, schnarrte die Stimme über den Platz, laut genug um auch den letzten Mann zu erreichen. „Schmerz ist gut. Er macht euch hart.“ Der Treiber mit seinem geschorenen Schädel und den buschigen Brauen kam auf einen Jungen

zu, welcher einige Reihen vor mir stand. Er war wirklich jung, wahrscheinlich keine 13. Er starrte starr geradeaus, doch erkannte ich ein leichtes Zittern. Der Treiber schlug zu, der Junge schrie. Ich zuckte mit keinem Muskel. Einen erneuten Schlag, diesmal stöhnte der Junge jediglich. Er hatte aus seinen Fehlern gelernt. Ein Schrei bedeutete einen Schlag. Ein Schlag nach dem anderen, bis zum Schweigen, oder bis zum Tod. Aber das war jetzt mein Leben. Es war mein Leben seit fünf Jahren schon. Ich war einer der Besten. Ich zuckte nicht, schrie nicht, zögerte nicht. War grausam und gnadenlos, demütig und gehorsam. Doch heute war

das erste Mal etwas in mir  gebrochen, einer meiner inneren Wälle war gesplittert, in dem Moment, als der alte Mann in seinem bunten Zelt-. Ich kniff die Augen zusammen. Verbannte das auflodernde Feuer, verschrankte es und verschloss es soweit es mir möglich war.

Zwischen den Soldaten gab es einige wenige, die mit den alten Gaben gesegnet waren. Ein jeder von ihnen stammte von den Veti, dem alten, ursprünglichen Volk von dem auch ich stammte. Doch keiner hatte das, was ich hatte. Nie war es bei irgendwem so stark und so unbeherrschbar gewesen. Schon als die Renati über das Meer kamen, und dann als sie die Veti beinahe ausgelöscht

hatten und hinter die Wüste getrieben, waren die alten Gaben immer seltener geworden. Szokio konnte mithilfe seiner Gedanken harte Materie verformen, aber auch das nur bei sehr, sehr kleinen  Mengen.

Wohin, in welchem Maße und welcher Art, schien willkürlich. Doch eins hatten alle gemeinsam. Sie besaßen keine Macht, sondern vielmehr eine Art siebten Sinn, ein tieferes Verständnis. Diese Gaben waren in Wirklichkeit sogut wie nichts.

Einzig ich, ich war anders. Nur wusste ich nicht warum. Also blieb ich in diesem Soldatenlager, ließ keine Emotionen zu und versuchte einen Sinn

meiner Existenz zu finden. 5 Jahre lang. Bis heute.

Nach Ende der Übungen wurden wir wie immer zu unseren Unterkünften geschleust. Es waren riesige Zelte, dunkel und dreckig und voller Ungeziefer. Ich verhielt mich wie stets und ging in die hinterste Ecke, die sie „Asrahels Ecke“ nannten. Meine Ecke, meine Dunkelheit, meine Einsamkeit. Ich sprach mit niemanden und keiner wagte das Wort an mich zu wenden. Ich hatte kein Eigentum. Einige hier besaßen zwar kleine persönliche Gegenstände, die sie gefunden und behalten hatten. Einen Stein von der Küste oder ein Haar einer ehemals Geliebten. Doch für mich gab es

auf dieser Welt nichts mehr. Selbst das Gesicht meiner Mutter schien vor meinen Augen verblasst. Ich konnte mich nicht mehr an sie erinnern. Sie gehörte nicht zu mir, nicht zu dem Sklavenkrieger, der ich jetzt war.

Ich schlief kurz und erwachte beim ersten Sonnenstrahl, kleidete mich an und ging still wie eine Maus an den anderen vorüber. Als ich durch den Eingang treten wollte, stellte sich mir ein Treiber in den Weg.

„Du wirst erwartet, Unwürdiger“ Ich starrte ihn an und folgte ohne Widerspruch. Ich ahnte es unterschwellig und es bestätigte  sich als wir uns dem bunten Zelt näherten. Nein. Ich blieb

stehen. Nein, nicht wieder. Der Treiber bemerkte meine Gegenwehr und zog schnell wie eine Schlange seine Peitsche und riss mich von den Füßen, sodass ich mit dem Gesicht im Dreck landete. Drei weitere Schläge folgten unmittelbar und hinterließen rote Striemen auf meinen Rücken. So gut es ging rappelte ich mich auf und ignorierten den Schmerz, der sich in meinen Rücken biss. Ich taumelte vorwärts und der Treiber bedachte mich mit einem abfälligen Schnauben. Er schlug die Plane des Zeltes zurück und stieß mich hinein. Ich landete auf Händen und Knien, schon wieder im Staub. Ich spürte nichts, nicht den leisesten Schmerz. Ich blickte auf,

versteckte meine Verwunderung hinter meinen schwarzen Augen. Eine Hand streckte sich mir entgegen.

„Ihr dürft euch erheben.“ Die funkelnden Augen sahen mich an, sahen fast durch mich hindurch. Ich starrte zurück und stand behände auf, ignorierte die Hand die sich mir entgegenstreckte. Der Mann blickte nun den Treiber hinter mir an und sagte: „Richtet eurem ehrbarem Meister meinen Dank aus und sagt ihm wir wären nun einig.“

Der Treiber nickte kurz und verschwand.

Der Mann wandte sich jetzt wieder mir zu. „Wie geht es eurem Rücken?“

Ich sah ihn nur ausdruckslos an. Er lächelte. „Ich habe den Schmerz von dir

genommen.“

„Ihr seid einer der Veti.“, stellte ich fest. Er hatte eine Gabe. Eine ziemlich Mächtige dazu.

„Nein.“ Er durchquerte das Zelt. Seine Bewegungen waren für sein Alter ungewöhnlich elegant. Seine Kleidung war wie auch sein Zelt ziemlich bunt. Wieder lachte er. „Ich bin einer der Freien, Asrahel.“ Der Freien. Ein Volk welches sich selbst keiner Völkergruppe zuordnete und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Frieden wiederherzustellen. Man hatte von ihnen gehört, doch niemand schien sich für die wenigen Freien in diesen Landen groß zu interessieren. Sie waren keine Bedrohung

für die Niederschlagung der Rebellionen der vorstoßenden Veti.

„Was wollt ihr von mir?“

„Hmm. Eine berechtigte Frage. Erst einmal will ich, dass du mit mir kommst“. Ich stutzte. Was?

„Ich bin ein Sklave. Ich kann keine solche Entscheidung treffen, Herr“

„Das ist mir durchaus bewusst. Und deshalb habe ich dich gegen ein gefühltes Vermögen eingetauscht.“ Er hatte mich gekauft. In meinem Kopf wirbelte alles durcheinander. Doch eine Frage schien sich durch das Gewirr immer wieder an die Oberfläche zu kämpfen. „Wieso?“

Der Mann, mein neuer Herr, setzte sich

auf seinen imposanten Stuhl. „Nun, das wirst du früh genug erfahren. Für dich reicht es zu wissen, das du mir nach Hause folgen wirst. Noch heute.“

„Nach Hause, Herr?“  Er nickte. „Zu den Freien. Nach Soclakios, in den Norden.“

Mein weniges Wissen über unser Land verriet mir nur eins. Es war weit. Sehr weit.

„Wir werden reiten. Begleitet werden wir nur von Cappanemdu, einem…Freund.“ Ich nickte.

Was sollte ich nun tun? So viele Dinge stürmten auf mich ein, so viele Fragen. Wie hatte ich mich zu verhalten? Wer war dieser Mann und was wollte er von mir?

Wir brachen im völligen Dunkel auf, unangekündigt und ohne Aufsehen. Es fühlte sicht nicht wie ein Aufbruch an, sondern vielmehr wie eine Flucht. Ja, ich flüchtete. Nur wovor flüchtete ich? Selbst die Nacht war warm und ich hatte nichts, was ich hätte mitnehmen können. Ich ließ mein Lager so zurück, wie es gewesen war. Ließ die dunkle Ecke zurück, die Einsamkeit inmitten von Menschen und mein gesamtes bisheriges Leben. Mein Herr stand vor mir und blickte ins Dunkel. Dann tauchten kurz vor uns zwei Männer mit drei gesattelten Pferden auf. Einer war klein und

schmächtig, der andere groß und furchteinflößend, mit einem langen Degen und einer gefährlich aussehenden Axt auf dem Rücken. Seine Haut war dunkel und durch die Ohren hatte er dünne Holzstäbchen gebohrt, die in den verschiedensten Farben leuchteten. Dieser Mann neigte den Kopf, als er meinen Herren erblickte und legte eine Hand auf seine Stirn. „Cappanemdu bringt euch Pferde.“ Damit übergab er einen hochgewachsenen Schimmel an den Herren und reichte mir die Zügel eines etwas kleineren Rappen. Wie passend, schoss es mir durch den Kopf. Ein schwarzes Pferd für ein schwarzes Wesen. „Steig auf.“, befahl der Herr

ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich richtete meine schwarzen Augen auf ihn. „Ich kann nicht.“ Ich war ein Sklave. Pferde hatte ich bisher, wenn überhaupt, nur von Weitem gesehen. Geschweige denn auf einem gesessen. „Ich kann nicht reiten.“ Jetzt richtete auch der Herr seine erstaunlichen Augen auf mich. „Du wirst es lernen. Steig auf.“ Ich stieg auf. Gehorsam war ein Schild, meine Emotionslosigkeit das Holz, aus dem es gemacht war. Geschmeidig landete ich im Sattel. Das Pferd fühlte sich gut unter mir an, irgendwie… mächtig. Ich krallte eine Hand in die Mähne und nahm mit der anderen die Zügel auf. Ich hörte, wie

Cappanemdu hinter mir aufstieg und der kleine Junge im Dunkel verschwand. Der Herr saß erhaben auf seinem Schimmel, ein heller Schemen im Dunkel. Wir nahmen den staubigen Pfad und ritten langsam aus dem Lager. Es waren kaum Menschen zu sehen. Nur ein paar wenige Treiber standen vor den Unterkünften und bedachten unsere kleine Gruppe mit einem nichtssagendem Blick. Ich überließ es meinem Pferd, den Weg zu finden und gab mich ganz dem beruhigendem Geschaukel hin, um mich zu fassen und einige meiner Schutzwälle neu zu errichten. Ich brauchte diese Ruhe, ohne sie war ich verloren. Die Konzentration, die ich aufbringen

musste, um das innere Feuer klein zu halten, war enorm. Ich wusste nicht, ob ich erfreut war, aus dem Sklavenlager zu entkommen. Sicher, ich war anscheinend dem körperlichen Schmerz entflohen, aber ich befürchtete, dass ich nicht nur als „Sklave“ verkauft wurde. Ich erinnerte mich gut an die Nacht, als man mich in sein Zelt führte. Ich erinnerte mich zu gut. Wohin konnte ich jetzt laufen, wohin konnte ich gehen? Mitten in der Wüste? Kurz überkam mich der Gedanke einfach davon zu reiten und wieder mein eigener Herr zu werden, aber ich verwarf ihn. Erstens hatte ich weder die notwendigen reiterischen Fähigkeiten für eine Verfolgungsjagd,

noch genug Proviant, oder viel wichtiger: Wasser bei mir. Zweitens wusste ich nicht wohin ich reiten sollte. Für mich gab es in dieser Welt nichts und ich sah mich auch nicht als einen Teil von ihr. Ich war nur ein bedeutungsloser, schwarzer Fleck. Ich war ein Nichts, alles was mich ausmachte war Schmerz. Schmerz und Dunkelheit. Und gleichzeitig brauchte ich diesen Schmerz und diese Dunkelheit. Sie waren meine Schutzwälle gegen das ungnädige Feuer in mir.

