Fantasy & Horror
Der Kaiser der fliegenden Stadt - Komplettfassung

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"Der Kaiser der fliegenden Stadt - Komplettfassung"
Veröffentlicht am 19. Mai 2014, 2130 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

...Was gibts über mich zu wissen ? Ich schreibe gerne, deshalb bin ich auf der Seite angemeldet. Muss man mehr wissen ?Ich freu mich natürlich immer über konstruktive Kritik und Kommentare zu meinen Texten.Sonst noch was über mich.. Malt und Metalhead und Laborheini mit einem Faible für Philosophie, Pfeifen und Fantasyliteratur. Erwarte also bitte niemand zu viel von mir :-) Oh und mich gibts auch bei ...
Der Kaiser der fliegenden Stadt - Komplettfassung

Der Kaiser der fliegenden Stadt - Komplettfassung

EInleitung


Zweihundert Jahre lang hat das Haus der Belfare das Kaiserreich Cantons regiert. Doch nun droht das Reich unter inneren Unruhigen zu zerbrechen. Während im Süden die Krieger des Stadtstaats Helikes gegen die Grenzen des Imperiums anrennen, lehnen sich die Clans der Gejarn im Inneren gegen ihren Herrscher auf. Die Jahrhunderte der Einheit scheinen ihr Ende gefunden zu haben und während der Kaiser darum ringt, die Ordnung zu erhalten, lauern in den Schatten schon Mächte, die nur auf ihre Chance gewartet haben. Der

ambitionierte Sanguis-Orden, die Gemeinschaft der Zauberer, verfolgt ihre ganz eigenen Pläne für die Zukunft Cantons und inmitten all der Unruhen flieht schließlich auch noch der Sohn des Kaisers, Kellvian Belfare aus der fliegenden Stadt. Sein behütetes Leben hinter sich lassend, ahnt der junge Mann noch nicht, dass das Schicksal des Kaiserreichs vom Ausgang seiner Reise abhängt.

Bildquelle : Cover by https://www.wattpad.com/user/NightMareDrug


Prolog

Das Leben und Sterben des letzten Kaisers ist eine Geschichte um die sich so viele Legenden und Mythen ranken, lasst mich euch sagen, keine davon ist wahr und wenn doch ein wahrer Funke darin ist, so nur ein kleiner. Kellvian Belfare war weder ein strahlender Held noch ein großer Krieger. Aber ich habe ihn als einen Mann kennen gelernt, der von seinem Tun überzeugt war. Ein guter Mann zur rechten Zeit ist mehr Wert, als all eure Armeen und Kriegshelden, die ihr so feiert. Nein, selbst im Tod von ihm als Held zu sprechen wäre, zu Lügen

um den Schein zu wahren. Und ihr fragt mich nun was ihn tötete? Was ihn zu Fall brachte war nicht das Schwert. Es war Liebe. Die närrische, nur allzu menschliche Liebe eines jungen Mannes. Nicht mehr als das. Vielleicht mag man mich hier in Frage stellen. Die Historikerwerden am Ende ohnehin schreiben, was sie wollen. Und jetzt wo meine Hände zittrig und meine Augen Trübe werden fürchte ich, könnte mir die Kraft fehlen alles zu erzählen. Doch ich muss am Anfang beginnen damit ihr versteht. Ihr Menschen versteht immer so wenig und liebt es eure Augen zu verschließen. Doch vor dieser Wahrheit dürft ihr es

nicht. Als ich Kellvian das erste Mal begegnete war er noch ein Säugling. Hätte ich damals geahnt, dass wir alle bereits nichts als Fäden im Netz des Meister waren, vielleicht hätte es einen anderen Ausweg gegeben. Doch die Pläne des alten Volkes, waren eine Spinnwebe in der selbst ich mich mit meiner Klarsicht längst verfangen hatte. Und der eine goldene Faden, der das ganze Gespinst trug sollte Kellvian sein. Aber ich greife voraus…. Es war im Jahre 233 der Herrschaft der Balfare Dynastie… -Fragmente der Aufzeichnungen des

Sehers Melchior Geheime Verschlusssache der imperialen Archive zu Vara Die goldenen Hallen im Zentrum der fliegenden Stadt waren noch hell erleuchtet, obwohl der Rest der sie umgebenden schwebenden Paläste längst im Dunkeln lag. Die silbernen Brücken und gewaltigen Aquädukte, welche die schwebenden Inseln und Gebäude miteinander Verbanden schimmerten im Mondlicht, als wollten sie mit den Sternen am Himmel wetteifern. Filigrane Türme und Bauten erhoben sich,

scheinbar von nichts getragen, zu den Wolken. Konstrukte, in Schwebe gehalten von uralter, unvorstellbarer Magie. Das Land unter der Stadt lag in tiefe Schatten gehüllt, nur hier und da durchbrochen von einem Feuer, wo sich der ständige Tross welcher der Kaiserstadt auf ihrem Weg folgte niederließ. Steinmetze, Arbeiter, Diener aber auch Bettler und Gaukler aus allen Ecken des Canton-Imperiums. In den goldenen Hallen des Kaiserpalastes bekam man solche Gestalten freilich selten zu sehen. Die Wände des Thronsaales waren mit dutzenden von glühenden Kristallen besetzt, welche den Raum in warmes

Licht tauchten. Der Boden selbst bestand aus weißem, vollkommen glatt geschliffenem Marmor, wie er nur in den von ewigem Eis umschlossenen Steinbrüchen von Immerson gewonnen wurde und ein gewaltiges, täuschend echtes Gemälde des Abendhimmels zierte die Decke. Goldene Wolken und Sterne aus Diamanten wölbten sich über den Köpfen der Anwesenden. Das einzige, was dem übermäßigen Prunk etwas von seinem Strahlen nahm, war die einfache Holzwiege, die neben dem Aufgang zum Thron stand. Auf dem Bernsteinthron im Zentrum des eindrucksvollen Saals saß Kaiser Konstantin Belfare wie die hunderte von

Herrschergenerationen vor ihm. Die dunkelblonden Haare, in denen die ersten grauen Strähnen glänzten, trug er kurz geschnitten. Ein, im Glanz des Saals fast untergehender, Reif aus Gold lag auf seiner Stirn. Lediglich ein einzelner, klarer Stein war als Schmuck darin eingelassen. Konstantin Belfare war normalerweise niemand, mit dem man Mitleid hatte. Unter ihm waren weite Teile der heutigen Reichsgrenzen erst gesichert worden und viele sahen ihn schon jetzt als einen der größten Herrscher, welche je Canton je regiert hatten, nur noch vergleichbar mit Simon Belfare selbst, der seine Dynastie einst Begründet und

den Thron in der fliegenden Stadt erobert hatte. Heute jedoch blickte der Gebieter über fast die gesamte bekannte Welt voller Furcht und Stummer Wut auf den schwarz gewandeten Mann der vor der Wiege und den Stufen des Throns kniete. Die zwei mit Musketen bewaffneten Gardisten, die neben dem Aufgang Wache hielten wirkten nervös, auch wenn keiner ein Wort sagte. Die blauen Uniformen mit den vergoldeten Uniformknöpfen wiesen sie als Mitglieder der imperialen Leibgarde aus, der persönlichen Wache des Kaisers und damit der schlagkräftigsten Truppe, welche die ewigen Schlachtfelder des

Südens je gesehen hatten. Elitesoldaten, die ihre Waffen mit tödlicher Disziplin führten. Gegen die Worte des Mannes, der dort so ruhig vor ihnen kniete, konnten jedoch selbst sie nichts ausrichten. Einer der beiden war unübersehbar ein Gejarn, auch wenn Melchior bisher selten welche gesehen hatte. Er hatte schon gehört, dass Vasallenvolk des Imperiums oft im Militär zu finden war. Ohren und Rute des Postens zuckten, als er merkte, dass Melchior ihn musterte. Die Gestalt des Mannes erinnerte ihn an einen Löwen auf zwei Beinen und er überragte seinen menschlichen Counterpart um fast die Hälfte. Die Pranken allein hätten

vermutlich ausgereicht, Melchior sofort den Schädel zu zerschmettern, sollte er auf die Idee kommen, dem Kaiser irgendwie zu nahe zu kommen. Auf einem Schlachtfeld sicher ein furchterregender Anblick, aber der Seher fürchtete ihn nicht. Er kannte die Stunde seines Todes schon seit sehr langer Zeit, hatte sie gekannt, seit seine Gabe als Junge in ihm erwacht war. ,,Es tut mir leid Herr.“ , sagte er und das tat es tatsächlich. Aber es lag nicht an ihm, das Schicksal betrügen zu wollen. ,,Ich sage nur, was ich sehe.“ Konstantin legte die Stirn in Falten. ,,Nein.“ , sagte er entschieden. ,,Ihr irrt euch, ihr müsst euch irren.“

Melchior schüttelte langsam den Kopf. Der Vorsehung etwas befehlen zu wollen, das brachte auch kein Kaiser fertig. ,,Es tut mir leid, ich wünschte selber es wäre anders.“ Der Seher erhob sich und trat mit einem traurigen Lächeln an die Wiege heran. Wie sehr er wünschte, sich zu täuschen. Der Säugling, der vor ihm unter einer Seidendecke lag tat ihm leid. Selbst wenn seine Vision nicht alles enthüllte, eines war klar. ,,Er wird die fliegende Stadt zerstören. Euer Haus wird durch sein Handeln fallen.“ Es hatte keinen Sinn, die Wahrheit schön zu reden. ,,Ihr lügt Seher.“ Der Kaiser war

aufgesprungen und seine Hände ruhten demonstrativ auf dem griff eines schweren Zeremonienschwerts mit breiter Klinge. Eine untypische Waffe, aus längt vergangenen Zeiten, eine, die wohl schon Simon auf seinem Eroberungszug geführt haben mochte. Die Enden der Parierstange waren jeweils zum Kopf eines Adlers und eines Löwen geformt, den Wappentieren der Belfare. Melchior seufzte. Sicher, das Schicksal war nicht festgeschrieben, wie es viele der Gelehrten glaubten. Aber es gab Fixpunkte, Dinge, die unter allen möglichen Umständen geschehen würden

und geschehen mussten. ,,Es gibt einen einzigen , sicheren Weg um meine Prophezeiung herum.“ , sagte er düster. Er musste es dem Kaiser zumindest sagen, selbst wenn er sich schrecklich dabei fühlte. Wieso hatten seine Götter ausgerechnet ihn mit dieser Gabe gesegnet? Er wusste schon, dass die Mutter des Kleinen bei der Geburt gestorben war. Und damit einen Mann, der daran gewöhnt war die Welt zu beherrschen mit dem Großziehen eines Kindes allein ließ. Tragisch, aber er hatte die Schrecken der gesamten Geschichte vor sich ausgebreitet gesehen. Vielleicht war Melchior der Seher unfähig geworden,

Trauer zu empfinden. Der Gedanke ließ ein müdes ausgezehrtes Lächeln über seine Züge wandern. Der Kaiser hatte ihn selbst aus den Einöden des Nordens hergerufen und nach der Zukunft seines Kindes gefragt. Nun , so schien es, könnte dieses sich noch heute entscheiden. ,,Sprecht.“ , befahl der Herrscher hektisch. ,,Ihr könnt das Kind töten. Jede Zukunft, die ich überblicke endet mit dem Fall eurer Stadt. Und immer ist er es, der im Zentrum steht. Wenn euch eure Stadt so viel bedeutet, wenn euch euer Haus und eure Dynastie das Wert sind, beendet es hier. Aber wenn er lebt

wird die fliegende Stadt fallen.“ Als Melchior zu sprechen aufhörte, bebte der Kaiser vor Wut. Einen Moment lang rechnete Melchior tatsächlich damit, dass Konstantin aufspringen und sich auf ihn stürzen würde. Dann jedoch, wendete er sich mit kaum verhohlener Wut an seine Wachen. ,,Entfernt diesen Mann, der offenbar vergessen hat, wo er sich befindet. Erinnert ihn daran, bevor ich mich vergesse.“ Die zwei imperialen Gardisten flankierten den Seher, der jedoch die Hände abschüttelte, die nach ihm griffen. + ,,Vielleicht solltet ihr mich zu Ende anhören, Herr. Ihr müsst verstehen,

warum dies geschehen wird… Aus der Asche kann immer etwas Neues entstehen. So auch hier.“ Der Kaiser hörte ihm längst nicht mehr zu, als einer der Gardisten den Seher unsanft am Arm packte und in Richtung der vergoldeten Flügeltür stieß. Und dann weiter, hinaus in die Nacht. Melchior blickte einen Augenblick zurück auf die hohen Mauern des Palastes. Dann erst wendete er sich ab und verschwand in den dunklen Straßen. Er konnte warten. Was ihm seine Gabe erträglich machte, war seine Neugier. Er würde ein Auge auf den jungen Kellvian haben, wenn die Zeit gekommen war. Ein derart verwobenes Schicksal war ihm

schon lange nicht mehr untergekommen.

Kapitel 1 Die fliegende Stadt

Kellvian Belfare stand am Fenster seines Zimmers und sah der unter ihm vorbeitreibenden Landschaft zu. Die fliegende Stadt bewegte sich nur langsam. Mit dem gemächlichen Tempo eines Wanderers schoben sich die ,etwa in Dachhöhe eines Hauses, über der Erde schwebenden Paläste und Prunkbauten über Flüsse, Berge und Täler hinweg. Im Augenblick jedoch war das Land flach. Eine grüne Ebene lediglich unterbrochen von einigen kleinen Wäldchen und einem einzigen, breiten Fluss, der sich mäandert wie

eine silberne Schlange dahinzog. Kell konnte der Aussicht jedoch grade nichts abgewinnen. Gedankenverloren hob er die Hand um sich eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen, die nicht mehr da war. Seit wenigen Stunden waren seine Haare auf der rechten Kopfseite zu einem einfachen Zopf geflochten. Ein uraltes Symbol, das noch aus der Zeit stammte, als die ersten menschlichen Nomaden aus dem Eis des Nordens kamen. Das Symbol, das er das erste Mal Blut in einer Schlacht vergossen hatte. Wenn man das so nennen konnte… Seine Hand zitterte, als er sie langsam wieder senkte. Die Wahrheit war, dass Lore ein Massaker

gewesen war. Die einfache, weiße Weste, die er trug, war übersäht mit Rußflecken. Der ganze Ort hatte in Flammen gestanden, erinnerte sich, Feuer, das zum Himmel aufloderte und die Wolken in unheilvollem, rotem Licht illuminierte. Langsam wendete er sich vom Fenster ab. Der Raum in dem er sich befand, war genauso prunkvoll wie jeder andere Saal in dem Palastkomplex der den Bernsteinthron umgab. Die hohen Decken und kalten mit Marmor verkleideten Wände ließen alles ungemütlich und Abwesend wirken. Auf dem roten Samt-Tuch eines Bettes, lag ein Degen mit verziertem Korbgriff und

dazugehöriger Schutzhülle. Ein passender Parierdolch daneben wies noch Blutflecke auf. Kellvian hatte sich noch nicht Überwunden, die Waffe zu säubern. Sollte sie doch verrosten. Er wusste nicht ob er sich so bald noch einmal Überwinden konnte, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Und doch würde es von ihm erwartet werden nicht? Alleine bei dem Gedanken wurde ihm flau im Magen. Aber welche Wahl hatte er schon? In einer Ecke des Raumes stand ein großer Schreibtisch, auf dem sich Bücher stapelten. Manche waren aufgeschlagen, jede freie Fläche mit Notizen übersäht. Unsicher hob Kell einen der

geschlossenen Texte auf. Wehklagen der Steine – Über die Artefakte des alten Volkes. Er ließ es achtlos an seinem Platz zurück fallen. Was nützten ihm alle Studien jetzt schon. Einen Ausweg jedenfalls gab es in diesen Büchern nicht… Jemand klopfte an die Zimmertür und riss ihn damit aus seinen Gedanken. ,,Herr ?“ Die Stimme klang respektvoll aber auch nicht so, als würde sie sich abweisen lassen. ,,Kommt rein.“ , seufzte er schließlich, nachdem er kurz überlegt hatte sich taub zu stellen. Aber das war natürlich kein Gedanke, der seiner angemessen war. Aber unter Zivilisten ein Gemetzel

anzurichten offenbar schon. Er unterdrückte ein Kichern, ein Laut, der viel zu sehr nach aufkommendem Wahnsinn klang, als die Tür sich öffnete. Und war es nicht genau das? Die Wände um ihn schienen ihm zu eng und drohten ihm die Luft abzuschnüren und wenn er die Augen schloss… dann waren da nur lodernde Feuer. Ein Gejarn in der typischen blauen Uniform der kaiserlichen Leibgarde trat ein. Das Gesicht des Mannes erinnerte Kell auf den ersten Blick an einen Bären, wies aber auch unverkennbar menschliche Züge auf. Die Krallen des Gardisten klackten auf dem Holzboden als er in den Raum trat und sich

verbeugte. Vermutlich würde irgendein armer Teufel später wieder Fluchen, wenn er die Kratzer herauspolieren musste. Ein Gejarn mit Schuhen wäre allerdings auch ein wahrhaft seltsamer Anblick. Kells Gesichtszüge hellten sich etwas auf. ,,Was gibt es denn Syle ?“ , wollte er wissen. ,,Der Ordensoberste sucht nach euch, Herr.“ , meinte er lächelnd. Vermutlich hätte dieses Grinsen manchen Menschen Angst gemacht, ließ es doch viel zu viele, scharfe Zähne erkennen. Kell hingegen grinste Ebenfalls. Der Orden war bei den Gejarn verhasst wie kaum etwas sonst und auch wenn er diese

Abneigung nicht teilte, einem Treffen mit Tyrus sah er auch nicht unbedingt entgegen. Nicht mehr. ,,Lasst mich raten. Er hat heute ausnehmend gute Laune?“ , fragte Kell. Syle schien ein Lachen unterdrücken zu müssen. ,, Ihr kennt ihn, Herr. Besonders Gute. Wie immer. “ Tyrus Lightsson war eine beeindruckende Erscheinung. Wie der Rest seiner Zunft trug er einen offenen, türkisfarbenen Mantel. Während dieser schlicht und für alle Ordensmitglieder gleich war, glänzten darunter die Abzeichen seines Ranges. Ein goldenes Symbol in der

Form eines Blutstropfens prangte auf weißem Grund über seinem Herzen. Dunkle Augen sahen unter einem paar ergrauter Augenbrauen hervor und die Haare fielen ihm entgegen der Mode bis fast auf die Schultern. Das Gesicht hingegen war glatt rasiert und kantig. Tyrus war kein Schreibtischmensch, wie es viele der hochrangigen Militärs und Adeligen am Hof der fliegenden Stadt gerne wurden und obwohl das Alter auch an ihm nicht spurlos vorbei ging strahlte er nach wie vor eine Selbstsicherheit aus, wie man sie nur bei den erfahrensten Kriegern fand. Menschen, die den Tod oft genug ins Auge gesehen hatten um ihn nicht länger

zu fürchten. Lediglich die schrecklichen Narben, die sich über seinen linken Arm zogen, nahmen dem Mann etwas von dieser Sicherheit. Die tiefen Gruben und das helle Narbengewebe waren mehr als nur entstellend und erstreckten sich von seinem Ellbogen bis zum Ansatz des Halses. Tyrus Lightsson war nicht länger in der Lage, den Arm vernünftig zu heben. Nutzlos baumelte die Hand neben seiner Hüfte. Als Krieger hatte er ausgedient, aber niemand wäre so dumm, ihm das ins Gesicht zu sagen. Und Kellvian war nicht dumm genug ihn deshalb zu unterschätzen. Da der Ordensoberste als Kämpfer ausfiel, hatte Konstantin

Belfare eine neue Aufgabe für ihn gefunden. Und in dieser ging Tyrus, sehr zum Leidwesen Kells, völlig auf. Der Kampfraum in dem sie sich befanden, war erst eingerichtet worden, nachdem Tyrus in die fliegende Stadt gekommen war. Zwar war die Decke mit Stuckwerk verziert und der Boden bestand aus kunstvoll gearbeitetem schwarzem Marmor, aber alle Möbel, ausgenommen einiger Ständer mit stumpfen Übungswaffen, waren aus dem Raum verschwunden. Der Saal war so nüchtern, wie es nur möglich war. Drei große Fenster erlaubten einen Blick über mehrere Innenhöfe hinweg, welche die

Palastgebäude umschlossen. Springbrunnen und kleine Parkanlagen reihten sich aneinander, zusammen mit Lagerhallen und Quartieren für die Gardisten, welche den Palast bewachten. Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Die fliegende Stadt war möglicherweise der sicherste Ort im gesamten Imperium. Eine Armee, die es wagen würde die Stadt anzugreifen sähe sich selbst mit der Aufgabe konfrontiert überhaupt erst einmal hinein zu gelangen. Und welche Bedrohung würde es wagen, das Herz des Kaiserreichs zu attackieren? Ein paar wilde Gejarn in den Herzlanden sicher nicht. Und die Unruhen an den Grenzen waren weit entfernt.

Kellvian und der Ordensoberste standen sich nur wenige Schritte entfernt gegenüber. Tyrus hatte die verletzte Linke hinter den Rücken verschränkt, während er in der Rechten einen Degen hielt. Auch wenn ihm das einen Nachteil verschaffte, war es Kellvian, der sich alle Mühe gab, seine Nervosität zu unterdrücken. Die Waffe in seiner Hand fühlte sich ungewohnt an. Das hatte sie immer getan, wenn er ehrlich war und in den Wochen und Monaten die Tyrus ihn jetzt trainierte, hatte er sich auch nie sonderlich sicher damit gefühlt… aber das hier war noch einmal anders. Als wäre das Stück geschmiedeter Stahl in

seiner Hand etwas Fremdes. Aber er musste sich konzentrieren, ermahnte der junge Mann sich. Wenn nicht, würde er dafür mit ein paar blauen Flecken bezahlen. Kell, die Waffe verkrampft umklammert, machte einen Ausfallschritt zur Seite und versuchte damit in die schwache Seite des Ordensobere zu kommen. Dieser reagierte jedoch sofort und schlug den Degen mit einer einzigen, fließenden Bewegung bei Seite. Kell spürte den kurzen Ruck, als die Waffe seines Gegners sich in seine Schulter bohrte. Auch wenn die Klinge stumpf war, Tyrus schlug mit aller Kraft zu und der Hieb ließ ihn einen Schritt zurück

taumeln. ,,Ihr seid unkonzentriert.“ , meinte der Ordensoberste , während Kell seine Waffe erneut aufhob. Und ob, dachte Kellvian. Wenn es nach ihm ginge, wäre er überhaupt nicht hier, aber Tyrus nahm natürlich keine Rücksicht darauf. Es wurde von ihm erwartet. Und von Kell erwartete Mann, das er nicht zeigte, was in ihm vorging. Von einem Kaiser jedenfalls erwartete man es. Tyrus war nie unhöflich, auch wenn er sich meist kühl und distanziert gab , aber auch wenn er es nicht offen aussprach, Kell war klar, was er dachte. Seit seinem sechzehnten Sommer war

Kellvian erlaubt eine Waffe zu tragen und fast genauso lange hatte der Ordensobere ihm den Umgang damit beigebracht. Oder es zumindest versucht. Aber egal, wie sehr er sich bemühte, der erfahrene Kämpfer war ihm nach wie vor weit überlegen. Und Tyrus war nicht nur hier, um ihn Schwertkampf zu lehren. Sobald er das Schwert wieder in der Hand hatte, griff der Ordensoberste ihn an. Kell sprang zurück, jedoch einen Moment zu spät. Die Klinge traf seine Wange und Kellvian stolperte erneut zurück. Ein Auge zusammen gekniffen und sich die Wange haltend. ,,Wofür war das denn ?“ , wollte Kell

wissen. Tyrus war zu geschickt, als das ihm ein solcher Treffer aus Versehen geschehen würde. Auch wenn er es sicher behaupten würde, sollte man ihn fragen. Es war seine Art der Strafe, mehr nicht. ,,Fürs Unkonzentriert sein.“ Tyrus senkte die Waffe. ,,Genug für heute.“ Kell seufzte. Ihm konnte es nur recht sein. ,,Schön.“ ,,Ich denke…“ Tyrus brach im Satz ab und griff sich an die Brust, genau dort wo das goldene Symbol über seinem Herzen war. Von einem Augenblick auf den anderen, war er aschfahl geworden und schwankte sichtlich Kell sprang sofort herbei um ihn zu stützen, bevor er fallen konnte. Ohne

weitere Vorwarnung sackte der alte Mann in sich zusammen, während er sich zu einem Stuhl in einem angrenzenden Raum helfen ließ. ,,Geht es euch gut ?“ Vorsichtig führte er dem Ordensoberen von der dunklen Marmorfläche in den angrenzenden Raum und half ihm sich dort auf einen Stuhl zu setzen. ,,Es geht vorbei.“ , sagte Tyrus schwer atmend. Nur langsam wurde er wieder ruhiger, während er sich auf seinem Platz zurück lehnte und die Augen schloss. ,, Das ist der zweite Anfall heute.“ Ein müdes Lächeln huschte über seine Züge. Und es wurden mehr, dachte Kell. Wenn

ihn seine Verletzungen plagten, wirkte der Ordensoberste plötzlich nicht mehr kalt… oder bedrohlich was das anging. Nur wie ein alter Mann, der das Ende seiner Tage vor Augen hatte. Und alles was Kellvian in diesem Moment für ihn empfinden konnte war ein seltsamer Anflug von Mitleid. Er hob eine Hand und legte sie dem Mann auf die Stirn. Dieser ließ ihn gewähren. ,,Du weißt, du kannst das nicht heilen, Kellvian. Das haben schon ganz andere versucht.“ Und es wäre gefährlich. Die Warnung die in seinen Worten lag, war klar. Kellvian trug das Erbe seines Hauses in den Adern, das Blut des alten Volkes, die Quelle der Magie. Aber

Magie war kein Werkzeug, das man Rücksichtslos gebrauchen konnte. Der Preis für diese Macht war die eigene Lebenskraft, wie Tyrus ihm von Anfang an ermahnt hatte… Und nichts konnte diese wieder herstellen, verlor man sie einmal. Zauberer konnten sich nicht selbst heilen. Sie brannten aus, wie Kerzen. ,, Eure Schmerzen lindern kann ich schon.“ Kell schloss kurz die Augen und suchte nach dem ruhigen Zentrum seines Verstandes. Ein tiefes Gefühl des Friedens überkam ihn, und er konnte spüren, wie sich die verletzten Fasern um Tyrus Herz etwas erholten. Aber wie dieser schon Angekündigt hatte, egal wie

sehr er sich konzentrierte, er konnte den eigentlichen Kern der Verletzung nicht finden. Der Heilzauber verfehlte sein Ziel. ,,Ich habe selten jemanden kennengelernt, in dem das alte Blut so stark ist wie bei dir Junge.“ Tyrus nickte anerkennend. ,,Danke.“ ,, Das war kein Lob. Du kannst nicht damit umgehen.“ Tyrus richtete sich etwas auf seinem Platz auf. Jetzt wo der Anfall vorüber war, schien er sofort wieder zu seinem alten, abweisenden selbst zurück zu kehren. ,,Verfluchte Gejarn .“ ,,Sitzt euer Groll so tief ?“ , fragte

Kell. ,, Ich möchte dich sehen wenn dich eine dieser Bestien mit ihren Krallen fast ausweidet. Die sind messerscharf, lass dich ja nie davon täuschen, das einige von ihnen so tun als wären sie Menschen. Sie sind es nicht." Kellvian seufzte. Egal wie sehr er Tyrus ,trotz dessen Rauer Art schätzte, wenn das Gespräch auf den Aufstand der Gejarn zu sprechen kam, gab es kein Diskutieren für den alternden Kriegszauberer. Und mit Tyrus darüber diskutieren zu wollen, hatte etwa genau so viel Erfolg, wie sich mit ihm zu duellieren. Am besten war es, ihn einfach reden zu

lassen. ,,Ich verstehe ja auch nicht, wieso sich einige ihrer Clans plötzlich vom Reich lossagen.“ , gab er jedoch zu. ,,Also, was beschäftigt dich so, dass du nicht mal mehr ein Schwert halten kannst ? “ Tyrus war wieder ganz der Alte, distanzierte Haudegen. ,,Und versuch erst gar nicht mich anzulügen.“ ,,Glaubt ihr an Schicksal ?“ , fragte Kell. Es war mehr eine Ausweichfrage. Glaubt ihr, dass es Vergebung gibt? Glaubt ihr, dass dies alles geschehen musste, oder habe ich eine Wahl gehabt? Tyrus schüttelte lediglich den Kopf. Kellvian konnte ihm ansehen, was er von solchen Fragen hielt. Es war nichts,

womit sich ein Kaiser beschäftigen sollte… ,,Um so etwas macht ihr euch Gedanken ?“ Eine Weile lang sah es nicht so aus, als würde der alte Zauberer noch mehr dazu sagen. Dann jedoch seufzte er. ,, Nein. Nicht im Sinne der Gelehrten zumindest. Wir mögen alle Fäden sein, die zu einem großen Gespinst gehören. Aber wohin wir gehen ist uns überlassen. Jeder Faden kann schwingen. Oder reißen. Aber das ist es doch nicht wirklich was dich bekümmert… oder ?“ ,,Ich weiß nicht. Ich glaube ihr würdet sagen ich bin mir nicht länger sicher, was ich eigentlich will.“ Oder was er war. Er sollte eines Tages ein Kaiser

sein aber… wie konnte er das? Nicht so jedenfalls. Und er würde hier keinen Frieden finden, das wusste er so sicher, wie das Tyrus es nicht verstehen würde. Er würde ihn verlachen oder verrückt nennen. Und war es nicht genau das? Vollkommen verrückt? Er überlegte tatsächlich, alle Pflichten über Bord zu werfen. Und er war zu Feige wenigstens dazu zu stehen…. Unverantwortlich… Aber war es nicht das, dem er entkommen wollte ? Verantwortung ? ,, Du bist der Erbe des Reiches. Du solltest nicht wegrennen. Egal vor was.“ Es war, als hätte Tyrus seine Gedanken gelesen. Doch statt ihn weiter zu tadeln, lehnte der alte Zauberer sich erneut

zurück und wurde einen Augenblick ruhig. ,, Nachdem was vorgefallen ist, wird man euch kaum einfach so aus dem Palast lassen, geschwiege denn aus der Stadt.“ , sagte er schließlich nachdenklich . ,,Wisst ihr ich bin in meiner Jugend viel Gereist und ich kann nicht sagen, dass es mich zu einem schlechteren Menschen gemacht hat. Auch wenn einige das Gegenteil behaupten mögen…“ Vor allem wenn sie keine Menschen sind, dachte Kellvian. ,,Ich hatte nicht erwartet, das ihr das gut heißt.“ ,,Was bedeutet gut heißen ? Ihr wollt eines Tages Kaiser sein. Ihr solltet eure

eigenen Entscheidungen treffen. “ ,,Von wollen ist hier weniger die Rede, Tyrus.“ Der Zauberer lies den Blick einen Moment in die Ferne schweifen. ,,Wenn du nach meiner Meinung fragst Kell, tu was du nicht lassen kannst . Wenn du aber nach einem guten Rat fragst… dann lass mich dir folgendes sagen. Wenn dich Belastet, was während der Schlacht in Lore passiert ist, lern damit zu leben und Freunde dich mit dem Gedanken besser an. Dies ist, was man von dir erwartet. Leb damit. Und wenn es wegen ein paar Gejarn-Bauern geschieht, umso schlimmer.“ ,,Vielleicht.“ Mit dieser Reaktion hatte

er gerechnet. Ich werde mich zurück ziehen.“ , erklärte er, bevor er sich auf den Weg aus dem Raum machte. Tyrus sah ihm einen Augenblick lang nach. ,,Sicher.“ , flüsterte er. Der erste Schritt war getan. Der Junge würde sich nicht von seinen Worten abhalten lassen, das wusste er. Ein Wort nur und er könnte das alles verhindern. Aber das war ihm nicht möglich. ,, Aber im Gegensatz zu euch, Junge, habe ich meine Pflicht nicht vergessen. „ Tyrus erhob sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck. Die alten Wunden schmerzten nach wie vor. Und kein Zauber, den er kannte konnte der Pein lange Einhalt gebieten. Auch in seinen

Adern pulsierte das Blut des alten Volkes. Magie in ihrer Reinform. Der ganze Sanguis-Orden existierte nur deshalb. Und die Macht, die ihnen gegeben war, war zu sehr viel mehr zu gebrauchen, als nur zur Heilung, auch wenn er Kell niemals darin unterweisen würde. Der Junge würde die destruktive Seite seiner Kräfte noch früh genug entdecken. Und wenn er das tat, würde er Tyrus hassen, das war ihm klar. Mehr, als er es vielleicht ohnehin schon tat . Der Junge musste noch sehr viel lernen. Manche nenne die wilden Gejarn Monster. Verdammt er selbst nannte sie Monster. Aber die eigentlichen Monster waren vielleicht sie. Ein seltsam

melancholischer Gedanke. ,,Gute Reise und Viel Glück.“ , flüsterte er nur wieder leise. Sie alle würden ihre Rolle spielen. So oder so.

Kapitel 2 Ein Kaiser auf der Flucht

Kellvian löste das Band aus seinen Haaren und lies es achtlos bei Seite fallen. Drei Tage war sein Gespräch mit Tyrus jetzt her… und seine Entscheidung stand. Wenn es je eine Gelegenheit gegeben hatte, den Palast unbemerkt zu verlassen, dann wohl heute. Kellvian wusste, das gestern eine ganze Gruppe der wichtigsten Adeligen des Landes eingefunden hatte. Und die meisten davon, würden kaum Zeit verschwenden um vor dem Kaiser vorstellig zu werden. Auch wenn die nächste Adelsversammlung erst in einigen

Monaten stattfinden würde… Repräsentation bedeutete für diese Leute alles. Und so würde sich heute die Aufmerksamkeit aller auf den Thronsaal, die umliegenden Hallen und die Tore richten um sicherzustellen, dass die Gäste des Kaisers ungestört blieben… aber auch unter Beobachtung. Man würde Wachen aus den anderen Teilen des Kaiserpalastes abziehen müssen… und man ihn erst zum eigentlichen Empfang erwarten, der erst in einigen Stunden stattfinden würde. Und mit einem hatte Tyrus sicher Recht. Man würde ihn nicht einfach aus dem Palast spazieren lassen. Und erst recht nicht aus der fliegenden Stadt. Nicht

nachdem was geschehen war. Auf der anderen Seite jedoch, konnte er nicht bleiben. Selbst wenn er wenig gegen das Gefühl tun konnte, das schlicht fortlief… wenn er noch länger innerhalb dieser Mauern blieb wurde er wahnsinnig. Wie oft konnte man durch die immer gleichen Gänge wandern und sich die immer gleichen Fragen stellen? Fragen, die er niemals wagen würde, laut auszusprechen, weil er die Antwort, die er bekommen würde nur zu gut kannte. Man würde ihn einen Narren schimpfen. Oder ihn nur kaltes Schweigen erwarten. Man erwartete von ihm, dass er diese Gedanken erstickte. Ein Herrscher zögerte nicht. Und zu was machte ihn es

dann, wenn er es doch tat? Vielleicht gab es ja einen Weg, das heraus zu finden. Er musste, wenn er noch einmal so etwas wie Frieden finden wollte. Die Bilder waren noch ganz nah, sobald Kell die Augen schloss. Die Feuer. Das Blut. Die Schreie. Und über allem der kalte Blick seines Vaters und die stählerne Mine des Hochgenerals. Seine Entscheidung stand fest, trotz des schlechten Gewissens. Er schlich sich davon, doch was konnte er sonst tun? offen mit dem Kaiser sprechen… das war närrisch. Kell vermied es, von dem Mann auf dem Bernsteinthron als seinen Vater zu denken. Zu Fremd war ihm diese ferne

Gestalt, mit der er kaum ein Wort in der Woche wechselte. Und wenn doch waren diese Gespräche in seiner Erinnerung gezwungener als die mit Tyrus. Tyrus erwartete wenigstens Ehrlichkeit von ihm. Konstantin Belfare, erwartete nur einen würdigen Erben zu sehen. Kell hatte es nur einmal mit einer ehrlichen Antwort versucht. Und die Reaktion darauf war Tyrus Berufung an den Hof gewesen. Kellvian schulterte seinen Rucksack, den er nur lange genug abgesetzt hatte um das Band zu beseitigen. Auf eine seltsame Art fühlte er sich bereits freier ohne dieses lächerliche Ding. Auch etwas, das man natürlich nie zulassen

würde. Vor allem nicht, vor dem versammelten Adel Cantons… Der Kaiser würde ihn als seinen Erben festigen wollen. Und dazu gehörte auch, dass er sich in den Augen dieser Männer als Krieger bewährt hatte. Er hätte am liebsten laut gelacht. Mit raschen Schritten verließ er den Raum, durchquerte ein Dutzend weitere, bis er schließlich einen der Flure erreiche. Vermutlich gab es hier sogar bei weitem mehr Räume als Angestellte. Der Palast war groß genug, das selbst er bei weitem noch nicht alle Räume kannte und manche Bereiche waren selbst ihm versperrt. Die Katakomben beispielsweise, die sich tief in den

schwebenden Felsen auf dem die oberirdischen Gebäude standen, erstreckten. Und mit dem bevorstehenden Feierlichkeiten zur Begrüßung der Adelsversammlung war es nicht verwunderlich, dass die Hallen und Gänge , welche er durchquerte Größtenteils verlassen dalagen, auch wenn sie von dutzenden von Kerzen oder Kristallen hell erleuchtet wurden. Die Kleidung die er trug, wäre gut genug. Stabil und nicht zu auffällig und in dem Rucksack auf seinen Schultern befanden sich zusätzlich genug Vorräte für ein oder zwei Tage, wenn er vorsichtig war. Zusätzlich hing an seinem Gürtel noch ein einfacher Degen,

den er mit erstaunlich wenig Mühe aus den Waffenkammern hatte entwenden können. Dann wiederum, wer würde es wagen ihn in Frage zu stellen? Wenigstens diesen Vorteil hatte seine Herkunft. Eine Pistole und eine Rolle handtellergroßer Goldmünzen vervollständigten alles, was er fürs erste brauchen würde. Kurz musterte er den Siegelring an seiner Hand und überlegte, ihn hier zu lassen. Aus einer Laune heraus, ließ er ihn am Finger. Im Notfall, wenn ihm das Geld ausgehen sollte, könnte er das Stück nach wie vor verkaufen. Das in Silber und Gold gehaltene Emblem darauf zeigte einen Adler und einen Löwen, das

Zwillingssymbol des Canton-Imperiums. Kellvian wendete den Blick ab und verschnürte seine Sachen, bevor er sich das Bündel über die Schulter warf und auf den Flur hinaus trat. Es gab genau zwei Wege aus der fliegenden Stadt. Der erste war, mit einem Seilzug oder einem der neumodischen Ballons abzusteigen. Angeblich plante einer der Fürsten im Norden sogar eine ganze Flotte großer Himmelsschiffe, aber das konnten auch nur Gerüchte sein. Die zweite Möglichkeit war springen… Die fliegende Stadt sank Nachts ein gutes Stück aus den Wolken herab, bis sie teilweise fast die Baumwipfel

streifte. Niemand wusste genau, warum sie das tat, aber die uralten Zauber, welche die Gebäude in Schwebe hielten waren auf eine Art intelligent, die beinahe unheimlich war. Vielleicht hatte es einmal, zu Zeiten des alten Volkes, mehrere solcher schwebenden Konstrukte gegeben und es war ihre Art gewesen, im Dunkeln einen Zusammenstoß zu vermeiden. Auf ihrem Weg über die Lande wichen die levitierenden Inseln und Paläste jedenfalls jedem Hindernis aus. In jedem Fall war ein Sprung zu schaffen, wenn er vorsichtig war. Unter der Stadt zog im Augenblick ein Fluss entlang, welcher die bewaldete Ebene teilte, die sie grade überquerten. Im

Mondlicht schimmerte das Wasser wie Quecksilber und ließ bei einem Blick aus dem Fenster die Ufer nur erahnen. Er müsste sich schon blöd anstellen um das Wasser zu verfehlen. Innerhalb der Mauern gab es keinen Anlass für Posten, lediglich an den Zugängen und an den Türen zum Thronsaal selbst patrouillierten momentan sicher die Musketiere der imperialen Garde. Und sie waren stolz darauf, dass seit dem Aufstieg Simon Belfares zum Kaiser vor mehr als zweihundert Jahren kein Kaiser mehr innerhalb dieser Mauern Opfer eines Angriffs geworden war. Kellvian lief eine offene Galerie entlang, von deren

glaslosen Fenstern aus er einen Großteil der schwebenden Stadt in der Ferne überblicken konnte. Fast wie Sterne erschienen ihm die in der Nacht schimmernden Lichtpunkte, welche die einzelnen künstlichen Inseln markierten. Die langen Silberbrücken dazwischen wirkten im Mondlicht beinahe ätherisch, jedoch wusste Kell, das fast nichts diese uralten Konstrukte beschädigen konnte. Magie, älter als sich jemand vorstellen konnte hielt die Wege sauber und jedes kleine Detail intakt, als hatten die Magier des alten Volkes darauf abgezielt, ihr Werk tatsächlich ewig zu machen. Außer der fliegenden Stadt war trotz all ihrer Macht letztlich aber nichts von

ihnen geblieben. Nur einige verstreute Ruinen und Tempel kündeten noch von einer Zivilisation, die einst ,selbst über die heutigen Grenzen Cantons hinaus, die Welt beherrscht hatte. Kell beeilte sich nun, die Galerien und Hallen hinter sich zu lassen. Sein Ziel war jetzt greifbar nah. Er wusste, dass sich am Ende des Gangs ein Zugang auf eine der vielen Silberbrücken befand, die er vom Fenster aus gesehen hatte. Das wäre sein Schlüssel zur Freiheit. Sobald er aus den Mauern hinaus wäre konnte er warten, bis die Stadt mittig über dem Fluss war und dann… musste er nur noch den Mut finden zu springen. Ein wenig mulmig wurde ihm bei dem

Gedanken schon. Du schaffst das schon, sagte er sich. Die Alternative war, hier bleiben und zurück in seine Quartiere zu hechten um sich noch irgendwie rechtzeitig auf die Feierlichkeiten vorzubereiten. Das wäre schlimmer als sich einmal seiner Höhenangst zu stellen… Trotzdem blieb Kellvian kurz stehen. Sobald er aus den Mauern herauswäre, begann doch eigentlich erst alles für ihn. Dieser Ort war in den letzten Tagen unerträglich geworden. Erstickend. Allerdings wäre es wohl eine Lüge zu behaupten, dass das je anders gewesen war. Diese Hallen waren ihm nie wirklich heimisch gewesen und nun war

es an der Zeit endlich allem dem Rücken zu kehren. Bevor er das Tor nach draußen jedoch erreichte, hörte er plötzlich Schritte. Rasch duckte er sich in eine Mauernische zwischen zwei Marmorsäulen und wartete. Es war kein besonders gutes Versteck, aber wenn man nicht zu genau hinsah, konnte es klappen. Die Stiefelschritte kamen jetzt allmählich näher und Kell spähte vorsichtig in den Gang hinaus. Das erste, was er sah, war die große Gestalt eines Bären, der selbst die hohen Decken im Palast zu niedrig wirken lassen konnte. Die Uniform der kaiserlichen Leibgarde, die er trug war

ihm ein gutes Stück zu klein und spannte sichtlich an den Knöpfen. Einen Menschen hingegen wäre der Rock vermutlich bis weit über die Knie gefallen. Syle… In der Begleitung des Gejarn wiederum befand sich eine zweite Gestalt, die neben ihm geradezu winzig wirkte. Kell kannte längst nicht alle Mitglieder der Palast-Garde beim Namen, aber die meisten Gesichter waren ihm vertraut. Der Mann neben Syle trug einen gewaltigen Schnauzbart im Gesicht und sah dem Gejarn damit fast ähnlicher als einem Menschen. Auf dem Kopf trug er ein Barett in der Fabre seiner Gardrobe unter dem er den frühen Haarausfall zu

verbergen suchte. Die Gardisten wurden normalerweise angehalten, Bärte und Haare kurz zu halten und es gab nur wenige, die sich über diese Anweisung längere Zeit erfolgreich hinwegsetzten. Walter de Immerson jedoch konnte immerhin ein wenig Einfluss geltend machen um einer Schur zu entgehen. Er war ein junger Adeliger aus Silberstedt, der erst seit einem halben Jahr bei der Garde war und stammte aus dem größten Fürstenhaus der gleichnamigen Provinz. Kell atmete auf. Er kannte beide gut genug um zu wissen, dass er durchkommen würde. Obwohl er sowohl Syle als auch seinen Begleiter mochte, ihr Pflichtgefühl würde ihn davor

schützen, das sie zu viele Fragen stellten. ,,Abend die Herren.“ Er trat aus seinem Versteck und natürlich wanderte der erste Blick der beiden Gardisten zu seinen verunstalteten Haaren. ,,Herr , ihr…“ Syles Augen wanderten weiter zu dem provisorischen Rucksack auf Kells Schultern. ,,Ist etwas passiert ?“ ,,Ja natürlich.“ Kell wusste nicht, wie viel er riskieren konnte. Wobei es kaum eine Rolle zu spielen schien. Entweder es funktionierte oder es funktionierte nicht. ,, Wenn ihr so freundlich wärt, mir tragen zu helfen ?“ . Ohne Vorwarnung

drückte er De Immerson den Rucksack in die Hände. ,,Ich habe vor einen kleinen Spaziergang zu machen.“ ,,Herr, ich hoffe ihr wisst, das man euch heute Abend im Thronsaal erwartet “ , sagte Syle in dem für ihn typischen, etwas stockenden Akzent. ,,Oh…“ Kell stellte sich enttäuscht. ,,Und das an einem so schönen Abend. Und ich schätze ihr habt nicht vor zuzulassen, das ich meinen Vater enttäusche. Ich hatte ohnehin nur vor, ein wenig die Silberbrücken entlang zu gehen.“ ,,Ihr seid der Sohn des Kaisers aber ich glaube nicht… das euch viel Zeit dafür bleibt.“ , sagte nun Syles Begleiter,

Walter. ,,Ich verstehe.“ Er nahm dem jungen Adeligen den Rucksack wieder aus den Händen. ,,Und ich dachte…“ ,,Was ist eigentlich in der Tasche ?“ , wollte Syle wissen. Hatte er doch zu viel riskiert? Syle war aufmerksam wie ein Luch, wenn es um die Sicherheit im Palast ging ,,Nichts Besonderes. Es wird draußen kalt sein…“ Er zog einen Zipfel Ersatzkleidung aus dem Beutel du hoffte, dass es als Umhang durchging. ,, Aber das kann ich euch zufolge ja vergessen. Man hat euch befohlen, ein Auge auf mich zu haben, nicht wahr?“ ,,Herr, ihr habt jederzeit und so gut wie

möglich unter Beobachtung zu stehen. So bedauerlich das ist.“ , sagte Syle. ,,Wenn das seine Befehle sind, dann spricht doch nichts dagegen, das ich den Palast eine Weile verlasse. Solange ihr mich begleitet.“ ,,Aber…“ , setzte Walter an. ,,Das heißt dann wohl ja. Also, wenn ich unter Beobachtung stehen soll, solltet ihr besser mitkommen.“ Syle zuckte mit den Achseln. ,,Eine Warnung mein Herr.“ Er lächelte. ,,Ich kenne euch jetzt lange genug.“ ,,Oh keine Sorge. Ich tue nichts Unüberlegtes. Ich brauche nur dringend frische Luft.“ Das war so gesehen nicht einmal eine

Lüge. Als er auf die Silberbrücke hinaus trat schlug ihm kühle Abendluft entgegen. Es war nicht unangenehm lediglich belebend und der Winter lag noch in weiter Ferne. Bevor der erste Schnee fiel wäre die fliegende Stadt vermutlich ohnehin längst auf ihrer ewigen Wanderung unterwegs Richtung Süden. Der Boden unter Kells Füßen schien aus versilbertem, halbdurchsichtigem Glas zu bestehen. Er konnte unter sich das Band des Flusses erkennen, wenn auch nur verschwommen, wie durch Nebel. Und es war nicht tief, dachte er. Die Brücke selbst spannte sich in einem

anmutigen Bogen von einer Terrasse der goldenen Hallen zu einer kleinen schwebenden Insel, auf der eine Kastanie in den Himmel ragte. Ein Springbrunnen war in den Stamm des Baumes eingelassen, aus dem sich ein kleiner Wasserlauf spießte, welcher den Inselgarten durchlief und an dessen Rand in die Tiefe stürzte. ,,Wirklich schön.“ , meinte Walter, der seine Muskete absetzte und sich über den Rand der Silberbrücke beugte, während Kell sich dem Garten näherte. Das Geländer der Brücke bestand aus feinmaschigem Gitterwerk, in das Blüten und Blumenmuster eingelassen worden

waren. Kell ignorierte den Gardisten. Die Insel mit dem Baum lag jetzt direkt vor ihm. Syle , der ihm immer noch folgte, zuckte nervös mit den Ohren. Vielleicht ahnte er schon seit sie einander über dem Weg gelaufen waren, was er wirklich plante. Vielleicht hatte er es nicht glauben wollen. Oder vielleicht war Syle auf seine Art schlicht auf seiner Seite und wollte ihm zumindest eine Chance geben… ,,Herr das ist weit genug.“ Jetzt hieß es schnell sein. Und vor allem nicht zu lange zögern. Er trat an den Rand des ,durch nichts abgesicherten ,Gartens. Der Abgrund vor ihm hatte

etwas Anziehendes. So als forderte er geradezu jeden auf, sich ungeachtet der Höhe, einfach fallen zu lassen. Kurz schwankte Kellvian unsicher auf den Füßen. Ein letzter Schritt nur lag noch zwischen ihm und etwas Freiheit. Etwas Ruhe… Vielleicht würde er ja seine Antworten dort draußen finden. Denn eines war sicher, im Palast hielt er es keine Sekunde länger mehr aus. ,,Ich will nur sage, dass es mir leid tut, wenn ihr deswegen Ärger bekommt.“ , bemerkte er noch. Walter sah von seinem Platz am Brückengeländer auf. ,,Ach das. Ich meine jeder braucht ab

und an…“ Das Plötzliche Verständnis, das in den Augen des jungen Adeligen aufleuchtete, als er Kell am Rand des Gartens sah, ließ ihn im Satz innehalten. Zu weit entfernt um etwas zu unternehmen rief er nur: ,,Ihr seid ja Wahnsinnig, Kleiner.“ ,,Die Wahrheit ist, wenn ich hier bleibe werde ich verrückt.“ , erwiderte Kell . Und machte einen letzten Schritt über den Rand des Gartens. Der Fluss war direkt unter ihm. Syle und der junge Adelige stürzten fas gleichzeitig los, zum Ende der schwebenden Insel, während Kellvian aus ihrem Blickfeld und in den silbernen Fluten unter ihnen verschwand. Alles

was blieb, war der Flusslauf und die plötzliche Stille, als sich die beiden Gardisten entsetzt ansahen. ,,Oh ihr Göttern…. bei allen meinen Ahnen. Oh verdammt… Wenn er das nicht überlebt hat…“ Walter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ,,Warum hat er das getan?“ Syle versetzte dem stammelnden Walter einen Klapps gegen den Kopf. ,,Zusammenreißen. Wir…“ ,,Der Kaiser wird uns köpfen.“ , fuhr der junge Adelige schlicht fort. ,, Nein, er wird uns Köpfen und dann vierteilen. Er… Er verbrennt noch unsere Knochen… und das nur wenn der Junge das Überlebt hat. Ansonsten brennt er

noch unsere Heimatorte nieder. Oder gleich die ganze Provinz….“ ,,Außer.“ , sagte Syle gefasst. ,,Wir bringen ihn zurück.“ Walter sah skeptisch nach unten. ,,Bis wir den Seilzug erreichen ist er längst sonst wo angespült worden. Und… Oh nein.“ Er schüttelte entschieden den Kopf. ,,Nein wenn ihr denkt was ich fürchte das ihr denkt, vergesst es.“ ,,Dann erklärt ihr dem Kaiser das eben allein.“ Mit diesen Worten sprang Syle vom Rand der schwebenden Insel und verschwand ebenfalls im Wasser. ,,Verflucht… Na wenn es sein muss…“ Der Adelige verdammte noch einmal den Tag, an dem er sich für den Dienst in

der imperialen Garde entschieden hatte. Allerdings, was waren schon seine Alternativen gewesen? Entehrt und enterbt irgendwo zu verrotten war nicht seine Art. Dann holte er Anlauf… Er würde diesen Bengel an den Ohren in die Stadt zurück zerren, wenn es sein musste.

KApitel 3 Die schwarze GArde

Das Kaiserreich von Canton lässt sich in drei größere Provinzen einteilen. Die Nordlande, das Herzland und den Süden. Im Osten und Westen schließen gewaltige, bis heute nicht erforschte Meere den ganzen Kontinent Halven ein und begrenzen damit das Territorium der Belfare-Kaiser. Zwar gibt es Gerüchte darüber, manche wagemutigen Reisende, die sich weit jenseits der heimischen Küsten gewagt haben, hätten in der Ferne einen neuen Kontinent entdeckt, aber diese Geschichten sind bestenfalls Unglaubwürdig und seit Jahren gab es

keinen neuen Versuch, die Länder jenseits der Sonnensee zu finden. Im Norden hingegen endet der Einflussbereich des Imperiums an den ewigen Eisflächen der Provinzen von Immerson - Kalte und lebensfeindliche Einöden, die nur von den dort heimischen Nomadenstämmen und einigen Glücksrittern und Minenarbeitern aufgesucht werden, und angeblich ist es einer der letzten Orte, wo Drachen noch ab und an gesehen werden, nachdem die Ordeal-Dynastie sie auf ihren großen Jagden sonst fast überall auslöschte. Die Herzlande unter der Herrschaft der Ansässigen Fürsten und den Gejarn-Clans, welche sie nie richtig in das

Canton-Imperium Eingliedern ließen, sind hingegen um einiges Einladender und bestehen zum Großteil aus weiten offenen Grasebenen, Wäldern und endlosen Getreidefeldern, die zum Ost-Meer hin in Savannen auslaufen. Jedoch sollen Reisende auch hier vorsichtig sein, wenn sie sich weit von den Städten entfernen. Die Gejarn mögen einen unachtsamen Wanderer passiere lassen oder auch nicht und es empfiehlt sich einen Führer zu haben, der einem die sicheren Pfade und Dörfer zeigen kann, sollte man Fremd sein. Der Süden des Imperiums wiederum ist eine wilde, kaum gezähmte Gegend. Trockenes Klima und zersplitterte

Küsten kennzeichnen das Land, nur unterbrochen von dichten Regenwäldern, in denen man sich kaum zurecht findet und den schwierig zu befahrenden Verbindungwegen zwischen den beiden Teilen der Sonnensee. Die tausenden von Inseln vor den Küsten bieten vor allem Schmugglern und Piraten Zuflucht, während das Festland noch weiter südlich bisher nur zum Teil kartographiert wurde. Zwar haben bereits etliche Kartographen und Prospektoren des Reichs versucht, die Wüsten zu durchqueren, doch machen die Feindseligkeit der Ansässigen Völker und das Klima jede Expedition zu einer gefährlichen Angelegenheit. Und über

Helike und die umliegenden Ländern, die man nur nach ihrem Gründer Laos nennt, ist bis heute so wenig bekannt, wie zu den Zeiten, als die Armeen des Reichs zum ersten Mal auf die hier ansässigen Menschen und Gejarn trafen. Nur eines ist klar. Wer immer sich auch hier hinwagt, sollte einen wirklich triftigen Grund haben. Die Laos sind alles andere als bekannt für Gastfreundschaft. Selbst der Versuch, sich einer Stadt nur zu nähern, kann für den unachtsamen Reisenden schnell tödlich enden. Selbst in Helike, der Hauptstadt tief im Herzen des Lands wird manch euch kaum willkommen heißen und die Archonten haben es schon fertig gebracht, selbst

offizielle kaiserliche Gesandte mit fehlenden Fingern zurück zu schicken, weil ihre Gesetze gebrochen wurde. Besser, ihr haltet euch hinter den Linien der kaiserlichen Armee, welche Sicherstellt, dass der brüchige Frieden gewahrt bleibt und riskiert nicht euer Leben. -Geographie Cantons : Ein kurzer Überblick Cyrus sah zu der Rauchwolke am Himmel hinter sich. Der Qualm, der als schwarze Wand hinter ihm am Horizont stand, stammte von den Pechfeldern

nahe des nur für die imperiale Armee errichteten Provinzhafens von Kalenchor. Vor drei Jahren hatten die Krieger Helikes die Felder bei einem Angriff in Brant gesetzt und bis heute waren die Flammen nicht mehr verloschen, gespeist von den unterirdischen Ölquellen, welche vorher Pech für die Instandhaltung der Seeflotte geliefert hatten. Nur mit Mühe und Not war es der Garnison damals gelungen, die Männer Laos wieder zurück zu treiben und die Grenzen zu sichern. Eigentlich herrschte seit dem offiziell Waffenstillstand, aber was die Laos darunter verstanden, davon konnte er sich fast täglich selbst ein Bild machen.

Und es ausbaden, dachte er grimmig, während er eine Papierpatrone aufbiss und das Pulver in den Lauf einer Muskete rieseln ließ. Die kaiserlichen Garden hatten sich auf einer Anhöhe nahe der Hafenstadt Aufstellung genommen, sobald die erste Sonne über die bleichen Sandebenen fiel. Aus Reisig geflochtene Körbe reihten sich, mit Erde gefüllt, aneinander und boten den Gardisten dahinter Sicherheit vor gegnerischen Kugeln oder Pfeilen, während sie selber gleichzeitig ohne Schwierigkeiten feuern konnten. Cyrus und seine Leute hingegen hatten diesen Luxus nicht. Sie standen am Fuß der Barrikaden, als Deckung nur einige

hastig aufgeschüttete Erdwälle, die einen Paladin im Sturmangriff so wenig aufhalten würden, wie wenn man ihn mit Eierschalen bewarf. Noch jedoch war zu seiner Erleichterung nichts zu sehen. Das Land lag ruhig und ohne ein sichtbares Zeichen von Leben vor ihnen. Lediglich der Staub tanzte in bunten Fontänen in Tönen von rot und gelb und Ocker durch die Luft und brach das Licht der Sonne. Das Meer, das nur wenige hundert Meter nördlich von ihrer Position lag, glitzerte beinahe schmerzhaft grell in ihrem Licht. Der Himmel über ihnen war vollkommen klar, ohne eine einzelne Wolke und auch der Wind, brachte kaum Abkühlung. Im

Gegenteil. Der Staub setzte sich in ihre Kleider und sogar zwischen die Zähne. Er hatte mal gehört, wie sich ein Mann der schwarzen Garde beschwerte, dass er im roten Tal, sogar mehr Sand als Rationen gegessen hatte. Nachdem was er bisher hier erlebt hatte, glaubte er ihm das sogar. Cyrus schirmte einen Moment die Hand mit den Augen ab. Die blauen Uniformen der kaiserlichen Garde und die weißen Schürzten der Offiziere bildeten einen scharfen Kontrast zu den dunkleren Mänteln seiner schwarzen Garde. Einer der Männer hatte sich sogar den Scherz erlaubt und einen verfluchten Totenschädel auf die Front seines

Dreispitz aufgemalt. Nun, vielleicht war das gar nicht mal so verkehrt. Die Truppe hie rum ihn dürfte einer Bande Piraten ohnehin ähnlicher sein als regulären Gardisten. Sie waren die wandelnden Toten. Die, für die das Reich keine Verwendung mehr im Leben hatte. Undiszipliniert, aufsässig oder wie man sie sonst noch nennen wollte. Aber jeder hier trug seine Henkerskutte mit einem gewissen Stolz oder zumindest mit genug Selbstironie um nicht vor Angst wahnsinnig zu werden. Die, die dieses Schicksal ereilte, wurden nicht durch feindliches Feuer niedergestreckt sondern durch das eigene… Über die Jahre hatte Cyrus begonnen sich in

diesme Haufen Sonderlinge wohl zu fühlen. Niemand der hier war, rechnete damit besonders lange zu leben, aber sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, die Regeln der kaiserlichen Garden zu missachten. Mit welchen Disziplinarmaßnahmen konnte man jemandem noch drohen, denn ohnehin der Tot erwartete? Es konnte ja kaum schlimmer werden. Ein Leitspruch, an den Cyrus festhielt. Zwar trug jeder der schwarzen Garde den dunklen Uniformmantel, aber ansonsten entsprach fast nichts an ihnen dem Bild eines normalen Gardisten. Sie bekamen keine Ausrüstung von der Garde gestellt und so trug jeder von ihnen nur das, was

er in der Schlacht hatte erbeuten oder stehlen können. Pistolen, Säbel, Degen, jeder verwendete, was ihm am besten lag. Ein alternder Mann, der wenn Cyrus sich richtig erinnerte aus den Nördlichen Provinzen stammte, hatte sich neben einer Steinschlosspistole sogar ein verrostetes Breitschwert über die Schultern gehängt. Cyrus selbst hatte drei geladene Pistolen und eine Muskete neben sich hinter den dürftigen Schutzwall aus Erde gelegt. Die Muskete hatte er einem toten Gardisten im Sturm auf die Pechfelder abgenommen. Die Pistolen hingegen hatte er heute Morgen mitgehen lassen, als die Späher mit der Nachricht eine

bevorstehenden Angriffs zurück kehrten Er würde kaum die Zeit haben, eine der Waffen nachzuladen, wenn der Sturm begann. Jede zusätzliche Kugel verkleinerte die Chance, das er heute sterben würde… Am Gürtel seiner Uniform hing neben einem Kurzschwert zusätzlich noch eine kleine, aber stabile Handaxt, die er notfalls auch als Wurfwaffe nutzen könnte. Auf dem Kopf trug er einen abgewetzten Dreispitz, mit Goldnähten, der von einem Offizier stammte, der in einer der Tavernen in Kalenchor mit ihm aneinander geraten war und ihm aus dem Nichts einen Schlag versetzt und beschimpft hatte. Wofür, da war er sich

nicht einmal mehr sicher. Vielleicht war der Kerl schlicht betrunken gewesen oder er hatte schlicht über einen Gejarn herziehen wollen. Es hatte jedenfalls nicht lange gedauert, bis er das bereute. Cyrus wusste nicht einmal mehr, was die anderen mit der Leiche gemacht hatten. Vielleicht lag er grade verscharrt irgendwo unter seinen Füßen. Cyrus lächelte über die Vorstellung. Manche vermuteten wohl, dass er hinter dem verschwinden des Mannes steckte. Was andere über ihn dache, hatte ihn in seinem Leben bisher allerdings selten gekümmert. Immerhin konnte der Hut zusammen mit der schwarzen Uniform einen flüchtigen

Beobachter darüber hinwegtäuschen, dass er ein Gejarn war. Die wölfischen Züge seines Gesichts konnten ganz gut dazu herhalten, auch einem überengagierten Offizier etwas Respekt beizubringen. Ein Hut war bei weitem genug. ,,Achtung.“ , hörte er einen Ruf von den Barrikaden hinter sich. Die ersten Staubwolken erschienen am Horizont. Und diesmal stammten sie nicht vom Wind…. Hätte er nicht bereist gewusst, was ihn erwartete, vermutlich wäre er beim Anblick der gut zweihundert Mann starken Schar, die langsam in Sichtweite kam stutzig geworden. Eine Wand aus Stahl, die besser auf ein Schlachtfeld zu

Zeiten des ersten Belfare-Kaisers gepasst hätte. Es hatte schon einen Grund, dass die hohen Herrn in der fliegenden Stadt von den Bewohnern der Südlande gerne als Barbaren sprachen. Allerdings wäre ihnen das überlegene Grinsen sicher schnell im Hals stecken geblieben, wenn sie jemals einen solchen Angriff miterlebt hätten. Und erst recht, wenn sie sich an Cyrus stellen wiedergefunden hätten. Der Gedanke erfüllte ihn mit bitterer Genugtuung. Er war auf seine Art immer noch besser als diese Redenschwinger, die nie auch nur einen Fuß freiwillig in dieses verbrannte Land setzen würden. Die Schützenreihen über ihm standen

jetzt hinter ihren Barrikaden auf und legten auf die kleine Truppe an, die sich dem Wall rasch näherte. Cyrus verstand ohnehin nicht, wieso sie trotz dutzender Rückschläge immer wieder angegriffen wurden. Vielleicht machte das diesen Irren am Ende noch Spaß… Aber wer Verstand schon die Laos und ihren Totenkult. Das einzige, was er wissen musste war, wie man sie tötete. Die Krieger von Laos , allen voran die Paladine Helikes, nutzten keine Feuerwaffen. Allerdings spielte das keine große Rolle, denn waren sie erst einmal Nahe genug, wurden ihre Schwerter leicht genauso tödlich… wenn nicht sogar noch gefährlicher. Der

Schaden, den ein einzelner Schwertmeister in ihren Reihen anrichten konnte, war kaum in Worte zu fassen und als Cyrus das erste Mal miterlebt hatte, wozu diese Männer in der Lage waren, hatte er es kaum glauben wollen. Ein einzelner Mann, der fünfzig andere niederstreckte, bevor es endlich gelang ihn niederzuringen… Der Trick um zu überleben war also, sie erst gar nicht nahe genug an sich heran zu lassen, damit sie von ihren Klingen auch Gebrauch machen konnten. Ein Trick, den er mittlerweile ziemlich gut beherrschte, auch wenn das immer noch leichter gesagt als getan war. Das Metall, in den sich die Männer aus

Helike hüllten war anders als alles, was sie kannten. Selbst ein direkter Treffer war nicht immer in der Lage, ihre Rüstungen zu durchschlagen und jeder Versuch, erbeutete Panzerungen einzuschmelzen war bisher fehlgeschlagen. Was dieses silbergraue Metall war und wie man es bearbeitete dürften bestenfalls die Schmiede Helikes wissen und die Schnitten sich vermutlich eher selbst die Kehle durch, anstatt zu sprechen. ,,Anlegen. Feuer.“, schallte der Befehl von den Barrikaden herab Der gewaltige Donnerhall von tausend Musketen, deren Abzüge gleichzeitig betätigt wurden erschütterte die Luft.

Sofort gingen die Männer wieder hinter ihren Körben in Deckung um nachzuladen. Cyrus hingegen hielt sich mit seinen Leuten noch zurück. Sollten die Gardisten auf dem Erdwall oben ihnen erst einmal Luft verschaffen. Sie würden heute noch ihren Blutzoll zahlen. Und sie brauchten im Gegensatz zur regulären Garde jede Kugel. Obwohl die Salve die nun bereits gefährlich nah herangekommenen Krieger direkt traf, stürzten nur zwei oder drei der Gestalten in den Staub. Die übrigen liefen einfach weiter, während Funken dort auf ihren Rüstungen aufblitzten, wo die Kugeln wirkungslos

und ohne auch nur so viel wie eine Delle zu hinterlassen, abprallten. Dutzende von Querschlägern jagten heulend davon und über die Köpfe der schwarzen Garde hinweg, während Cyrus den Befehl zum Anlegen gab. Offiziell hatten sie keinen Anführer und keine Offiziere, aber er war der Älteste von ihnen. Oder der, der am längsten dabei war. Und in den Augen der meisten damit genau so gut wie ein Offizier. Auf die Entfernung hatte es keinen Zweck zu Schießen. Wenn, hätten sie Kanonen gebraucht, aber die waren allesamt auf den Kriegsschiffen oder den Mauern, welche den Hafen sicherten. Es würde zu lange dauern, eine davon

hierher zu bringen. Mittlerweile konnte Cyrus schon die ersten Gesichter erkennen. Es gab einige Menschen unter den Laos aber auch mindestens genauso viele Gejarn. Langsam hob er das eigene Gewehr. ,,Bereit machen.“ Er würde keine Kugeln verschwenden. Der erste Krieger in Vollpanzer war vielleicht noch dreißig Schritte entfernt. Noch zu früh, dachte er. ,, Lasst sie näher kommen !“ Zwanzig Schritte. Er zielte. Der Helm war eine Schwachstelle, besonders das Visier. Das Metall dort war nicht so dick, wie bei der restlichen Panzerung der Paladine. Und damit hatte man

zumindest eine Chance, das eine Kugel nicht einfach daran abprallte ,, Näher.“ Zehn. ,, Eröffnet das Feuer !“ Seine letzten Worte gingen im Donner der Gewehre unter. Im gleichen Moment, in dem er den Befehl gab tauchten auch die Schützen auf dem Hügel wieder auf und eröffneten das Feuer. Pulverdampf wallte aus den Mündungen hervor, bildete einen Moment eine dichte Wand vor ihnen und machte es einen Moment unmöglich, etwas zu erkennen. Auf diese kurze Entfernung war die Wirkung des Kugelhagels allerdings verheerend. Diejenigen Angreifer, die das Pech

hatten in vorderster Reihe zu stehen fielen fast alle der Salve zum Opfer und bleiben Regungslos liegen. Selbst wenn die Kugeln sie nicht töteten, es würde ihnen schwerfallen in den Rüstungen ohne fremde Hilfe wieder aufzustehen. Einige hingegen schafften es über die niedrigen Erdwälle, hinter denen Cyrus und seine Leute lagen. Dieser warf die abgeschossene Muskete weg und griff eine der Pistolen. Der erste in stahl gewandete Krieger, der sich über die niedrige Barrikade wagte, wurde mit einer Kugel in den Kopf begrüßt. Der Rückstoß der Waffe war größer, als Cyrus abgeschätzt hatte, und er stolperte ein Stück weit zurück.