Nach einiger Zeit begannen meine Schenkelinnenseiten zu brennen. Ich biss die Zähne zusammen und ignorierte es. Dieses Brennen war nichts im Gegenzug

zu dem, was ich gewohnt war. Die Dämmerung zeichnete sich am Horizont ab, als der Herr sein Pferd anhielt und verkündete, eine Rast einzulegen.

Erschöpft glitt ich aus dem Sattel und hielt mein Pferd am Zügel. Was jetzt? Ich beschloss einfach stehen zu bleiben, bis der Herr mir Anweisung gab. Aber es war nicht ich, der angewiesen wurde. „Cappanemdu, nimm die Pferde und pflock sie an. Achte darauf, dass sie getränkt und gefüttert werden, wir brauchen sie morgen.“ Cappanemdu kam auf mich zu und entriss mir die Zügel. Ich zog mich an den kleinen Felsvorsprung zurück, um der Dämmerung zu entgehen. Die Sonne war

grässlich. Sie war heiß. Sie stachelte das Feuer in mir nur mehr und mehr an. Also ging ich ihr so gut es eben ging aus dem Weg. Der Herr kam auf mich zu und setzte sich mit dem Rücken an die Felswand. „Setz dich Asrahel. Ich möchte ein wenig mit dir reden.“ Ich tat was er sagte und kauerte mich neben ihn. Er lächelte mich an. Es war komisch. Ein ehrliches, freundliches Lächeln bekam ich nicht oft zu Gesicht. „Ich sagte, ich hätte dich gekauft.“ Ich blickte zu Boden. „Das tatet ihr, Herr.“ „Nun, das habe ich auch.“ Ich runzelte die Stirn. Worauf wollte er hinaus? „Asrahel. Hör mir zu. Ich werde deinen Sklavenstatus aufheben. Dich befreien,

wenn du so willst.“ Befreien? Ich schloss die Augen. Warum? Warum sollte er das tun? „Aber Asrahel. Ich möchte auch etwas von dir. Ich bitte dich, dass du mir folgst, mit mir sprichst, meine Regeln befolgst.“

„Und warum befreit ihr mich dann?“

„Hmm. Das ist gut.“ Er lächelte schon wieder. „Damit, wenn die Zeit gekommen ist, du die Entscheidung selbst treffen kannst.“

„Welche Entscheidung?“

„Ob du gehst oder bleibst.“ Jetzt lachte ich. Nur war mein Lachen hart, freudlos und ironisch. Nichts im Gegensatz zu seinem echten Lächeln. „Ihr befreit mich, sagt mir dann, ich solle euch

gehorchen, damit ich „Wenn die Zeit reif ist“ selbst entscheiden kann, wann ich gehen will?“

“Asrahel…“ Sein Blick wechselte von freudig zu gequält. „Du verstehst mich nicht. Ich sagte, ich bitte dich.“

Ich stand auf. Er erhob sich ebenfalls. Mit einem letzten Blick auf mich ging er. Ich setzte mich wieder und sah auf den Sand. Dann stand ich erneut auf. Ich konnte nicht länger sitzen, nicht hier in der Wüste, an einem Felsen. Dieser Ort war nicht gut für mich. Ich lief ein Stück die Felswand entlang, musste jedoch resigniert feststellen, dass es hier auch nichts weiter gab. Ich blickte zurück. Er war einfach gegangen, als ich

mich erhoben hatte, ohne ein weiteres Wort. Das erste Mal in meinem Leben begegnete mir ein Mensch, der für mich nur rätselhaft war. Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar. Was tat ich hier? Ich sollte besser zurückgehen und mich dem stellen, was auch immer als nächstes kommen würde. Ich war immer weggelaufen, hatte mich jedes Mal versteckt. Aber hier konnte ich mich nicht verstecken. Ich war der Gnadenlosigkeit der strahlenden Sonne ausgesetzt, der ewigen Weite ohne Rückzugsmöglichkeit. Meine Hand strich über den heißen Stein. Erschrocken zog ich sie zurück. Selbst das toteste Material war lebendiger, wärmer als ich.

Denn Leben hieß Wärme und alles was kalt war, gehörte dem Tod. War ich also verdammt? Verdammt dazu niemals frei zu sein? Immer dem einen zu dienen, nämlich dem Tod? Ja, davon war ich überzeugt, auch wenn ich es nie jemanden gesagt hatte. Wie sehr hatten sie sich in meiner Bestimmung getäuscht, damals, in meinem ersten Leben. Ich wandte mich ab und lenkte meine Füße in Richtung der Pferde. Sie standen unter einer Nische im kühlen Schatten und fraßen das wenige Gras, das sich seinen Weg durch die staubige Oberfläche gekämpft hatte. Mein Schwarzer hob sofort den Kopf, als er mein Näherkommen bemerkte. Ich trat

schweigend zu ihm. Es war ein schönes Tier, durch und durch,. Ich verstand nicht viel von Pferden, aber den Unterschied zwischen den Ackergäulen aus meiner Kindheit und diesen Pferden konnte selbst ich erkennen. Unter dem seidigen Fell, fühlte man die kräftigen Muskeln, der Kopf war stolz erhoben. So majestätisch. „Asrahel.“ Der Dunkelhäutige baute sich hinter mir auf. „Ihr sollt ruhen jetzt. Meister befiehlt.“ Ich erwiderte den Blick und bemerkte das nervöse Zucken seiner Muskeln sofort. Er hatte Angst vor mir. Schnell wandte er den Blick ab und griff zu seinem langen Degen. Was sollte das? Ich hatte keine Waffen und er war fast

zweimal so groß wie ich. „Sagt dem Herren, ich bitte darum hier zu nächtigen“ Er schüttelte den Kopf. „Nein. Meister sagt, ihr sollt bei uns bleiben. Sein gefährlich hier, wilde Tiere kommen aus Sand.“ Ich willigte ein und folgte ihm zurück zu dem behelfsmäßigen Lager. „Asrahel“ Er begrüßte mich, indem er eine Hand an die Stirn legte. Ich neigte den Kopf, wie ich es gelernt hatte, um meine Unterwürfigkeit zu signalisieren. „Du hast sicherlich Hunger. Ich habe dir etwas zur Seite gelegt“ Dankbar nahm ich den Kanten Brot, ließ mich auf dem Boden sinken und knabberte daran. „Wir werden die Wüste morgen verlassen und

westlich von ihr weiterziehen, durch die Grenzgebiete. Dieses Land ist unbarmherzig und unsere Vorräte begrenzt.“, erläuterte er. Erleichtert nickte ich. Das war schon mal gut. Ich schlief wie gewohnt wenig und wachte in der Abenddämmerung wieder auf. Aber auch der Herr war schon erwacht. Nur von Cappanemdu war keine Spur zu sehen. Diese Nacht war kühler als die letzte und ich entspannte mich sichtlich in meiner geliebten Dunkelheit.  Cappanemdu ritt weiter hinten, ich in der Mitte und der Herr bildete die Spitze mit seinem prächtigem Sattel und den vielen bunten Schnüren, die daran befestigt waren. Kurz kam mir der

Gedanke, was wohl mit dem bunten Zelt, dem schönen Stuhl und all den Dingen passiert war, die in dem Kriegslager sein Eigen waren. Aber im Grunde war es mir egal.

Und das war auch gut so, Emotionen waren zu gefährlich. Wenn man etwas gernhatte, konnte es allzu leicht von einem genommen werden. Und das wollte ich nie wieder erleben.

Kapitel Zwei

Wir verließen die glühenden Sande bei

Tagesanbruch des nächsten Tages. Ich war erleichtert als der erste Schatten eines kleinen Baumes über mich fiel. Es war immer noch extrem heiß, doch ich war nicht mehr dem Endlosen, dem feurigen auf mich gerichteten Blick ausgesetzt. Das erste Dorf, welches wir passierten war an einem stillen, grünen See errichtet, mit kleinen, flachen Hütten aus Stroh und Lehm. Zwei Brunnen waren auf dem staubigen Platz gebaut und einige wenige Frauen schlurften über den brennenden Boden um Wasser zu holen. Ihre Kleidung war schäbig. Braune Leinen, weite Tücher, welche ohne irgendeinen erdenklichen Plan um den Körper gewickelt wurden.

An einer Ecke entdeckte ich ein junges Mädchen mit einem grauen Schleier. Sie starrte uns stumpf an, vor allem mich. Doch als sie  meinem Blick begegnete, schaute sie weg und verschwand in einer der Hütten hinter ihr. Eine weitere, ältere Frau hackte mit einer Harke den trockenen Boden, eine zweite zerrte mickrige Rüben heraus. Erstaunlicherweise war nirgends ein Mann, oder auch nur ein Junge zu sehen. Wo waren die Bewohner dieses Dorfes?

„Dies sind die Übriggebliebenen der Renati. Die heiligen Frauen, welche die Aufgabe hatten, die Krieger zu segnen und ihr Schicksal in der Schlacht zu prophezeien. Sie hatten ein angenehmes

Leben, doch der Krieg zog weiter gen Süden, über die Wüste und für diese hier blieb nichts außer der Erde über welche wir reiten.“, erklärte der Herr mit ruhiger Stimme.

Ich schwieg. Das Schicksal dieser Frauen war mir gleich und ich interessierte mich nicht für den Krieg.

„Was taten Frau vor Befreiungskrieg?“, fragte Cappanemdu.

Der Herr runzelte die Stirn. „Sie dienten Männern in Städten oder Dörfern“

„Wie dienen?“ Cappanemdu zügelte sein Pferd.

„Sie waren die heiligen Frauen reicher Männer. Lebten an ihrer Seite, beteten für sie, suchten nach Seelenheil,

prophezeiten.“ Der Herr wandte sein Gesicht dem Weg zu. „Doch jetzt sind diese Männer tot und ihr Glauben verbietet ihnen, sich einen anderen Herren zu suchen.“

Ich schnaubte verächtlich. „Dann sind sie töricht. Es gibt keinen Gott, keinem außer der ewigen Dunkelheit des Todes. Und der Tod wird sie holen, egal welche Versprechungen sie ihm machen.“

Der Herr und Cappanemdu sahen mich traurig an. Ich ignorierte ihre Blicke.

„Diese Verurteilung ist unrecht. Sie dienen keinem Gott. Sie dienen der Hoffnung, der Hoffnung die hinter jedem Glauben steckt und ihn stark macht. Hoffnung ist diejenige Macht, an

die wir uns wenden, wenn wir versuchen aus der Dunkelheit des Todes zu entfliehen. Wenn wir diese Macht verlieren, dann verlieren wir ebenso unser Leben.“

Ich sah ihn misstrauisch an. „Hoffnung ist nur eine Illusion. Wenn man sich daran klammert, so klammert man sich an ein Phantom, welches niemandem Leben zu geben vermag.“

„Und doch erscheint es süßer, den Kuss des Phantoms zu erwarten, als denjenigen der dunklen Wahrheit.“ Ich spornte mein Pferd an. „Die Wahrheit ist dunkel. Doch Licht blendet.“ Dann galoppierte ich fort, aus dem Dorf heraus und in den lichten Wald. Nach

kurzer Distanz sprang ich, rollte mich ab und sah meinem Rappen zu, wie er umkehrte und davon sprengte. Meinen Blick hob ich dem Himmel entgegen. Erstaunt fühlte ich eine Träne über meine Wange rollen. Wütend rammte ich meine Faust in den Boden. Nein, nein, nein. Bleib stark. Ich schloss die Augen und ließ mich erneut in das Dunkel in meinem Inneren versinken, verschränkte alles hinter meinen Mauern. Verbannte die Wut, verbannte die Trauer, verbannte vor allem das Licht. Wie lange musste ich noch so leben? Wie lange konnte ich noch so verweilen, wie lange würde es dauern bis ich einfach zu Schatten zerfallen, oder in gleißendem Licht

verbrennen würde?

Wolken zogen auf und die Sonne verschwand als ob sie mir ein Zeichen geben wollte. Ich erhob mich. Mitten im Wald, zwischen Bäumen und Vögeln. Es war erschreckend wie viel Leben hier war. Es schien als würde der Wald selbst atmen und pulsieren. Vorsichtig berührte ich ein helles Blatt. Wie wundersam war diese Welt und wie viel stärker als ich, wie viel mächtiger als ein jeder von uns. All dies erinnerte mich an einen kühlen Sommertag in den Bergen, Bäume überall, ein kleiner plätschernder See und meine Mutter die mir zum Abschied die Stirn küsste. Meine Mutter mit wehendem Haar und lachendem Gesicht,

ihre Stimme so weich… Ihre Augen… Nein. Ich drehte mich ruckartig um und begann zu laufen. Egal wohin, nur weg von hier. Weg von der Erinnerung, weg von den Emotionen, fort von dem was einmal war und was nie wieder sein wird. Weit musste ich nicht gehen, als ich durch das dichte Gesträuch den Herren und Cappanemdu heranreiten sah. Cappanemdu führte meinen Rappen am Zügel, der Herr lachte. „Wir fanden dein Pferd. Du willst sicherlich nicht laufen wollen, nicht wahr?“ Ich nickte und nahm Cappanemdu mein Pferd ab. Als ich aufgestiegen war wurde kein Wort mehr gewechselt und ich war froh darum.

Die Männer die uns am nächsten Tag entgegen kamen sahen bedrohlich aus. Cappanemdu zog seine Axt unter seinem Umhang und beobachtete die vier dunkel gekleideten Gestalten, wie sie sich mit Schwertern in der Hand näherten. Ich sah den Herren an. Er war alt. Konnte er kämpfen? Oder war Cappanemdu der einzige der eine Waffe trug?

„Herr“, begann ich. „Gebt mir ein Schwert. Zu dritt sind unsere Chancen größer“

„Ich beabsichtige nicht gegen diese Renati zu kämpfen, Asrahel.“

Ich runzelte die Stirn und richtete meinen Blick wieder auf die sich Nähernden. Sie waren jedenfalls fest

entschlossen, uns zu überfallen. Wir hielten und warteten. Ihre Stimmen wehten herüber, ihr Gelächter.  „Männer tranken schlecht Getränk. Sie verwirrt.“ Cappanemdu hatte Recht. Sie schienen betrunken.  „Ich töten alle vier. Sie nicht Bedrohung für mich.“

Ein kurzer Blick in das grimmige Gesicht des Dunklen reichte mir um mir dessen gewiss zu sein.

„ Cappanemdu.“ Der Herr bahnte sich seinen Weg nach vorne. „Nicht sie.“ Nicht sie? Was sollte das bedeuten? Aber Cappanemdu neigte den Kopf und entspannte seinen Griff.

Die Männer parierten wenige Meter vor uns mit lautem Gejohle durch. Einer zog

ein Schwert, die zwei anderen hielten Äxte in den schwieligen Händen. Der erste war anscheinend ihr Anführer, den er erhob das Wort. „Ihr habt euch weit von eurem Zuhause entfernt, reicher Mann“

Cappanemdu fixierte sie, verfolgte jede Bewegung mit den Augen. Der Herr lächelte. „Edle Herren. Wir wünschen unsere Reise unbeschadet fortzusetzen. Wenn man so freundlich wäre, uns passieren zu lassen…“

„Passieren lassen?“ Der kleinste der drei spuckte aus. Und lachte dann ein kehliges Lachen. Doch ein Blick des Anführers brachte ihn zum Schweigen.

„Wohldenn- wir lassen euch passieren.

Was zahlt ihr?“

Der Herr lachte laut auf. „Ich zahle nicht für meine Freiheit. Meine Freiheit ist mein, schon lange. Ich brauche sie nicht zu kaufen.“

Die Blicke der Männer verfinsterten sich. Die zwei hinteren tauschten einen Blick der Unsicherheit. Und keiner der drei sah mich an. Ich war wie ein Schatten. Schatten waren keine präsente Bedrohung. Sie kamen langsam und schleichend. Während Cappanemdus Anblick weitaus furchteinflößender war.

Ich war weder beunruhigt, noch aufgeregt, noch ängstlich. Egal was passierte, es würde einfach geschehen und ich würde keinen mentalen Anteil

daran haben, so war es immer. Selbst der Tod war für mich nichts, denn ich war bereits tot. Meine schwarzen Augen blickten durch ihn hindurch.

Dann ging alles sehr schnell. Ein heller Stich in meinen Augen, ein grausamer, brennender Schmerz in meinem Kopf und meinem gesamten Körper. Und alle meine Gedanken waren fort. Ich war nicht mehr Asrahel, nicht der Sklavenkrieger. Ich war nicht nichts. Ich war das Feuer. Meine Muskeln wurden von ihm durchströmt und alles was ich sah war Feuer und Blut. Feuer, Feuer, nur noch Feuer. Dann wieder Blut, Schreie, Feuer. Schmerz, Angst, Feuer. Feuer, Feuer, Feuer. Ich war es. Ich war Ignipotens.

Ein stumpfer, dunkler Ton dröhnte in meinen Ohren nach und verschwand wieder. Mein Denken war wie goldener Honig aus einer anderen Zeit. Zähflüssig und versüßt. Ich konnte nichts halten, hatte keine Kontrolle über den Fluss von Bildern in meinem Kopf. Ich sah eine Frau, mit langem Haar. Sie sah mich vorwurfsvoll an, mit diesen bekannten Augen. Ich wollte zu ihr, doch sie verschwand in einem Nebel aus Honigduft. Dann eine Menschenmenge, ein alter Greis, er zeichnete mir eine Flamme auf die Stirn, direkt zwischen meine Augen. „Dies ist die Stelle deiner

Energie, dein Chi wird hier gebündelt, oh mein Heiland“ Im selben Augenblick wechselten die Blicke der Menschen von bewundernd zu ängstlich anklagend und ich war wieder im Soldatenlager. An meinen Händen war getrocknetes Blut. Als ich aufblickte lag vor mir ein Schlachtfeld und ich war der einzige der noch aufrecht stand. Von weit weg sah ich die Frau wieder, die Frau mit diesen unglaublich gütigen Augen. Sie lief auf mich zu, doch als ich sie berührte, entflammte sie. Ihre Schreie waren laut und gequält und ich schrie mit ihr. Schrie nur ein Wort: Mama.

Licht.

Dann wieder Schatten.

Hell und dunkel wechselten aneinander ab in einem endlosen Kampf die Oberhand zu bekommen.

Dann wieder der Ton, doch diesmal klarer.

„Erwachet. Es ist an der Zeit. Jetzt.“

Ich schlug die Augen auf. „Herr.“

„Asrahel.“ Seine grünen Augen leuchteten durch die Schatten in mir durch.

„Wir müssen fort.“

Ich nickte und versuchte mich aufzusetzen. Erstaunt keinerlei Schmerzen zu spüren warf ich einen Blick auf den Herren. Er lächelte.

Ich war auf einem Lager aus Stroh gebettet, in einer kleinen, dunklen

Hütte.

Ruckartig setzte ich mich vollends auf und entledigte mich dem lästigen Breiumschlag auf meiner Stirn.

„Lasst, es wird euch helfen“

Ich suchte mit meinem Augen nach dem Sprecher und fand ihn, vielmehr sie. Es war eine braunhaarige Frau, schlicht und einfach im Gesicht wie auch in der Kleidung. Ihre Haut war dunkel und rau, doch ihre Augen hatten noch den Glanz junger Jahre.

„Nein“ war alles was ich erwiderte. Der Herr lächelte noch immer, ganz zufrieden mit sich oder schien es nur so?

„Geehrte Tochter, ich danke euch für

den Beistand, doch ich denke Asrahel geht es nun wieder gut genug um die Reise fortzusetzen.“ Sie nickte und lächelte zurück, als ihr Blick jedoch meinen traf, erstarb ihr Lächeln. „Ihr solltet gehen, edler Herr.“

Der Herr erhob sich, verneigte sich leicht vor der Frau und verließ die Hütte durch die kleine, eckige Tür, welche die einzige Lichtquelle im gesamten Raum war.

Ich folgte ihm, schattenhaft und still.  Draußen war es nur unwesentlich heller als in der Hütte. Wir hatten Vollmond. Mondlicht auf meinem Haar. Und helle Punkte in meinen Augen.

Was war passiert?  Feuer.

Feuer?

Ich versuchte mich zu erinnern. Es waren die Männer, betrunkene Männer und dann Feuer. Ein vierter Mann schoss einen brennenden Pfeil aus den Baumwipfeln Feuer. Dann nur noch Feuer.