Mittlerweile brach die volle verbleibende Macht des gegnerischen Angriffs über sie herein Einige Schritte von ihm entfernt wurde der Mensch mit dem Breitschwert, der ihm Anfangs ins Auge gesprungen war, von einem Laos in den Nahkampf gezwungen. Ein weiterer Schwarzgardist versuchte einen Paladin mit dem Bajonett zurück zu treiben, was ihn nach einem kurzen Schlagabtausch den Arm kostete. Im Nahkampf waren die Gardesoldaten ihren Gegnern hilflos unterlegen, die jetzt in immer größerer Zahl über sie hereinbrachen. Und die Gardisten oben auf den Barrikaden schienen nicht gewillt, ihnen zur Hilfe

zu kommen. Oder doch ? Cyrus konnte seine Aufmerksamkeit nur einen Herzschlag lang auf die Barrikaden richten, doch eine einzelne Gestalt in blauer Uniform schwang sich soeben über die Körbe und schlitterte den steilen Hang zu ihnen herab. Er erkannte noch einen Mann mit schlohweißen Haaren und Backenbart , der eine große Tasche mit sich Schleifte , dann nahm die Schlacht schon wieder seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Cyrus zog die zweite Pistole, zielte auf einen Mann, der grade den Erdwall erklomm und drückte ab. Ein Querschläger jagte heulend davon, als die Kugel am Helm seines Gegners

abprallte. Im nächsten Moment drang Cyrus die abgeprallte Kugel in seine linke Schulter. Er fluchte laut, als sich das Projektil durch seinen Körper bohrte und ihn halb herum warf. Blut sickerte aus der Einschusswunde, als ihm die Waffe aus der plötzlich kraftlos gewordenen Hand fiel. Mit der anderen legte er mit der letzten verbliebenen Pistole an. ,,Viel Spaß damit.“ , knurrte er, bevor er den Abzug durchzog, in der Hoffnung, zumindest etwas zu bewirken. Der Rückstoß machte sich diesmal schmerzlich in seinem verletzten Arm bemerkbar, aber das Projektil stanzte ein sauberes Loch durch die Rüstung seines

Gegners, der noch einen Moment aufrecht stehen blieb, nur um dann wie eine Marionette mit durchgeschnittenen Fäden in sich zusammen zu klappen. Ein weiterer Gepanzerter Krieger kletterte schwerfällig über die Barrikade. Cyrus griff ruhig zur Axt und ramme dem Mann die Keilförmige Klinge in den Halsschutz seiner Rüstung, der unter dem Schlag nachgab. Wenige Augenblicke später sank Cyrus letzter Gegner im Staub zusammen. Er atmete erleichtert auf. Das gröbste schien vorüber. Die meisten Paladine, die noch standen, fielen zurück und die, die es nicht taten, sahen sich jetzt einer Übermacht aus

Schwarzgardisten und der normalen Garde gegenüber, die sich nun auch endlich bequemte, ihnen zur Hilfe zu kommen und die Verfolgung auf zu nehmen. Ihre Gegner zogen sich zurück… Zwanzig von ihnen waren im Staub zurück geblieben. Aber wenn sie einmal mit voller Macht angreifen würden sähe das vermutlich ganz anders aus. Das hier war kaum mehr als ein Spiel für diese Irren. Langsam ließ Cyrus die Axt sinken und sah sich um. In der Hitze der Schlacht hatte er kaum Zeit, sich um seine Leute zu kümmern. Die meisten waren ohnehin Einzelkämpfer und brauchten keine

Befehle. Deshalb waren sie ja überhaupt in der schwarzen Garde. Er nahm den Hut ab und klopfte etwas Staub heraus. Haare im gleichen schwarzen Ton wie sein Fell fielen ihm bis fast auf die Schultern. Die meisten der Schwarzgardisten saßen oder standen im Staub, manche tranken Wasser oder Wein aus Schläuchen, die sie mit sich trugen. Cyrus wollte sie grade auffordern, ihm auch etwas zu bringen, als der Boden unter seinen Füßen zu zittern begann. Die Männer erstarrten in der Bewegung. Oh bitte nicht, dachte Cyrus und seufzte. Dieser Tag wurde einfach nicht besser. Er setzte sich den Hut wieder auf und wagte es langsam, den Kopf in Richtung

Westen zu drehen. Es konnte immer schlimmer kommen. Und es sah ganz so aus, als wäre dieser Tag noch lange nicht vorbei. In diesem Moment überlegte er ernsthaft sein Motto zu ändern… Eine einzige, entfernt menschlich wirkende Gestalt stürmte über die Ebenen auf die Reihen aus Schützen auf dem Hügelkamm zu. Die Gliedmaßen wirkten jedoch zu schlaksig dafür, der Körper von der Sonne ausgezehrt und nur zum Teil von grob geschmiedetem Metall geschützt. Groß wie drei Männer war das Ding ein ehrfurchtgebietender Anblick. Und es trug einen Kriegshammer von der Größe eines

Galeerenruders auf der Schulter, der geeignet war, eine ganze Formation Gardisten das Fürchten zu lehren. Die Kreatur wirkte vielleicht auf Entfernung unförmig, aber ein Riese war deshalb keinesfalls zu unterschätzen. Ebenfalls eine Lektion, die Cyrus schnell gelernt hatte. Sie konnte unglaublich schnell sein, wenn sie wollten. Und Kugeln, schüttelten sie ab, als wären es Mückenstiche. Ob diese Wesen gezielt mit den Kriegern Helikes zusammenarbeiteten oder ob lediglich die Aussicht auf Blut und Tod und vielleicht frisches Fleisch sie anzog, sie bedeuteten in jedem Fall Ärger. Cyrus würde jedenfalls nicht hier warten, bis

das Wesen nah genug war um den Hammer auf seinen Schultern auch einzusetzen. Furcht flackerte jetzt in den Augen seiner verbliebenen Männer auf. Und wenn die schon Angst hatten brach oben in den gesicherten Stellungen der Gardisten wohl grade das blanke Chaos aus. ,,Anlegen und Feuer.“ , ertönte der Befehl von den Befestigungsanlagen. Hunderte von Kugeln jagten dem Riesen nun um die Ohren, ohne jedoch mehr zu bewirken, als das das Monster sich einen Moment schüttelte. Cyrus zog seine zweite Waffe, das Kurzschwert. Mit Kugeln richtete man gegen ein solches Monster nichts aus. Allerdings waren

auch Klingen kaum effektiver als Wespenstiche. ,,Männer last und den Mut dieser Kreatur mit einem raschen Tod belohnen.“ Er hoffte, ihnen ein wenig Furcht zu nehmen und sie daran zu erinnern, wer sie waren. Die schwarze Garde. Sie waren die wandelnden Toten. Im Augenblick hatte er allerdings selber Probleme, sich daran zu erinnern. Blut sickerte aus seiner Schussverletzung. Der Riese war nun schon gefährlich nah heran. Es konnte wohl doch schlimmer komme… Er umklammerte den Griff des Kurzschwerts. Donnergrollen ließ das herannahende Monster jedoch innehalten. Eine einzelne

schwere Wolke zog so plötzlich vor die Sonne , das Cyrus im ersten Moment dachte, die Welt müsse untergehen. Ein einzelner greller Blitz jagte daraus hervor, der den Schädel des Riesen traf und seinen Körper zucken ließ Das Land selbst schien zu zittern, als die Kreatur langsam in die Knie ging um dann schwerfällig auf dem Boden aufzuschlagen. Was , bei allen Göttern, war da grade passiert? Cyrus blinzelte verwirrt, bevor er hinauf zu den Befestigungsanlagen blickte. Eine Gruppe Gestalten in türkisfarbenen Umhängen stand auf einer Anhöhe hinter den Barrikaden. Das Symbol eines goldenen Tropfens auf

ihren Mänteln glänzte in der Sonne und war so unverkennbar, wie das nervöse Kribbeln, das sich in Cyrus Eingeweiden breit machte. Na großartig, dachte er missmutig. Der Sanguis-Orden hatte ihm zu seinem Glück grade noch gefehlt… Zauberer. Und jetzt hatte ihm auch noch einer davon das Leben gerettet. Wenn es etwas gab, das diesen Tag schlimmer machen konnte, dann war es, sein Leben einem Hexenmeister zu schulden.

Kapitel 4 Zyle

,,Wenn ihr damit fertig seid, zu Überlegen ob ihr bleibt oder geht, könnte ich eure Hilfe in der inneren Stadt gebrauchen.“ Zyle Carmine blieb äußerlich ruhig, als er die Stimme hörte. Doch das Herz schlug ihm einen Augenblick bis zum Hals. Er hatte sie nicht bemerkt, nicht einmal kommen gehört… Rasch ließ er das Fernrohr sinken, das er in der linken Hand hielt. Den versuch, es zu verstecken, wagte er erst gar nicht. Es würde nur noch mehr Aufmerksamkeit

auf sich ziehen. ,,Archontin…“ Rasch drehte er sich um und verbeugte sich, während er das Fernglas wie beiläufig in einer kleinen Tasche verschwinden ließ. Die Rüstung, die er trug brachte ihn dabei fast aus dem Gleichgewicht, aber mittlerweile hatte er sich an das Gewicht gewöhnt. Lediglich die Temperaturen machten ihm nach wie vor zu schaffen. In der dichten Hülle aus Stahl kochte einen die Sonne Helikes langsam. Und die Schuhe brachten ihn um. Wer fertigte passende Stiefel für einen Gejarn an? Egina lachte laut, als Zyle sich umständlich wieder aufrichtete. Es hatte etwas zutiefst befremdliches, einen

Archonten Lachen zu hören, dachte er. Selbst Wys lachte nicht mehr, obwohl er das früher so oft getan hatte. Und er war bisher nur ein Anwärter auf diesen Posten. Egina Nikitidou war ein der mächtigsten fünf Personen innerhalb der Mauern von Helike wie auch außerhalb davon, bis hin zu den Grenzen des Landes. Auf dem ersten Blick jedoch hätte man ihr das kaum angesehen. Sie hatte braune Haare, in denen sich schon die ersten grauen Strähnen eingeschlichen hatten, grüne Augen um die sich falten gebildet hatten, die nur teilweise vom Alter her stammten und eine kräftige, leicht untersetzte Statur, obwohl sie Zyle grade

bis zu den Schultern reichte. Nichts an ihrer Kleidung verriet ihren Rang, außer deren Farbe. Das Gewand im reinen Weiß der Archonten , das sie trug wies keinerlei Verzierungen auf, sah man von dem Dolch einmal ab, der kaum verborgen an ihrem Gürtel hing. Alles in allem wirkte sie auf Zyle mehr wie eine gütige Großmutter, als eine Herrscherin. Aber dieser Eindruck täuschte, wie Zyle nur zu genau wusste. Man wurde kein Archont, weil man freundlich war. Aber Egina schien zumindest das Kunststück fertig gebracht zu haben, sich, trotz der erstickenden Verordnungen, dem Alter und ihrem hohen Rang ein Stück simple Menschlichkeit bewahrt zu haben. Aber

Zyle hatte gesehen, wie schnell diese offene, freundlich hingestreckte Hand zu einem Dolch greifen konnte… Und ihre Worte von zuvor riefen ihm nur wieder ins Gedächtnis wie sehr dies der Wahrheit entsprach. Sie wusste, weshalb er hier draußen auf den Mauern stand… ,,Ich habe nicht…“ , setzte er an, wurde jedoch von ihr unterbrochen. Wieder lachte sie, leiser allerdings diesmal. ,,Ihr denkt schon lange darüber nach uns zu verlassen. Wie oft habe ich euch hier mit dem Fernglas gesehen. Es nützt auch nichts, wenn ihr versucht, es zu verstecken.“ Wieder schien sie genau erraten zu haben, was er vorhatte. Zyles Hand hielt

auf halbem Weg zu seiner Tasche inne. Es wäre ein leichtes gewesen, sich des Glases zu entledigen und nun verfluchte er sich selbst innerlich, die Gelegenheit nicht eher genutzt zu haben. Hinter ihm viel die Mauer der inneren Stadt Steil ab zu den Vierteln der Handwerker. In Schwindelerregender Tiefel liefen dort ordentlich geführte Straßen zwischen tausenden von einfachen Lehmhütten und einigen größeren Gebäuden aus Sandstein und Holz . Die äußere Stadt bildete einen großen Ring um den Hügel, auf dem sich das Zentrum von Laos befand. Der Turm der fünf Archonten mit der ihn ungebunden inneren Zitadelle. Hier oben, abgeschieden vom Rest der Welt,

berieten diese fünf Auserwählten nicht nur über die Zukunft des Landes, das nach seinem Gründer benannt wurde, sondern hielten auch Gericht und legten die Schriften des alten Lehrers aus. Gewaltige Mauern, hoch genug, das selbst ein Riese sich vor ihnen klein vorgekommen wäre, schirmten die Zitadelle ab und solange er sich erinnern konnte, hatte niemand unbefugtes jemals einen Fuß in die innere Stadt gesetzt. Ein einzelner Meeresarm, der bis kurz vor die Mauern von Helike reichte schimmerte blau in der Ferne, dort wo am Hafen Möwen kreisten und wenn der Wind sich drehte, der Geruch von

Seetang und toten Fischen heranwehte. Keine einzige Wolke stand am Himmeln, nur einzelne Taubenschwärme, die ihre Nester auf den hoch gelegenen Türmen und Backsteinmauern der inneren Stadt bauten, kreisten über ihren Köpfen. ,,Es betrübt mich, ihr denkt ich würde auch nur denken, meinen Bruder im Stich zu lassen. Ihr wisst, das er hofft bald, selbst zu euch zu gehören.“ Wenn sie ehrlich war, konnte er es auch sein. Und es war ein offenen Geheimnis, welche Ziele Wys verfolgte. ,, Laos Gesetze sind klar.“ Er würde seine Pflicht erfüllen, alles andere würde nur ein schlechtes Licht auf sie alle werfen.

,,Laos Gesetzte sind längst nicht mehr zeitgemäß.“ Zyle wusste einen Moment nicht, was ihn mehr entsetzte, die Worte selbst oder die Beiläufige Art der Archontin, sie auszusprechen. ,, Seht euch doch einmal um Zyle. Ihr seht es doch selbst. Deshalb steht ihr hier auf dieser Mauer. Wir sind eine Welt eingefroren in der Zeit und auch wenn Laos Gesetze uns ein Ziel und eine Richtung gaben… so perfekt wie die Archonten es behaupten sind sie nicht. Am Ende war auch Laos nur ein Sterblicher.“ ,,Eure Worte klingen wie Verrat.“ , sagte er ernst. Die Worte kamen fast, ohne,

dass er darüber nachdenken musste. Sie waren, was von ihm erwartet wurde und er glaubte sie. Wäre sie kein Archont , er hätte ihr wohl nicht einmal länger zugehört. Doch sie stand über ihm und damit war er gezwungen ihr in allen Dingen Gehör zu schenken. Sollte das Ganze ein Test werden? Er kannte Egina jetzt schon mehrere Jahre, Jahre, in denen er in der inneren Stadt gedient hatte. Ja, er hatte Dinge gesehen, die nicht leicht zu akzeptieren waren. Die in einer schwachen Seele Zweifel sähen mochten. Aber am Gesetz selbst zu zweifeln… das war ein Schritt weiter. ,,Sagt der Mann, der über Flucht nachdenkt.“ Sie wollte erneut lachen,

wurde aber von einem Hustenanfall unterbrochen. Es hatte wirklich keinen Sinn etwas zu leugnen. . Er könnte sagen, dass er die Mauern der unteren Stadt nach Schwachstellen Absuchte, aber das war weder seine Aufgabe… noch würde sie ihm glauben, nicht? Eginas Augen schienen zu funkeln, während sie auf eine Antwort wartete, die Hände zusammengefaltet. Die Wahrheit war… das er es leid war, Gefangen zu sein. Innerhalb dieser Mauern jedenfalls. Die Tag in der inneren Stadt verliefen alle gleich. Jeder Schritt verlief ritualisiert und es kam selten genug vor, das einmal etwas vom

Plan abwich. Selbst der Gedanke daran, nur seine Pflicht zu erfüllen, trug mittlerweile nur noch wenig dazu bei, die gähnende Leere zu füllen. Selbst mit dem Titel eines Schwertmeisters, war es ihm nicht vergönnt, zu gehen wohin er wollte. Stattdessen wartete er hier auf den Willen der Archonten, die festlegen würden wo… und ob seine Dienste und die der tausenden von anderen Soldaten, Handwerker und Arbeiter am besten gebraucht wurden. Zyle hielt es für besser, das Thema schnellstmöglich zu Wechseln. Wie Egina die Gedanken der Leute in ihrer Umgebung zu lesen schien hatte beinahe etwas unheimlich, beinahe

magisches. Aber das war natürlich Blödsinn. Innerhalb der Mauern Helikes gab es keine Magie. Die Archonten hatten sie vor langer Zeit aus der Stadt verbannt, schon zu den Zeiten kurz nach dem Tod von Laos. Und was an magischen Artefakten innerhalb der Stadt gefunden wurde, wurde weggeschlossen, tief im Felsen auf dem sich der Archontenturm erhob. Und es wurde viel gefunden. Helike selbst stand angeblich auf einer großen , ehemaligen Stadt des alten Volkes und das spiegelte sich auch vielerorts noch in der Architektur der inneren Stadt wieder. Große Hallen aus Marmor und altem Stein , die auf den

Grundmauern der einstigen Paläste errichtet worden waren. Aber Magie machte nur weich und schwach. Was am Ende eine Schlacht entschied war immer blanker Stahl gewesen. Und auch nicht Feuer und Schwefel und Gewehrmündungen… ,,Ihr sagtet, ihr braucht meine Hilfe ?“ , versuchte Zyle nun schleunigst das Thema zu wechseln. ,,Genauer gesagt , reichen mir eure Augen und Ohren. Da ihr diese aber sicher behalten wollt, werdet ihr wohl oder übel selbst kommen müssen. Ich werde mich heute Nacht mit jemanden treffen. Einer gefährlichen Person.“ ,,Welche Person in dieser Stadt kann für

einen Archonten gefährlich sein ?“ , fragte er halblaut. Die Frage beantwortete sich von selbst. ,,Ihr fürchtet….“ ,,Ein anderer Archon, richtig. Die Person, die ich treffen möchte, könnte ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und das ist um jeden Preis zu vermeiden. Deshalbe frage ich auch euch und nicht euren Bruder. “ Egina lächelte, aber das grinsen wirkte diesmal gestellt und angestrengt. ,,Ihr müsst nicht fürchten, das ich euch in die Politik Helikes mit hereinziehe . Aber ich will ich, das mir jemand den Rücken freihält.“ Er nickte langsam. Dem Befehl eines

Archonten konnte er sich so oder so kaum wiedersetzen. Auch wenn er bezweifelte, das diese hier sich im Einklang mit Laos Gesetzen befanden. Warum diese Geheimnistuerei ? Wenn die Archonin Verrat fürchtete, dann sollte sie gleich ein dutzend Leibwächter mitnehmen, nicht nur ihn. Also ging es ihr nicht um ihre eigene Sicherheit.. Nur um was dann ? Wenige Stunden Zyle lief auf dem Platz vor dem Turm der Archonten auf und ab. Der dunkle Steinbau wirkte im Mondlicht noch düsterer, so als ob jemand ein rechteckiges Stück des Himmels einfach weg geschnitten hätte.

Bei Tag waren die Buntglasfenster in der Fassade sichtbar, doch jetzt bei Nacht brannte kein einziges Licht mehr und die gesamte Mauer wirkte wie ein durchgehendes, schwarzes Stück Stein. Um ihn herum war es menschenleer. Lediglich auf dem Weg hierher hatte er einige Paladine gesehen, die sich um Wachfeuer gruppierten oder auf den Stufen der Mausoleen und der großen Treppe zur unteren Stad wache hielten. Der Platz selbst war im Grundriss eines Sterns angelegt worden und von einem weiten Säulengang umlaufen. Mit Kies ausgestreute Wege führten darum herum und in seinem Zentrum, nur wenige Schritte von dem Platz entfernt, an dem

Zyle nun stand, erhob sich ein großer Kasten aus Kristall. Der Sarg des Laos. Zyle regte sich und lief langsam die umstehenden Säulen ab, hauptsächlich, um sich warm zu halten. Nach wie vor gab es kein Zeichen von Wolken und der Mond am Himmel über ihm war fast voll. Diese Nacht war genau so kalt, wie die Tage warm waren und so zog er den Umhang, den er trug, fester um sich. Unten in den Straßen würde es hingegen warm bleiben, dachte er. Die Hitze staute sich und wurde von den Lehmfassaden aufgenommen, doch hier oben waren die Straßen breit, die Gebäude aus abweisendem, knochenbleichen Stein… und alles wirkte

wie aus Eis und Schnee und Kristall geformt. Immerhin würde er in den Schatten zwischen all diesem Prunk nur schwer auffallen. Egina hatte auf Diskretion bestanden und so war er die schwere, auffällige Rüstung losgeworden. Lediglich einen Schild und das Breitschwert hatte er behalten. Für den Fall der Fälle. Egina mochte behaupten, sie brauchte nur ein zweites paar Augen und Ohren aber, sie fürchtete um ihr Leben. Der schwarze Umhang, den er zusätzlich trug, würde hoffentlich genügen, um ihn in der Dunkelheit zu verbergen und das Glitzern der Waffen zu verdecken. Darunter befand sich

lediglich ein leichtes Kettenhemd, überdeckt von einem braunen Hemd, Hosen und Stiefeln in der gleichen Farbe. Mehr, konnte er nicht tun. Hätte die Archontin ihm mehr mitgeteilt, hätte er wenigstens abschätzen können, ob es zu einem Kampf kommen würde. So jedoch, konnte er nur abwarten und hoffen, dass sie überhaupt auftauchen würde. Gab es etwas schlimmeres, als die Unsicherheit des Wartens? Kurz überlegte er, einfach zu gehen. Niemand würde ihm einen Vorwurf daraus machen. Sich mitten in der Nacht mit jemanden, und sei es ein Archont, zu treffen war nicht grade etwas, das man als ehrenhaft ansehen konnte.

Zwielichtige Gestalten und die Schmuggler auf den Inseln vor der Küste taten so etwas. Aber nicht ein Schwertmeister. Und erst Recht kein Archont . Langsam trat er an den großen Kristallsarg in der Mitte des Platzes. Der Leichnam darin war bereits vor Jahrtausenden zu nichts weiter als blanken Knochen zerfallen. Darüber spannten sich noch die Überreste von Stoff, der einstmals violett und rot gewesen sein mochte, nun jedoch grau und verblichen war und vermutlich unter der kleinsten Berührung zu Staub zerfallen würde. Die Knochenhand des einstigen Herrschers war zur Faust

geballt, als hätte er im Tod noch versucht etwas festzuhalten. So wie seine Worte und Gesetze heute noch alles zu umklammern schienen. Der Quarz des Sarkophags und des niedrigen Sockels, auf dem er stand schien im Mondlicht von innen zu glühen. Zyle musste Egina teilweise zustimmen. Sie würden Reformen brauchen. Langsam zwar, denn nichts in dieser Stadt hatte sich je schnell verändert, aber auf lange Sicht blieb den Archonten selbst wohl kaum eine Wahl. Aber wer sollte so etwas in die Wege leiten? Schwach spiegelten sich Zyles eigene Gesichtszüge im Kristall. Struppige graue Haare standen von seinem Kopf

ab und gingen in schmutzgraues Fell über. Dunkelbraune Augen spiegelten das Mondlicht sanft wieder. Es war närrisch hier zu sein, sagte er sich. Leise Schritte holten ihn endgültig zurück in die Wirklichkeit. Sie waren noch zu weit entfernt um ihren Verursacher sehen zu können und menschlichen Ohren wären sie wohl einfach entgangen. Aber Zyle lauschte ihnen mit wachsender Anspannung, je näher sie kamen. Egina trat alleine unter dem Säulengang gegenüber von Zyle hervor. Langsam entspannte er sich wieder etwas. Immerhin… sie war hier. Langsam ging er ebenfalls ins Licht und hob eine Hand

zur Begrüßung und damit sie ihn erkannte. ,, Ich war mir nicht sicher, ob ihr wirklich kommen würdet.“ , meinte sie mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen. ,, Es tut mir leid, euch hier mit rein zu ziehen, aber ich fürchte, ich habe keine andere Wahl. Wenn alles gut geht, wird euch nichts geschehen.“ Vorsichtig sah sie über die Schulter, als wäre dort etwas gewesen, das Zyle nicht bemerkt hatte. ,, Es tut euch leid ?“ Was ging hier nur vor. ,, Mit allem Respekt, Archontin, aber was geht hier genau vor ?“ ,, Wie ich schon sagte, ich treffe mich mit jemanden. Und so gefährlich sie ist,

sie ist vielleicht die größte Hoffnung auf Veränderung, die diese Stadt je hatte. Wenn alles gut geht, wird es in den nächsten Tagen einige Leute geben, mit denen ihr euch treffen solltet, Zyle. Ich glaube, sie werden euch noch ein oder andere über diese Stadt beibringen können, das ihr nicht wisst. Besser als ich das könnte.“ ,, Wie meint ihr das ?“ Mit wem bei Laos wollte sie sich hier treffen? Nicht mit einem Archonten, das war klar, auch wenn sie ihre Einmischung ohne Zweifel fürchtete. Und welche Rolle sollte er dabei spielen? Ein Verdacht beschlich ihn. ,, Ihr trefft euch mit niemanden aus der

inneren Stadt.“ , stellte er fest. ,, Ich erwarte allerdings so oder so komplettes Stillschweigen von euch , über das, was heute hier geschieht. Auch den anderen Archonten gegenüber. Wir verstehen uns?“ Wieso hatte er nur das Gefühl, das sie ihn töten würde, wenn sie auch nur so etwas wie den leisesten Zweifel an seiner Antwort haben würde? Aber da musste sie sich keine Sorgen machen… Er war ein Schwertmeister. Das Wort eines Archonten war genauso sein Gesetz, wie das von Laos. Langsam nickte er. Wenn Egina wollte, dass er Schwieg, würde er das tun. ,,Gut. Bald werden sich viele Dinge

ändern müssen. Es gibt Dinge, die ihr Wissen müsst. Auch Dinge über die Archonten. Wisst ihr, das in den letzten Wochen immer wieder Artefakte aus den Archiven verschwunden sind?“ ,, Dann solltet ihr mir vielleicht erklären, worauf genau wir hier war…“ Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Er konnte das Geräusch der Sehne hören, bevor der Bolzen traf, ein durchgehendes Surren, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Egina zuckte zusammen, als das Projektil sie in den Rücken traf. Die Wucht des Einschlags wirbelte sie herum, der Bolzen war wieder halb aus ihrer Brust ausgetreten. Mit großen Augen sah sie

Zyle an, mehr überrascht als verletzt, so schien es ihm, dann ging sie zu Boden. Zyle sah im Augenwinkel eine Gestalt, die sich mit einem Mal bewegte, ein vermummtes Phantom, das urplötzlich losrannte. Das einzige, was er sehen konnte, waren schwere, blaue Roben in den Farben eines Archivars. Sein erster Instinkt war, hinterherzurennen, doch ehe er mehr als zwei Schritte machen konnte, wurde der Fremde erneut langsamer… und hob eine Hand. Der Schlag kam so unerwartet, das er ihn erst registrierte, als er sich Rücklings im Staub liegend wiederfand. Magie, dachte er. Und gleichzeitig schien dieser Gedanke so absurd, so

undenkbar… Ein Zauberer in der inneren Stadt ? Aber das war nicht das einzige Rätsel, dachte er, als er sich aufrappelte und auf Egina zustürzte. Zyle sollte jedoch keine Zeit bleiben, nach ihr zu sehen. Der Bolzen war nicht von hinter ihm gekommen, wo der fremde Magier gestanden hatte… sondern aus der anderen Richtung, dort, wo der Sarkophag stand. Drei Gestalten lösten sich aus den Schatten, ein jeder gehüllt in einen schweren, dunklen Samtmantel, der ihre Formen und auch ihre Züge verbarg. Lediglich die Panzer, die darunter schimmerten waren deutlich zu erkennen, genauso wie die Armbrust, die in der

Hand des mittleren Mannes lag. Als er Zyle jedoch sah, ließ er die Waffe fallen und zog stattdessen ein Schwert. Seine zwei Begleiter taten es ihm gleich, während Zyle begann, langsam zurück zu weichen. Sie griffen ihn gleichzeitig mit erhobenen Klingen an. Aber er war darauf vorbereitet. Er hatte früh gelernt, seine Gegner zu lesen, auf Kleinigkeiten zu achten um einen Angriff vorhersehen zu können. Sie verrieten sich, dachte er. Durch ihre Bewegungen und ihre Eigenarten. Doch dieses Wissen nützte ihm wenig, wenn er derart in der Unterzahl war. Und im Gegensatz zu seinen Gegner trug er nicht einmal

Rüstung. Stahl traf klirrend in rascher Folge auf Stahl, als Zyle sofort in die Defensive gezwungen wurde. Er fing eine Klinge mit dem eigenen Schwert ab, blockierte einen weiteren Hieb mit dem Schild ab, musste aber zurückweichen, sobald der dritte Mann in Reichweite kam. Lange hielt er das nicht durch, dachte er. Seinen Gegner waren nicht irgendwelche Straßenräuber, das war klar. Alleine ihre Ausrüstung war zu hochwertig dafür und ihre Art zu kämpfen war seiner mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar darüber. Paladine ? Viel Zeit, sich darum Gedanken zu machen blieb ihm allerdings nicht. Rasch parierte er einen

weiteren Hieb, der trotzdem einen tiefen Schnitt in einer seiner Armschienen hinterließ. Doch dieses Mal wich er nicht zurück. Die Klinge jagte knapp an ihm vorbei, bevor er sie mit Schild und Waffe einklemmte und sich mit aller Kraft herumwarf. Sein überraschter Gegner wurde mitgerissen und stolperte, seine Hände ließen die Waffe los. Zyle warf Seinerseits den Schuld bei Seite und fing das Schwert auf, ehe es zu Boden fallen konnte. Sein entwaffneter Gegner versuchte derweil, davon zu kriechen, während die anderen beiden ihn erneut attackierten. Mit zwei Klingen zu kämpfen war Wys Spezialität, nicht seine, aber er hatte oft

genug mit ihm geübt. Damals, vor ihren Prüfungen… in den staubigen Gärten und Hinterhöfen der Unterstadt. Mit raschen Schlägen trieb er seine Gegner nun zurück, parierte Hiebe und konnte endlich selber einen Treffer anbringen. Einmal traf er den ersten Vermummten an der Brust, wobei das Schwert jedoch wirkungslos abglitt, ein anderes Mal versetzte er dem zweiten einen Schlag mit der flachen Schwertseite gegen den Schädel. Er wollte sie nicht töten. Zumindest einen von ihnen nicht. Irgendjemand würde ihm heute Rede und Antwort stehen und wenn nicht Egina, dann ihre Mörder. Und langsam aber sicher gewann er die

Oberhand. Immer weiter trieb er die zwei Gestalten vor sich her, über den Platz bis zum Rand des Säulengangs. Einer seiner Gegner stolperte, als er versuchte einem von Zyles Hieben auszuweichen und befand sich plötzlich eingekeilt zwischen ihm und einer der Säulen. Bevor Zyle jedoch dazu kam, ihn endgültig unschädlich zu machen, wurde er selber getroffen. Nicht von einer Klinge. Nicht von einem der zwei Männer. Etwas Schweres traf krachend auf seinen Kopf und einen Moment wurde es schwarz um ihn. Als er wieder sehen konnte, schien ihm alles immer noch verschwommen und er fand sich am Boden wieder. Er versuchte aufzustehen,

wohlwissend, dass er es kaum mehr schaffen würde, bevor ihn der nächste Hieb erledigte. Aber da war niemand mehr. Als er es irgendwie geschafft hatte, sich auf einen Ellenbogen hoch zu stützen, war der Platz um ihn herum dunkel und leer. Nur Eginas Körper lag noch wenige Schritte von Laos Sarg entfernt, genau dort, wo sie gefallen war. Irgendwie schaffte er es, sich an ihre Seite zu schleppen, suchte an ihrem Hals nach einem Puls… Nichts. Oder war da etwas? Ganz schwach… ,, Zyle…“ Das Sprechen schien ihr Schmerzen zu bereiten. ,, Man hat uns hintergangen. Ihr müsst sie warnen.“

,, Wen warnen ? Die Archonten ?“ ,, Jemand muss sie warnen…“ , murmelte sie, kaum hörbar… und war mit einem Mal still. ,,Archontin ?“ Sie hatte aufgehört zu atmen, rührte sich nicht mehr. Eine Weile lang saß Zyle einfach nur da, ohne sich zu bewegen. Ihre Worte waren ihm ein Rätsel, genauso wie alles andere was grade geschehen war. Warum lebte er überhaupt noch? Zumindest auf diese Frage sollte er eine Antwort erhalten, als er erneut Schritte hörte. Eine Gruppe Paladine, die wohl durch den Kampflärm alarmiert worden waren, stürmten auf den Platz hinaus und

umstellten ihn. ,, Zyle Carmine… Zyle stand auf. ,,Der bin ich.“ , erklärte er. Ihm war vielleicht nicht klar, was hier vorging, aber er wusste, dass er die Archonten darüber informieren musste. ,, Ich muss sofort…“ ,,. Ihr werdet schweigend mit uns kommen. Solltet ihr versuchen zu fliehen, werdet ihr das nicht überleben.“ ,,Wieso sollte ich fliehen wollen ?“ ,,Ihr seid hiermit verhaftet, wegen des Mordes an Archontin Egina Nikitidou.“ Er lebte noch, weil man in ihm einen Schuldigen

hatte…

Kapitel 5 Es könnte immer schlimmer sein


,,Wieso sollte ich ihn nicht töten lassen ? Wir können das Risiko nicht eingehen, ihn am Leben zu lassen, das weißt du so gut wie ich.“ Die in schwarze Samtgewänder gekleidete Gestalt, sah aus einem der Fenster hinaus auf die Dächer Helikes. Die Sonne ging grade erst auf und tauchte die Straßen in rotes, goldenes und violettes Licht. Einige ihrer Strahlen fanden ihren Weg bereits durch die Buntglasfenster im Archontenturm und zeichneten weitere, bunte Muster auf den Boden des

Raums. ,, Samiel wird es nicht zulassen.“ , meinte eine zweite Gestalt. ,,Und wie würdest du ihm das erklären? Er hat unser Vorgehen gegen Egina gestützt, weil er davon überzeugt war, das sie einen Umsturz plant. Vom Rest weiß er nichts und darf es auch nie erfahren. Unterschätz den Alten nicht, Bruder. Er und Jona werden ein Auge auf uns haben. Er traut keinen von uns und der Händlerkönig hasst uns.“ Der zweite Mann legte derweil den schwarzen Umhang ab. Darunter kam reines weiß zum Vorschein, feiner Stoff, wie für einen Archonten geschaffen. Langsam nahm sie einen kleinen Weinkrug

von einer Anrichte, füllte einen kleinen Kelch damit. ,, Was schlagt ihr also vor ?“ ,, Unsere Freunde vom Orden haben nicht bloß Interesse an Artefakten. Tyrus fragt schon lange an, ob wir ihnen nicht auch Schwerter für ihre Pläne zur Verfügung stellen können. Er braucht Männer, die man niemals mit ihm und den Zauberern in Verbindung bringen würde. Nur natürlich ist uns das unmöglich, ohne, dass jemand etwas davon erfahren würde. Bis jetzt.“ ,, Du willst ihn fortschicken ?“ Er nickte. ,, Wir werden uns gegen die Hinrichtung von Zyle Carmine aussprechen. Das wird endgültig jeden

Verdacht von uns lenken. Stattdessen werden wir eine andere Strafe vorschlagen….“ Er hatte den dritten Mann vergessen, dachte Zyle, während er vorsichtig nach der schmerzenden Stelle an seinem Hinterkopf tastete. Vermutlich hatte ihn der Kerl eins mit einem Stein übergezogen. Zyle zog die Hand zurück und musterte das Metallband an seinem linken Arm. Das schwache Licht, das durch ein Fenster hoch über seinem Kopf

hereinfiel reichte kaum aus, den Schriftzug darauf zu entziffern. Aber er kannte ihn ohnehin. Verräter. Mörder. Der Stahl war direkt über seinem Handgelenk zusammengeschmiedet worden und solange er sich nicht die Hand abhackte, würde er dort auch für den Rest seines Lebens bleiben. Sie hatten ihn verurteilt. Ohne Anhörung, ohne ein Wort von ihm. Aber so fällten die Archonten nun einmal ihre Beschlüsse. Nach den Worten der Gesetze, nicht nach denen von Menschen oder Gejarn. ,,Haben sie euch also auch noch gebrandmarkt ?“ Die Stimme, die von den Zellentüren ihm fast gegenüber

stammte, dröhnte so tief, das sein Kopf erneut zu Schmerzen begann. ,, Seht ihr eure Verbrecher schon als Vieh?“ Das schallende Lachen der Kreatur in der Zelle gegenüber ließ die Wände des kleinen Gefängnisses erbeben. Auch wenn Zyle seinen Zellenachbarn in der Dunkelheit nicht sehen konnte, es war klar, wer dort drüben eingesperrt war. Oder besser Was. Und er kannte den zuweilen äußerst eigensinnigen Humor der Riesen. Es gab kein offizielles Bündnis zwischen ihnen und den Bewohnern der weiten Ebenen im Süden, aber zumindest hatten sie den gleichen Feind. Trotzdem blieben Konflikte nicht aus. Ihre ganze Kultur

basierte am Ende darauf. Die Lehren von Laos geboten ihnen, dem Stahl zu gehorchen. Und im Zweifelsfall auch damit zu antworten. Und Riesen besaßen zuweilen ein sehr eigenes Ehrgefühl. Zyle ignorierte die Worte des Riesen, so gut es geben ging und zog sich in seine eigenen Gedanken zurück. Wenn er wenigstens wüsste, wofür Egina hatte sterben müssen. Er weinte nicht um sie, das wäre entehrend gewesen, aber verdammt er hatte die alte Frau gemocht. Selbst wenn sie ihm in ihren letzten Stunden mehr Rätsel aufgegeben hatte, als er würde Lösen können. Zumindest in der kurzen Zeit, die ihm noch blieb. Und viele Optionen blieben ihm nicht. Er

könnte alle vier verbliebenen Archonten zu einem Duell um sein Leben herausfordern, auch wenn seine Überlebenschancen dabei eher gering ausfielen. Nein, drei der noch Lebenden Archonten waren selbst Schwertmeister wie er und dabei noch nicht alt genug um abzustumpfen. Er würde in Stücken auf dem Kampfplatz enden. Selbst Laos persönlich hätte vermutlich Schwierigkeiten gehabt einen solchen Kampf zu gewinnen. Mal davon abgesehen, dass der alte Kriegerphilosoph seit Jahrtausenden stetig weiter zu Staub zerfiel… ,,Wartet ihr darauf, das euer großer Lehrer aus seinem Kristallsarg steigt und

eure Archonten unter den Tisch säuft ?“ Wieder der Riese. Es hieß, wenn das letzte Kind des Nordadlers einst Helike betrat würde Laos von den Toten auferstehen um sein Volk zu retten. Unwahrscheinlich, das das ausgerechnet jetzt passieren würde, aber es schien das einzige, was ihn retten könnte. Er würde in einem Kampf auf jeden Fall sterben. Aber wenigstens überlegte Zyle, hätte dieses Ende etwas mehr Würde als hier unten langsam zu vermodern. Oder in die Wüste hinaus geschickt zu werden. Es gab nur selten echte Hinrichtungen innerhalb der Mauern Helikes. Aber Verbannung nach Süden, bedeutet

genauso sicher den Tot. Flucht konnte er in jedem Fall vergessen. Nicht nur, das die Gitterstäbe, der nur wenige Schritte durchmessenden Zelle, fest verankert waren, selbst wenn er irgendwie ins Freie gelangen würde, er war bereits gezeichnet. ,, Wieso seit ihr hier ?“ , fragte er schließlich, hauptsächlich um nicht länger mit seinen Gedanken alleine zu sein. Und um seinem Zellengenossen wenigstens eine andere Beschäftigung zu geben. ,, Für einen ehrenvolleren Grund als ihr, möchte ich meinen.“ ,, Und woher wollt ihr das wissen ?“ ,, Die Leute reden. Auch als sie euch her

gebracht haben.“ Die Gestalt in der Dunkelheit rührte sich und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Oder zumindest, soweit ihr das mit dem Begrenzten Platz und den niedrigen Zellendecken möglich war. ,, Ich bin hier weil ich Veränderungen wollte.“ ,, Veränderungen ? Wodurch, denn ?“ Was hatte Egina gesagt? Das sich bald viele Dinge ändern würden? ,, Es gibt genau einen Namen, der euren Archonten den Schlaf rauben kann.“ Nun war es an Zyle zu lachen. ,, Phönix ist nur ein Gerücht. Und selbst wenn nicht, ist er bestenfalls ein Verrückter, der nichts erreichen wird.“ ,, Ich bin sicher, das euch dieser

Gedanke gefällt. Ihr kleinen Leute denkt immer wir verstünden nichts. Aber wir verstehen sehr gut. Ihr jedoch scheinbar nicht. Wer glaubt ihr kann einem Archonten gefährlich werden?“ Ein anderer Archont. Erneut geisterten Eginas Worte durch seinen Kopf. Vielleicht hatte sie doch weniger in Rätseln gesprochen als er glauben wollte. Zyle richtete sich auf. Der Metallreif an seinem Handgelenk funkelte schwach im Licht einer der wenigen Fackeln, die hier unten Licht spendeten. Was er auf dem Platz beobachtet hatte ging gegen jedes einzelne von Laos Gesetzen, dass ihm bekannt war. Es gab

klare Regeln für den ewigen Machtkampf zwischen Archonten. Dieser sollte sie bei Kräften und scharfen Sinnen halten und nicht dafür sorgen, dass sie sich untereinander heimtückisch ermordeten. Duelle waren in Ordnung. Kämpfe mit gleichen Waffen oder von Angesicht zu Angesicht. Aber jemand Unbewaffneten einen Bolzen in den Rücken zu schießen ? Er musste wissen, wer es gewesen war. Vorsichtig ließ Zyle sich auf den Boden der Zelle gleiten. Die drei Archonten-Schwertmeister ? Sicher nicht. Niemand von ihnen würde sich jemals gegen Laos Gesetze stellen. Nicht in einer solchen Weise. Er

weigerte sich, das zu glauben. Aber wer blieb dann noch? Jona Vilaras vielleicht. Ein älterer Mann, der sich schon oft genug den Tadel der anderen Archonten zugezogen hatte. Mehr ein Händler als ein Krieger und so hatte er sich seinen Rang wohl auch mehr erkauft als erkämpft. Ja, das schien zu passen… Nur dass ihm das alles wenig nützte, selbst wenn er sich sicher wäre, dachte er und stieß ein sarkastisches Lachen aus. Schritte auf dem Gang rissen ihn aus seinen Gedanken. So schnell sollte es also Enden. Wenn sie ihn jetzt holten wäre wenigstens in spätestens einer halben Stunde alles vorbei. Zyle zwang sich, aufzustehen. Von dem

langen Sitzen auf dem kalten Steinboden wurde ihm höchstens kalt und seine Beine verkrampften sich. Und er wollte wenigstens noch selbst laufen können. Aber die Gestalt, welche den Gang entlang kam, war alleine. Und kein Henker. Ganz im Gegenteil. ,,Hallo kleiner Bruder.“ , brachte er nur hervor, während er zu verstehen versuchte, was eigentlich los war. Wys Carmine hatte auf den ersten Blick nicht die Statur eines typischen Krieger. Hochgewachsen und drahtig, schien er kaum in der Lage zu sein, ein Breitschwert zu halten. Trotzdem hatte er sich wie er, als Krieger einen Namen gemacht, der, wie Zyle wusste allerdings

vor allem auf einen beinahe Gesetzeswidrigen Kampfstil zurückzuführen war. Wys verzichtete auf die schweren, althergebrachten Waffen und nutzte die leichten Stahldegen des Canton-Imperiums. Das aber mit einem Geschick, das es den Archonten fast unmöglich machte, ihn deshalb zu Tadeln. Im Gegenteil, er war vor kurzem zum Schwertmeister berufen worden. Wenn er das überhaupt noch war. Haare und Fell, die normalerweise den gleichen schmutzgrauen Farbton aufwiesen wie Zyles, verschwanden unter einer fast bodenlangen, weißen Robe. Und doch wirkte Wys niedergeschlagen, was Zyle ihm auch nicht verübeln konnte. Wenn

Wys statt ihm hinter diesen Gittern stünde, sähe die Sache kaum anders aus. Aber was suchte er hier ,,Man…“ , Wys stockte, als wüste er einen Moment nicht, was er sagen sollte , ,,Man hat mich zum Archon gemacht.“ Zyle konnte kurz gar nichts sagen. Er hatte gewusst, das Wys die Aufmerksamkeit zumindest zweier der Schwertmeister auf sich gezogen hatte. Aber das hier doch ein großer Sprung. ,,Ich weiß das du Egina nicht getötet hast.“ , fügte Wys hinzu, als er keine Antwort erhielt. ,, Die anderen davon zu überzeugen, war mir allerdings nicht möglich. Wir… haben eine Entscheidung getroffen. Was dich

betrifft.“ ,,Und sie senden dich hierher, um mir mein Todesurteil zu überbringen ?“ , fragte Zyle. Das wäre geradezu ironisch. Stoff für Geschichten und Lieder . Er lächelte trotz der Situation. ,,Eigentlich nicht…“ Ein dünnes Lächeln huschte über Wys Züge, ein Spiegelbild seines eigenen. ,,Die Gesetze sind wohl klar, fürchte ich.“ Diesmal war es Wys, der breit grinste. ,,Ein Archont steht manchmal über dem Gesetz.“ Zyles eigenes Lächeln gefror und verschwand dann. ,,Hast du alles vergessen, was man dich gelehrt hat ?

Am Ende steht niemand über dem Gesetz. Und schon gar kein Archont.“ ,,Vielleicht hast du recht. Und doch, manche Dinge sind nicht so perfekt wie sie uns erscheinen.“ Zyle nickte. ,,Das musst du mir nicht sagen. Du musst Vorsichtig sein Bruder. Es gibt mindestens einen Verräter in Helike und bedauerlicherweise bin das nicht ich.“ Wys nickte. ,,Du wirst ins Canton-Imperium geschickt.“ , erklärte er schließlich. ,,Was ?“ Wys Hand beschreib eine Wegwerfende Geste. ,,Die Archonten haben beschlossen, deine Loyalität zu testen.

Sie…“ Er zog einen Fetzen Papier aus der Tasche, auf dem er sich offenbar Notizen gemacht hatte. ,,Sie wollen eine einzige Person. Den Fürsten einer Stadt namens Vara. . Stirbt er durch deine Hand, zeigst du deinen Nutzen, ist alles vergessen. Du hast Schuld auf dich geladen, aber du bist nicht verloren. Sie können es sich nicht leisten, einen Schwertmeister zu verlieren. Ihnen ist klar, dass im Kaiserreich irgendetwas vor sich geht und sie jeden Mann brauchen werden, sollte der Sturm losbrechen.“ Zyle schüttelte den Kopf. ,,Ich bin kein Meuchelmörder. Das wissen die Archonten

auch.“ Wys nickte. ,,Offenbar ist das alles schon lange geplant. Wenn du in Canton bist, reise in Richtung der Stadt Vara.Du wirst auf dem Weg dorthin einem Menschen begegnen, der das Siegel des Kaiserreichs trägt. Das Zwillingswappen. Der Adler der Menschen und der Löwe der dort lebenden Gejarn.“ Das letzte Wort spuckte er geradezu aus. Das Canton-Imperium, das waren nur Barbaren und die Gejarn dort konnten ohne die Führung Laos doch kaum mehr als Tiere sein. Nicht nach dem, was sie über die Clans dort wussten. ,,Dieser Mann ist dein Schlüssel. Das darf er aber nie erfahren. Das heißt wenn du

dich dazu bereit erklärst. Ich kann dich vielleicht auch so aus der Stadt bringen aber…“ Wys zuckte mit den Schultern. Es würde endgültige Verbannung bedeuten. Zumindest in Helike konnte er sich nicht mehr sehen lassen. Und was blieb hier draußen sonst noch? Sich in irgendeines der Fischerdörfer an der Küste zurück zu ziehen war nicht grade, was er sich für den Rest seiner Tage ausgemalt hatte. Zyle schüttelte den Kopf. Die Entscheidung war klar. ,,Nur wie soll ich nach Canton gelangen ? Die Reise zu Fuß dauert Monate. Das heißt, wenn ich mich durch die Garnisonen der imperialen Gardisten schleichen

kann.“ ,,Nun wir haben dir eine etwas unkonventionelle Überfahrt organisiert. Ich hoffe du hast nichts gegen Piraten...“ ,,Jetzt haltet doch mal still.“ Cyrus zuckte zusammen, als der verrückte Kerl mit einer Pinzette in seiner Schusswunde herumstocherte. Die Sonne stach ihm ins Gesicht, aber er konnte auch schlecht aufstehen, solange jemand versuchte, eine Kugel aus seinem Körper zu schneiden. ,,Ist das wirklich nötig ?“ Der Wundarzt sah auf. Er war der Irre gewesen, der als einziger von den

Barrikaden gesprungen war, als der Angriff begann. Seit dem hatte er sich darum bemüht, das, was von Cyrus Schwarzgardisten geblieben war, wieder zusammen zu flicken, so gut es ging. Den Stumpf des Mannes, der einen Arm verloren hatte, hatte er bereits versorgt. Der Mann hatte, ihm wirr vom Kopf abstehendes, weißes Haar, das an den Schläfen bereits ausfiel. Ein üppiger Backenbart in derselben Farbe vervollständigte das skurrile Aussehen. Zusätzlich trug der Mann noch eine Brille auf der Nase, die an mehreren Scharnieren dutzende von Linsen besaß, welche er sich eine nach der anderen vors Auge schob. Vergrößerungsgläser.

Noch so eine Verrücktheit. Dazu viel dem Kerl ein blauer Mantel über die Schultern, der ihm bei weitem zu groß und zu lang war und seinen Körperbau noch schlaksiger und knochiger wirken ließ. An den Innenseiten und in den Taschen des Mantels hatte er dutzende verschiedene Metallklingen, Pinzetten und Tinkturen in kleinen, undurchsichtigen Fläschchen verstaut, genauso wie in der großen Ledertasche, die neben Cyrus aufgeklappt auf dem Boden lag. ,,Oh keine Sorge, ihr habt nur eine Bleikugel zwischen eurer zweiten und dritten Rippe direkt über dem Herzen, das ist keine beeindruckende Verletzung

oder so, nein das wird schon wieder… Wenn ihr drauf geht, kann ich euch dann ausstopfen und an die Universität nach Vara bringen? Die Studenten da sollten so eine Verletzung erst mal sehen.“ Cyrus war sich unsicher, ob der Mann seine Frage ernst gemeint hatte. Irgendwie jedoch mochte er die seltsame Art des Menschen auf Anhieb. ,, Ich glaube es ist eine Weile her, das sich ein Wundarzt um einen Schwarzgardisten bemüht hat.“ , meinte er. Der Arzt zog lediglich eine Augenbraue hoch. ,, Glaubt mir ich habe gute Gründe, euch noch ein bisschen am Leben zu erhalten. Tut mir also nur

einen gefallen und versucht, nicht plötzlich zu sterben. Das hatten wir beim letzten Mal schon und ich brauche so was wirklich nicht zweimal.“ Irgendwie schien nur jedes zweite Wort des Mannes für Cyrus einen Sinn zu ergeben. Der quirlige Arzt zog eine der zahlreichen Ampullen aus seiner Tasche und hielt sie Cyrus hin. ,,Was ist das ?“, wollte der Wolf wissen. ,,Branntwein. Aus bestem Tropfen aus Risara. Da ihr ja beim besten Willen nicht stillhalten könnt, Prost. Hat bisher jeden Verletzten zum Ruhigsein gebracht. Alles nur eine Frage der Dosis.“ Mittlerweile war Cyrus sich doch sicher,

dass der Kerl sich einfach über ihn lustig machte. ,,Nein danke.“ Er wollte nachher noch geradeaus gehen können. Vielleicht vertrugen Menschen es besser, sich selbst zu vergiften, aber ihn würde das garantiert nicht gut bekommen. Auch wenn der Schmerz wohl weg wäre. Nein das war die Kopfschmerzen nicht wert. Der Arzt zuckte mit den Schultern, setzte die Phiole selbst an die Lippen und trank die goldene Flüssigkeit in einem Zug aus. Cyrus schluckte. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sich den Heilern des Sanguis-Ordens anzuvertrauen aber… Er hatte schon gesehen wie die

verdammten Zauberer selbst schwerste Verletzungen in wenigen Augenblicken kurierten und wie sie ihre eigenen Leute vom Rand des Todes zurück rissen. Aber die Schreie… Der Sanguis-Orden scherte sich wenig um seine Patienten. Ihre Heiler waren Geschickt aber auch verdammte Sadisten. Nein, dann besser der offenbar irre Wundarzt. ,,Wie heißt ihr eigentlich ?“ , fragte er um sich abzulenken. ,,Erik Flemming.“ Der Weißhaarige zog ein schweres Messer aus seinem Mantel, betrachtete die Klinge einen Moment und legte sie dann zu Cyrus Erleichterung wieder weg. ,,Erik… Ihr kommt also aus den

Nordprovinzen?“ ,,Korrekt. Ich bin nach dem alten Erik Svensson benannt. Einem Waffengefährten von Simon Belfare.“ ,, Ihr wisst schon, dass der von einem Drachen gefressen wurde, oder ?“ ,, Und wenn ein Drache an einem erstickt ist man auch irgendwie ein Held.“ , erwiderte der Arzt. Cyrus wollte den Kopf schütteln, überlegte dann aber, dass das nicht die beste Idee wäre, wenn Erik grade versuchte seine Wunden zu versorgen. ,,Ihr Nordländer seid ja alle Wahnsinnig.“ ,,Muss an der Kälte liegen Herr Wolf. Sagt mir, was macht eure Clans im

Herzland verrückt genug, sich mit dem Kaiser anzulegen? “ ,,Meine Leute sind einfach so. Viele der städtischen Gejarn mögen die Clans nicht, aber…“ Ein plötzlicher Schmerz ließ ihn im Satz innehalten. ,,Hab ich dich.“ Erik hielt triumphierend eine kleine, blutverschmierte Bleikugel ins Licht, bevor er sie Cyrus zuwarf, der sie mit einer Tatze auffing. ,,Nettes Souvenir.“ Er ließ sie in der Tasche verschwinden. ,,Das ist Nummer sieben.“ ,,Da seid ihr ja noch gut dabei.“ , meinte der Wundarzt lachend.,, Der Rekordhalter dürfte der arme Jensen

sein. Dreiundzwanzig Bleiküsse seit er hier ist. Das sind mehr Kugeln, als er bisher Lebensjahre hat.“ ,,Ich meinte sieben diesen Monat.“ , erwiderte Cyrus und setzte sich auf. Sein Hut lag neben ihm und er setzte den Dreispitz wieder auf. Das würde ihn zumindest etwas vor der Sonne schützen. Mittlerweile war wieder Ruhe eingekehrt und die meisten Soldaten der Garde waren zurück im Hafen von Kalenchor. Nur einige Posten besetzten noch die Barrikaden und hielten von dort Ausschau nach weiteren eventuellen Angriffen. Aber die große Ebene vor den Erdwällen war wieder ruhig und verlassen wie eh und je. Lediglich das

nahe Meer du die Silhouette Kalenchors hinterließen einen Farbstreifen in der braunen Ödnis, die sich von Horizont zu Horizont erstreckte. Er verstand nicht, warum das Kaiserreich diese Angriffe einfach durchgehen ließ. Vielleicht hatte Kaiser Konstantin kein Interesse an einem direkten Konflikt. Die letzten größeren Offensive hatten kaum Land gewinnen können und mit jedem Meter verloren sie Männer. Obwohl sie keine Feuerwaffen, geschweige denn Magie nutzten waren die Krieger Helikes Tödlich, wenn sie es einmal nah genug heranschafften. ,,Ihr verrückten Schwarzgardisten.“ Der Arzt schüttelte nur langsam den Kopf,

während er seine Instrumente säuberte und zusammen räumte. Das Blut schien ihn kaum zu stören. ,,Ihr wahnsinnigen Nordländer.“ Schritte hinter ihm veranlassten Cyrus, den Kopf zu drehen. Eine Gestalt im türkisfarbenen Mantel des Ordens trat auf sie zu. Einen Moment bedachte der Magier Erik mit einem seltsamen Blick, bevor er sich an Cyrus wendete. ,, Schwarzgardist Cyrus?“ Er nickte lediglich. ,,Der Befehlshaber des Sanguis-Ordens möchte euch sehen.“ ,,Weshalb ?“ ,,Das weiß ich nicht.“ , erwiderte der Ordensbote ruhig.

Einfach Großartig. Nicht mitgehen würde bedeuten, es sich mit dem Orden verscherzen. Etwas, das man schlicht nicht tat, wenn man vorhatte, länger am Leben zu bleiben. Es war keine gute Idee, die Zauberer gegen sich zu haben, egal ob er sie mochte oder nicht. Es konnte immer schlimmer sein, erinnerte er sich, innerlich fluchend, während er dem Türkis gewandeten Fremden einen Hügel zwischen den Schützenstellungen und Barrikaden hinauf folgte.

Kapitel 6 Freiheit


Er konnte von hier oben fast die gesamte Ebene um Kalenchor überblicken. Die Stadt selbst zeichnete sich als dunkel Silhouette gegen die Sonne ab, die soeben den Horizont erreicht hatte. Und vor ihm ausgebreitet, in der anderen Richtung, lagen die Steppen, welche die Jünger Laos nach wie vor nicht preisgaben. Nun, wo er nicht länger alles über die Barrikaden und Dreckgefüllten Reisig-Körbe hinweg betrachtete, schien dieses Land tatsächlich eine eigene Schönheit zu besitzen. Es war karg, ohne

Frage ,aber bei weitem nicht leblos, wie man zuerst annehmen mochte. Einzelne Pflanzen und grüne Helme hielten sich im Staub des Bodens und er wusste aus Berichten, das es nahe Helike wohl sogar ganze Wälder gab. Seltsame Bäume mit Nadeln, wie man sie sonst nur im Norden fand, nicht die gewaltigen, ausladenden Laubbäume seiner Heimat. Er vermisste die Bäume, auch wenn er das nie zugegeben hätte. Die Schatten, in denen es selbst im Sommer angenehm kühl blieb, den Geruch von Harz und Blättern, der nicht in der Nase brannte wie der Staub der Steppen. Es war lange her, dass er das Herzland gesehen hatte und vermutlich würde er nur in einem

Sarg dorthin zurückkehren. Wenn überhaupt. Der Gedanke daran, in einer stickigen Holzkiste zu verrotten, war nicht grade verlockend. Da war es doch besser, hier draußen zu sterben. Sollten sich die Geier um das kümmern, was von ihm blieb. Aber warum dachte er überhaupt über das Sterben nach? Cyrus schüttelte die untypisch melancholischen Gedanken ab. Noch hatte er, aller Wahrscheinlichkeit nach, einige Jahre vor sich, solange er aufpasste. Der kleinwüchsige Magier an seiner Seite schien immerhin nichts von seinen Gedanken mitzubekommen. Und so viele Gerüchte über den Sangius-Orden

kursierten er hoffte, das zumindest keiner von ihnen wirklich in die Gedanken eines anderen eindringen konnte. Obwohl er jetzt schon einige Zeit mit den Magiern Seite an Seite kämpfte, bescherten ihn die unnahbaren Figuren in ihren weiten Roben nach wie vor eine Gänsehaut. Magie war nichts, mit dem sich sein Volk beschäftigte, zumindest nicht in der Art, wie sie von den Männern des Ordens praktiziert wurde. Es gab heilige Städten und Orte, denen eine eigene Macht inne wohnte, doch kein Gejarn hatte je eine Begabung für die Magie gezeigt, über die der Orden gebot. Und wenn Cyrus sich seinen Begleiter so ansah, war er ganz

froh darüber. Zauberei hatte einen Preis. Der Zauberer der ihn begleitete, war, trotz seiner Jugend , bereits vollständig ergraut. Seine dunklen Augen wirkten eingefallen und blickten müde, wie die eines viel älteren Mannes und seine Hände… Blaue Adern zeichneten sich unter weißer, fast durchscheinender Haut ab und seine Finger zitterten sichtlich. Cyrus kannte die Symptome zu gut, fand man sie doch fast immer bei den Zauberern des Ordens. Zu viel Magie war bereits durch den Körper des jungen Mannes geströmt und hatte ihn vorzeitig altern lassen und nun rang er bereits mit dem Tod, sich nur durch eisernen Willen

noch ans Leben klammernd, denn so zerbrechlich ihre Körper auch wirkten, ihr Geist war es, der ihnen Kraft gab Auch wenn sich der Zerfall, der sie heimsuchte angeblich nicht immer nur auf ihre Körper beschränkte. Wenn Cyrus in die gehetzten trüben Augen des Zauberers sah, glaubte er das sofort. Er konnte sich einem Anflug von Mitleid nicht erwehren, wohlwissend, dass der Weißhaarige Mensch ihn dafür bestenfalls verlachen oder auslöschen würde, sollte er je etwas davon mitbekommen. Mitleid und Gnade waren nichts, das der Orden verstand. Und wenn Cyrus ehrlich war, hatte er selbst wenig genug davon

erfahren. Eine einzelne Gestalt erwartete sie auf der Hügelkuppe, ebenfalls ein Magier, doch wirkte er bereits Älter und stützte sich auf einen schweren, knorrigen Stab um sich auf den Beinen zu halten. Selbst die weiten Roben im Türkis des Ordens konnten kaum darüber hinwegtäuschen, dass der Körper darunter kaum mehr war, als ein Skelett. ,, Ihr könnt euch entfernen.“ , meinte er ohne sich umzudrehen. Der jüngere Mann verneigte sich kurz, was ihm sichtlich Mühe bereitete, dann verschwand er auch bereits wieder den Hügel hinab und ließ Cyrus alleine mit seinem Meister

zurück. ,,Manche werfen uns vor, einseitig zu sein, weil wir nur Menschen aufnehmen.“ , begann dieser, nach wie vor mit dem Rücken zu Cyrus. Seine Stimme war überraschend hell und spiegelte mehr sein wahres Alter wider, als sein verfallender Körper. Erst jetzt drehte er sich zu ihm um. Aurelius , der Großmagier der die Männer des Ordens hier befehligte , war normalerweise kein Mann, den man oft außerhalb der Garnisonsfestung in Kalenchor antraf. Und so ehrfurchtgebietend die Macht auch war, über die er gebot, Cyrus sah letztlich nur einen alten Mann. Der Gejarn sah an

ihm vorbei hinaus auf die Ebene, wo der Leichnam des Riesen in der Sonne langsam Geier und Fliegen anzog. Alles kehrte am Ende nur in einen Kreislauf zurück. Am Ende war alles nur dem Prinzip von Actio und Reactio unterworfen, wie die Menschlichen gelehrten vielleicht gesagt hätten. Aber Magie schien etwas aus diesem Kreislauf zu reißen. Und das geschah nicht ohne Folgen. Er musste nur in das vorzeitig verwitterte Gesicht des Oberen Zauberers sehen. Ein türkisfarbener Mantel umhüllte die ausgemergelte Gestalt und auf seiner Schulter prangte das goldene Symbol des Bluttropfens. ,,Das stimmt nicht.“ , fuhr dieser grade

fort. ,,Euer Volk Cyrus hat schlicht nicht was wir suchen.“ Cyrus hätte sich diese Diskussion am liebsten erspart. Er war Müde, die Schusswunde in seiner Brust schmerzte jämmerlich und wenn er es zurück nach Kalenchor schaffte, konnte er sich auch guten Gewissens betrinken um den Schmerz zu betäuben. Er würde diesem Arzt, Erik, vielleicht ein Bier ausgeben, wenn er ihn fand. So verrückt der Mann wirkte, er hatte ihm heute vermutlich das Leben gerettet. Ihm und anderen. ,,Lasst mich raten, Spuren des Bluts des alten Volkes ?“ Glaubte Aurelius, das er erklärt bekommen musste, das es unter seinem Volk keine Magier gab?

Der Großmagier nickte. ,,Ihr seid schlicht nicht von Wert für uns, auch wenn einige von euch die alten Artefakte nutzen können, eigene Zauber weben ist etwas völlig anderes.“ ,,Jetzt fühl ich mich viel besser.“ , erwiderte Cyrus sarkastisch. ,, Also, was wollt ihr von mir ? Ich habe verflucht noch mal besseres zu tun als mir anzuhören, was ich schon weiß. ,,Von euch ? Ich weiß nicht. Vielleicht nur eine Meinung.“ Geister, verstehe einer Zauberer. Cyrus seufzte. Vermutlich war das Gehirn des Großmagiers schon vom Magiebrand

zerfressen. ,,Und welchen Rat ?“ Ohne Vorwarnung zog der Ordenszauberer ein Fernglas und deutete auf die See hinaus. ,,Seht selbst, Schwarzgardist.“ Cyrus nahm das Metallrohr skeptisch an sich. Es ließ seine Füße kribbeln. Magie. Er setzte es ans Auge und richtete es aufs Meer. Es war ganz offensichtlich verzaubert, wenn auch nur schwach. Er konnte sehr viel weiter sehen, als er es für möglich gehalten hätte. Hinter den Horizont sogar, denn was er sah war ganz sicher noch nicht mit bloßem Auge zu erkennen. Ein Schiff…. Ersetzte das Glas ab. ,,Und was soll das

sein ? Irgendein Handelsschiff eben.“ ,,Ein Handelsschiff ? Aus dem Süden ? Von Helike ?“ , fragte der Zauberer spöttisch. ,, Glaubt ihr etwa, nur weil mein Körper langsam zerfällt bin ich völlig verrückt geworden ?“ ,,Was ist es dann und warum zeigt ihr das mir und nicht einem Feldmarschall ?“ ,,Ich weiß noch nicht was es ist. Und ihr wärt leicht zu beseitigen wenn es wichtig wäre. Die Garde ist nur der Amboss, für das Reich. Wir jedoch, wir sind der Hammer, der seine Zukunft schmiedet. “ Die Kälte, mit der der Mann zugab ihn ohne zu zögern zu ermorden, wenn er darin einen Vorteil für sich sah ließ

Cyrus schaudern. Er legte eine Hand an das Kurzschwert an seiner Seite. Er war nicht zimperlich, ganz sicher sogar nicht, aber das war etwas zu gradeheraus. Und er hatte nicht vor heute zu sterben. Auch ein Magier konnte nicht mit durchgeschnittener Kehle leben. ,, Aber ich glaube man kann euch gebrauchen. Der Zauberer warf ihm etwas zu, das er grade noch Auffangen konnte. Ein würfelförmiger, roter Kristall, dessen inneres zu glühen schien. ,,Ein Kleiner Schutzzauber, falls ihr euch noch einmal eure eigene Kugel einfangen wollt.“ Ein wissendes Lächeln huschte über Aurelius Züge, ehe er sich

wieder umdrehte und weiter das Schiff beobachtete. Cyrus hingegen beeilte sich, möglichst schnell etwas Abstand zwischen sich und den Hexenmeister zu bringen. Der Mann war schlicht irre, das war alles. Wie viel Schaden konnte ein einzelnes Schiff anrichten, selbst wenn es voller Soldaten oder Sprengpulver wäre? Sie hatten eine verdammte Flotte in Kalenchor liegen. Das Schiff würde in Stücke geschossen werden, wenn es auch nur in die Nähe der Hafenfestung kam. Aber immerhin eine Sache hatte ihm das ganze eingebracht, dachte er, während er den roten Kristall betrachtete. Der war bestimmt einiges Wert…

Kellvian zog sich aus dem Wasser des Flusses ans Ufer. Einen Augenblick blieb er schlicht benommen im Sand der Böschung liegen und starrte nach oben. Sonnenlicht schimmerte sanft durch die Zweige der Bäume, die auf der abschüssigen Böschung zwischen Schilf und Sumpfgräsern halt gefunden hatten. Ein dünnes Lächeln huschte über seine Züge, während er eine Weile einfach nur so dalag. Der harte Kiesstrand war alles andere als bequem aber im Augenblick spürte er die spitzen Steinchen nicht

einmal, die sich in seinen Rücken gruben. Er war frei… zum ersten Mal seit langem hatte er nicht mehr das Gefühl, jeden Moment zu ersticken. Und doch blieb der bitter Beigeschmack, ein Feigling zu sein. Er hatte es wirklich getan. Er war weggelaufen… In Tyrus Augen hatte er damit wohl endgültig versagt. Und in denen seines Vaters… Langsam hob er den Kopf und sah sich um. Er war an einer Stelle an Land gespült worden, an der das Flussbett tiefer und der Strom des Wassers langsamer wurde. Sand und Kiesel hatten sich auf einem breiten Streifen entlang des Ufers angesammelt, auf dem vereinzelte Bäume und Büsche wuchsen.

Dahinter jedoch lag dichter Wald, dessen Blätterdach nur wenig Sonnenlicht hindurch ließ. Vögel zwitscherten irgendwo über ihm und im Unterholz raschelte es. Irgendwelche Tiere. Zumindest hoffte er das, als er sich auf dem Weg das Ufer hinauf zu einem größeren Felsen machte, der eine bessere Sitzmöglichkeit abgab als der bloße Boden. Er war nass bis auf die Haut und das gleiche gilt für seinen Rucksack. Wenn er die Sachen nicht bald trocken bekam, würde er vermutlich nicht weit kommen. Und so setzte er sich auf den von der Sonne warmen Stein und zog die Stiefle aus, in denen sich bereits das Wasser sammelte. Erstaunlich, wie weit

die Strömung ihn mitgerissen haben musste, als er gesprungen war. Am Himmel war nichts mehr von der fliegenden Stadt zu sehen, nur endlosen Reihen von Baumwipfeln, die sich scheinbar in alle Richtungen erstreckten. Hinter ihm wiederum zog sich ein ausgetretener Pfad das Ufer entlang. Offenbar kamen hier zwar ab und an Menschen vorbei, aber wenn er sich den Zustand des Wegs besah, sicher nicht viele. Nun ihm konnte es recht sein. Er hatte es nicht eilig auf jemanden zu treffen. Geschweige denn wusste er überhaupt genau, wie es jetzt weitergehen sollte. Vielleicht würde er für den Anfang dem Fluss folgen.

Irgendwann würde er dann in jedem Fall eine Siedlung erreichen. Kellvian zog den ebenfalls mit Wasser durchtränkten Rucksack zu sich heran und ging die Sachen durch. Das Zelt, das er eingepackt hatte, musste trocknen und so breitete er es kurzentschlossen auf den Steinen aus. Sein Hemd, Socken und die Schuhe folgten. Das letzte was er hier draußen gebrauchen konnte, wäre, sich zu Erkälten oder eine Blase zu laufen. Lediglich die Hosen behielt er an, selbst wenn es nicht so aussah, als ob in den nächsten Stunden jemand hier vorbei kommen würde. Und doch, höfischer Anstand und Scham ließen sich nicht überwinden, nur weil er die

Mauern des Palastes hinter sich gelassen hatte. Der Gedanke war ernüchternder, als er zugeben wollte. Manche Mauern waren anscheinend mehr in seinem Kopf als Real. Wenigstens schien nichts beschädigt, lediglich dem Degen würde das Wasser kaum gut bekommen, aber es gab wenig, das er dagegen tun konnte. Sollte die Klinge doch verrosten, dachte Kellvian. Er hatte ohnehin gezögert, überhaupt eine Waffe mit zu nehmen. Und doch hatte er es getan… Mauern in seinem Kopf, dachte er. Tyrus hätte ihn nie Unbewaffnet gehen lassen, wenn überhaupt. Aber Tyrus war jetzt weit weg, genau wie alles andere. Und das

Gewicht der Waffe hätte ihn im ersten Moment, als er im Wasser aufschlug, fast ertränkt. Kellvian schon die Gedanken von sich und sah eine Weile einfach nur dem Lauf des Wassers zu, während die Sonne am Himmel ihren höchsten Stand erreichte und seine Kleider trocknete. Es gab nichts, wo er hin musste, kein Ziel, keine Aufgabe. Nichts. Nur ihn und etwas Ruhe. Das hatte er sich doch gewünscht… seit der Schlacht. Und doch fand er genau das immer noch nicht. Ruhe. Ob ihm jemand folgen würde? Vermutlich. Sein Vater… Er unterbrach sich selbst in Gedanken. Nein, der

Kaiser, konnte es sich gar nicht erlauben, nicht nach ihm suchen zu lassen. Bloß würde wohl niemand den Erben des Kaiserreichs an einem verwilderten Flussufer erwarten. Und vermutlich wussten auch die wenigsten Menschen außerhalb der fliegenden Stadt, wie er überhaupt aussah. Und dann war da natürlich noch die Sache mit seinen Haaren. Kurzentschlossen schnitt er, was von seinem Zopf geblieben war, ab und ließ die Büschel vom Wind verwehen oder von der Strömung davon treiben. ,,Seltsam, jemanden so weit draußen anzutreffen.“ Kell drehte sich ohne sonderliche Sorge

zu der Stimme um. Hier draußen wusste niemand wer er war. Es gab keine Intrigen und niemanden, der sein Feind wäre. Nun , vielleicht ein Wegelagerer, aber bis auf das Gold trug er kaum etwas von Wert bei sich und wirklich daran hängen tat er nicht. Das Kaisergold und der Siegelring an seiner Hand waren die letzten Dinge, die ihn noch mit der fliegenden Stadt verbanden. Ein Mann in dunkler Kleidung stand hinter ihm, immer noch einig Schritten entfernt, auf dem Kiesstrand und stützte sich , scheinbar genauso gelassen wie Kellvian, auf einen verzierten Holzstab. Der Knauf des Stocks schien aus Bernstein gefertigt und an mehreren

dünnen Drähten baumelten aus Knochen geschnitzte Talismanen daran. Kellvian hatte nicht einmal gemerkt, wie oder wann sich der Fremde genähert hatte und halb hörte er schon Tyrus warnende Stimme in seinem Kopf, die ihn dafür schalt, dass er seine Umgebung vernachlässigt hatte. Der Mann trug einen weiten blau-schwarzen Mantel, der ihm bis zu den Knien fiel. Die Dunklen Haare, trug er zu einem kurzen Zopf im Nacken zusammengebunden. Vereinzelte, silbrige Strähnen glänzten darin. Helle, wache Augen um die sich dutzende dünne Fältchen zogen, musterten Kell, als wäre sich der Mann nicht sicher, was er

von ihm halten sollte. Nun, das beruhte immerhin auf Gegenseitigkeit, dachte der junge Mann, bevor er Aufstand und den Neuankömmling begrüßte ,, Ich würde sagen, es ist dann auch seltsam, euch hier zu sehen.“ Er lächelte. Der Alte hatte etwas Seltsames an sich, das konnte er nicht leugnen, aber nichts davon schien ihm bedrohlich. ,, Ich bin Kell.“ Solange er konnte, würde er seinen Vollen Namen besser für sich behalten. ,, Verratet ihr mir auch euren Namen ?“ Der Fremde lächelte ebenfalls Mit einer Hand, an der ein schwerer Saphirring glänzte, stützte er sich immer noch auf den Gehstock. Dann

jedoch streckte er Kellvian eine Hand hin. ,,Ich bin Melchior.“ Kell ergriff die angebotene linke zögernd. ,, Ihr seht nicht wie jemand aus, den man hier draußen erwarten würde.“ ,,Oh tue ich das ?“ Der Mann der sich als Melchior vorgestellt hatte, kicherte einen Augenblick in sich hinein. Ein ehrliches Lachen, auch wenn seine Augen zu verraten schienen, das er mehr wusste, als er jemals zugeben würde. Wissen, das ihn vielleicht ein wenig verschroben hatte werden lassen. ,,Ich bin eigentlich nur jemand, der gerne die Dinge beobachtet um zu sehen, wie sie

sich entwickeln.“ , fuhr der Fremde fort. ,,Manchmal tue ich auch meinen Teil dazu sie etwas interessanter zu gestalten.“ ,,Kennt ihr die Gegend hier ?“ , wollte Kell wissen. Der Mann mochte ein wenig seltsam sein, war aber offenbar ganz in Ordnung. ,,Diese und viele andere. Es gibt wenige Orte auf dieser Welt, die mir unbekannt sind. Und sogar einige…. Jenseits dieser Welt.“ Langsam war Kell sich nicht mehr sicher, ob Melchior nicht ein Spiel mit ihm spielte. In jedem Fall schien er sich köstlich zu amüsieren. En feines Lächeln schien ständig um die Mundwinkel des

Mannes zu spielen, als ob das hier alles ein Witz wäre, den nur er verstand- ,,Dann könnt ihr mir vielleicht sagen, welche Straße zur nächsten Stadt führt ?“ , fragte Kell. ,,Das Ende ist dasselbe, welchen Weg ihr auch nehmt. Die Welt ist immerhin rund. Ein Pfad ist nur etwas länger.“ Kellvian runzelte die Stirn. ,,Das ist mir durchaus klar.“ ,,Nun, dann geht dort entlang.“ Melchior deutete den Fluss hinab und wendete sich zu gehen. ,,Es ist letztlich egal, aber dieser Weg dürfte um einiges interessanter werden. Ihr werdet schon sehen.“ Kell konnte dem Mann nur einen

Augenblick schweigend nachsehen, während er zwischen den Bäumen des Ufers verschwand. Was auch immer das grade war…Unsicher sah er den Fluss in die Richtung hinab, die ihm Melchior gewiesen hatte. Auf den ersten Blick jedenfalls konnte er nichts erkennen, das diesen Weg von dem Flussaufwärts unterschied. Nun, da er nicht wusste, wohin, konnte er für den Beginn auch durchaus dem Rat eines verschrobenen Alten trauen. Aber einen Augenblick fragte er sich trotzdem, was wohl wäre, wenn er Flussaufwärts weiterzog. So oder so, es wäre nicht verkehrt, sich langsam auf den Weg zu machen. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst

überschritten und wenn er nicht im freien Übernachten wollte, fand er besser eine Unterkunft. Auch wenn Kellvian insgeheim fürchtete, das es dafür ohnehin zu spät war. Er war irgendwo im Nirgendwo gestrandet. Eilig packte er das Zelt zusammen und verstaute alles wieder in seinem provisorischen Rucksack. Dann zog er sich Hemd und Schuhe wieder an und blickte einen Augenblick zurück. Von Melchior war nichts mehr zu sehen. Um ihn herum gab es nur das Rauschen des Wassers und den Wind in den Bäumen und die Sonne, die auf ihn herab brannte. Es versprach noch ein schöner Tag zu werden. Er schulterte den

Rucksack und machte sich auf den Weg, immer dem Fluss nach. ,,Er wird auf diesem Weg nur unnötig leiden.“ , hörte Melchior eine Stimme neben sich. Er brauchte sich nicht umdrehen. Die Präsenz des Wesens, das neben ihm getreten war kannte er zu gut. Sie kannten sich zu gut, wussten seit langer Zeit voneinander. Und doch erhob keiner die Hand gegen den anderen, war der Ausgang einer solchen Konfrontation doch mehr als ungewiss. Sie kämpften auf andere Weise… ,,Leid ?“ , entgegnete der Seher. ,,Nein. Das was ihr als Leid empfindet lässt andere Wachsen. Und ich sehe so viel

mehr. Wisst ihr, das war immer eure Schwäche…“ ,,Ich sehe den Tod. „ unterbrach sein gegenüber ihn. ,,Alles verläuft so, wie es geplant ist. Das Netz ist lange gespannt. Und ihr werdet nichts daran ändern.“ Nun drehte sich Melchior doch um. Er sah in kein Gesicht, nur einen Lebendig gewordener Schatten, der an einem Baum in der Nähe lehnte. ,,Eure Schatten werft ihr voraus, das bezweifle ich nicht. Aber vielleicht sollten wir einmal auf Vorhersagen verzichten. Was meint ihr?“ Der Schatten antwortete nicht, sondern verschwand, davongetragen von einem

Windhauch. Ein kalter Schauer lief Melchior über den Rücken. Allesverlief nach Plan… Aber er hofft grade einen neuen Faktor in die Gleichung eingebracht zu haben.