Sie waren höchstwahrscheinlich tot. Nur wo war Cappanemdu? Der Herr führte sein Pferd, doch ich wagte nicht das Wort an ihn zu richten und schwieg. Dasselbe tat er. So zogen wir weiter, durch dürres Land, menschenleer und karg. Hielten nur um zu schlafen oder zu essen. Und keiner von uns sprach ein Wort. Stille legte sich über mich. Stille am Tag, Stille in der Nacht. Kein

Mensch, kein Tier, nichts war hier.

Cappanemdu tauchte nicht wieder auf.

Bei Tagesanbruch des 87 Tages lag die Wüste vollständig hinter uns und wir ritten durch einen zunächst lichten dann immer dichter und grüner werdenden Wald. Tannen schienen sich in den Himmel zu erstrecken. Meine Hand strich über raue Baumrinde.

„Asrahel“ Ich zuckte zusammen, als ich nach langer Zeit wieder meinen Namen vernahm.

„Ihr habt tapfer gekämpft. Ich könnte helfen“

Tapfer gekämpft? Helfen?

„Ich verstehe nicht“

„Oh doch ihr tut, Asrahel. Denkt nach und dann entscheidet, ob ihr diesen Kampf noch länger führen wollt, denn er wird euch nicht ans Ziel führen. Dieser Krieg euer persönlicher Krieg, der führt euch nur immer weiter hinab, bis nichts mehr bleibt. Ihr wurdet geboren um eine Aufgabe zu erfüllen, euch war etwas zugedacht.

Ich helfe euch zurück.“

Ich sah ihn an, durchbohrte ihn. Keines meiner Worte war es wert gesprochen zu werden. Also schwieg ich weiter, gefasst. Was keiner vermutete jedoch war, dass in meiner Seele Dämonen sich zerfetzten.

Helfen, helfen konnte man nicht, denn es

war nichts da, dem geholfen werden konnte. Ich war nicht gestürzt- ich war zerfallen. Ich wollte keine Hilfe, brauchte keine Hilfe. Um keinen Preis. Nie.

Der Herr lächelte und ritt weiter zwischen den grünen Giganten voran. Mein Rappe schnaubte. Wenn es je so etwas wie eine Beziehung gab in dem schwarzen Loch in meiner Brust, dann war es das stille Einvernehmen zwischen mir und dem schwarzen Pferd. Ich verstand das Tier auf einer merkwürdigen dritten Ebene. Als wären wir im Grunde eins.

Dennoch war es mein Verstand, der mich abmahnte. Keine Schwäche, du weißt

was passiert. Lass es nicht geschehen.

Und ebenso verhielt es sich mit dem Herren. Seine Worte vermittelten mir Hoffnung, nur dass Hoffnung nur eine Illusion war, eine Schwäche.

Du weißt was passiert. Lass es nicht geschehen.

„Lerntet ihr die alten Mythen eures Volkes?“, fragte der Herr am nächsten Tag. Für ihn war unser inoffizielles Schweigegelübde wohl nun endgültig vorüber. Ich bedauerte dies, es war einfacher zu schweigen denn zu sprechen.

„Ich kenne sie.“

„Nun, wie ist es mit der Sage um

Pracifica, was wisst ihr über sie?“

Pracifica? Eine altertümliche Feuerkönigin, die es wohl nie gab.

„Pracifica hat die Welt zu Asche verbrannt. Sie war eine Tyrannenkönigin und keiner konnte ihrer Macht standhalten“

„Das stimmt.“ Der Herr nickte und lenkte sein Pferd etwa auf gleiche Höhe wie meines. „Doch bevor sie das tat, war sie eine ganz gewöhnliche junge Frau. Doch im Gegensatz zu anderen strebte sie zu sehr nach Liebe. Die Liebe, die sie nie enthielt entfachte das Feuer in ihr und schwärzte ihr Herz. Nach der Aschezeit kamen die Renati über das große Meer und riefen sich als die

Neugeborenen, die Herrscher und Errichter dieser Welt aus. Sie verachteten die Veti und Pracifica mit ihren mystischen Fähigkeiten, verstanden sie nicht. Pracifica war mit allem anderen verbrannt, doch einige Veti hatten überlebt und sie erstarkten von Neuem.“

„Soll dies eine Geschichtsstunde werden, Herr?“ Ich blickte ihn  stumpf an. „Ich sagte doch bereits, ich kenne die Sage.“

„Nein, Asrahel, keinesfalls, ich versuche nur euch zu helfen“

Da war es wieder. Helfen. Warum versteht ihr es nicht, Alter Mann?  

„Nun, du weißt was dann geschah. Krieg brach aus zwischen den beiden Völkern.

Die großen, stattlichen Renati mit dem dunklen Haar, der hellen Haut, und den blauen Augen, wie sie so häufig unter ihnen vorkamen. Sie gewannen, denn sie besaßen Waffen und Dinge von jenseits des Meeres, sie brachten Pflanzen und Tiere, von denen hier keiner jemals nur gehört hatte. Sie waren viele und sie waren den Veti fortschrittlich überlegen.

Die Veti zogen sich zurück hinter die Berge und seit jeher leben sie dort in kleinen Bergdörfern.“

Der Herr durchbohrte mich. „Du bist in so einem Dorf geboren, Asrahel, vor langer Zeit.“ Ein kurzes Schweigen, eine Abschätzung meiner Reaktion, doch ich reagierte nicht. Er fuhr fort: „Der

Geschichte nach kann nur der wahre Nachfolger Pracificas die Welt aus dem ewigen Feuer retten.“

Er ritt an mir vorbei und stieg vom Pferd.

„Komm zu mir, Asrahel“

Ich folgte stumm, stieg meinerseits vom Pferd und folgte dem Herren über den moosigen Grund. Keine Laut durchdrang die Stille unter den großen Tannen. Wortlos setzte ich mich ihm gegenüber und sah in seine erstaunlichen Augen.

„Das Feuer ist stark in dir. Ich möchte, dass du mir jetzt gut zuhörst, Asrahel. Sehr gut.“

Ich nickte, mein langes, schwarzes Haar fiel mir in die Stirn, als ich den Kopf

senkte. Doch der Herr sagte nichts mehr, er beobachtete. Versuchte mich zu durchdringen, irgendwas in mir zu finden. Für einen kurzen Augenblick schien er die Augen zu schließen. So wie er dort auf dem Moos saß, in seinen bunten Gewändern, kam er mir vor wie eine Erscheinung des Waldes. Als wäre er nichts weiter als eine ruhige bunte Blume inmitten eines friedlichen Waldes. Wie ein Teil der Natur.

Die Zeit verging und als die Sterne am Himmel erschienen, saßen wir noch immer dort. Wie zwei ewige Statuen.

„Herr“ Meine Stimme schnitt wie ein blankes Messer durch die Luft.

„Herr“, wiederholte ich. „Darf ich eine

Frage stellen?“ Der Herr rührte sich nicht, ließ die Augen geschlossen.

„Wo ist Cappanemdu?“ Jetzt registrierte ich ein Zucken und seine Augen öffnten sich. Nach einer Weile antwortete er. „Er wurde getötet.“ Ich senkte den Blick. So wie ich. Doch es löste nichts in mir aus. Die Männer, diese schäbigen Reisenden mussten es gewesen sein, als sie uns hinterhältig angriffen um uns auszurauben. Der Feuerpfeil- die Erinnerung war schmerzhaft. Das war doch lachhaft. Cappanemdu war ein Krieger gewesen, hart und erbarmungslos. Keiner der vier hätte ihn überwältigen können. Er trug die Angst nicht in sich, nicht einmal vor dem Tod.

Ich hatte nie die Angst in seinen kalten Augen gesehen. Außer... An dem Abend in der Wüste, als er mir in die  Augen blickte. Nein- ich war unbewaffnet und bewusstlos. Wann hätte ich, wie hätte ich...“

„Wer tötete Cappanemdu?“ Ich blickte wieder auf.

Ein kurzes, ausdrucksloses Starren meinerseits, ein schmerzvoller Blick des Herren.

Er wartete.

Ich wartete.

„Ignipotens tötete Cappanemdu.“

Kapitel Drei

Langsam sog ich die Luft durch meine Nase ein und ließ sie durch meinen Mund entweichen. Mit jedem Atemzug wurde ich ruhiger, die Wut verschwand tief in mir. Ich verfiel in einen tranceartigen Zustand. Die Hände des Herren ruhten auf meinen Schultern und ein friedvolles Gefühl strahlte von ihnen aus in meinem gesamten Körper.

Ich begann bei meinen Füßen und folgte dem Fluss der Energie durch meinen Körper. Erst langsam, dann schneller, ließ es fließen. Mein Körper erkannte die Signale, welche mein Geist zu geben schien.

Körper und Geist haben einen gemeinsamen Ursprung. Konzentriert euch auf die Wechselbeziehung zwischen ihnen. Achtet gut auf die Harmonie zwischen diesen beiden. Es wird die eure Achtsamkeit steigern.

Die Stimme des Herren klang seltsam fern, als würde der Wind selbst in mein Ohr flüstern. Ich konzentrierte mich wieder auf meinen Körper. Fühlte die unzähligen Narben aus unzähligen

Schlachten und atmete den Schmerz aus.

Nun erkennt die Unterschiede zwischen Illusion und Realität. Wagt euch weiter vor.

Ohne einen Funken Angst, ohne Schmerz wandte ich mich nach innen, tief in meinen Geist. Ich spürte die Hitze des Feuers, doch ich hielt nicht inne. Durchbrach die schwarzen Mauern und suchte den innersten Kern, das innere Feuer. Plötzlich durchströmte es mich, füllte mich von innen auf und bahnte sich den Weg bis in meine Fingerspitzen. Erstaunt stellte ich fest, dass es nicht brannte. Der Schmerz ist eine Illusion, ja. Ich wusste es, konnte es kontrollieren.

„Ihr habt es geschafft, Ignipotens Asrahel.“

Ich öffnete die Augen und fühlte mich benommen, wie nach dem Konsum von zu viel Wein.

Der Herr hatte seine Hände von meinen Schultern genommen. Wo sie gelegen hatten fühlte sich meine Haut noch warm an. Ich folgte ihm mit meinem Blicken, als er auf sein Pferd stieg und wortlos durch die Bäume davon ritt. Ich wusste, dass ich ihm folgen musste, doch meine Glieder waren steif wie Blei und verweigerten den Befehl meines Gehirns. Als ich mich dann doch aufrappelte, war ich wackelig auf den Beinen. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Ich torkelte fast

schon zu meinem Rappen herüber und vergrub die Nase  in dem schwarzen Fell um dreimal tief durchzuatmen. Nach dem dritten Atemzug ging es wieder einigermaßen und ich saß auf um dann in gemäßigtem Schritt dem Herren zu folgen. Ich brauchte noch ein bisschen Zeit mit mir alleine, bevor ich Antworten auf einige wichtige Fragen ersuchen musste.

Ihr habt es geschafft Ignipotens Asrahel. Die Worte klangen in meinem Kopf nach. War es so? Ich wusste es selbst nicht. Was ich wusste war, dass ich mich verändert fühlte. Nicht sehr stark, es war nur plötzlich so, als wäre ich aus dem Schatten getreten und für alle Götter

sichtbar geworden.

Dennoch schienen die Götter mich zu verspotten. Wer ist er schon, dass er sich anmaßt in unser Sichtfeld zu treten? Bedeckt ihn! Ein fühlender Schatten, doch stets ein Schatten, lange wird er nicht überdauern.

Ich grinste. Meine Amüsiertheit rührte von meiner Ungläubigkeit her. Ich glaubte nicht an eine Übermacht im Himmel, höchstens ein Überich, welchem wir uns verschrieben hatten und welches uns beherrschte. Aber niemals die edlen Herren in ihren Hallen aus Wasserdunst. Sie waren eine Erfindung des rechtschaffenen menschlichen Geistes, der seine eigene Sündhaftigkeit kaum

ertragen kann und somit in Form von menschlicher Verantwortung auf jemanden Durchsichtigen überträgt, oder besser bereitwillig überlässt.

Die Renati hatten ihren Glauben von jenseits des Meeres mitgebracht. Sie stellten sich einen uns ähnlichen, stattlichen Krieger in einem Palast aus Stärke und Größe vor. Dieser Gott trug den Namen Vigor. Ein so gütiger wie grausamer Himmelsfürst. Ihre Religion war streng und ließ wenig Platz für eigene Interpretation. Aus meiner eigenen Kindheit inzwischen der Veti kannte ich andere Gebräuche. Mein Volk verehrte vielmehr die Unaussprechlichen. Keine Darstellung gab es von ihnen,es

gab nichts, denn sie waren wie nichts. Alles was sie waren war pulsierende Energie, welche überall zu finden ist. Dieser Glaube war stark verflochten mit den übersinnlichen Kräften einiger Veti damals. Auch Magie war nur pulsierende Energie und derjenige Träger hatte ein erhöhtes Verständnis für Dinge, die eigentlich für ihn nicht fassbar waren, auf einer Art erhöhten Ebene.

Doch selbst diese Weise des Glaubens war mir fremd. Ich sah in ihr keinen Sinn, keine Logik.

Der Wald zog an mir vorbei und die Bäume verschluckten fast jedes Licht und färbten dasjenige, welches übrig blieb in ein schummriges grün, welches

den Wald erleuchten ließ. Es war wunderschön. Bäume wie diese hatte ich noch nie zu Gesicht bekommen. Und so weiter wir gen Norden kamen, umso höher wuchsen sie, bis ich das Gefühl hatte ihre Kronen nicht mehr ausmachen zu können. Dafür machte ich jetzt den Herren vor mir aus und ich ließ mein pferd in einen lockeren Trab fallen.

„Herr“

Er nickte mir zu. „Wie fühlt ihr euch, Asrahel?“

„Ihr schuldet mir einige Erklärungen“, antwortete ich stattdessen ohne auf seine Frage einzugehen. Er sah nachdenklich nach vorne. „Ich denke, es könnte von Vorteil sein, ja durchaus. Ich habe euch

lediglich in einen Zustand von Hypnose geführt, meditativ sozusagen.“

Jetzt durchbohrte er mich. „Es ist sehr viel Dunkelheit in euch. Weit mehr als ich dachte. Doch ich glaube, diese Dunkelheit gehört nicht zu euch, nein. Ich glaube vielmehr sie ist nur der Schutz vor dem Licht. Asrahel, ihr wurdet für mehr geboren. Früher einmal erinnerten sich die Alten an Geschichten von einer Feuerkönigin. Ich habe euch von ihr erzählt. Ich glaube, ich habe in euch gefunden, was die Welt am dringendsten braucht. Ihr seid der Prophet von dem gesprochen wird.“

Ich hielt mein Pferd ruckartig an.

Nein.

Ich war es nicht, er hatte sich geirrt. Ich war nur ein Schatten. Und doch... wenn er Recht hatte, was würde dann passieren?

„Kommt Asrahel, wir sind da.“

Ich folgte ihm im Galopp, mittlerweile eins mit meinem Schwarzen geworden presste ich mich an seinen Hals und flüsterte ihm Worte ins Ohr. Der Wald lichtete sich und dann standen wir plötzlich am Hang eines Berges. Grasland überzog die weiten Hügel und in einem der Täler sah ich eine riesige Stadt, nur aus Zelten. Bunte Zelte, riesige Zelte, mehrstöckige Zelte. Es war überwältigend. Das war kein Lager, das war das Volk der Freien und es lebte

so wie es hieß, frei.

Der Blick der sich mir von hier oben bot war traumhaft. Die untergehende Sonne küsste die goldenen Zeltspitzen. Der Herr lächelte mich wieder an, seine Augen blitzten. In mir entwickelte sich etwas wie eine angsterfüllte Sehnsucht. Ein Teil von mir fühlte sich von all den Farben und dem Leben angezogen und verführt, ein anderer, rationaler Teil riet mir, mich fernzuhalten. Alles was mich in Helligkeit, Freude und Leben erwartete, war meine eigene Dunkelheit, die mehr als zuvor sich davon speisen würde. Und Schmerz. Hoffnung und Schmerz duellierten sich schon die gesamte letzte Zeit in mir, doch ich

konnte keiner von Beiden die Oberhand lassen. Ich war wie gefangen in mir. Doch blieb mir jetzt keine andere Wahl als dem Herren  stumm zu folgen. In Richtung des Horizonts. Dem Licht entgegen. Unsere Schatten fielen hinter uns.

Kinderlachen erfüllte die Luft während wir unsere Pferde zwischen den Zelten entlang lenkten. Einige von ihnen kamen uns entgegen gelaufen, sie brachten Blumen und warfen sie uns zu Füßen. Der Herr lachte laut auf. Frauen standen  am Rand des Weges und winkten schüchtern. Alle waren in bunte Tücher gekleidet und jedes hatte eine andere

Farbe. So bunt wie hier hatte ich es selten irgendwo gesehen. Oder besser, nie.

Als wir uns dem Zentrum der Stadt näherten, wurden die Zelte immer größer, die Spitzen immer höher und die Menschen immer zurückhaltender. Ich sah viele mit Skepsis im Blick, bei anderen spürte ich den blanken Hass in ihren Augen, als sie mich mit finsterer Miene fixierten.

„Xylophios“ Ein hagerer, hoch gewachsener Mann mit ernstem Gesicht trat aus einem der Zelte und verbeugte sich kurz. Vier weitere Männer und eine Frau folgten ihm und bildeten einen Halbkreis. Zur Begrüßung ihres

Zurückgekehrten Herren legten sie die Hand auf die Stirn, in etwa so, wie ich es schon bei Cappanemdu beobachtet hatte. Der Gedanke an den fremdländischen Kämpfer versetzte mir einen Stich. Schnell verdrängte ich den Gedanken.

Der Herr saß ab und wiederholte die Grußformel seinerseits. Sie wechselten ein paar schnelle Worte, die ich nicht verstehen konnte, doch ich spürte ihre neugierigen Blicke auf mir. Schließlich drehte der Herr sich zu mir um und gab mir zu verstehen ich solle ebenfalls absteigen. Elegant glitt ich von dem Schwarzen und landete lautlos auf dem Boden. Meinen Augen waren auf den

Untergrund gerichtet, das schwarze Haar verbarg mein Gesicht fast vollständig. Mein Erscheinungsbild musste zum Fürchten sein. Die dunkle, einfache, doch sehr zerschlissene Kleidung und die Halterungen für jede Art von Waffe und alles in schwarz. Ich passte nicht ansatzweise hierher und ich spürte es. Glücklicherweise ging der Tag seinem Ende zu, die Dunkelheit gab mir ein wenig Kraft.

„Asrahel, ich habe ein Zelt für euch. Eriniët wird euch dorthin führen“ Eriënet? Meine aufkommende Frage erübrigte sich als eine Frau aus dem Schatten trat und sich vor mir verbeugte. Ich starrte sie nur an. Doch in ihrem

Gesicht tat sich nichts. Weder Hass, noch Verunsicherheit, noch Angst. Nichts. Sie sah zurück und sagte dann: “Folgt mir, Ignipotens“

Ihre Schritte waren flink und leise, ihre Bewegungen geschmeidig. Während ich hinter ihr her ging, fragte ich mich wer sie wohl sei. Sie hatte langes, dunkles Haar, mehrmals geflochten, sodass man nicht ausmachen konnte, wie lang es tatsächlich war. Wie alle anderen war auch sie bunt gekleidet. Zwei durchsichtige Tücher flatterten hinter ihr her, wie zwei Lichter. Ich folgte ihr bis zu einem der großen Zelte, vor welchem sie anhielt und mir den Vorhang öffnete. Drinnen erwartete mich ein Palast. Ein

riesiges Bett stand in der Mitte, an dem Punkt an dem das Zelt sich nach oben öffnete. Es war mit Seide eingehüllt. In den Ecken fand ich einen enormen Schreibtisch vor, mit Schnitzereien, die verschiedene Personen im Kampf zeigten. Darauf waren fein säuberlich Kerzen und Pergament untergebracht worden. In einer der anderen Ecke waren Sessel und Tische, außerdem gab es noch einen Esstisch. Überall lagen riesige Teppiche, vorherrschende Farben waren Rot und Gold.

Sie stand noch immer dort in der Tür und ihre Silhouette zeichnete sich im letzten Licht ab.

„Wenn euch nach etwas verlangt, fragt

nach Eriniët“ Und damit verschwand sie und ließ mich allein und verwirrter denn je zurück. Man hielt mich für den Propheten, ja? Das war der Grund für die lange Reise und das große Zelt. Der Grund für die Blumen, die Skepsis und den Hass. Ich konnte schon verstehen. Sie hofften auf eine Zukunft in ihrer Welt des Friedens. Und sie bezweifelten, dass ich der eine war. Der schwarze Schatten aus dem Soldatenlager, der nichts als ein Bote des voranschreitenden Unterganges zu sein schien. Ihr goldener Held war nicht erschienen. Und es gab sicherlich noch weitere Gründe für die Aufspaltung dieser so ungleichen Gesellschaft. Politische vor allem. Es

ging um Macht. Keiner der Menschen hier war gleich. Sie ähnelten sich in nur einem. In dem Streben nach persönlicher, individueller Freiheit. Und keiner hatte sie bisher erhalten.