Kapitel 7 Das Treffen


Die Festung des Sanguis-Ordens thronte in einem breiten Tal, zwischen hoch aufragenden Berggipfeln. In den Bergen gelegen, die die Grenze zu Immerson bildeten, wurde es hier, trotz des noch fernen Winters, bereits empfindlich kalt. Einzelne Schneeflocken wurden vom Wind von den Schneebedeckten Gipfeln ins Tal getragen und sammelten sich als feiner, weißer Flaum auf Wehrgängen und Zinnen. Feine Risse durchzogen das dunkle Mauerwerk der Festungsanlage und einzelne Quarzeinschlüsse schimmerten im Licht der untergehenden

Sonne. Rote , leblose Augen, die den Weg und die umliegenden Berge misstrauisch beäugten. Die Mauern umliefen eine weitläufige Ansammlung von Gebäude, Türmen und Kreuzgängen, welche mit dem Orden über die Jahrhunderte gewachsen waren und keine feste Struktur zu haben schienen. Es gab einfache Wirtschaftsgebäude, die neben einem Bibliotheksflügel aufragten, weitläufige Hallen in denen Zeremonien und Bestattungen stattfanden , denn wer einmal zum Orden gehörte, blieb ihm bis zum Tod verpflichtet und einen großen, klobigen Bergfried, der von filigranen Türmen flankiert wurde und dadurch nur noch größer und ungastlicher

wirkte. Die einzelne Gestalt, die aus einem Fenster im oberen Stockwerk jenes Bergfriedes sah, blickte nüchtern über die uralten und neueren Anlagen, die ohne klare Grenzen ineinander zu fließen schienen. Wann immer es dem schnell wachsenden Sanguis-Orden an Platz gemangelt hatte, waren einfach neue Gebäude und Wehranlagen hinzugekommen und so mit der Zeit ein regelrechtes Labyrinth entstanden. Die meisten brauchten Jahre, bis sie sich wirklich hier zu Recht fanden und selbst dann kannte man möglicherweise noch immer nicht alle Winkel und Durchgänge auf den Mauern und zwischen den

Gebäuden. Die Wehranlagen mochten alt sein, aber sie waren nach wie vor stark und der labyrinthische Aufbau der Festung selbst machte es einem potentiellen Angreifer zusätzlich schwer. Seit der Entdeckung von Schwarzpulver boten Mauern alleine , außer sie waren durch Erdwälle verstärkt, allerdings kaum noch Schutz. Tyrus Lightsson wusste jedoch zu gut, dass der Orden den Schutz durch Steinmauern kaum nötig hatte. Die wenigen Wachen, welche sich auf den Zinnen sehen ließen hatten die türkisgrünen Mäntel eng um sich geschlungen und standen um die, hier und da aufgestellten, Kohlenfeuer

herum. Nicht, das die Flammen viel gegen die Kälte ausrichten konnten, die von den Bergen herab kam. Tyrus verspürte jedoch kaum Mitleid mit ihnen. Es waren Niedere Zauberer, deren Macht zu unbedeutend war, um in die inneren Zirkel des Sanguis-Ordens Aufzusteigen. Sie waren die Trittsteine der wahrhaft begabten Zauberer, nicht mehr. Waren sie nicht mit Dienstarbeiten beschäftigt, schickte man sie hinauf auf die Mauern zum Wachdienst. Eine unnötige Aufgabe, dachte Tyrus. . Niemand, der bei klarem Verstand wäre, würde jemals den Sitz des Ordens angreifen. Jede einzelne Person innerhalb der Mauern trug das Blut des

alten Volkes in seinen Adern und selbst die schwächsten unter ihnen waren Gegner, die einem gewöhnlichen Sterblichen weit überlegen waren. Sie brauchten keine Wachen… Gegründet offiziell um jene zu Schulen, in denen die Gabe der antiken Zivilisation schlummerte, welche einst über die Welt geherrscht hatte, waren sie eine der, wenn nicht die mächtigste Institution im Canton-Imperium. Aber nur die wenigstens wussten, über wie viel Macht der Orden tatsächlich verfügte. Und doch war es nicht genug, dachte Tyrus bitter, als er sich zu den Gestalten umwandte, die mit ihm im Saal warteten.

Der Raum war, bis auf das Fenster in Tyrus Rücken, in tiefe Schatten getaucht, so dass er keinen der Anwesenden erkennen konnte. Alle anderen Lichtquellen hatte man verhängt oder gelöscht und auch vom Feuer, das in einem der Kamine gebrannt hatte, waren nur noch vereinzelte Glutpunkte geblieben. Tyrus konnte nur die Schemen der Männer und Frauen ausmachen, die auf ihn warteten. Und sie wiederum würden nur seine Silhouette gegen das Licht der Sonne sehen. So war es sicherer. Wen man nicht kannte, den konnte man nicht verraten. Und war es nicht verrat, was sie hier taten? Der

Kaiser würde es sicherlich so sehen. Aber was Verstand der Kaiser schon von bloßer Notwendigkeit? Nicht alle seiner Gäste waren Magier, das spürte er, selbst wenn er sie nicht sehen konnte. Tyrus verabscheute dieses Versteckspiel. Er war zu alt um sich noch vor Furcht in die Schatten ducken zu wollen. Ihr Ziel war fast erreicht , aber noch nicht nahe genug, das er wissen durfte, wer zum Netz des Meisters gehörte. Und ihm war klar, dass sie am Ende alle nur Puppen waren. Marionetten, deren Fäden man zog, wenn man sie brauchte. So wie jetzt. ,,Ist der junge Belfare tot ?“ , fragte eine Stimme aus dem Dunkel. Sie war

verzerrt und schien aus großer ferne zu kommen. Der Zauber, welcher die Männer und Frauen hier versammelt hatte war nicht von hoher Qualität. Sie konnten es sich nicht erlauben, eine der Magiequellen des Ordens für diese Treffen anzuzapfen. Wenn der restliche Sanguis-Orden herausfand, was sie hier taten, würden nur wenige Zögern ihn an die fliegende Stadt auszuliefern. Und sei es nur, weil sie dann selbst die Chance hätten, an seiner Stelle die Führung des Ordens zu übernehmen. ,,Wir waren uns einig, es reicht aus wenn der Junge aus dem Weg ist.“ , erwiderte Tyrus. Was geschehen wird, wenn er zurückkehrt ist grausam genug,

dachte er. Er hatte nicht vor, dem Jungen mehr weh zu tun als nötig. Und sei es nur, weil ein entfernter Teil von ihm Sympathie für ihn empfand. ,,Die Pläne haben sich geändert. Der Meister wird kein Risiko eingehen.“ , sagte jemand anderes. Der Sprecher hatte einen seltsamen Akzent. Ein Gejarn ? Tyrus kniff die Augen zusammen, meinte grauen Pelz zu erkennen. Wie gerne würde er einfach eine Fackel entzünden. Mehr als ein Gedanke seinerseits wäre dazu nicht nötig und diese Scharade wäre vorbei. Aber dann, das wusste er, würde er bis zum Morgengrauen sterben. Es würde wie ein Unfall aussehen, ein harmloser Treppenabsatz vielleicht, den

der alternde und gebrechlich werdende Ordensobere nicht gesehen hatte… Es hätte eine gewisse Ironie. Er stand so sehr hinter den Plänen ihrer kleinen, verschworenen Gemeinschaft, dass er ohnehin bereits alles dafür riskierte. Er wusste, wo ihnen Spione zur Verfügung standen. In welchen Institutionen sie Fäden hatten, die man ziehen konnte. Er hätte sie längst verraten können, hätte er es gewollt. ,,Von Mord war nie die Rede.“ Tyrus hatte Mühe, seine Stimme ruhig zu halten. ,,Der Plan steht längst. Wir müssen nur noch warten. Es gibt kein Risiko.“ ,,Vielleicht ist es unser Sache dienlicher,

wenn Kellvian die Stadt erst gar nicht wieder betritt.“ Tyrus spürte, wie sich die alten verletzten Muskeln in seiner Schulter zusammenzogen, als sie sich anspannten. Seine Hand ballte sich zur Faust. Er holte einmal tief Luft, entspannte sich. Es wäre zum Besten für alle. Er würde im Zentrum der Macht stehen, wenn ihr Plan aufging. Das durfte er nicht vergessen. Und wenn er das tat… dann konnte er alles zum Besten lenken. Aber nur, wenn er keine Schwäche zeigte, sonst würde man ihn ersetzen. Tyrus hatte lange genug in den Reihen des Ordens überlebt um das zu wissen. ,,Wir haben nicht die Ressourcen, uns

seiner Anzunehmen.“ , meinte eine neue Stimme. ,,Die Garden werden misstrauisch werden, wenn wir ihnen Befehl geben, Jagd auf einen Mann zu machen, der seltsamerweise Aussieht, wie der Erbe des Kaiser.“ ,,Das wird Konstantin das Herz brechen.“ , meinte Tyrus nachdenklich. Auch wenn der Kaiser sich immer wenig um Kellvian zu scheren schien, Tyrus wusste es besser. Wie gerne hätte er dem Jungen das auch gesagt, aber… ihre Ziele erlaubten es nicht. Er musste von selbst fort wollen. Ihn aus der Stadt zu entführen um ihn aus der Schussbahn zu bringen wäre Wahnsinn gewesen. ,,Wir werden dem Kaiser noch viel mehr

brechen, bevor das alles vorbei ist.“ Die Stimme, die nun Sprach klang beinahe Schadenfroh. ,,Also, kann der Orden die Aufgabe übernehmen, Kellvian Belfare unschädlich zu machen ?“ ,,Ja. Das können wir.“ Tyrus seufzte schwer. Irgendwie hatte der Junge, das ihn immer an sich selbst erinnert hatte und das war nicht nur das Blut des alten Volkes, das alle Magier zu entfernten Brüdern und Schwestern machte. ,, Aber seit gewarnt ihr unterschätzt Kell vielleicht. Das alte Blut in seinen Adern… Ihr wisst nicht, was geschehen könnte.“ Nicht wenn einer dieser Narren weckte, was in seinem Geist schlummerte. Vielleicht war es doch

besser, wenn der Junge starb, bevor das geschah. Es würde ihn genauso sicher zerstören, wie eine Klinge im Herz. ,,Die Gefahr, die von ihm Ausgeht ist uns allen hier bekannt.“. Das war wieder die schadenfrohe Stimme. ,,Und sie ist geringer, als die Gefahr, die er auf dem Bernsteinthron darstellen würde. Wir haben zu lange auf das hier hingearbeitet um es jetzt dem Zufall zu überlassen.“ ,,Gut. Ich werde diejenigen Ordenszauberer benachrichtigen, denen ich vertrauen kann. Kell ist bei Sichtung zu verhaften…. Oder bei Wiederstand zu töten.“ Offenbar waren damit alle zufrieden. Einer nach dem anderen lösten sich die

Schatten in der Halle auf, als der Zauber, der sie hier zusammengebracht hatte verflog. Tyrus machte eine Geste mit der Hand und die Lichter im Raum entzündeten sich wieder und die Vorhänge glitten von den Fenstern zurück. Dann trat er langsam an den großen Eichentisch nder die Rückwand des ansonsten schmucklosen Saals einnahm. Verschiedenste Papiere, Bücher und Schreibutensilien lagen durcheinander darauf verstreut. Auch das Feuer im Kamin war wieder aufgelodert, trotzdem kroch ihm die Kälte in die Glieder als er die Hand nach Schreibfeder und Pergament ausstreckte.

Mit einem seufzten ließ er sich auf einem Stuhl in einem Winkel der Halle nieder. Er tat, was getan werden musste. Auch wenn es nicht leicht war. Und doch fühlte er sich nur wie jemand, der ein Todesurteil unterzeichnete. Für jemanden, von dessen Unschuld er überzeugt war. Einen Moment zögerte er, tippte mit der Spitze der Feder an den Rand des gläsernen Tintenfasses. Federkiele waren überall sonst schon vor langer Zeit zum Großteil von Schreibfedern aus Holz und Metall abgelöst worden, aber hier oben veränderten sich die Dinge langsamer. So wie es sein sollte, dachte er. Veränderung brauchte Zeit. Hier jedoch

hatten sie genau das nicht. Und so war er grade dabei, einen Brief aufzusetzen, der das Schicksal des Reichs innerhalb weniger Tage völlig verändern könnte. Er wollte das nicht, fuhr es ihm durch den Kopf. Aber ihm blieb keine Wahl… Alles für den Frieden. Tyrus tauchte die Feder ins Tintenfass, verharrte noch einen Augenblick und begann dann zu Schreiben. Walter de Immerson wrang sein Barett aus, ehe er es sich wieder aufsetzte und das steinige Ufer entlang blickte. Die blaue Uniform die er trug war ebenfalls klatschnass und das Wasser stand ihm in den Stiefeln. ,,Nun,

seid ihr glücklich ihr großes Pelzvieh ?“ , fragte er seinen Gefährten, der sich ebenfalls umsah. Er wünschte er könnte die Mine des Gejarn besser lesen, aber das war ihm noch nie sonderlich leicht gefallen. Wasser troff dem Bären aus dem Fell, doch wenn Walter seinen Gesichtsausdruck richtig einschätzte, schien ihn das kaum zu stören. Im Gegenteil, Syle schien sich im Wasser fast wohler zu fühlen als an Land. Ganz anders als ich, dachte Walter grimmig. Allein das Gewicht der Waffen, die er trug, hätte ihn fast ertränkt… Langsam drehte er sich um und spähte in den Wald jenseits des Kiesstrandes. Die grünen Bäume, die sich im

Abendwind sanft wiegten hatten etwas Beruhigendes. So wie die ganze Gegend hier. Viele Siedlungen konnte es hier wohl nicht geben, denn die Bäume wirkten uralt, so als hätten nur wenige Holzfäller oder Kohler bisher die Mühe auf sich genommen, diesen Teil der Herzlande zu erschließen. Syle brummte nur irgendetwas unverständliches, während er sein Gewehr aufhob und die Waffe überprüfte. Natürlich war das Pulver nass geworden und nicht mehr zu gebrauchen… Ohne Waffen mitten im wildesten Teil der Herzlande. Das konnte ein Spaß werden. Und das alles nur wegen dieses

Jungen. ,,Hey, ich rede mit euch.“ , wiederholte Walter säuerlich, als ihn der Bär scheinbar ignorierte und nur prüfend die Luft einsog und weiter den Wald beobachtete. ,,Und ich würde euch bitten, leiser zu sprechen.“ , erwiderte der Gejarn. ,,Das sind die Herzlande mein Freund. Die Chancen stehen gut, das man einen kaiserlichen Gardisten hier aufknüpfen wird.“ ,,Ich dachte eure abtrünnigen Clans seien unter Kontrolle.“ ,,Noch. Ich würde es trotzdem nicht darauf anlegen, einem zu begegnen. Freundlich dürfte man uns kaum

begrüßen.“ Er deutete den Fluss hinab. ,,Solange wir uns Flussaufwärts halten ist alles bestens. Da kommen wir in sicheres Gebiet. Kaiser-loyale Clans und einige Siedlungen. Aber Flussabwärts…“ Syle schüttelte den Kopf. ,,Ich verstehe.“ Walter fischte seine eigene Muskete aus dem Wasser. Wenigstens das Bajonett wäre noch zu gebrauchen. Zwei einsame Gardisten der kaiserlichen Leibgarde , ohne Vorräte oder funktionierende Waffen. Die Gejarn würden sich wirklich freuen. ,,Und ihr könnt nicht zufällig sagen, wohin Kellvian gegangen ist ?“ Wenn er überhaupt an Land gespült wurde wie sie und nicht ertrunken am Grund des

Flusses lag . Aber darüber wollte der junge Adelige erst gar nicht nachdenken. Die umliegenden Wälder schienen ihm zu dicht, um leicht hindurch zu gelangen. Eigentlich blieb nur der Fluss. ,,Ich kann ihn nicht riechen. Oder hören. Nur ich hoffe mal flussaufwärts.“ , entgegnete Syle. Walter seufzte. ,,Dann ist er flussabwärts gegangen.“ ,,Seit wann seit ihr ein besserer Fährtenleser als ein Gejarn ?“ ,,Er weiß sicher nicht, was wir wissen und selbst wenn… Der Junge hat nichts als Flausen im Kopf Syle. Zumindest seit…“ ,,Ihr braucht nichts sagen. Ich bin dabei

gewesen. Hässliche Geschichte, aber wir mussten ein Exempel statuieren.“ ,,Und das macht euch nichts aus ? Gegen eure eigene Art zu kämpfen?“ , wollte er wissen und zog einen seiner Stiefel aus um das Wasser auszugießen. Wenigstens trockene Füße wollte er haben. Syle lachte bitter. ,,Und ob es das tut. Aber das Canton-Imperium hat uns seit über acht Jahrhunderten zusammengehalten. Ich glaube nicht, dass die Clans jeweils auf sich gestellt überleben könnten. Wir haben zu viele eigene Fehden, die ihr vermutlich nicht einmal verstehen würdet. Manche gehen noch auf die Lebzeiten von Simon Belfare zurück, oder sogar

davor.“ ,,Und warum sagt ihr euren Leuten das nicht einmal ins Gesicht ?“ ,,Mein Clan würden mich am nächsten Baum aufhängen, bevor ich zwei Sätze herausbringe. Ich diene in der Garde, sie haben sich den Abtrünnigen angeschlossen. Für mein eigenes Volk bin ich ein Blutsverräter, “ Syle schulterte das Gewehr und setzte sich in Bewegung. Für ihn war die Sache damit wohl beendet. ,,Kommt, bringen wir das hinter uns. Flussabwärts also.“ ,,Bei genauerer Überlegung…“ , setzte Walter an. ,,Ihr habt doch nicht etwa Angst ?“ Walter schüttelte den Kopf. Er würde

sich alles vorwerfen lassen, aber das er feige war sicher nicht. Nicht mehr jedenfalls. Er hatte seine Fehler gemacht. Er war ein De Immerson. Seine Familie war im Norden eine Legende für sich und mehr als ein Kaiser war direkt oder indirekt mit seinem Haus verwandt gewesen. Walter amtete tief durch. Nun , vielleicht konnte er das alles hir einfach als seine Chance sehen, seine Familienehre zu retten. ,,Da hätte ich ja einen Ruf zu verlieren. Und wenn er nicht dort ist ?“ , gab er trotzdem zu bedenken. ,,Dann ist er flussaufwärts gegangen und so oder so erst mal in Sicherheit.“ , erwiderte

Syle. Walter de Immerson gab es auf. Es blieb ihnen wirklich nur, sich endlich auf den Weg zu machen. Wenn es dunkel wurde, würden sie Kellvian sicher nicht mehr finden. Und wer wusste schon, ob sie ihn dann noch einholen würden. Oder ob ihn nicht jemand vor ihnen fand… Walter schüttelte den Kopf, ehe er sich daran machte, Syle den leicht abschüssigen Kiesstrand entlang zu folgen. Immer wieder warf er dabei misstrauische Blicke zum Waldrand. Wenn sie entdeckt wurden, dann konnte das tatsächlich schnell sehr ungemütlich werden. Was würde er jetzt dafür geben, einen Sanguis-Magier dabei zu haben.

Niemand, der bei klarem Verstand war, griff einen Zauberer an. Und niemand, dem sein Leben lieb war stellte ihn in Frage.

Kapitel 8 Ein unerwarteter Gast

Kell saß am Feuer uns starrte in die Flammen. Mittlerweile war es so gut wie dunkel und außerhalb des Lichtscheins des Feuers erhellte nur noch ein dünner Streifen Tageslicht und der aufgehende Mond die Umgebung. Darauf, das Zelt aufzuschlagen hatte Kell verzichtet. Das konnte er aufbauen, wenn es anfing zu regnen und im Augenblick war der Himmel so klar, dass er das Gefühl hatte, jeden einzelnen Stern sehen zu können. Er war den Tag über mit dem Strom gewandert und erstaunlich gut vorangekommen, auch wenn er keine

Möglichkeit hatte, die Entfernung abzuschätzen, die er zurückgelegt hatte. Mit dem Feuerstein aus der Steinschlosspistole war es ihm nach einigen Versuchen gelungen, ein Feuer zu entfachen, auf dem nun, aufgespießt auf einem zweckentfremdeten Degen, einige Stücke Dörrfleisch weichkochten. Kell nahm einen Schluck aus der Feldflasche und stand dann auf um Feuerholz zu holen. Egal ob es hier wilde Tiere gab oder nicht, besser das Feuer brannte die Nacht über, dachte er. Angst hatte er keine, aber es wäre eine kurze Reise, wenn ihn ein ausgehungerter Wolf im Schlaf fraß. Langsam trat er aus dem Lichtkreis des

Feuers heraus und wartete, bis sich seine Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er hatte sein Lager auf halbem Weg zwischen Waldrand und Flussufer aufgeschlagen. Der Flusslauf war träge und spiegelte das Mondlicht wieder, was den Steinen der Uferböschung einen silbernen Schimmer verlieh. Nur durch die umliegenden Bäume drang kein einziger Lichtstrahl. Der Waldrand hätte genauso gut einfach eine dunkle Mauer sein können. Erst, als er näher trat konnte Kell langsam einzelne Äste und Baumstämme erkennen, die aus der Schwärze zu Wachsen schienen. Jetzt wurde ihm doch ein wenig mulmig

zumute. Kurz sah er zurück zum Feuer, wo er seine Waffen zurück gelassen hatte. Das war dumm gewesen. Wenn… Hör auf dir selbst doch noch Angst zu machen, schalt er sich innerlich. Es gab kein wenn. Im Umkreis von mehreren Meilen gab es nur ihn und den irren Melchior, der jetzt sicher auch irgendwo durch den Wald stolperte. Endlich erreichte Kell die Baumgrenze und begann, einige lose Zweige aufzulesen. Dornen und große Farnpflanzen überwucherten den Boden, dicht wie ein Teppich. Die Zweige über ihm schienen ein fast geschlossenes Dach zu bilden, das nur vereinzelte Strahlen Mondlicht bis auf den Boden gelangen

schien. Alles hiererschien Kell alt. Spinnweben spannten sich zwischen einzelnen Baumstämmen, die so breit wie die größten Säulen im Thronsaal der fliegenden Stadt waren. Wenn es Holzeinschlag gab, dann nur wenig. Vermutlich war seit sehr langer Zeit niemand mehr in diesen Wäldern gewesen. Und doch fühlte er sich mit einem Mal beobachtet. Jetzt wurde er schon leicht Paranoid. Trotzdem blieb er stehen und legte langsam den Holzstapel beiseite, den er gesammelt hatte. Wenn jemand hier war, würde er sich durch irgendetwas Verraten. Aber alles blieb ruhig. Kein Zwei knackte, kein Rascheln verriet eine

Bewegung. Dann jedoch brach etwas aus dem Dickicht hervor. Etwas, halb so groß wie Kell, das blindlings an ihm Vorbeistürmte und wieder zwischen den Blättern verschwand. Kell lachte Lauthals, als er dem fliehenden Tier nachsah. Ein Wildschwein. Das war alles. Immer noch schmunzelnd suchte er das Holz wieder zusammen und machte sich auf dem Weg zurück zu seinem Lager. Das Feuer brannte nach wie vor hell und zeichnete sich deutlich durch die Zweige und Blätter ab. Kell stolperte einen kleinen Hügel hinunter, bis er wieder unter den Bäumen hervorkam. Nach wie vor schien

alles verlassen, trotzdem hielt er sich noch einen Augenblick in den Schatten. Etwas bewegte sich am Feuer. Nur kurz und doch war sich Kell absolut sicher, jemanden gesehen zu haben. Ein Schatten, der sich vor den Flammen abzeichnete. Verflucht, was machte er jetzt? Sowohl die Pistole als auch das Schwert waren beide am Feuer. Und wenn er einfach aufstand, hinging und… Hör dir mal selbst zu, Junge. Das war Tyrus Stimme, die ihn schalt. Nein, das wäre Wahnsinn. Bewaffnet könnte er sich solchen Leichtsinn vielleicht erlauben, aber alleine mitten in den Wäldern? Wer immer dort war, er war ihm Momentan überlegen. Aber wenn er

schnell genug wäre ? Den Degen konnte er vergessen, dazu musste er direkt ans Feuer. Sein Rucksack mit der Pistole hingegen lag ein Stück Abseits. Der Mond stand hoch am Himmel und leuchtete das Ufer aus. Aber trotzdem war es einen Versuch wert. Die andere Option wäre, aufgeben und weiterziehen. Und seine komplette Ausrüstung zurücklassen. Es war das Risiko Wert, entschied Kell. Sich durch die Schatten zu stehlen, war nichts, was man vom Erben des Bernsteinthrons erwarten würde, doch hatte er sich bei mehr als einer Gelegenheit vor Syle oder den anderen Gardisten davongeschlichen, die damit

beauftragt waren, ein Auge auf ihn zu haben. Und der imperialen Garde zu entkommen, selbst wenn die Wachen Freunde waren, war etwas, auf das er sich etwas einbildete. Einen Fuß vor den anderen setzend, schlich er sich im weiten Bogen um das Feuer herum. Wer immer dort war, war mit dem Gesicht zu den Flammen gewandt und das wiederum würde es demjenigen schwer machen, ihn zu sehen. Die Kiesel klickten leise, während er näher ans Feuer trat. Jetzt konnte er schon den hellen Stofffetzen erkennen, der seine provisorische Tasche darstellte. Und den silberbeschlagenen Griff, der daraus

hervorragte. Kurz schätzte er die Entfernung zwischen dem Feuer, der Tasche und ihm. Wenn er jetzt losrannte, hatte er gute Chancen, die Waffe in Händen zu haben, bevor sein ungeladener Gast ihn bemerkte. Kell sprang aus der Hocke auf und rannte los. Zeitgleich sah er, wie auch Bewegung in die Gestalt am Lagerfeuer kam. Er war entdeckt. Aber das machte jetzt nichts mehr. Er ließ sich zu Boden fallen und tastete mit einer Hand nach dem Griff der Pistole. Währenddessen sah er wie der Schatten näher kam. Endlich bekam er die Waffe zu fassen und richtete sie auf den Fremden. ,, Hey,

stehenbleiben, ich bin nicht euer Feind.“ Den Schatten schien das wenig zu kümmern. Mit einem Satz sprang er auf ihn zu. Kell zögerte nur kurz. Aber verdammt, er wollte niemanden töten… Trotzdem zog er den Abzug durch. Nichts. Oh verdammt. Er hätte am liebsten laut geflucht, wenn ihm dazu die Zeit geblieben wäre. Die Waffe war wie alles im Fluss nass geworden. Und das Pulver darin damit nicht mehr zu gebrauchen. Warum hatte er daran nicht gedacht…. Die Waffe viel ihm aus der Hand. Ich bin ja so was von tot, dachte er

noch. Zyle hatte Schwierigkeiten, auf dem schwankenden Deck halt zu finden. Das Linienschiff auf dem er sich befand war größer, als die leichten Galeeren und Galeassen, welche den Großteil der Flotte Laos ausmachten. Aber das hier war kein Laos-Schiff. Ganz hatte er es immer nicht realisiert, auch wenn er sich nichts anmerken ließ. In der Tasche trug er das kleine schwarze Ebenholzkästchen, welches die Bezahlung enthalten sollte, welche Wys für seine Überfahrt zugesichert hatte. Wie auch immer diese aussehen

mochte… Es konnte nicht viel sein, den die Schatulle passte ohne Probleme in seine geschlossene Faust. In einiger Entfernung konnte er einen Hafen erkennen. Das war vermutlich Kalenchor, der Versorgungsstützpunkt der Canton-Gardisten in dieser Gegend. Sie waren wohl weit genug weg um nicht bemerkt zu werden. Oder ein einzelnes Schiff war der kaiserlichen Flotte den Aufwand nicht wert, wer wusste das schon. Die drei Segel des Schiffs wölbten sich im Wind und brachten sie schnell an der Küste entlang voran. Zyle konnte es gar nicht schnell genug gehen. Desto schneller sie die Küsten des Südens

hinter sich ließen und die des Canton-Imperium erreichten, desto schneller konnte er seinen Auftrag ausführen. Was auch immer die Archonten sich vom Tod eines Fürsten des Kaiserreichs erwarteten. Aber es war nicht seine Aufgabe das zu hinterfragen. Seltsam… er hatte immer weg gewollt, zumindest raus aus der Helike , aber jetzt wünschte er sich umkehren zu können. Irgendwo in den Mauern der Hauptstadt lauerte ein Verräter und er wusste nicht, wer es war… Zyle hatte für die Reise auf jegliche Rüstung verzichtet. Auf der einen Seite würde er in Canton sonst auffallen, wie der sprichwörtliche bunte Hund und auf

der anderen, würde er, wenn ihn das Schicksal über Bord gehen lassen sollte, jämmerlich ertrinken. Nur ein Breitschwert und ein schweres Schild hatte er mitgenommen. Doch selbst damit fiel er unter den Bastarden auf diesem Schiff auf. Piraten… Wie tief waren sie eigentlich gesunken das sie mit solchen Leuten Geschäfte machten? Die zwei Dutzend Männer, Menschen und Gejarn, an Deck wirkten alles andere als seriös. Abgetragene Kleidung, die nach Rum , Schweiß und schlechtem Tabak stank, das ihm mit seiner empfindlicheren Nase fast übel wurde. Wie hielten die Gejarn in der Crew das aus? Oder vielleicht

hatten sie sich einfach daran gewöhnt… Den Kapitän dieses Haufens hatte er bisher nicht einmal zu Gesicht bekommen. Offenbar ein ziemlich undurchsichtiger Mann namens Eden. Ein Gejarn, wenn Wys ihn da richtig informiert hatte. Wie auch immer, er würde die Überfahrt irgendwie überstehen… Der einzige, der nicht in das allgemeine Bild zu passen schien, war ein Junge, vielleicht halb so alt wie Zyle, der fast auf der anderen Seite des Schiffsdecks, vor dem Zugang zur Kapitänskajüte und dem Ruder. Dunkelbraune Haare wehten im leichten Wind um seinen Kopf. Er trug schlichte, aber um einiges

sauberere Kleidung als der Rest, wirkte jedoch krank. Tiefe Ringe hatten sich unter seinen türkisfarbenen Augen eingebrannt, die müde zu ihm Blickten. Zyle war schon klar, dass er das Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit war. Auch wenn das Schiff nicht dem Imperium diente, er war immer noch das, was die meisten hier Fürchten gelehrt wurden. Und mit gutem Grund… Er sah sich erneut um und achtete diesmal auf die Bewaffnung. Das Schiff selbst besaß zwei Batteriedecks mit Kanonen, aber kaum jemand von der Besatzung schien Schusswaffen zu tragen. Er schätzte, jeden an Bord dieses Schiffes in einem Zweikampf bezwingen

zu können, würde es nötig werden. Sein Blick wanderte an seinem Arm hinab zu dem Eisenband an seiner Hand. Zwar war er sich sicher, dass keiner an Bord die darauf gravierten Worte verstehen konnte, wenn diese Barbaren auch nur ihre eigenen Buchstaben lesen konnten, aber trotzdem zog er seinen leichten Reiseumhang über den Arm. Endlich hörte er, wie die Tür zur Kajüte geöffnet wurde und eine einzige Gestalt aus dem Halbdunkel dahinter ins Licht trat. ,, Ich schätze, ihr habt was verlangt wurde ?“ , fragte sie. Zyle war einen Augenblick unfähig zu antworten. Der Kapitän war eine Frau.

Eden war ein Stück kleiner als er und auch wie die meisten der Männer der Crew, aber die Art, wie die Gespräche an Deck verstummten sagte Zyle alles, was er wissen musste. Sie trug einen roten Mantel, der offenbar ein Stück zu groß war, ein weißes Hemd und Hosen im gleichen Farbton. Der Griff eines Säbels ragte über ihren Rücken und mehrere Pistolen hingen an einem Gürtel über ihrer Schulter. Die sichere Gangart, die die Kapitänin auf dem Deck an den Tag legte erinnerte Zyle sofort an eine Wildkatze, wie auch ihre komplette Erscheinung. Heller, fast weißer Pelz gab der Erscheinung

zusätzlich etwas gefährlich Ätherisches. ,, Hey, ihr sprecht doch mein Sprache oder ?“ Zyle wurde klar, dass er nach wie vor nicht geantwortet hatte. ,, Ich habe alles hier.“ , erwiderte er und hielt das kleine Ebenholzkästchen hoch. ,, Gut. Her damit.“ Eden hielt eine Hand auf und erwartete offenbar, dass er die Schatulle aushändigte. Da konnte sie aber lange warten. ,, Und wer versichert mir, das ich nicht über Bord gehe, sobald ihr habt was ihr wollt ?“ Sie lachte. ,, Ihr wisst nicht, was da drin ist, oder ?“ Die Kapitänin beantwortete sich die Frage gleich darauf selbst. ,,

Natürlich nicht, ihr würdet nicht Fragen, wenn ihr es wüsstet. Und ich breche niemals ein Versprechen. Ein Handle ist ein Handel. Ihr werdet die Küsten Cantons sicher erreichen, alles andere wäre schlecht fürs Geschäft.“ Ihre braunen Augen schienen zu funkeln und er war sich sicher, dass er grade verspottet wurde. Nur nicht weshalb. ,, Es gibt nur wenige Bedingungen unter denen ich euch doch über Bord werfen müsste. Dieses Kästchen nicht jetzt auszuhändigen ist eine davon.“ Zyle seufzte. Er wusste er würde es bereuen. Und was war nur in der Schatulle, das so wertvoll war, dass es einer ganzen Schiffsmannschaft als

Bezahlung genügte? Schließlich drückte er das Kästchen Eden in die Hand. ,, Ihr seid ja doch nicht ganz dumm.“ , kommentierte sie. ,, Zu den Regeln. Erstens, das hier ist mein Schiff. Erwartet nicht, dass sich hier irgendjemand anders benimmt nur weil ihr an Bord seit. Ich kenne die seltsamen Sitten eurer Art gut genug. Zweitens. Ich werde es nur bedingt dulden, wenn ihr jemanden verletzt. Es mag für euch aus Laos normal sein euch Gegenseitig herauszufordern, aber ich brauche jeden meiner Leute einsatzbereit. Drittens und das ist das wichtigste. Seht ihr den jungen Mann da vorne am

Ruder?“ Sie deutete auf den dunkelhaarigen Mann, der Zyle schon zuvor aufgefallen war. irgendetwas an seinen Augen war unheimlich…. ,,Er bedeutet mir sehr viel.“ , fuhr Eden fort. ,, Nein, nicht was ihr denkt.“ Was hatte er denn Gedacht? ,, Der Punkt ist, tut meinen Leuten etwas zu Leide und ich lasse euch über Bord werfen. Tut Zachary etwas zu Leide und ich breche euch jeden Knochen einzeln und lasse euch dann in kleinen Teilen an die Haie verfüttern. Von mir aus kann selbst der Geist eures Laos hier an Bord herumspucke, aber solange er auf meinem Schiff ist, hat er

mir zu gehorchen. Solange ihr das alles im Kopf behaltet, sollten wir keine Probleme haben. Wir nehmen euch nach Norden mit, aber sobald die Küste in Sicht ist, könnt ihr sehen, wie ihr weiterkommt. “ Sie nahm ihm das Kästchen endgültig aus der Hand und öffnete es. Auf einem grünen Samtpolster lag etwas, das Zyle auf den ersten Blick an ein normales Juwel erinnerte. Es war lediglich Tiefblau wie der Ozean um sie herum. Und irgendetwas daran ließ seine Füße kribbeln, als wären sie Eingeschlafen. Der Kristall hing an einer feingliedrigen Silberkette, die so dünn wie Luft schien. Daneben lag eine versiegelte

Schriftrolle. Zyle konnte das Siegel der Archonten darauf erkennen, fünf sich überkreuzende Klingen. ,, Zac, komm mal her.“ Der angesprochene, nach wie vor krank wirkende Junge trat vor. Eden nahm das Amulett aus der Schatulle. ,, Sag mir ob das Hilft.“ Zachary nahm den Kristall mit zitternder Hand entgegen. Sobald er ihn jedoch ergriff schien es dem Jungen tatsächlich besser zu gehen. Die Ringe unter den Augen waren noch da, aber die Müdigkeit verschwand beinahe schlagartig aus seinem Blick. Gleichzeitig richtete er sich ein Stück auf.

,, Das ist… um einiges besser.“ ,, Ihr habt Glück Laos. Ihr müsst doch nicht zurück zum Festland schwimmen.“ , kommentierte Eden, während sie das versiegelte Papier aus der Schatulle nahm und die Ebenholztruhe dann über Bord warf. ,, Nur mich interessiert, was eure Archonten noch dafür haben wollen.“ ,, Ich dachte das sei der Preis für meine…“ Eden lachte, diesmal laut genug, das es auf dem ganzen Schiff zu hören war. ,, Ihr habt wirklich keine Ahnung, was ihr mir da gegeben habt oder ? Dafür bekommt man ein Königreich.“ Sie entfaltete das Blatt und begann zu

lesen, dann sah sie auf. ,, Kalenchor also… Zac. Wir werden etwas unter Wasser setzen.“ Zyle war sich unsicher, was grade vor sich ging. ,, Ihr wisst schon, dass das da draußen ein imperialer Seehafen ist, wir würden nicht einmal…“ Weiter kam er jedoch nicht. Da war es wieder, dieses unbestimmte Kribbeln, nur diesmal schien es seinen ganzen Körper zu betreffen. Der Junge, Zachary, sah schweigend hinüber zum Hafen. Für Zyle jedoch wirkte es, als würde die Welt plötzlich kippen. Das Schiff schien langsam Schräglage zu bekommen, denn plötzlich konnte er Wasser sehen, das sich vor ihm

auftürmte. Und da wurde es ihm klar. Nicht das Linienschiff stand schräg, die See hatte eine horizontale Maur gebildet. Fasziniert starrte er auf die zweihundert Schritte hohe Mauer aus Wasser, die sich längsseits des Schiffs auftürmte und scheinbar von nichts gehalten schwebte. Er konnte sogar Fische in der flüssigen Barriere erkennen… Zyle sah zu dem Jungen, der breit grinste. Zauberer…. Ein abergläubischer Schauer überlief ihn, während er wieder die eingefrorene Welle betrachtete. ,, Ich verstehe nach wie vor nicht was…“ Langsam, ganz langsam setzte die Mauer im Meer sich in Bewegung. Schaumkronen bildeten sich, als die

magische Flutwelle auf Kalenchor zuhielt.

Kapitel 9 Flut

Cyrus öffnete langsam die Augen. Kopfschmerzen. Vorsichtig setzte er sich auf. Verflucht, das war gestern keine gute Idee gewesen. Er wusste ja, dass er vorsichtig mit dem Alkohol sein musste, aber das war ein neuer Tiefpunkt. Blinzelnd sah er sich um. Irgendeine Taverne in Kalenchor. Stühle und Tische lagen übereinander und hier und da konnte er schlafende Gestalten erkennen. Wenn die Schwarzgarde für eines mehr berüchtigt war, als für ihre Disziplinlosigkeit, dann damit, dass man nicht mit ihnen feierte, zumindest nicht, wenn man am nächsten

Morgen Dienst hatte. Licht viel durch die staubigen Fenster und hüllte den Raum in warmes Licht. Die Luft war stickig und schwer. Alkohol, Tabak und der Geruch von Opiumpfeifen, die bei einigen der Offiziere in Mode gekommen waren. ,, Ihr seht so elend aus, da hilft nur weitertrinken.“ , meinte eine ihm bekannte Weißhaarige Gestalt. Erik Flemming wirkte absolut nüchtern, wie er einige Schritte entfernt in einem Schaukelstuhl saß und sich eine Pfeife ansteckte und mit der anderen Hand schon wieder einen Bierkrug an die Lippen setzte. Cyrus schnappte sich ebenfalls einen

noch halbvollen Krug und stürzte den Inhalt hinunter. Mit einem hatte der Arzt Recht. Die Kopfschmerzen schienen sofort etwas zurück zu weichen. Erik stieß derweil eine der am Boden liegenden Gestalten mit dem Fuß an. Diese rührte sich kurz, blinzelte und schlief dann weiter. Der Feldarzt schüttelte den Kopf. ,, Typisch schwarze Garde.“ Cyrus konnte nur nicken. Aber dafür hatte er diese Truppe ja so lieben gelernt. Aufgeregte Rufe von der Straße brachten ihn endgültig zurück zu Bewusstsein. Vorsichtig setzte er sich auf und stolperte in Richtung Tür. Erik hingegen

machte sich keine Mühe ihm zu folgen, sondern blieb sitzen wo er war. Vielleicht war der Kerl doch nicht so nüchtern, wie er tat. Das Sonnenlicht blendete ihn, als er hinaus auf die Straßen trat. Die Gebäude am Hafen waren allesamt innerhalb weniger Wochen erbaut worden und Kalenchor keine mit der Zeit gewachsene Stadt. Das merkte man auch. Alles hier war organisiert, die Straßen verliefen alle grade und bildeten ein Gittermuster, in dem man sich schnell orientieren konnte. Und jeder der Wege war breit genug um große Karren mit Versorgungsgütern darauf fahren zu lassen. Dutzende einfache Hütten,

Schenken und Bretterverschläge reihten sich aneinander und bildeten einen fast perfekten Kreis um den großen Festungsbau im Herzen der Stadt, wo die meisten Gardisten untergebracht waren. Normalerweise herrschte auf den Gassen geschäftiges Treiben. Händler und Ladenbesitzer, die versuchten Vorräte von den Schiffen zu ergattern, Gardisten welche die Wachen an der Grenze ablösten und tausende andere Leute, die ihr Tagewerk verrichteten, von Segelmachern und Zimmerleuten, welche die Flotte im Hafen in Stand hielten, bis zu den seltenen Gestalten der Zauberer vom Sanguis-Orden. Nun jedoch waren alle Leute erstarrt und

blickten geradeaus zum Hafen. Cyrus erging es nicht besser. Das was er sah war völlig unmöglich… Der Ozean schien sich verkehrt zu haben. Statt eine glatte Fläche zu bilden stand das Wasser horizontal in einer gewaltigen, sich langsam auf sie zubewegenden Mauer. Soweit der Horizont reichte sah er nichts als Wasser. Ein Sanguis-Zauberer, der ein Stück entfernt stand hatte den Arm gehoben und murmelte eilige Beschwörungen, aber offenbar nützte das nichts. Die Flutwelle kam immer noch näher. Cyrus packte den Mann am Kragen seine

Robe. ,, Wo ist euer Großmagier ?“ Die Wasserwand konnte unmöglich natürlichen Ursprunges sein. Und wenn sie nicht sofort etwas unternahmen… Der Zauberer hob abwehrend eine Hand, als die Flutwelle den Hafen erreichte. Zu spät, dachte Cyrus. Die ersten Schiffe wurden vom Wasser erfasst und in die Luft geschleudert. Er konnte Holz und Segelmasten splittern hören. Splitter und lose Planken wurden aufgewirbelt. Männer versuchten sich mit einem Sprung ins Hafenbecken vor der Gewalt des Ozeans zu retten nur um wenige Augenblicke später ebenfalls von der Welle zerschmettert zu werden, die nun

die ersten Häuser erreichte und diese mitriss, als wäre es nichts. Cyrus wollte loslaufen, aber seine Beine schienen wie angewurzelt. Mit zunehmenden Schrecken konnte er nur zusehen, wie die Wassermassen Gebäude und Menschen hinwegspülten und dabei kaum gebremst wurden. Seine Hand schloss sich um den Kristall, dem ihn der Magier gestern zugesteckt hatte. Eine schwache, flackernde Barriere aus rotem Licht bildete sich um ihn. Cyrus betrachtete den Zauber einen Augenblick skeptisch. Das hielt doch niemals auch nur einem Schlag stand, geschweige denn einer Flutwelle. Der verdammte Großmagier hatte ihn

verarscht. Wieder sah er auf zu der näher kommenden Flutwelle, die mittlerweile den ganzen Himmel verdeckte. Wasser und Trümmer wurden die Gassen hinaufgespült. Und plötzlich wurde es Dunkel, als die Schwerkraft doch noch die Oberhand über das tobende Wasser gewann. Zum Wegrennen war es längst zu spät… Die Welle brach zusammen und das letzte, was er mitbekam war, wie ihn das Wasser mit sich riss. Eden besah sich die Zerstörung durch ein Fernrohr. Was vor wenigen Augenblicken

noch ein blühender Hafen gewesen war verschwand nun unter dem Ansturm des Ozeans. Lediglich der große Festungsbau im Zentrum der Stadt hielt den Wassermassen noch stand. Auf dem Dach der Anlage kauerten sich dutzende von bunten Gestalten zusammen. Ansonsten war nichts verschont geblieben. Langsam ließ sie das Fernrohr sinken und sah nach Zachary. Der Junge wirkte erschöpft, aber es ging ihm längst nicht so schlecht wie sonst. Und was er grade getan hatte… Sie war sich nicht sicher gewesen, ob das überhaupt möglich war. Manchmal bedauerte sie es, Zacs Gabe so zu benutzen. Er verstand nicht, was er

tat. Und wenn er es eines Tags begreifen würde, dann würde er sie hassen. Zachary schwankte kurz und stützte sich mit einer Hand an der Reling ab um zu verhindern, dass er stürzte. ,, Setzt dich einen Moment .“ , meinte Eden sanft. ,, Was stimmt nicht mit ihm?“ , fragte die Gestalt des Laos , der immer wieder nervös zu der zerstörten Stadt hinübersah. Nur langsam zog sich das Wasser aus den Straßen zurück und spülte Wrackteile, Tote und Dreck ins Meer. ,, Alles bestens.“ , versicherte Zachary selbst. Die Ringe unter seinen Augen wirkten ein kleines bisschen tiefer, als

noch vor wenigen Minuten. Und der Kristall um seinen Hals… War der grade dunkler geworden? ,, Er ist ein Magier oder ? Verflucht ich wusste es gibt noch einen Haken an der Sache.“ Sie sollte eigentlich keinen Laos-Offizier an Deck dulden. Die Kerle waren ihr unheimlich mit ihrer absoluten Ruhe und beinahe stoischen Todesverachtung. Wie hieß er noch Zyle oder so… ,, Ihr tut ja so, als hätte er die Pest.“ , meinte Eden mit einem warnenden Unterton. ,, Magie ist eine Krankheit.“ Götter, wie freute sie sich darauf diesen Kerl loszuwerden. Aber Geschäft war

Geschäft. Trotzdem blieb zuvor noch etwas anderes zu tun. ,, Bringt das Schiff näher an die Stadt und sucht nach Überlebenden. Der Kaiser zahlt gut für seine lebend Gefangenen Offiziere.“ , befahl sie. Sofort lenkte der Steuermann das Schiff herum und einige aus der übrigen Besatzung beganen, das Wasser abzusuchen, während das schwere Linienschiff auf den zerstörten Hafen zuhielt. ,, Wir nehmen keine Gefangenen.“ , bemerkte Zyle. Überspann den Bogen nicht Freundchen, dachte Eden. Sie musterte den Gejarn einen Moment ernst. Mit der unzeitgenäßen Bewaffnung, bestehend

aus Breitschwert und Schild, wirkte er wie eine Legende aus einem früheren Jahrhundert. Aber eine verdammt nervige. ,, Nun, wenn das hier ein Laos-Schiff wäre hättet ihr damit sicher recht. Aber ich schätze wenn euch das nicht passt, könnt ihr gerne an Land schwimmen. Die überlebenden Imperialen freuen sich bestimmt darauf euch in die Finger zu bekommen…“ ,, Tut, was ihr nicht lassen könnt.“ Zyle winkte ab. ,, Der Blinde beschwert sich, dass die Welt so schrecklich sei, die ihm das Augenlicht nicht schenkte. Dabei hat er sie ja nie gesehen.“ ,, Aber unter Blinden ist der einäugige König.“

, konterte Eden mit einem herablassenden Grinsen. Glaubte sie jetzt ernsthaft ihn überlistet zu haben? Wenn ihn bloß nichts verpflichten würde, würde er diesem Haufen Abschaum zeigen, was er von ihnen hielt. Angefangen bei der verdammten Kapitänin. ,, Käpt’n. Wir haben jemanden gefunden.“ , rief ein Mann , der ein seltsames Sammelsurium aus Schärpen trug und sich mit einem Eisenhaken über die Reling beugte. Eden trat ebenfalls an den Rand des Decks und spähte ins Wasser. Tatsächlich trieb eine Gestalt in den Wellen. Ein weißhaariger Mensch, wohl

schon etwas älter, den eine schwere braune Tasche fast unter Wasser zog. Er grinste seltsam, als er zu den zwei Gestalten an der Schiffs-Reling hinaufblickte und mit einer komisch wirkenden Geste einen unsichtbaren Hut zog. Das gab es doch nicht. Sie hatte eigentlich nicht wirklich damit gerechnet jemanden Lebend zu finden und der Kerl wirkte putzmunter, nur eben ziemlich nass. ,, Entschuldigen sie Sir und Madam Luchs. Es sieht so aus, als fände ich mich ein einer recht… unangenehmen Situation wieder. Es wäre wohl nicht zu viel verlangt, sie zu bitten mich an Bord zu

nehmen?“ Und ganz bei Trost war er offenbar auch nicht. Er musste doch längst Verstanden haben, was hier vor sich ging. Eden schüttelte den Kopf. Heute schien wirklich alles anders als erwartet zu laufen. ,, Worauf wartet ihr noch ? Bringt ihn an Deck.“ , rief sie und einige ihrer Leute machten sich daran, den Fremden aus dem Wasser zu fischen. Dieser verlor kaum Zeit und verbeugte sich mit einer übertriebenen Geste vor seinen Rettern. ,, Erik Flemming, Regimentsarzt der kaiserlichen Garde. Und wie ich erkennen konnte befinde ich mich auf der Windrufer? Netter Name übrigens, aber

wie mir geläufig ist ein Piratenschiff.“ Irgendetwas an dem Mann war ganz klar seltsam, entschied Eden für sich. Vielleicht hatte er auch nur ein paar Schrauben locker. Zumindest war er viel zu höflich. Aber das Spiel beherrschte sie auch. ,, Nun ihr sagt, ihr seid ein Gardearzt ? Ich habe gehört eure Zunft steht bei den Regimentern doch ganz hoch im Ansehen.“ ,, Hoch genug um für meine… Sichere Überfahrt und ähm.. Übergabe gut zu zahlen.“ , meinte er vergnügt. Oh er war sich vollkommen klar, wo er sich befand, dachte Eden. Also hatte er doch nur einen leichten Knacks. ,, Aber ich würde

euch doch bitten auch noch meinen Gefährten raus zu fischen. Ein ziemlich großer Wolf. Habe gehört, die stinken furchtbar wenn ihr Pelz nass wird. Und das möchte ich uns allen ersparen. Er ist Hauptmann seiner Garde, hatte ich das erwähnt?“ Eden schüttelte den Kopf. ,, So leid mir das tut, aber wir haben außer euch niemanden…“ Zyle war derweil selber an die Reling getreten und suchte den Ozean ab. ,, Da ist tatsächlich noch jemand im Wasser.“ , rief er. Eine einzelne Gestalt, die Kopfüber in den Wellen trieb. Er konnte es selbst nicht ganz verstehen. Wie hatte überhaupt jemand den magischen

Tsunami überlebt? Hoffentlich wurden nicht noch mehr angespült, die Verzögerung war jetzt schon groß genug. Es war tatsächlich ein Gejarn, den die Crew mit einiger Anstrengung an Bord gehievt bekam. Cyrus öffnete blinzelnd die Augen. Offenbar lag er auf einem Holzboden, der langsam zu schwanken schien. Ein Schiff... ,, Und ich dachte, der Tag könnte endgültig nicht schlimmer werden.“, stöhnte er, als er in die umgebenden Gesichter sah. Offenbar war der Schutzzauber sein Geld doch wert

gewesen. Nur ob ihm das viel nützte war eine andere Sache. Wenigstens eine der Gestalten erkannte er wieder. ,, Hey, Cyrus ich dachte immer die meisten Gejarn können gar nicht schwimmen..“ , meinte Erik gut gelaunt, während er ihm auf die Füße half. ,, Ein bösartiges Gerücht.“ Ein gutes hatte das ganze gehabt. Seine Kopfschmerzen waren wie weggepustet. Auch wenn er sich nach wie vor nicht sicher war, was eigentlich vor sich ging. Das waren keine Gardisten, soviel stand fest. Und der Hafen… Er blickte in Richtung Festland und konnte nichts sehen, als eine gewaltige Wasserfläche, aus der etwas hervorragte,

das mal ihre Garnisonsfeste gewesen sein könnte. ,, Hättet eine der Herren die Güte, unsere Gäste erst einmal unter Deck zu bringen ?“ , fragte Eden in die Runde. Ein Gejarn, ebenfalls ein Wolf trat vor. ,, Hier entlang Clanbruder. Und ihr auch Mensch. Verhaltet euch ruhig und ihr seht eure Heimat bald wieder.“ ,, Ich muss euch warnen. Ich bin ein schlechter Gast.“ , meinte der Militärarzt. ,, Das letzte Mal hatte mich der Fürst von Vara an die Universität geladen und…“ Zyle sah den zwei Neuankömmlingen an Bord nur kopfschüttelnd nach, während sie unter Deck gebracht wurden. Bei

Laos, worauf hatte er sich hier eingelassen. Der Richtblock erschien ihm kurz wie die bessere Option. Gab es auf dieser Welt denn nur noch Narren? Hoffentlich würde die Reise schnell vorbei gehen….

KApitel 10 Fehler

Zyle atmete erleichtert auf, als endlich wieder Land in Sicht kam. Eines wusste er nach fast vier Wochen auf der Windrufer jetzt. Die See war nichts für ihn und er wäre froh, wenn er nie wieder ein Schiff betreten musste. Auch wenn sie keinen starken Seegang hatten, das ständige Schwanken des Schiffsdecks hatte erreicht, das ihm die ganze Reise lang übel war. Und schlimmer. Je weiter sie sich von den Küsten des Südens entfernt hatten, desto kälter war es geworden, bis er sich fast gar nicht mehr an Deck gewagt hatte. Lieber die stickige Luft der Geschütztdecks und der

Lagerräume, welche gleichzeitig der Crew als Quartier dienten, als ,, Da ist die Küste .“ Eden war zu ihm an die Reling getreten und deutete auf die Umrisse des Festlands, die sich Nebelverhangen vor ihnen abzeichneten. Bäume und Wiesen wechselten sich mit einigen kleinen Hütten am Ufer ab. Vermutlich Fischer, die ihre Boote klarmachten und sich von einem Kriegsschiff so nah an der Küste kaum einschüchtern ließen. Vielleicht waren sie den Anblick ja auch Gewohnt. Ansonsten trieben nur Nebelbänke über das ruhige Wasser. ,, Das sehe ich.“ , erwiderte Zyle . ,, Ist es hier eigentlich immer so kalt

?“ ,, Kalt ? Wir haben Sommer. Wartet einmal den Winter ab, dann sind fast die gesamten Herzlande Schneebedeckt, mal von den Wäldern ganz im Osten abgesehen. Da hingegen bringt einen auch eher die Luftfeuchtigkeit um.“ ,, Ein schreckliches Land.“ , kommentierte der Schwertmeister nur trocken. ,, Ich weiß nicht weshalb ihr hier seit, aber wenn ihr so denkt, hättet ihr euch das vorher überlegen sollen. Eine Rückfahrt nicht drin. Und ich bin ehrlich gesagt froh euch los zu sein.“ Das beruht auf Gegenseitigkeit, dachte Zyle. Einen Monat war er jedem aus dem

Weg gegangen so gut das eben auf einem Schiff möglich war. Und auch wenn die Überfahrt ruhig verlaufen war, entspannend war etwas anderes. Wenigstens würde er bald wieder festen Boden unter den Füßen haben. Er würde den Mann suchen, von dem die Archonten gesprochen hatten, nach Vara gehen und seinen Auftrag ausführen. Vielleicht ein paar Wochen in diesem verfluchten Land. Kein Wunder, überlegte er, dass das Canton-Imperium versuchte seine Grenzen gegen Süden zu erweitern. Wer wollte schon in einem Land leben, in dem man noch im Sommer fror? Vielleicht hatten die Menschen sich ja auch nur daran Gewöhnt. Angeblich

kamen deren Vorfahren ursprünglich sogar noch weiter aus dem Norden, wo die Welt im ewigen Eis und Gletschern versank. Wären sie da mal geblieben… ,, Also dann, gehen wir nicht vor Anker ?“ , fragte Zyle, während die Windrufer weiter dem Küstenverlauf folgte. ,, Es gibt hier keinen Hafen und ich werde das Schiff wegen euch nicht anhalten.“ Sie wendete sich an zwei rau aussehende Männer, die graue Wollmäntel trugen, in denen sich die Feuchtigkeit des Nebel niederschlug. ,, Macht Herrn Carmien doch bitte ein Beiboot klar.“ ,, Moment. Ihr

werdet…“ ,, Es war Teil der Vereinbarung, euch an die Küste von Canton zu bringen. Nun, da ist es. Mein Teil des Geschäfts ist hiermit erfüllt. Ich könnte euch auch Schwimmen lassen.“ ,, Das wäre Mord. In dem Wasser..“ ,, Ihr würdet nicht erfrieren, nur weil ihr die Temperaturen hier nicht gewöhnt seid. Wenn ich ihr wäre, würde ich mir einfach einen dichteren Pelz zulegen. Wir hier verbrennen in der Sonne eures Landes.“ ,, Sollte das ein Scherz sein ?“ Er musterte die Gejarn und versuchte in dem undurchsichtigen Minenspiel zu lesen. Es war

vergebens. ,, Nein das meine ich ernst. Und jetzt seht zu, dass ihr eure Habseligkeiten zusammensucht. Ich muss eine neue Rute für die Windrufer finden. Unsere Gäste warten sicher darauf, ein Angebot der kaiserlichen Garde für ihre…. Überbringung zu bekommen.“ ,,Das ist doch wohl…“ Zyle zwang sich selbst, besser nicht mehr zu sagen. Alles, was er mit an Bord gebracht hatte, trug er am Körper. Mit Ausnahme des Ebenholzkästchens, das jetzt irgendwo auf dem Meeresgrund ruhte. Kurz sah er sich nach Zachary. Was immer dieser Kristall auch war, den der Junge nun um den Hals trug, es schien

ihm deutlich besser zu gehen. Die Ringe unter den Augen waren vollkommen verschwunden und wenn man davon absah, das Zyle kein Wort mit ihm gewechselt hatte, schien er richtig aufzuleben. Noch ein Grund dieses Schiff so schnell wie möglich zu verlassen. Auch wenn der Junge seit der Zerstörung von Kalenchor auf weitere Demonstrationen seiner Kräfte verzichtet hatte, wohl war Zyle in der Gegenwart eines Magiers und sei es noch ein halbes Kind, nicht. Es war der Sanguis-Orden, dem sie den Großteil ihrer Verluste in den ewigen Kleinkriegen mit dem Kaiserreich zuzurechnen hatten, nicht den Musketen und Kanonen der

imperialen Gardisten. Ohne sich noch lange umzusehen, kletterte er über die Reling in eines der kleinen Beiboote der Windrufer. Auf einen Befehl wurde das Boot über zwei Seilwinden unsanft ins Wasser gelassen, das einen Augenblick über dem Rand der kleinen Nussschale schwappte und Zyle bis zu den Fersen im Wasser sitzend zurück ließ. Wenigstens trieb ihn die Strömung in Richtung Küste, so könnte er sich das Rudern ersparen. Eine Welle, welche auf dem großen Linienschiff vermutlich nicht einmal zu spüren war brachte das Boot halb zum kentern. Einfach

großartig… Eden sah dem Boot nicht lange nach. Der Gejarn aus Laos wusste ja nicht, worauf er sich einließ. So wie der rumlief würde er keine zwei Meilen ins Inland kommen, ohne entdeckt zu werden. Ob von den Garden des Kaisers oder von den Clans war dabei eigentlich zweitrangig. Weit kam er sicher nicht… Auch wenn sie sich nichts aus der Politik der fliegenden Stadt machte, in die ohnehin angespannte Situation noch einen Spion aus Laos einzubringen war sicher nicht grade förderlich. Und wenn sich einige Clans wirklich endgültig vom Kaiserreich lossagten würde es auch für

sie Gefährlich. Aber im Moment könnte es kaum besser laufen. Sie hatte, was sie wollte. Zielstrebig lief sie über das Deck der Windrufer. Der Wind hatte noch ein wenig aus Osten aufgefrischt und wenn sie das günstige Wetter nutzten konnten sie sicher schnell einen Hafen erreichen. Dort würde sich dann entschieden, was mit den zwei überlebenden Gardisten aus Kalenchor geschehen sollte. Entweder, das Kaiserreich zahlte für ihre Freilassung oder… Sie mochte es nicht, Leute unnötig zu töten, aber wenn die Imperialen nicht zahlen wollten hatte sie auch einen Ruf

zu verlieren. ,, Käpt’n.“ Einer der Männer, welche am Beiboot gearbeitet hatten kam, ein Fernglas in der Hand auf sie zu. Ein dunkles Stirnband hielt ihm die Haare aus dem Gesicht, das wohl nur eine Mutter hätte lieben können. Eine breite Narbe zog sich vom Kinn über die Nase, bis fast an die Schläfen. ,, Ich glaube, das solltet ihr sehen.“ Er deutete auf eine Stelle auf dem Meer, an der sich die morgendlichen Nebelbänke kurz verzogen. Selbst mit bloßem Auge konnte sie drei dunkle Punkte dort erkennen. ,, Was gibt es denn ?“ Eden nahm dem Mann das Glas aus der Hand und richtete

es auf die Schemen. Schiffe. Drei Galeonen über deren Masten das Wappen des Adlers und des Löwen wehte. ,, Sind die hinter uns her ?“ , fragte der Mann sie unsicher. Die Windrufer war schwer bewaffnet, aber drei Gegner wären alles andere als eine leichte Herausforderung. Eden ließ das Fernglas sinken. ,, Das weiß ich nicht. Aber es wäre ein verdammt großer Zufall, wenn drei Kriegsschiffe ausgerechnet hier auftauchen. Die Küste ist vollkommen unwichtig…“ ,, Also jagen sie uns.“ , meinte der Mann und sprach damit ihre Gedanken

aus. ,, Ich fürchte es…“ Auch wenn der Wind günstig stand, die drei leichteren Schiffe würden sie früher oder später einholen. Er hatte unglaubliches Glück gehabt, wie Kellvian erst nach und nach Bewusst wurde, als er die Gefallene Gestalt im Licht des Feuers musterte. Es war eine Gejarn. Ein Muster bestehend aus schwarzen Flecken im grauen Fell bedeckte das Gesicht und setzte sich an Armen und Füßen fort. Sie sah ziemlich mitgenommen aus, was wohl der einzige Grund war, aus dem er noch Lebte.

Blut hatte einen großen Fleck auf der dunklen Weste hinterlassen, die die Gejarn trug und sickerte immer noch aus mehreren tiefen Schnitten. Vor wenigen Augenblicken noch, hatte Kell mit dem leben abgeschlossen gehabt, als das Wesen auf ihn losgegangen war. Bloß das sein ungeladener Gast Bewusstlos zusammengebrochen war, bevor sie ihn erreichte. Ein Leopard mit gezogenen Zähnen sozusagen. Vermutlich würde sie das weniger witzig finden, wenn sie aufwachte. Falls… Tyrus hatte ihm genug über Medizin beigebracht, das er bezweifelte, dass das

Mädchen die Augen noch einmal ohne Hilfe öffnen würde. Es war, wie ihm sein Lehrmeister erklärt hatte, wichtig, dass er ein Gefühl für Verletzungen bekam um sie effektiv heilen zu können. Sonst fügte er aus Versehen noch Knochen zusammen, die nicht zusammen gehörten. Man musste immer wissen, was man tat und für Magie galt das noch mehr, als für alles andere. Im Augenblick jedoch war er sich vollkommen unsicher. Ohne Hilfe würde sie sterben. Aber gleichzeitig hatte sie ihn angegriffen, oder? Alles, was er wusste war, das seine Vorräte weg

waren. Kell traf seine Entscheidung. Er würde niemanden ohne guten Grund Verbluten lassen, das war genauso Mord, wie wenn er selbst die Waffe geführt hätte, die diese Wunden verursacht hatte. Er hatte einmal zu lange gezögert zu helfen… Und nun musste er hoffen, dass seine Entscheidung diesmal nicht zu spät kam. Vorsichtig streckte er eine Hand aus, zögerte dann aber. Konnte er einen Gejarn überhaupt heilen? Bisher hatte er es nur einmal versucht und das war viel zu spät gewesen… Es hatte nicht funktioniert. Kell schob alle Zweifel beiseite. Die würden ihm bei dem, was er vorhatte

nichts nützen. Vorsichtig legte er ihr eine Hand auf die Stirn und hätte sie fast wieder zurückgerissen. Die heruntergekommene Gestalt glühte vor Fieber. Langsam begann sein Geist in die Tiefe zu driften, auf jenen tückischen Kern des Friedens zu, der in seinem Verstand lauerte. Er konnte ihre Verletzungen spüren. Die meisten Schnitte waren oberflächlich. Nur zwei oder drei waren so tief, das sie nicht von selbst heilen würden. Wie lange sie schon damit herumlief? Bei dem Blutverlust mindestens einen Tag, wenn nicht mehr. Kell spürte das Versteckte Feuer einer Infektion, die

sich in den Wunden ausbreitete. Und die Schwäche des Blutverlusts. Nichts davon war besonders ermutigend, aber er sollte es heilen können. Auch wenn das nicht leicht würde. Zuallererst die Oberflächlichen Schnitte, das würde ihm am wenigsten Kraft kosten. Dann die tieferen Wunden. Bisher hatte er sich nur einmal an ernsthaften Verletzungen versucht und Kell musste sich zwingen, konzentriert zu bleiben, als eine eisige Kälte nach ihm griff. Als würde etwas versuchen, sein eigenes Leben zu entziehen. Das war nichts, sagte er sich und zog sich tiefer in die Ruhe seines eigenen Geistes zurück. Das Gefühl, das es auf der Welt Nichts als ihn gab und

sich alles, seinem Willen beugen musste nahm Überhand. Was waren Wunden? Hinweg damit. Blutverlust war nur ein Wort ohne Bedeutung. Kell wusste, dass der Zauber funktionierte. Sein Wille wurde Gesetz. Als er die Augen nach einer Gefühlten Ewigkeit wieder öffnete, fühlte er sich völlig erschöpft. Ihm war kalt und seine Hände zittern, obwohl das Feuer neben ihm nach wie vor Glühte. Er konnte nur abschätzen, wie lange er Weg gewesen war. Immer noch schlotternd legte er wieder etwas Holz auf die ersterbenden Flammen. Der Mond hatte seinen Weg über den Himmel fast vollendet und verschwand bereits

hinter den Wipfeln der Bäume. Das Fieber der Gejarn war weg, wie er erleichtert feststellte, als er die Hand zurückzog. Sie atmete jetzt ruhig und gleichmäßig und aus der Ohnmacht schien ein normaler Schlaf geworden zu sein. Vermutlich war es besser so. Den Schmerz, wenn Krankheiten innerhalb weniger Augenblicke ausbrannten und sich Knochen und Fleisch dem Willen eines Heilers beugen mussten war kaum erträglich. Schwankend kam Kell auf die Füße und begann auf und ab zu laufen um die restliche Kälte aus seinen Gliedern zu vertreiben. Es war nicht nur die normale Erschöpfung, er fürchtete, diesmal

vielleicht etwas zu weit gegangen zu sein. Ohne Speicher oder Artefakte war die einzige Magiequelle, die er nutzen konnte, sein eigener Lebensfunke. Und eine besonders gute Idee war das nicht. Kell trat ans Flussufer und spähte hinein. Nur undeutlich konnte er seine eigene Reflektion im Mondschein erkennen. Trotzdem wusste er, was er sehen würde. Kleine Falten um seine Augen herum und Graue Haare die zwischen dem üblichen blond hervorschimmerten. Bis zum Morgen würde sich das hoffentlich wieder gelegt haben. Aber das würde nicht ewig so bleiben. Wieder hallte eine der Warnungen von Tyrus durch seinen

Verstand. Wenn ein Magier nicht Acht gab brannte er irgendwann einfach aus. Wie eine Kerze… Bevor er sich aber weiter darum sorgen konnte, schreckte ihn eine weitere Reflektion im Wasser aus seinen Gedanken auf. Ein paar tiefgrüne Augen. Da war noch so eine von Tyrus Lektion. Dreh einem Gejarn nie den Rücken zu, außer du bist sicher, das er tot ist…. Und diesmal hatte er nicht einmal eine nutzlose Waffe.