Sie hatten es mir gesagt, damals. Sie küssten mir die Stirn, nannten mich den „Erwählten“, den „ Heiland“. Oh, wie lange schon war das her. Ich sank zu Boden und versuchte mich zu fassen und die aufkommende Hitze zu vertreiben. Sie hatten sich geirrt, es gab keinen Propheten. Es gab nur Tod und Schmerz und Dunkelheit, das war meine eigene Realität. Doch diese Realität war nicht mehr so real, wie sie einst gewesen war.

Ich erwachte von Schreien außerhalb

meines Zeltes. Tumult brach aus, man hörte Schwerter aufeinander klirren, als drei Krieger versuchten einen riesigen, dunkelhäutigen Hünen mit Stäben durch die Ohren aufzuhalten. Ich sah ihn als ich im Eingang meines Zeltes im Dunklen lautlos verharrte. Der Kampf störte mich nicht. Seine Schreie jedoch schmerzten in meinem Kopf wie zersplitterndes Glas.

„Wo ist Cappanemdu?! Wo ist er!?“

Sie führten ihn fort, bevor er meinem Zelt näher kommen konnte und alles wurde wieder ruhig. Die Krieger verschwanden wieder in ihren Ecken, gut versteckt. Ich wurde bewacht. Doch der Geschmack von Blut in meinem Mund

machte mich wütend. Ich war nicht schuld, nicht ich. Es war das Feuer. Mein Feuer.

Eins stand fest: Viel würde sich für mich ändern. Mein Leben war in Gefahr und das erste Mal in meinem Leben machte mir das Angst.

Daran wieder schlafen zu gehen, dachte ich gar nicht erst. Vorsichtig schlug ich die Tücher am Eingang meines Zeltes zurück und trat in die dunkle, kühle Nacht. Jedes Geräusch hier erschien mir wie die Berührung einer ehemals Geliebten, welche so weit von mir entfernt war, dass ich sie zusammen mit den Sternen betrachtete. Sie strahlten heute Nacht heller als zuvor, schienen

mir eine Botschaft senden zu wollen. Sie flüsterten mir sanft ins Ohr. Ignipotens, Ignipotens, du hast sie zurück. Hier ist deine Blume, du musst sie nur noch pflanzen, die Sonne wird ihr die Kraft geben zu gedeihen. Du musst sie nur pflanzen, Ignipotens, Ignipotens. Du kennst deine Vorhersehung, folge deinem Schicksal. Höre auf die Stimme, die nach dir schreit. Die Stimme, die schreit: Ignipotens, befreie uns. Ignipotens, Ignipotens, Ignipotens, Ignipotens...

Zwischen zwei Bäumen blieb ich stehen und starrte weiter ins Nichts. Meine Muskeln zitterten, meine Augen zuckten umher. Ich war zerrissen.

Der nächste Tag brachte neuen Sonnenschein. Ich schlug meine Augen auf und etwas in mir begrüßte diese ersten Strahlen, wie einen zurückkehrenden Freund. Ich erhob mich von dem weichen Waldboden unter mir und strich mir das Haar aus dem Gesicht. Hier unter den Sternen zu schlafen war eine Wohltat gewesen. Der Morgen war noch frisch, dort wo der Wald in eine sanfte Wiese überging, war das Gras von Tautropfen bedeckt, die wie Tränen an den Halmen herunterflossen und die fallende Nacht zu betrauern schienen. Ich hielt inne. Ich befand mich etwas oberhalb der Zelte und betrachtete, wie diese langsam zum Leben erwachten,

während die Sonne ihren Aufstieg begann. Langsam ließ ich mich fallen, schloss die Augen, atmete tief durch und folgte dem Fluss meiner Energie, so wie der Herr es mir gezeigt hatte. Wanderte von meinen Füßen durch meine Beine, meinen Oberkörper hinauf und bis in den Kopf. Als ich dir Augen wieder öffnete, fühlte ich mich seltsam entspannt und beruhigt. Das Unwohlsein der letzten Nacht war von mir abgefallen und es breitete sich fast schon etwas wie ein echtes Lächeln  auf meinem Mund aus.

Ich folgte dem dünnen Pfad zurück in die Stadt. Als ich mich alleine zwischen den Zelten bewegte, schauten diejenigen Menschen, die schon erwacht waren,

mich neugierig an. Sie waren alle so verschieden, wie ein Topf voller bunter Gemüse, aus vergangenen Zeiten.

Es dauerte nicht lange und ich hatte mich verlaufen. Die Menschen hier waren unberechenbar und was noch schlimmer war, sie hatten keine Furcht vor mir, keinen angstvollen, aber doch respektvollen Blick, wie in dem Soldatenlager. Für mich erschien hier alles einfach nur bunt, ungeordnet, unorganisiert. Und in höchstem Maße verwirrend war das offensichtliche Fehlen eines Anführers, oder Herrschers. Wer regierte diesen Haufen?

„Hihihi“ Ich drehte mich um, als ich Kinderlachen hinter mir vernahm. Drei

Knaben hatten offenbar ein Spiel entwickelt, in welchem der Mutigste derjenige war, der sich am Nächsten an mich herantraute. In diesem Fall war es ein dünner, blonder Junge. Als er meine Augen traf verstummte das Lachen und Unentschlossenheit trat in seine. Ich regte mich nicht, aber er kam langsam näher. Als er direkt vor mir stand, drückte er mir ein rotes Stück Tuch in die Hand, drehte auf dem Absatz um und verschwand mit den zwei anderen Knaben im Schlepptau. Verwirrt starrte ich ihnen nach und begutachtete dann das Tuch in meiner Hand. Es war kein besonderer Stoff, aus grobem Garn und nicht sehr wertvoll. Als ich den Blick

jedoch wieder hob, verstand ich. Eine rote Fahne flatterte über den restlichen Zeltspitzen und markierte die Mitte des Lagers und somit das größte Zelt, welches nicht wie vermutet, Wohnsitz der mächtigsten Person war, sondern lediglich Platz für Versammlungen bot. Was für eine Art Staatsform stellte mir sich hier dar?

Ich machte mich auf den Weg in diese Richtung und  betrat leise jenes Zelt. In der Mitte stand ein riesiger Tisch mit unzähligen Schnitzereien, nicht unähnlich dem Schreibtisch in meinem Zelt. Um diesen Tisch hatten sich einige Männer und zwei Frauen versammelt. Sie unterhielten sich angeregt und bemerkten

mich nicht. Auf einem der Plätze erkannte ich den Herren. Er sagte nicht viel, nickte nur ab und an und lächelte. Ein grober Herr schlug gerade mit der Faust auf den Tisch, als ich: „ Herr“ sagte. Jedes Gesicht kehrte sich mir zu und Ruhe entstand. Nach einem kurzen Augenblick begann der Herr erneut zu lächeln. „Ihr kommt wie gerufen Asrahel.“, und winkte mich heran. Ich folgte seiner Anweisung und er erhob sich.

„Sehr geehrte Senatoren. Ich denke es ist an der Zeit euch den Ignipotens vorzustellen. Dies ist Asrahel.“

Jemand begann lautstark zu lachen. „Wer soll das sein? Das ist wohl ein schlechter

Scherz. Ihr tretet vor uns mit der Hoffnung auf Freiheit und alles was ihr bietet, ist eine mickrige Kreatur?“ Ein paar ließen zustimmendes Gemurmel hören.

„Die Prophezeiung spricht von einem Nachfolger Pracificas. Ich glaube wir sollten uns nicht auf alte Mythen verlassen. Wir sollten vielmehr unser Schicksal selbst wählen. Lassen wir den Jungen gehen.“, erklärte eine der Frauen. Eine mit langem schwarzen Haar und olivfarbender Haut. „Siliccia hat Recht“, stimmte ein schmächtiger, bärtiger Mann der Frau zu. „Keine Experimente. Wir müssen endlich handeln. Kämpfen wir für den Frieden!“

Die andere Frau erhob sich. „´Nein. Keine Gewalt. Wenn der Herr Senator Gewalt wünscht, so soll er sich zu den Renati oder den Veti gesellen. Wir bleiben unseren Werten treu. Ich bin dafür, uns diesen Jungen etwas genauer anzusehen. Wer weiß, was unter dem schwarzen Haar zum Vorschein kommen mag.“ Sie sah mich mit offenem Blick an, weder misstrauisch noch mit Furcht. Nur neugierig.

Ich spannte mich an. Hier stand ich. Ein fester Schatten von allen Seiten begutachtet und verzehrt. Der Herr legte eine Hand auf meine Schulter.

„Das Feuer ist in ihm, ich kann es fühlen. Ihr alle wisst, wie lange ich

gesucht hab. Ich sage euch jetzt, ich habe gefunden. Ich sage euch jetzt, ich bin mir sicher, und ich sage euch jetzt, Asrahel ist unsere letzte Hoffnung. Bleiben wir unseren Werten treu, bleiben wir frei. Hier steht sie, unsere Freiheit, wir müssen sie nur ergreifen.“

Ich drehte mich um und verließ das Zelt. Ohne ein Wort, ohne ein Regung. Ging durch die Tücher hindurch und weiter geradeaus. „Das Feuer brennt in ihm, ich kann es sehen.“ Alter Mann, was ihr seht, sind Schatten und Licht. Was ihr seht sind Risse und was ihr seht ist eure Freiheit.

Die werdet ihr nicht bekommen, nicht von mir.

Ich bin das Feuer. Eingeschränktes Feuer sichert das Überleben vieler. Doch befreites Feuer kann nur eins. Zerstören. Unbeherrschbare Zerstörung, dass ist was euch alle erwartet. Hier steht euer Prophet. Aber die Prophezeiung ist falsch.

Kapitel Vier

Es kam mir vor, als hätte ich diese Situation schon einmal erlebt. Der Herr war gekommen um mich zu sehen. Doch diesmal war alles anders. Er fand mich am Waldrand, einen Platz, den ich sehr mochte. Er hatte die Frau mit den Zöpfen mitgebracht. Erienet.

Beide lächelten mich schon aus der Ferne an.

„Asrahel“ Der Herr sah mich unentwegt an. „Wir müssen reden“

„Tatsächlich?“, ich zog die Augenbrauen hoch. Als hätte ich eine Wahl.

„Ihr seid gegangen, warum?“

Ich lachte. Warum? Weil ihr nur ein

verrückter, alter Mann seid, der versucht seine Macht auszubauen. So wie alle anderen hier. Ich sagte nichts.

„Gut, ihr erinnert euch an den Anfang eurer Reise?“

„Ja“

„Ich möchte euch befreien, Asrahel. Erienet ist meine Zeugin, ihr seid ab dem heutigen Tag ein freier Mann und es steht euch somit zu, euch den Freien anzuschließen.“

Oder zu gehen. Die unausgesprochenen Worte lagen in der Luft.