Kapitel 11 Jiy



Kellvian sprang zurück, grade noch rechtzeitig um einem Tatzenhieb zu entgehen, der auf seine Kehle zielte. Er stolperte, als er mit dem Fuß an einem Stein hängenblieb und schlug im Wasser des Flusses auf. Abwehrend hob Kell eine Hand.
,,Hey alles in Ordnung. Ich habe dir nur geholfen.“ 
Er rechnete nicht wirklich damit, dass ihm seine Worte noch etwas nutzten. Er hatte sein Glück grade einmal zu viel

herausgefordert…
Die Gejarn hielt tatsächlich einen Moment inne und sah an sich hinab, als würde ihr erst jetzt auffallen, dass die Verletzungen fehlten. Völlig verheilt, ohne eine Spur zu hinterlassen. Lediglich getrocknetes Blut verklebte noch das Fell und bildete dunkle Flecke auf ihrer Kleidung. Langsam machte sie einen Schritt zurück, einen fragenden Ausdruck auf dem Gesicht.
Kell rappelte sich wieder auf. Er lebte noch. Das war schon einmal etwas. Auch wenn er zum zweiten Mal in wenigen Stunden durchnässt bis auf die Haut war. Nach wie vor musterte ihn sein ungebetener Gast mit einer Mischung aus

Wut und Unsicherheit. Unsicherheit darüber, ob sie ihn einfach töten sollte, hoffte er. Wenigstens war er jetzt wieder auf den Füßen und könnte sich verteidigen. Kell blickte zum Feuer. So schnell wiederholte sich alles.  Wie viele Schritte und wie viel Zeit um das Schwert zu greifen ?
Zu weit und zu viel entschied er.
,, Entschuldigung.“ Die Stimme klang verunsichert und seltsamerweise nach wie vor wütend. Kell konnte einen Augenblick  nicht antworten. ,, Ich hatte von einem Menschen hier draußen keine Hilfe erwartet.“
,, Vielleicht solltest du über so was vorher nachdenken bevor du versuchst

jemandem umzubringen.“ , erwiderte er. Er wusste noch nicht, ob er erleichtert oder weiter auf der Hut sein sollte. ,,  Nur ein Vorschlag. Fragen kostet nichts.“
Ihre grünen Augen verengten sich einen Moment misstrauisch zu schlitzen. Dann jedoch lachte sie, ein Laut der Kells letzte Ängste lügen strafte. Offenbar kamen sie doch beide Lebend aus der Sache raus.
Kell trat so schnell er konnte aus dem Wasser und ans Feuer. Die Kälte war wieder da, diesmal weniger durch die übermäßige Beanspruchung seiner Lebensenergie verursacht, als durch eisiges  Flusswasser. Vermutlich

entsprang der irgendwo in den Bergen nahe der Grenze zu den nördlichen Provinzen.
Die Gejarn schien noch einen Augenblick unentschlossen, dann trat sie zögerlich ebenfalls an das Lagerfeuer, allerdings nur nahe genug um noch im Lichtkreis der Flammen zu sein.
Scheinbar fasziniert betrachtete sie die eingetrockneten Blutflecke auf Fell und Kleidung, wo vor wenigen Minuten noch tiefe Schnittwunden gewesen waren.
,, Meine Verletzungen…“
,, Ich habe mich darum gekümmert.“ , antwortete Kell und begann  seine verbliebenen Sachen zu durchsuchen. Was immer die Gejarn hierher getrieben

hatte, viel war ihm nicht geblieben. Tatsächlich waren fast alle Vorräte weg. Wenigstens das Gold war noch da. Kell würde alles ersetzen können. Wer immer sie war, sie war kein Dieb im eigentlichen Sinne.
,, Du musst ja geradezu heilende Hände haben. Ich hatte nicht erwartet, den nächsten Sonnenaufgang zu erleben.“ Sie klang nach wie vor verwundert.
Kell nickte. ,, So was in der Art. Ja“ Er förderte einen letzten Streifen Trockenfleisch zu Tage.
Besser er verschwieg erst einmal, was er war. Und es war keine Lüge im eigentlichen Sinne. Auch ahnte er, dass sie die Wahrheit wohl erraten konnte. Er

blickte auf den Siegelring an seiner Linken. Hoffentlich blieb der Unbemerkt…
Nach wie vor war die Welt in, nur von Mondlicht durchbrochenes, dunkel gehüllt. Kell spähte zum Wald herüber. Halb fürchtete er, dort jemanden zu entdecken. Aber offenbar war die Gejarn wirklich allein. Seltsam…
Kell setzte  sich näher ans Feuer und spießte den letzten Rest seiner Vorräte auf der nach wie vor dort liegenden Degenklinge auf. Sein ungebetener Gast schwieg einfach weiter an seinem Platz einige Schritte von ihm und dem Feuer entfernt.
,, Also, was machst du  hier draußen ?“ ,

fragte Kell , während er darauf wartete, das das Fleisch langsam anfing zu brutzeln.
,, Ich sollte das dich Fragen. Du bist der Mensch, der mitten in Clangebiet herumläuft.“ Sie wich der Frage aus. Vielleicht wollte er auch gar nicht wissen, warum eine Gejarn schwer verletzt nachts durch den Wald stolperte.
,, Momentan sitze ich. Und das das hier euer Gebiet ist hab ich nicht…“ Kell stockte. Melchior hatte ihn auf diesen Weg geschickt. Und er war sich ziemlich sicher, der seltsame Mann hatte gewusst, wohin er ihn sendete. Wen er diesen Kerl noch einmal in die Finger bekommen sollte... ,, Habe ich nicht gewusst.“ ,

beendete er den Satz.
Mittlerweile war das Fleisch  durchgebraten und er zog das Schwert aus dem Feuer. Der Stahl war rußgeschwärzt und nahm der Waffe alle Eleganz. Wenn Tyrus wüsste, dass er die Klinge als besseren Grillspieß verwendete….
Der Gedanke brachte ihn dazu, leise zu Lachen. Was Tyrus von all dem hielt konnte ihm endlich einmal gestohlen bleiben. Auch wenn er Respekt vor seinem Lehrmeister hatte, er war nicht hier draußen, weil er gerne in der fliegenden Stadt lebte… Sie würden ihn sicher früh genug finden, überlegte Kell.
,,Ähm…“ Jetzt war die Gejarn doch ein

Stück näher ans Feuer getreten.
Kell drehte sich zu ihr um.
,, Was ?“
Die Gestalt wirkte plötzlich um einiges weniger gefährlich, wie sie im Licht des Feuers stand. Ihre Rute wirbelte kleine Steine und Staub auf, als wartete sie auf irgendwas.
Kell seufzte.  ,, Hey du hast dich schon ungefragt über meine Vorräte hergemacht….“
Einen Augenblick  überlegte er, es dabei zu belassen. Dann jedoch trennte Kell ein Stück ab und reichte es ihr. ,,Na gut… Hier. Morgen muss ich ohnehin sehen, wie ich weiterkomme.“
,, Warum ?“ Einen Augenblick sah sie

hektisch über ihre Schultern, als erwarte sie, dort jemanden zu entdecken. ,, Du hilfst mir schon wieder. Ich habe nicht darum gebeten.“
Kell zuckte nur mit den Schultern. ,, Um manche Dinge sollte man nicht einmal bitten müssen. Und du sieht’s ehrlich gesagt wirklich so aus, als könntest du Hilfe gebrauchen.“
Sein Heilzauber hatte vielleicht alle Wunden beseitigt, aber seelische Narben waren etwas anderes.
,, Ein kluger Mann hätte mich einfach getötet.“ Die Gejarn sagte das in einem Tonfall, der klar machte, dass sie offenbar immer noch damit rechnete. Sie hatte das Essen bisher nicht

angerührt.
,, Das ist nicht vergiftet glaub mir.“ Zur Bestätigung nahm Kell selber einen Bissen und merkte jetzt erst, wie hungrig er eigentlich war. Die Magie und die bisherige Reise hatten ihn mehr Kraft gekostet, als er vermutet hatte. Entweder er fand Morgen eine Siedlung oder es die Reise könnte eine unangenehme Wendung nehmen.
Schweigend sah Kell in die Flammen.  Nicht um Blickkontakt mit seinem unerwarteten Besuch zu vermeiden, sagte er sich selbst. Er versuchte lediglich seine Gedanken zu ordnen. Und das konnte er nicht, wenn ihn zwei grüne katzenhafte Augen anstarrten…


Der Mond war so gut wie hinter den Bäumen verschwunden und er konnte sich zwar täuschen, aber ein erster  Streifen Tageslicht zeichnete sich am Horizont ab. Der Fluss wurde nicht länger in Quecksilbernes Licht getaucht, sondern floss dunkel und träge wie Teer.
Aber wenigstens wich die unerträgliche Kälte langsam von ihm. Etwas Sonnenlicht und ein paar Meilen Fußmarsch würden die restlichen Nachwirkungen des Zaubers sicher endgültig beseitigen.
,, Wie heißt du eigentlich?“ , wollte Kell wissen, nur um das Schweigen zu

brechen.
,, Jiy.“
,, Ich werde besser gar nicht erst versuche, das richtig auszusprechen, oder ?“
Sie lachte, aber nur kurz, dann schien sie sich zum Aufhören zu zwingen.
,, Und du ?“
,, Ich bin Kellvian. Freunde nennen mich Kell.“
,, Sind wir Freunde ?“ Jiy stellte die Frage mit einem seltsamen Funkeln in den Augen, das er nicht zu deuten wusste.
,, Wir sind zumindest keine Feinde. Oder ? Ich gebe zu, ich habe ein wenig die Übersicht verloren, welche Clans

Menschen noch…. Freundlich gesonnen sind.“
Statt einer Antwort, sagte sie nur:  ,, Du bist ein seltsamer Mann.“
,, Das höre ich nicht zum ersten Mal, glaub mir.“
,, Und wohin bist du unterwegs ?“
,, Oh,  ich habe kein besonderes Ziel.“ , erklärte er. ,, Vielleicht ein wenig die Welt sehen. Ich hatte... wenig Gelegenheit dazu. Es geht mir nicht wirklich  darum irgendwo hin zu gelange, aber nachdem jetzt leider meine Vorräte weg sind…“
Die Gejarn wirkte plötzlich wieder unsicher. ,, Ich wollte nicht… ich war…“
Kell machte eine wegwerfende

Handbewegung. ,, Schon gut.“
,, Es sind trotzdem  gefährliche Zeiten um nur so durch die Gegend zu Reisen.“
,, Das habe ich gemerkt.“ , bestätigte Kell lachend. Tatsächlich war er dem Tod heute zweimal so nahe gekommen wie sonst nur noch einmal in seinem Leben. ,, Aber ich schätze, das Risiko ist es mir Wert. Ich war, nun,  sagen wir einfach bisher selten in der Situation mein Leben selbst bestimmen zu können.“
,, Trotzdem hättest du dir keinen unsichereren Weg aussuchen können. Wenn du dem Fluss noch sehr viel weiter folgst Kell, kommst du in gefährliches Gebiet. Selbst die Gegend hier ist nicht

ganz sicher. Etwa noch eine halbe Tagesreise den Fluss hinab gibt es eine Furt. Wenn ich du wäre, würde ich die nutzen. Am anderen Ufer liegt irgendwo eine eurer Siedlungen. Und wenn du dich von dort aus Richtung Westen hältst“ Jiy hielt inne. ,, Weißt du was, ich bringe dich morgen hin.“
Kell schüttelte den Kopf. ,, Danke aber ich finde den Weg schon.“ Moment, was dachte er sich grade? Er sah wieder seinen ungeladenen Gast an. Es wäre sicher nicht verkehrt, jemanden zu haben, der sich im Herzland auskannte. Und es wäre ja nur für Morgen. Dann wäre er wieder allein. Warum gefiel ihm der Gedanke nur plötzlich nicht

mehr?
,, Ich bestehe sogar darauf.“ , erwiderte die Gejarn.
Diesmal nickte Kell. ,, Nun gut. Aber ich sollte…“
,, Damit wäre das ja geklärt.“ Mit diesen Worten stand Jiy auf und trat vom Feuer ans Flussufer.
Dann begann sie aus irgendeinem Grund ihre Weste aufzuschnüren.
,, Ähm…“ , setzte Kell an.
,, Was?“ , wollte Jiy wissen und drehte sich halb zu ihm um. Obwohl das Fell das meiste verdeckte war Kell nicht ganz wohl in seiner Haut. Zum ersten Mal war er dankbar für die Dunkelheit. Nur um die Kälte brauchte er sich jetzt keine

Gedanken mehr machen. Er spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss.
,,Die Blutflecke gehen nicht von selbst weg.“ , erklärte die Gejarn. ,, Wenn ich mit euch komme sollte ich nicht herumlaufen, wie jemand der grade von einem Schlachtfeld entkommen ist.“
Von einem Schlachtfeld entkommen? Eine ferne Erinnerung meldete sich. Kell versuchte sie festzuhalten. Es war wichtig, das war ihm klar. Irgendetwas, das er im Feuer vor nun vier Tagen gesehen hatte. Lediglich aus den Augenwinkeln….
,, Würdest du dich jetzt bitte umdrehen ?!“
,, Äh. Natürlich.“ Kell wendete sich dem

Feuer zu. Was immer ihn grade derart nervös hatte werden lassen, es war weg. Niemand war lebend entkommen. Er hatte das letzte Lebende in Lore Wesen in selbst zu Grabe getragen. Und davor war er schließlich weggelaufen….
Kell schob die Erinnerung an jenen Tag wieder so weit von sich, wie möglich. Noch nicht. Die verrückte Idee, Jiy einfach alles zu erzählen tauchte kurz in seinem Verstand auf. Aber… das war Wahnsinn. Wenn sie wüsste, wer er war, das könnte er überleben. Wenn sie wüsste, was er getan hatte…das  nicht. Egal zu welchem Clan sie gehörte. Selbst dutzender der Gejarn der kaiserlichen Garde hatten sich mitten in der Schlacht

plötzlich gegen sie Gewendet. Und Kell hatte zu spät verstanden, was vor sich ging…
Der Mond war mittlerweile völlig verschwunden und das Feuer erneut zu nichts als Glut zerfallen. Der dünne Silberstreif am Horizont war nach wie vor da, schien sich aber zu weigern, breiter zu werden. Die Stunde vor Sonnenaufgang sollte die Dunkelste sein. Wo hatte er das gelesen? In irgendeiner von Tyrus Abhandlungen übe das alte Volk? Mondanbeter….
Langsam drifteten seine Gedanken ab und wurden zu einem unruhigen Schlaf. Erst, als die Dämmerung das Land bereits in graues Licht tauchte, öffnete er

die Augen wieder.
Jiy saß an ihrem alten Platz, auf der anderen Seite des Feuers und musterte ihn, scheinbar hellwach. Hatte die Gejarn überhaupt geschlafen?


Kapitel 12 Auf dem Weg


Niemand weiß, wieso das alte Volk unterging. Kurz bevor die ersten Menschen ihren Weg aus dem Norden in die Herzlande fanden, verschwanden sie einfach. Manche glauben, ihre Magie habe schlicht versagt, dass die Natur den Raub, den die Zauberer an ihrer Ordnung begingen, irgendwann nicht mehr duldete. Kann man sich das Chaos vorstellen, als tausende von Zaubern gleichzeitig versagten und die lichtspendenden Kristalle der alten Städte plötzlich dunkel wurden? Als ganze Gebäude vom Himmel stürzten,

weil die Magie sie nicht länger zu tragen vermochte? Andere glauben, das alte Volk habe sich in seinem ewigen Streben nach Macht gegeneinander gewandt und ein Zauber schrecklicher als alles, was der Sanguis-Orden entfesseln kann habe sie alle hinweggefegt. Wichtig ist nur, dass sie fort sind. Alles , was von ihrer Zivilisation blieb sind die geisterhaften Hallen und Ruinen, die sich überall auf der Welt finden lassen, sei es tief im Norden im ewigen Eis der Gletscher, in den Wäldern und Äckern der Herzlande oder so weit im Süden wie Helike. Eine Gesellschaft, derart durchwirkt von

Magie, das noch heute, Jahrtausende nach ihrem Verschwinden magische Kristalle und Artefakte aus ihren verfallenen Palästen und Siedlungen geborgen werden können. Aber mehr ist von ihnen letztlich nicht geblieben. Nur in der fliegenden Stadt lässt sich noch ein Blick auf die einstige Herrlichkeit ihrer Schöpfungen erhaschen. Die goldenen Hallen und fliegenden Inseln wurden im Laufe der Jahrtausende seit der ersten Kaiser-Dynastie immer wieder umgestaltet und neu erbaut. Die Stadt hat Belagerungen, Bürgerkriege, die kurzzeitige Herrschaft der Gejarn und die drei

Marionettenkaiser der Ordeal-Dynastie überstanden. Und doch ist genau hier die Macht jener verschollenen Zivilisation immer noch spürbar. Macht, die heute nur noch in den Adern weniger Menschen fortlebt. Würden unsere heutigen Zauberer einem der alten Magier gegenüberstehen, wir würden erkennen müssen, das wir trotz all unserer Studien, trotz unserer Technologie und todbringenden Pulver nichts als Kinder wären. Vielleicht sollten wir dankbar dafür sein, das das Blut des alten Volkes nur wenigen gegeben ist. Und vielleicht sollten und ihre alten Hallen als Warnung dienen. Am Ende bleibt selbst von den größten Imperien nur das eine

übrig, wenn sie anfangen sich zu überschätzen: Eingefallene, düstere Säle, in denen das Geflüster der Ahnen wiederhallt. Und einige wenige ihrer Blutlinie, die den Tod in die Welt zu tragen vermögen… -Wehklagen der Steine : Über die Artefakte des alten Volkes ,, Ich habe doch gesagt, wir sind hier falsch.“ , beschwerte sich Walter de Immerson. Seit einem Tag folgten sie jetzt dem Wasserlauf, ohne auch nur auf ein Zeichen von Leben zu treffen. Wenigstens war es Syle gelungen, ein Reh zu erlegen, so dass sie nicht hungern

mussten. Aber schön war dieser unfreiwillige Ausflug bisher nicht verlaufen. Nebelschwaden trieben über dem Wasser und verwandelten das Umland in eine undurchsichtige graue Suppe. Walter fluchte innerlich weiter. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Bei dem Wetter könnten sie direkt an Kellvian vorbeilaufen, ohne ihn zu bemerken. Wenn er überhaupt wirklich Flussabwärts gegangen war. Aber irgendwie war er sich da sicher. Sie mussten ihn nur endlich finden. In der fliegenden Stadt war ihr Fehlen frühestens beim letzten Morgenappell aufgefallen. Ob man auch schon gemerkt

hatte, dass der Erbe des Kaisers fort war? Kellvian war nicht grade der geselligste Mensch, soweit er ihn hatte kennen lernen dürfen. Entweder er brütete über irgendwelchen Büchern oder er stellte Unsinn an. Und so was sollte mal Kaiser werden… Die einzige Person, die etwas in ihm sah, schien Tyrus zu sein. Und der alte Ordensmeister jagte ihm jedes Mal einen Schauer über den Rücken. Und das lag nicht nur an seinen entstellenden Verletzungen. Magier waren generell unheimliche Gesellen und der Sanguis-Orden, das waren die schlimmsten… Angeblich hatte kein Außenstehender, Mensch oder Gejarn, seit einhundert

Jahren ihre Ordensfestung in den Bergen nahe der Grenze zu Immerson betreten. Aber wer wusste schon, was die Zauberer planten…. Für ihn gab es im Augenblick wichtigeres, als er zu Syle aufschloss, der ohne ersichtlichen Grund plötzlich stehengeblieben war. ,, Was ist Großer, siehst du schon die Geister deiner Ahnen im Nebel ?“ ,, Nein, aber ich rieche Rauch.“ Walter nahm das Barett einen Moment vom Kopf. ,, Wunderbar, ein Waldbrand…“ ,, Das glaube ich eben nicht. Kommt, es kann nicht weit sein.“ ,, Euer Wort in der Götter Ohr.“ Er Schulterte das Gewehr wieder und folgte

Syle weiter über den Kiesstrand. Tatsächlich schien der verdammte Bär recht zu behalten. Aus dem Nebel tauchten die verkohlten Überreste eines heruntergebrannten Holzfeuers auf. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, eine kleine Ummauerung aus Steinen für die Feuerstelle zu bauen. Und ein Stück daneben hatte etwas die Kieselsteine dunkel verfärbt. Jemand hatte hier viel Blut verloren. Aber es gab keine Leiche. Walter war sich unsicher, ob er deshalb erleichtert oder besorgt sein sollte… ,, Bitte sag mir, dass das nicht Kellvians Blut ist…“ , sagte er im Flüsterton. Syle schüttelte den Kopf. ,, Das kann ich

nicht sagen. Aber es ist geronnen. Wer immer hier war, ist möglicherweise schon eine Weile weg. “ Der Gejarn fischte ein Stück verkohltes Holz aus dem heruntergebrannten Feuer. ,, Aber die Kohle ist noch warm. Vielleicht zwei Stunden, bestimmt kaum länger, dann war noch jemand hier.“ ,, Wir holen ihn also ein ?“ ,, Wenn Kell noch lebt.“ ,, Er lebt noch. Sonst brauchen wir erst gar nicht mehr in die fliegende Stadt zurückkehren. Verdammt, wenn ich den erwische…“ ,, Wenn wir Kellvian finden, werden wir ihn höflich auffordern, mit uns zurück zu gehen, weil sonst vermutlich unsere

Köpfe rollen.“ , unterbrach Syle ihn. ,, Na klar. Und ihr glaubt, diesen Sturkopf kümmert das?“ ,, Ihr unterschätzt ihn. Kell mag vielleicht seinen eigenen Kopf haben, aber er ist in Ordnung. Er wird seine Launen nicht über unser Leben setzen.“ ,, Na wenn ihr euch da mal nicht täuscht. Er setzte seine verdammten Launen wie ihr es nennt ja sogar über sein eigenes.“ ,, Vielleicht Herr de Immerson, solltet ihr versuchen euch ein wenig zu entspannen.“ ,, Entspannen ? Wir laufen durch Clanland, jagen einen zukünftigen Kaiser und da ist ein riesiger Blutfleck auf dem Boden, was bedeutet, dass Kellvian

vielleicht bereits tot ist, während wir hier sprechen. Wie soll ich da bitte ruhig bleiben?“ ,, Ich weiß nicht, singt halt ein Wanderlied. Wenn die Gejarn hier euer Geschrei noch nicht gehört haben, dürften sie auch das nicht merken.“ ,, Können wir einfach weiter….“ Nebel trieb über den Fluss, soweit sie sehen konnte. Manchmal erschien es, als würde sich der Dunst sich zu unwirklichen Gestalten und Schemen verdichten. Es hieß ahnen und Geister wandelten nur im Nebel. Aber das war ein Märchen, sagte Jiy sich. Daran war nichts Wahres. Und es hieß auch, die

Geister würden Verrat bestrafen… Jiy erschauerte. Nein, was sie hier tat, war kein Verrat. Kellvian mochte ihr geholfen haben aber… Eine trübe Sonne schimmerte zwischen den Wolken hervor und würde den grauen Schleier auf dem Land sicher bald vertreiben. ,, Kommst du, oder hast du es dir anders überlegt ?“ Kell stand ein Stück weit entfernt und war nur noch als Schatten zu erkennen. Den Kopf hatte er leicht schräg gelegt. Wie ein Vogel, der unsicher wurde… ,, Nein, natürlich nicht. Ich bringe dich an dein Ziel. Soviel schulde ich dir.“ Jiy beschleunigte ihre Schritte um wieder zu

dem Menschen aufzuschließen. Sie schuldete ihm gar nichts. Aber er musste sich sicher fühlen… ,, Du schuldest mir gar nichts.“ , erwiderte er. Als hätte er ihre Gedanken erraten. Aber das war unmöglich. Oder doch nicht ? Sie wusste nur, dass die unscheinbare, nur mit einem Schwert bewaffnete Gestalt dort offenbar alle ihre Wunden in einem Augenblick kuriert hatte. ,, Ich weiß, dass ich so gut wie tot war. Das ich noch hier stehe, verdanke ich dir.“ Er winkte ab. ,, So schwer verletzt warst du nicht.“ ,, Und jetzt lügst du.“ Sie konnte sich

nur an Schemen von ihrer Flucht erinnern. Blutverlust und Fieber hatten alles zu einem undurchdringlichen Wirrwarr aus Sinneseindrücken werden lassen. Aber sie hatte nicht vergessen, wovon sie geflohen war. Das Banner des Adlers und des Löwen, das ohne Vorwarnung über ihre Siedlung hereingebrochen war… Ein wenig Freundlichkeit ändert nichts und wenn dieser Narr von einem Menschen etwas anderes glaubte, dann war er bestenfalls naiv. Kell nickte, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Fast fürchtete sie genau das. Dann jedoch fügte er hinzu: ,, Vielleicht lüge ich. Und vielleicht bin ich mir

selber nicht mehr sicher. Was ist eigentlich mit dir passiert?“ ,, Ich wurde angegriffen.“ , erwiderte sie. So freundlich Kell auch schien, zu aller erst war er ein Mensch. Seltsam, dass sie sich das in Erinnerung rufen musste… Er sollte eigentlich gar nicht mehr atmen. Sie hätte Kell gestern schon töten können, wenn nicht am Fluss, dann als er am Feuer eingeschlafen war. Und doch konnte sie es nicht. Jiy schüttelte die Gedanken ab. Es war egal. Wenn sie ihr Ziel erreichten, würde der Mensch sterben… ,, Das ist nicht sehr aufschlussreich.“ , meinte Kell, als sie ihren Weg

fortsetzten. ,, Sagte der Mann, der ziellos durch die Gegend läuft, als wäre er vom Himmel gefallen.“ Ich werde dir sicher nicht mehr verraten, als du wissen musst, dachte Jiy. ,, Gesprungen.“ , flüsterte Kell. ,, Wie bitte ?“ Kellvian antwortete nicht. Einen Augenblick sah er auf den Fluss hinaus, auf dem nach wie vor Nebelfetzen tanzten. ,, Irgendetwas…. Ist hier seltsam.“ ,, Wir sind schon eine Weile in Clangebiet.“ Hoffentlich merkte er nicht, was vor sich ging, bis es zu spät war. ,, Mich wundert eher, das dir das jetzt erst

auffällt.“ ,, Und wie weit ist es noch, bis zu den Untiefen, die du erwähnt hast ? ,, Nicht mehr weit, keine Sorge Kell. Das Gebiet hier mag gefährlich sein, aber vor allem….“ Jiy biss sich auf die Lippen. vor allem für dich hatte sie sagen wollen. ,, Vor allem ?“ , wollte Kell wissen. ,, Vor allem, wenn man zu viel redet.“, erwiderter die Gejarn, lauter als beabsichtigt. ,, Du hast aber auch gute Laune.“ , meinte Kell offenbar überrascht. Nur zögerlich ging er endlich weiter, aber offenbar war er jetzt misstrauisch. Oder wirklich eingeschnappt… Sollte er doch. Er würde ohnehin nicht

mehr lange Gelegenheit dazu haben. Sie waren mittlerweile an einer Stelle angekommen, wo der Uferstrand fast völlig fehlte. Nur einige moosbewachsene Steine, die aus dem Wasser ragten boten den Füßen halt. Kell ließ sich davon offenbar wenig beeindrucken. Beinahe schien es dem Menschen ja sogar Spaß zu machen, auf den rutschigen Felsen zu balancieren. Nein nicht nur beinahe. Der verfluchte Kerl grinste breit, während er über einen letzten Felsen setzte und zu ihr zurück sah. ,, Du wirst doch nicht etwa müde ?“ , fragte er. Na warte. Das konnte sie auch.

Vorsichtig stieg Jiy von Stein zu Stein. Ihre nackten Füße fanden besseren Halt, als Kells Stiefel. Das wäre es noch, dass ein Mensch einen Gejarn beim Klettern übertraf. Sie hatte die andere Seite fast erreicht, als einer der Felsen unter ihr ins Wanken geriet. Es war nicht sonderlich hoch, aber ein Sturz wäre trotzdem alles andere als angenehm. Im flachen Wasser zwischen den Steinen aufzuprallen, das hätte ihr grade noch gefehlt. Jiy machte einen Satz nach vorn, bevor der Felsen kippte. Der Sprung war zu kurz geworden. Sie kam mit den Füßen zwar auf dem letzten Felsen vor dem Ufer auf, geriet dann aber ins Rutschen.

Plötzlich jedoch war eine Hand da, welche die ihre ergriff und sie wieder auf die Beine zog, bis die Gejarn einen sicheren Stand fand. ,, Du wolltest nicht schon wieder baden gehen oder ?“ , fragte Kell spöttisch. ,, Ich weiß nicht, vielleicht haben mich deine Haare erschreckt. Du siehst aus, als hättest du versucht, das selbst zu schneiden.“ Kell strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. ,, Ähm. Genau das.“ Jiy musste wegsehen. Hoffentlich waren sie bald da.

Kapitel 13 Ein Geständnis


,, Herr, seid ihr das ?“ Kellvian traute seinen Augen nicht ganz, als ihm die vertraute Gestalt zuwinkte, die dort aus dem sich nur langsam auflösenden Nebel auftauchte. Syle ? Und ihm folgte eine zweite, abgehetzt wirkende Person. Kell erkannte das Barett, bevor der Rest des Mannes aus dem Nebel auftauchte. Walter de Immerson. Die zwei mussten gerannt sein um ihn einzuholen. Oder sie waren die Nacht über durchgelaufen. Die dunkelblauen Gardeuniformen waren schmutzig und abgerissen und wohl

niemand, der die beiden nicht kannte, würde vermuten, dass sie zur kaiserlichen Garde gehörten. Nein, im Augenblick wirkten die beiden auf ihn mehr wie Landstreicher, wie sie grade in Sichtweite am Flussufer standen. ,, Was macht ihr beide denn hier ?“ , wollte er wisse, während er ihnen entgegenging. Auch Jiy war stehengeblieben und sah zu den zwei Neuankömmlingen herüber. Vielleicht war es nicht ganz verkehrt, das seine zwei Verfolger oder… Leibwächterin Moment mehr wie Strauchdiebe aussahen. ZU erklären, warum ihn zwei Gardisten aus der fliegenden Stadt verfolgten würde eine

Weile dauern. Syle hatte das Gewehr von der Schulter genommen und richtete es auf die Gejarn. ,, Zurück , Herr. Haltet euch von diesem… Ding fern.“ Kell hob die Hände. ,, Ganz ruhig Syle. Und ihr Walter lasst die Waffe stecken.“ Der junge Adelige hatte bereits eine Hand an den Säbel gelegt. Kurz war Kell sich nicht sicher, ob er auf ihn hören würde. Dann ließ der Gardist die Waffe los. ,, Wer sind die beiden ?“ , wollte Jiy wissen. ,, Ähh… Freunde von mir. Warte kurz hier.“ Kell machte sich daran, das kurze Stück Weg zwischen sich und den zwei

Gardisten zu überbrücken. Der Kies unter seinen Füßen knirschte. Was machte er denn jetzt bloß? ,, Nimm endlich das Gewehr runter Syle.“ , sagte er, als er den Fluss erreichte. ,, Habt ihr eine Ahnung, wo wir hier sind ?“ , erwiderter dieser aufgebracht. ,, Und sie ist…“ ,, Ebenfalls ein Freund.“ , antwortete Kell. ,, Und ich habe euch einen Befehl gegeben.“ Der große Gejarn brumme mürrisch, dann ließ er aber tatsächlich die Muskete sinken. ,, Also gut Kell. Ihr hattet euren Spaß.“ sagte De Immerson und drängte sich an

seinem Gefährten vorbei. ,, Jetzt aber werdet ihr mit uns kommen.“ Der Ton des Mannes machte klar, dass er keinen Wiederspruch dulden wollte. ,, Das kann ich nicht.“ , erwiderter Kell ruhig. ,, Wollt ihr mich verar…“ ,, Walter. Lass ihn reden.“ ,, Ihr seid ja vollkommen Verrückt. Wenn auffällt, das Kell wirklich fehlt sind es unsere Köpfe, die hier auf dem Spiel stehen….“ Jiy beobachtet die drei aus einiger Entfernung. Näher wagte sie sich nicht. Der große Gejarn hatte die Waffe zwar

gesenkt, sah aber nach wie vor misstrauisch zu ihr herüber. Der Nebel schluckte die meisten Worte und zumindest Kell und der fremde Gejarn sprachen in einem leisen Tonfall. Nur das Geschrei des anderen Menschen konnte sie ohne Probleme verstehen. Wer waren die zwei? Nicht das es wichtig war. Sie spähte in den Nebel. Ein paar Schritte und die Gejarn könnte außer Sichtweite verschwinden. Einfach umdrehen und loslaufen. Und Kell würde… Er würde alleine weitergehen. Vielleicht verpasste er die Furt und würde einen anderen Weg nehmen. Einer, der nicht in den sicheren Tod führte. Versuchte sie grade sich davonzustehlen?

Jiy seufzte. Sie wollte ihn nicht sterben sehen, so einfach war das. Wie auch immer Kell es geschafft hatte, sie lebte noch. Und das machte ihr Angst. Was genau war dieser Mensch noch? Vielleicht schuldete sie ihm tatsächlich etwas Nein, Nein verdammt. Sie hatten ihre Heimat niedergebrannt. Ohne Grund. Es hatte im ganzen Ort kaum drei Kämpfer gegeben. Und dafür würde Blut fließen und wenn es nur ein einzelner Mensch war. Bis Lore gesühnt wäre, würden es viel mehr werden… Verflucht, sie konnte das nicht. Sie war selber keine Kämpferin. Aber… ,, Ihr müsst mit uns kommen !“ Das war

die Stimme des Mannes mit dem Barett, die durch den Nebel drang. Das wäre das Beste. Wer immer diese Freunde von Kell waren, offenbar hatten sie nach ihm gesucht. Und wenn er mit ihnen ginge, wäre ihr Dilemma gelöst. Bitte lass ihn einfach mitgehen. ,, Ich verliere langsam die Geduld.“ Plötzlich klang das Aufeinanderschlagen von Stahl aus dem Nebel. Der fremde Mensch hatte mit der Waffe ausgeholt und offenbar versucht, Kell mit dem Handschutz einen Schlag ins Gesicht zu versetzen. Dieser war aber um einiges schneller, als sein plötzlicher Gegner. Der Säbel glitt an der Klinge von Kells Degen ab. Noch im gleichen

Augenblick Hieb er dem Mann den Säbel aus der Hand. ,, …Tyrus beigebracht…“ , sagte Kell ruhig. Er klang nicht wütend, auch wenn sie wieder nur die Hälfte verstand. Was machte sie überhaupt noch hier? ,, Bist du verrückt geworden ?“ Syle riss Walter zurück, bevor dieser sich seine Waffe wiederholen konnte. ,, Er wird noch mal erwachsen werden müssen.“ ,, Ich handle grade genauso, wie ich muss. Ihr sagt ich soll erwachsen werden Walter? Ich tue grade das einzige, was mir übrig bleibt. Ihr wart nicht dort, ihr habt es nicht gesehen und

ich werde euch nicht begleiten. Es tut mir leid. Aber ich werde auch nicht zulassen, das ihr für meine Fehler bestraft werdet.“ Kell blieb trotz des Angriffs durch den jungen Adeligen erstaunlich ruhig. ,, Ich möchte außerdem, das ihr in die fliegende Stadt zurück kehrt. Sagt Vat… Sagt dem Kaiser, ich werde zurückkommen. Das verspreche ich. Nur eben nicht jetzt. Er braucht gar nicht zu probieren, nach mir suchen zu lassen.“ ,, Der Kaiser wird uns nicht mal sprechen lassen Junge.“ Offenbar hatte Walter sich etwas beruhigt. Syle gebot dem Mann jedoch weiter zu schweigen. ,, Lass

ihn.“ ,, Ich möchte, das ihr ihm außerdem folgendes ausrichtet.“ , fuhr Kell fort. ,, Sollte einer von euch beiden für meine… Flucht bestraft werden, kann er sich einen neuen Erben suchen. Glaubt mir, das funktioniert.“ ,, Kellvian. Ihr seid ein unvernünftiger, absolut irrer…“ ,, Genug. Sucht euch aus, was ihr tun werdet. Geht zurück, oder versucht mich aufzuhalten. Aber glaubt nicht, dass ich meine Meinung ändern werde. Ich kann es schlicht nicht.“ ,, Fein. Ihr bekommt euren Willen.“ Walter machte eine wegwerfende Handbewegung. ,, Ich hoffe nur, dass ihr

zufrieden damit seid. Das wird folgen für euch haben.“ ,, Als ob mir das nicht klar wäre. Ihr glaubt vielleicht, ich handle unbedacht. Aber ich habe lange genug darüber Nachgedacht.“ Der Adelige antwortete nicht mehr, sondern drehte sich schlicht um und hob seine verlorene Waffe wieder auf. ,, Syle ?“ ,, Ich weiß nicht, was euch hierzu treibt Kell. Und ich will es auch gar nicht wissen. Sorgt nur dafür, dass ich lebend wieder in der fliegenden Stadt auftaucht.“ ,, Nichts anderes habe ich vor.“ Der Gejarn sah ihn einen Augenblick

unsicher an. ,, Nein Kellvian.“ , sagte Syle schließlich, ,, Das glaube ich nicht. Aber passt auf euch auf.“ Er sah misstrauisch zu Jiy, die ein Stück entfernt stand. ,, Und auf euren Rücken.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ließ Walter kaum eine andere Möglichkeit, als ihm zu folgen, oder da zu bleiben. Der junge Adelige blieb noch einen Moment unsicher stehen, als Syle an ihm vorbeistapfte. Kell versuchte einzuschätzen, ob der Mann einen Alleingang wagte und noch einmal versuchen würde, ihn anzugreifen. Kell hatte grade Glück gehabt, das war ihm klar. Und auf eine Art konnte er es keinen von beiden Übel nehmen. Sie

machten sich nur Sorgen um ihn und zumindest Syles Sorge war echt. Doch wie hätte er ihnen erklären sollen, was nicht mit ihm stimmte, wenn er es selber nicht wusste. Kell konnte nicht benennen, was er verloren hatte, aber es hatte ihn keine Nacht mehr ruhig schlafen lassen. Erst gestern unter den Sternen war es ihm gelungen, zum ersten Mal wieder so etwas wie Ruhe zu finden, wenn auch nur kurz. Kell sah den beiden Gestalten nach, bis der restliche Nebel sie verschluckte. Der letzte Rest eines Lebens, in das er nicht zurückkehren wollte, damit hatte Syle recht gehabt. Er hatte ein Versprechen gegeben, es trotzdem zu tun. Wenn er

wieder Ruhe fand. ,, Wer war das ?“ , wollte Jiy wissen. Kell hatte nicht einmal bemerkt, wie sie sich genähert hatte. Wie viel genau hatte sie von dem Gespräch mitbekommen? Es konnte nicht zu viel sein, dachte Kell. Und dafür war er dankbar. Er wusste, wie die Leute in den goldenen Hallen reagierten, wenn sie erfuhren, dass der unscheinbare junge Mann, der ziellos durch die fliegende Stadt zog der Erbe des Kaisers war. Sahen sie vorher eher unsicher und sogar mit Verachtung auf ihn herab, änderte sich das fast schlagartig. Manche der Adeligen versuchen ihn zu beschwatzen, andere mieden ihn

plötzlich und wieder andere erhofften sich offenbar durch gespielte Freundlichkeit einen Vorteil. Niemand auf dieser Reise würde erfahren, wer er war, solange es sich vermeiden ließ. Vorsichtig nahm er die Hände hinter den Rücken und streifte den Siegelring ab. Wieder überlegte er, ihn wegzuwerfen, dann jedoch verbarg Kell den Silberreif in der Hosentasche. ,, Das waren einige Leute, mit denen ich einmal zu tun hatte. Das ist aber ab jetzt vorbei.“ , sagte er. ,, Vor mir liegt jetzt nichts mehr, als den Kopf etwas frei zu bekommen.“ Kell rückte seine Tasche zurecht und ging an ihr vorbei. ,, Komm, soweit kann es ja nicht mehr bis zu

unserem Ziel sein.“ ,, Nein…“ , meinte die Gejarn und folgte ihm zögerlich. ,, Leider nicht.“ Während sie ihren Weg fortsetzten, wichen die dichten Wälder langsam zurück. Stattdessen schimmerten bald Wiesen und goldene Ebenen voller Weizen zwischen den letzten Zweigen hindurch. Kell hatte die endlosen Felder der Herzlande schon oft genug von der fliegenden Stadt ausgesehen, doch aus der Luft wirkte das Schachbrettmuster aus Wäldern, Wiesen und Kornfeldern winzig. Erst hier, wo er direkt davorstand erkannte er seinen Irrtum. Der Wald, durch den sich der Fluss zog blieb nun endgültig hinter ihnen zurück

und auch der Nebel hatte sich endgültig aufgelöst. Glitzernd strömte das Wasser dem sie folgten über einige Stromschnellen hinweg. Das Licht der Sonne brach sich in den Kaskaden und brachte die Luft dazu, in allen möglichen Farben zu schimmern. Es war kein Wunder, das sich schon die Kaiser der ersten Dynastie seit jeher immer mehr diesen Ländern verbunden gefühlt hatten, als dem kalten Norden oder den Süden mit seinen Steppen und Wüsten. Hier lag die eigentliche Lebensader von Canton. Einzelne, offenbar nur selten benutzte, Wege zogen sich zwischen den Feldern und einigen eingezäunten Weiden hindurch. Offenbar ließen sie die Wildnis

langsam hinter sich. Und der Fluss verlief gleich hinter den kleinen Wasserfällen viel langsamer und flacher. Man konnte fast trockenen Fußes ans andere Ufer. Das musste die Furt sein… Erst jetzt bemerkte Kell, das Jiy offenbar schon vor einer Weile stehen geblieben war. Er drehte sich zu ihr um. Irgendetwas schien nicht mit ihr zu stimmen, wie sie fast hundert Schritte entfernt an einem der letzten Bäume lehnte. ,, Stimmt etwas nicht ?“ , wollte er wissen. ,, Alles bestens.“ , erwiderte sie ungehalten. ,, Aber…“ ,, Aber

?“ ,, Was bist du Kell ? Ich sollte tot sein.“ Kell nickte. Am liebsten würde er auch verschweigen, was er war. Aber welchen Nutzen hätte das? ,, Das Blut des alten Volkes fließt durch meine Adern. Das war aber auch nicht schwer zu erraten, schätze ich.“ ,, Aber du bist kein Ordenszauberer ?“ Kell lachte. ,, Ich bin gar kein Zauberer. Das einzige, was ich beherrsche, ist Wunden heilen. Aber ich glaube, das doch ganz gut. Ich kann Verletzungen heilen an denen jeder unter Garantie sterben würde, ja ich kann sogar jemanden zurück holen, der seit Minuten nicht mehr atmet, aber die Schwelle des

Todes, wenn dem Körper der Lebensfunke endgültig verloren geht… das kann niemand überwinden. Vielleicht konnte es das alte Volk, das bisschen verdünnte Magie, das durch mein Blut rinnt reicht dafür jedoch nicht aus. “ Halb hatte er sich die Worte aus Tryus Erläuterungen zu Recht gelegt. Es klang ein wenig gestelzt, aber… es war letztlich die Wahrheit. ,, Ich bin völlig harmlos.“ , fügte er hinzu. Kell hoffte, dass es keine Lüge war. ,, Also ein unabhängiger Magier ? Ich dachte der Sanguis-Orden hätte die alle längst verdrängt oder nachträglich in ihren Orden geschleift.“ ,, Sagen wir einfach, sie hätten

Schwierigkeiten gehabt, das mit mir zu versuchen.“ , meinte Kell. ,, Ich bin… nur jemand, der nicht weiß wohin. Jemand, der versucht den Kopf frei zu bekommen. Also… wollen wir noch länger hier herumstehen oder endlich eine Siedlung suchen?“ ,, Sicher.“ , sagte die Gejarn. ,, Gehen wir.“ Sie machte aber nach wie vor keine Anstalten sich zu bewegen. ,, Jiy ?“ ,, Verflucht ich kann das nicht…“ Warum war sie nicht einfach gegangen als sie die Gelegenheit gehabt hatte? Jetzt war so oder so alles vorbei. Er war kein Ordensmagier…. Oder log er

schlicht? Dann würde sie gleich sterben, das war Jiy klar. Sie würde nicht einmal mehr dazu kommen, sich zu erklären. Und doch schien er immer noch Ahnungslos. Kell wirkte zwar besorgt, aber eben nicht um sich selbst. ,, Es… gibt keine Siedlung.“ ,, Das ist…. Überraschend muss ich zugeben.“ Und nach wie vor blieb Kell einfach ruhig. Er fragte nicht nach, er wurde nicht wütend… Er wartete ernsthaft darauf, dass sieweiterredete. Kell war sogar ruhig geblieben, als ihn einer seiner Freunde am Fluss attackiert hatte. Aber er würde noch wütend werden, da war sie sich sicher. ,, Oder besser, es gibt eine Siedlung in

der Nähe. Gleich über den Fluss. Aber du würdest sterben, sobald du dich ihr näherst. Ein Pfeil oder eine Klinge in den Rücken.“ ,, Ich bin mir nicht sicher, ob mir diese Aussicht gefällt. Eigentlich sahen meine Pläne vor, noch ein paar Jahre zu leben. Und du sagst mir das erst jetzt weil… ?“ ,, Weil ich dich nicht sterben sehen kann, verdammt. Das ist eine Falle. Eine Clansiedlung und keine freundliche.“ ,, Du gehörst also zu einem abtrünnigen Clan.“ , stellte Kell fest. Bildete sie sich das ein, oder lächelte der Mensch grade? Jiy konnte sich nur dazu bringen, zu nicken. Kell schwieg einen Augenblick. ,, Aber

du hast mich grade gewarnt.“ , sagte er schließlich. ,, Du rettest mein Leben. Ich rette deines.“ , antwortete sie. ,, Wir sind quitt. Ich glaube kaum, das ich bleiben sollte.“ Jiy ging langsam rückwärts. ,, Wir sehen uns nicht wieder.“ Er kannte jetzt die ganze Wahrheit. Kell konnte gar nicht anders, als wütend werden. Und dann wollte sie so weit weg wie möglich sein. Jetzt musste er sie einfach hassen. Und warum bitte kümmert dich das? , fragte sie sich selbst. Es schert mich überhaupt nicht. Aber sie würde es genau so wenig ertragen ihn sterben zu sehen, wie zu merken, wie sich das seltsame Vertrauen,

das er in sie gelegt hatte, in nichts auflöste. Jiy zwang sich, sich umzudrehen. Ein Augenblick und sie würde loslaufen. Einfach wieder in den Wäldern verschwinden. Kell würde einen Gejarn niemals einholen…. ,, Warte kurz.“ Und noch immer klang er nicht wütend, sondern freundlich. Auch wenn jetzt eine seltsame Traurigkeit in der Stimme zu liegen schien. Zu ihrer eigenen Überraschung hielt sie tatsächlich inne. ,, Was noch ?“ , fragte Jiy. ,, Du weißt alles. Geh und leb.“ ,, Ich weiß jetzt, wo sich eine Falle befindet. Ich weiß nach wie vor nicht wo ich einen freundlichen Ort finde,

menschlich oder nicht. Aber du kennst dich hier aus…“ Sie drehte sich ungläubig zu dem Menschen herum. Manchmal erschien er ihr ernst und verschlossen und dann wieder fast kindisch naiv. Oder war das nur eine Maske? ,, Bist du irgendwie auf eine besondere Art dumm ? Ich habe versucht dich in eine Falle zu locken.“ ,, Ich bin nicht dumm, nur praktisch. Und davon ausgehend, das du grade die Wahrheit gesagt hast und mich auf der anderen Seite dieses Flusses der Tod erwartet. Und ich bezweifle, dass du mich damit belügst. Du wirst mich also grade nicht in eine weitere Falle führen.

Es sei denn, du hättest grade erst geplant mich zu hintergehen, auf der anderen Seite dieses Flusses erwartet mich tatsächlich eine freundliche Ortschaft und du hast darauf gesetzt, dass ich dich wieder um Hilfe bitten würde. Was ehrlich gesagt tatsächlich ziemlich dämlich wäre.“ Jiy fühlte sich… erleichtert? War es das? ,, Reden alle Menschen so viel ?“ Sie lachte. Sie verstand Kell vielleicht einfach nicht, aber es war schön, dass er sie nicht hasste. Das war… beunruhigend, dachte Jiy. Er war ein Mensch. Sie sollte gar nichts fühlen. Es sollte sie absolut nicht kümmern, was irgendein Mensch über sie dachte. Für

die meisten von denen waren sie doch kaum bessere Tiere, wie sie deutlich unter Beweis gestellt hatten. Aber wieso passte Kellvian nicht in dieses Bild. Ach verdammt, wieso konnte die Welt nicht einfach schwarz und weiß sein, wie noch gestern… ,, Nur die, die vom Himmel gefallen sind.“ , erwiderte Kell grinsend. ,, Also, du weißt wo eine Siedlung ist, in der ich nicht umgebracht werde ?“ Sie nickte. ,, Dann bring mich hin. Es sei denn, du hast vor mir doch noch in den Rücken zu fallen.“ ,, Nein. Nicht mehr. Du…“ Sie brach ab. ,, Ich glaube ich werde noch einmal

darüber nachdenken müssen, was ich von Menschen halte. Also keine Sorge, solange du unter deiner seltsamen Frisur keine Kaiserkrone versteckst, heißt das.“ Kell lachte, diesmal klang es aber seltsam nervös. ,, Los, komm, wenn wir uns beeilen, schaffen wir es bevor die Sonne untergeht.“ , forderte Jiy ihn auf. Das war... überraschend gewesen. Auf die positive Art. Und sie hatte getan, was ihr richtig erschienen war, vielleicht kam es grade nur darauf an. So schnell sie konnte, ohne zu rennen, ließ sie die Untiefen im Fluss hinter sich. Stattdessen setzten die zwei ihren Weg, weg vom Wasser durch die Felder und

ausgetretenen Pfade fort. Zwar schützte sie hier weder das nahe Wasser, noch die Schatten der Bäume vor den Strahlen der Sonne, aber Jiy kümmerte das wenig. Sie hatte das richtige getan, dachte sie wieder. Egal, was einige ihrer Clanbrüder und Schwester davon denken würden. Sobald Kell in einer Siedlung war, würde sie zurückgehen. Dann wäre ihre Schuld wirklich beglichen und sie könnte das alles vergessen. Kell vergessen. Verflucht du brauchst ihn nicht mal vergessen, er bedeutet nichts, schalt sie sich selbst. Ein Mensch, der aus der Norm viel… Nichts weiter. Was hatte er gesagt, warum er hier draußen war? Den Kopf frei

bekommen? Vielleicht würde ihr das auch grade ganz gut tun.

Kapitel 14 Nichts mehr zu verlieren


Die fliegende Stadt bewegte sich nur langsam über den Himmel. Zumindest für einen flüchtigen Beobachter hätte es so ausgesehen, als Stünden die schwebenden Gebäude und Inseln still in der Luft. Ein endloser Tross aus Karren, Pferden und Männern und Frauen zu Fuß folgte dem Zentrum des Canton-Imperiums auf seinem Weg, ohne das die meisten von ihnen die eigentliche Stadt, die über ihren Köpfen schwebte, jemals betraten. Nur wenn die Stadt auf ihrer Wanderung die See erreichte riss der Strom aus Glücksrittern, Handwerkern, einfachen

Arbeitern und Söldnern ab. Doch im Moment hatte Syle Müh, sich an den ganzen Menschen vorbei zu drängen und dabei Walter nicht aus den Augen zu verlieren. Wenigstens sorgten ihre Bewaffnung und die neuen Gardeuniformen dafür, dass ihnen die meisten aus dem Weg gingen. Sobald sie die fliegende Stadt erreicht hatten, hatten sie einige der kaiserlichen Gardisten, welche den Tross begleiteten erkannt. Zu erklären, was sie hier machten und wieso sie aussahen, als hätten sie sich zwei Tage durch die Wildnis geschlagen hatte hingegen etwas länger gedauert. Natürlich war Kellvians Fehlen mittlerweile aufgefallen, aber

bisher hatte sich offenbar niemand ernsthafte Sorgen um ihn gemacht. Die fliegende Stadt war weitläufig genug, um eine Weile nicht gefunden zu werden, wenn man das vermeiden wollte. Nur der Kaiser war nicht begeistert, wie es hieß. Und jetzt, wo er wusste, das Kellvian nicht länger in den Mauern der Stadt, sondern irgendwo in den Herzlanden unterwegs war, würde sich das kaum geändert haben. Und jetzt wollte Konstantin Belfare sie beide sehen. Syle musste sich zum Weitergehen zwingen, als er sah, wie eine große Gondel von den über ihnen Schwebenden Plattformen heruntergelassen wurde. Ein einfaches Holzgestell, das über mehrere

schwere Seilwinden betrieben wurde. Normalerweise würde das ganze benutzt werden, um Waren vom Boden in die Stadt zu bringen, aber heute würden nur zwei Personen damit aufsteigen. Mit einem mulmigen Gefühl trat Syle in die offene Gondel und wartete darauf, dass Walter ihm folgte. Der junge Adelige wirkte noch nervöser, als er sich fühlte. Kein Wunder. Er hatte auch einiges mehr zu verlieren… Soweit er wusste kontrollierte de Immersons Familie fast die ganze nach ihnen benannte Immerson-Provinz. Kein besonders fruchtbares Land, aber die gewaltigen Erzvorräte in den Bergen und Tälern dort hatten das einstmals

unwichtige Adelshaus zu einem der mächtigsten innerhalb der Grenzen des Imperiums werden lassen. Aber das würde ihn nicht vor dem Zorn eines Kaisers schützen. Wenn der Mann auf dem Bernsteinthron etwas sagte, war das Gesetz. Nur langsam setzte sich die Gondel in Bewegung und stieg in die Höhe. Unter ihnen blieben die Menschen langsam zurück und auch die Wipfel der umliegenden Bäume lagen rasch unter ihnen. Dafür konnte er die Stadt jetzt besser sehen. Silberne Brücken und Bögen, welche die einzelnen Stadtteile verbanden glänzten im Sonnenlicht. Marmorpavillons und weitläufige Gärten

zierten einige der kleineren Inseln, welche die großen Plattformen umringten, auf denen sich Paläste, und weitläufige Gebäude und gepflasterte Plätze erhoben. Viel jedoch war auf den Wegen nicht los. Nur ein gutes Dutzend bunt gewandeter Gestalten und einige blau Uniformierte Gardisten zogen durch die Straßen der fliegenden Stadt , als die Kabine mit Syle und Walter an Bord zu einem abrupten Halt an der Kante einer der größeren Plattformen kam. Vorsichtig trat Syle auf das Pflaster hinaus. Dutzende von Fahnen und Bannern, die das Doppelsiegel des Kaisers zeigten, wehten im Wind, der in dieser Höhe

schlicht allgegenwärtig war. Auf den äußeren Plattformen lagen größtenteils Wohnhäuser, Villen und kleinere Paläste, für die wichtigsten Adeligen in ganz Canton. Auch, wenn die wenigsten dauerhaft in der fliegenden Stadt lebten, wenn der Kaiser seine Räte aus den Provinzen einberief, kamen sie alle. Dann quoll die Stadt aus allen Nähten und mehr als einmal war schon jemand in den Tod gestürzt, weil er im Gedränge von den schwebenden Inseln gefallen war. Momentan jedoch war das Herz von Canton ruhig und wirkte fast zu friedlich. Friedlich, aber eindrucksvoll, dachte Syle, während sie sich einen Weg

zwischen Palästen, Plätzen mit Springbrunnen, Statuen und ausladenden Säulengängen hindurch zum Zentrum der uralten Anlage suchten. Den goldenen Hallen und dem Kaiserpalast ganz im Zentrum des unsymmetrischen Rings aus Plattformen und Inseln, die, fast einem Spinnennetz gleich, über die unzerstörbaren silbernen Brücken verbunden waren. Der Palast selbst hob sich deutlich von den übrigen Gebäuden ab. Hier war die Architektur des alten Volkes größtenteils noch nicht verschwunden. Die Außenmauern bestanden aus hellem, in der Sonne strahlenden Stein. Fas hätte man meinen können, der gesamte Bau sei

von einer Barriere aus Licht umgeben. Nur ein einziges, vergoldetes Tor führte ins Innere des Komplexes, der für sich allein schon als Stadt hätte zählen können. Soweit Syle wusste, waren diese Tore seit Jahrzehnten nicht geschlossen worden. Es gab keinen Grund dazu, denn die Macht hinter diesem Porta fürchtete kaum mehr Gegner von außen. Türme, Gebäude und filigrane Minarette erhoben sich in einem undurchsichtigen Durcheinander dahinter. Nur die goldenen Hallen mit dem Thronsaal des Kaisers stachen deutlich aus dem zahlreichen Bauten hervor .Statuen und Bildhauerarbeiten zierten Bauwerke wie Mauern und erzählten eindrucksvoll die

zahlreichen Geschichten der einzelnen Kaiser, gleichwelcher Dynastie. Vom Anbeginn des Imperiums, als die fliegende Stadt weit im Norden zum ersten Mal von einem der Anführer der Nomadenstämme dort in Anspruch genommen wurde, über die langsame Erweiterung der Grenzen und der erste Versuch der Eroberung der Herzlande durch den ersten Ordeal-Kaiser bis hin zu Konstantin Belfare. Auf dem Boden vor dem Tor waren, in einem Ring angeordnet, hunderte von Symbole eingelassen. Wappen, von Fürsten, Gejarnclans , Königen, Stammesoberhäuptern, Städten und

Stadtstaaten. Und über jedem der Symbole war ein Flaggenmast errichtet worden, an dem das Banner des Kaiserreichs wehte. Auch wenn ihm der Anblick vertraut war, ein wenig Ehrfrucht konnte sich der Gejarn nicht erwehren, als er unter den Bannern auf das Tor zutrat. Und genau das, erinnert er sich selbst, sollte dieser Ort auch auslösen. Ein unverkennbares Zeichen für jeden, der den Palast betrat, was ihn in dessen Mauern erwartete und wer hier über das Schicksal der Welt herrschte. Ein mit Marmor ausgekleideter Weg führte vom Tor über einen großflächigen Innenhof. Eine Alle aus niedrigen Birken warf ihre Schatten über

die Straße und hielt so im Hochsommer, wenn nicht einmal der ewige Luftzug ihr etwas entgegensetzen konnte, die Sonne fern. Eine Gruppe von etwa zwei Dutzend kaiserlichen Gardisten marschierte an ihnen vorbei, ohne sich groß um die beiden Neuankömmlinge zu kümmern. Es gab dutzende, wenn nicht hundert verschiedene Regimenter, die dem Kaiserreich dienten und sie alle unterschieden sich. Von der ehrlosen schwarzen Garde, die sich nur aus dem Zusammensetzte, was der strengen Disziplin der übrigen Truppe nicht gerecht wurde bis zu den goldenen Dragoner-Regimentern die ihre Reiter

ausschließlich aus der Provinz Hasparen rekrutierten und die ihre Gründung auf die Zeiten des Bürgerkriegs und der Unruhen unter den Marionettenkaisern zurückführten. Doch allein die kaiserliche Garde, mit ihren markanten blauen Uniformen und goldenen Knöpfen war der Schutz des Kaisers persönlich anvertraut. Sie waren der Gegensatz zur schwarzen Garde. Die besten der besten, die sich in ihren Regimentern hervortaten, egal wer das war. Gejarn, Menschen, Männer, Frauen… Während manche Garden fast fanatisch darauf achteten, wie sich ihre Truppe zusammensetzte, galt für die Leibwache des Kaisers nur eines:

Loyalität und Können. Und er war stolz darauf, zu ihnen zu zählen. Egal, was heute passieren würde… Und doch schien zumindest Walter nicht ganz in dieses Bild zu passen, dachte Syle. Er hatte ihn erlebt. Und auch wenn Walter alles andere als ein schlechter Kerl war, die nötige Arroganz dazu hatte er. ,, Wieso seit ihr eigentlich bei der Garde ?“ , wollte er wissen. ,, Solltet ihr nicht auf irgendeinem Gutshof in Immerson sein ?“ ,, Ratet mal.“ , antwortete Walter nur kurz angebunden. ,, Was treibt einen Adeligen zum Militär ?“ Syle zuckte mit den Schultern. ,, Wenn

ihr nicht darüber reden wollt…“ ,, Was treibt einen Gejarn zum Militär ?“ , fragte Walter seinerseits. ,, Wir dienen jetzt lange genug zusammen, aber nach all den Vorgängen im Herzland stellt ihr euch lieber gegen euren Clan, als die Seiten zu wechseln oder zumindest… ich weiß nicht… euch neutral zu verhalten ?“ ,, Hatte ich euch das nicht erklärt ? Vielleicht fühle ich mich dem Haus Belfare auch einfach nur Verbundener, als einem Clan, der mich töten würde, anstatt mir auch nur zuzuhören. Nur weil ich diese Uniform trage. Hingegen der Kaiser lädt ihre Boten sogar an den Hof ein. Er sucht wenigstens eine friedliche Lösung….

Ich bin kein Mann der Politik. Die Streitigkeiten zwischen Clans und Kaiser kümmern mich wenig. Aber ich weiß ohne Zweifel, auf welcher Seite ich stehen will, auch wenn ich hoffe, die Waffe nie gegen meine Brüder erheben zu müssen. Also ? Was ist mit euch?“ ,, Ich… sagen wir einfach, was mir geblieben ist, ist kaum mehr als mein Name. Nein, nicht mal das. Ich bin ein enterbter Adeliger, der nicht mal mehr genug Besitz hat, um damit über die Runden zu kommen.“ , sagte er wütend. ,, Genügt euch das?“ ,, Das wusste ich nicht. Wirklich.“ Vielleicht hätte er lieber nicht fragen sollen, überlegte Syle. Es ging ihn wenig

an. Oder besser, es ging ihn überhaupt nichts an. Offenbar ging es Walter nicht besser als ihm. Fast, dachte er, tat es ihm jetzt leid, dass er den Mann schlicht für arrogant gehalten hatte. ,, Ich gehe auch nicht damit hausieren.“ , sagte Walter. Aber die kalte Wut war aus seiner Stimme gewichen. ,, Es war ohnehin allein meine Schuld.“ Syle glaubte nicht, das der junge Adelige weiter darüber sprechen würde. Möglicherweise war das auch besser so. Eine kurze Treppe aus Marmor führte herauf zum Haupteingang der Palastanlagen. Baumgroße Säulen stützten ein Vordach, das den Eingangsbereich vor Sonne oder Regen

schützte. Drei große, doppelflüglige Holztore waren am Ende des Aufstiegs in die Wände eingelassen. Nur zögerlich trat Syle durch eine der Pforten. Der Gang dahinter bestand aus kaltem Marmor, der nur durch Fenster und einige kunstvoll gewebte Wandteppiche unterbrochen wurde. Die Decken waren hoch genug, das sich selbst er, der die meisten Menschen ein gutes Stück überragte, plötzlich winzig vorkam. Aber er würde sich davon jetzt nicht einschüchtern lassen, sagte Syle sich. Der Thronsaal war von hier aus nicht mehr weit und wenn er dem Kaiser zitternd gegenübertrat… Nein, so viel

würde wollte er sich behalten, egal was geschehen würde. Kells leere Drohung würde den Kaiser kaum besänftigen… ,, Wenn ihr es wissen wollt, ich habe einen Fehler gemacht.“ , sagte Walter neben ihm plötzlich. ,, Ich bin der mittlere Son der Familie de Immerson . Auch wenn ich nie damit rechnen durfte, die komplette Macht und den Besitz meines Hauses zu erhalten, ein guter Teil hätte mir zugestanden. Ich habe mir selten um etwas wirklich Sorgen machen müssen.“ ,, Wie ich schon sagte, wenn ihr mir nichts sagen wollt…“ ,, Nein, Nein. Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen.“ Er sprach in einem

Tonfall, der deutlich achte, das er das anders sah. Aber da war neben der altvertrauten Ungeduld und Arroganz… auch etwas wie versteckte Trauer. ,, Meine Familie wäre zwar nicht grade glücklich mich zu sehen, aber sie würden mich wenigstens nicht umbringen. Ich kann mich nicht wirklich beschweren.“ ,, Und was hat euch den Zorn eures Hauses eigebracht ?“ ,, Eine für einen Gardisten ziemlich ungewöhnliche Eigenschaft. Feigheit.“ ,, Wie bitte ?“ Syle blinzelte verwirrt. Nein, für einen Feigling hielt er Walter sicher nicht. ,, Es ist ein paar Jahre her. Der Sitz der de Immersons ist seit jeher in

Silberstedt, direkt hinter den Bergen zwischen Herzland und Nordprovinzen. Wie sich aber ehrausstellte, war der jüngste Spross unserer Familie mit dem Blut des alten Volkes geboren worden. Das ist in unserem Stammbaum zwar ein paar Mal Vorgekommen, aber…. Seit 100 Jahren nicht mehr. Vermutlich dachten wir alle, die Gabe sei in unserer Familie ausgestorben. Aber so kann man sich täuschen.“ ,, Was ist passiert ?“ ,, Was immer passiert, wenn irgendwo ein Magier mit signifikanter Begabung geboren wird. Kaum war der arme Kerl acht stand der Sanguis-Orden vor den Hallen in Silberstedt und verlangten,

dass man den Kleinen ihrem Orden übergab.“ ,, Und eure Eltern haben das einfach zugelassen ?“ Walter zuckte mit den Schultern. ,, Ein unkontrollierter Zauberer ist eine Gefahr für alle. Und wer war ich, mich diesem Urteil zu wiedersetzen? Jedenfalls, sollte Ich zusammen mit einigen Begleitern den Jungen zur Festung des Ordens bringen. Wir kamen jedoch nie dort an. Unser Gefolge wurde in den Pässen überfallen. Ob Banditen oder Meuchler einer rivalisierenden Familie, das habe ich nie erfahren. Sie wurden alle niedergemacht… “ ,, Und ihr

?“ ,, Ich bin geflohen Syle. Ich habe sie alle einfach zurück gelassen, sobald ich sah, dass es keine Chance mehr gab. Und ich habe nicht einmal versucht, wenigstens den Jungen zu retten. Ihr könnt euch vorstellen wie… begeistert diese Nachricht aufgenommen wurde.“ Er schwieg einen Moment. ,, Es ist seltsam wirklich, anfangs war ich schlicht wütend. Es war nicht gerecht, versteht ihr? Hatten sie wirklich erwartet, dass ich lieber dort bleiben und sterben würde? Aber heute… Wäre ich geblieben, vielleicht hätte es doch noch eine Chance gegeben. Der arme

Zachary.“ ,, War das sein Name ?“ Walter nickte. ,, Mein Bruder. Zachary de Immerson. Ich hab ihn einfach immer Zac genannt. War ein ziemlich stiller Bursche und… verdammt ich hab ihn nie richtig leiden können. Im Nachhinein tut mir alles nur noch leid.“ Der junge Adelige fasste sich wieder und grinste breit. ,, Aber das ist alles Vergangenheit. Kommt, lassen wir den Kaiser nicht warten. Wie es aussieht, kann es für uns beide kaum viel schlimmer kommen.“

Kapitel 15 Der Kaiser

Der Thronsaal war so gut wie verlassen, als Syle durch die offenen Türen trat. Die feinen Adern im kalten Marmor unter seinen Füßen glänzten im Licht der Kristalle, als er halb geduckt eintrat. Walter folgte ihm, ohne zu zögern. Das gewaltige Deckengemälde des Himmels über ihnen schien beinahe unwirtlich echt, so als befände sich der Saal tatsächlich unter freiem Himmel. Der Bernsteinthron im Zentrum der Halle war leer. Kaiser Konstantin Belfare stand, mit dem Rücken zu den Neuankömmlingen, im Kreis mehrerer Personen. Einen der Anwesenden

erkannte Syle sofort als Dagian Einher den Hochgeneral des Imperiums und damit den obersten Militärischen Befehlshaber. Dagian Einher war eine Gestalt, die manche Menschen wohl schon durch seine Erscheinung einzuschüchtern vermochte. Die graubraunen Haare hatte er sich kurz zu kurzen Stoppeln zurückgeschnitten. Eines seiner Augen starrte blind ins nichts, während das eisblau des anderen jedem das Gefühl gab, das der General einen sofort durchschaute, egal was man sagen oder tun wollte. Ein langer, untypischer Bart fiel ihm auf die Brust, in dem zahlreiche Ringe eingeflochten worden

waren. Syle hatte gehört, Dagian folge einem alten Brauch der Nordvölker, nachdem diese sich für jeden geschlagenen Feind ein Stück Metall in den Bart flochten. Nur das Dagian dies für siegreiche Schlachten tat. Er trug trotz der Sicherheit der fliegenden Stadt einen Brustpanzer, der aber mit den Blattgoldverzierungen aus Blütenmustern eher symbolischen Wert hatte. Ein Reitschwert mit breiter Klinge hing an seinem Gürtel. Diese Waffe allerdings, war kein Zierrat. Es war eine schlichte, aber durchaus tödliche Klinge. Die zweite Person war Tyurs Lightsson, der Höchste Vertreter des

Sanguis-Ordens. Der typische türkisfarbene Mantel seiner Zunft fiel ihm über den linken Arm und verbarg die Narben und alten Verletzungen dort. Ansonsten trug er schwarz und wirkte damit fast wie ein Schatten im Raum. Nur der Speziell für ihn gefertigte Degen an seiner Seite glitzerte silbern. Seien Gestalt wirkte seltsam unwirklich, beinahe durchscheinend und da erst Begriff Syle. Der Ordensoberste war gar nicht wirklich anwesend. Ein Zauber erlaubte es ihm, über viele Meilen hinweg mit dem Kaiser zu sprechen. Der Orden verfügte angeblich auch über die Macht, Personen in wenigen Augenblicken über gewaltige

Entfernungen zu schicken, aber zumindest das hatte Syle nie erlebt. Und die Hallen der fliegenden Stadt waren davor durch die immer noch aktive Magie des alten Volkes geschützt. ,, Kalenchor wurde unseren Berichten Zufolge fast völlig zerstört Herr.“ , sagte der General grade. ,, Die einzigen Überlebenden waren ein Großmagier des Sanguis-Ordens und die Soldaten, die das Glück hatten an den Grenzbefestigungen oder in der Festung der Stadt zu sein.“ ,, Eine Flutwelle…“ Der Kaiser klang nachdenklich. ,, Es war Magie.“ , sagte nun Tyrus. ,, Der betreffende Zauberer bestätigt das.“ ,, Die Laos nutzen keine Zauberei und

töten soweit wir wissen fast jeden, der mit der Gabe des alten Volkes gesegnet ist. Was ihr erzählt macht keinen Sinn.“ , erwiderte Konstantin scharf. ,, Die Dinge sind, wie sie sind. Der Hafen ist praktisch weg und die Versorgung unserer Truppen gefährdet.“ ,warf der General ein. ,, Und hunderte sind tot. Was wichtig ist, wie wir darauf reagieren.“ Kaiser Konstantin schüttelte den Kopf und drehte sich um. Er nahm Syle und Walter offenbar nur kurz wahr und bedeutete ihnen, zu schweigen. Konstantin Belfare war gealtert, aber noch weit davon entfernt, seine Kräfte zu verlieren. Die grauen Haare, in denen nur

noch vereinzelte dunkelblonde Strähnen vorhanden waren, fielen ihm bis fast auf die Schultern. Seine blauen Augen blickten wach und aufmerksam. Er trug zweifarbige, blau-rote Kleidung, die zwar schlicht war, aber er brauchte auch keinerlei Prunk, um seine Wirkung auf andere zu haben. Eine Aura aus Ehrfurchtgebietende Selbstsicherheit, die wohl selbst den höchsten Adeligen in seinen Stiefeln zittern lassen konnte, wenn der Herrscher es wünschte. Ein Abbild von dem, was Kellvian vielleicht einst werden würde, dachte Syle. ,, Ich habe im Augenblick kein Interesse an einem Krieg mit Laos. Wir konnten

sie nie besiegen und sie uns nie weiter zurück drängen. Das wäre lediglich eine gewaltige Verschwendung von Soldatenleben. Ich möchte, das Kalenchor und die Grenzwerke wieder gesichert werden, mehr nicht. Solange die Lage in den Herzlanden nicht klar ist, werde ich sicher keinen zweiten Konflikt riskieren. Gibt es den schon Neuigkeiten von den abtrünnigen Clans?“ ,, Sie verhalten sich ruhig.“ , meinte der General. ,, Ihnen ist klar, dass sie in einem offenen Konflikt mit dem Reich keine Chance haben.“ Konstantin schüttelte den Kopf. ,, Ich will überhaupt keinen Konflikt. Wir sind seit Jahrhunderten Verbündete. Die Clans

waren vielleicht nie einfach zu beherrschen, aber wir haben ihnen ihre Freiheiten gelassen. Unsere Väter und deren Väter haben schon Seite an Seite gekämpft. Was ich wissen will ist, was sich so plötzlich geändert hat.“ ,, Es ist immer Weise, eine Lösung zu suchen, die ohne Gewehre auskommt.“ , bemerkte Tyrus und klang dabei beinahe väterlich Stolz. Irgendwie irritierte das Syle. Der Kaiser und der Ordensobere mussten in etwa gleich alt sein. Oder ? Wer wusste schon, was die Zauberer alles tun konnten. Der General verzog das Gesicht. ,, Das sind ja ganz neue Worte von euch

Herr.“ ,, Wirklich Dagian ? Vielleicht werde ich ja auch nur alt.“ Einen Moment sah Konstantin nachdenklich vor sich hin. ,, Ich habe genug Ruhm für meinen Platz unter den Ahnen verdient. Es ist genug Blut für einen Kaiser geflossen.“ ,, Ich bin immer noch der Meinung, die schnellste Lösung wäre die Entsendung von Truppen ins Herzland. Zwei oder drei gut ausgebildete Regimenter sollten diesen Pelzviechern zeigen, was wir von…“ ,, Dagian, bitte. Wir sprechen hier immer noch von alten Verbündeten. Verbündete, mein Freund, die seit jeher in genau den Regimentern dienen, die ihr gegen sie

entsenden wollt. Glaubt ihr wahrhaft, das würde ein leichter Kampf werden?“ ,, Nein.“ , gestand der Hochgeneral. ,, Dann bleibt nur zu hoffen, dass sie bald einen Botschafter entsenden. Wir haben ihnen klar gemacht, dass wir bereit sind, zu Verhandeln. Ansonsten… wissen wir nicht, was passieren wird. “ ,, Gut. Damit wäre das geklärt. Senden Ersatz an Material und Kämpfern nach Kalenchor. Und was ist mit diesem Großmagier, den ihr erwähnt habt Tyrus?“ ,, Ich fürchte, wir haben ihn aus den Augen verloren.“ , antwortete der Ordensoberste. ,, Zusammen mit dem Mann der die Nachricht überbrachte,

erreichte uns auch die Information, das er einige der Überlebenden Soldaten und drei Intakte Schiffe hinaus aufs Meer geführt hat.“ ,, Ihr scheint eure Untergebenen ja wirklich unter Kontrolle zu haben.“ , bemerkte Dagian. ,, Wisst ihr Dagian, das Geheimnis guter Führerschaft ist es, Zuckerbrot und Peitsche in einem gewissen Gleichgewicht einzusetzen. Ihr möchtet einen Mann, der euch mit einem Gedanken die Haare vom Kopf brennen kann nicht zum Feind haben.“ ,,Genug.“ ,rief der Kaiser und wendete sich zu Syle und Walter um, die während des Gesprächs stumm gewartet hatten.