„Wenn ihr...“ Ich unterbrach ihn: „Jetzt ist alles gesagt worden“ De facto war ich ein freier Mensch seit dem Beginn unserer Reise. De jure erst jetzt. Der

Herr sah mich nachdenklich an, fast schon traurig. „Ihr müsst euren Weg selbst erkennen. Wenn ihr Erkenntnis erlangt habt, so kommt zu mir“ Und mit diesen Worten drehte er sich um und ging. Erienet verharrte, legte dann eine Faust an die Stirn und folgte dem Herren. Sie erkannte mich als einen der Ihrigen an. Ich schüttelte den Kopf, als ich ihr hinterherblickte. Sie irrte sich. Freiheit war ein hohes Gut. Warum hatte ich dann das Gefühl gefangen zu sein?

Ich kehrte ins Lager zurück. Der letzte Satz des Herren ging mir nicht aus dem Kopf. Wohin sollte ich gehen? Was war meine Bestimmung? Meine neu gewonnene Freiheit bedeutete, für mich

musste es noch einen Sinn geben. Wo war mein Sinn, wo war mein Weg?

Als ich in meinem Zelt ankam, fand ich die zweite Frau auf einem der Sessel sitzend vor. Sie erhob sich, als ich das Zelt betrat und grüßte.

„Was wollt ihr?“ Sie kam auf mich zu.

„Ich kenne euch nicht, Ignipotens. Doch ist da etwas an euch, dass mich verstummen lässt. Ich kenne Xylophios schon lange und ich kann mir nicht vorstellen, dass er euch zu uns führen würde, wenn da nicht etwas hinter dem schwarzen Haar wäre, dass uns helfen kann.“ Ich schnaubte verächtlich und ging zu dem Schreibtisch.

„Ihr habt euch viele Feinde gemacht“

Feinde? Wovon sprach sie?

„Sagt mir was ihr wollt, oder geht“

Sie lächelte und folgte mir zu dem Schreibtisch. „Cappanemdus Volk gehört zu den Ältesten auf dieser Erde. Sie sind Krieger, aber auch sie sind nur Menschen und wünschen sich Frieden. Deshalb kam Placcapens zu uns, deshalb erhielt er einen Sitz im Senat und ist jetzt einer der hohen Senatoren. Cappanemdu war sein Bruder.“ Ich verzog das Gesicht. Ich war es nicht, das war nicht ich. Ich habe ihn nicht getötet!

„Sagt mir, dass ihr der Prophet seid, und ich helfe euch. Für das Wohl aller.“ Ihr müsst euren Weg selbst erkennen. Wenn ihr Erkenntnis erlangt habt, so kommt zu

mir. War dies mein Weg?

„Was verlangt ihr von mir?“

Sie lächelte. „Ich möchte den Senat ausschalten. Xylophios ist ein Narr, wenn er glaubt, man könne so regieren. Meine Mutter war eine Adelige, sie stammt von einem der alten Geschlechter ab. Was ich möchte, ist der Thron. Gibt mir einen Thron, Ignipotens, und ihr behaltet eure Freiheit“

Ich durchbohrte sie mit meinen Augen. „Ich glaube, es ist besser, ihr geht“

„Wie ihr wünscht“ Sie ging tatsächlich, aber mein Gefühl sagte mir, dass sie nicht einfach aufgeben würde.

Die Tage vergingen zäh. Die zweite Frau

sah ich nicht wieder, aber ich hielt mich nicht sehr viel unter den Menschen auf. Nur mit Erienet sprach ich ein paar Mal, doch sonst hatte ich mir mein altes Verhalten angewöhnt. Ich war der Schatten, den keiner sah und wenn doch, jeder das Gesicht abwandte. Ich wusste nicht, was im Senat geschah oder was beraten worde, aber es zog sich hin. An einigen Tagen, hörte ich wie sie sich gegenseitig anschrien.

Ich verbrachte viel Zeit mit meinem Schwarzen, abseits des Lagers, wo ich das Gefühl hatte, mehr ich selbst zu sein.

„Lauf“

Und er lief. Ich galloppierte über die

langgezogenen Wiesen mit dem grünen, langen Gras, durch die lichten Wälder und über die Bergkämme. So weit bis ich fern von allem war, was eine Bedeutung im Herzen der Menschen hatte. Es fühlte sich gut an. Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich, wie ich eins wurde mit dem Jungen aus der Wüste. Wie ich ihn wieder in mir aufnahm und seine Leidenschaft begrüßte. Vor meinen Füßen erstreckte sich ein stiller, tiefblauer See in einem Tal. Auf der anderen Seite erkannte ich einen Tannenwalriesige, schneebedeckte Gipfel. Monströse Berge. Ich verweilte zwischen all den wilden Blumen an dem See und ließ den Schwarzen grasen. Ich

wusste nicht warum ich zurückging. Aber ich tat es. Manchmal blieb ich eine Nacht, doch ich kehrte immer zurück. Der Junge in meinem Herzen erinnerte sich an ein Mädchen in bunte Tücher gehüllt, ein fremdes Mädchen mit wunderschönen Augen. Einen alten Mann mit Bart, mit den bunten Augen, die mir den Schmerz genommen hatten und mir einen Weg eröffnet hatten.  Wenn ihr Erkenntnis erlangt habt, so kommt zu mir.

Ich kehrte am gleichen Abend zurück in die Zeltstadt. Kehrte mit einem neuen Gedanken zurück, einer wahnwitzigen Idee. Mit einem Lichtfleck in meinem Augen und mit Hoffnung im Herzen. Ich

kehrte zurück als Ignipotens, der Beherrscher des Feuers.

Es war dunkel geworden als ich geradlinig auf das Zelt des Herren zuschritt. Ich hörte schon früh Schritte hinter mir, ignorierte diese aber. Kurz vor meinem Ziel hielt ich inne und drehte mich um. Erienet stand dort in einiger Entfernung und starrte mich an. Ihr Haar war wie jedes Mal so kunstvoll verflochten, dass es meinen Blick anzog. Doch ihr Gesicht zeigte eine Art Emotion, wie ich sie bei ihr nicht erwartet hatte.

„Asrahel!“, rief sie und schüttelte mit dem Kopf. „Geht nicht, noch nicht.“ Ich kniff die Augen zusammen folgte aber

ihrem Wunsch und wartete auf etwas.

„Folgt mir, ich möchte euch etwas zeigen.“

Ich folgte ihr, fast tranceartig. Sie verließ das Lager und bewegte sich elfenartig zwischen den Bäumen hindurch. Immer wieder verloren meine Augen sie, nur um in der nächsten Sekunde eines ihrer flatternen Bänder aufblitzen zu sehen. Der Wald wurde dunkler und die Bäume standen enger. Fast wie ein alter Freund gab ich mich dem Gefühl der Unsichtbarkeit hin. Wüsste ich doch nicht, dass dieses Gefühl für immer verloren war. Meine Augen waren schwarz und blieben schwarz, doch meine Seele hatte mein

Feuer aufgenommen. Sie glühte und das sah man in meinen schwarzen Augen.

„Wir sind da“ Erienet drehte sich um und blickte mich an. Dann setzte sie sich auf den nassen Boden und schloss die Augen. Ich beobachtete sie dabei wir sie ein und ausatmete und immer ruhiger wurde. Sie war schön, das konnte ich erkennen. Doch es gab mir nichts und es sagte mir nichts. Ihre geschlossenen Augen und ihr Atem aber zeigten mir ihre wahrhaftige Schönheit. Sie kam von innen, aus einer Kraft heraus, die in ihr saß und sich hier vor mir langsam entfaltete und sichtbar wurde.

Sie öffnete die Augen. „Ich bin nicht hier geboren, Asrahel. Und ich bin nicht

hierher gekommen um hier zu sein. Dieser Ort ist nur eine Etappe auf dem Weg zu wahrer Freiheit“ Sie holte tief Luft und breitete die Arme aus. „Ich bin beides. Veti, Renati, ich bin eine Métis. Die alten Gaben zirkulieren auch in mir und ich kann sie lenken Und jetzt bin ich eine Freie. Doch nichts von alledem wollte ich jemals sein. Ich wollte einfach nichts sein, frei.“ Sie sah mir jetzt direkt in die Augen. „Ich möchte das, was ihr habt.“

Ich lachte und sie sah mich bestürzt an, als hätte sie mit einer anderen Art von Reaktion gerechnet. „Ihr wollt das, was ich habe? Nun, wenn es das ist was ihr sucht, dann  schließt lieber wieder die

Augen. Schließt die Augen und öffnet sie nie wieder. Bleibt dort sitzen und werdet eins mit dem Tod.“ Meine Stimme wurde lauter, so länger ich sprach. „Erienet, wenn das euer Name ist, dann legt ihn ab. Ihr braucht keinen mehr. Wenn ihr das wollt, dann seid ihr tot. So wie ich. Und wenn ihr dann verstanden habt, dass es nicht eure Bestimmung ist, auf dieser Erde zu wandeln, dann erspart euch das Sterben, denn der Tod wäre zu gnädig und der Fluch des Nichts und der Dunkelheit wird auf euch lasten“ Ich lachte jetzt wahrhaft. Es amüsierte mich fast schon, wie sie dort saß und sich anmaßte auch nur das geringste vom Tod zu verstehen.

„Und dann werde ich noch viel mehr über euch lachen. Nehmt euch in Acht, was ihr sagt und wem ihr es sagt, Erienet.“ Ihre Augen starrten mich an und ich machte einen Schritt auf sie zu.

„Geht nicht, Asrahel. Er ist nicht was er zu sein vorgibt und diese ganze Gemeinschaft ist eine Lüge, die man leicht vergessen kann. Allzu leicht. Das ist nicht was ihr zu tun best-“

Ich krallte eine Hand in ihr Haar und flüsterte:“ Vergesst alles was ihr wisst oder was ihr nicht wisst, aber ich werde mich keinem Gott und keinem Menschen fügen. Nur mir selbst und meinem Sinn hier. Ignipotens nennen Sie mich da, wo ich herkomme. Vielleicht haben sie

Recht. Ich bin das Feuer und das Feuer ist euer Tod.“ Ich drehte mich um und ging davon, sie saß am Boden, kauerte fast schon und zitterte von meiner Berührung. Als die Sonne meine Haut berührte, schien mir ein Schleier von den Augen genommen. Willkommen zurück, Licht.