,,Wie mir zu Ohren kam, könnt ihr mir vielleicht erklären, wie es sein kann, das mein Sohn nirgends in der fliegenden Stadt zu finden ist.“ ,, Kellvian ist… gegangen.“ , erwiderte Syle. ,, Er ist während unserer Wache entwischt, obwohl ihr Befehl gegeben hattet, ihn vorerst nicht aus dem Palast zu lassen. ,, Das hatte ich. Und ihr habt diesen Befehl ignoriert.“ , erwiderte der Kaiser kühl. ,, Herr.“ , sagte Walter. ,, Wir haben nicht…“ ,, Allerdings scheint euch zugute zu kommen, das Kellvian einiges von euch zwei halten muss. Auch wenn ich das

nicht bestätigen kann. Trotzdem respektiere ich seinen Wunsch. Der Junge hat die nötigen Nerven für einen Kaiser, mir zu drohen.“ Konstantin lächelte schwach. ,, Aber sagt ihm das bloß nicht. Das steigt ihm nur zu Kopf.“ ,, Herr, ich fürchte Kellvian ist so einiges zu Kopf gestiegen, sein Titel und Rang aber sicher nicht.“ , sagte nun Tyrus. Syle konnte beinahe hören, wie der Mann in Gedanken hinzufügte: ,, Und ich kenne ihn besser als ihr.“ Vermutlich kannte fast jeder im Palast Kell besser, als der Mann auf dem Bernsteinthron. Der Kaiser schien einen Augenblick nachzudenken. ,, Er wird kaum von selbst zurückkommen, egal was er sagt.

Tyrus. Ich möchte diese Sache eurem Orden anvertrauen. Bringt mir Kellvian zurück.“ Täuscht Syle sich, oder tauchte so etwas wie Verschlagenheit und stille Freude im Blick des Ordensobersten auf? Er musste sich irren. ,, Wie ihr wünscht. Ich werde alle entbehrlichen Magier damit beauftragen, nach ihm Ausschau zu halten und wir werden alles tun um ihn möglichst sicher wieder in die fliegende Stadt zu bringen. Und ich hoffe, dass es geht ihm dann gut, wenn wir ihn finden. Die Welt dort draußen wird gefährlicher…“ ,, Erzählt mir etwas neues.“ , sagte Konstantin und wendete sich dann wieder

an die zwei Gardisten. ,, Könnt ihr mir noch irgendetwas über Kellvian sagen ?“ ,, Außer, das es ihm ganz gut zu gehen schien ?“ , fragte Walter. ,, Und das er mit einer Gejarn durch die Gegend zieht ?“ Tyrus sah auf. ,, Moment, er war also nicht mehr allein, als ihr ihn gefunden habt ?“ Slye schüttelte den Kopf. ,, Nein. Bei ihm war eine Gejarn. Ich habe ihren Namen nicht gehört, aber… Moment, wenn ihr darauf hinaus wollt, worauf ich fürchte, dann nein. Die Gejarn haben ihn sicher nicht. Das hätten wir bereits gehört. “ ,, Wer dann ? Wo könnte er sein? Wohin

war er unterwegs?“ ,, Ich fürchte, das weiß nur Kellvian. Und ich fürchte zusätzlich, er weiß nicht einmal selbst, wo er hin will.“ Großmagier Aurelius sah nach wie vor fassungslos auf die zersplitterte Kristallkette in seiner Hand. Als die Flutwelle über di Stadt hereingebrochen war, hatte er begonnen, Schutzzauber über dem Hafen zu Weben, um die Gewalt des magischen Tsunamis zu brechen, aber Erfolglos. Und so hatte er tatenlos vom Gipfel der Garnisionsfestung zusehen müssen, wie Kalenchor im Wasser verschwand. Was immer diesen Zauber erschaffen

hatte, es war weitaus mächtiger gewesen, als er. Und es hatte ihn fast getötet. Er hatte den Speicherkristallen ihre gesamte Energie entzogen und war immer noch nicht gegen die unbekannte Macht von der See angekommen. Und als das letzte bisschen Energie in den Steinen versagte, hatte er sein eigenes Leben in die Schutzzauber gelegt. Nichts. Die Kristalle waren zersplittert und sein Lebensfunke erholte sich nur noch zögerlich. Zu oft war er schon bis an seine Grenzen gegangen und sein Körper verzieh ihm das nicht länger. Aber eine solche Macht sollte es nicht geben… Er war ein Großmagier, er zählte zu den mächtigsten seiner Zunft und

doch war er sich wie ein Kind vorgekommen, das gegen einen der Riesen von Laos ankämpfte. Kein Magier könnte eine derart starke natürliche Begabung besitzen. Es gab also nur eine Erklärung… Ein Kristall des alten Volkes. Ein Artefakt, das irgendwie in die Hände eines freien Magiers gekommen war. Die Vorstellung, das ihnen etwas derart mächtiges hatte entgehen können war.. beängstigend. Die Laos besaßen ganze Schatzhäuser voll, aber ihre Philosophie erlaubte es nicht, dass sie die Magie auch einsetzten. Und der Orden kaufte bereits jedes Artefakt auf, das man ihnen anbot. Die Archonten verkauften ihren eigenen

Untergang… Und doch… etwas war dem Auge des Sanguis-Ordens entgangen. Aurelius trat einmal erneut auf einen der Türme der Garnison heraus. Unter ihm lag das, was von Kalenchor geblieben war. Der gesamte Hafenbereich war zerstört, geschleift von der See, die sich si plötzlich gegen sie erhoben hatte. Kein einziges der Gebäude dort stand noch. Andere Häuser weiter oben waren zwar erhalten geblieben, befanden sich aber in bedenklicher Schräglage, weil ihre Fundamente unterspült worden waren. Und überall lagen Schmutz und Trümmer, die das Wasser hier zurück gelassen hatte, als es endlich abgeflossen

war. Nur noch wenige der Schiffe waren intakt, manche lagen jetzt mitten in der Stadt und andere hatte die Wucht der Wassermassen einfach zerschmettert. Neben dem Großmagier hatten sich auch einige Gardisten eingefunden, welche die Zerstörung gefasst betrachteten. Ihnen war allen klar, dass so etwas passieren konnte. Aurelius musste an das Schiff denken, dass er gestern gesehen hatte. Das Schiff, das er für harmlos gehalten hatte… Konnte es möglich sein, das Laos nun doch auf Magie zurückgriff? Und auf eine derart Mächtige ? Das erschien zu seltsam. Es passte nicht zur Philosophie der Krieger des Südens, sich so radikal

zu ändern. Aber sein Gefühl sagte ihm, das das Schiff der Schlüssel war. Die Welle war von der See gekommen. Vielleicht hatten die Archonten jemanden angeheuert, der die Drecksarbeit für sie übernahm. So oder so, er konnte das nicht ignorieren. Ein freier Zauberer und noch etwas ganz anderes…. ,, Sendet einen Boten zum Kaiser.“ , sagte er zu einem der Anwesende Posten, einen Mann in grüner Uniform. ,, Und macht die Schiffe einsatzbereit. Wir werden denjenigen Verfolgen, der hierfür verantwortlich ist.“ Der Orden musste haben, was auf diesem Schiff war. ,, Sir…. Wir haben nur noch ein paar Schiffe einsatzbereit

und…“ ,,Stellt ihr mich etwa in Frage?“ , wollte der Zauberer wissen. Die versteckte Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Mann machte eilig einige Schritte weg von dem Großmagier. Wenn er wüsste, das Aurelius im Augenblick nicht einmal die Kraft hätte, einen Stein anzuheben… ,, Nein… natürlich nicht.“ ,, Dann macht euch auf den Weg.“

Kapitel 16 Das Erbe des Alten Volkes


Kapitel 16 Das Erbe des Alten Volkes Die Sonne stand mittlerweile bereits tief am Himmel und tauchte endlosen Felder und Wiesen um sie herum in rotes Licht. Das Land hier war flach wie ein Spiegel und Kellvian hatte das Gefühl, Meilenweit sehen zu können. Ab und an flogen einige Vögel aus den Getreidefeldern auf und verschwanden am Himmel und einige vereinzelte Rinder und Schafe standen auf den Wiesen. Trotzdem schien so spät am Tag niemand mehr hier draußen zu sein. Aber hinter

einem kleinen Wald stiegen vereinzelte dünne Rauchfäden in die Luft. Es war nicht mehr weit. Jiy hatte während des ganzen Weges seit sie den Fluss verlassen hatten geschwiegen und kaum auf seine Fragen reagiert. Auf eine Art konnte Kell das verstehen. Sie hatte sich dagegen entschieden ihn in eine Falle laufen zu lassen. Und auf eine Art war er nicht nur froh darum, noch am Leben zu sein. Er hatte sich nicht in ihr getäuscht. Aber was das für die Gejarn bedeutete… ,, Ich wollte dir nur noch einmal danken.“ , sagte Kell. ,, Danken ?“ Sie schüttelte den Kopf. ,, Ich wüsste nicht

wofür.“ Kell zuckte mit den Schultern. ,, Sieh es mal so. Ohne deine Warnung wäre ich vielleicht so oder so über den Fluss gegangen. Ob du dabei gewesen wärst oder nicht.“ ,, Ich fürchte, ich habe ein ziemlich schlechtes Bild von meinem Volk vermittelt.“ ,, Einer meine Lehrer sagte einmal, wir sollten niemals den Fehler machen, alle wegen der Taten Einzelner zu verurteilen.“ ,, Lehrer ?“ ,, Einer der Gründe, aus denen ich weg bin. Auch wenn manche noch so klug gewesen sein mochten, respektiert habe

ich die wenigsten. Ich glaube die wenigsten haben die Stadt…“ Kell unterbrach sich selbst. Jetzt hätte er fast fliegende Stadt gesagt, ,, die Stadt wo ich aufgewachsen bin, je verlassen.“ ,, Ich war bisher selten in den Städten der Menschen. Auch wenn es einigen von uns dort zu gefallen scheint, mir war das immer zu hektisch. Woher kommst du denn?“ ,, Ähm… man könnte sagen meine Heimat war schon überall. Ich bin bisher nie lange an einem Ort geblieben. Aber es ergab sie nie die Gelegenheit für mich wirklich zu Reisen. Es gibt ein paar Dinge, die ich wissen muss und ich fürchte, meine Antworten erhalte ich

weder von Gelehrten noch aus Büchern.“ ,, Also freier Zauberer und Scholar. Und die Antworten die du suchst…“ ,, Tja… Beispielsweise wieso manche Leute gerettet werden können und manche nicht. Ich kann Verletzungen heilen, das weißt du ja. Aber… ich habe einmal versagt. Ich weiß nicht warum.“ ,, Vielleicht war es für denjenigen an der Zeit zu gehen.“ ,, Es war ein Kind.“ Jiy schwieg einen Moment und schien tatsächlich darüber nachzudenken. Mittlerweile hatten sie den kleinen Hain erreicht, hinter dem Kell den Rauch entdeckt hatte. Das restliche Sonnenlicht malte Muster aus tiefschwarzen Schatten

und roten Lichtbanden auf den Waldboden. ,, Die Alten haben immer behauptet, das nichts jemals wirklich sterben könnte. Wir sind letztlich alle nur Teile des Ganzen, ob Kaiser oder Bauer. Und wir alle haben eine Rolle zu spielen. Nur wenn diese erfüllt ist, selbst wenn wir niemals erfahren, was diese ist, dann kommt der Tod um uns für eine Weile zu sich zu holen. Bis die entsprechende Seele wieder gebraucht wird. Und manche glauben auch, das alle Seelen ein großes Ziel haben, eine Existenz, in der sich ihre ganzen Schicksale erfüllt haben werden.“ ,, Und was passiert dann

?“ ,, Ich habe ihnen nie zugehört.“ , gestand Jiy. ,, Unsere Legenden sind recht… langwierig.“ ,, Das soll heißen, wenn ich dir glaube, dann gab es nie eine andere Möglichkeit. Egal wie schnell ich gewesen wäre, egal, was ich getan hätte, der Tod hätte das Kind gefordert. Und wozu ?“ ,, Vielleicht als Teil deines Schicksals Kell.“ Sie lachte. ,,Wie immer das auch aussehen soll.“ ,, Wie einer der wenigen Lehrer vor denen ich Respekt habe einmal sagte, wir mögen alle Fäden in einem Spinnennetz und unsere Bahnen vorgeben sein. Aber auch ein Faden kann schwingen. Und

wenn er reißt nimmt er das ganze Netz mit sich. Ich glaube also nicht, das es so einfach ist.“ ,, Dann musst du wohl weitersuchen.“ Kell nickte. Langsam machte sich doch die Erschöpfung eines ganzen Tags auf der Straße bemerkbar. Seine Füße schmerzten. Auf der einen Seite war er es nicht gewohnt, so weit zu laufen. Aber daran würde er sich schon gewöhnen. Auf der anderen… Kell wollte gar nicht wissen, wie seine Füße grade aussahen. Er seufzte. Er würde irgendwann finden, was er suchte. Dann würde er auch in die fliegende Stadt zurückkehren können. Und eines Tages Kaiser sein… Kell schob den Gedanken so weit von sich wie

irgendwie möglich. Das lag noch Jahre in der Zukunft. Er sah sich vorsichtig nach Jiy um. Wenn sie wüsste wer er war, würde sie vermutlich bereuen, ihn nicht in eine Falle geführt zu haben. Aber irgendwie hoffte er, da falsch zu liegen. Wie auch immer, die Gejarn würde nie herausfinden, wer er war. Wenn sie die Siedlung erreichten, trennten sich ihre Wege. Seltsam, die Vorstellung ab Morgen wieder alleine zu Reisen gefiel ihm nicht. ,, Sobald wir dort sind, suche ich mir als aller erstes ein Gasthaus und werde die Stiefel los. Die bringen mich langsam um.“ Er ließ sich auf einen weißen Marmorblock nieder, der ohne

Erkennbaren Grund direkt am Straßenrand lag. Der Stein kam ihm seltsam vertraut vor…. Wo hatte er so etwas schon einmal gesehen oder davon gehört? Während Kell noch darüber nachdachte, zog er vorsichtig den Stiefel aus. Nichts gravierendes, dachte er. Lediglich eine übel aussehende Blase. Das würde heilen, auch wenn es unangenehm war. Die Schuhe waren zwar stabil, aber eben nicht dafür Gedacht, lange Strecken zu laufen. Wieder etwas, das auf die Liste der Dinge kam, die er Besorgen musste, bevor er seinen Weg fortsetzen konnte. ,, Und deshalb tragen Gejarn keine Schuhe. Lass mal

sehen.“ Er machte eine abwehrende Handbewegung. ,, Deshalb und weil die Schuhmacher dabei ein Vermögen verdienen könnten.“ , meinte Kell. ,, Eure Krallen würden jede Sohle schnell genug unbrauchbar machen.“ Rasch suchte er einen Stoffstreifen und Band diesen um den Fuß. ,, Du kannst das nicht einfach heilen ?“ , fragte Jiy. Kell hielt inne. Machte sie sich wegen dem Kratzer wirklich grade Sorgen um ihn? ,, Schön wäre es.“ , antwortete er, während er den Stiefel wieder anzog. ,, Meine Gabe hat genau diese eine

Beschränkung. Ich kann mich unmöglich selbst heilen. Und…“ Etwas zu seiner rechten zog Kells Aufmerksamkeit auf sich. Weiß schimmerten weitere uralte Steine zwischen den Zweigen hervor. Ein Baum war umgestürzt und in seinen Wurzeln hatten sich mehrere Marmorblöcke verfangen. Er stand auf. Die Schmerzen beim Laufen waren vergessen. ,, Kell ? Alles in Ordnung ?“ ,, Ich will mir das nur kurz ansehen.“ , erwiderte er und sprang von der Straße. Kleinere Steinsplitter waren über den ganzen Boden im Laub verteilt. Die Überreste waren erst vor kurzem,

vielleicht von einem Sturm freigelegt worden, der den Baum entwurzelt hatte, unter dessen Wurzeln die Ruinen verborgen gewesen waren. Jiy folgte ihm zögerlich. ,, Was ist das hier ?“ ,, Das“, sagte Kellvian, ,, ist was vom alten Volk geblieben ist. Ein Haufen moosbewachsener Steine.“ Er trat ein Stück vor und sah sich weiter um. ,, Das gefällt mir nicht.“ , bemerkte die Gejarn. Kell konnte ihr nur zustimmen. Seine Füße kribbelten, und das war nicht dem Umstand zu verdanken, dass er sie Wundgelaufen hatte. Etwas war hier, schwach, aber deutlich spürbar. Ohne Vorwarnung schoss ein Blitz aus

dem Himmel über ihm und schlug keine zehn Schritte entfernt im Boden ein. Flammenzungen und Lichtbögen sprangen über das Laub. Blätter und Erde wirbelten auf. Jiy war zurückgesprungen, nur Kell verharrte wo er war. ,, Wundervoll.“ , flüsterte er fasziniert. ,, Wir sind grade fast draufgegangen.“ ,, Es heißt sie ziehen Blitze an, wenn sie dicht unter der Oberfläche liegen. Sieht so aus, als wäre das kein Gerücht gewesen.“ ,, Was zieht Blitze an ? Die Ruinen ?“ Die Gejarn spähte zwischen den Ästen der umstehenden Bäume in Richtung Himmel. Keine Wolke war zu sehen.

Nichts, das auf ein Gewitter hindeutete. Und auch sie spürte das unangenehme Gefühl, wie als ob ihre Füße eingeschlafen wären. ,, Nein, aber das, was sie beherbergen.“ Selber Vorsichtig geworden trat er an die verbrannte Stelle im Boden, wo der Blitz eingeschlagen war. Wenn sich das wiederholte, bevor er fand, was dafür verantwortlich war… Er ließ sich auf ein Knie nieder und fegte vorsichtig die lose Erde mit der Hand beiseite. Jiy hatte sich nun auch näher gewagt und sah ihm neugierig über die Schulter. Etwas glitzerte Schwach im Sonnenlicht. Ein etwa daumennagelgroßer, tiefgrüner Kristall. Die Erde fiel davon ab, als

würde er nicht schon für Äonen hier Ruhen, sondern hätte grade erst die Hände eines Edelsteinschleifers verlassen. Kell konnte die verborgene Macht darin spüren, sobald er das Juwel in der Hand hielt. Das war kein simples Zierwerk. ,, Ein Speicherkristall.“ , stellte die Gejarn fest. ,, Über so etwas stolpert man normalerweise nicht mehr einfach so.“ ,, Nein. Eigentlich nicht, das hier scheint mir aber nur ein Bruchstück zu sein. Unmöglich zu sagen, wie lange das schon in der Erde lag.“ ,, Ich habe nie verstanden, wieso der Sanguis-Orden so hinter Kristallen des

alten Volkes her ist. Ich meine… sie können die doch selber herstellen, oder?“ ,, Das können sie, aber von dem was ich weiß, sind ihre Schöpfungen minderwertig.“ , erklärte er. ,,Die Kristalle des alten Volkes laden sich mit der Zeit wieder auf, wenn sie Energie verlieren. Die Kopien des Ordens hingegen zerbröseln, sobald ihnen die Kraft ausgeht. Was den betreffenden Zauberer praktisch machtlos zurücklässt, sofern er nicht seien eigene Lebenskraft opfern will. Das gleiche gilt für jegliche magischen Artefakte, die sie damit betreiben. So gesehen ist wohl auch die fliegende Stadt ein riesiges Artefakt.“ Nur was betrieb sie ? Kell

verbannte die Frage wieder, sobald sie auftauchte. Darüber hatten sich schon ganze Generationen von Magiern und Forschern den Kopf zerbrochen. Und er würde die Lösung nicht in einem Waldstück finden. ,, Warst du schon einmal dort ?“ , wollte die Gejarn wissen. ,, Wo ?“ ,, In der fliegenden Stadt.“ Kell zögerte. Er entschied sich für einen Teil der Wahrheit. ,, Einmal.“ , sagte er. ,, Es ist ein schöner Ort aber… mir persönlich zu eintönig.“ Er ließ den grünen Stein in der Tasche verschwinden und stand auf. ,, Komm, ich würde ungern erst im Dunkeln

ankommen.“ ,, Du bist hier derjenige, der fast hinkt.“ , bemerkte die Gejarn. ,, Und du scheinst mir ja ziemlich viel über Magie zu wissen. “ ,, Ich kenne die Macht, die von den Artefakten des alten Volkes ausgeht. Und die Gefahren. Belassen wir es dabei. Allerdings ist das das erste Mal, das mir ein Kristall in die Hände gefallen ist. Tyrus schien immer darauf bedacht, mich möglichst davon fernzuhalten.“ ,, Und dieser Tyrus ist…“ ,, Einer meiner alten Lehrer.“ ,, Offenbar hat man es nicht dem Zufall überlassen, was du lernst.“ ,, Die meisten der größeren Städte haben

Schulen und Vara besitzt eine Universität für die hellste Köpfe des Imperiums.“ Sobald sie den Wald hinter sich gelassen hatten, konnte Kell einen ersten Blick auf die Siedlung werfen. Die beiden Wanderer standen auf dem Gipfel eines kleinen Hügels. An dessen Fuß lag eine lose Ansammlung von vielleicht drei Dutzend Hütten, die von einem Bretterzaun umlaufen wurden. Rauch stieg aus den Schornsteinen der Häuser auf, deren mit Ziegeln gedeckte Dächer in der Abendsonne rot zu funkeln schienen. Kell konnte Stimmen und Lachen hören. Einige Leute waren noch auf den Straßen, manche brachten Karren mit Werkzeugen in ihre Wohnungen,

andere unterhielten sich auf den staubigen Straßen. Ein friedliches Bild, dachte er. Ein einziger großer Baum ragte in der Mitte des Dorfes auf. Kellvian ging langsam einen gewundenen Pfad an der Seite des Hügels hinab. ,, Guten Abend Fremder.“ Ein Mann mittleren Alters und in abgetragener Kleidung kam ihnen entgegen. Er zog kurz einen geflochtenen Strohhut zu Gruß vom Kopf. ,, Guten Abend.“ , erwiderte Kell. Der Mann schien freundlich. Vermutlich wollte er nur wisse, wer so spät abends noch hier vorbeikam. Seine Augen blieben kurz an Kellvian hängen,

wanderten dann aber weiter zu Jiy und verharrten dort einen Augenblick zu lange. Wenn die Siedlung so nah an Clangebiet lag, wie Kell vermuten durfte, dann waren sie entweder gute Nachbarn oder das genaue Gegenteil. Aber der Mann sagte nichts. Stattdessen fragte er : ,, Verzeiht meine Neugier, Herr, aber zumindest ihr seht nicht so aus, als würdet ihr aus der Gegend kommen.“ ,, Das stimmt auch, ich bin nur auf der Durchreise. Mein Name ist Kellvian. Und das ist…“ ,, Jiy.“ , antwortete die Gejarn. ,,Ich bin Aron. Nun, viele von eurer Sorte sind hier in letzter Zeit nicht

durchgekommen. Zumindest nicht seit die kaiserlichen Garden Lore weiter im Osten bis auf die Grundmauern abgebrannt haben. Wir hatten hier nie Probleme aber jetzt…. Manche der Leute haben Angst. Seit also vorsichtig.“ ,, Keine Sorge, das bin ich.“ , sagte Jiy. ,, Gibt es hier ein Gasthaus, jemanden bei den ich Vorräte erstehen kann und… vielleicht einen Schuhmacher ?“ Aron lachte herzhaft. ,, Wenn es sonst nichts ist der Herr. Ich glaube Vorräte können euch die meisten hier verkaufen. Wir sind größtenteils Bauern. Die meisten werden froh sein, sich den Weg zum Markt zu sparen. Und unser Gasthaus könnt ihr nicht verfehlen.

Direkt unter dem Baum in der Dorfmitte. Was Schuhwerk angeht… fragt euch rum. Ich bin mir sicher, jemand hat was in eurer Größe übrig, das er loswerden will.“ Kell nickte. ,, Danke.“ ,, Keine Ursache. Es ist schön, mal jemand anderes als Gardisten oder Wandernde Händler hier durchkommen zu sehen. Wobei mir letztere Lieber sind. Die Garde zahlt nicht unbedingt immer für Kost und Loge, wenn ihr versteht.“ ,, Ich glaube, das kann ich nachvollziehen.“ , sagte Jiy. ,, Ihr haltet euch den Kaiser ja auch schön vom Hals.“ , erwiderte Aron wieder lachend. ,, Sollten wir auch

versuchen.“ ,, Das ist nicht lustig.“ ,, Ich finde es lustig. Eine Hand voll Clans gegen das Imperiums. Aber ich bewundere euren Mut.“ Jiy trat ohne ein weiteres Wort an Aron vorbei und lief zielstrebig auf den Baum zuhielt. Kell zuckte kurz mit den Schultern. Dann folgte er ihr.

KApitel 17 Es kommt immer schlimmer

Cyrus rannte. Wohin ? Er wusste es nicht. Das musste alles ein Traum sein. Und doch wusste er, dass es mehr war, als das. Erinnerungen… Die Welt um ihn herum war m Nebel versunken, aus dem vereinzelt Rufe drangen. Das Aufflammen einer Gewehrmündung zu seiner rechte, brachte ihn dazu sich flach auf dem Boden zu werfen. Mehrere Kugeln jagten knapp über ihn hinweg. Er musste weiter. Liegenbleiben bedeutete, dass sie ihn fanden. Der Gejarn sprang auf und begann wieder zu laufen. Innerhalb weniger Augenblicke war sein Leben

praktisch vor seinen Augen zu nichts zerfallen. Noch immer konnte er den Feuerschein hinter sich im Nebel erkennen. Die feinen Wassertropfen in der Luft brachen das Licht der Flammen und verwandelten es in ein sanft glühendes Kaleidoskop. Etwas großes, Schwarzes rannte knapp an ihm vorbei. Ein Pferd… Sie waren ohne Vorwarnung aufgetaucht. Es waren zwanzig gewesen. Zwanzig Uniformierte Gestalten. Er wusste nicht, was passiert war. Cyrus war auf den Feldern und den großen Viehweiden gewesen, weit weg vom Haus. Aber als er die Flammen gesehen hatte… Die Soldaten hatten den ganzen Hof in

Brand gesteckt und er hatte bereits gewusst, dass nichts mehr zu retten gewesen war, als er endlich ankam. Aber was Cyrus dann gesehen hatte, hatte zerstört, was von dem Mann geblieben war, der einmal gedacht hatte, ein Leben als Jäger und Farmer zu verbringen. Viele Gejarn hielten nichts von dem Lebensstil der Menschen aus dem Norden und blieben lieber in ihren Dörfern und Siedlungen soweit wie möglich entfernt von den großen Städten. Cyrus Vater, Elhan, war immer schon etwas anders gewesen, wie sich die Leute erzählten. Beinahe Lammfromm für einen Wolf und manche aus dem Clan munkelten er hatte sicher irgendwo einen

Fuchs in seinem Stammbaum. Und die Ältesten waren geradezu entsetzt. Elhan hatte das wenig gekümmert, genau so wenig wie Cyrus Mutter. Und auch Cyrus hatte miterlebt, wie sich der Spott mancher über die Jahre in Bewunderung und manchmal Neid verwandelte. Bis zu seinem sechzehnten Sommer hatte er geglaubt, sein Lebenzwischen Feldern und Rindern und gelegentlichen Ausflügen in die Wälder der Herzlande zu verbringen. Bis zu dem Augenblick, wo er zurück zum Brennenden Farmhaus rannte. Die zwanzig Gardisten erkannte er in ihren rostbraunen Uniformen auch noch gegen den Rauch und den Nebel. Jemand

hatte sie verraten. Und seine Familie…. Sein Vater sah auf, als er ihn erkannte. In den armen hielt er eine Reglose Gestalt. Seine Mutter. ,, Lauf Cyrus.“ Er blieb reglos stehen, unfähig, sich zu bewegen. Im Feuerschein ah er nur, wie sich einige der bewaffneten Gestalten zu ihm umdrehten. Ein grobschlächtiger Mann in Offiziersuniform kam auf ihn zu. In der Hand hielt er eine Pistole. Und hinter ihm trat ein Gejarn aus den Schatten. Cyrus erkannte ihn. Einer der Ältesten des Clans. Er hatte ihn bisher nur ein paar Mal gesehen und meist waren seine Besuche kurz und endeten damit, dass Elhan ihn höflich bat zu

gehen. Der Offizier hingegen war ihm fremd. Dieser wendete sich nun mit einem abfälligen grinsen an Cyrus Vater. ,, Nun, Elhan. Ich bin überrascht. Ihr wollt also nicht zugeben, das ihr Lebensmittel an Fahnenflüchtige Gardisten verteilt habt, wie dieser Mann hier behauptet?“ Der Fremde deutete auf den anderen Ältesten. Cyrus konnte sich immer noch nicht dazu bringen, sich zu bewegen. ,, Vielleicht ändert das hier ja eure Meinung…“ Mit aller Seelenruhe richtete der Offizier die Steinschlosspistole auf Cyrus. Bevor er jedoch den Abzug drückte, war Cyrus Vaterplötzlich auf den Füßen. Schneller,

als die umstehenden Gardisten reagieren konnten, hatte er sich auf den Offizier gestürzt und ihm die Waffe aus der Hand gerissen. Mit einem tritt brachte er den Gardisten endgültig zu Fall und richtete die Pistole auf den Clanführer. ,, Warum ?“ , wollte er wissen. ,, Sagt mir wenigstens das bevor ihr sterbt.“ Alle zwanzig Soldaten legten gleichzeitig auf ihn an, aber noch wagte es niemand zu feuern. Der gefallene Offizier war zu nah und Cyrus Vater sorgte mit einem Tritt auf seine Hand dafür, dass er gar nicht erst versuchte, wegzukriechen. Cyrus konnte weiterhin nur wie gebannt

zusehen… ,, Wieso ? Ihr seid ein Schandfleck Elhan. Ihr seid nicht wie wir. Das wart ihr nie. Ihr habt jede einzelne unserer Traditionen in den Wind geschlagen ihr…“ Elhan versetzte dem Gejarn einen Schlag mit dem Kolben der Pistole und zog ihn dicht zu sich heran. ,, Dann sagt mir doch… seit wann zählt es zu unseren Traditionen zu Verrätern zu werden ? Ich kann euren Hass auf mich verstehen. Aber was hat euch meine Familie je getan, Ältester?“ Die Augen des Gejarn weiteten sich, als Verstünde er erst jetzt, dass sein Leben verwirkt war. Egal, wie schnell die

Gardisten waren, egal was geschah. Auf die Entfernung konnte Cyrus Vater in nur treffen… und töten. ,, Ihr könnt doch unmöglich…“ ,, Ich kann nicht?“ Elhan sah zu Cyrus. ,, Vielleicht. Vielleicht bin ich einfach besser als ihr. Cyrus, bitte lauf.“ Mit diesen Worten stieß Cyrus Vater den alten Gejarn zurück und feuerte mit der Waffe in die Luft. Sofort schossen die übrigen Soldaten und mindestens die Hälfte der Kugeln traf ihn. Endlich fiel die Erstarrung von Cyrus ab. Seine Füße schienen nach einem eigenen Willen zu handeln, als sie ihn Weg von den Lichtern der Feuer, über die Felder in Richtung Wald führten. Das konnte alles

nicht sein, das konnte einfach nicht… Selbst, als ihn ein heftiger Schlag von den Füße holte und er der Länge nach ins Gras stürzte, registrierte er das kaum. ,, Ich schätze… die Garde hat einen neuen Rekruten.“ Er schreckte hoch. Schwert amtend. Nur ein Traum. All das war lange her, dachte Cyrus. Und doch schien es grade jetzt zurück zu kommen. Die letzten Jahre hatte er kaum Gelegenheit oder Zeit gehabt, darüber Nachzudenken, was geschehen war. Er war damit beschäftigt gewesen, zu Überleben. Cyrus starrte auf den roten Kristall, der

grade in seinen Händen zu Staub zerfallen war. Der Schildzauber der ihm das Leben gerettet hatte war aufgebraucht. Aber viel hätte der ihm im Augenblick ohnehin nicht genützt. Der Wolf wusste nicht, wie lange er jetzt an Bord der Windrufer war. Wohl etwas um die drei Wochen, schätzte er, aber wirklich sicher konnte Cyrus sich nicht sein. Sie waren nicht wirklich Gefangene im eigentlichen Sinne. Sicher, nachts wurden er und Flemming in einer umfunktionierten Lagerkammer eingesperrt. Aber das war es auch schon. Und niemand war so dumm, sie lange aus den Augen zu

lassen. Er und der Arzt konnten sich sonst fast frei bewegen. Nur aufs Schiffsdeck ließ man sie nicht ohne Bewachung. Das wäre vielleicht ihre beste und wohl auch einzige Chance auf Flucht gewesen. Durch einige Lücken in den Holzbrettern konnte er eine Küste erkennen, die ihm aber nichts sagte. Mondlicht tauchte Land wie Wasser in Silber. Bloß, das es merklich kühler geworden war verriet Cyrus, das sie offenbar einen Kurs Richtung Norden eingeschlagen hatten, weg von den brennenden Steppen um Helike und das Laos-Gebiet. Cyrus fluchte innerlich. Er dachte nicht einmal darüber nach zu fliehen. Wo

sollte er denn auch hin? Er war ein Zwangsrekrutierter Schwarzgardist… Der einzig Grund, aus dem er noch lebte war, das der verfluchte Käpt’n das nicht wusste. Oder die Kapitänin besser gesagt. Solange er für einen Offizier gehalten wurde, für dessen Übergabe man einiges an Lösegeld verlangen konnte, war er sicher. Erik Flemming saß ein paar Schritte entfernt an ein Fass mit Frischwasser gelehnt. Der zu große blaue Mantel, den er trug diente ihm als provisorische Decke. Nur das der Arzt nicht schlief. Vor sich ausgebreitet hatte er den Inhalt der kleinen Tasche, die er mit an Bord gerettet hatte. Chirurgische Instrumente,

Zangen, Messer und wussten die Götter was. Zu Cyrus Überraschung förderte der Arzt eine kleine Pfeife zutage und einen kleinen, wasserdichten Beutel mit Tabak. Sanft wiegten sich die Windrufer in den Wellen. Durch eine Lücke im Holz des Schiffsrumpfs drang erstes schwaches Licht. Es musste wohl kurz vor Sonnenaufgang sein, dachte Cyrus und stand vorsichtig auf. Seine Hand wanderte an seine Seite, wo eigentlich seine Waffen wären. Verdammt, er war es nicht gewohnt, wehrlos zu sein. ,, Sieht aus, als wärt ihr auch ein Frühaufsteher, Herr Wolf ?“ Mochten die Götter wissen, wie Erik sich seine seltsam gute Laune behielt. Cyrus

selbst tippte ja darauf, dass der Mann einmal zu heiß gebadet haben musste. Oder er war wirklich verrückt. Es hieß, manche vertrugen die ständigen Schlachten und die Hitze an der Grenze nicht gut. Das weiße Haar stand dem Arzt in noch wilderen Formen als sonst vom Kopf ab. ,, Ihr habt dieser… Eden erzählt ich sei ein imperialer Offizier.“ ,, Damit habe ich nicht einmal gelogen.“ , erwiderte Flemming und entzündete seine Pfeife. ,, Ich habe nur die Details verschwiegen.“ ,, Das ich zur schwarzen Garde gehöre und damit wertlos bin.“ Er seufzte ,, Vermutlich hält man uns Beide ohnehin

bereits für tot.“ ,, Ich kenne Kollegen von mir, die mich seit Jahren schon für tot halten.“ , meinte der Arzt vergnügt. ,, Und nur wenige, die mein tatsächliches Ableben bedauern würden.“ ,, Ich sehe schon, ihr wisst auch, wie man sich Freunde Macht. Wenn es nach mir ginge, würde ich es vorziehen tot zu bleiben. Selbst, wenn sich mir die Gelegenheit bieten würde… ich habe nicht wirklich das verlangen, mich wieder der Garde anzuschließen. Aber ich fürchte im Augenblick geht hier nichts nach uns.“ ,, Das weiß man nie. Ihr seid also nicht freiwillig bei der Garde,

oder?“ ,, Wie habt ihr das nur erraten ?“ , fragte Cyrus düster. ,, Das muss man nicht erraten. Ich bin jetzt mehrere Jahrein Kalenchor gewesen. Ich kenne meine üblichen Verdächtigen.“ Er lachte. ,, Aber seht es positiv. Vielleicht ergibt sich eine Chance für uns. Noch ist alles offen.“ ,, Ja. Solange bis eine gewisse Kapitänin herausfindet, das mein Leben völlig wertlos für sie ist.“ ,, Ihr dürft Panisch werden, wenn wir einen imperialen Hafen anlaufen, Herr Wolf. Bis dahin…“ Flemming zuckte mit den Schultern. ,, Carpe Diem, wie die wenigsten Gelehrten sagen würden. Ich

bin zu alt um mir noch großartig Sorgen zu machen.“ Auf eine Art musste Cyrus ihm zustimmen. Es konnte ja kaum schlimmer werden. Allerdings hatte er das jetzt schon ein paar Mal Gedacht… ,, Verratet ihr mir doch, was hat ausgerechnet jemanden wie euch in den Süden verschlagen ?“ ,, Oh das… Man könnte sagen Politik und Banausentum.“ ,, Wie das ?“ ,, Nun, es gab da ein kleines…. Missverständnis an der Universität von Vara, das mich, einen Sanguis-Zauberer und einige entsetzte Kollegen einschloss. Ich hatte mit dem Orden

zusammengearbeitet, weil ich sehen wollte, ob sich Magie und klassische Heilkunst kombinieren lassen. Das Ende vom Lied war, das sich einer meiner Patienten in Luft aufgelöst hat. Na ja, kann vorkommen. Danach hielt ich es aber besser, für eine Weile zu verschwinden. Und ich dachte mir, der Süden ist so schön und man hört nur gutes von Kalenchor. Bisher habe ich meinen Aufenthalt hier sehr genossen, wenn man von unvorhergesehenen Ereignissen der letzten Zeit einmal absieht.“ ,, Es kann also kaum noch schlimmer kommen.“ , meinte Cyrus. Im nächsten Augenblick wurde er aber

bereits eines besseren Belehrt. Schwere Schritte auf Deck, begleitet von Alarmrufen. Vorsichtig trat der Gejarn wieder an die Lücke im Schiffsrumpf und spähte nach draußen. Fast direkt neben der Windrufer trieb ein fremdes Schiff. Eine leichte Galeone , welche das hochgerüstete , aber schwerfällige Linienschiff rasch ausmanövriert hatte. Und dahinter zeichnete sich der Umriss eines weiteren Seglers in der Morgensonne ab. Kanonendonner bestätigte Cyrus endgültig, das sie in Schwierigkeiten waren. Die Galeone wurde von einer vollen Geschützbreitseite getroffen und er konnte sehen, wie die Masten des Schiffs

umknickten, während weitere Kugeln den Rumpf durchschlugen. Das würde kein langes Gefecht werden, dachte Cyrus. Das fremde Schiff war vielleicht schneller, aber kaum so gut bewaffnet. Zumindest dachte er das, bis zwei weitere Auftauchten. Sie waren für ihn durch sein beschränktes Sichtfeld zuerst praktisch unsichtbar gewesen. Von einem der zwei unbeschädigten Schiffe stieg ein Feuerball hoch und verschwand in einem steilen Bogen Richtung Himmel. Magie… Die verzauberten Flammen regneten über der Windrufer nieder und setzten dort Segel und Männer gleichermaßen in Brand. Und dann eröffneten die zwei verbliebenen

gegnerischen Schiffe ebenfalls das Feuer. ,, ,, Okay, erinnert mich daran, das niemals wieder zu sagen. Runter.“ Cyrus sah das aufflammen der Geschütze und warf sich zu Boden. Flemming zögerte zum Glück ebenfalls nicht lange. Die Kugeln durchschlugen das Holz des Rumpfs wie Papier. Splitter wirbelten durch den kleinen Lagerraum. Cyrus wusste aus Erfahrung, dass die eigentlichen Kugeln sein geringstes Problem waren. Solange nicht grade die Pulvermagazine oder der Rumpf unter der Wasseroberfläche beschädigt wurden, war alles in Ordnung. Aber die scharfkantigen Splitter und Holzteile

wurden einem schnell zum Verhängnis. Endlich wagte er es, wieder aufzustehen. Holzstücke rieselten aus seiner Kleidung und von ihm herab. Die Schiffswand war praktisch nicht mehr vorhanden. Stattdessen konnte Cyrus ohne Hindernis hinaus auf den Ozean sehen, auf dem sich die zwei fremden Schiffe schnell näherten. Und nun konnte er auch die Flaggen an den Masten der Galeonen erkennen. Das Doppelsiegel des Kaiserreichs… Hinter ihm richtete sich der Militärarzt schwerfällig auf. Die Pfeife, die er nach wie vor im Mundwinkel trug war abgebrochen. ,, Dafür zahlt mir jemand.“ , erklärte er und besah sich

scheinbar desinteressiert die Zerstörung. ,, Wir sollten machen, das wir hier raus kommen.“ , sagte Cyrus. Wenn sie unter Deck bleiben, würden sie eine zweite Salve kaum Überleben. Die Tür des Raums hing schief in den Angeln und gab nun bereits unter einem Tritt nach. Unter Deck war es fast zu Ruhig. Nur vom Schiffsdeck und von weiter unten drangen Rufe und das vereinzelte Krachen von Musketen. Die Schiffe des Imperiums mussten bereits nah heran sein, wenn sie Gewehre nutzten. Die eigentlichen Geschützdecks der Windrufer lagen noch ein Stück tiefer und die meisten Mitglieder der

Besatzung waren wohl entweder dort, oder an Deck, zu dem eine Treppe führte. Nur raus hier, dachte Cyrus, als er die Stufen hinaufhechtete, Erik Flemming im Schlepptau.

Kapitel 18 Eine Entscheidung

Es waren nicht viele Leute anwesend, als Kellvian das kleine Gasthaus betrat. Wie Aron gesagt hatte, wirklich zu übersehen war das Zweistöckige Haus unter dem Baum in der Dorfmitte nicht. Sämtliche Fenster waren bereits hell erleuchtet gewesen, obwohl die Sonne noch genug Licht spendete. Einige Gesprächsfetzen waren bis zu ihnen auf die Straßen gedrungen. Der Raum, in dem Kell sich wiederfand, als er die Tür durchschritt war zwar nicht besonders groß, aber sauber. Ein gutes Dutzend Stühle und Tische standen herum, von denen vielleicht die Hälfte

besetzt war. Der Boden des kleinen Saals bestand aus Eichendielen, die bei jedem Schritt leise knarzten. Eine Treppe am Ende des Schankraums führt herauf zum zweiten Stock. Nur einige der Anwesenden drehten die Köpfe nach den zwei Neuankömmlingen um. Und der ein oder andere grüßte sogar mit einer beiläufigen Geste, bevor er sich wieder einem Bier, dem unterbrochenen Gespräch oder einer Mahlzeit zuwendete. Aber eine Gestalt kam ihm wage vertraut vor. Ein Mann in dunkelblauer Kleidung, der in einer Ecke saß. An seiner Hand glitzerte ein Saphirring. Kell schüttelte den Kopf. Er musste sich

täuschen. Ein stämmiger Mann, dem ein grauer Bart auf die Brust fiel trat hinter einem Tresen hervor, auf dem sich leere Bierkrüge und Essensplatten stapelten. ,, Abend. Habe mir ja schon Gedacht, dass ihr hier auftaucht, als Aron meint, da kämen zwei Fremde aus dem Wald. Also, womit kann ich dienen?“ ,, Ich schätze ihr habt ein Zimmer frei ?“ , wollte Kell wissen. ,, Zwei.“, ergänzte die Gejarn, bevor der Mann auch nur dazu kam zu antworten. ,, Du bleibst ?“ ,, Im Dunkeln würde ich mich ungern auf den Rückweg machen. Es sei denn du würdest darauf

bestehen?“ ,, Nein…“ Das hatte er überhaupt nicht sagen wollen. Auf eine Art freute es ihn, doch noch nicht so schnell wieder allein mit seinen Gedanken zu sein. ,,Natürlich nicht.“ Und das war nicht alles. Irgendwie war ihm Jiy Sympathisch. ,, Morgen bist du mich garantiert los.“ ,, Also dann, zwei Zimmer.“ Einen Augenblick sah der Wirt zwischen ihm und der Gejarn hin und her. ,, Sicher. Räume habe ich im Augenblick jede Menge frei. Es kommen nicht mehr viele Reisende hier durch.“ ,, Wieso nicht ?“ ,, Wir sind kein wichtiger Ort und jetzt mit der Nähe zum Clangebiet… Die

einzigen, die noch regelmäßig herkommen sind die Einwohner und von denen hat jeder schon einen Deckel, das ich ihre ganze Ernte für das nächste Jahr einklagen könnte.“ ,, Ich hab gesagt ich zahl sobald ich wieder nach Vara komme um Getreide zu verkaufen.“ , beschwerte sich ein Mann, der in der Nähe an einem Tisch saß. ,, Das sagst du mir seit vorletztem Sommer.“ , rief der Wirt zurück und lachte schallend. ,, Euch muss ich übrigens bitten, direkt zu zahlen. Irgendwie muss ich ja sehen wo ich bleibe.“ Kell nickte und nahm den Rucksack von den Schultern. Schnell fischte er die

kleine Geldbörse hervor, die er aus der fliegenden Stadt mitgenommen hatte. Zwei Dutzend fast Handtellergroße Goldmünze mit dem Siegel des Kaiserreichs befanden sich darin. Kurz verfluchte er sich, dass er nicht daran Gedacht hätte, einige weniger wertvolle Geldstücke mitzunehmen. Jede einzelne Goldscheibe war einen Bauernhof Wert. Es ging ihm nicht um den Wert, aber so eine Summe würde auffallen… Kellvian drückte dem Wirt rasch eine der Münzen in die Hand und hoffte, er würde sie sich nicht zu genau ansehen. Leider irrte er sich da. Der Mann wurde schlagartig bleich. ,, Ich frage besser erst gar nicht, wen ihr

dafür umgebracht habt…“ ,, Niemanden.“ , versuchte Kell den Wirt zu beschwichtigen. ,, Und ich fürchte, ich kann da drauf nichts rausgeben, Herr.“ ,, Ich habe auch nicht danach gefragt.“ , erwiderte Kell. Jiy war mittlerweile näher gekommen und musterte die Münze mit mindestens genau so großer Verwunderung, wie der Wirt. Und einer Spur Misstrauen… Der Wirt nahm das Goldstück beinahe verlegen an. ,, Und ihr… das kann ich nicht machen, das ist blanker Diebstahl Herr.“ , protestierte er trotzdem. ,, Ich besteh sogar darauf, behaltet das Gold einfach. Aber ich hätte wirklich

nichts dagegen, wenn ihr noch etwas zu essen auftreiben könntet. Wir waren den ganzen Tag unterwegs.“ ,, Sicher Herr.“ ,, Und hört bitte mit dem Herr auf. Kellvian, das ist mein Name.“ Der bärtige Mann lachte wieder. Diesmal allerdings klang es nervös. ,, Es soll mir recht sein. Kellvian.“ Er drehte sich kurz um und trat hinter den Tresen. Bald darauf kam er mit zwei Schlüsseln zurück und deutete auf eine Treppe, die ins Obergeschoss des Hauses führte. ,, Die ersten zwei Türen sind eure. Und wenn ihr kurz hier wartet, finde ich in der Küche sicher noch was Essbares. Das meiste für heute ist weg,

aber…“ ,, Ich bin dankbar für alles.“ Der Wirt nickte, bevor er durch eine Tür in einen abgetrennten Teil des Raums verschwand. ,, Nun, das war, unerwartet.“ , meinte Kell, während er sich an einem freien Platz niederließ. Jiy setzte sich ihm gegenüber. ,, Ich weiß nicht, was du ihm da gegeben hast, aber du hast ihn offenbar ziemlich aus der Fassung gebracht.“ Kurz überlegte Kell, ob es besser wäre zu lügen, aber… welchen Sinn hatte das? Die Gejarn hatte die Münze auch gesehen. ,, Gold.“ Sie schüttelte den Kopf. ,, Das war

bemaltes Blech, richtig ? Du hast ihn hereingelegt.“ ,, Nein, das war schon echt.“ ,, Du bist Wahnsinnig. Ich meine, ich war mir nicht sicher, aber jetzt… völlig Verrückt.“ Jiy sah ihn einen Augenblick völlig entgeistert an. ,, Irgendwie mag ich das.“ Sie grinste einen Augenblick. ,, Ich finde schon noch raus, wer du bist.“ ,, Du hast schätzungsweise noch ein paar Stunden dafür.“ , erwiderte Kell musste sich aber dazu zwingen das Lächeln zu erwidern. Es war eine Harmlose Bemerkung, aber wenn irgendjemand in diesem Raum wüsste, wer er war, hätte er ganz sicher keine Ruhe mehr. Und was Jiy wirklich tun würde, wenn sie wüsste,

dass der Erbe des gleichen Kaiserreichs vor ihr saß, das ihr Clan bekämpfte… Es war gut, dass sich ihre Wege morgen trennten, auch wenn er sich in der kurzen Zeit an sie Gewöhnt hatte. Alles würde sich finden, dachte Kellvian. Eine Weile saßen sie schweigend zusammen, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Er würde sich überlegen müssen, wohin er morgen weiterreißen wollte. Er würde einfach entschiede, wenn es so weit war. Irgendwann tauchte der bärtige Wirt wieder auf, zwei Holzschalen und Kelche balancierend. Obwohl ihm wegen des Gelds immer noch unwohl zu sein schien, war er bester Laune. ,, Wie gesagt, viel ist es nicht.“, meinte

er entschuldigend. ,, Ich habe mir die Freiheit genommen...“ Kellvian unterbrach den Mann versicherte ihm nur erneut, dass alles in Ordnung ging, während der Wirt Schalen, Besteck und Kelche vor ihm abstellte. Suppe , die aus Hirse und noch etwas anderem zu bestehen schien, das Kell nicht kannte und ein Kanten Brot. Es war vielleicht nichts Besonderes, wie der Mann gesagt hatte, aber es schmeckte. Das war etwas völlig anderes, als die überladenden Tische in der fliegenden Stadt. Gewürze und Gerichte, die mehr Status als wirklich schmackhaft waren. Dazu der Kelch mit Wein. Kell roch kurz daran. Gewürze und noch

etwas anderes, metallisches. War das Blut? Das kam nicht vom Wein… Er sah zu Jiy. Die Gejarn schien wenig von Tischetikette zu halten. Einige Scheiben rohes Fleisch stapelten sich auf ihrem Teller und während Kell erst an einen dunklen Scherz des Wirts glaubte, hatte sie bereit einmal herzhaft in eines der Stücke gebissen. Die Gejarn sah auf, als sie merkte, dass er sie anstarrte. ,, Die meisten Gejarn sind nicht grade…. Vegetarisch veranlagt“ , sagte sie und klang dabei fast so entschuldigend wie eben noch der Wirt. ,, Ich kann fast alles essen, aber auf Dauer würde mich das krank machen. Ich glaube…. Ich….

Manche halten uns deshalb noch für Tiere.“ Offenbar erwartete Jiy genau das. Kell lächelte jedoch. Wann hatte er das letzte Mal die Gelegenheit gehabt, irgendetwas zu essen, ohne dabei mit irgendeinem Diplomaten, Würdenträger oder schlimmer dem Kaiser an einem Tisch zu sitzen und streng auf Etikette zu achten? ,, Weißt du was. Ich vergesse einfach auch mal das Besteck.“ Mit diesen Worten ließ er den Löffel sinken und setzte die Suppenschüssel an die Lippen. Nur eine Reihe von Kerzen vor dem Fenster erhellte den kleinen Raum. Jiy

stand davor und sah in die Dunkelheit, die mittlerweile über das Dorf und die gesamte Umgebung gefallen war. Es war seltsam, unter so vielem Menschen zu sein, auch wenn diese sich für die Nacht in ihre Häuser zurückgezogen hatten. Ein Lichtschimmer, der wohl aus dem Untergeschoss des Gasthauses kam war alles, was die Finsternis noch durchbrach. Das und von Wolken gedämpfte Sterne. Nach Lore… als sie durch die Wälder geeilt war, verletzt und mit den Bildern der Zerstörung im Kopf, da hatte sie sich etwas geschworen. Das Fieber hatte wohl seinen Teil daran gehabt. Zumindest

hoffte sie das jetzt. Sie würde nie wieder Frieden unter Menschen finden, solange diese atmeten… Es war ein dunkles Versprechen gegeben, als sie glaubte sterben zu müssen. Und wer hatte sie ausgerechnet davor bewahrt? Ein Mensch… Offenbar hatten die Schicksalsweber einen Sinn für dunkle Ironie. Und Jiy war unfähig gewesen, ihren eigenen Schwur zu erfüllen. Der Hass, der sie drei Tage am Leben erhalten hatte war so schnell verblasst, wie er gekommen schien. Und Kellvian schien daran seinen Anteil zu haben. Die Ruhe und die simple Freundlichkeit hätten ihn Naiv wirken lassen können. Aber da war noch

etwas anderes, das unter all dem verborgen zu liegen schien. Die Gejarn wusste nicht was. Und was ihrer stummen Wut, auch wenn sie sich nicht mehr auf Kell übertragen ließ, die letzte Nahrung genommen hatte, war dieses Dorf. Die Menschen hier waren schon fast zu freundlich. Sie seufzte. Es gab kein Schwarz und Weiß. Wie viel einfacher wäre es, wenn sie schlicht zwischen Gejarn und Menschen unterscheiden könnte. Und was alles schlimmer machte, sie hatte Angefangen Kellvian zu mögen. Eines schien klar. Kelvian war nicht, was er vorgab zu sein. Kein simpler Stadtbewohner, mit etwas magischer Begabung. Aber er war ein

Freund, egal ob er seine Geheimnisse hatte. Es war seltsam so von einem Menschen zu denken. Er Verhielt sich ziemlich untypisch. Oder vielleicht war sie es, die sich untypisch verhielt. Jiy wendete sich vom Fenster ab. Sie hätte längst auf dem Rückweg sein sollen. Soweit Jiy wusste, war sie wohl die einzige Überlebende. Was in Lore geschehen war… das würde die Clans endgültig aufrütteln, sich nicht länger nur neutral zu verhalten und ihr Gebiet zu halten. Das wäre ein Kriegsgrund. Aber würde sie damit das richtige tun. Mit ihrem Hass war ihre Sicherheit geschwunden. Wenn diese Nachricht die Clans erreichte, gab es kein Zurück

mehr, keine friedliche Lösung. Und doch, was sollte sie sonst tun? ,,Es vergessen.“ Jiy war über den Klang ihrer eigenen Stimme überrascht. Es war nicht an ihr, das alles zu entscheiden. Und siewollte es auch gar nicht. Gib es doch zu, du suchst grade nach einem Grund nicht zurück zu gehen, dachte sie. Aber bevor sie etwas entschied wollte sie wissen, wer Kellvian wirklich war. Der Heiler selbst würde ihr sicher nicht die Wahrheit sagen und das war sein gutes Recht. Aber es gab andere Möglichkeiten. Die Goldmünze, mit der er den Wirt bezahlt hatte, war kein gewöhnliches Geldstück gewesen. Vielleicht gab ihr das ja einen

Hinweis. Sie wendete sich zur Tür der kleinen Kammer, die kaum aus mehr als einem Bett, einer leeren Kiste und einem Schreibtisch bestand, auf dem Papier und Federn lagen. Zwar konnte Jiy lesen, am Schreiben hatte sie sich aber seit Ewigkeiten nicht mehr versucht. Wenn ihre Entscheidung feststand könnte sie vielleicht einen Brief hier zurücklassen mit der Bitte, dass der Wirt ihn doch dem nächsten Gejarn mitgeben sollte, der hier vorbeikam. Aber wenn Aron Recht hatte, würde das wohl eine Weile auf sich warten lassen. Es war feige, aber Jiy wollte diese Verantwortung nicht tragen. Doch eines nach dem anderen. Vorsichtig

öffnete die Gejarn die Tür zum Flur des oberen Stockwerks. Ein grader Gang, der in der einen Richtung zur Treppe führte und auf der anderen an einem Fenster endete. Offenbar war auch Kellvian noch wach, denn sie konnte Licht unter der Tür des Mannes hindurchscheinen sehen. Ein lauter Fluch und ein Schlag, als wäre er vom Stuhl gekippt bestätigten ihre Vermutung. Der Geruch von verbranntem Haar machte sich breit. Was tat Kell bloß? Sie würde nachher nach ihm sehen. Sie machte sich ganz sicher keine Sorgen um ihn…. Der Schankraum war mittlerweile fast

leer, nur noch drei Gestalten saßen an einem Tisch bei einem älteren Mann zusammen, durch dessen schwarzes Haar sich einzelne graue Strähnen zogen. An seiner Hand schimmerte ein Saphirring. Offenbar hatte der Mann grade einen Witz gemacht, denn seine drei Gefährten brachen in schallendes Gelächter aus. Der Wirt stand hinter dem Tresen und sah auf, als er Jiy Schritte auf der Treppe hörte. ,, Habt ihr die Münze noch, mit der euch Kellvian bezahlt hat ?“ , wollte sie wissen. Der Mann wirkte kurz unsicher. ,, Sicher. So schnell werde ich die nicht

loswerden. ,, Darf ich mal sehen ?“ , fragte sie und fügte hinzu : ,, Ich klau die schon nicht.“ ,, Hätte ich auch nicht erwartet. Ehrlich gesagt, ich fühl mich schon richtig unwohl damit herumzulaufen. Ihr könnt euerm Freund ausrichten, er besorgt sich besser Kleingeld, sonst glaubt noch jemand, er sei ein Dieb.“ Die Gejarn protestierte: ,, Er ist nicht mein…“ ,, Ihr reist zusammen, mehr wollt ich damit nicht sagen.“ Großartig, fluchte Jiy innerlich. Jetzt hast du eine Idiotin aus dir gemacht. Der bärtige Wirt lachte und warf ihr fast achtlos die Goldmünze zu, die fast so

groß wie ihre Hand war. Die Vorderseite war mit dem Doppelsiegel des Kaiserreichs geprägt. Alder und Löwe standen unverkennbar aus dem Metall hervor. Und auf der Rückseite… Jiy hätte das Geldstück fast fallen gelassen. Auf der Rückseite befand sich das Abbild eines Throns mit dem Schriftzug ,, Belfare“ und einer kaum erkennbaren Jahreszahl darunter. Das waren Münzen, wie man sie kaum einmal zu Gesicht bekam. Gold aus den Hallen der fliegenden Stadt. Ganz ruhig, sagte die Gejarn sich selbst. Kellvian hatte doch gesagt, dass er einmal in der fliegenden Stadt gewesen war. Vermutlich hatte er die Münze von

dort. Das war nichts Ungewöhnliches. Aber einfach so ein Stück Kaisergold mit sich herum zu tragen… Es bedeutete nichts, entschied Jiy. Sie würde nach Kellvian sehen und ihn vielleicht noch einmal danach fragen. Aber vorher würde sie den Brief schreiben und dem Wirt geben. Das war wichtig. Danach wäre sie frei. Frei für was? Überlegte sie wirklich den eigenwilligen Heiler zu begleiten und sei es nur um herauszufinden, wer er wirklich war? Jiy musste zugeben, dass es so war. Egal wie verrückt es für sie selbst

klang.

Kapitel 19 Verbrannt



Sie hatte den Brief abgegeben und dem Wirt das Versprechen abgenommen, ihn auszuhändigen, sollte noch ein Gejarn hier vorbeikommen. Sie hatte sichergestellt, dass der Wirt ihn nicht würde lesen können, außer er beherrschte die Schrift der Clans. Etwas, das nicht sehr wahrscheinlich war. Die verschlungenen Muster waren völlig anders als die Runen und geometrischen Buchstaben, welche die Menschen verwendeten.
Jiy war sich bewusst, dass ihre Ohren

nervös zuckten, als sie vor Kells Tür stand. Was sollte sie denn sagen? Immer noch hing leichter Schwefelgeruch in der Luft, als hätte Kellvian sich tatsächlich die Haare abgefackelt. Ob Kell doch schon schlief ? Sie wollte ihn nicht wecken. Sie könnte einfach morgen nach dem Gold fragen.  Hör auf feige zu sein, schalt Jiy sich selbst. Sie suchte doch nur nach einer Ausrede. Bevor die Gejarn noch weiter darüber nachdachte, pochte sie mehrmals gegen das Holz der Tür. ,, Kell ? Bist du noch wach?“
Ein plötzlicher Lichtblitz, der sie selbst durch das Holz der Tür noch fast blendet und dem ein kurzer Schrei folgte beantwortete ihre Frage. Eine

Qualm-Wolke schlug ihr entgegen.
Die Gejarn riss die Tür auf. Der Raum wirkte chaotisch, dafür dass der Mann grade mal ein paar Stunden hier war. Kissen und Decken schien Kell von dem Bett geräumt zu haben und es sah aus, als hätte er es auch noch aufgeschnitten.
Auf dem Schreibtisch lag neben Kellvians Waffen der kleine grüne Kristall, den er aus den Ruinen im Wald mitgenommen hatte. Noch immer stieg Rauch davon auf. Kellvian selbst lag am Boden. Offenbar war er mit dem Stuhl umgekippt und auf dem Boden aufgeschlagen. Aber das erklärte nicht den Lichtblitz…
,, Alles in Ordnung

?“
,, Oh,  Hallo Jiy.“ Er sah ein wenig drein, als hätte ihn grade der Blitz getroffen. ,, Das lief nicht wie geplant.“ Kell rappelte sich auf. Wie von dem Kristall stieg Rauch von seinem Kopf auf, als hätten seien Haare tatsächlich kurz Feuer gefangen. Wirklich schaden konnte das wohl eh nicht mehr, dachte Jiy und musste grinsen.
Kellvian sah sie einen Augenblick verständnislos an. ,, Was ist so lustig ?“ Plötzlich wurde Jiy auch klar, warum der Mensch das Bettzeug auseinander genommen hatte. Er trug einen provisorischen Handschuh an der Rechten, der das gleiche Muster wie die

Decke aufwies. Nur das der Stoff dunkel verbrannt war.
,, Du hast doch nicht etwa versucht das Haus abzufackeln?“
,, Fast.“ , erwiderte Kell  halbernst und hob mit der nicht behandschuhten Linken das grüne Juwel auf, nur um es gleich wieder fallen zu lassen. ,, Heiß.“ Rasch wechselte er die Hand und hielt den Stein hoch.
,, Was ist passiert ?“ Nichts schien grade  wirklich einen Sinn zu machen. Was tat Kellvian hier, das ihn fast hatte in Flammen aufgehen lassen?
,, Ich habe versucht den Kristall an mich zu binden.“, sagte er. ,, Das ist das erste Mal, dass ich einen davon in die Finger

bekomme.  Bei näherer Betrachtung war das vielleicht nicht die beste Idee. Ich dachte, ich hätte genug darüber aus den Büchern des Ordens gelernt, aber Praxis scheint etwas komplizierter zu sein.“ Ordensbücher ? War er am Ende also doch einer der Magier ?  ,,  Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, aber der Stein hat seine komplette Energie auf einmal verloren. Vermutlich hatte ich Glück, das es nur ein kleiner Splitter ist. “
Jiy stellte den umgefallenen Stuhl wieder auf und setzte sich. ,, Was wäre denn,  wenn das ein größerer Stein gewesen wäre ?“ Sie wollte die Antwort gar nicht

hören.
,, Ich wäre jetzt gut durchgebraten.“ Er sagte das so trocken, das es mehr wie eine Bemerkung über das Wetter klang. Kellvian hielt den Stein ins Licht und betrachtete ihn kurz. ,, Wenigstens habe ich ihn offenbar nicht beschädigt. Es wird nur eine Weile dauern, bis der Kristall seine Energie zurückbekommt.“
Sie konnte nur den Kopf schütteln. Kellvian schien mit Magie umzugehen, als sei es ein Spielzeug. Die wenigsten Menschen besaßen soweit sie wusste überhaupt eine ernstzunehmende Begabung dafür  und unter Gejarn war in den letzten Jahrtausenden kein einziger Zauberer geboren worden, von dem sie

wüsste.
,, Darf ich dich was fragen ?“
Kellvian wirkte plötzlich ernst, als er sich zu ihr umdrehte und den Stein beiseitelegte.  Je nach Lichteinfall schienen seine Augen ihre Farbe  zwischen blau und grün zu wechseln. Das war ihr vorher kaum aufgefallen.
,, Es gibt Dinge, die ich im Augenblick versuche zu vergessen.“ , antwortete er.  ,, Aber frag.“
,, Du  bist nicht nur jemand, mit Wissen über Magie.“
,, Ich gehöre nicht zum Sanguis-Orden, wenn du darauf hinauswillst, Jiy.“ Er zuckte mit den Schultern. ,, Ich kann Wunden heilen und offenbar Artefakte in

die Luft sprengen. Damit erschöpft sich auch schon alles, was ich an praktischer Zauberei beherrsche.“
,,.Aber… wie kommst du an Kaisergold ?“
Plötzlich wirkte er geradezu erleichtert.  ,, Da muss ich nicht lügen. Aus der fliegenden Stadt. Ich war vor einer… Weile einmal dort. Es war ziemlich dumm, den Wirt ausgerechnet damit zu bezahlen, ich weiß, aber ich habe nichts anderes. “ Er lachte in sich hinein.  Etwas an diesem Lachen war falsch, beinahe traurig.  ,,  Du wirst froh sein mich morgen los zu sein.“
Jiy schwieg kurz. Aber nicht zu lange. Jetzt oder nie, ihre Entscheidung stand

fest.
,, Eigentlich wollte ich dich fragen ob ich dich noch ein Stück begleiten kann. Für den Moment gibt es nicht wirklich einen Ort, wo ich sicher hin kann. Das heißt, wenn du nichts dagegen hast…“
,, Etwas Gesellschaft wäre schon.“ Kellvian lächelte. ,,Aber wieso der Sinneswandel ? Du wollest mich heute Morgen noch töten lassen, wenn ich dich erinnern darf.“
,, Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht.“
,, Dann darf ich vielleicht jetzt eine Frage stellen. Welchen ?“
,, Sagen wir einfach ich hatte oder besser,  ich habe Grund Menschen zu

misstrauen.  Ach was Solles. Eigentlich kannst du es erraten. Ich bin eine Abtrünnige. Nicht weil mein Clan sich gänzlich gegen das Kaiserreich gestellt hätte, sondern weil ich es so gewählt habe.“
,, Aber ?“
,, Ich bin mir nicht mehr sicher , ob wir nicht auch falsch liegen. Was der Kaiser tut, das ist auch falsch. Er baut sein Imperium auf unserem Blut. Aber was soll ich sagen… Die Leute hier sind gut. Du…“ Die Gejarn hielt kurz inne. ,, Du genauso.“
,, Da sind wir schon zwei. Vor einigen Tagen, vor einer Woche vielleicht , hätte ich noch genauso über Abtrünnige Gejarn

gedacht.“ Kell grinste kurz. ,, Obwohl, vielleicht nicht ganz so.“
,, Und was hat sich geändert ?“
,, Zu viel in zu kurzer Zeit.“ , antwortete Kellvian nur. ,, Deshalb bin ich ja hier draußen. Der Tod, das war die eine Lektion, die mir keiner beibringen konnte.“
Sie musste daran denken, was er ihr erzählt hatte. Die Frage, die Kell beschäftigte. ,, Du hast einem Kind nicht helfen können  und es tut dir leid. Ich fürchte mehr kann niemand von dir verlangen.“
,, Ja. Vielleicht.“ Irgendetwas verschwieg Kell nach wie vor. Wenn sie weiter fragen würde, würde er es ihr fast

sicher verraten, das spürte Jiy. Aber wollte sie das wirklich herausfinden? Wenn Kellvian seien Geheimnisse brauchte, dann sollte er sie haben. Er war ein guter Mann, das war schwer zu leugnen. Und sie mochte ihn.
,, Für einen Menschen bist du ganz in Ordnung.“
,, Für eine große Katze, die versucht hat mich zu töten ebenso.“
Kurz schwiegen beide.  Irgendwie traf sich ihr Blick.
Jiy hielt dem Blick der seltsam faszinierenden Augen stand. War das normal für Zauberer? Es war wirklich unübersehbar. Ab und an schien es wechselten die Augen des Menschen die

Farbe, so subtil und langsam, das es einem flüchtigen Beobachter wohl kaum auffiel. Aber sie würde ganz sicher nicht zuerst wegsehen.
Schließlich war es Kell, der den Blick senkte.,, Einigen wir uns darauf, dass wir beide uns einmal verschätzt haben. Wenn du mich begleiten willst, muss ich aber gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wohin. Das entscheide ich morgen. “
,, Ein Weg ohne Ziel. Das klingt wie eine der alten Legenden, die sich die Alten am Feuer erzählen.“
,, Glaub mir, ich habe nicht vor Stoff für irgendwelche Geschichten zu liefern. Von mir aus kann diese Reise so ereignislos wie nur möglich verlaufen.“

Kell schwieg einen Augenblick. ,, Warum habe ich das Gefühl, ich hätte das nicht sagen sollen.“
,, Es heißt, etwas auszusprechen macht es unwahrscheinlicher. “
,, Gejarn-Sprichwörter. Ich hoffe wirklich, da ist nichts Wahres dran. Aber das finden wir wohl noch heraus.“
Sie nickte nur. ,, Es ist spät genug.“
Jiy wendete sich zum Gehen, hielt dann aber an der Tür inne, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
,, Dann…  bis morgen.“ , meinte Kell.
Die Gejarn blieb weiter stehen. Sie folgte einer Laune, einer dummen Idee, das Kellvian noch irgendetwas sagen würde. Aber der Mensch

schwieg.
,, Sicher. “ Sie drehte sich nur kurz um. Kells Augen waren wieder blau.