Doch meine Schritte lenkten mich nicht zu dem großen Zelt in der Mitte. Ich suchte nach etwas anderem und es dauerte nicht lange als ich in einen Teil des Lagers kam, der merkwürdig anders aussah und in einem abgegrenztem Bereich lag. Meine Hand fühlte den Dolch an meiner Seite und das Gefühl einer tödlichen Waffe gab mir

Seicherheit. Ich wusste, dass ich hier nicht sicher war, aber einige Dinge in meinem Kopf kamen mir verknotet vor und ich beabsichtigte sie zu entwirren. Ich hielt mich am Rand und betrat das Lager durch ein Loch in der Umzäunung der hauptsächlich für Abfälle gedacht war. Es stank, doch ich roch nichts. War ich doch ein ausgebildeter Soldat. Ich erinnerte mich genau an meine Ausbildung. Ich zwängte mich durch die Öffnung und wartete bis die Stimmen auf der anderen Seite verklungen waren, bis ich mich hinaus wagte. Es dämmerte schon und das kam meinem Vorhaben zu Gute. Placcapens kriegerisches Urvolk würde mich auf de Stelle töten, da hatte

ich keinen Zweifel. Doch sie würden mich nicht einmal bemerken und der Tod selbst war ein Risiko, welches ich gerne einging.  

Der Schlamm klebte an meinen Kleidern, dem Bart und meinem Haar. Ich schlich mich im Schatten der riesigen Zelte voran und passte mein gesamtes Auftreten der Umgebung an. Ich dachte nicht daran, dass ich mich verstecken müsse, sondern nur an das was mich umgab und wie es einander beeinflusste.

Einige Meter vor mir endeckte ich einen dunkelhäutigen Mann an einm Pfosten kauern, an welchem einige Pferde festgezurrt waren. Seine Ohren waren durchbohrt und sogar seine Zunge zierte

ein silberner Ring, welchen er ohne Unterlass gegen seine Zähne klirren ließ. Das Geräusch, welches entstand war leise, trotzdem laut genug für mich. Meine Intuition veranlasste meine Muskeln zu einer schnellen Bewegung und ich hatte das Messer gezogen und umklammert. Ich schlich mich näher bis ich auch seine regelmäßigen Atemzüge hören konnte. Als ich meine Hände von hinten um seinen Hals legte, erstarrte er und zischte: „Adahiste!“

Ich zögerte. Ich brauchte die genaue Bedeutung der Worte der Sprache nichgt zu kennen, um zu wissen wovon er sprach. Ich umklammerte jetzt seinen Kopf hielt ihn fest. Er wehrte sich heftig

und riss an mir. Der Schmerz aber drang nicht zu mir durch, denn er speiste das Feuer in mir und ließ meine Hände erhitzen. Seine haut wurde rot, wo ich ihn berührte und jetzt schrie er tonlos. Er kämpfte nicht mehr gegen mich sondern wandte sich nur, völllig kopflos. <ich hielt ihn weiter, griff in seinen Mund und riss an seiner durchlöcherten Zunge, zog mein Messer und schnitt sie ihm aus seinem Mund. Seine Augen qoullen hervor und darin sah ich den puren Verlust von seinem Verstand, während mir rotes Blut ins gesicht spritzte,. Ich ließ ihn fallen, als ich siicher war, er würde nicht mehr schreien können, selbst wenn er wollte

und er kippte um, vedrehte die Augen und zuckte. Sicherlich hörte er nicht mehr wie ich mich entfernte und mit meinem schlammigen Ärmel das Gesicht abwischte.

Er war in meinem Weg. Missionen erfordern Opfer, Opfer müssen gebracht werden. Es wird ihen Seelenheil geben für etwas gestorben zu sein.

Ein direktes Gespräch mit Placcapens war vielleicht riskant, ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Doch eine Stimme in mir suchte nach Antworten, mehr als der Herr mir geben konnte. Denn hinter all seiner Weisheit, Güte und Macht war njoch etwas verborgen und ich traute dem alten <mann in

seinem Stuhl nicht. Die zweite  Frau war ein Grund. Erienet hatte mich gewarnt, auch wenn ich beiden Personen nichs entgegenbrachte, ihnen noch nicht einmal glaubte, wusste ich, dass die Menschen nichts taten ohne einen Grund. Und das reichte um mehr zu erfahren. Vor allem, was war wirklich mit Cappanemdu geschehen? Hatte er gelogen? War ich ein anonymer Mörder, war ich Ignipotens“

Du hast es längst erkannt, sagte der kleine Junge aus der Wüste, und nichts wird das ändern können. Es ist vorherbestimmt. Es ist dein Schicksal.

Dennoch meine Suche nach Antworten war notwendig. Es war der tote Teil in

mir und er versuchte mich in die Glut zu ziehen, vollkommen. Ich musste ihn loswerden.

Verbrennt meine Ehre und äschert meine Vorfahren, vergesst meinen Namen. So soll es geschehen. Der große Herr des Feuers macht mir seine Aufwartung. Ich erwarte nichts von dir. Verschwinde, Kind.“

Ich stand inmitten eines Lagers. Viele Männer hatten sich um ein großes Feuer versammelt, in ihrer Mitte stand Placcapens. Ich befand mich am Rand, möglichst weit vom Feuer entfernt. Es machte mich nervös. Ich hatte Angst. Ein ungewöhnliches Gefühl.

„Om bhûr bhuvah suvah tat savitur varenyam bhargo devasya dhimahi dhiyo yo nah pracodayât“ Placcapens hob seine Hände gen Himmel und hielt die Augen geschlossen. Die Männer um das Feuer wiederholten die mantraähnlichen Worte und wiegten sich dazu hin und her. Völlig ausgeschlossen stand ich inmitten des Kreises, alleine. Placcapens öffnete die Augen und sah mich an. Das Licht des feuers tanzte auf den bunten Stäbchen in seinen Ohren und ließen sein gepierctes Gesicht fast unmenschlich erscheinen. Seine Stimme wies einen starken Akzent auf, als er wieder mit mir sprach.

„Meine Augen sehen deine Gestalt noch,

Ignipotens. Meine Worte waren klar. Geht, oder ihr sterbt. Meine Ohren hören vieles, und ich weiß, andere denken, ihr seid der Prophet und wieder andere denken ihr seid das Omen, der Tod, der kommt. Hier seid  ihr nur ein Mann der Unrecht an unserem Volk übte. Hier seid ihr des Todes. Geht.“ Ich musterte ihn. War mein Plan auch gescheitert, heimlich zu ihm vorzudringen, das hier war viel mehr als Soldat wissen sollte. Kein Kamp, Politik.

„Ich kam wegen der Antworten“ Ich sprach leise, und zum ersten Mal spürte ich die Aufmerksamkeit der anderen am Lager. Er aber wandte sich ab und umschritt das Feuer einmal mit seinen

langen Beinen, fast schon als würde er tanzen, während er fremdländische Klänge ausstieß und mir dabei wenig Beachtung schenkte. Seine primitivität und die Banalität mit der er mit mir sprach, ließen mich von innen auflodern. Das war nicht der mann, der mich leichtfertig umbringen wollte, der schrie und vollkommen zügellos war. Den mehrere Männer festhalten musste. Ich verstand ihn nicht.

„Cappanemdu ist tot“, sagte ich und Stille trat ein. Placcapens unterbrach seinen Tanz und jetzt sah ich den Hass in seinen Augen. Ein Raunen ging durch die Reihen.

„sagt mir, was ihr hier wollt und

welches Ziel Xylophius verfolgt. Sagt mir wer Cappanemdu war.“ er starrte mich weiterhin an. „Meine Ohren vernehmen deine klanglose Sprache doch deine Worte sind Gift. Ich will nichts wissen und ich will nicht mit dir sprechen“ Er holte tief luft undsenkte seine Stimme wieder. „Ich weiß nicht was du willst, ich weiß nicht was Xylophius will. Mein Wissen beschränkt sich darauf, dass du ein Mörder bist. Ich verabscheue dich. Dein Schicksal ist mir gleich.“ Dieser Mann sagte mir nichts und genau das hatte ich erwartet. Ich wusste plötzlich nicht mehr was ich hier tat. Ich sollte gehen. Doch bevor ich mich nur einen zentimeter bewegen

konnte, war mein Blick wie gefangen in den Flammen. Sie waren wunderschön. Unter meinem Blick schien sich das Feuer aufzuheizen, es begann wie wild zu flackern. Ich hob meinen Kopf und trat näher, wie gebannt. Vernahm nicht was um mich geschah. Meine Hand streckte sich nach dem feuer aus und ließ es über meine Fingerkuppen tanzen. Es war wie tausend elektrische Schläge. Dann sah ich zu Placcapens hinüber. Er schrie, und der laut explodierte schlagartig in meinen Ohren, als ich sah, dass er brannte. Ich zog meine hand zurück, sank auf die Knie und grub die Hände in den Sand. Meine Augen flackerten. Was geschah mit mir?

Ich hatte keine Ahnung. Ich stand auf und rannte davon.

Ich holte Luft und legte mich auf den weichen Waldboden zwischen den hohen, dunkelgrünen Tannen. Ich konnte nicht länger im Zwielicht bleiben. Ich musste mich entscheiden. Entweder ich ging und mit mir die Prophezeihung. Oder ich blieb und stellte meine Seele ins vollkommene Licht. Das Bild von Placcapens wie er brannte, der Schrei auf seinen Lippen hatte sich in mir verankert. Es war ein Fehler gewesen, zu denken ich wäre groß genug für so etwas. Ich war es nicht, ich passte nicht in mein eigenes gedankliches Konstrukt und das ließ mich fehlerhaft werden. Ich

musste die Entscheidung treffen, unabhänig vom Herren und von allen anderen. Es war nicht wichtig, woher Cappanemdu kam, ob ich ihn tötete. Es wa nicht wichtig, wieso der Herr dachte, ich wäre der Prophet und es war nicht wichtig ob Placcapens brannte. Diese Entscheidung hatte ich allein zu treffen. Völlig frei von allen Einflüssen.

Ich bemerkte, dass Erienet kam und sich abseits von mir auf den Boden setzte. Sie saß dort eine ganze Weile, mit bunten Tüchern und Schleiern, doch sie sagte nichts.

Die Zeit verging und ich traf eine Entscheidung. Ich erhob mich und ging mit Erienet zurück in die Stadt aus

goldenen Zeltspitzen.


















Steht nicht an meinem Grab und weint,

ich bin nicht da, nein, ich schlafe nicht. Ich bin eine der tausend wogenden Wellen des Sees, ich bin das diamantene Glitzern des Schnees, wenn ihr erwacht in der Stille am Morgen, dann bin ich für euch verborgen, ich bin ein Vogel im Flug, leise wie ein Luftzug, ich bin das sanfte Licht der Sterne in der Nacht.

Steht nicht an meinem Grab und weint, ich bin nicht da, nein ich schlafe nicht. (Gedicht der Lakota)

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Hörbuch

Über den Autor

Siliccia
There's nothing more powerful on this world than words.
Words can bring you everywhere. Words are wonderful and dangerous in the same time. To those who know about the power of words, it's a weapon and a gift, for those who don't, well they might fall very fast without knowing why. We should deal more carefully and certain with words. They can create a world, a wonderful world, but they can also easiliy destroy that world.

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