Kellvian erwachte am nächsten Tag mit rasenden Kopfschmerzen. Die Konzentration, die das Arbeiten mit einem  Kristall des alten Volkes forderte war gewaltig, das hatte er gewusst. Vor den Nachwirkungen hatte ihn aber keiner gewarnt. Tyrus hatte es nur einmal als das Gefühl beschrieben, das eine durchzechte Nacht hinterließ. Aber das war schlimmer, als alles, was Alkohol angerichtet hätte. Er setzte sich auf und wartete, bis die Schmerzen etwas verblassten. Durch die Fenster drang

helles Sonnenlicht herein und erhellte das heillose Chaos. Er würde dem Wirt noch für die Brandflecken an den Wänden und die zerstörten Kissen entschädigen, bevor sie diesen Ort verließen.
Es versprach ein schöner Tag zu werden, auch wenn einzelne Wolke übe den Himmel zogen.  Perfekt, wenn sie heute aufbrechen würden. Vorher würde er sich noch darum kümmern,  vor allem neues Schuhwerk und Vorräte zu finden. Jetzt für mindestens zwei Personen.
Kell lächelte. Er würde nicht allein auf der Wanderung sein. Das war schön…  Er hatte allein mit seinen Gedanken sein wollen, als er die fliegende Stadt

verlassen hatte. Aber Jiy war ihm willkommen, egal wie verrückt das war. Sie hatte versucht ihn zu töten.  Und es nicht getan. Tyrus hätte ihn für verrückt erklärt, aber der Mann hatte seine Vorbehalte gegen alle Gejarn.
Gestern hatte Kell kurz überlegt, ihr einfach alles zu sagen. Wer er war und was ihn genau aus der fliegenden Stadt getrieben hatte. Vielleicht würde Jiy ihn verstehen und nicht nur den Nachfolger des Kaisers sehen. Aber das war Wahnsinn.  Er hatte schon einmal daran Gedacht und den Gedanken sofort verworfen. Wenn er sich sicher wäre, wenn sie mit ihm kam… vielleicht

irgendwann.
Im Augenblick genügte es ihm, einfach Kell zu sein. Kellvian Belfare hatte hier draußen nichts verloren. Der war in der fliegenden Stadt zurück geblieben, alles was von dem blieb war der Siegelring in seiner Tasche.
Kellvian stand auf und packte rasch seine wenigen Habseligkeiten zusammen. Es war noch früh am Morgen, wenn er sich beeilte, hätte er alles zusammen, was er brauchte, bevor es Mittag wurde. Vielleicht wäre er sogar zurück, bevor Jiy aufwachte.
Auf dem Weg hinaus aus dem Gasthaus grüßte er den bärtigen Wirt flüchtig  und warf ihm eine Goldmünze zu. Der Mann

würde sonst  noch ablehnen. ,, Ich fürchte, ihr werdet mein Zimmer etwas ausbessern müssen. Das sollte ausreichen.“
Der Wirt sah ihm ungläubig nach, als er auf die Straße trat. Sein Gesicht war erneut völlig erbleicht. ,, Ähm… Natürlich Herr… Kellvian.“
Kell brauchte nicht lange fragen, bis er jemanden fand, der gewillt war, ihm ein paar Schuhe zu verkaufen. Im Tausch für eine weitere Goldmünze bekam er auch endlich einige  Stücke Silber und kleinere, etwa daumennagelgroße Münzen aus verunreinigtem Gold. Damit wäre es leichter und unauffälliger, Vorräte und alles, was er vielleicht

später noch brauchen würde zu bezahlen.
Das Dorf war nicht sonderlich groß, wie er gestern schon gesehen hatte. Es lebten wohl kaum einhundert Leute in dem Ort und so dauerte es nicht lange, bis er Aron fand, der grade zusammen mit einem halben Dutzend weiterer Männer einen Ochsenkarren mit Werkzeugen belud. Ein paar Kinder liefen unter Aufsicht ihrer Mütter um die kleine Gruppe Bauern herum.
,, Schön zu sehen, das ihr noch da seid.“ , meinte Alron. Den Strohhut hatte er sich tief ins Gesicht gezogen um sich vor der grellen Morgensonne zu schützen.
,, Ebenso. Ich hoffe, ihr könnt mir

vielleicht helfen. Ich suche noch nach jemanden, der bereit wäre mir genug Lebensmittel für mindestens eine Woche zu verkaufen.“
,, Und eure Schuhe habt ihr schon wie ich sehe. Lasst mich raten, der alte Wince hat euch die verkauft ? Er hat sich das Paar vor Jahren im Suff anfertigen lassen. Leider mit genau den falschen Maßen.“
Die umsehenden Dorfbewohner lachten. Vermutlich waren einige der Anwesenden wohl nicht ganz unschuldig an der Geschichte. Die Leute hier lebten vielleicht einfach, aber Kellvian hätte in diesem Augenblick ohne zu zögern mit einem von ihnen getauscht. Aber selbst,

wenn ihm das möglich gewesen wäre, er hatte ein Versprechen gegeben. Er würde in die fliegende Stadt zurückkehren, wenn die Zeit kam.
Es dauerte nicht lange und Kell  hatte alles, was er brauchte. Brot, Trockenfleisch und einige Beutel mit Gemüse und Obst, die sich wohl nicht lange halten würden. Und als Dreingabe von Aron einen richtigen Rucksack, der das inzwischen schon etwas mitgenommene Stück Stoff ersetzen würde.
Er hatte grade alles in dem neu erworbenen Rucksack verstaut, als Rufe aus Richtung der Mitte der Siedlung ihn aufschreckten. Auch Aron und seine

Gefährten drehten sich in Richtung des großen Dorfbaums. Einige griffen Nervös nach den auf dem Karren verstauten Werkzeugen. Hämmer und Sicheln wurden nervös gezogen.
Kellvian selbst griff zum Degen. Er hatte nicht wirklich vor, die Waffe zu benutzen ,aber wie die Dorfbewohner  spürte er, dass etwas nicht stimmte. Und er war der einzige, mit einer echten Waffe.
,, Sehen wir nach.“ , sagte Alron entschied und brach damit das Zaudern der übrigen Bauern. ,, Und ihr geht ins Haus.“ , wies er die Frauen und Kinder an.
Als sie sich der Dorfmitte mit dem Baum

näherten,  wurde Kellvian langsamer und ließ die Waffe sinken. Auch seine Begleiter bleiben stehen.  Eine Truppe Männer in  Rostbrauner Uniform hatte vor dem Baum Aufstellung genommen. Vielleicht drei Dutzend mit Musketen bewaffnete Gardisten. Was ging hier vor sich ?


KApitel 20 Kreuzung

Kellvian war nicht mehr im Gasthaus gewesen, als sie aufgewacht war. Die Tür zu seinem Zimmer stad offen und er Raum war verlassen gewesen. Offenbar war der Mensch schon länger auf den Beinen, denn er hatte Zeit genug gehabt, seine meisten Sachen zusammen zu packen. Sie selbst hatte es da ohnehin einfacher. Jiy besaß genau das, was sie mit sich trug. Das würde sich auch noch ändern müssen, wenn sie Kell nicht bloß zur Last fallen wollte. Das war fast schon ein lächerlicher Gedanke. Sie war unter freiem Himmel aufgewachsen. Kellvian

dagegen offenbar in irgendeiner Bibliothek. Wenn sie nicht aufpasste, würde es Kell sein, der sie aufhielt. Wohin auch immer er wollte. Sie hatte rein nach ihren Gefühlen gehandelt, als sie den Menschen nicht in seinen Tod hatte laufen lassen. Und jetzt… Sie vertraute darauf, das was immer sie davon abgehalten hatte Kell zu töten recht hatte. Und wenn sie grade deshalb zurück sollte ? Wenn sie ihren Clanschwestern und Brüdern sagte, dass sie sich vielleicht täuschten, das die Menschen nicht alle ihre Feinde waren… Sie würden ihr nicht zuhören. Genau so wenig, wie die Kaisertreuen Clans

aufhören würden, in ihnen nur Verräter zu sehen. Oder die imperialen Gardisten Wilde, die sich gegen die Ordnung stellten. Im Augenblick gab es überall Fronten wen sie darüber nachdachte. Und es brauchte nur einen Funken. Sie könnte sich aus all dem raushalten, was aus dem Aufstand der Clans noch erwachsen konnte. Aber ob sie dann noch zurück könnte… Es würde ihr jetzt schon schwerfallen, sich einem der übrigen Clans im Herzland anzuschließen. Lore gab es nicht mehr und mit dem Ort war ihr eigener Clan so gut wie tot, selbst wenn Jiy nicht die einzige Überlebende war. Das Doppelbanner des Imperiums über

den Flammen hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Jiy seufzte. Sie machte sich zu viele Gedanken über das alles. Als ob ausgerechnet sie etwas ändern könnte. Solange ihr das Schicksal nicht grade den Kaiser in Klingen oder zumindest Hörreichweite brachte, würde sie ganz sicher nichts ausrichten. Die Sonne brannte ihr Warm durch den Pelz auf die Haut, als sie aus dem Gasthaus trat. Das ganze Dorf schien schon längst auf den Beinen zu sein, wie es den Anschein hatte. Spielende Kinder rannten zwischen den Hütten hin und her. Einige kamen Angelaufen und starrten sie mit unverhohlener Neugier an.

,, Was seit ihr denn ?“ , fragte ein Mädchen, das kaum seinen achten Sommer hinter sich haben dürfte. Die Kleinen schienen keine Angst zu kennen. Für sie existierten die Konflikte dieser Welt nur in Geschichten und Legenden. Aber so hatte sie auch gedacht. Noch beim letzten Fest der brennenden Bäume, das jedes Jahr von den Clans um Lore und sogar den umliegenden Menschen-Siedlungen gefeiert wurde. Im Herbst, wenn die Wälder tatsächlich so wirkten, als hätte ein übermütiger Gott sie in die Farben des Feuers getaucht. Rot und Goldtöne, welche die verstreuten Siedler, ob Gejarn

oder Menschen , nach Lore gerufen hatten. Ihre Heimat war weit davon entfernt gewesen, sich mit einer der gewaltigen Städte der Menschen, wie sie vor allem die Provinz Belfare beherrschten, vergleichen zu können. Trotzdem war Lore traditionell immer der Ort gewesen, an dem sich die Bewohner der Gegend trafen. Und es war auf einem dieser Feste, das sie mit der gleichen Neugier das erste Mal einen Menschen gesehen hatte. Mit der gleichen fehlenden Angst… Das waren bessere Zeiten gewesen. ,, Ich bin Jiy.“ , antwortete sie und hockte sich halb hin um auf Augenhöhe mit der Kleinen zu sein.

,, Das ist ein Gejarn. Hast du etwa noch keine gesehen?“ , fragte ein weiteres Kind. ,, Kann doch gar nicht sein. Papa hat gesagt, die wären gefährlich. Und sie fressen dich, wenn du unartig bist.“ Plötzlich offenbar beunruhigt sah das Mädchen wieder zu Jiy. ,, Du bist doch nicht böse oder?“ Sie lachte. Jiy konnte nicht anders. ,, Nein , ganz sicher nicht.“ Die Kleine streckte vorsichtig die Hand aus und griff nach einem ihrer Ohren. Die Gejarn ließ sie gewähren. Sie spürte die kleinen Finger in ihrem Fell. Das Mädchen kicherte. ,, Das piekst

ja.“ ,, Ich hatte kaum Zeit, mich großartig darum zu kümmern.“ Oder besser, sie war damit beschäftigt gewesen um ihr Leben zu rennen. Mit Verfilzten und zerzausten Fell machte sie vermutlich auch genau diesen Eindruck. Manchmal konnte man die Menschen mit ihren paar Haarsträhnen auf den Kopf ja fast beneiden. Die sahen nach ein paar Tagen ohne Pflege bestimmt nicht wie gerupft aus. Wenn man von Kellvian mal absah. Sie musste schmunzeln. ,, Was ist denn ?“ ,, Ich kenne nur einen Mann, der sich fast einmal die Haare abgefackelt

hätte.“ ,,Mailin.“ , rief eine Frau, von der anderen Straßenseite. Das Mädchen drehte sich nach der Stimme um. ,, Habe ich dir nicht beigebracht das es unhöflich ist, Fremde zu belästigen.“ Die Kleine seufzte, bevor sie zu der Frau lief. ,, Ja Ma…“ Jiy sah ihr nur einen Augenblick nach. Langsam sah sie sich zwischen den Gebäuden um, ob sie nicht Kellvian oder zumindest den Mann, der sie gestern begrüßt hatte dort entdeckte. Aber alles, was ihr begegnete, waren Fremde Gesichter. Niemand hier war Feindselig, aber sie fiel auf, das war klar. Vermutlich wäre sie in den Städten

weniger aus der Menge ehrausgestochen. Aber auf dem Land blieben die zwei Völker der Herzlande fast immer unter sich. Und da Gejarn keine Städte bauten, lebten zwar Gejarn oft unter Menschen, aber nur sehr selten lebte ein Mensch länger unter den Gejarn. Um sich vor den neugierigen Blicken der Dorfbewohner etwas zu verbergen, trat sie kurzentschlossen an den großen Dorfbaum und zog sich, in einem unbeobachteten Augenblick, an einem niedrig Hängenden Ast nach oben. Unter den Blättern war es friedlich und währen nicht die Geräusche und Gespräche gewesen, die von der Straße durch die Zweige drangen, sie hätte meinen können

allein zu sein. Jiy schloss einen Augenblick die Augen. So viel hatte sich verändert… und das in kurzer Zeit. Kellvians Worte. Die Sonne, die durch die Blätter fiel malte tiefgrüne Schatten auf ihr Gesicht. Es war beruhigend, einfach eine Weile außer Sicht zu verschwinden. Sie würde schon merken, wenn Kellvian zurückkam. Schritte näherten sich dem Baum. Jiy schenkte dem kaum Beachtung. Wer immer es war würde sich kaum um sie kümmern. Doch das Geräusch von Stiefeln auf dem festgestampften Grund des Dorfplatzes riss plötzlich ab. Wer immer dort unten war, war

stehengeblieben. Neugierig sah Jiy nun doch nach unten. Eine einzelne Gestalt stand vor dem Baum. Sie trug einen blau-schwarzen Mantel. Graue, von einigen Silberfäden durchwirkte Haare rahmten das Gesicht ein, das zu ihr heraufblickte. Ein Saphirring schimmerte an einer Hand, mit der er einen Gehstock mit Bernsteingriff umfasst hielt. Eine Kette aus Knochen wand sich um den Stein im Griff. Hatte sie den Mann nicht schon gestern Abend im Gasthaus gesehen? ,, Ein schöner Tag Miss, auch wenn ich fürchte, die Zeit wo ich auf Bäume klettern konnte sind vorbei.“ Keinerlei

Überraschung oder Unsicherheit lag in seiner Stimme. Jiy wurde misstrauisch. Der Fremde hatte sie nicht einfach zufällig entdeckt. Er war gezielt auf den Baum zugegangen und schien genau gewusst zu haben, wo sie zu finden war. ,, Wer seit ihr ?“ Die Gestalt strahlte etwas seltsam Vertrautes aus, als sei Jiy diesem Mann schon einmal begegnet. Aber das schien nicht sehr wahrscheinlich… ,, Ein Reisender. Auch wenn mein Ziel sehr viel weiter in der Ferne liegen dürfte, als eures.“ ,, Was wisst ihr bitte von meinen Zielen.“ Sie hatte ja nicht einmal welche,

dachte Jiy. Vielleicht war der Mann auch einfach nur etwas seltsam. ,, Ich habe einmal das Fest der brennenden Bäume besucht, Jahre ist das her. Sagt mir, wie steht es um den Leoparden-Clan und Lore?“ Jiy sprang von dem Ast herunter. Der Kerl verspottete sie doch nicht etwa? Selbst hier hatten die Leute schon von dem Massaker durch die kaiserlichen Garden gehört. ,, Wie lautet euer Name ?“ ,, Ich bin Melchior.“ Der Mann streckte ihr die Rechte hin. Jiy ignorierte die Angebotene Hand. Melchior jedoch schien die Beleidigung nicht zu kümmern. Er lächelte. ,, Und man könnte

sagen, ich bin ein Lehrer auf meine Art.“ ,, Ich habe nie eine Schule besucht. Und ich glaube nicht, das ich eine Benötige. Wir lernen anders. Die kaisertreuen Clans schicken ihre Kinder in die Städte, wir nicht.“ ,, Das hätte ich auch weniger vermutet.“ Er wirkte plötzlich ernsthaft niedergeschlagen. ,, Und es tut mir leid, sollte ich unhöflich gewesen sein, auch ich alter Narr habe schon gehört, was passiert ist. Ich frage mich lediglich, was eine Gejarn in ein Menschendorf führt.“ ,, Als ob…“ Jiy hielt inne. Melchior schien es wirklich Leid zu tun. Vielleicht hatte sie ihn auf den falschen Fuß

erwischt. Oder er sie. ,, ich begleite nur jemanden. Einige der Ältesten würden vermutlich halb wahnsinnig, wenn sie wüssten, dass ich mit einem Menschen reise. Andere sind da etwas fortschrittlicher, aber…“ Sie zuckte die Schultern. ,, Mich kümmert dieser ganze Konflikt immer weniger.“ ,,Am Ende, geht es nur um Macht. Die Clans wollen mehr davon, das Canton-Imperium den Status Quo erhalten. Ich kenne die Verbohrtheit einige der Ältesten. Die Clans der Wölfe mögen größtenteils Kaisertreu sein, aber ich habe selbst gesehen, wie einige von ihnen diejenigen Anschwärzten, die sich offen für einen neuen Lebensstil, wie ihn

das Kaiserreich bietet entschieden.“ Melchior lächelte. ,, Ich habe deshalb einen Freund von mir verloren. Einen Gejarn namens Elhan. Seine ganze Familie wurde ausgelöscht, weil er einige flüchtige Gardisten bei sich Versteckt und mit Nahrungsmitteln versorgt hat. Aber letztlich war das nur ein Vorwand, der den Clanältesten sehr gelegen kam.“ ,, Das Klingt grausam und unnötig.“, stellte Jiy nur fest. Warum erzählte der Mann ihr das? ,, Eine Antwort, die ich nicht erwartet hatte… von einer Abtrünnigen.“ ,, Wir stehen gegen den Kaiser, nicht gegen die Menschen allgemein.

Zumindest glaube ich das jetzt… aber würde ich so zu den Ältesten sprechen, ich würde vermutlich sterben.“ ,, Verbohrtheit, auf beiden Seiten. Manche Wahrheiten haben ihren Preis und sei es nur, sie sich eingestehen zu müssen. Weder der Kaiser noch die Clans werden einfach so nachgeben. Aber… vielleicht gibt es einen dritten Weg.“ Jiy schüttelte lediglich den Kopf und wendete sich ab. Hier stand sie du unterhielt sich mit jemanden, der offenbar auch noch Rätsel mochte. Wenn er überhaupt wirklich wusste wovon er sprach. Sie drehte sich wieder zu ihm um. ,, Und dieser dritte Weg sieht wie aus ?“ ,

fragte sie. Dort wo grade noch Melchior gestanden hatte, war nichts mehr zu sehen. Wie vom Erdboden verschluckt… Wo war er hin? Der Seher Melchior sah aus einem Hauseingang zu, wie die Gejarn sich suchend nach ihm umsah. Was er tat war bestenfalls gefährlich und im schlimmsten Falle nutzlos. Er griff aktiv in den Verlauf des Schicksals ein… Der dunkle Schatten, der wie aus dem Nichts an seine Seite trat schien diese Bedenken zu teilen. ,, Glaubt ihr , ihr änderst noch etwas ? Meine Figuren sind gesetzt. Deine Züge

vorhersehbar. Wie lange wollen wir noch so tun, als wüssten wir nicht beide, wie das alles Enden wird.“ ,, Ihr wartet nur noch, ich verändere die Dinge gezielt.“ , erwiderte Melchior ruhig. Die dunkle Gestalt des Meisters lachte. Dann nickte er in Richtung der Gejarn. ,, Der Junge stirbt durch ihre Hand. Damit erlischt die Kaiserlinie und die fliegende Stadt steht mir offen. Dann fällt sie.“ Melchior grinste. Der Schatten den er und seine Art nun so lange bekämpften klang unsicher. Nur ganz leicht, aber es war da…. ,, Mag sein, das die fliegende Stadt fällt.“ , sagte er. ,, Das ist das

letztendliche Ergebnis aller Pfade. Die Wirkung. Aber ich kann die Ursache beeinflussen.“ ,,Nun Seher, er stirbt durch sie oder mein Netz, sucht ihr euch aus, was euch lieber ist.“ Das Geräusch von dutzenden Füßen ließ Melchior aufhorchen. Irgendetwas näherte sich… Eine Gruppe in rostbraune Uniformen gekleidete Soldaten tauchte zwischen den Häusern auf. Waren die Straßen eben noch recht geschäftig gewesen, wirkte der Dorfplatz jetzt fast wie ausgestorben. Was suchten kaiserliche Truppen in einem unwichtigen kleinen Ort wie diesen? Die bewaffneten Männer trieben ein

halbes Dutzend abgerissener Gestalten vor sich her, die Aussahen, als kamen sie direkt aus den Wäldern. Gejarn, aber offenbar nicht die freundliche Art, wie die mit der er sich eben noch unterhalten hatte. Von der anderen Seite des Dorfes kamen jetzt einige Dorfbewohner angelaufen, die sich mit Werkzeugen bewaffnet hatten und offenbar nach dem Rechten sehen wollten. Und unter ihnen war eine Gestalt, die etwas herausstach mit einem Schwert in der Hand. Blonde, stellenweise offenbar dunkel versengte Haare standen der Gestalt vom Kopf ab. Die Gejarn war nirgendwo zu sehen. ,,Wie vorhergesehen… „ , sagte der

Schatten. ,,Und mit ihnen folgt der Mann, der meine Pläne vorantreiben wird.“ Aus einer Seitengasse spähte eine weitere Gestalt auf den Platz hinaus, die sich wie der Seher im Halbdunkel verbarg. Sie trug ein seltsam primitiv anmutendes Breitschwert und ein silbernes Rundschild auf den Rücken, der ab und an die Sonne einfing und den Neuankömmling zu verraten drohte. Melchior trat vorsichtig noch ein Stück in den Hauseingang zurück. Das könnte interessant werden…

Kapitel 21 Einmal Kaiser spielen



Kellvian und die anderen blieben stehen. Die kleine Truppe bewaffneter Soldaten hatte sie mittlerweile bemerkt, kümmerte sich aber anscheinend wenig um sie. Die gut drei Dutzend bewaffneten hatten genug damit zu tun, einige heruntergekommen wirkende Gejarn-Gefangene in Schach zu halten.
Aron ließ das Werkzeug sinken und die übrigen Dorfbewohner taten es ihm gleich.
Sie musterte die Gardisten mit einer Mischung aus misstrauen und

Erleichterung. Sie waren nicht unmittelbar in Gefahr. Oder ? Wo war nur Jiy ? Wenn sie etwas Dummes tat…
,, Kaiserliche Soldaten. Was machen die denn hier?“ , wollte Aron wissen und sprach damit genau Kellvians Gedanken aus.
,, Das werden wir wie ich fürchte bald rausfinden.“ , entgegnete er und suchte die Gruppe der Gardisten ab. Nach der rostfarbenen Uniform zu urteilen, waren es vor allem Söldner, Berufssoldaten, die für Geld eigentlich jedem dienten und kein fester Teil der Garden waren, die direkt dem Kaiser unterstanden.
Nur ein einziger Mann stach etwas daraus hervor. Er trug einen

breitkrempigen Hut mit blauer Feder und war als einziger der Truppe nur mit einem Degen bewaffnet. Vermutlich ein Offizier. Und er war ein Gejarn.  Das schien bei der Natur ihrer Gefangenen seltsam, aber Kell wusste nur zu gut, wie die Kaisertreuen von den Abtrünnigen Clans dachten. Im ersten Augenblick hätte Kell den Offizier  fast für Syle gehalten, aber der Mann war sogar noch ein gutes Stück größer als sein Freund und Leibwächter.
Der Gejarn-Hauptmann  wartete, bis seine Leute die Gefangenen in einer Reihe vor dem Baum in der Dorfmitte  aufgestellt hatten. Dann erst wendete er sich den mittlerweile herbeigelaufenen

Dorfbewohnern zu. Langsam, einer nach dem anderen, trauten sie sich wieder aus ihren Häusern und schlossen sich Arons Leuten an.
,, Bürger. Heute, statuieren wir ein Exempel an denjenigen, die sich gegen den Schutz und die Sicherheit die uns der Kaiser zusichert auflehnen. Anarchisten und Wilde, die keine Gnade zu erwarten haben und die eure Sicherheit gefährdet haben.“
Das schöne Wetter schien so gar nicht zu der unwirtlichen Szenerie passen zu wollen. Langsam, fast zeitlupenartig stellten sich die Gardisten parallel zu der Reihe aus Gefangenen auf. Kellvian wusste, was folgen

würde.
,, Was haben die vor ?“ , fragte eine vertraute Stimme neben ihm. Jiy schien aus dem nichts neben ihm aufgetaucht zu sein. Kell atmete erleichtert auf. Er hatte sich tatsächlich kurz Sorgen um sie gemacht. Aber die Erleichterung  hielt nicht lange an.
,, Was glaubt ihr,  sie werden sie erschießen….“ , beantwortete Aron die Frage der Gejarn. Kellvian konnte ihm ansehen, das auch ihm die Aussicht nicht gefiel. Die Gefangenen sahen nicht wirklich wie Unschuldige aus, aber erschossen zu werden wie ein… streunender Hund. Das hatte niemand verdient. Kellvians Verstand arbeitete.

Er hatte den Siegelring in der Tasche. Ein Wort von ihm und dann wäre alles vorbei. Aber… Er sah zu Jiy. Er hätte keine Möglichkeit, dann noch die Wahrheit zu verschweigen. Es musste doch einen Weg geben…
Jiy sah ihrerseits nervös zu den Gefangenen herüber. Ihre Rute fegte wie ein Pendel über den Boden.
,, Kennst du diese Leute ?“ , wollte Kellvian wissen.
,, Nein, aber, er hat nicht einmal gesagt, was sie getan haben.“ 
,, Wir können nichts tun.“ , unterbrach Aron sie.
,, Nein aber… Kellvian, das…“ Ihre Stimme wurde ein leises Wimmern. Das

war so ziemlich das Letzte, was er von der sonst so Willensstark wirkenden Jiy  erwartet hatte. Kell hatte geglaubt, die Gejarn mittlerweile gut genug zu kennen, dem schien aber nicht so.
Was konnte er tun? Kell musste zumindest sichergehen, dass diese Leute wirklich schuldig waren. Und dann etwa unternehmen. Aber wie ohne sich zu verraten ? Es ging nicht anders. Seine Hand schloss sich um den Ring in der Tasche.
,, Jiy. Geh ins Gasthaus.“
,, Was ? Das werde ich ganz sicher nicht!“ , erwiderte sie entschieden. ,, Wenn wir nichts tun können, sollte ich zumindest zusehen. Das bin ich ihnen

schuldig.“
,, Ich bitte dich nur darum.“ , erwiderte Kellvian ruhig. ,, Ansonsten müsste ich etwas furchtbar dummes tun.“
Die Gejarn sah ihn entsetzte an: ,, Was hast du vor?“
,, Ich kann sie vielleicht retten. Oder auch nicht. Das kommt darauf an, was diese Männer getan haben.“ Er würde keine Mörder schützen. Aber er konnte die Verzweifelte Wut, die Jiy befallen zu haben schien nicht ertragen.
,, Du bist verrückt. Das sind leicht über dreißig Gardisten. Wie willst…“
,, Vertrau mir. Dieses eine Mal weiß ich was ich tue. Vielleich kann ich heute etwas

zurückzahlen.“
,, Kellvian ?“ Jiy sah ihn besorgt an. ,, Wie meins du das ?“
,, Im Augenblick kann ich dich nur bitten, mir zu vertrauen.“
Die Gejarn nickte stumm. Dann trat sie jedoch dicht vor ihn. Nah genug, dass er ihren Atem auf dem Gesicht spüren konnte. Eine kleine Ewigkeit schien zu vergehen, in der sie ihm einfach nur direkt in die Augen starrte.
Schließlich beugte sie sich ein Stück vor und gab ihm sanft einen  Kuss auf die Stirn.
Leicht, kaum zu spüren drückten ihre Lippen auf seine Haut. Sofort trat Jiy einen Schritt

zurück.
,, Ich hoffe, du weißt was du tust.“ , mit diesen Worten drehte sie sich um und ging in Richtung des Gasthauses  davon, wo sich nun ebenfalls Leute versammelt hatten und entweder Neugierig oder Verängstigt zu der Gruppe Soldaten sahen.
Völlig perplex konnte Kell sich einen Augenblick nicht dazu überwinden, irgendetwas zu tun. Erst Arons Stimme holte ihn zurück in die Wirklichkeit. ,, Hey , wolltet ihr diesen Leuten jetzt helfen oder nicht ? So viel Zeit bleibt euch nicht mehr, fürchte ich.“
Er sah zu den Bewaffneten Gardisten hinüber. Der Offizier war dazu

Übergegangen, seinen Soldaten Befehle zu geben, die daraufhin auf ihre Gefangenen anlegten.
Kellvian zog den Silberring aus der Tasche. Das Symbol  darauf war fast fälschungssicher. nicht nur durch unendliche Kunstfertigkeit, welche den Wappentieren, Alder und Löwe, etwas fast lebendiges gab, sondern auch durch eingewobene Magie. Niemand würde die Autorität eines Kaiserlichen Siegels anzweifeln.
,, Was immer geschieht, ist nie geschehen.“ , sagte er noch leise zu Aron. ,, Bitte.“
Dieser nickte. ,, Irgendetwas ist seltsam an euch. Und ich mische mich da erst gar

nicht ein.“
,, Passt einfach auf euch auf.“ Kellvian streifte den Ring über und trat aus den Reihen der Schaulustigen.
Die Gardisten hielten tatsächlich inne, als sie sahen, dass einer der Schaulustigen oder Gezwungenen  auf sie zukam. Der Offizier gebot den Schützen kurz innezuhalten, während sich seine Augen misstrauisch zu schlitzen verengten. Die Gardisten wendeten ihre Aufmerksamkeit größtenteils  von den Gefangenen  ab und richteten die Musketen nun in seine Richtung.
,,Stopp.“ Kellvians Stimme konnte laut sein, wenn er es wollte. Seine Wortemussten auf dem ganzen Platz zu

hören sein.
,, Seit ihr Lebensmüde, Bauer ?“ , fragte der Gejarn-Hauptmann und legte demonstrativ eine Hand auf den Schwertgriff, während er auf Kellvian zutrat.  ,, Zurück mit euch. Geht wenn euch das hier nicht passt. Das letzte was ich jetzt brauche is ne Moralapostel, die Ärger macht.“
,, Oh, ich mache euch sicher keinen Ärger.“ , sagte Kell nun wieder ruhig und gedämpft. Die wenigsten Leute würden jetzt hören, was er sagte. Und das war wichtig. ,, Aber vielleicht kenne ich jemanden, der euch Probleme machen könnte, wenn ihr nicht sofort die Gewehre

runternehmt.“
,, Große Worte.“
Ohne etwas zu erwidern zog Kellvian den Siegelring vom Finger und warf ihn dem Hauptmann zu, der das Schmuckstück grade noch auffangen konnte.
,, Was soll das…“ , setzte er an, während er den Ring vor sein Gesicht hob. Dann jedoch brach er mitten im Satz ab. Wäre er ein Mensch, wäre er jetzt vermutlich bleich geworden, dachte Kell.
,, Waffen weg.“, wiederholte Kellvian weiterhin ruhig. Er war es nicht gewohnt, Befehle zu geben,
aber den  Umgang mit mürrischen Adeligen hatte zumindest Tyrus immer mit dem Befehligen einer Truppe

verglichen Diesen musste man Befehle lediglich so verkaufen, das sie sie für ihre eigene Idee hielten. Kellvian hatte dieses Spiel  aus Höflichkeiten und versteckten Drohungen immer gehasst. Jetzt konnte es sich aber einmal auszahlen.
Einige der Soldaten, die näher bei ihm und den Hauptmann standen mussten das Sigel auch gesehen haben. Und ein paar warfen tatsächlich ihre Musketen von sich, ohne auch nur zu zögern.
,, Ihr…“ Der Gejarn Hauptmann wirkte weiterhin misstrauisch. ,, Woher habt ihr diesen Ring ?“
,, Woher werde ich den wohl herhaben. Vom Kaiser höchstpersönlich. Wenn ihr

das in Frage stellen möchtet, können wir gerne einen Boten zur fliegenden Stadt schicken, der meine Angaben überprüft. Und  der kann dann auch gleich eure fristlose Entlassung zurück bringen.“
Der Hauptmann machte eine Wegwerfende Handbewegung. ,, Schön, der Ring ist echt.“ Er warf ihm das Stück Silber zurück. ,,Was wollt ihr hier und wer seit ihr?“
,, Wer ich bin, geht euch wenig bis gar nichts an.“ Er deutete auf die nach wie vor in einer Reihe stehenden Gefangenen. ,,  Was ich will ist, wissen, was diese Männer getan haben, wofür sie den Tod verdienen.“
,,Herr, das sind Abtrünnige.“ , erklärte

sein gegenüber. ,, Die verdienen es nicht besser.“
,, Das habe ich nicht gefragt. Die Clans mögen glauben sie könnten sich einfach lossagen, aber solange das Kaiserreich existiert, sind sie Bürger desselben und unterstehen dessen Recht. Also, was wirft man ihnen genau vor ?“
,,Wir habe sie zufällig bei einer Patrouille in der Nähe der dieser Siedlung aufgegriffen Herr.“ , sagte jemand. Es war einer der Soldaten, die vorhin ihre Gewehre weggeworfen hatten.  ,, Bewaffnet, möchte ich hinzufügen.“
Kellvian dachte nach. Das konnte alles bedeutend. Sicher die Gruppe Gejarn sah

alles andere als friedliebend aus. Gleichzeitig war das kein Grund diese Leute zu töten. Jetzt fand er sich in genau der Position wieder, die er nicht wollte. Er musste entscheiden… Wenn er die Leute einfach gehen ließ, wer weiß, ob sie nicht wirklich jemanden Angriffen. Wenn er sie töten ließ wäre das zwar sicherer…. Aber es würde den Hass den der Gejarn offenbar auf seine rebellischen Brüder empfand nicht wirklich mindern. Und Jiy… Nein, davon durfte er sich nicht beeinflussen lassen. Was tat er hier? Es gab nur diese zwei Wege. Oder doch nicht… Eine Idee begann sich in seinem Kopf zu formen. Er lächelte, als er wieder aufsah. Es war

nicht perfekt, aber es musste reichen Ein dritter Weg.
,,Nun, soweit ich weiß gibt es kein Gesetz, das den Bürgern verbietet, Waffen zu führen.“ , sagte Kellvian. ,,Wir sind nah an den Grenzen zu den Clans. Wollt ihr wirklich ein paar Jäger hinrichten, die das Pech hatten, die nur euch über den Weg zu laufen?
,,Aber Herr…“ , setzte der Hauptmann zu einem Protest an.
,,Freilassen, jetzt.“ Er wusste, dass er gewonnen hatte.  Egal, was ihr Anführer noch sagen mochte, Kellvians Wort und das kaiserliche Siegel wogen schwerer als alle anderen Befehle.  Alle senkten die Waffen und traten von den

Gejarn-Häftlingen zurück. ,, Noch sind wir nicht so weit, das wir Bürger auf Verdacht hinrichten.“
Aber Kellvian war noch nicht am Ende. Die Gefangenen sahen sich verirrt um, als suchten sie eine Antwort darauf, warum sie noch lebten.
,, Die verstehen mich ?“ , wollte Kellvian vom Hauptmann wisse. Längst nicht alle Gejarn beherrschten neben ihren jeweiligen Clandialekten  auch die Amtssprache von Canton.
Der Hauptmann nickte.  Kellvian trat an ihm vorbei, auf die Gejarn zu.
,,Dann jetzt zu euch. Wenn ich noch einmal höre, dass ihr  oder euer Clanbrüder, euch bewaffnet einer

Siedlung nähert,  werde ich es persönlich sein, der jagt und doch noch hinrichtet. Und sagt das ruhig allen! Ich bin der Mann, der Lore bis auf die Grundmauern niederbrannte. Ich habe es nicht nötig, leere Drohungen auszusprechen. “ Er konnte ihnen ansehen, dass sie wussten, wovon er sprach. Und auch wenn sie sich nicht sicher sein konnten, dass er die Wahrheit sprach, die Drohung des Kaisersiegels reichte aus. Sie wussten, dass Kellvians Worte Gewicht hatten und er über die nötigen Mittel verfügte, sie wahr zu machen.
Auch wenn die Männer versuchten es nicht zu zeigen, er konnte ihre Angst spüren. Und es tat ihm leid. Hatte er

wirklich gehofft etwas Schuld abzubauen? Eine Handvoll Leben für eine ganze Kleinstadt. Das war keine Antwort.
Aber sie würden Leben. Das war etwas.
,, Lasst diese Leute ziehen.“ , wies Kell die umstehenden Soldaten an, die auch prompt Beiseitetraten. Auch sie hatten ihn gehört und auch wenn nicht offiziell bekannt war, wer Lore angegriffen hatte, einige schienen zu erraten, wer vor ihnen stehen könnte.
Auf den Gejarn-Hauptmann traf das leider nicht zu. ,, Ihr lasst sie einfach so ziehen ?“ , fragte der Mann entsetzt. ,, Kaiserliche Siegle hin oder her…“ Seine Hand fuhr zum Degen an seiner Hüfte.

Kellvian hörte das Geräusch welche die Klinge und der Futteraal verursachten. Er wäre niemals schnell genug, die eigene Waffe noch zu ziehen. Musste dann alles immer in Gewalt enden…
Er machte sich bereit, dem Mann auszuweichen, sollte er ihn wirklich angreifen. Wenn es Kell gelang, den Hauptmann aus dem Gleichgewicht zu bringen…
Der Gejarn führte einen Stoß auf seine Brust. Kellvian wollte grade zur Seite springen um dem Schwertstreich zu entgehen, als ein Schuss über den Platz hallte.
Der Hauptmann erstarrte in der Bewegung und kippte dann in einer

komisch anmutenden Bewegung zur Seite. Blut durchtränkte den Stoff seiner Hose. Eine Kugel hatte ihm das Knie zertrümmert.
Kellvian sah auf. Aus einer Gasse, keine zwanzig Schritte entfernt trat eine Gestalt, eine Muskete in der Hand, aus deren Lauf noch Rauch aufstieg.
Offenbar eine der Waffen, welche die Soldaten eben Weggeworfen hatten…
Auf dem Rücken trug die Gestalt ein Breitschwert, dessen Griff etwas über ihre Schulter hinausragte und ein altmodisches Rundschild.  Und unter der Kapuze eines schmutzigen Mantels ragten ein paar Ohren hervor, die Kellvian an einen Wolf oder Fuchs

denken ließen. Noch ein Gejarn…
Der Fremde ließ die Waffe fallen. ,, Schwefel und Gestank, so kämpft man nicht. Jetzt versteht ich die Verbote der Archonten.“





Kapitel 22 Nach Vara


Zyle hatte sich in die Gasse zurückgezogen, als die Soldaten aufgetaucht waren. Er war erst seit wenigen Minuten in dem kleinen Dorf und schon gab es Ärger. Als ob ihm die Reise von der Küste bis hierher nicht genug Probleme bereitet hätte. Wo immer er hinkam war, schien es Gardisten zu geben. Denen auszuweichen war zwar leicht, aber in die Städte, die er passierte, wagte er sich nicht. So war er darauf angewiesen, sich über die kleinen Siedlungen und Ortschaften durchzuschlagen, welche

sich über das ganze Gebiet, das von den Einheimischen offenbar nur Herzlande genannt wurde, verteilten. Den Weg nach Vara konnten ihm die meisten nennen. Offenbar war es eine Stadt der reinsten Wunder, wenn er den Erzählungen von Bauern und Dörflern denn trauen durfte. Langsam kam er schon zu der Überzeugung, dass sein Auftrag ein boshafter Scherz war. Wie sollte er den Mann finden, der nach Wys Worten sein Schlüssel nach Vara sein würde? Einfach hoffen, das ihm der Kerl über den Weg lief? Das war lächerlich. Aber er würde tun, was man von ihm erwartete, wie von jedem, der den Lehren

von Laos ergeben war. Weitermachen oder bei dem Versuch sterben. Die Gardisten in den rostroten Uniformen hatten begonnen, eine Reihe Gefangener zusammenzutreiben und aufzustellen. Alles Gejarn. Das schein seltsam, bedachte Mann, das die Truppen welche die Grenzen Cantons im Süden sicherten zu weiten Teilen aus Gejarn bestanden. Aber wie er gehört hatte, schien es zwischen dem Kaiser und den hier lebenden Clans seit einer Weile Spannungen zu geben. Wilde ohne Zivilisation, dachte er. So etwas könnte in Laos ohnehin nie geschehen. Sie kannten ihren Platz

und wenn ihn einer vergas, gab es dafür nur eine Angemessene Strafe. Canton hingegen erschien ihm wie das reine Chaos. Die Leute taten größtenteils, was sie grade wollten, wenn sie nicht damit beschäftigt waren, ihr eigenes Überleben sicherzustellen. Aber auf eine Art war das faszinierend. Die Menschen waren viel zu frei du doch versank nicht alles völlig in Unordnung. Vielleicht sah er aber auch nur nicht genau genug hin. Eine öffentliche Hinrichtung wie diese hier, wäre etwas, das man in Helike nicht zu sehen bekäme. Alle Verbrecher wurden gerichtet, ohne dass man ein großes Spektakel darum machte. Wer

sich an ihre Regeln nicht halten konnte, der verdiente nicht einmal die Ehre eines spektakulären Todes. Zyle beobachtete weiter das Geschehen auf dem Dorfplatz. Der Schatten des großen Baums, an dem sich die Soldaten versammelt hatten, viel in sein Versteckt in der Gasse und verbarg ihn so hoffentlich vor allen Neugierigen Augen. Unter den sich versammelnden Dorfbewohnern brach leichte Unruhe aus, als eine einzelne Gestalt aus ihren Reihen trat. Ein junger Mensch, der aussah, als wäre er mit den Haaren zu dicht an ein Kaminfeuer geraten. Eine Hand hatte er an eine der seltsamen Schwerter gelegt, welche die Gardisten

verwendeten. Es war seltsam zu glauben, dass ein Stück dünner Stahl tödlich sein konnte, aber so war es und die schlanken Degenklingen hatten sich immer wieder effizient darin erwiesen, die Lücken in den Plattenpanzern von Laos zu finden. Der Fremde wirkte nicht, wie einer der übrigen Bauern, die einfach nur zusahen. Irgendetwas an dem Mann war anders, auch wenn er offenbar verrückt sein musste, um sich einem Trupp Bewaffneter allein entgegenzustellen. Oder hatte er das wirklich vor? ,, Stopp!“ Einen Moment rechnete Zyle damit, dass die Gardisten den Fremden einfach nur niederschießen würden. Ihr Hauptmann erwiderte etwas, worauf der

Neuankömmling ihm etwas zuwarf. Schweigen senkte sich kurz über den ganzen Dorfplatz, als selbst der Gejarn-Hauptmann erstarrte. Wieder so etwas, das ihm absolut unmöglich erschien. Bekämpften sich die Clans dieses Landes etwa auch noch gegenseitig? Wie konnten so viele Gespaltene Fraktionen ein Imperium aufbauen, das sie ihnen jemals hatte Gefährlich werden können… Der Hauptmann besah sich den Gegenstand, den der Fremde ihm gegeben hatte lange. Zyle trat soweit er es sich zutraute aus den Schatten heraus. Der Hauptmann hielt anscheinend einen klobigen Siegelring in den Fingern. Das Symbol darauf fing das Sonnenlicht ein

und blendete einen fast beim Hinsehen. Einige der Soldaten warfen beim Anblick des Stücks Silber doch tatsächlich die Gewehre weg. Eines davon landete kaum vier Schritte von Zyles unsicherem Versteck entfernt. Wäre nicht alle Aufmerksamkeit auf den Hauptmann und den Jungen gerichtet, er wäre längst entdeckt worden. So aber wagte er sich noch ein kleines Stück weiter vor und erhaschte endlich einen klaren Blick auf das Symbol auf den Ring. Adler und Löwe. Der Schwertmeister schüttelte den Kopf. Es war zu weit weg, sagte er sich, das konnte nicht sein. Das sollte sein Schlüssel sein? Und woher

hatten die Archonten gewusst, dass er ausgerechnet hier auftauchen würde? Irgendetwas ging hier noch vor, aber… es war nicht seine Aufgabe, das in Frage zu stellen, oder? Er hatte den ersten Schritt getan und den Mann gefunden, der ihm die Tore nach Vara öffnen würde. Plötzlich griff der Hauptmann der Truppe zum Schwert und ging auf den Fremden mit dem Siegel des Imperiums los. Die Entfernung war kurz, aber zu groß um noch einzugreifen. Es sah so aus, als würde seine Chance so schnell verblassen, wie sie gekommen war… Es sei denn… Zyle hob die Muskete auf, die praktisch direkt vor seinen Füßen

gelandet war. Erstaunlich, wie schwer das bisschen Holz und Metall sein konnte. In Helike waren auch die Pulverwaffen des Imperiums verboten. Die Archonten der letzten Generation hatten entschieden, dass das Töten mit Bleikugeln zu einfach wäre. Nicht alle hielten sich jedoch daran und besaßen heimlich ein paar Feuerwaffen. Wys war einer davon gewesen und Zyle hatte zumindest gelernt, wie er mit dem seltsam unvertrauten Instrument zielen und feuern musste. Auch wenn er es noch nie gegen ein lebendes Ziel genutzt hatte. Rasch richtete er die Waffe auf den Kopf des

Gejarn-Hauptmanns, entschied sich dann aber doch um. Wenn er den Mann einfach tötete, hätte er gleich den ganzen Trupp am Hals. Stattdessen zielte er auf seine Beine und zog den Abzug durch. Der Knall war lauter, als er es in Erinnerung gehabt hatte und der beißende Geruch von Kordit und Schwefel stieg ihm in die Nase. Durch den Pulverdampf konnte er sehen, wie die Gestalt des Hauptmanns zur Seite wegknickte. Die Kugel hätte jede Panzerung auf diese Entfernung durchschlagen und der Mann trug keine. Innerlich musste Zyle dem Urteil der Archonten jetzt zustimmen. Das Töten war mit Feuerwaffen wirklich viel zu einfach. Eine kleine Krümmung des

Zeigefingers… selbst ein verdammtes Kind wäre dazu in der Lage. Es ließ jede Eleganz vermissen. Er ließ die Waffe einfach fallen. ,, Schwefel und Gestank, so kämpft man nicht. Jetzt versteht ich die Verbote der Archonten.“ Die Gardisten machten keine Anstalten, ihrem gefallenen Hauptmann wieder aufzuhelfen, der leise vor sich hin fluchend am Boden kauerte und das verwundete Bein mit einem Stoffstreifen Abband. Er würde durchkommen, dachte Zyle. Der Mann mit dem Siegelring sah derweil zu ihm herüber. ,, Kell.“ Eine Gejarn mit weiß-grau löste

sich aus der Menge der Leute und kam auf sie zu. Kurz konnte Zyle einen Ausdruck der Angst auf dem Gesicht des Fremden erkennen, der wohl Kell sein musste. Heimlich zog Kell den Ring vom Finger und ließ ihn in der Tasche verschwinden. Dann drehte er sich zu der Gestalt um, die ohne großartig langsamer zu werden, in ihn hineinrannte und fast von den Füßen riss. Zyle konnte der stürmischen Umarmung nur mit Verwirrung zusehen. Offenbar war dieses komplette Land verrückt. Kellvian fing sich grade noch um zu verhindern, dass sie beide stürzten. Jiy hätte es kaum gekümmert wenn. Wie

hatte Kell das gemacht? Es erschien wie ein Wunder, das alles bis auf den Hauptmann der Garde unverletzt geblieben waren. Sie hatte kaum verstehen können, was der Heiler mit dem Anführer der Soldaten besprochen hatte, aber er hatte ihm etwas gezeigt, dass fast alle Soldaten hatte bleich werden lassen. Wer war er, dass sie seinen Befehlen folgten? Wieder ein Geheimnis, dass dieser Mann zu hüten schien, aber zumindest grade war es egal. Sie musste sich nicht länger fragen, ob es eine gute Entscheidung war, den Menschen… Kell, aus einem bloßen Gefühl heraus zu begleiten. ,, Wie hast du das gemacht ?“ , fragte

Jiy, als sie einen Schritt zurücktrat und sich von dem überrascht bis verlegen aussehenden Kell löste. ,, Sie sind… wirklich alle frei ?“ ,, Magie.“ , erwiderte Kellvian lachend, sah dabei aber kurz über die Schulter in Richtung der versammelten Soldaten, die offenbar nicht recht wussten, was sie tun sollten. Offenbar war die stumme Anweisung genug. Die Gardisten sammelten sich und halfen ihrem immer noch leise schimpfenden Offizier auf die Füße und entfernten sich. Auch die befreiten Gejarn verstanden offenbar den Wink mit dem Zaunpfahl und sahen zu, dass sie aus dem Dorf verschwanden. Offenbar konnten weder die Soldaten

noch die Gefangenen schnell genug so viel Abstand wie möglich zwischen sich und Kell bringen. Fast als hätten sie Angst… Aber was war an Kell zu fürchten? ,, Klar. Magie. Du bist ein seltsamer Mann Kellvian. Und eines Tages wirst du mir hoffentlich erzählen, warum.“ ,, Vielleicht.“ , sagte er und wurde plötzlich wieder ernst. ,, Wenn ich gefunden habe, was ich suche, . Und wer seit ihr?“ , fragte Kellvian an die grau gewandete Gestalt gerichtet, welche den Gardisten nachsah, bis sie verschwunden waren. Mit der altmodischen Bewaffnung wäre der Fremde als eine der Figuren aus den alten Legenden des Nordens

durchgegangen, dachte Jiy. Das schmutzig wirkende Fell und die abgetragen wirkende Kleidung wirkten auch nicht so, als stamme der Gejarn aus der Nähe. Und er roch nicht mal nach diesem Land. Eher nach Sand und Staub. Trotz seines äußerlich heruntergekommenen Zustands strahlte er etwas Gefährliches aus, das ihr überhaupt nicht gefiel. ,, Mein Name ist Zyle.“ , erwiderte der Fremde gelassen. ,, Kellvian, Kell für Leute, die mir das Leben retten.“ Er streckte Zyle die Hand hin. Dieser zögerte kurz sie zu ergreifen, tat es dann aber doch. Dabei rutschte kurz der Ärmel seines zerfetzten Mantels

nach oben. Ein Metallreif schimmerte kurz im Sonnenlicht, bevor der Fremde losließ und unauffällig wieder den Umhang über den Arm zog. Aber Jiy war es nicht entgangen. Das Metall sah nicht so aus, als könnte man es einfach abnehmen… Wer würde sich den so was antun, für alle Ewigkeit einen Eisenring ums Handgelenk zu tragen? ,, Was führt euch hierher ?“ , wollte Kell wissen, ,,ihr seht nicht so aus, als würdet ihr unbedingt aus der Nähe stammen, oder ?“ ,, Nein. Aber das ist eine lange Geschichte.“ ,, Ich habe Zeit. Und ich glaube ich bin euch eine Kleinigkeit schuldig, wie ich

das sehe. Dieser Ort hat ein Gasthaus. Geht alles auf mich.“ ,, Pah, für euch geht heute alles aufs Haus.“ Aron war zusammen mit einigen anderen nähergekommen, darunter dem bärtigen Besitzer des Gasthauses, der lautstark hinzufügte: ,, Ich weiß ja nicht, was grade passiert ist..“ ,, Da bist du nicht der einzige.“ , warf Aron ein und rückte seinen Hut zurecht. ,, Ich weiß nur das unser Dorfplatz dank euch nicht in Blut schwimmt, das reicht mir. Und ich habe noch Schulden bei Herrn Kellvian.“ Obwohl Zyle nicht ganz wohl bei dem Gedanken war fand er sich gegen seinen

Willen bald an einen Tisch mit Kellvian und der Gejarn, die sich als Jiy vorstellte. Viele der Dörfler hatten nach den Unruhen, welche der Trupp Soldaten verursacht hatte, ihren Nachmittag offenbar in das Gasthaus verlegt. Einer von ihnen, ein Mann namens Aron hatte ebenfalls am Tisch Platzgenommen und war damit beschäftigt, Kellvian auszufragen, der sich jedoch im Schweigen übte. ,, Wir haben alle Gedacht, ihr wärt verrückt geworden.“ , sagte der Mann, nun zum wiederholten Male. ,, Nun, es hat funktioniert.“ , erwiderte Kell, der wie fast alle Anwesenden einen Bierkrug vor sich stehen hatte. Allerdings

trank aber kaum. Irgendwie schien der Mensch in Gedanken zu sein und ab und an wanderte sein Blick zu der Gejarn, nur um einen Moment dort zu verweilen. Hatte der Mann in seinem Gespräch mit dem Offizier der Garde wie ein Anführer gewirkt, so unscheinbar erschien Zyle der Junge jetzt. Wobei Junge war falsch, er konnte nicht so viel Jünger als er sein und doch wirkte er durch seine Art so. Aber welche Seite hatte Kellvian gespielt? Den Menschen, der einen Trupp bewaffneter Gardisten mit Worten einschüchtern konnte oder den irgendwie deplatziert wirkenden jungen Mann? Oder war er sich am Ende seiner Fähigkeiten gar nicht bewusst?

,, Und ihr.. Zyle war der Name, richtig?“ , wollte Aron wissen. Er nickte lediglich. ,, Was bringt euch in diesen Teil der Welt ?“ , wollte Jiy wissen. Kurz überlegte Zyle , wie er antworten sollte. Natürlich nicht die Wahrheit…. Was zu seinem zweiten Problem führte. Er musste nach Vara und Kellvian musste ihn begleiten, da war klar. Mit dem Siegel würde dieser Mann überall ungefragt durchkommen, auch zu einem Fürsten. ,, Ich bin auf dem Weg nach Vara.“ , sagte Zyle. ,, Interessant.“ , meinte Kellvian. Es war

das erste Mal, das der Mensch wirklich an den ewigen Gesprächen am Tisch teilzunehmen schien, anstatt nur höflich zu antworten. ,, Und was bringt euch ausgerechnet dorthin ?“ ,, Ich habe… viel davon gehört.“ , antwortete er und erinnerte sich wider an die Erzählungen, denen er auf seiner Reise von der Küste aus gelauscht hatte. ,, Es soll großartig sein.“ Kellvian lachte. Hatte er so was schon gehört? Wer immer Zyle war, aus den Herzlanden war er sicher nicht, wenn überhaupt aus einer der Kernprovinzen. Wo hatte man hier den Namen Vara nicht schon gehört? ,, Es ist großartig.“ , meinte er nur. ,, Auch wenn mein letzter

Besuch dort schon ein paar Jahre her ist.“ Damals war die fliegende Stadt auf ihrer ewigen Wanderung in die Nähe der Stadt gelangt und der Kaiser hatte es sich nicht nehmen lassen, der Universität und dem Herrn der Stadt einen Besuch abzustatten. Und natürlich hatte Kellvian ihn begleitet…. Zwei Jahre lag das jetzt zurück. Der grüne Kristall um seinen Hals schimmerte. Ein Geschenk, das ihm der Schmied der Siedlung gemacht hatte. Eine grobmaschige Silberkette, in die sich der Stein einfügte, den er aus den Ruinen im Wald hatte. ,,Die Universität dort leistet unglaubliche Arbeit.“ , bestätigte Aron , bevor er an Zyle gewandt hinzufügte. ,,

Ihr seht mir aber weniger wie ein Gelehrter aus, verzeiht.“ Der fremde Gejarn leugnete das auch nicht. ,, Man könnte sagen ich bin… unfreiwilliger Tourist. Es gibt jemanden in dieser Stadt, der etwas hat, das ihm…. Nicht mehr gehört.“ Und zwar sein Leben, fügte Zyle für sich im Stillen hinzu. ,, Ihr werdet wohl kaum unbehelligt in die Stadt gelangen. Die Garden sind dieser Tage recht misstrauisch gegenüber Fremden.“ Kellvian sprang plötzlich auf. ,, Das sollte kein Problem sein. Ich kenne…. Jemanden…. In der Stadt, der euch da helfen

könnte.“ Zyle konnte sein Glück kaum fassen. Seltsam, wie bereitwillig ihm der Mann half. Das war fast bewundernswert Naiv. Oder Kell glaubte, ihm etwas zu Schulden… Wenn er ihm einen Kontakt in Vara verschaffe konnte, der ihn in die Stadt brachte, war er seinem Ziel ein großes Stück näher. Und die Vorhersagen der Archonten schienen sich damit zu Bewahrheiten. ,, Ich wäre für jede Hilfe dankbar. Wie heißt dieser Mann?“ ,, Nun ich hatte daran Gedacht, selbst nach Vara zu gehen.“ , erwiderte Kellvian. Vara war so gut wie jedes andere Ziel und vielleicht sogar ein

wenig besser. Die Stadt war ein Ort der Bücher und der Wissenschaften und das schlug sich dort fast überall nieder. Menschen, die Konstrukte erschufen, die fast an Magie grenzten, ohne das ein Tropfen Blut des alten Volkes in ihren Andern war. Er machte sich zwar keine großen Hoffnungen, aber vielleicht konnte er dort etwas in Erfahrung bringen… eine Antwort oder zumindest eben das Wissen, das auch die Gelehrten der großen Universität ihm nicht helfen konnten. Und wenn nicht, so hätte er doch wieder ein Ziel. ,, Ihr würdet mich also begleiten ?“ , fragte Zyle nach

. ,, Im Augenblick gibt es für mich keinen anderen Ort, zu dem ich müsste.“ , antwortete Kell. ,, Das heißt Jiy… wenn du nichts dagegen hast ?“ ,, Vara, also…“ Jiy klang wenig begeistert. Kellvian zuckte mit den Schultern. ,, Es wäre so gut wie jede andere Stadt.“ Plötzlich grinste die Gejarn jedoch. Die besorgte Mine schien Vergangenheit. Oder… Kellvian lachte leise. Sie hatte ihn aufs Glatteis geführt und er war auch direkt darauf hereingefallen. ,, Dann, auf nach Vara.“ , sagte jiy

entschieden.

Kapitel 23 Die brücke

Fast eine Woche waren sie jetzt unterwegs. Die Landschaft hatte sich währenddessen kaum verändert, lediglich die Vegetation wurde wieder dichter und die endlosen Felder blieben hinter ihnen zurück, nachdem sie Tagelang nichts als wogende Ähren und brachliegende Wiesen gesehen hatten.
Als sie einmal an einem Hain mit Apfelbäumen vorbeigekommen waren, hatte Jiy es sich nicht nehmen lassen, über den niedrigen Zaun zu klettern, der die Pflanzung , zwischen der einige Teiche das Sonnenlicht wiederspiegelten,

umgab.
,, Das ist keine gute Idee.“ , meinte Kell, während die Gejarn sich bereits auf der anderen Zaunseite zu Boden ließ.
,, Was soll passieren ?“ , erwiderte Jiy lachend und verschwand zwischen den Bäumen. Kell konnte ihr nur kopfschüttelnd nachsehen. Irgendwie schien sie sich verändert zu haben, seit sie aus dem Dorf  fort waren. Auf eine Art, weniger menschlich, aber gleichzeitig ausgelassener. Er lächelte. Es war schön, dass es jemanden gab, der ihn für das zu schätzen schien, was er tat, nicht was er war. Auch wenn er das sicher nicht ewig verheimlichen konnte… 


Zyle schien etwas zu ahnen, auch wenn der Mann sich während der ganzen bisherigen Reise schweigsam gegeben hatte.
,, Wo bleibt sie ?“ , wollte er wissen, während Kell einen Augenblick den Rucksack absetzte um sich in den Schatten eines der Apfelbäume zu setzen. Der Sommer war noch weit davon entfernt, in den Herbst überzugehen, mindestens noch einen Monat und die Sonne verbrannte die Herzlande geradezu. Bei diesem Wetter zu Reisen war nicht angenehm, aber besser als Regen.
,, Jiy kann auf sich aufpassen.“ Kell

durchsuchte kurz seine Tasche und zog eine halbvolle Feldflasche hervor. Wasser gab es mehr als genug. Alle paar Tage kamen sie an einer Quelle oder einem der zahlreichen Brunnen vorbei, die ursprünglich für die Bewässerung der Felder angelegt worden waren.
Zyle ließ sich mit einem seufzten ebenfalls am Wegrand nieder, blickte aber eher ungehalten.
,,Ich weiß ja nicht, ob solche Verzögerungen wirklich notwendig sind.“
Kellvian zuckte entschuldigend mit den Achseln. ,, Ihr habt es eilig ?“
Der Gejarn schien nachzudenken. ,, Ich habe früher  Gedacht, es wäre schön,

einmal aus meiner Heimatstadt fortzukommen. Jetzt will ich nur noch zurück. Und dafür… brauche ich meinen Schuldner aus Vara.“
,, Ihr könnt also nicht einfach zurück ?“
,, Nein. Ich stamme aus Laos, wenn ihr es wissen wollt. Helike  um genau zu sein.“
Kellvian stieß einen leisen pfiff aus. Das war eine halbe Welt entfernt.  Und es half ihm, sein gegenüber etwas besser zu durchschauen. Es gab kaum einen Ort, über den sie so wenig wussten, wie die Hauptstadt von Laos. Die wenigen, die jemals dort gewesen waren berichteten von einem Ort, der es mit der fliegenden Stadt an Kunstfertigkeit durchaus

aufnehmen konnte. Und von einer Gesellschaft, die einen Toten wie einen Gott verehrte.
,, Ihr habt ja einen weiten Weg hinter euch Zyle. Und das alles um ein paar Schulden einzutreiben?“
Zyle ließ sich mit seiner Antwort Zeit. ,,  Ich bin nicht ganz freiwillig hier. Sagen wir einfach, ich komme besser mit beglichenen Schulden nach Helike zurück… oder gar nicht. Es geht meinen Herrn wohl weniger um die eigentliche Person als darum, sich meiner Loyalität sicher zu sein. So regeln wir das nach Laos Worten. Prüfungen, an denen man entweder wächst oder zerbricht. So wird sichergestellt, dass die Besten den ihnen

verdienten Platz erhalten. Wie  mein Bruder, der es durch Talent bis zum Archonten gebracht hat. Unsere Fürsten tuen sich durch ihr Handeln  hervor, nicht durch Erblinien.“
,, Ihr klingt ja richtig Stolz.“ , stellte Kellvian fest.  Er wünschte sich selber, kein Einzelkind zu sein. Dann wäre der Fluch der Kaiserkrone ja vielleicht an ihm vorbeigegangen.  Und wenn nicht hätte Kell mit Freuden zugunsten eines jüngeren Bruder verzichtet. So aber…
Er wollte nach wie vor nicht zu genau darüber nachdenken. Das lag alles noch weit in der Zukunft, so hoffte er zumindest.
,, Wir kennen kein Neid, Laos Gesetze

verhindern das.“ , sagte Zyle. ,, Und worauf sollte ich neidisch sein ? Was meiner Familie, meinem Volk oder meinen Waffenbrüdern zu Ehre gereicht, das strahlt auch auf mich zurück. Wenn ich mir meinen Titel wieder verdiene.“
,, Und was würde eure Leute dazu bringen euch wieder aufzunehmen, von eurer Mission abgesehen ?“
,,Ich weiß nicht, der Kopf eines Kaisers vielleicht…“ Der Gejarn sagte dass ernst genug, das Kellvian sich kurz unwohl fühlte. Nein er würde für sich behalten, wer er war, bis Zyle sie in Vara verließ. Bis dahin würde er sowohl Jiy als auch den Mann aus Laos in dem Glauben lassen,  er sein ein wandernder Heiler.

Was insofern auch mehr der Wahrheit entsprach. Für einen Kaiser würde ihn niemand jemals  halten…
Ohne es wirklich zu merken griff er nach der versteckten Macht in seinem Innern, dem stillen  Pol, der seine heilende Magie und gleichzeitig seine eigene Lebensenergie darstellte.  Es überraschte Kell, wie leicht es ihm mittlerweile fiel. Früher hatte er einmal Minuten oder Stunden gebraucht, um die nötige Ruhe zu finden, welche er brauchte.
Der grüne Stein um seinen Hals schien jetzt im Takt mit seinem Herzschlag zu pulsieren.
Er hatte nicht noch einmal versucht die Energie des gefundenen Kristalles

anzuzapfen, auch wenn dieser seine gespeicherte Magie inzwischen wiedererlangt hatte. Manche sagten, es sei das Sonnenlicht, das es den Steinen des alten Volkes  erlaubte, ihre Macht zurück zu erlangen, andere Gelehrte tippten auf Mondlicht, was angesichts der fast religiösen Verehrung, die das alte Volk den Himmelskörpern hatte zukommen lassen wohl eher zutraf.
Fest stand nur, dass sie ein unverzichtbares Instrument für Magier blieben, die über ihre Bescheidenen Grenzen hinausgehen wollten. Einmal an eine bestimmte Person gebunden, konnte der entsprechende Zauberer jederzeit zusätzliche Kraft aus den Kristallen

gewinnen.
Aufgeregte Rufe rissen Kellvian zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins.
Jiy rannte, aufgeregt winkend zwischen den Bäumen und Teichen hervor, auf dem Rücken einen kleinen Sack.
Und  ihr folgte schimpfend ein rundlicher Mann mit Knollnase, der einen Kescher über den Kopf schwenkte.
Ohne langsamer zu werden, setzte die Gejarn zurück über den Zaun.
,, Weg hier.“ , rief sie Zyle und Kell zu. Dieser zögerte auch nicht lange, sondern schnappte sich den Rucksack und riss Zyle mit sich auf die Füße.
Er lachte laut, bevor er losrannte und ihm dafür keine Luft mehr blieb, weil er

sie fürs laufen brauchte. Erst, als sie sicher sein konnten, das ihnen niemand folgte, blieb Jiy schließlich stehen.
,, Was war das denn ?“ , wollte Zyle schwer atmend wissen. Der schwere  Schild und das Breitschwert auf seinem Rücken machten ihm zu schaffen. Obwohl die Waffen ihm hier wohl nur wenig nützen würden, schleppte er sie trotzdem mit sich.  Das Stück Metall würde niemanden vor einer Kugel retten…
,, Hab nicht gemerkt, dass der Hain jemanden gehört. Und das derjenige zufällig da ist. Der Reagiert völlig über.“
Kellvian lachte, sobald er wieder zu Atem gekommen war. ,, Was hast du ihm

geklaut ?“ Ein wenig schlecht fühlte er sich schon. Er hätte dem Mann sicher bezahlen können…  Aber auf eine verrückte Art hatte das Ganze auch  Spaß gemacht.
Zur Antwort nahm Jiy einen kleinen Sack vom Rücken und warf ihm daraus einen Apfel zu. Er fing die Frucht in der Luft.
,, Ich hoffe ja wirklich, das wars wert.“ , kommentierte Zyle weiterhin schnaufend.
,, Hey, die frischen Vorräte sind uns seit zwei Tagen ausgegangen.“ , erwiderte Jiy , hielt ihm aber einen Apfel hin. . ,, Wenn euch trockenes Brot reicht…“
Der Gejarn erwiderte nichts, sondern nahm den Apfel wortlos an sich.


Aron hatte sie anfangs ein Stück begleitet, war aber bereits nach einem Tag in seine Siedlung zurückgekehrt, nicht jedoch, ohne sich noch einmal bei ihnen zu bedanken und Kellvian das Versprechen abzunehmen, irgendwann noch einmal wiederzukommen. Etwas, das er gerne zugesagt hatte. Nur knappe  zwei Tage hatten sie dort verbracht, aber er hatte sich dort auf eine Weise heimischer Gefühlt, als in den goldenen Hallen der fliegenden Stadt.
Der Weg dem sie folgen und der sie nach Arons Auskunft direkt nach Vara bringen würde, führte durch einen dichten Nadelwald, der bald schon das

Sonnenlicht ausblendete. Lediglich von einzigen Lichtstrahlen durchbrochene Schatten drangen bis unter die dichten Zweige der Tannen und verwandelten den Waldboden in ein Muster aus fließenden Formen.
Es war merklich kühler hier, als draußen auf den Feldern. Der Kontrast war so stark, das Kellvian tatsächlich begann zu frieren. Aber auf eine Art war die Kälte angenehm. Der Geruch von Harz erfüllte die gesamte Luft, zusammen mit dem ewigen Summen der Insekten, die sich über einem kleinen Bachlauf tummelten, der der Straße folgte.
Vara war eine der ersten großen Städte, hinter den Clangebieten und als das

Kronjuwel der Provinz Belfare war sie eigentlich kaum zu übersehen. Auch wenn die fliegende Stadt seit jeher der Sitz der Kaiser Cantons war, es war in Vara, wo einst Kellvians Ahnherr Simon geboren worden war. Er sah der Ankunft dort mit gemischten Gefühlen entgegen. Wenn ihn die Leute irgendwo erkannten, dann dort.
Vor ihnen öffnete sich der Wald nun und gab den Blick frei, auf eine tiefe Schlucht, welche die Landschaft fast wie mit dem Messer geschnitten zerteilte. Graue und weiße Felsen vielen viele hundert Fuß tief ab und ganz auf dem Grund der Felsspalte zog sich ein schmaler Wasserstrom dahin. Der

Bachlauf, der bis hierhin der Straße gefolgt war, stürzte als Wasserfall über die Klippen.
Von der anderen Seite des Abgrunds  spannte sich eine gewaltige Steinbrücke bis zu ihnen herüber. Allein die Steine aus denen die Konstruktion bestand waren so groß wie manches Haus und der Bau war breit genug, das mehrere Ochsenkarren Problemlos aneinander vorbeigekommen wären und es immer noch genug Platz für Fußgänger gäbe.
Hinter der Brücke erhob sich ein gewaltiger, aber verfallener Festungsbau. Eingestürzte Türme  und Hallen aus schwarzem Stein wurden von einer Mauer umschlossen, der die Zeit nichts hatte

anhaben können und von deren Zinnen einzelne zerfetzte Flaggen wehten, die wohl einst das Symbol des Imperiums trugen. Nun jedoch stand das gesamte Gemäuer leer, düster und erhaben kündete es nach wie vor von der Macht, die einst hinter seinen Toren gelegen hatte. Und trotz dem Preis, dem die Jahre der Anlage abverlangt hatten, abschreckend war sie noch immer.“
,, Das ist beeindruckend.“ , flüsterte Jiy und klang fast ehrfürchtig, als sie als erste auf die Brücke hinaus trat.
,, Diese Brücke markierte einstmals die äußerste Grenze des Kaiserreichs.“ , erklärte Kellvian. Ein paar al schon hatte er sowohl Brücke als auch Festung von

der fliegenden Stadt aus gesehen, aber erst aus der Nähe wurden einem die echten Ausmaße bewusst. ,, Und die Ruinen dahinter waren einst die erste Verteidigungslinie Cantons. Das ist alles, was heute von den Toren der Erde noch bleibt. Nach dem Bau der ersten Kanonen hatten Mauern und Schutzwälle ohnehin ausgedient und das Kaiserreich war längst über die Provinz Belfare hinausgewachsen.“
Zyle sah sich ebenfalls mit einem Ausdruck der Bewunderung für die Kunst der alten Baumeister um. ,, Ihr scheint ja eine Menge darüber zu wissen.“
Kellvian nickte. ,, Angeblich wurden die Grundsteine der Brücke und dieser

Anlage noch von Zwergen errichtet.“
Nun lachte der Laos-Schwertmeister. ,, Bitte ? Die alten Legenden eurer Nordleute ? Märchen, bestenfalls. Oder glaubt ihr wirklich an Leute, nicht größer als ein Kind, die ihre Städte in die Felsen schlagen?“
,, Ihre Hallen um Silberstedt sind heute verlassen, soviel gebe ich zu. Vor einigen Jahrhunderten verschwanden sie alle fluchtartig in einer einzigen Nacht,  ohne einer Menschenseele zu verraten wohin. Manche meinen, sie hätten die Reise über die See angetreten um einen neuen Kontinent zu suchen.“
Sie hatten die Brücke mittlerweile zur Hälfte überquert. Kellvian wurde etwas

mulmig bei dem Gedanken, das der Boden direkt unter ihnen mehrere hundert Fuß senkrecht in der Tiefe lag. Aber die Konstruktion hatte ganze Heerzüge und sogar kleinere Scharmützel überstanden, sie würde drei einzelne Reisende halten. Ohnehin war der steinerne Bogen so breit, das er, zumindest wenn er in der Mitte lief, nicht länger über den Rand in die Tiefe sehen konnte.
Die Tore zur Erdwacht waren schon vor Ewigkeiten verrottet, als die kleine Gruppe durch sie hindurch in den verlassenen Festungshof trat.
Die Sonne stand mittlerweile schon tief und schien durch die Tore auf der

anderen Seite des Hofs hinein,  von dem aus die Straße weiter Richtung Vara führen würde. Es war nicht mehr weit.
,, Wir sollten über Nacht hierbleiben.“ , schlug Kellvian vor.
Zyle sah sich skeptisch um. ,, Hier ? Im Dunkeln ?“ Es war das erste Mal, das Kellvian meinte, so etwas wie Angst in der Stimme des Gejarn zu hören.
,, Fürchtet ihr euch vor Geistern ?“ , wollte Jiy wissen.
,, Vor manchen Dingen hat man gesunden Respekt. Kellvian, ihr müsst das doch auch merken? Irgendetwas an diesem Ort… Als könnte jeden Moment ein Blitz einschlagen.“
,, Das ist bloß  Restmagie.“ ,

beschwichtigte Kell ihn. Zyle schien empfindlicher für die seltsame Atmosphäre an diesem Ort zu sein, aber auch ihm war es nicht entgangen. Das musste noch aus den letzten Schlachten um die Festung vor mehreren Jahrhunderten stammen. Aber, das die Spur der Magie nach all der Zeit noch zu spüren war… ,, Ziemlich alt würde ich vermuten. Jeder Zauber hinterlässt eine Spur. So was findet man in fast allen großen Städten und wichtigen Orten. “
,, Nicht in unseren.“ , entgegnete  Zyle, trat aber über den verlassenen Hof der Anlage auf eine eingefallene Tür zu, die in einen der Türme führte. Der Bau war fast noch vollständig und wirkte Stabil.

Lediglich in den oberen Etagen, zu denen eine gewundene Treppe hinaufführte, fehlten ein paar Steine. Helle Spuren auf den Granitplatten zeigten, wo einstmals Möbel gestanden hatten.
Zyle sah sich einen Moment um. ,, Besser als unter freiem Himmel schätze ich.“
Kellvian blickte nach oben, in die zur Treppe offen liegenden weiteren Geschossen. Wie hoch der Bau wohl war ?  Die Erdwacht verfügte über dutzende Gebäude, von denen manche mehr oder weniger gut erhalten waren. Aber der Turm war ihm recht. Es war abergläubisch und nein, vor Geistern fürchtete er sich nicht. Trotzdem, um

keinen Preis der Welt hätte er die Nacht in einer der großen Toten Hallen der Burg verbringen wollen.
,, Hält die Treppe noch ?“ , fragte Jiy, wartete die Antwort aber kaum ab, sondern stieg die ausgetretenen Stufen hinauf. Jahrhunderte der Benutzung und später Regenwasser hatten tiefe Furchen in den Stein geschnitten. Abendlicht fiel durch kleinere Mauerlücken und einige erhaltene Schießscharten ins Innere des Turms. Die weiteren Ebenen boten nicht viel Neues. Bis auf kleine Schutt oder Strohhaufen leere Räume.  Erst, als Kell der Gejarn auf die Spitze des Turms hinaus folgte, musste er kurz ehrfürchtig den Atem anhalten.


Man konnte von hier oben aus fast so weit sehen, wie von der fliegenden Stadt aus. Er trat vorsichtig an die moosbewachsenen Zinnen, welche die Turmspitze krönten und sah hinaus auf die Landschaft.
Die Sonne stand direkt hinter ihnen und tauchte den Wald und die Schlucht, an deren Rand sich die Erdwacht erhob in rotes Licht. Das Wasser am Boden des Abgrunds schimmerte fast wie flüssiges Metall. Der Wald, den sie auf dem Weg hierher durchquert hatten, war bereits in Schatten versunken und schien die verfallene Festungsanlage in seinem Farbton widerzuspiegeln. Und dahinter

begannen die endlosen Felder, die diesen Teil der Herzlande auszeichneten.
Kellvian sah nur einen Augenblick zurück, dann jedoch wendete er den Kopf und sah in Richtung Sonne. Morgen würden sie ihren Weg dorthin fortsetzen. Und wenn alles gut ging, würden sie Vara noch vor dem Ende des nächsten Tages erreichen können.

Kapitel 24 Die falsche Entscheidung


Und es kam der Tag, an dem Laos seinen Schülern alles über seine Wege beigebracht hatte, was er bereit war zu enthüllen. Er hinterließ ihnen Schriften und Anweisungen und formte daraus das erste Gesetz. Und dann stellte er uns seine Wächter, die Archonten zur Seite, welche er aus den Fähigsten seiner Anhänger erwählte. Der große Kriegerphilosoph aber wollte den von ihm geschaffenen Staat nicht lenkten, denn so ist es überliefert: ,, Die Welt ist im Fluss, ich aber habe zu viel gelernt um mein Wissen noch anzupassen. So

gebe ich euch fünf Stimmen, die die Dinge vielleicht klarer sehen. Solange sie den Pfad des Volkes in bester Absicht bestimmen, wird Helike blühen.“ Und der Lehrer von vielen Lebte noch viele Jahre unter uns, fast ein Menschenleben lang. Manche sagten ihn nach, er könne erst sterben, wenn er sein Werk vollendet sehe. Nach und nach unterwarfen sich die Bewohner der Steppen und der Wüsten bis sein Ruf bis über das große Meer hinausreichte und die fernen Reiche ihre Boten schickten. Und entweder sie schlossen sich durch die Überredungskunst Laos an oder wurden zum Quell für Ruhm auf dem

Schlachtfeld. Den erst der Kampf zeichnet die unter uns aus, die bereit für die höchsten Würden sind und im Tod durch den Stahl lag der Grad, den es für jeden zu gehen galt. Aber dem Meister selbst war es am Ende nicht gegönnt, durch das Schwert zu fallen. Heimtückisch und feige wurde er vergiftet und als man ihn fand hielt seine Hand nach wie vor den Holzbecher mit dem tödlichen Trunk umklammert. Niemand war in der Lage seinen Griff zu brechen. Seine letzten Worte waren für jene, die bei ihm waren nicht mehr zu vergessen. ,, Am Tag, wenn das Ende gekommen zu sein scheint und die letzte Schlacht für

uns ansteht , wenn das letzte Kind des Adlers Helike betritt und die Banner eines Fremden Reichs vor unserer Stadt wehen, werde ich bei euch sein und nicht einmal der Tod wird mir dabei im Wege stehen.“ So lauteten die letzten Worte des Laos von Helike und bis heute rüsten wir uns für den Tag, den er vorhersagte. Möge er nie kommen… -Aus dem Leben des großen Lehrers. Band 13 : Die letzten Jahre Nach den Aufzeichnungen der großen Bibliothek zu

Helike ,, Das Alte Volk konnte nicht auf unsere Art sterben.“ , erklärte Kell. Mittlerweile brannte im unteren Stockwerk des Turms ein großes Feuer, das sie mit Holz aus den Ruinen und dem nahegelegenen Wald entzündet hatten. Der Schein der Glut war alles, was das Innere des Bauwerks jetzt noch erhellte. Die Sonne war längst im Westen verschwunden und hatte die verfallene Burg in Dunkelheit zurückgelassen. Auf dem Hof konnte Kellvian den Wind heulen hören. Allein im Dunkeln wäre wohl niemand gerne hier draußen. Und auch so… Dieser Ort

hatte etwas Düsteres. Vermutlich war diesem beklemmenden Eindruck zu verdanken, dass sich niemand dauerhaft in den Ruinen eingerichtet hatte. Ihre Rucksäcke und Ausrüstung lehnten hinter Kellvian an einer Wand, während die drei darauf warteten, dass ihre letzten Vorräte gar wurden. Jiy war es gelungen, in dem kleinen Bach im Wald eine Hand voll Fische zu fangen, von denen die Gejarn auch gleich einen an Ort und Stelle gegessen. Roh. Gejarn schienen einen seltsamen Geschmack zu haben, wenn man ihnen die Wahl ließ. Ihre Botschafter und die Gardisten in der fliegenden Stadt schienen sich alle gänzlich anders zu

verhalten. Oder hatte er einfach nie darauf geachtet? Sie hatten anfangs nur wenige Worte gewechselt, während sie am Feuer saßen, aber Zyle hatte begonnen, ein wenig von Helike zu erzählen, auch wenn er offenbar genau darauf achtete, was er sagte. Die innere Stadt Helikes, die er ihnen beschrieb, erinnerte Kellvian entfernt an die offenen Hallen, welche man an manchen Ruinen des alten Volkes fand. Vielleicht stammte der Grundstein der Stadt also tatsächlich noch aus dieser Zeit. Aber als Zyle von dem Sarg Laos im Zentrum der Anlage anfing, unterbrach Jiy

ihn. ,, Moment, ihr habt den Leichnam eures Helden einfach in eurer Stadt aufgebahrt und lasst ihn zerfallen ?“ ,, Ich fürchte von Laos ist nicht mehr viel übrig, das verrotten könnte.“ , antwortete Zyle. ,, Es gibt eine Legende, über seine letzten Worte. Das er zurückkehren würde, wenn sein Volk ihn am nötigsten Braucht. Ich schätze, die meisten glauben nicht mehr daran. Übrigens habe ich gehört, einige Gejarn des Herzlands würden ihre Toten verspeise. Ist das was Wahres dran?“ ,, Wer erzählt euch den so etwas ?“ , wollte Jiy wissen. ,, Wir haben vielleicht lediglich eine andere Sicht des Todes,

während ihr darauf wartet, das euer Gott aufersteht. Seht euch einmal einen Baum im Winter an. Er sieht Tod aus, doch am Ende treibt er immer wieder Blätter. Und so ist es mit allem lebendigen. Nichts stirbt am Ende jemals wirklich. Alles ist Veränderung.“ ,, Und das wisst ihr weil ?“ Kellvian schüttelte den Kopf, bevor er sich in das Gespräch einmischte. ,, Ich glaube, die einzigen, die uns eine Antwort auf das Wesen des Todes geben könnten, wäre das alte Volk selbst. Sie konnten nicht auf unsere Art sterben.“ Zyle sah ihn an, als wäre er verrückt geworden. ,, So mächtig war euer Zaubervolk

?“ ,, Nicht alle von ihnen, aber von dem was wir Wissen und ihren Inschriften entnehmen konnte, waren ihre größten Magier in der Lage, ihre Seele Herzschläge vor dem Tod vom Körper zu lösen. Diese konnte sich dann zusammen mit den Erinnerungen des betreffenden ein komplett neues Gefäß suchen. Reinkarnation, wenn man so möchte. Aber offenbar war das auch damals nicht weit verbreitet. Es war wohl ziemlich kompliziert und selbst zu jener Zeit hochgefährliche Magie.“ Jiy sah auf. ,, Und heute macht so was keiner mehr ?“ ,, Ich glaube es ist weniger eine Frage

des Wollens, als eines des Könnens. Tyrus hat mir einmal gesagt, würden der größte Zauberer unserer Zeit auf das schwächste Mitglied des alten Volkes treffen, er würde sich immer noch wie ein Kind vorkommen, das zu einem Bären aufsieht. Ihre Zauber waren angeblich stark genug um die Realität selbst zu verzerren oder gar die Zeit zu beugen. Auch wenn das wohl niemand mehr bestätigen kann.“ ,, Wenn euer altes Volk die Zeit hätte kontrollieren können, wären sie jetzt wohl nicht alle tot, oder ?“ , warf Zyle ein. ,, Wir wissen immer noch zu wenig, warum sie so plötzlich verschwanden.

Wie die Zwerge.“ ,, Fangt mir nicht damit an.“ Zyle erhob sich. ,, Ich bin oben auf dem Turm, wenn mich jemand suchen sollte.“ Mit diesen Worten machte sich der Laos-Schwertmeister auf dem Weg die Treppe hinauf. Auf eine Art, war ihm der Mensch ja fast sympathisch. Schade, dass er am Ende nur einen Schlüssel darstellte. Ein Mittel zum Zweck, redete er sich selbst ein. Bevor Kellvian erfuhr, wofür er ihn gebraucht hatte, wäre er in der Stadt, würde sein Ziel finden und könnte schon auf halbem Weg zurück durch die Herzlande sein, bevor der Mensch was merkte. Die Gejarn auf der anderen

Seite… Irgendetwas an der war seltsam. Mal wirkte Jiy fast verspielt unschuldig, dann wieder bedrückt, so wie es viele der Ritter Laos waren, wenn sie aus ihrer ersten Schlacht heimkehrten. Falls sie heimkehrten… Aus dem Turm drang leises Lachen herauf. Was war das nur zwischen dem Siegelträger und dieser Gejarn? Wenn er es nicht besser wüsste…. Aber das war völlig absurd. Mochten Menschen und Gejarn in den meisten Fällen zumindest miteinander auskommen und sich oft genug Freunde fanden… Wie oft fand man welche, die wirklich Gefühle füreinander zu haben

schienen? Nie bis so gut wie gar nicht. Allein der Gedanke war doch schon abwegig. Zyle beschleunigte seine Schritte, die steinernen Stufen hinauf, bis er die Spitze des Turms erreichte. Um ihn her wirkte alles still. In der nur von Mondlicht beschienenen Landschaft rührte sich nichts. Trotzdem spähte er ins Dunkel. Er hatte ein schlechtes Gefühl und das lag nicht einfach nur an der seltsamen Atmosphäre dieses Ortes. Es war dumm hier zu sein… Eine Bewegung im Dunkeln ließ ihn innehalten. Hatte da grade etwas auf der Brücke im Mondlicht aufgeblitzt? Vorsichtig trat er hinter eine der Zinnen

zurück und spähte von dort aus in die Nacht. Wer immer dort unten war musste sich sicher fühlen… Da war es wieder. Ein Stück Metall, das das Mondlicht einfing und ein kaum wahrnehmbarer Schatten, der sich damit bewegte. Er sprang von Brückenpfeiler zu Brückenpfeiler und einem unaufmerksameren Beobachter wäre die Bewegung sicher entgangen. Zyle nicht. Dem ersten, geschickt wirkenden Schatten, folgten etwa ein halbes Dutzend weitere, die sich offenbar nicht die Mühe machten, sich verborgen zu halten. Im Dunkeln glommen deutlich sichtbar mehrere glutrote Punkte. Lunten für Gewehre. Billiger als Radschlösser

oder Feuersteinmechanismen. Wer war da unten und warum? Zyle zog geräuschlos die Klinge vom Rücken. Wenn die Fremden sich anschlichen, mussten sie wissen, dass sich jemand hier befand. Das Licht des Turms wäre auf die Entfernung unmöglich zu sehen. Also… Also waren sie gezielt wegen ihnen hier. Zyle spähte erneut zur Brücke, wo die Gruppe stehengeblieben war und sich offenbar Besprach. Dann verschwand der Schwertmeister die Treppe hinab. Besser sie überraschten diese Leute, als diese sie.

,, Was glaubst du in Vara zu finden ?“ , fragte Jiy. ,, Ich meine… es scheint es gibt wenig, das du nicht wüsstest.“ Kellvian dachte einen Augenblick darüber nach, während er in die Flammen starrte. ,, Offenbar zu wenig.“ , antwortete er. ,, Und du ? Was genau erhoffst du dir?“ Die Gejarn stand von ihrem Platz auf der anderen Seite des Feuers auf und setzte sich neben ihn. ,, Ich weiß es nicht. Ich schätze, ich will einfach nur weg. Weg von den Clans, weg von den verdammten Konflikten, die

doch keinem was bringen...“ ,, Jetzt klingst du fast wie ein Freund von mir. Syle, auch ein Gejarn. Aber ich fürchte niemand würde auf dich… oder auch auf mich was das angeht hören.“ Kellvian könnte in der fliegenden Stadt ein Wort für die abtrünnigen Clans einlegen. Aber der Kaiser würde wohl kaum wegen seiner Worte seine kompletten Pläne ändern. Wie immer die Aussahen. Er wusste es einfach nicht… ,,Die haben mein Heimat in Brand gesteckt.“ , sagte Jiy seltsam gefasst. ,, Lore gibt es nicht mehr.“ ,, Ich weiß.“ , flüsterte Kellvian. Konnte er sie wirklich noch weiter belügen? Er war dort gewesen verflucht… Aber auf

eine Art schien es zu spät. Sie würde gehen, wenn er etwas sagte. Bestenfalls. Und das… das wollte er nicht. Kellvian hatte sich an sie gewöhnt. Nein, mehr als das. Er wollte sie nicht vermissen. Kellvian schüttelte unmerklich den Kopf. Was dachte er bloß? Sie war eine Gejarn und er,…. Und irgendwie interessierte ihn das nicht. Aber das er sie verlieren würde, wen er ihr verriet, wer er war. Und sie gleichzeitig genauso verlieren würde, wenn er schwieg. Dann war es nur eine Frage der Zeit. Ich bin Kellvian Belfare. Ich bin der Erbe des Kaiserreichs und der Mann, der die Truppen führte, die Lore verbrannte. Verzeih mir.

Die Worte wollten ihm nicht über die Lippen kommen. Jetzt nicht mehr. Vor einer Woche noch vielleicht. Am Ufer des Flusses sicher… Jiy lehnte den Kopf an seine Schulter und sah grinsend zu ihm auf. Etwas schien in ihren grünen Augen zu funkeln. Zuerst war Kellvian unsicher, dann jedoch legte er vorsichtig einen Arm um die Gestalt an seiner Seite. Jetzt hatte er zwei unlösbare Aufgaben. Herausfinden wieso sein Heilzauber ,, Weißt du das denn mit Sicherheit ?“ versagt hatte…. Und das einzige Wesen nicht verlieren, das begann ihm mehr zu bedeuten, als es sollte… Was war aus dem kurzen Gefühl der Freiheit

geworden, das er nach seiner Flucht aus der fliegenden Stadt gefühlt hatte? Kellvian schien mehr Gefangen zu sein, als jemals in den goldenen Hallen. Doch diese Ketten hatte er sich selber auferlegt. Die Gejarn sah immer noch zu ihm auf. ,, Was ? Ich kenne diesen Blick mittlerweile.“ , sagte er tonlos. ,, Ich bin… wirklich froh, dass ich mitgekommen bin. Du bist ein guter Mann.“ Sie wäre auch das Risiko der Wahrheit wert, dachte Kellvian. Wenn er nicht wüsste, wie die einzige Antwort lauten konnte. Und wenn er jetzt nicht aufpasste, würde sie sich nur noch

betrogener Vorkommen. Sie hielt ihn für einen Freund und… genau das war er. Aber das würde Jiy nicht mehr glauben. ,, Ich kann nur beurteilen, was ich sehe. Und mehr interessiert mich auch nicht. Kellvian den Heiler.“ Kell schluckte. Das würde ihm mindestens genauso wehtun. ,, Es würde dich also nicht kümmern, wer ich bin ? Wenn das.. das eine Leben, das ich nicht retten konnte aus Lore stammte.“ ,, Du warst dort ?“ Sie löste sich von ihm und starrte ihm direkt in die Augen, wie in dem Moment, wo er sich den Gardisten gestellt hatte. Es war an der Zeit mit den Lügen

auszuräumen. Der Schweif der Gejarn schlug nervös hin und her. ,, Ich muss dir… fürchte ich etwas sagen.“ ,, Kellvian…“ Es war also soweit. ,, Ich bin kein Heiler. Das eine Leben, das ich nicht retten konnte…“ Er hatte es selber ausgelöscht. ,, Ich bin…“ ,, Kellvian!“ Polternde Schritte auf der Treppe des Turms und der Ruf Zyles unterbrachen ihn. Es sah so aus, als hätte das Schicksal oder der Zufall für ihn entschieden. Kell seufzte. Hatte er grade nicht nur eine gute Ausrede erhalten? Er war ein verfluchter

Feigling. ,, Ist nicht so wichtig. Es ist alles Vergangenheit. “ , sagte er, bevor er sich Zyle zuwendete. ,,Was ist los ?“ , fragte Jiy. ,, Ihr seht ja aus als wäre ein Sanguis-Zauberer hinter eurem Fell her.“ Das Schwert und den Schild in der Hand deutete Zyle zur Tür. ,, So was in der Richtung. Wir bekommen Besuch und ich bin mir ziemlich sicher, die sind nicht hier um guten Abend zu wünschen.“ Kellvian sprang auf und nahm sein Schwert von dem Ausrüstungsstapel an der Wand. ,, Seit ihr euch sicher ?“ , wollte er

wissen. ,, Sie haben Lunten für ihre Gewehre dabei.“ , erwiderte Zyle nur, bevor er wieder zur Tür deutete und zeitgleich seinen Rucksack schulterte. ,, Sie wissen, dass wir hier sind, wenn sie schon bewaffnet auftauchen. Wenn wir im Turm bleiben sind wir aufgeschmissen, aber wenn wir Glück haben, können wir über den Hof die Straße hinab entkommen, bevor unsere unbekannten Freunde die Brücke hinter sich haben.“ ,, Das heißt, ihr setzt darauf, dass wir außer Sicht kommen, bevor die bemerken, das hier niemand mehr ist.“ , sagte

Jiy. ,, Genau das. Aber wenn ihr euch ihnen lieber entgegenstellen wollt, bitte… Mich stört nur der Umstand, dass diese Kerle Gewehre haben und ich und Kellvian lediglich Schwerter. Nicht zu vergessen, das ihr unbewaffnet seid. Das ist kein ausgeglichener Kampf.“ Mit diesen Worten verschwand Zyle in der Nacht und überließ es offenbar ihnen, ob sie ihm folgten. Kellvian musste zugeben, dass der Mann Recht hatte. Und auf einen Kampf war er so oder so nicht aus. Aber ihm machte etwas ganz anderes ohnehin viel mehr zu schaffen. Er hatte eine Entscheidung getroffen, die er nur

bereuen konnte…

Kapitel 25 Gejagt

Jiy konnte den Luftzug der Kugel spüren, die durch ihr Fell flog und ihre Schulter nur knapp verfehlte. Sie waren nicht weit gekommen und Zyles Hoffnung, in der Dunkelheit einfach vor der Nase der Fremden zu verschwinden somit zu Nichte. Obwohl der Mond momentan von Wolken verdeckt war, hatten sie sich nicht verbergen können. Die Gejarn sah zurück über den Innenhof der verfallenen Erdwacht. Nicht einmal die Hälfte des Wegs bis zum zweiten Tor der Anlage hatten sie geschafft. Ein weiterer glühender Punkt in der Nacht zu ihrer rechten, veranlasste sie dazu, sich

flach auf den Boden zu werfen. Ein Lichtblitz erhellte kurz eine dunkel gekleidete Gestalt, die sich bemühte mit ihrem Luntengewehr zu zielen. Nachbilder brannten sich in ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Das Projektil jedoch verfehlte sie diesmal weit. Die Waffen ihrer Verfolger waren um einiges ungenauer als die Garde- Musketen. Das und die Dunkelheit rettete ihnen im Moment noch das Leben. Offenbar stand der Schütze auf dem Kam einer der verfallenen Mauern, welche den Burghof einschlossen. Weitere, nach Zyles Bericht mindestens fünf, waren irgendwo hinter der kleinen

Gruppe Flüchtender. Kellvian war hinter einer nur noch halb stehenden Hausfassade in Deckung gegangen und spähte zurück zu ihren Verfolgern. Offenbar hatten sie ihre Munition verschossen, den plötzlich durchdrang das Geräusch von Klingen, die gezogen wurden die Nacht. Jiy beeilte sich, wieder zu Kell aufzuschließen, während Zyle sich alle Zeit der Welt zu lassen schien, bis er selber hinter einer der Ruinen verschwand. ,,Soviel dazu unbemerkt zu bleiben.“ , meinte Kellvian und spähte angestrengt in die Dunkelheit. Jiy konnte im Dunkeln besser sehen.

Vier Fremde standen keine hundert Schritte entfernt, Degen und Säbel in der Hand. Die Gewehre hatten sie schlicht auf einem Stapel zurückgelassen. Einer der Männer musste nach wie vor auf der Mauer Rechts von ihr sein. Aber wo war der letzte der Gruppe? Vielleicht hatte Zyle sich ja geirrt. Plötzlich erhellte Feuerschein die Dunkelheit, als die Fremden begannen, Fackeln zu entzünden. Ihre Kleidung war einheitlich schwarz. Vermutlich um besser mit der Dunkelheit verschmelzen zu können. Jetzt freilich, wo ihnen klar war, das sie bemerkt worden waren kam es darauf nicht mehr an. Langsam schwärmten die vier aus und

verteilten sich über die gesamte Breite des Innenhofs. Sie sprachen kein Wort, als hätten sie genau Abgesprochen, wie sie vorgehen wollten. Offenbar waren das keine gewöhnlichen Strauchdiebe, die gehofft hatten, ein paar Reisende überraschen zu können. ,,Was machen wir jetzt ?“ , wollte Jiy wissen. Sie hatten keine Angs. Noch nicht. Aber der langsam näher rückende Linie aus Fackeln konnten sie nicht entgehen. ,,Du hältst schon mal den Kopf unten.“ , antwortete Kellvian , bevor er zu Zyle sah. ,,Ihr denkt was ich denke ?“ , wollte der Gejarn wissen und

grinste. ,,Nicht, das es mir gefallen würde, aber eine große Wahl haben wir nicht mehr.“ Mit diesen Worten setzten sowohl Kellvian als auch Zyle ihre Rucksäcke ab. Den Schild jedoch behielt der Krieger aus Laos. Jiy sah beunruhigt von einem zum anderen. Wenn sie bloß auch eine Waffe hätte, aber nur mit Fäusten oder Krallen kam man gegen Klingen nicht an. Da entdeckte sie endlich den fehlenden Mann. Eine glühende Lunte verriet ihn auf der Mauer zu linken. Die Fremden wollten sie so gut es ging Einkreise und der Schütze dort oben hatte freies

Schussfeld… Kellvian hielt den Atem an, während e den Griff des Degens fester packte. Seine Hände schwitzten, während er zusah, wie der Lichtschein näherwanderte. Die Männer waren vorsichtig, ihnen war klar, dass ihre Beute noch in der Nähe war. Aber warum jagten diese Leute sie? Sicher, Gruppen von Marodeuren und Banditen gab es immer wieder, auch wenn die Garden meist kurzen Prozess mit ihnen machten. Aber diese Leute schienen zu gut ausgerüstet dafür. Und zu diszipliniert. Er sah zu Zyle. Der Laos schien völlig ruhig, ja er hatte sogar die Augen

geschlossen… Das Schwert ruhte mit der flachen Seite auf seiner Schulter. Der erste Schatten tauchte um die Ecke der Ruinen auf, hinter denen sie sich verborgen hielten und zeitgleich stürzte Zyle vor. Kellvian selbst zögerte nur kurz, dann tat er es ihm gleich. Ihre vier Gegner zeigten keinerlei Überraschung, während zwei von ihnen auf Zyle losgingen. Und im gleichen Augenblick fand Kellvian sich auch schon von zwei Gegnern gleichzeitig bedrängt. Er durfte nicht zulassen, dass sie ihn beide angriffen… Zyle wehrte einen Hieb mit dem Schild ab. Der Schlag klang hell über das

Ruinenfeld wieder. Der Schwertmeister stieß den Schild hoch und rammte seinem Gegner die Kante unters Kinn. Dieser stolperte zurück und behinderte dadurch seinen Gefährten. Mit geübter Ruhe setzte Zyle einen Hieb nach, während sein Gegner noch versuchte, einen sicheren Stand wiederzufinden. Der Mann hatte einen simplen Fehler gemacht. Er hatte die Abwehr und Geschwindigkeit seines Gegners unterschätzt. Die Klinge fuhr dem Fremden ohne Wiederstand in die Rippen. Das war beinahe zu einfach gewesen. Der zweite Angreifer starrte mit Unverständnis auf den zu Boden

sinkenden Körper. Als ob er nicht verstehen könnte, wie der Kampf nach wenigen Sekunden hatte vorbei sein können. Dann aber fing sich sein Gegner wieder und umklammerte seinen Säbel jetzt mit beiden Händen. Der Mann war deutlich klüger, als sein Vorgänger. Statt blind vorzustoßen versuchte er Zyle nun einzuschätzen. Plötzlich ließ sein Gegner die Waffe sinken und warf etwas hoch, das Zyle im ersten Moment für Staub hielt. Ein Blendtrick, der jedoch kaum funktionieren würde. Er stand viel zu weit weg. Im nächsten Moment glühten die funkelnden Körner auf und schienen die

einzelnen verirrten Strahlen Mondlicht tausendfach zu verstärken. Es waren lauter kleine Kristalle… Magie. Zyle begriff fast zu spät was vor sich ging und schloss die Augen. Im selben Augenblick riss er Schild und Klinge vor den Oberkörper um sich so gut wie möglich zu schützen. Die gleißende Helligkeit des Zaubers blendete ihn selbst noch durch seine geschlossenen Augenlieder. Sobald das Licht jedoch zu verblassen begann, öffnete er sie wieder. Sein Gegner hatte den kurzen Moment genutzt und die Klinge zu einem Stoß auf seine ungeschützte Kehle gehoben. Zyle riss den Schild hoch und konnte den Hieb

grade noch abfangen. Sofort setzte der Gejarn zu einer Riposte an, welche der Fremde jedoch mühelos abfing und seinerseits einen Schlag gegen Zyles Brustkorb führte. Diesmal konnte er sich nur dadurch retten, dass er ein gutes Stück zurückwich. Die gebogene Klinge seines Gegners raste um Haaresbreite an ihm vorbei und Schnitt in den Stoff seiner Kleidung. Er sammelte sich. Dass er noch lebte, war reines Glück. Das kleinste Stück näher und der Hieb hätte ihm die Brust gespalten. Zyle hatte den Mann unterschätzt. Diese Leute waren Diszipliniert, das musste Zyle ihnen lassen. Auch wenn

ihm der seltsam leichtfüßige Kampfstiel Cantons zuwider war, gefährlich war geschliffener Stahl auch hier. Neben ihm hatte Kellvian sichtlich Mühe, sich gegen zwei Gegner gleichzeitig zu wehren. Das einzige, was dem jungen Menschen übrigblieb um zu verhindern, dass er von zwei Seiten gleichzeitig angegriffen wurde war, immer weiter zurückzuweichen. Und da geschah es. Einer von Kells Gegner wagte sich ohne den anderen vor und stand einen Augenblick völlig offen. Aber statt die Chance zu nutzen, wich Kellvian nur weiter zurück. Was ging nur in diesem Mann vor? Hatte er nicht gesehen, dass einer der Fremden

seine Deckung völlig ignoriert hatte? Wie es aussah, wäre Kellvian den Männern einzeln zumindest deutlich überlegen gewesen, auch wenn er aus Zyles Sicht zögerlich und viel zu zurückhaltend kämpfte. Wie jemand, der bisher selten echte Gegner gehabt hatte. Trotzdem nickte Zyle anerkennend. Viel Zeit blieb dem Gejarn aus Laos aber ohnehin nicht mehr, um noch darüber nachzudenken. Der überlebende Angreifer ging jetzt wieder auf ihn los, diesmal mit einer raschen Folge aus Schlägen. Sein Gegner wollte diesen Kampf offenbar auf Ausdauer führen. Zyles Waffe und der Schild waren viel schwerer und würden ihn schneller

ermüden lassen. Kellvian duckte sich unter einem Hieb seiner Gegner weg, der auf seinen Kopf zielte. Im gleichen Augenblick sprang allerdings der zweite Fremde vor und verpasste ihm mit dem Knauf seiner Waffe einen Schlag ins Gesicht. Bis grade war er unverletzt aus dem Kampf hervorgegangen, auch wenn es ihm Mühe kostete, die beiden bewaffneten Männer gleichzeitig auf Distanz zu halten. Bevor Kell sich wieder fangen konnte, waren bereits beide Kämpfer heran und setzten ihm erneut zu. Auch wenn beide offenbar

geübte Kämpfer waren, er bemerkte die Lücken in ihrer Verteidigung, tat aber nichts. Er wollte niemanden töten aber… war er darüber nicht ohnehin schon hinaus? Die beiden gegnerischen Krieger waren mit leichten Säbeln bewaffnet, wie man sie bei der Kavallerie des Kaiserreichs fand. Waffen, die eher dafür gedacht werden vom Pferderücken aus genutzt zu werden um Gegner mit einem einzigen Streich niederzustrecken. Beide trugen die gleiche schwarze Kleidung wie der Rest der Truppe, die Zyle entdeckt hatte. Sie hielten Kellvian, der sich bisher fast ausschließlich Defensiv verhalten hatte wohl nicht länger für eine große

Bedrohung. Der kleinere seiner Gegner führte einen schlecht gezielten Hieb auf seine Kehle. Ihm bleib keine Wahl Kellvian wich durch eine Drehung zur Seite aus. Die Klinge schnitt ihm über die Wange. Er konnte warmes Blut spüren, das ihm langsam den Hals hinab lief. Die Wunde war weder tief noch besonders gefährlich. Und der Angreifer aber würde keinen weiteren Versuch haben. Kellvian stieß zu, bevor seinem Gegner klar war, dass er ihn verfehlt hatte. Der Mann erstarrte mitten in der Bewegung, als ihm der Stahl in den Körper drang. Kell riss das Schwert sofort zurück. Der verletzte Angreifer stolperte, die Augen immer

wieder zwischen der klaffenden Wunde und Kellvian hin und her wechselnd. Dann starrte er zu Zyle herüber, wo bereits einer der Kämpfer gefallen war. Offenbar wurde ihm klar, dass sie ihre Beute vielleicht unterschätzt hatten. Kellvians erster Gegner sackte in sich zusammen ob tot oder nur Ohnmächtig spielte keine Rolle. So oder so, der Mann war keine Gefahr mehr. Dafür attackierte ihn nun der verbliebene Kämpfer umso verbissener. Hatte der erste Mann ihn unterschätzt und war ihm das zum Verhängnis geworden, der zweite Krieger würde wohl kaum diesen Fehler wiederholen. Wieder wurde Kellvian in die Defensive gedrängt. Er hatte Mühe,

die Schläge seines Gegners abzufangen und dabei überhaupt noch eigene Attacken anzubringen. Kells Sinne schienen bis aufs äußerste Gespannt, als er einen wuchtigen Säbelhieb blockierte, der alle Knochen in seinem Körper zum Zittern brachte. Anstatt sich auf ein Kräftemessen mit seinem Gegner einzulassen, sprang er ein Stück zurück und führte einen Rückhandstoß gegen den Schädel seines Gegners. Die Klinge drang ihm tief ins Auge. Wie ein Sack fiel der Krieger einfach um, ohne einen weiteren Ton. Kellvian atmete schwer. Sein Gesicht schmerzte von dem Hieb, den er abbekommen hatte und dem Schnitt auf

der Wange. Einen Augenblick war er versucht, das Schwert in seiner Hand einfach fallenzulassen. Er hatte sich nur Verteidigt. Sein Schwur sich selbst gegenüber blieb bestehen. Trotzdem widerte ihn der Gedanken an, die zwei Kämpfer eben getötet zu haben. Aber es war noch nicht vorbei… Kellvian drehte rasch den Kopf um zu sehen, wie Zyle seinem verbliebenen Gegner das Schwert aus der Hand prellte. Der Mann aus Laos gewährte keine Gnade sondern streckte den Krieger, der noch schützend die Hände hob, einfach nieder… Kell wollte sich wegdrehen, als ihm jedoch ein glühender Lichtpunkt hinter

dem Gejarn auffiel. Auf der Mauer war noch immer der Schütze und während die vier sie beschäftigt hatten, hatte er alle Zeit der Welt gehabt, die Flinte wieder zu laden. ,, Zyle !“ Kellvian war sich sicher, das seine Warnung zu spät kam. Zyle machte keine Anstalten in Deckung zu gehen, stattdessen hob der Mann den Schild, während fast zeitgleich eine kleine Flammenzunge den Schützen auf dem Mauerkamm enthüllte. Das Metall würde gegen eine Kugel nicht viel ausrichten, dachte Kellvian. Ein gewaltiger Schlag, als hätte der Hammer eines Riesen den Rundschild des Gejar getroffen belehrte ihn jedoch eines

Besseren. Das Projektil prallte davon ab und flog im hohen Bogen davon. Der nun nur noch an der Glut der Lunte erkennbare Schütze machte sich offenbar davon, den von einem Moment auf den anderen verschwand der orangerote Lichtpunt und der nur noch undeutlich erkennbare Schemen. Zyle nichte anerkennend, während er das Schild sinken ließ. Das Projektil hatte nicht einmal eine Beule darin hinterlassen. ,, Mythril. Das hält sogar einer Kugel stand. Und es ist wohl der Hauptgrund, aus dem uns euer Imperium mittlerweile fürchtet. Gut gekämpft übrigens.“ ,, Danke“ , erwiderte Kell. Seine Hände

zitterten leicht, während er das Schwert zurück in die Hülle gleiten ließ. ,, Ihr auch“ Er sah sich rasch um. Vier der schwarzgewandeten Krieger lagen Tod auf dem Hof der verfallenen Erdwacht verteilt. Der Schütze auf der Mauer zu seiner Rechten war entweder geflohen oder hatte sich versteckt. Er konnte nicht damit rechnen, es alleine mit ihnen aufzunehmen. Aber Zyle hatte von mindestens sechs Personen berichtet, die die Brücke überquert hatten. Wo war der letzte Mann? Langsam ließ er den Blick über die Mauern und zusammengebrochenen Türme wandern. Bis ihm ein weiterer Glutpunkt ins Auge

fiel, der schwach das Gesicht einer weiteren Gestalt beleuchtete. Das Gewehr auf eine Schulter gestützt zielte die Mündung direkt auf Kellvian. Jiy musste sich zwingen nicht dauernd zu dem Kampf auf dem Hof zurückzublicken. Das Aufeinanderprallen von Stahl schien alle anderen Geräusche ausgeblendet zu haben. Aber sie konnte es sich nicht erlauben, sich jetzt zu viele Sorgen um Kellvian oder auch Zyle zu machen. Gegen vier bewaffnete konnte sie nicht viel ausrichten. Die Gejarn rannte um ein verfallenes Gebäude herum, hinter dem eine Treppe hinauf auf die Mauer führte. Und dort

oben musste der letzte ihrer Verfolger lauern, bewaffnet mit einem Gewehr und nur auf eine Gelegenheit wartend… Einen Fuß vor den anderen setzend und geduckt schlich sie die Treppe hinauf Jiy konnte sich fast lautlos bewegen, wenn sie wollte. Ihre Schritte gaben kein Geräusch von sich, das menschliche Ohren zu hören vermocht hätten. Das war es, was sie in Lore gerettet hatte. Und Kellvian hatte gesagt er war dort gewesen. Jetzt war nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, aber sie hatte den Schmerz in der Stimme des Mannes gehört. War er nach dem Angriff dort gewesen? Durch die rußgeschwärzten Ruinen gewandert, in

denen vielleicht selbst jetzt noch vereinzelte Feuer glommen? Vielleicht würde sie selbst auch eines Tages dorthin zurückkehren. Herausfinden, wer überlebt hatte und den Ort wiederaufbauen… Und vielleicht könnte Kellvian ihr dabei helfen. Der Gedanke hatte etwas. Sie würde ihn fragen. Wenn sie das hier überlebten. Jiy verbannte das warme Gefühl aus ihrem Bauch und Kopf wieder dahin wo es gehörte. Weit weg. Sie hatte jetzt den Kamm der verfallenen Mauer erreicht. Eine einzige Gestalt, ein Gewehr im Anschlag und eine brennende Lunte in der anderen Hand, kniete am Rand des

Walls und spähte auf den Hof hinaus. Der Klang der Schwerter war mittlerweile verstummt. Nicht darüber nachdenken, sagte Jiy sich selbst, musste dann aber doch hinsehen. Kellvian lebte, genauso wie Zyle. Der Fremde aus Laos sah zu ihr hinauf. Er musste die Gejarn entdeckt haben, war aber klug genug nichts zu sagen. Stattdessen begann er wie beiläufig die Toten zu durchsuchen. Der Schütze war nach wie vor weit genug weg, um die Waffe auf Jiy zu richten, würde er sie bemerken. Das schien aber wenig wahrscheinlich. Seine komplette Aufmerksamkeit galt den zwei Gestalten auf dem Platz und einem Papierfetzen, den er zusammen mit

der Lunte hochhielt. Plötzlich spannte der Schütze sich an. Kellvian hatte ihn entdeckt…. Und stand mitten im Schussfeld. ,, Gut Nacht Kaiser.“, flüsterte die Gestalt. Einen Augenblick war die Gejarn nicht in der Lage zu handeln. Wen meinte der Schütze? Sie hatte sich sicher bloß verhört… Bevor der Mann dazu kam, die Lunte auf die Pulverpfanne zu drücken, sprang Jiy vor und riss ihn fast um. Ein Schuss löste sich, jagte aber wirkungslos in die Dunkelheit davon. Der Mann trat nach der Gejarn und versuchte nach einem Kurzschwert zu greifen, das an seinem Gürtel hing. Sie

hingegen war unbewaffnet. Sie konnte dem tritt nicht völlig ausweichen und bekam den Stiefel ihres Gegners in die Seite. Dann schlug sie blind zu. Der Schütze kam ins Straucheln und bevor Jiy es richtig begriffen hatte, verschwand er über die Mauerkante in der Dunkelheit. Er schrei nicht, als er fiel. Er wurde einfach von der Nacht verschluckt. Einen Augenblick konnte sie ihm nur fassungslos nachsehen. Jiy richtete sich vorsichtig auf. ,, Alles in Ordnung ?“ , rief Kellvian aus dem Hof. Sie nickte nur, bis ihr klar wurde, dass er sie in der Dunkelheit wohl kaum sehen konnte. ,, Ja. Ich glaube

schon.“ Kellvian wollte Jiy schon entgegengehen, als Zyle ihn plötzlich am Arm zurückhielt. ,, Ihr habt vorhin einen der Angreifer mehrfach verschont.“ , sagte er ernst. ,, Keiner dieser Männer musste sterben.“ , erwiderte Kelle entschieden und riss sich los. Er würde sich von jemand, der einen unbewaffneten niederstreckte sicher keine Vorwürfe anhören… Und er wollte nach Jiy sehen. Und hier weg, dachte er schnell, als wollte er sich für den vorherigen Gedanken entschuldigen. ,, Das ist dumm, Kell, ihr riskiert selber

getötet zu werden nur um einen anderen nicht zu verletzen… Ich korrigiere mich, dass ist Feige.“ ,, Vielleicht bin ich ein Feigling.“ ,, Ihr kämpft nicht wie einer. Und ihr könntet mir das hier erklären.“ Der Mann warf ihm zwei Gegenstände zu. Ein kleines Stück Papier… und ein Amulett, das einen goldenen Blutstropfen in einem Metallring zeigte… Das Symbol des Sanguis-Ordens. Wie konnte…. Nein, das hatten sie sicher einfach gestohlen. Das würde auch erklären wieso sie Magie benutzt hatten. Zwar wüsste er nicht, wer so verrückt wäre, den Orden zu berauben oder gar zu überfallen, aber das schien die einzige

Möglichkeit zu sein. ,, Sie haben Zauber benutzt Kell.“ ,, Das war nichts besonderes.“ , erwiderte er, während den Zettel, den Zyle ihm gegeben hatte entfaltete. ,, Ein billiger Blendzauber, übertragen auf etwas Kristallstaub, nicht mehr als etwas Lichterspiel. Hätten diese Leute Artefakte oder richtige Zauberer gehabt, ich bezweifle, dass wir jetzt noch hier stehen würden.“ Kellvian verstummte, sobald er den kleinen Bogen Papier entfaltet hatte. Es dauerte einen Moment, ist er Verstand, was er da sah. Es war eine Zeichnung. Keine besonders gute, die Haare waren noch so, wie er sie im Palast getragen hatte. Dazu schienen

seine Züge etwas verschwommen. Aber…. Das war er, unverkennbar. Und Zyle war es auch aufgefallen. ,, Das ist seltsam.“ , sagte Kellvian ruhig. Doch diesmal war seine Ruhe gespielt. Wer ? ,, Diese Kerle habe gezielt nach euch gesucht.“ , erklärte Zyle. ,, Und ich will wissen warum.“ ,, Gute Frage.“ Kellvian faltete das Blatt zusammen. ,, Eine sehr gute Frage.“ Und woher hatten sie ein Bild von ihm. Es gab genug Leute, die sich einen Vorteil davon versprechen könnte, den Erben des Kaisers tot zu sehen. Aber nur die wenigsten wüssten wohl so genau, wie er

aussah.

Kapitel 26 Seitenwechsel

Jahr 253 der Herrschaft der Belfare Überfahrt nach Canton Tag 12 Zachary geht’s besser. Das Amulett hilft. Ich kann die Magie darin selbst spüren, wenn er am anderen Ende der Windrufer ist. Unheimlich, wie viel Macht in diesem Stein stecken muss. Der Kerl aus Laos hat sich heute beschwert. Offenbar irgendwas über die Crew. Habe ihm gesagt, was ich davon halte. Desto schneller wir ihn los sind, desto besser. Wäre es nicht wegen Zac… Der Junge hat viel durchgemacht. Aber ich kann ihn nicht zurück nach Silberstedt bringen.

Ich habe lange genug Ketten getragen und wieder welche Anlegen lass ich mir nicht mal für den Kleinen. Ich werde nie wieder Geschäfte mit Helike machen. Das gibt nur Ärger. Jahr 253 der Herrschaft der Belfare Überfahrt nach Canton Tag 18 Die Küste sollte bald in Sicht kommen. Wir haben soeben die Inseln der großen Landbrücke nach Süden passiert. Keine unerfreulichen Ereignisse. Zyle, der Laos, schweigt jetzt die meiste Zeit. Gut für ihn. Gut für uns. Das einzige, was die Männer beunruhigt, sind unsere beiden ,,Gäste“ . Der eine ,

Cyrus, ist ein Wolf-Gejarn. Ziemlich unfreundlicher Kerl, wie es den Eindruck macht, verhält sich aber wenigstens unauffällig. Habe ihnen erlaubt, sich im Schiff frei zu bewegen. Glaube nicht, dass sie dumm genug für einen Fluchtversuch sind. Wenn das Imperium für sie zahlt habe ich keinen Grund sie schlecht zu behandeln. Das eigentliche Problem ist der Arzt, dieser Erik Flemming. Manch der Crew haben Angst vor dem weißhaarigen Kerl. Denken wir hätten einen Klabautermann an Bord. Wenn ich etwas für Aberglauben übrig hätte, würd ich ihnen das glatt glauben. Er verhält sich, als wär er hier Zuhause. Die Leute

haben ihn jetzt dreimal erwischt, wie er sich Nachts aus einer verdammten Verschlossenen Zelle stiehlt und angeblich einfach nur an Deck herumsteht. Am Morgen geht er dann zurück. Ich hoffe, da hat jemand zu tief ins Rumfass geschaut. Jahr 253 der Herrschaft der Belfare Überfahrt nach Canton Tag 23 Habe heute diesen Zyle über Bord geworfen. Das tat gut. Aber wie es aussieht, werden wir verfolgt. Ich wusste dass das Ärger gibt. Man zerstört nicht eben so einen kaiserlichen Hafen, ohne, dass das folgen

hat. Aber Geschäft ist Geschäft. Die verdammten Laos lehnen Magie ab oder dürfen keine verwenden, was weiß ich. Und deshalb brauchten sie uns. Oder besser Zac. Eine seltsame Art, Gesetzte zu umgehen, haben diese Archonten. Jahr 253 der Herrschaft der Belfare Überfahrt nach Canton Tag 28 Die Schiffe sind jetzt viel zu nah. Es sind drei. Vor Morgen werden sie uns

einholen… -Auszug aus dem Logbuch der Windrufer -Verfasst von Eden Maadaj Beschlagnahmt von der kaiserlichen Marine und verwahrt in den Archiven zu Vara , Verschlusssache Als Cyrus an Deck gelangte, schlug ihm bereits Pulverdampf entgegen, welcher die ganze Luft erfüllte. Einer der drei Masten der Windrufer brannte, die Segel nur noch glühende Stoffbahnen, aus denen Asche auf das Deck rieselte. Kanonenkugeln hatten die hölzerne Schiffsreling stellenweise zerfetzt oder

waren durch die Deckplanken geschlagen Einige der Piraten lagen hingestreckt auf den Planken, entweder durch den Zauber, der das Schiff getroffen hatte oder durch die Kanonen der zwei verbliebenen Galeonen. An anderer Stelle herrschte helle Aufregung, in der sie niemand zu bemerken schien. Die überall schwelenden kleinen Brände wurden mit eimerweise Wasser gelöscht, nur um sich gleich darauf wieder zu entzünden. Das war magisches Feuer. Es würde erst ausgehen, wenn es keine Kraftquelle mehr hätte und die war in diesem Fall der Zauberer, der sich auf einem der beiden Schiffe befinden

musste Von diesen wurden nun Enterhacken über die Reling der Windrufer geschleudert, die sich sofort im hölzernen Deck des Linienschiffs verhakten. Die zwei kaiserlichen Schiffe würden die Piraten schlicht in die Zange nehmen. Eines von der See und eines von der Küstenseite. An Feuerkraft konnten sie es mit dem schwer bewaffneten Schiff nicht ganz aufnehmen, aber zahlenmäßig waren sie wohl trotz des Verlustes eines Schiffes überlegen. Eden, klar zu erkennen an einem Roten Mantel, der ihr über die Schultern fiel, rief Befehle, worauf die Crew begann, die Halteseile der Hacken

durchzuschneiden, um zu verhindern, dass die Windrufer an das eine oder das andere imperiale Schiff gezogen wurde. Cyrus war klar, dass der kleine Haufen Freibeuter einen vergeblichen Kampf führte. Irgendwann würden die kaiserlichen Gardisten an Bord kommen. Und dann… Ja, was dann ? Er sah zu Erik, an dem das Chaos völlig vorbeizugehen schien. ,, Hey Miss!“ , rief er über das tosen der Flammen und die Schreie von allen drei Schiffen hinweg. ,, Das sieht ziemlich übel aus, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“ Eden sah auf. Eine Schramme verlief über ihre Stirn, aus der Blut in Pelz und

Haare sickerte. Der dunkelhaarige Junge mit den türkisfarbenen Augen stand einfach stumm an ihrer Seite und sah zu dem Schiff, das von der Seeseite aus Angriff. Flemming hingegen trat auf die Kapitänin zu und warf ihr den abgebrochenen Pfeifenkopf vor die Füße. ,, Ihr schuldet mir was.“ Cyrus folgte ihm kopfschüttelnd, während sich die Kämpfe an der Reling fortsetzten. Sie mussten hier runter, auf eine der beiden Galeonen. Oder sich ein Boot schnappen um zur Küste zu gelangen. Zum Schwimmen war es definitiv zu weit. Die im Meeresdunst verborgenen Berge Cantons erhoben sich

lediglich als undeutliche Schemen am Horizont. Eden ignorierte sie beide mehr oder weniger, während sie weitere Befehle gab. Eine Kugel, ob von den eigenen Leuten oder von den Galeonen, riss ihr den Dreispitz vom Kopf. ,, Haltet sie von der Reling fern. Kanonen nachladen. Wir zerschmettern diese Nussschalen zu Kleinholz, bevor sie an Bord gelangen. Bringt Zachary…“ Erst jetzt schien ihr aufzufallen, dass der Junge schon die ganze Zeit auf das Heck des Schiffs an der Seeseite starrte. Eine einzelne Gestalt stand dort im sich langsam verziehenden Rauch. Die Kämpfe an der Reling kamen mit einer

Handbewegung zum Erliegen, auf die sich die imperialen Gardisten zurückzogen und innehielten. Eines nach dem anderen verloschen auch die magischen Feuer an Deck der Windrufer. Es wurde beinahe gespenstisch still nach dem Lärm zuvor. Cyrus folgte Zacharys Blick. Das gab es doch nicht. Ein trotz seines jungen Aussehens völlig ergrauter Mann stand am Heck der Galeone und sah schweigend zu ihnen herüber. Ein türkisfarbener Umhang mit einem goldenen Blutemblem viel um seinen ausgezehrt wirkenden Körper. Er hatte sich auf einen Stock gestützt. Cyrus kannte diese Gestalt. Der Hochmagier

aus Kalenchor. Also war der Hafen doch nicht völlig zerstört worden. Aber was machte der Mann hier draußen? Der war sicher nicht wegen ihm und Erik hier. ,, Mein Name ist Aurelius. Ich bin Großmagier des Sanguis-Orden und hier um etwas einzufordern, das uns gehört. Wer ist euer Anführer?“ Eden zog Demonstrativ den Säbel vom Rücken und richtete die Klinge auf die Gestalt. Nicht, dass man mit einem Schwert gegen einen Zauberer etwas ausrichten könnte, dachte Cyrus. Der Mann stand zu weit weg und musste lediglich denken um jemanden zu töten. ,, Das wäre dann wohl ich.“ Cyrus selbst hob rasch eine der auf dem

Deck verstreut liegenden Waffen der Gefallenen auf. Eine leichte Axt und eine hoffentlich geladene Steinschlosspistole. Wie immer das hier auch ausging, er wollte sich lieber verteidigen können. Die Augen des Zauberers wanderten von der Kapitänin der Windrufer zu Zac, dann weiter über die verstreut stehenden Crewmitglieder. Er musste ihn gesehen haben, dachte Cyrus. Aber augenscheinlich war dem Magier das egal. Wie er es schon in Kalenchor angedroht hatte… Langsam wanderte der Blick des Magiers zurück zu Zachary. Oder besser gesagt zu dem tiefblauen Saphiranhänger um dessen

Hals. ,, Ihr werdet mir geben was ich will.“ , sagte Aurelius langsam. ,, Dann werde ich davon absehen, euch alle auf den Meeresgrund zu schicken. Oder ihr wehrt euch. Ich kann dieses Artefakt, das ihr besitzt zum Orden bringen oder für alle Ewigkeit den Wogen übergeben. Mir ist es gleich. Aber vielleicht euch nicht.“ Cyrus seufzte. Die waren nicht hier um ihn oder Flemming zu retten. Der Orden war nur hinter dem verdammten Amulett her, welches der Junge Zac um den Hals trug. Was immer es auch war… Das Artefakt, das Kalenchor zerstört haben musste. Und entweder würden sie es bekommen sicherstellen, dass niemand

es erhielt. Das war typische Ordensmentalität und Cyrus verfluchte sie dafür. Was sie nicht haben konnten, das vernichteten sie lieber. ,, Wir müssen hier weg.“ , sagte er leise. Flemming schien wenig begeistert. ,, Und wie weit glaubt ihr kommen wir beide ?“ , fragte er. ,, Ich bin zu alt zum Schwimmen im kalten Wasser mein Freund und schaut euch nur einmal um.“ Er deutete die Reling der Galeonen entlang, welche die Windfänger blockierten. Musketenschützen hatten dort Aufstellung genommen und warteten nur noch auf das Zeichen des Zauberers. Es war nach wie vor fast totenstill auf dem Deck. Eden

schien nicht wirklich gewillt, der Forderung des Großmagiers nachzukommen. Aber noch zögerten beide Seiten, wieder das Feuer zu eröffnen. Die Crew der Windrufer hatte ihrerseits an den Schiffsseiten Aufstellung genommen und zielte mit einem bunten durcheinander aus Luntengewehren, Steinschlossmusketen und Pistolen auf die Gardisten. Zum Erstaunen aller aber, war es Zachary, der plötzlich vortrat. Eden versuchte ihn zurückzuziehen, aber der Junge war erstaunlich schnell. Seine türkisfarbenen Augen waren nach wie vor auf den Ordensmagier gerichtet. Das weiße Hemd das er trug war mit Ruß

verschmutzt. ,, Ihr wollt das hier.“ Zac löste den bauen Edelstein von seinem Hals und hob die Kette hoch. Aurelius wirkte plötzlich unsicher. ,, Wer…“ Dann brach er in Lachen aus. ,, Also ist der Magier der Kalenchor vernichtete… ein halbes Kind. Wusstest du überhaupt was du getan hast Kleiner? Weißt du, was du da in Händen hältst?“ ,, Einen Schlüssel. Eine Entscheidung.“ Dem Ordensmagier verging das grinsen auf einen Schlag. Kurz meinte Cyrus sogar, so etwas, wie Angst in den trüben Augen des Mannes zu entdecken. ,, Zac, was soll das.“ Eden trat vor und schubste den Jungen entschieden hinter

sich, die Waffe nach wie vor mit einer Hand auf den entfernten Magier gerichtet, die andere im Mantel verborgen. ,, Ich darf also davon ausgehen, das ihr eure Entscheidung getroffen habt.“ ,, Worauf ihr wetten könnt.“ Mit einer Bewegung riss die Kapitänin eine Pistole hoch und drückte ab. Die Entfernung war groß, aber nicht zu weit, dachte Cyrus. Doch einen Zauberer derart offen anzugreifen, das war Wahnsinn. Die Bleikugel prallte von einer rötlich schimmernden Barriere ab, die sich blitzschnell um Aurelius legte. Sofort brach der stumme Waffenstillstand zwischen den drei Schiffen.

Flammenzungen schlugen aus den Mündungen der Gewehre. Auf beiden Seiten fanden die Kugeln ihr Ziel und innerhalb von Augenblicken waren die Planken der Schiffe rutschig von Blut. Die gesamte erste Reihe der Gardisten auf dem Schiff des Hochmagiers wurde niedergestreckt, während gleichzeitig aber auch viele der Piraten verletzt oder tot zu Boden gingen. Und sie waren weniger… Die zwei Galeonen waren voll besetzt, die Windrufer nicht. ,, So sie es dann. Das war euer Todesurteil.“ Die Stimme des Großmagiers war nach wie vor auch über den Lärm des Gewehrfeuers deutlich zu hören. Fast beiläufig hob er eine Hand

um die plötzlich bläuliche magische Flammen tanzten. Das Feuer verstärkte sich innerhalb weniger Sekunden, bis es wirkte, als hätte der Magier eine Miniatursonne in der Hand, dann stieg der Flammenball in die Luft und jagte über die Kurze Entfernung zwischen den beiden Schiffen auf Eden und damit Zac zu , die noch versuchte auszuweichen. Das magische Projektil änderte jedoch sofort die Richtung. Bevor der Feuerball die Kapitänin jedoch endgültig erreichte, stand plötzlich Erik zwischen ihr, Zachary und dem Flammenzauber. Die brennende Kugel traf ihn und detonierte in einem tosenden Inferno. Ein Wirbel aus Flammen jagte über das

Deck, und nur wer es rechtzeitig schaffte, sich rechtzeitig zu ducken, blieb davon verschont. Die Wucht des Zaubers traf selbst noch das Schiff auf der Küstenseite, dessen Segel zu glühenden Fetzen zerstäubt worden. Cyrus rettete sich nur vor dem Inferno, indem er sich wie der Rest der Crew Flach auf den Boden warf, Die Hitze des Zaubererfeuers versengte ihm trotzdem noch Pelz und Haare und er hatte wohl Glück, das seine Kleidung kein Feuer fing, wie bei so vielen anderen. Selbst einige de Gardisten auf den Galeonen hatten sich brennend über Bord gestürzt um die Flammen zu ersticken, die sich durch ihre Uniformen fraßen. Diesem

Schwein von einem Zaubrer war es einfach völlig egal, ob er seine eigenen Leute opferte, um seine Ziele zu erreichen. Cyrus verdammte Kameraden. Und ob er nun freiwillig bei der imperialen Garde war oder nicht, viele davon waren seine Freunde und gute Bekannte geworden. Und Erik Flemming, der vielleicht etwas wunderliche Arzt… Er setzte sich vorsichtig wieder auf. Die mutigsten der Gardisten setzten mittlerweile über die Reling der Windrufer, wo sich die Piraten, die schon wieder auf den Beinen waren, ihnen entgegenstellten. Allen voran Eden. Auf eien Art musste Cyrus den Mut der

Kapitänin ja Bewundern. Die meisten Menschen und auch Gejarn wären beim Anblick eines Großzauberers vermutlich schon vor Angst gestorben. ,, Flemming.“ Cyrus hatte wenig Hoffnung, dass von dem Arzt mehr als ein Haufen Asche geblieben war. Warum hatte er das getan? Geduckt um nicht Opfer einer verirrten Kugel zu werden, hastete er übe das Deck, zu der Stelle wo Erik getroffen worden war. Und… ,, Ach Herr Wolf, auch schon wieder auf den Beinen.“ Die weißhaarige Gestalt, die dort auf den Planken saß, war unverkennbar. Flemming hob die Hand wie beiläufig zum Gruß, während er sich umständlich aufrichtete. Er hatte nicht

mal einen Brandfleck auf seinem blauen Mantel. Mit der Erleichterung, das der Mann überlebt hatte mischte sich für Cyrus aber nun auch ein seltsames Gefühl. Die Crew der Windrufer hatte in den letzten Woche fast so etwas wie abergläubische Furcht vor dem Menschen entwickelt. Vielleicht hatten sie ganz gut daran getan.. ,, Solltet ihr nicht tot sein ?“ , fragte Cyrus ,, Von wegen.“ Der Arzt klopfte sich etwas unsichtbaren Staub aus der Kleidung,, Da muss unser Zaubererfreund da drüben schon schwerere Geschütze auffahren.

Feigling, ein Kind anzugreifen.“ , fluchte Flemming vergnügt, als wäre er nicht grade dem sicheren Tod entkommen. ,, Also Cyrus, was machen wir?“ Er zwinkerte, als wüsste er die Antwort ohnehin längst. Eigentlich hatte Erik diese für sie bereits getroffen… Cyrus seufzte, bevor er die Axt fester packte. Wo war er da bloß wieder reingeraten? Es konnte wirklich immer schlimmer kommen. Aurelius würde ihnen nicht helfen, selbst wenn er davon absah, sie einfach zu töten, weil er es eben konnte. Skrupellos dafür war er. Und Cyrus wollte nicht zur Garde zurück…

Mit einem Boot in dem Chaos zu entkommen schien fast unmöglich, vorausgesetzt, sie fanden eines. Ihre einzige echte Hoffnung war im Augenblick die Windrufer. Und das hieß er musste jetzt doch tatsächlich einem Haufen Piraten helfen… Einfach großartig. Er sah von dem Schiff auf der Seeseite, wo der Zauberer sein musste zu dem auf der Küstenseite. Die meisten der Gardisten dort hatten bereits über die Reling der Windrufer gesetzt und den Kampf an Bord getragen. Mit ein wenig Glück… ,, Ich werde sehen, ob ich uns etwas Luft verschaffen kann.“ Erik nickte. ,, Ich bleibe hier und sehe

zu, das ich mich ein wenig um die Verletzten kümmere. Und viel Glück.“ ,, Danke.“ Er würde es brauchen.

Kapitel 27 Brennende See

Eden wich einer Bajonettklinge aus, die nach ihr geschleudert wurde. Im selben Augenblick zog sie eine der Pistolen aus ihrem Gürtel und feuerte blind in die Reihen der Gardisten. Ein Mann in grüner Uniform sank in sich zusammen. Noch schien alles offen. Weder kamen die imperialen Soldaten weiter an Bord, noch konnte der bunte Haufen Bewaffneter sie wieder zurückwerfen. Eden blockte eine Degenklinge ab, die auf ihre Brust zielte und setzte sofort zu einer Riposte an, die dem Angreifer in die Schulter drang und ihn verletzt zum Zurückweichen

zwang. Ein Blitz fällte den Mann direkt neben der Kapitänin keinen Augenblick später. Suchend sah sie zum Schiff auf, dessen Besatzung sie von der Seeseite attackierte. Irgendwo dort musste der Magier stecken, dieser Aurelius. Vermutlich hatte ihm der Zauber von eben die meiste Kraft gekostet. Aber er würde sich erholen und dann wurde es kritisch. Wäre eben nicht der Arzt gewesen… Sie wollte nicht darüber nachdenken. Unmöglich zu sagen, ob der Mann seine seltsame Tat überlebt hatte. Warum hatte er das bloß getan? Wichtig war jetzt, sie musste irgendwie diesen Aurelius ausschalten, bevor er

wieder zu Kräften kam. Sonst würde dieser Kampf schnell sehr unausgeglichen werden. Eden sah über die Schulter zurück zu Zachary. Der Junge hatte sich hinter ein paar Kisten an Deck geduckt, verfolgte von dort aber alles. Normalerweise war Zac schweigsam, fast schon unheimlich still. Das er eben mit dem Zauberer gesprochen hatte, das war mehr als ungewöhnlich. Sie musste auf ihn aufpassen. Das war ein Versprechen, das Eden nicht mal brechen könnte, wenn sie es wollte. Sie hatte gesehen, wie ihn seine eigene Magie langsam auffraß in den langen Monaten und Jahren, die Eden sich jetzt

um ihn kümmerte. Ihnen fehlte das Wissen des Sanguis-Ordens. Aber schließlich war es ihr gelungen, eine Lösung zu finden. Speicherkristalle. Aber die unter der Hand vom Orden zu bekommen, das war fast unmöglich. Eden warf die leergeschossene Pistole weg und zog eine zweite, während ein neuer Gardist auf sie zukam. Das Projektil zerschmetterte dem Mann den Schädel. Aber egal, wie viele sie töteten, die Gardisten waren ihnen mindestens doppelt überlegen. Solange sie von zwei Schiffen gleichzeitig attackiert wurden, gab es keine Möglichkeit, wie sie auf Dauer gewinnen könnten… Noch während Eden nacheinem Ausweg

suchte, erschütterte ein gigantischer Schlag das schwankende Schlachtfeld. Wellen aus heißer Luft jagten über das Deck der Windrufer. Kurz fürchtete Eden, der Großmagier hätte einen neuen Zauber gewirkt. Dann jedoch sah sie die Flammen, die aus dem Rumpf der zweiten Galeonen auf der anderen Seite der Windrufer schlugen. Etwas hatte das Schiff fast völlig zerstört. Die Besatzung, die noch an Bord war, rettete sich zu dutzenden mit Sprüngen ins Wasser. Die Segelmasten stürzten krachend in sich zusammen, während die Flammen die Galeone langsam verzehrten. Die Haken und Seile mit denen das Schiff

zuvor noch an die Windrufer gekettet gewesen war lösten sich und es trieb langsam davon. Cyrus warf sich fluchend zu Boden, als eine Projektilsalve nur knapp über seinen Kopf hinweg ging. Niemand zielte wirklich auf ihn, aber in dem ganzen Chaos war es fast unvermeidbar, das ein paar Kugeln ihren Weg auch in seine Richtung fanden. Rasch sprang er wieder auf und rannte weiter, auf das Heck der Windfänger zu. Er würde nicht dumm genug sein, von dieser Seite auf das imperiale Schiff zu gelangen. Kleinere Kämpfe tobten mittlerweile überall an Deck und einige

der Piraten hatten es tatsächlich geschafft, an Bord der Galeonen zu gelangen und damit auch ihre Gegner in Bedrängnis zu bringen. Cyrus erreichte die Kajüte am Ende des Schiffs. Eine Treppe führte von dort herauf zu einer kleinen Aussichtsplattform, die Cyrus aber ignorierte. Er wollte nicht nach oben im Gegenteil. Er wollte runter vom Schiff und das möglichst unbemerkt. Nach wie vor trug Cyrus die schwarze Gardeuniform. Sein Plan war verrückt, aber wenn er funktionierte, dann würde er sich morgen nicht Tod oder bei der Garde wiederfinden. Und wenn er schnell genug war, könnten er und Flemming

vielleicht entkommen, bevor jemand in dem neuen Chaos etwas bemerkte. Der Arzt würde ihm noch erklären müssen, wie er den Angriff des Großmagiers praktisch unverletzt überlebt hatte. Das magische Feuer hätte nur Stau von ihm lassen dürfen. Cyrus schwang sich über die Reling des Schiffs und kletterte soweit an der Heckwand hinab, wie es ihm möglich war. Dann ließ der Gejarn los und ließ sich ins Wasser fallen. Die Kälte drang ihm sofort in die Glieder und verlangsamte seine Bewegungen. Er war die Kälte nach den Jahren im Süden einfach nicht mehr gewöhnt. Aber zumindest für den Moment war es

ertragbar. Vorsichtig und den Kopf so weit wie möglich unter Wasser umrundete Cyrus die Galeone zu, die fast Deck an Deck mit der Windrufer stand. Niemand schien die einzelne Gestalt im Wasser zu bemerken. Einige tote trieben um das Schiff im Wasser. Die meisten waren Uniformierte, einige auch Windrufer-Piraten. Der Irrglaube, das Wasser ein magisches Feuer ersticken konnte, hatte sie das Leben gekostet. Auf der Rückseite der Galeone hielt niemand Wache. Alle Aufmerksamkeit der Gardisten war auf die Kämpfe an Deck gerichtet und niemand rechnete damit, dass eine einzelne Gestalt die

Chancen wieder ausgleichen wollte. Geräuschlos zog Cyrus sich aus dem Wasser und bekam eine Reihe von Seilen zu fassen, die auf dieser Schiffsseite fast bis ins Wasser hingen. Vermutlich hatte die Besatzung versucht, die Toten, die er gesehen hatte zu bergen. Cyrus überschlug kurz, wie viele seine Aktion mit dem Leben bezahlen würden, wenn sie erfolgreich war… Er würde sie einmal warnen und dann hieß es jeder für sich selbst. Ein paar Kanonenluken auf dieser Seite waren geöffnet, das Geschützdeck aber völlig verlassen. Die Windrufer sollte erst versenkt werden, wenn der verdammte Zauberer hatte was er wollte oder einsah, dass es die Mühe

nicht wert war. Und so lange verheizte er einfach weiter Leben. Cyrus zwängte sich durch die Öffnung und sah sich im Halbdunkel unter Deck um. Es dauerte einen Augenblick, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Die kaiserlichen Kriegsschiffe waren alle fast identisch gebaut, auch was die Raumaufteilung anging. Die Pulvermagazine lagen am Heck des Schiffs. Rasch um nicht doch noch bemerkt zu werden machte er sich auf den Weg. Lediglich einige Glaslaternen erhellten den Weg. Leise nahm er eine davon aus ihrer Halterung. Er würde Feuer brauchen. Und eine Zündschnur um Zeit zu haben, eine

Warnung zu rufen. Cyrus hielt inne. Eine Gestalt lag reglos in einer Ecke. Er brauchte nicht lange um festzustellen, dass der Mann tot war. Brand und Kugelwunden, die niemand mehr hätte behandeln können. Vielleicht noch ein Sanguis-Zauberer. Aber der einzige Anwesende war grade zu beschäftigt damit, seine Crew zu verheizen. Eine niedrige Tür vor ihm bestätigte Cyrus, das er sein Ziel gefunden hatte. Sie war nicht verschlossen. Ohne zu Zögern zog er die Tür auf. Der Lagerraum dahinter war sauber und ordentlich. Wie alles, was die Garden organisierten. Fässer und Säcke mit

Pulver lagen aufgereiht an einer Wand des Raums. Auf der anderen Stapelten sich in schweren Holzregalen Kanonenkugeln und Granaten. Auf mehreren Gestellten lagen Musketen und Pistolen. Und Zündschnüre. Cyrus schnappte sich ein gutes Stück Schnur und trennte es mit der Axt ab. Dann tauschte er seine durch das Wasser jetzt sicher nutzlose Pistole gegen eine aus dem Magazin aus. Es gab zu viele Idioten, die starben, nur weil sie nicht auf ihre Waffen achteten. Rasch hebelte er eines der Fässer auf, um sich von dessen Inhalt zu überzeugen. Er hätte nur den einen Versuch. Dunkles, trockenes Pulver bestätigte ihm aber, dass es

funktionieren würde. Jetzt kam es darauf an, nicht noch auf den letzten Stück Weg zu versagen. Hastig verklemmte Cyrus das eine Ende der Lunte im Fass, während er, das andere Ende in der Hand, wieder auf den Gang hinaus trat. Wie schnell würde die Lunte brennen? Vielleicht zweihundert Herzschläge. Er stellte die Laterne ab und hielt die Zündschnur an die Kerze im inneren. Glühend fing die Lunte Feuer. Cyrus blieb nur einen Moment um zu warten, ob die Zündschnur richtig brannte, dann rannte er los, den Weg zurück zum Geschützdeck und dann eine kurze Treppe hinauf auf das eigentliche Deck der Galeone. Hier tobte der Kampf weiter

mit unverminderter Härte. Einige der Windrufer-Crew hatten es geschafft, den Spieß umzudrehen und an Bord des kaiserlichen Schiffs zu gelangen, wo die Gardisten sich weiter zurückfallenließen, um ihre Musketen überhaupt noch einsetzen zu können. ,, Feuer im Pulvermagazin, alle runter vom Schiff.“ Köpfe drehten sich in Cyrus Richtung und sahen ihn kurz ungläubig an. Dann detonierte das erste Pulverfass und zerstörte damit alle Zweifel an der Wahrheit seiner Worte. Cyrus spürte, wie er einen Augenblick den Boden unter den Füßen verlor, als ihn die Schockwelle einer zweiten Explosion packte und über das Deck schleuderte. Er

überschlug sich mehrmals, bevor er endlich wieder auf die Füße kam. Er hatte sich Hoffnungslos mit der Zündschnur verschätzt. Blut troff aus mehreren Schnittwunden in seinem Gesicht und seinen Armen, als Cyrus sich langsam aufrichtete. Nur verschwommen sah er das Deck der Windrufer und das der Galeone. Letzteres stand in Flammen und trieb langsam weg von dem Piratenschiff. Er musste zurück oder er würde mit dem Schiff untergehen. Jemand riss ihn unsanft endgültig auf die Füße. Es war Erik. Offenbar war der Arzt mit den verstreuten Entertrupps der Windrufer an Bord gekommen. Für sein

Alter war der Alte erstaunlich kräftig. ,, Ihr seid ein Irrer Bastard und das aus meinem Mund will was heißen. Wär schade, wenn ihr das keinem mehr erzählen könnt.“ Cyrus hinterfragte sein Glück nicht. Er setzte sich einfach, immer dem Arzt hinterher in Bewegung. Bloß nicht daran denken, wie viele Pulverfässer noch im Rumpf der Galeone lagen. Bisher waren nur zwei Hochgegangen und schon war der Großteil des Schiffsdecks ein brennendes Inferno, wie es selbst Aurelius nicht hatte anrichten können. Er setzte über die schnell breiter werdende Lücke zwischen der Windrufer und der schwer beschädigten Galeone. Im

selben Augenblick ging der Rest des Pulvermagazins hoch. Cyrus sah zurück zu der langsam davontreibenden Galeone, deren komplettes Deck nun in Flammen gehüllt war. Die meisten der Gardisten schienen es von Bord geschafft zu haben und trieben oder schwammen im Wasser. Die Küste war weit, aber wenn sie sich nicht zu dämlich anstellten… sie könnten es wohl schaffen. Blieben nur noch das Schiff und die Gardisten des Großmaigers selbst, die sich nun plötzlich ihrer kompletten Unterstützung beraubt sahen und langsam von der versammelten Crew der Windrufer zurückgedrängt wurden. Cyrus konnte Eden erkennen, die an der

Spitze ihrer Leute die Soldaten des Canton-Imperiums weiter von Bord drängte. Eden ließ einen Augenblick die Klinge sinken und nickte zufrieden. Ein weiterer Kämpfer ging zu Boden und sofort schlossen ihre Leute die Lücke und nutzten sie, um die nur noch geringe Übermacht der Gardisten zu brechen. Einer nach dem anderen wich Soldat um Soldat zurück. Ihnen war klar, dass sie verloren hatten und jetzt ging es ihren Offizieren nur noch darum, eine Katastrophe zu verhindern. Lediglich vereinzelt leisteten noch

Kämpfer wiederstand, der jedoch schnell zusammenbrach. Eine verirrte Kugel traf Eden ohne Vorwarnung in die Schulter. In den letzten Augenblicken noch verwundet werden… das war ja fast lächerlich. Auf dem roten Stoff ihres Mantels war das Blut nicht zu erkennen, aber die Verletzung konnte nicht zu schlimm sein. Sie stand noch auf den Füßen. Ein entweder besonders mutiger oder verzweifelter Gardist stürmte vor und versuchte die ungeschützte Kapitänin mit einem Bajonett aufzuspießen. Da hatte er sich jedoch verschätzt. Eden hatte den Mann schon bemerkt. Geschickt, sprang sie bei Seite, so dass der Angriff ins

leere Lief und rammte dem Soldaten dann den Handschutz ihrer Waffe ins Gesicht, so dass er in die Reihen der grün uniformierten Gardisten zurücktaumelte. Es schien geschafft. Eden sah zurück zu der brennenden zweiten Galeone. Was war da nur passiert… Dann jedoch wanderte ihr Blick weiter über das Deck der Windrufer. Verletzte du Tote lagen auf den Planken verstreut. Bekannte Gesichter und Uniformierte gleichermaßen. Die einzigen, die nicht mitgenommen aussahen waren ihre beiden unfreiwilligen Gäste. Der verrückte Arzt, der sie vorhin gerettet hatte und der aus irgendeinem Grund

völlig durchnässte Gardist… Cyrus. Seine Kleidung wirkte angesengt, aber das konnte auch nur von dem Missglückten Zauber des Großmagiers stammen. Apropos Großmagier. Wo steckte Aurelius? Aus dem Pulverdampf und den sich langsam zurückziehenden trat eine einzige, türkisgewandete Gestalt. Eden zögerte nicht, sondern führte sofort einen Schlag gegen den grauhaarigen Großmagier. Aurelius war überraschend schnell. Der Säbel raste weniger als eine Haaresbreite an seinem Kopf vorbei. Sofort riss Eden die Waffe herum und zog die Klinge in einem Halbkreis zurück, der Aurelius den Schädel spalten

würde. Sie wunderte sich nur, dass der Magier noch keinen Zauber angebracht hatt… Edens Schwertstreich prallte auf ein Unsichtbares Hindernis und hang plötzlich mitten in der Luft. Sie konnte die Klinge weder zurückziehen, noch loslassen. Geschwiege denn sich überhaupt bewegen… Als wäre die Luft um sie herum von einem Moment auf dem anderen zu einer Mauer erstarrt. Der Großmagier trat in gemütlichem Tempo auf sie zu. ,, Seht ihr… ich bekomme am Ende immer, was ich will.“ Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte der

Magier einen langen Dolch in der Hand und rammte die Klinge der gelähmten Kapitänin in die Seite. Brennender Schmerz fraß sich durch Edens Körper, als der Magier die Barriere um sie löste. Ihre Füße wollten sie nicht mehr tragen und sie sah beinahe beiläufig zu, wie ihr Körper zur Seite kippte. Den Aufprall nahm Eden nur dumpf war. Gardisten und Piraten gleichermaßen wichen vor dem Magier zurück. Nur einer nicht. Dieser Dummkopf. Eden versuchte aufzustehen, aber Aurelius versetzte ihr einen tritt in die verletzte Seite, der den Dolch noch ein Stück tiefer in ihren Körper trieb. Zachary de Immerson sah zu dem Magier

auf, als dieser an der gestürzten Eden vorbei auf das Schiffsdeck trat.

Kapitel 28 Aurelius Ende

Cyrus konnte nur zusehen, was sich auf dem Deck abspielte. Der junge Zachary stand dem Großmagier fast genau gegenüber. Keiner von beiden rührte sich oder sprach auch nur ein Wort. Einen Augenblick überlegte Cyrus, die Axt auf Aurelius zu schleudern, doch bevor er dazu kam, hielt jemand seine Hand fest. Er brauchte den Kopf nur kurz drehen um zu erkennen, dass es Flemming war. Langsam schüttelte der Arzt den Kopf. ,, Im besten Fall nutzlos, im schlimmsten gefährlich.“ , sagte der Mann leise. Die Aufmerksamkeit aller, selbst der

Gardisten, war auf den Zauberer und Zac gerichtet. Wenn es eine günstige Gelegenheit zur Flucht gegeben hätte, dann jetzt. Aber Cyrus sah sich unfähig zu handeln. Das seltsame geschehen an Deck hatte auch ihn in den Bann geschlagen. Minuten schienen zu vergehen, in denen weder Aurelius noch Zachary ein Wort sagten. Schließlich jedoch legte der Großmagier eine Hand an die Spange seines Mantels und legte den türkisgrünen Stoff mit dem Symbol des Sanguis-Ordens ab. Darunter trug er weite, schwarze Kleidung, aber auch diese konnte nicht verbergen, das Aurelius kaum mehr als Haut und

Knochen war. Ein seltsames Lächeln huschte über seine Züge, das weder gehässig noch siegessicher war. An einem Band hing eine Ansammlung gesprungener Kristalle um seinen Hals. In manchen davon schien noch ein schwacher Funke zu glimmen. ,, Ihr… Ihr habt Eden verletzt.“ Zacharys Stimme bebte, während der Magier ungerührt zurück zu der gefallenen Kapitänin sah. Ob sie überhaupt noch lebte schien Cyrus fraglich. Der Saphir, den der Junge in einer Silberfassung trug schien von innen zu leuchten. Auch dem Zauberer entging das schwache Licht nicht. ,, Sicher, das du das willst ? Du kannst

mich nicht besiegen.“ Aber war das da nicht eine kleine Spur von Unsicherheit in Aurelius Stimme? Cyrus sah zwischen dem jungen Mann und dem Magier hin und her. Was hing hier bloß vor… Für ihn hatte der Zauberer Recht. Was sollte ein halbes Kind gegen einen ausgebildeten Großmagier des Ordens ausrichten. Aurelius gehört schon allein von seinem Rang her zu den mächtigsten Wesen, die über Cantons Boden wandelten. Statt einer Antwort sammelte sich das Licht aus dem Edelstein plötzlich in Zacharys Hand und formte dort eine weißblaue Kugel. ,, Ich kann es kontrollieren.“ , sagte er

beinahe verwundert. ,, Und ich glaube es will, das ich euch vernichte.“ Der Zauberer machte tatsächlich einen Schritt zurück. ,, Du kannst es gerne versuchen.“ Aurelius machte eine Handbewegung, worauf die Luft zwischen ihm und Zachary in Brand zu geraten schien. Mit einem Schlag verdichteten sich die Flammen und jagten als rot glühende Wand auf den Jungen zu. Cyrus konnte die Hitze des magischen Feuers über das ganze Deck hinweg spüren und er war nicht der einzige, der zurückwich. Anders als viele andere rief er jedoch nicht nach dem Jungen. Etwas war anders. Die Flammen versperrten

ihm die Sicht, aber… es konnte etwas in der Luft sein. So wie er einen Sturm riechen konnte, kurz bevor er losbrach. Vermischt mit dem schon fast vertrauten unangenehmen kribbeln der Magie. Zachary hatte den Kopf gesenkt, als die Flammen verloschen. Das Licht aus seinen Händen hatte sich in einer Glocke um ihn gelegt. Um ihn herum waren die Planken geschwärzt von den Flammen. Aurelius sah einen Moment mit weit aufgerissenen Augen auf die scheinbar unverletzte Gestalt. Ein grüner Bolzen aus Energie jagte aus seiner Hand auf den Jungen zu. Und wurde von diesen Aufgefangen, wie andere einen Ball aus der Luft fischen mochten. Das grün

wurde zu blau, dann schleuderte Zac den Zauber fast beiläufig zurück. Die Energiekugel holte Aurelies fast von den Füßen, als dieser einen raschen Schildzauber sprach, der dem magischen Projektil jedoch kaum etwas entgegenzusetzen hatte und einfach zerschmettert wurde. Der Großmagier machte einen Schritt zurück, während er einen neuen Zauber auf seinen Gegner schleuderte. Eine Reihe Blitze, die jedoch wirkungslos wenige Schritte vor Zachary verpufften. Weiter zurückweichend schienen seine Versuche zunehmend Panischer. Feuer, verdichtete Luft, Energiespeere, alles verfehlte seine Wirkung am dem Schild,

den der Junge m sich geformt hatte. Schweißperlen standen dem großen Zauberer auf der Stirn, als sein Rückzug schließlich durch die Reling und seine eigenen Leute begrenzt wurde, die sich auf das Deck der letzten Galeone zurückgezogen hatten. Seine Hände zitterten und seine Haut wirkte totenblass. Endlich sah der Junge auf und machte einen kleinen Schritt auf Aurelius zu. Die schimmernde Barriere um ihn fiel in sich zusammen. Statt sich jedoch dem Magier zuzuwenden, ließ er sich an Edens Seite auf ein Knie fallen. Mit einem warnenden Blick bedeutete er dem Großmagier, zu bleiben wo er

war. Erik trat an Cyrus vorbei auf das Deck und damit auf den Jungen zu und setzte sich auf der anderen Seite der gestürzten Kapitänin. Cyrus folgte ihm zögerlich, zusammen mit einigen der überlebenden Crew der Windrufer. Keiner der verbliebenen Gardisten versuchte noch einen Ausfall und der Großmagier hielt sich schwer atmend mit einer Hand an der Reling aufrecht. Eine seiner Hände war in den falten seines schwarzen Gewands verschwunden. ,, Ihr könnt ihr helfen ?“ , fragte Zachary unsicher. Was Cyrus eben gesehen hatte, das war Magie gewesen, die selbst Aurelius offenbar erschüttert hatte. Doch

nun klang der Junge fast hilflos, als er zu dem Arzt aufsah, der rasch nach einem Puls suchte und dann die verschiedenen Verletzungen Edens betrachtete. Rasch schlug er den Mantel und die Kleidung der Kapitänin um die Wunde beiseite. Auf dem fast weißen Pelz der Gejarn war das Blut unübersehbar, das bisher verborgen geblieben war. ,, Das weiß ich nicht.“ , gestand Erik , schnauzte dann aber im altgewohnten Plauderton die umstehenden an, ,, Macht euch nützlich. Hier muss irgendwo meine verdammte Tasche herumfliegen. Braun und ziemlich groß. Wenn ich die in den nächsten fünf Minuten habe kann ich vielleicht was für eure Kapitänin tun. Na

los.“ Die Crew zögerte nur kurz, bis die erste begannen, das Deck abzusuchen. Währenddessen schlug Eden die Augen auf. Trübe graue Augen blickten einen Moment verwirrt um sich, bis sie bei Zachary verweilten. ,, Ich hab mein Versprechen nicht gehalten.“ Ihre Stimme war schwach aber deutlich zu verstehen. ,, Madam, das wird schon wieder.“ , erwiderte Flemming, während ihm endlich jemand eine große Tasche aus Stoff in die Hand drückte. ,, Außerdem schuldet ihr mir eine Pfeife.“ Rasch entrollte der Arzt die Tasche, worauf dutzende Instrumente aus

silbrigem Metall zum Vorschein kamen. Cyrus kniete sich neben ihn. ,, Kann ich irgendwas tun ?“ , wollte er wissen. Im Augenblick kam er sich bestenfalls nutzlos vor. Erik grinste. ,, Die Klappe halten. Die meiste Wunden sind oberflächlich. Die Kugel in der Schulter war ein Durchschuss, das hat Zeit. Was das Problem ist, das ist der Dolch.“ ,, Kann man den nicht einfach rausziehen ?“ , wollte einer der umstehenden Wissen. ,, Wenn ihr wollt, das sie mir unter den Händen verblutet, bitte.“ , gab Flemming bissig zurück und förderte eine Reihe kleiner Messer und eine Phiole Zutage.

In der kleinen Glasflasche befand sich etwas, das für Cyrus aussah, wie simple klare Flüssigkeit, in der einzelne schimmernde Splitter trieben. Als hätte jemand Blattsilber in Wasser gelöst. ,, Aber ihr habt recht. Die Klinge muss weg. Cyrus…“ Der Gejarn setzte sich an die Seite des Arztes. ,, Hört mir zu. Bei dem Winkel, den die Klinge hat, hat diese Eden Glück, wenn sie in Zukunft nur mit einer Niere herumläuft. Ich bin ganz ehrlich. Entfernen wir dieses Messer, ist sie in einer halben Minute tot. Lassen wir es in vielleicht zehn.“ Erik drückte ihm die Phiole in die Hand. ,, Das ist etwas, das

ich selbst in meiner Zeit in Vara entwickelt habe. Im Prinzip Säure. Versetzt mit einer Prise zerstäubter Magiekristalle, auf die ein Heilzauber geprägt ist. Es kauterisiert die Wunde sofort.“ Cyrus begutachtete das kleine Glasgefäß und die Lösung darin. Angenehm klang das nicht… ,, Was soll ich also tun ?“ ,, Den Dolch entfernen, wenn ich es sage. Und dann verhindern, dass sie mir den Schädel einschlägt. Das wird sie nämlich versuchen, glaubt mir.“ Eden was einen Moment zwischen ihnen hin und her. Zwischen verstecktem Schmerz und Angst blitzte so etwas wie ein verschmitztes Lächeln über ihr Gesicht.

,, Warum tut ihr das ? Ihr habt keine Grund mir zu…“ ,, Ich sehe es als kleine Rache. Keine Sorge, ihr werdet vermutlich fast augenblicklich das Bewusstsein verlieren. Das wird nicht besonders angenehm, aber es rettet euch vielleicht das Leben.“ ,, Jetzt bin ich wirklich beruhigt.“ , sagte die Kapitänin leise. ,, Zac…“ Der Junge hatte bisher wortlos zugesehen. ,, Pass auf dich auf.“ Flemming entfernte den Verschluss der Phiole. ,,Cyrus. Jetzt bitte.“ Cyrus packten den Dolchgriff. Eden zuckte zusammen. Es könnte schlimmer

kommen, dachte er. Es konnte immer schlimmer kommen. Es hatte kaum Sinn, es hinauszuzögern. Mit einem Ruck riss Cyrus die Klinge aus der Wunde und versuchte dabei, die Waffe möglichst grade zu halten um nicht noch mehr Schaden anzurichten. Fast im selben Moment war auch schon Erik da und ließ wenige Tropfen aus der Phiole in die Wunde fallen. Eden bäumte sich Augenblicklich auf und Cyrus war froh, das Flemming ihn gewarnt hatte. Nur so konnte er einem ungezielten Fausthieb entgehen, der ihn ansonsten am Kopf getroffen hatte. Erik hingegen sah derweil ungerührt auf die Wunde und zählte langsam. ,, Eins.

Zwei. Drei. Vier…“ ,, Verfluchter Bastard ! Ihr seid mir ja ein schöner Arzt. Wenn…“ Edens Augen fielen zu und jegliche Spannung schien aus ihrem Körper zu weichen. ,, Fünfzehn.“ , sagte Flemming ruhig. ,, Das ist ein neuer Rekord. Und die wenigsten tun was anderes, als mich anschreien.“ Er stand auf und klopfte Zachary dabei beruhigend auf die Schulter. ,, Jetzt wird alles gut. Ich werde noch nach ihren übrigen Verletzungen sehen. Wenn jemand so freundlich wäre, mir zu helfen Madam hier in ihre Kabine zu bringen? Die Zeit wo ich Verwundete allein von Schlachtfeldern schleifen konnte, die

sind lange vorbei.“ Einige der Windrufer-Piraten setzten sich In Bewegung. Plötzlich jedoch fiel ein Schatten über Cyrus und den Arzt. Aurelius hatte die allgemeine Ablenkung ausgenutzt um sich angeschlichen, ein weiteres Messer in der Hand und offenbar zielte er mit der Klinge dieses Mal auf Zachary. ,, Jetzt hab ich aber genug von diesem Bastard.“ Blitzschnell fuhr Erik herum, eines seiner Silbermesser in der Hand und rammte es dem Großmagier in die Kehle. Mit einer weiteren Raschen Bewegung Seitwärts durchtrennte er dem Zauberer den Hals. Aurelius blickte ungläubig auf das Blut, das seine Kleider

durchtränkte. Dann kippte er einfach zur Seite um und blieb liegen. ,, Und der Rest von euch verschwindet jetzt auch.“ , sagte Flemming an die Gardisten gewandt, die sich noch an Deck aufhielten. Rasch säuberte er die chirurgischen Instrumente an der Kleidung des toten Magiers. Niemand mochte mehr länger bleiben. Friedlich und ohne Zwischenfälle verschwanden die Soldaten des Imperiums wieder auf ihr Schiff. ,, Was für eine Arzt seit ihr nochmal genau ?“ , wollte einer der Windrufer-Piraten wissen, während andere Eden vorsichtig in Richtung der Kajüte brachten.

,, Die beste Sorte.“ , erklärte Erik Flemming, bevor er den Trägern folgte und Cyrus damit allein unter der Crew und Zachary zurückließ. Unruhig sah er einen Moment zu dem Jungen, der sich noch nicht wieder erhoben hatte. An der Seeseite wurden die Taue gekappt und die letzte verbliebene Galeone legte ab. Und damit die einzig andere Möglichkeit, die ihm geblieben war. Vielleicht war das ja besser. Er sah sich um. Die wenigsten der an Deck anwesenden Menschen oder Gejarn begegneten ihm feindselig. Eher Ehrfürchtig. Einige hatten ihn wohl auf der zweiten Galeone gesehen, bevor er

diese gesprengt hatte. Er hatte sich selten unsicher gefühlt, überlegte Cyrus. Jetzt jedoch schien es, das er nicht wusste, was die bessere Option wäre. Bleiben und warten, wie sich die Dinge entwickelten oder das Risiko eingehen doch zu schwimmen. Letzteres hieße Flemming zurücklassen und das… Nein das kam nicht in Frage. Die Schwarze Garde war für ihre Disziplinlosigkeit bekannt, aber sie achteten aufeinander. Und auch wenn der Arzt kein Gardist war, mittlerweile fühlte er sich dem aufgeweckten Alten verbunden genug. Sie hatten einiges durchgemacht. Wenn er an den Tag zurückdachte, wo er Aurelius das erste

Mal begegnet war… Hätte ihm da jemand gesagt, dass er sich auf einem Piratenschiff vor der Küste Cantons wiederfinden würde, er hätte denjenigen für verrückt erklärt, wenn nicht sogar eine Tracht Prügel verpasst. Er bemerkte kaum, wie die Crew ein Stück vor ihm zurückwich, als er an die Reling trat und der Galeone nachsah. Ohne den Magier und mit derart hohen Verlusten würden die Gardisten wohl kaum die Rückreise nach Kalenchor wagen. Aber auch die Windrufer schien nicht mehr im besten Zustand. Mehrere Kugeln hatten den Rumpf durchschlagen, wenn auch oberhalb des Wassers. Und die Segel hingen teilweise zu Asche

verbrannt herab. Aber zum ersten Mal seit einer Weile lächelte er wieder. Das musste der absolute Tiefpunkt sein. Es konnte einfach nicht mehr viel schlimmer kommen, wie er nun doch zugeben musste. Vielleicht hieß dass, das es endlich wieder ein Stück Bergauf ginge.

Kapitel 29 Falamirs Träne



,, Sie fürchten euch und den alten Mann.“
Cyrus  musste sich nicht umdrehen. Die helle Stimme sagte ihm bereits, wer zu ihm an die Schiffsreling getreten war. Die Sonne spiegelte sich auf der vollkommen glatten Wasseroberfläche und nur vereinzelte Möwen zogen am Himmel ihre Kreise.
Zwei Tage saßen sie jetzt vor der Küste fest und ließen sich von der Strömung treiben. Flemming war ihm in der ganzen Zeit vielleicht zweimal über den Weg

gelaufen und hatte jeden angeschnauzt, der nach Edens Zustand gefragt hatte. Die meiste Zeit schien der Arzt immer noch mit der Behandlung ihrer Verletzungen zu verbringen, aber wann immer er sich an Deck sehen ließ, konnte man sicher sein, das er auch nach den übrigen Verwundeten sah. Es war ein kleines Wunder, was Erik hier zu vollbringen schien. Er fragte sich unwillkürlich, ob der Mann in letzter Zeit überhaupt geschlafen hatte. Vermutlich lautete die Antwort nein.
Ihm hingegen bleib nichts zu tun. Der Rumpfs der Windrufer war notdürftig mit Planken und Brettern repariert worden, aber es schien klar, dass sie in nächster

Zeit einen Hafen anlaufen müssten.
Was ihn mehr wunderte war, dass keiner der Piraten versuchte, das Kommando zu übernehmen. Alle schienen wie er darauf zu warten, wie alles ausging. Entweder waren diese Leute Eden gegenüber wirklich loyal oder sie fürchteten die Kapitänin.
,, Und ihr habt keine Angst vor mir Kleiner ?“ , wollte Cyrus wissen, als er doch zu der dunkelhaarigen Gestalt herübersah. Wie alt mochte der Junge sein? Sicher nicht älter als fünfzehn Sommer.
Aber die Macht über die dieses… Kind Gebot hatte selbst einem Großmagier das Fürchten gelehrt. Aurelius Leichnam

ruhte jetzt irgendwo auf dem Meeresgrund. Cyrus musterte den blauen Edelstein, den Zachary um den Hals trug. Wen er es nicht selbst gesehen hätte, er würde nicht glauben, das der Junge auch nur einer Fliege ein Haar krümmen würde.
,, Nein. Viele haben euch gesehen.“
,, Und ich würde sagen, noch sehr viel mehr haben gesehen wie du einem Sanguis-Magier beigebracht hast, was Bescheidenheit bedeutet. Das war… beeindruckend.“
,, Er… hat Eden verletzt. Und so viele andere…“ Zacs Stimme war eine Mischung aus Trauer und einer kaum versteckten Wut. Verbitterung.

Vermutlich, überlegte Cyrus, würde er ähnlich reagieren, wenn es um seine Leute ginge. Ob die schwarze Garde den Untergang Kalenchors überstanden hatte… Irgendwie war er sich da sicher. Sie achteten aufeinander.
,, Wir achten immer aufeinander.“ , sagte der Junge, als hätte er seien Gedanken gelesen. Cyrus konnte sich nicht helfen. Er mochte den Kleinen jetzt schon.
,, Aber wie kommt ein junger Magier an Bord eines Piratenschiffs ?“
Zachary kratzte sich am Kopf. ,, Das ist eine  lange Geschichte. Die meisten hier hat Eden… befreit.“
,, Befreit ?“ Cyrus sah sich langsam auf

dem Deck um. Nur eine Handvoll Leute waren zu sehen, die grade damit beschäftigt waren, eines der zerstörten Segel auszutauschen.  ,, Du meinst es waren Sklaven ?“
,, Sklaven, Ausgestoßene, Clanlose, Vogelfreie… ich glaub Eden ist selber überrascht gewesen, dass es so viele sind… Alle, die nirgendwo mehr hinkönnen.“
,, Und du ?“
,, Ich bin vielleicht die einzige Ausnahme. Ich habe einen Ort, zu dem ich könnte aber… Genau dort möchte ich nicht hin. Eden hat mich gefragt obwohl ihr doch klar ist, was das für sie bedeuten würde… Wir… Euer Freund,

der Doktor, kann ihr doch helfen oder?“
Cyrus wusste nicht, was er antworten sollte. Götter, was könnte er einem halben Kind sagen? Jeder Soldat kannte die Wahrheit von Leben und Tod aus erster Erfahrung. Entweder man überlebte oder traf seine Ahnen wieder, wenn die Lehren der imperialen Priesterschaft stimmten.  Oder man schloss sich wieder dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt an, wenn die alten Schamanen  der Gejarn Recht hatten. Cyrus selbst hatte zu viel Zerstörung gesehen um wirklich etwas davon zu glauben. Und einem Wiedergeborenen war er nie begegnet, selbst wenn die Ältesten  ab und an die

Seelen alter Helden in manchen erkennen mochten.  Er hatte aus erster Hand erfahren, was das Urteil eines Clanoberen Wert war. Das Blut seiner ganzen Familie.
Aber er wusste, wozu  gute und fähige Menschen im Stande waren. Und Flemming war genau das.
,, Ich glaube es.“ , sagte er schließlich. ,, Vielleicht kann Erik helfen. Vielleicht kann er es nicht. Aber du kannst sicher sein, das er sein bestes tut. So gut kenne ich ihn mittlerweile.“
,, Er ist ein bisschen verrückt oder ?“ Jetzt klang Zachary wenigstens wieder mehr wie ein Kind. Nicht verbittert über Dinge, die keiner wirklich beeinflussen

konnte.
,, Verrückt, aber auch ziemlich in Ordnung.“ , erwiderte Cyrus lachend. 
,, Sieh mal einer an. Der große schwarze Wolf hat ein Herz.“ Eden stand, auf eine simple Krücke gestützt, auf dem Deck. Den roten Mantel hatte sie sich lose über die Schultern geworfen.
Die Gejarn grinste spöttisch, während hinter ihr fluchend Flemming aus der Kajüte trat.
,, Ihr könntet mich wenigstens warnen.“ , rief er offenbar wütend. ,, Wenn ihr hier herumläuft ist das eure Sache. Die Wunde ist genäht und vorerst versorgt, aber wenn ihr euch eine Infektion einfangt, kommt nicht zu mir

gekrochen. Und eine riesige Narbe gibt ‘s auf alle Fälle.“
,, Es geht mir gut.“ , erwiderte Eden lediglich, zuckte aber merklich zusammen, als sie versuchte einen Schritt nach vorne zu machen. ,, Ich korrigiere mich. Es geht mir besser. Keine Sorge Zac. Das wird wieder.“
Cyrus nahm Flemming beiseite. ,, Ihr schuldet mir noch eine Erklärung.“ , sagte er .,, Wie kann es sein, das ihr noch lebt ? Ich habe gesehen, wie euch Aurelius getroffen hat. Wieso seit ihr kein Haufen Asche?“
Erik Flemming schien einen Augenblick nachzudenken. ,, Nun, eigentlich ist das kein Geheimnis. Ihr erinnert euch, das

ich in Vara versucht habe, Medizin und Magie zu kombinieren?“
,,So was wie diese Phiole, mit der ihr Eden gerettet habt ?“
,, Genau so etwas. Um genau zu sein, eine Prise zerriebene Kristalle direkt in meine Blutbahn.“ Der Arzt grinste. ,, Zugegeben, das war nicht die beste Idee, aber wer hätte sich für so etwas schon freiwillig gemeldet?“
,, Offenbar ihr.“
,, Seit dem bin ich recht unempfindlich was Magie angeht. Und das hat allen Zauberern, die bisher dumm genug waren, sich mit mir anzulegen Respekt eingeflößt.“
,, Moment… habt ihr in Kalenchor  auch

deshalb überlebt , oder ?“
Erik nickte. ,, Echtes Feuer oder eine echte Flutwelle hätten mich getötet, aber solange Magie im Spiel ist kann mir nichts wirklich schaden. Im Gegenteil, das kitzelt allerhöchstens kurz. Und wenn ihr mich jetzt entschuldigt…“ Mit diesen Worten trat der Arzt an ihm vorbei und auf die Schiffsreling zu, wo nach wie vor Zachary stand.

Cyrus drehte sich unterdessen zu Eden um. Er und Flemming hatten sich eigentlich ein Stück das Schiffsdeck hinauf entfernt. War sie ihnen etwa leise gefolgt?
,, Wolltet ihr etwas?“ Er fürchtete kurz,

die Kapitänin der Windrufer hätte ihr Gespräch belauscht. Aber auf der anderen Seite… was gab es zu belausche, das wirklich wichtig gewesen wäre.
,, Ich wollte mich wohl schlicht… bedanken.“ , sagte sie. ,, Ich weiß schon, das ihr es wart, der die zweite Galeone zerstört hat. Auch wenn ich nicht verstehe warum.“
Cyrus seufzte. Er hatte keine Lust, sich lange zu erklären. ,, Der Junge ist wichtig für euch oder ?“ , fragte er stattdessen.
,, Sehr. Auf der einen Seite bin ich durch ein Versprechen einem Toten gegenüber an ihn gebunden. Auf der anderen… ich mag mit einem Haufen Freibeuter

unterwegs sein und genug Blut an den Händen haben, aber nur das von all jenen, die mich zuerst angegriffen haben.“
,, Ich fürchte, das kann ich nicht von mir behaupten.“ , antwortete Cyrus und ging gefolgt von Eden zu Zachary und Erik herüber. ,, Hinter was war der Großmagier eigentlich genau her ?“ , wollte er wissen.
Eden, die auf der Krücke nur langsam voran kam hielt einen Moment inne. Es schien ihm so, als würde sie darüber nachdenken, ob die Frage keine Falle war. Ob sie nicht Zufällig an Bord waren sondern  geplant…  Der kurze Augenblick des Misstrauens hielt jedoch

nicht lange. Ihr Blick wanderte zu Zachary.
,, Zachary.“ , begann Flemming. ,,  Darf ich die Kette mal sehen?“
Der Junge nahm das Amulett ohne zu zögern ab, fast, als wäre er froh den Anhänger los zu sein. Cyrus konnte den Stein jetzt zum ersten Mal in Ruhe betrachten. Der tiefblaue Saphir ruhte in einer silbernen Fassung, durch die eine feingliedrige Kette verlief. Sah man von dem Eigenwert der verwendeten Materialien ab war der Talisman beinahe schon schlicht zu nennen.
Flemming hielt den Kristall einen Moment ins Licht, so als wollte er sicherstellen, dass er echt sei. Dann

drehte er das Artefakt herum. Auf der Rückseite der Fassung war ein einzelnes Zeichen eingekerbt. Für Cyrus wirkte es, wie ein Kreuz, das dann von einer zusätzlichen, quer dazu verlaufenden Linie zerschnitten wurde.
,, Bei meinen Ahnen… Das ist eine von Falamirs Tränen.“ Flemming besah sich das Amulett, beinahe ungläubig.
,, Wer ist Falamir ?“ , fragte Eden. ,, Ich weiß nur, das es ein mächtiger Speicherkristall ist.“
Der Arzt schüttelte den Kopf.  ,, Es ist sehr viel mehr als das.“  Zögerlich gab er Zac den Talisman zurück. ,, Es ranken sich viele Geschichten um diese Steine und keine davon endet gut. Es gibt wohl

insgesamt neun davon, zumindest weiß ich nur von so vielen. Manche davon in Amuletten verarbeitet, wie dieser hier, aber ich habe auch gehört, dass zwei in magischen Handschuhen Verwendung fanden. Waffen, die Burgmauern durch bloße Berührungen zerschmettern konnten. Es heißt, die Ordealkaiser besaßen einst alle neun Stück zur gleichen Zeit. Aber die meisten sind wohl im Bürgerkrieg und der Zeit der Marionettenherrscher verlorengegangen. Eigentlich dachte ich sogar, sie seien für immer verschollen. Woher habt ihr das?“
,, Von den Archonten aus Helike. Als Bezahlung dafür, dass wir jemanden… übergesetzt

haben.“
,, Sie haben sicher nicht gewusst, was sie euch da gaben. Die Laos konnten nie viel mit Artefakten anfangen.  Aber es wäre interessant zu erfahren wie das seinen Weg von Canton bis nach Laos gefunden hat.“
,, Und wer ist Falamir jetzt ?“ , wollte Cyrus wissen.
,, Der angebliche Schöpfer der Steine. Oder zumindest so etwas in der Art. Es ist eine Legende des alten Volkes. Und wenn diese schon seine Geschichte erzählten…  Diese Kristalle sind alt Cyrus. Eden. Ich glaube ihr wisst nicht, womit ihr da hantiert. Aber ich kann die Geschichte erzählen, soweit ich sie noch

im Gedächtnis habe.  Falamir war ein Ritter. Oder zumindest das, was beim alten Volk diesem Stand entsprochen hätte, ein Schwertmagier. Er herrschte über einen Teil der Welt, der in den Aufzeichnungen verloren gegangen ist, aber  nach allem was wir wissen, war er ein netter Kerl.  Doch  geschah es eines Tages, dass ein schwerer Winter sein Land heimsuchte. Eis, das selbst im Frühjahr nicht mehr taute drohte, sein Volk zu vernichten. So bat er einen großen Magier des alten Volkes um Hilfe. Er sollte das Eis brechen, den Falamirs Macht reichte dafür nicht aus.
Der Zauberer aber, wollte ihm nicht helfen. Verbittert verwerte er dem Ritter

jede Hilfe.
Falamir jedoch ließ nicht Locker und schließlich knüpfte der Magier seine Hilfe an eine einzige Bedingung. Falamir sollte ihm das eine bringen, das er nicht bekommen konnte.“
,, Und was war das ?“ , fragte nun Zachary.
,, Seine erste Liebe. Wenn der Zauberer sein Volk retten sollte, so sollte Falamir zuerst die Selle der einzigen Liebe des Zauberers befreien.  Eine Kreatur, wie wir sie heute nicht mehr kennen, hatte diese einst zu Stein gebannt und mit ihr ihre  Seele, der so die Möglichkeit verwehrt blieb, sich einen neue Hülle zu suchen. Die Kreatur musste sterben um

den Bann zu brechen. Der Zauberer war mächtig, doch kein Krieger. Falamir akzeptierte also und zusammen mit einigen Getreuen Begab er sich auf die Suche  nach der Kreatur, sicher, dem Monster beizukommen. Doch als der Ritter und seine Gefährten das Wesen schließlich fanden, mussten sie erkennen, wie sehr sie der Zauberer betrogen hatte. Seine Gefährten waren dem Ungeheuer nicht gewachsen und jeden, den es berührte, verwandelte es in Stein.  Um das Leben seiner verbliebenen neun Gefährten zu retten,
stellte Falamir sich dem Monster schließlich alleine in den Weg. Und in dem Moment geschah es, das auch der

Ritter zu Stein wurde, nicht jedoch ohne dem Monster zuvor nahe genug zu kommen um es zu berühren. Am Ende erstarrten so beide, Ritter und Bestie, gleichzeitig zu Stein. Doch weder lebten, noch starben sie. Mit entsetzten erkannte der Ritter, das er seine Aufgabe nicht erfüllen konnte und selbst sein Opfer nutzlos war. Sein Land würde erfrieren.  Und als er das begriff, begann er zu Weinen. Was aber aus seinen Augen fiel, das waren keine Tränen, sondern neun wunderschöne Kristalle, so blau wie der Ozean. Seine überlebenden Gefährten kehrten mit den Steinen zum Zauberer zurück. Die Schönheit der Juwelen, heißt es, rührte das Herz des Magiers trotz

seiner dunklen Art an. Mit dem Versprechen der Hilfe kehrten die Neun in ihr Land zurück und der Zauberer hielt sein Versprechen. Falamirs Land war vom Winter gerettet. Doch er selber blieb für alle Zeit gefangen, ohne Hoffnung jemals erlöst zu werden. Wie gesagt … die wenigsten Geschichten um diese Steine enden wirklich gut.“ , endete Erik.

KApitel 30 Edens Geschichte


Es war mittlerweile spät geworden. Cyrus stand an Deck der Windrufer und sah zu, wie die Küste an ihnen vorbeiwanderte. Er konnte immer noch nur abschätzen, wo sie sich genau befanden, aber vermutlich irgendwo auf Höhe der Provinz Belfare. Die großen Segel des Schiffs wölbten sich im Wind und brachten sie rasch voran, während die Abendsonne dem Meer eine orange Färbung verlieh. Ein paar vereinzelte Wolken trieben mit dem Wind am Himmel entlang. Soweit Cyrus das erkennen konnte, war die Küste

nicht stark besiedelt. Lediglich einige vereinzelte Boote hielten sich in Ufernähe. Einige Blockhütten zwischen den Bäumen verrieten sich durch die bereits in den Fenstern brennenden Lichter. Sonst schien alles verlassen. Cyrus sah sich auf dem Deck um. Flemming hatte das Kunststück fertig gebracht, auf einem Schiff einfach zu verschwinden. Vermutlich hatte er einfach einiges an Schlaf nachzuholen, dachte Cyrus. ,,Das ist Schwarzheim. Ziemlich unheimliche Gestalten, die da leben, wenn ihr mich fragt.“ Eden stützte sich nach wie vor auf eine Krücke, aber vermutlich hielt sie auch

noch eine gute Portion Sturheit aufrecht. Die wenigsten Leute, Eriks Hilfe hin oder her, wären nach einer solchen Verletzung schon nach zwei Tagen wieder auf den Beinen. In der freien Hand hielt sie einen braunen Tonkrug. Der stechende Geruch von Alkohol stieg Cyrus in die Nase. ,,Betäubt die Schmerzen.“ , erklärte die Kapitänin der Windrufer und nahm einen tiefen Schluck , bevor sie ihm den Krug hinhielt. ,,Auch was ?“ ,,Das letzte Mal, als ich mich betrunken habe, hat jemand den Hafen weggeschwemmt in dem ich mich aufhielt.“ , erwiderte er, nahm das Gefäß dann aber trotzdem. ,,Rum

?“ ,,Was anderes gibt es hier auch nicht.“ , bemerkte Eden und lachte dabei leise.:,, Es steht euch frei zu gehen. Das ist das Mindeste, das ich euch Schulde.“ ,,Ich gebe zu, das kommt überraschend. Nichts, das ich nicht längst fort wäre, würde ich das wollen.“ Cyrus sah einen Moment zur Küste hinüber. Er hätte nichts dagegen, bald wieder einmal festen Boden unter den Füßen zu haben. Aber hier mitten in der Wildnis… Nach all den Jahren war er aus der Garde raus und hatte keinen Grund je zurückzukehren. Gleichzeitig gab es nichts, wo er sonst hin

könnte. ,,Es steht euch auch frei im nächsten Hafen von Bord zu gehen. Ich glaube zumindest Zac hat euch schon ins Herz geschlossen.“ ,,Was erleichternd ist, angesichts der Tatsache, dass er mit einem Gedanken meine Knochen zu Asche verbrennen könnte. Und dieses Amulett… die Träne Falamirs ?“ ,,Ich wusste nicht, was es war. Zachary ist ein Magier und… habt ihr gesehen, was Magie mit Zauberern anstellen kann, die ihre Kräfte überbeanspruchen?“ Cyrus nickte. Aurelius kam ihm sofort in

den Sinn. Der Magier war vielleicht Mitte zwanzig gewesen, aber bereits körperlich ein alter Mann. ,,Bei Zachary war es besonders schlimm. Ich wusste, dass er über die Gabe verfügt, aber nicht, was das anrichten kann. Selbst wenn er keine Zauber wirkt… es hat ihn langsam das Leben ausgesaugt. Magie nährt sich, ohne eine andere Quelle, direkt aus der Lebensenergie des Anwenders. Falamirs Träne ist in aller Linie ein Magiespeicher des alten Volkes. Also genau das, was ich von den Archonten verlangt habe. „ ,,Warum habt ihr ihn nicht zum Sanguis-Orden gebracht ?“ Auch wenn ihre

Begegnung mit Aurelius nicht grade glimpflich verlaufen war, der Orden hatte noch keinem Magier die Hilfe verweigert. Auch wenn sie ihren Preis hatten. ,,Wenn ihm jemand hätte helfen können, dann doch am ehesten dort.“ ,,Zachary und der Orden haben eine… Vorgeschichte. Wie ich auch. Und habt ihr schon einmal wirklich gesehen was diese Bastarde mit ihren Leuten anstellen? Sie pumpen sie mit Drogen voll um noch ein wenig mehr magische Macht zu erhalten. Nur die die in die inneren Kreise aufsteigen werden älter als dreißig. Ihre eigene Macht brennt sie rasend schnell aus. Ich habe geschworen auf Zac aufzupassen und auch wenn die

Person, der ich diesen Schwur leistete weder ein guter Mensch noch ein Freund war, ich werde mich daran halten.“ Edens Stimme schien kaum lauter zu werden, aber das konnte den Zorn darin kaum verbergen. Irgendjemand schuldete dieser Frau Blut. Mindestens. ,,Und weil ihr euch wirklich um den Jungen sorgt.“ , stellte Cyrus fest und sah schon an ihrem Gesichtsausdruck, das er recht hatte. Eden antwortete einen Moment nicht. Stattdessen schien ihr Blick in die Ferne zu gehen. Oder in die Vergangenheit. ,,Das auch.“ ,,Und ihr werdet mir nicht erzählen, was es genau mit ihm und euch auf sich hat

?“ ,,Ihr seid Neugierig.“ Cyrus schüttelte den Kopf, obwohl es zutraf. ,,Nicht ganz, ich weiß nur immer gerne, woran ich bin.“ ,,Machen wir einen Deal.“ , meinte Eden lächelnd. ,,Ihr erzählt mir zuerst einmal, wer ihr seid. Und wer dieser Flemming ist. Meine Leute haben nach wie vor Angst vor ihm. Und ehrlich gesagt, kann ich das verstehen.“ Sie hatte eine Hand auf die Seite gelegt, wo die Wunde war, die Aurelius ihr beigebracht hatte. ,,Erik ist harmlos. Glaube ich zumindest.“ ,,Einen Hochmagier lediglich mit einem Messer zu töten wäre das genaue

Gegenteil von dem, was ich harmlos nennen würde.“ Die Gejarn setzte erneut den Krug an die Lippen. ,,Und ihr ? Nur ein Gardist, der zur falschen Zeit am falschen Ort war ?“ ,,Ich scheine ein Talent dafür zu haben und wirklich viel gibt es nicht über mich zu wissen. Ich war kaum älter als euer Zac jetzt, als ich von der Garden zwangsrekrutiert wurde.“ ,,Zwangsrekrutiert ?“ Eden musterte ihn einen Augenblick. ,, Ich dachte, das würde die imperiale Armee nur mit Straftätern machen.“ Cyrus nickte. ,,Auch wenn nicht ich es war, den sie eigentlich wollten. Mein Vater… war für einen Gejarn unseres

Clans nicht grade konservativ. Das hat einigen der Ältesten nicht gefallen. Und eines Tages stand eine Söldner-Garde vor unserem Hof und hat alles niedergebrannt. Ich wurde daraufhin zwangsrekrutiert und landete bei den Gardisten. ,,Das ist… warum haben sie das getan ? Ich bin die letzte, die das Imperium in Schutz nimmt, aber… sie sind meistens Gerecht.“ ,,Angeblich hätten wir Fahnenflüchtige mit Lebensmitteln versorgt. „ , sagte Cyrus distanziert. Es war alles Vergangenheit. Er hatte damit abgeschlossen, schon vor sehr langer Zeit. ,,Ich weiß bis heute nicht, ob das

wahr ist oder nicht. Aber ich weiß, wer uns angeschwärzt hatte. Einer der Clanältesten selbst. Ich denke, ihr wisst, wie manche dieser Narren sein können.“ ,,Nein, das weiß ich nicht. Aber ich kann es mir denken.“ Cyrus sah überrascht auf. Sie kannte das Leben bei den Clans nicht? Seltsam… es gab einige wenige Gejarn, die ihr ganzes Leben in den Städten der Menschen verbrachten, ohne den Wäldern des Herzlands je einen Besuch abzustatten, aber Eden wirkte schlicht nicht so, wie diese Diplomaten und Kaufleute. ,,Was wurde aus diesem Ältesten ?“ , fragte sie. ,,Er.. .lebt nicht mehr.“ , erwiderte Cyrus.

,,Ich kann mich also nicht einmal rächen.“ Schon in den ersten zwei Jahren bei der Garde hatte er die Nachricht erhalten, dass der Mann, der seine Familie verraten hatte, gestorben war. Offenbar hatte nie jemand erfahren, was der Älteste getan hatte. Anfangs hatte er noch überlegt, den Mann bloßzustellen. Einen Brief zurück an die Clans schreiben. Aber schließlich hatte er es nicht getan. Die Toten waren tot, es brachte nichts, an jemanden Rache zu nehmen, der es ohnehin nicht mehr mitbekam. Eden wirkte skeptisch. ,,Und da seid ihr einfach bei der Garde geblieben ? Die ganzen Jahre lang ?“

,,Ich habe nie etwas anderes gelernt. Diese Hände wurden zum Töten ausgebildet.“ Er zuckte mit den Schultern. ,, Und es ist gar nicht so übel. Essen, Trinken ein warmer Schlafplatz, zumindest meistens und wenn man sich nicht so viel aus dem Drill macht… Ich habe nie gut Befehle befolgen können.“ ,, Ich sehe schon, ihr seid alles nur nicht der typische Garde-Soldat. Stecken die so was wie euch nicht in ihrer schwarze Garde?“ ,,Ähm…“ Verflucht, er hatte sich verplappert. Auch wenn es keine Rolle mehr zu spielen schien, die schwarze Garde hatte ihren Ruf, der wohl auch

Eden bekannt sein dürfte. Aber seit wann interessierte ihn denn, was andere dachten? Er war stolz darauf was er war. Der schlechteste der Verlorenen. ,,Das ist Antwort genug.“ , meinte sie, nur um plötzlich zu Fragen : ,,Habt ihr darüber Nachgedacht zu bleiben ? Wir segeln fürs erste Richtung Lasanta und sind wohl so oder so noch eine Weile unterwegs. Aber… Ihr wärt willkommen, Flemming auch.“ Cyrus wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Ein Teil von ihm hätte am liebsten sofort zugesagt. Ein anderer Teil aber warnte ihn. Der, der ihm sagte, er könnte sich hier fast zuhause fühlen. Aber das wäre gar nicht so

verkehrt… ,,Ich müsste darüber nachdenken.“ Und Flemming fragen. Der Alte würde doch sicher heim wollen, wo immer das für seinen Gefährten auch lag. ,,Stimmt es eigentlich, dass der Großteil eurer Crew aus befreiten Sklaven besteht ?“ ,,Teilweise. Manche sind auch unverschuldet Vogelfreie. Ein paar haben lediglich ihr gesamtes Ansehen verloren gehabt. Und einige sind auch nur Aussteiger. Aber die wenigsten hier dürften das sein, was ihr von einer Bande Räuber erwarten würdet. Wir sind die, die genug von allem haben. Sei es die Politik des Kaisers, die ewigen Konflikte zwischen und mit den Gejarn oder… auch

nur Canton und ganz Halven selbst.“ ,,Und ihr ?“ ,,Geschäft ist Geschäft wie ? Es hängt ein wenig damit zusammen, wie ich auf Zachary getroffen bin.“ Sie räusperte sich. ,, Ich… gehörte einmal der mächtigsten Familie von Silberstedt.“ ,,Gehörte… Also wart ihr selbst ein Sklave. Und Zac…“ Anstatt sofort zu Antworten nahm Eden noch einen Schluck Rum und stellte den leeren krug dann weg. ,,Sein voller Name ist Zachary de Immerson. Und den de Immersons gehört Silberstedt zusammen mit dem Großteil der umliegenden Provinz. Vor dem Aufstieg des Kaiserreichs waren sie wohl mal Könige

oder so etwas in der Richtung. Zumindest haben die meisten von ihnen die nötige Arroganz soweit ich mich erinnere. Zac war freundlicher als der Rest, aber was erwartet man von einem Kind. Er war damals vielleicht acht. Aber er hat schon verstanden, das ich nicht freiwillig dort war.“ ,,Und wie seit ihr entkommen… Ich meine, ihr wärt sonst wohl nicht hier.“ ,,Das ist beinahe auf eine tragische Art komisch. Das Zachary ein Magier ist, ist dem Auge des Sanguis-Orden nicht entgangen. Und nicht einmal die mächtigsten Adeligen würden sich alleine gegen den Willen der Zauberer stellen. Und nach diesem Willen gehört

jede Zauberer ihnen, sei er als Bettler geboren oder als Fürst. In der Praxis fordern sie längst nicht jeden ein, aber Zachary… Ihr habt gesehen was er tun kann. Zac sollte also zu ihrer Festung in den Bergen an der Grenze Immersons zu den Herzlanden gebracht werden. Ein Teil der Familie begleitete ihn und… ich musste mit. Zu Fuß natürlich, die hohen Herren hatten ja Wagen. Wart ihr schon einmal in den Bergen? Es kann schon in Silberstedt kalt werden, aber lauft ihr einmal Barfuß durch kniehohen Schnee. Wir gerieten in einen Sturm, in dem ich kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte. Und das einzige Geräusch, an dem ich mich orientieren konnte, war das

Aufeinanderprallen von Stahl, das fast gleichzeitig mit dem Sturm einsetzte.“ Cyrus hörte mit einer Mischung aus Mitleid und Neugier zu. ,,Als sich der Sturm auflöste, war von der Karawane der de Immersons niemand mehr übrig.“ , fuhr Eden fort. ,,Mich hatten die Angreifer vermutlich einfach übersehen.“ ,, Also war dieser Schneesturm doch für etwas gut.“ , bemerkte er. ,, Seht ihr die Dinge immer so optimistisch ?“ ,, Es kann immer schlimmer kommen.“ ,, Glaubt mir Cyrus. Damals war ich auf dem Tiefpunkt. Halberfroren habe ich nur noch einige umgestürzte Wagen

vorgefunden. Tote Pferde. Blut im Schnee… und die gefallenen Wächter unserer kleinen Karawane. Ich hätte da schon weglaufen sollen. Aber… zwei Überlebende gab es. Den alten Herr De Immerson… und Zachary. Der Junge hatte sich während des Angriffs unter einer der Kutschen versteckt. Ich habe sofort gesehen, das der Alte so gut wie tot war. Jemand hatte ihn mit einem Speer fast aufgespießt… Damit war ich frei. Jeder einzelne, der mich hätte aufhalten können, war tot. Die tragische Komik dabei ist bevor Fürst de Immerson starb nahm er mir noch den Schwur ab, auf Zac aufzupassen. Und man kann mir viel nachsagen, aber nicht,

dass ich ein Versprechen brechen würde. Ich hätte ihn sogar nach Silberstedt zurückgebracht, selbst wenn das bedeutet hätte wieder Ketten zu tragen.“ Eden schüttelte den Kopf. ,, Seltsamerweise war es Zachary, der mich davon abhielt, nachdem wir es irgendwie wieder aus den Bergen geschafft hatten.“ ,, Und wie genau seit ihr dann an die Windrufer gekommen ?“ ,, Das ist nochmal eine etwas längere Geschichte. Ich bin fast ein Jahr mit Zachary nur durch die Provinzen gereist. Nun, sagen wir einfach währenddessen sind jede Menge verrückte Sachen passiert und am Ende fand ich mich im Besitz eines Schiffs wieder.“ Sie nickte

ihm noch einmal kurz zu, bevor sie sich umdrehte. ,, Wenn Ihr mich entschuldigt. Ich will noch nach Zachary sehen und ihr werdet auch müde sein.“ ,, Solange ich nicht wieder in einer Abstellkammer schlafen muss.“ , kommentierte Cyrus sarkastisch. ,, Sucht euch einfach einen Platz unter Deck oder an Deck. Aber geht mir nicht übe Bord.“

Kapitel 31 Vara

Riach betrat das Gasthaus ohne sich wirklich umzusehen. Die Leute hier schienen freundlich, trotzdem nahm der Gejarn die Hand kein einziges Mal vom Messer. Ein grüner Umhang, der von einer Silberspange an der Schulter gehalten wurde, fiel ihm über die Schultern und er stieß mit dem Kopf fast gegen den Türrahmen, als er eintrat. Rotes Fuchsfell schimmerte im Licht einiger Kerzen. Riach war groß für seine Art, das wusste er, aber das führte wenigsten dazu, dass die meisten ihn in Ruhe ließen. Die Reise war für ihn bisher ohne

Probleme verlaufen, aber bis zur fliegenden Stadt war es noch weit. Und wenn er nicht rechtzeitig dort ankam… Er hatte zu lange gebraucht, die Ältesten der Clans zu überzeugen, auf Verhandlungen zu setzen. Der Kaiser hatte wieder und wieder Angeboten, Boten zu empfangen und was hatten diese Narren getan? Nichts. Aber nach der Zerstörung von Lore waren sie nachdenklich geworden. Hatte es den erst soweit kommen müssen, fluchte der Botschafter innerlich. Nur, das die Clans nicht sicher wussten, wer ihre Dörfer überfallen hatte, hatte einen sofortigen Krieg verhindert. Und ihm die Gelegenheit gegeben zu sprechen. Er, der

sich vorwerfen lassen musste, das große Ganze nicht zu sehen… Riach glaubte, manchmal der einzige zu sein, der es tat. Nun endlich hatte er die Gelegenheit, das auch unter Beweis zu stellen. In der fliegenden Stadt… dem Kaiser gegenüber ihre Rechte einfordern. Er wusste jetzt schon, dass er zumindest einige Clans enttäuschen musste. Was manche von ihnen forderten, darauf konnte Konstantin nicht eingehen. Aber vermutlich setzten sie genau darauf. Und das man ihn alleine auf den Weg schickte sprach auch nicht grade dafür, dass man ihm Erfolg wünschte. Die Ältesten warteten vermutlich nur auf Nachricht über seinen Tot. Den gefallen würde er

ihnen nicht tun. ,,Ach, noch einer.“ Ein bärtiger Mann mittleren Alters kam um den Tresen herumgelaufen. Offenbar der Wirt des Hauses, dachte Riach, während der Fremde mit einem einladenden Grinsen auf ihn zukam. ,,Nun, was führt euch hierher ? In letzter Zeit scheinen doch mehr eurer Art hier durchzukommen, als wir es gewohnt sind.“ Riach sah auf. ,,Wie meint ihr das ?“ ,,Erst vor einer Woche sind hier zwei Gejarn zusammen mit einem Menschen durchgekommen.“ , erwiderte jemand. Ein dunkelhaariger Mann, der einen geflochtenen Strohhut trug. Draußen hatte es mittlerweile zu regnen

begonnen und es wurde dunkel. Die Straßen des kleinen Dorfs, in das er sich vor dem nahenden Unwetter geflüchtet hatte, waren so gut wie verlassen. Und durch die Blätter des großen Baums in der Mitte des Orts wehte der Wind. Fast wie das heulen von Geistern. Riach zuckte mit den Schultern. ,,Ich suche nur einen Platz für die Nacht.“ , sagte er und warf ein paar Silbermünzen auf den Tisch. Die Geldstücke fingen einen Moment das Licht ein, bis der Wirt eines davon aufhob und flüchtig betrachtete. Die Oberfläche war vollkommen Bllank, ohne jegliche Prägung. ,,Erst Kaisergold, jetzt siegellose Münzen. Ihr kommt aus den

Clanlanden , wie ?“ ,,Nur, wenn das ein Problem sein sollte.“ Alron winkte ab. ,,Wir haben hier weder Ärger mit den Gejarn noch dem Kaiser.“ ,,Das ganze Obergeschoss steht leer.“ , fügte der Wirt hinzu, während er die Silberstücke zählte und Riach dann fünf Münzen zurückgab. Auch die Reise ließen die abtrünnigen Clans ihn aus eigener Tasche bezahlen. Er sollte nicht gehen. Die Ältesten brachten es fertig und brachten ihn bei seiner Rückkehr um, wenn er tatsächlich eine Einigung mit dem Kaiser erreichte. Manche von ihnen schienen vergessen zu haben, dass der Kaiser sie jederzeit schon hätte auslöschen können, hätte er das gewollt.

Das war schlichte, kalte Mathematik. Kam es zu einem offenen Konflikt, wären sie zahlenmäßig weit unterlegen. Nein, es musste eine friedliche Lösung geben. Er musste sie nur finden und hatte jetzt die Gelegenheit dazu. Riach ließ die Münzen wider in der Tasche verschwinden, bevor er sich auf den Weg durch die leere Schenke in Richtung einer Treppe zum zweiten Geschoss des Gebäudes machte. ,,Ach , bevor ich es vergesse.“, hielt ihn der Wirt noch einmal an. ,,Das hier hat mir eine Gejarn gegeben, die meinte ich sollte es dem nächsten geben, der mir begegnet.“ Der bärtige Mann hielt ihm einen Papierumschlag hin. Riach nahm

das Stück Papier an sich. Auf dem Umschlag selbst stand nichts. Es gab auch kein Siegel oder irgendetwas, das ihm einen Hinweis darauf gab, wer das hier hinterlegt hatte. Vorsichtig öffnete er das Kuvert und förderte ein dicht beschriebenes Blatt Papier ans Tageslicht. Die verschlungenen Zeichen seiner eigenen Sprache schimmerten ihm entgegen. Riach begann zu lesen. ,,Mein Name ist Jiy aus Lore. Ich bin die letzte Überlebende meines Heimatortes und lege mit diesen Worten Zeugnis ab gegen das Kaiserreich von Canton…“ Während er die Zeilen weiter verfolgte begannen seine Hände zu

zittern. Was für Spiele trieben die Schicksalsweber mit ihm, das ausgerechnet ihm das in die Hände fallen musste. Ein detaillierter Augenzeugenbericht über die Vorkommnisse in Lore. Nicht auszudenken, wenn das die Ältesten erreicht hätte. Das war praktisch eine Kriegserklärung. Ein… Es konnte sie immer noch erreichen. Erst bei den letzten Zeilen des Briefes schien sich der Ton zu ändern. ,,Auch wenn mein Hass auf diejenigen, die uns ohne Grund überfielen und jagten ungebrochen bleibt und bleiben wird, ich bin einem Menschen begegnet, der mich davon überzeugt hat, das nicht alle gegen

uns stehen. Dieser ganze Ort in dem ihr diesen Brief erhalten habt spricht dafür. Da ihr das erhalten habt, müsstet ihr das wissen. Ich habe die Verantwortung aus der Hand gegeben und überlasse es dem Zufall, wie ihr verfahrt. Vielleicht, weil ich einer dummen Idee nachlaufe. Doch eine Bitte habe ich wer auch immer diese Zeilen liest: Verurteilt nicht alle, aufgrund der Taten weniger. Ich habe diesen Fehler beinahe gemacht und bin froh, dass mein Herz mich davon abhielt.“ Riach faltete das Blatt wieder zusammen. Stattdessen wanderte seine Hand wieder zum Dolch. Offenbar bemerkte der Mann

mit dem Strohhut in der Ecke die Geste und legte die Hand demonstrativ auf eine Glasflache auf dem Tresen. Als ob er ihn damit einschüchtern konnte… Götter, er durfte kein Risiko eingehen. Wenn der Wirt wusste, was in diesem Brief stand… ,,Sagt es mir. Habt ihr das hier gelesen?“ Er hielt den Brief hoch, während er auf den Wirt zutrat. ,,Ich…“ Der Mann schien plötzlich unsicher und sah hilfesuchend zu seinem Gefährten, der einen Schritt auf Riach zumachte. ,,Antwortet mir.“ Er ließ das Messer los und packte den Mann bei den Schultern. ,,Euer und noch sehr viel mehr Leben

hängen davon ab, das ihr mir die Wahrheit sagt.“ ,,Okay, ich geb es zu, ich hab versucht das Ganze zu lesen. Hey, wer würde das nicht, aber… ich kann die Buchstaben nicht mal entziffern.“ Angst vermischt mit Unverständnis spiegelte sich in den Augen des Wirts. Er log nicht, dachte Riach. Aber konnte er das Risiko eingehen, sich hier von einem bloßen Gefühl leiten zu lassen… Kurz schätzte er seine Chancen ab. Er könnte es sicher sowohl mit dem Wirt als auch mit dem anderen Mann aufnehmen Aber… Er war hier um für Frieden zu Sorgen. Langsam ließ er den Wirt los und trat ein paar Schritte

zurück. ,,Entschuldigt. Ihr habt gut daran getan mir das zu geben.“ Vara lag eingekeilt zwischen einem See und dutzenden von Hügeln, welche die ganze Stadt umgaben. Wie ein Juwel in seiner Fassung schimmerten die grünen Kupferdächer der Universitätsgebäude im Morgenlicht. Kellvian konnte die silbernen Kuppeln des Planetariums der Stadt erkennen. Es war Jahre her, das er hier gewesen war, aber die Hallen und endlosen Bibliotheken der Gelehrten hatten damals schon ihre Anziehung auf

ihn ausgeübt. Auch wenn er kaum Gelegenheit gehabt hatte, sich alleine umzusehen. Immer hatte jemand in seiner Nähe sein müssen, der ein Auge auf ihn hatte. Eigentlich, überlegte er, hatte sich seit damals nicht viel verändert. Und selbst jetzt noch… egal, ob er hier etwas fand, er würde es nicht bereuen hierhergekommen zu sein, das wusste Kell jetzt schon. Die Stadtmauern aus honigfarbenem Stein bildeten ein annäherndes Oval, in dem sich scheinbar tausende von Häusern erhoben. Sie standen auf einem der zahlreichen Hügel vor Vara. Irgendjemand hatte gewaltige, mit Runen übersäte

Monolithen auf jedem einzelnen der kleinen Berge aufgestellt. Aber was diese Runensteine zu bedeuten hatten, das hatten bisher nicht einmal die Gelehrten der Universität sicher feststellen können. Zyle hatte es sich unter einer der Granitsäulen bequem gemacht und schlief scheinbar. Die Nacht über waren sie einfach durchgelaufen. Niemand war gestern noch nach Schlafen zu Mute gewesen. Kell entging jedoch nicht, das der Man ein Auge leicht geöffnet hatte und die Hand am Schwertgriff ruhte. Nach dem Angriff durch die Unbekannten Räuber an der Erdwacht . Bisher hatte er nichts zu dem Steckbrief gesagt, den die Fremden dabeigehabt hatten, sondern

offenbar entschieden es für sich zu behalten. Und dafür war Kell ihm auch dankbar. Er hätte keine Möglichkeit, sich da rauszureden. Ihm war ja nicht einmal selber klar, wer hinter ihm her sein könnte. ,,Dieser Ort ist… riesig.“ , meinte Jiy. ,,Eigentlich ist es nur eine mittelgroße Stadt.“ , bemerkte Kellvian lächelnd. Die Gejarn sah ihn ungläubig an, so als vermute sie, er erlaube sich einen Scherz. ,,Vor allem die großen Häfen an der Küste sind noch viel größer und die fliegende Stadt… Sagen wir einfach, dagegen würde selbst ein Ort wie Lasante winzig wirken.“ Eine Straße führte über Serpentinen den

Hang hinab in Richtung der Stadttore, wo sich ein stetiger Strom Reisender einfand. Schwer beladene Karren mit Lebensmitteln schleppten sich neben den Kutschen der Adeligen und einigen Bürgern entlang, die zu Fuß gingen. Alles unter den Wachsamen Augen einiger durch Kürasse geschützter Wachen. Lange Stoffbahnen mit dem Banner des Fürsten von Vara wehten sanft im Wind. Ein weißer Stern auf blauem Grund. Die Farbe des Kaiser und das persönliche Emblem von Markus Cynric. Der Patrizier und Herr der Stadt war Kellvian erst ein paar Mal begegnet. Zeit, sich die Stadt etwas näher anzusehen. Kellvian schulterte den

Rucksack. ,,Desto früher wir da sind, desto schneller kannst du dir ein eigenes Bild machen. Das heißt, wenn wir Zyle wach bekommen.“ ,, Hey, Schlafmütze, wir wollen los.“ , rief Jiy. Zyle schlug die Augen auf und tat einen Moment verwirrt. So als hätte er tatsächlich geschlafen. Vielleicht konnte der Mann ja tatsächlich mit geöffneten Augen ruhe finden, dachte Kell. Oder er Schauspielerte gut. Aber warum sollte er sich schlafend stellen ? Sie waren nicht seine Feinde… ,, Ich bin wach.“, antwortete der Laos und setzte sich auf. ,, Das ist also euer Vara ? Irgendetwas, das ich noch wissen

sollte ?“ Zyle besah sich den Ort mit unlesbarem Gesichtsausdruck. War das Erwartung in seinen Zügen? ,, Viel gibt es dazu eigentlic nicht zu sagen. Die Universität ist das Zentrum der Stadt, obwohl das eigentliche Land einem Patrizier gehört, einem… Bekannten von mir könnte man sagen. Es ist die erste größere Stadt auf dieser Seite der Clangebiete und ein kleines technisches Wunder. Das Planetarium hier ist nur eines davon. Es gibt Bäder in den Städten und magisch getriebenes oder mechanisches Wasser…. ,,Oh den Göttern sei Dank. Ich könnt ein Bad gebrauchen…“ Was mir auch schon aufgefallen ist.“ ,

bemerkt Zyle. Und wusste im selben Moment, das er einen Fehler gemacht hatte. Jiy holte mit einer Faust aus und es gelang ihm grade noch darunter wegzutauchen. Dem nächsten Hieb wich er fast genau so geschickt aus. ,, Geht’s wieder ?“ , wollte er mit einem überlegenen Grinsen wissen. Im nächsten Moment holte ihn etwas von den Füßen und er schlug der Länge nach auf dem Boden auf. Die Gejarn hatte einfach ihren Schweif benutzt um ihm die Beine wegzuziehen. Kell streckte ihm eine Hand hin um ihm aufzuhelfen. ,, Ihr seid doch nicht schon wieder Müde ?“ ,, Sehr witzig.“ Zykle ergriff die

dargebotene Linke und zog sich hoch. ,, Er hat es verdient.“ ,, Schon gut Jiy. Wir waren alles eine Woche in der Wildnis unterwegs. Das hinterlässt seine… Spuren.“ Kellvian sah demonstrativ an sich selbst herab. Ein nur schwer zu übersehener Blutfleck prangte auf dem linken Ärmel seines Hemds. Die Farbe war vielleicht mal weiß gewesen, erinnerte jetzt aber eher an schmutziges Grau, wie Zyles Fell. Wenn er die beiden nicht brauchen würde…. Aber du brauchst sie, erinnerte Zyle sich. Zumindest bis sie in der Stadt waren. Und bis Kellvian ihn zu diesem Patrizier bringen konnte. Das musste sein Ziel sein. Irgendwie tat es ihm leid, Kell

so für seine Zwecke einzuspannen. Der Mann war so freundlich, dass es einem schon fast auf die Nerven gehen konnte. Auch wenn sich irgendetwas unter dieser Naiven Nettigkeit zu Verstecken schien. Und er hatte Potential, das hatte er gesehen. Wäre Kell in Helike geboren, er wäre sicher schnell durch die Ränge aufgestiegen, hätte er die nötige Härte besessen. Und Jiy… was war eigentlich mit der? Er wusste bis jetzt nicht, warum sie mit Kell zusammen reiste. Aber was ging ihn das an. Er war hier um seinen Auftrag auszuführen. Zyle sah nach Vara hinab, als sie sich an

den Abstieg über die Seite des Hügels machten. ,, Ihr habt erwähnt, ihr kennt den Fürsten der Stadt ?“ Kellvian nickte. ,,Markus Cynric. Aber ich werde seine Hilfe nur in Anspruch nehmen, wenn wir sie wirklich brauchen. Momentan sieht es so aus, als sollten wir ohne Probleme durch die Tore kommen. Auch wenn ihr vielleicht eure Waffe werdet abgeben müssen.“ ,, Was ?“ Zyle sah Kellvian an, als hätte dieser ihm soeben die Ohrfeige verpasste, bei der Jiy ihn verfehlt hatte. ,, Ich sagte vielleicht. Wir sind nah an der Grenze und auch wenn Markus immer gute Beziehungen zu den Gejarn-Clans

unterhielt, so wie die Momentane Situation ist… Sie werden euch nicht unbedingt Bewaffnet durch die Tore lassen.“ ,, Ich gehöre nicht mal zu einem euer verdammten Clans.“ ,, Das wissen die aber nicht.“ , entgegnete Jiy. Zyle schüttelte den Kopf. So nah war er bisher selten an die Städte Cantons herangekommen. Eigentlich hatte er nach wie vor das blanke Chaos erwartet. Ohne die ordnende Hand eines strengen Gesetzes und des Worts der Archonten… aber das hier schien dem zu Wiedersprechen. Zyle verfluchte sich kurz selbst. Es lag nicht an ihm, das zu

Hinterfragen. Wenn Laos Worte nicht gut wären, hätte der große Lehrer siesicher nicht aufgeschrieben. Er hatte den Archonten zu vertrauen. Das Chaos, das man von außen nicht sah, das musste sich einfach innerhalb der Mauern niederschlagen. Kurz wünschte er sich, die bewaffneten Gestalten an den Toren würden tatsächlich Ärger machen. Ein Kampf würde ihm erlauben, seine Gedanken ein wenig zu klären…

Kapitel 32 Patrizier


An den Ordensoberen des Sanguis-Ordens, Tyrus Lightsson Die von euch Ausgeschickten Attentäter haben derart kläglich versagt, dass ich versucht bin, das als Absicht zu werten. Wie konntet ihr Glauben, es reiche ein paar Söldner anzuwerben und mit billigster Magie auszurüsten? Ich könnte diese Nachlässigkeit verstehen, wenn es um etwas weniger wichtiges ginge, aber es geht darum Konstantins verdammten Erben zu neutralisieren. Wenn Kellvian Belfare noch atmet, wenn unser Plan anläuft kann das alles

ruinieren. Ein gutes hat das ganze Debakel wenigstens. Einer eurer Assassinen hat Überlebt. Offenbar haben sie ihr Ziel an der Erdwacht gestellt und er wurde als Totgeglaubt zurückgelassen, nachdem er von den Mauern gestürzt war. Allem Anschein nach ist Kellvian nicht länger allein, sondern sie sind zu dritt unterwegs. Eine Gejarn, offenbar Leoparden-Clan. Genau. Der Clan den der Kaiser vernichtet haben sollte. Ich habe jeden einzelnen Faden in Position gebracht und muss nun entdecken, das durch stümperhafte Arbeit offenbar nach wie vor Lücken in unserem Netz geblieben

sind. Ich erwarte von euch Tyrus, das ihr euren Fehler korrigiert. Sendet diesmal fähige Leute. Ordenszauberer keine solchen Stümper. Es darf kein Risiko mehr eingegangen werden. Sowohl Kellvian, als auch die Gejarn und der dritte Mann müssen sterben. Kellvians dritter Begleiter ist jedoch ein Sonderfall…. Nach der Beschreibung des Überlebenden ist es jemand, der für uns noch seine Rolle zu spielen hat. Ihr wisst welche. Unsere Absicherung, wenn jemand an Kellvians Tod Zweifeln sollte. Oder… er es schafft. Gebt ihnen also etwas Zeit. Findet heraus, wo sie sich jetzt befinden. Und

schlagt zu, wenn ihr euch sicher seid. Wenn ihr aber versagen solltet werde ich jemand Fähigeres finden. Ihr wisst, was auf dem Spiel steht und egal, wie ihr euch dabei fühlt, Kellvian darf dem großen Ganzen nicht im Weg stehen. Für den Frieden. Es ist besser, er stirbt durch unsere Klingen, als das er in die fliegende Stadt zurückkehrt, das kann ich euch versichern, alter Freund. Denn wenn nicht…. Ich schätze ihr habt selber eure Erfahrungen damit gemacht. Erfüllt euren Teil. -Brief aus dem Besitz des Ordensoberen Tyrus

Lightsson -Ohne Unterschrift oder erkennbares Siegel , Verschlusssache der Archive zu Vara Anmerkung : Die Buchstaben wurden offenbar mit Magie in das Papier gebrannt Sie hatten sich mittlerweile in den steigen Strom Reisender eingereiht, der durch die Tore Vara betrat oder verließ. Die Vielzahl an Sinneseindrücken war erstickend. Wenn sie nur schnell von den Karren der Händler und der Masse der Menschen und vereinzelten Gejarn wegkamen… ,,Danke übrigens noch mal fürs Leben

retten.“ , sagt Kellvian neben ihr. ,,An der Erdwacht.“ Es war reines Glück gewesen, das sie alle lebend aus der zerstörten Festung entkommen waren. Und das ohne, dass einer von ihnen großartig verletzt worden wäre. Jiy selbst hatte sich bei ihrem Sturz ein paar Oberflächliche Schnitte und Schürfwunden zugelegt. Sie grinste, als sie sich zu ihm umdrehte. ,,Wir sind quitt, schätze ich.“ ,,Du hast mir nie auch nur das geringste Geschuldet. Was wirst du machen? ich meine wenn du es müde wirst einem ziellosen Wanderer hinterherzulaufen?“ Jiy hatte bisher nur flüchtig darüber nachgedacht. Aber… eigentlich stand es

für sie fest. ,,Ich denke, ich werde herausfinden, wer aus meinem Clan noch lebt. Sie sind nicht alle in Lore gestorben, das weiß ich einfach.“ ,,Ich… hoffe es.“ , erwiderte Kellvian. Jiy sah auf. Was war plötzlich mit ihm? Von einem Moment auf den anderen wirkte er so niedergeschlagen wie…. Gestern in ihrem Lager an der Erdwacht. Er hatte etwas sagen wollen… ,,Aber wenn es jemand schafft, dann doch sicher du.“ ,,Woher willst du das wissen ?“ , fragte sie und verschränkte die Hände vor der Brust. Er zwinkerte, offenbar plötzlich wieder

bester Laune. ,,Das weiß ich einfach. Heißt es bei euch nicht, jeder hätte ein Schicksal? Vielleicht ist das genau deines.“ ,,Ich dachte mir nur, wenn ich meine Leute finde will ich Lore wieder aufbauen. Das heißt wenn es noch etwas gibt, das sich lohnt wiederaufrichten.“ , sagte Jiy, wurde aber plötzlich unsicher. Das war ein dummer Vorschlag. Aber sie musste ihrem Gefühl hier vertrauen. ,,Und … natürlich nur, wenn du willst...“ Das war einfach dumm. Kellvian hatte seine eigenen Probleme, sonst wäre er nicht hier, selbst wenn sie nicht glaubte, die zu verstehen. Irgendwann würden sich ihre Wege

wieder trennen müssen… ,,Jiy ?“ ,,Ich würde mich über deine Hilfe freuen.“, sagte sie schnell, nur um dann wegzusehen. Ihre Wagen mussten brennen. Das Kellvian das durch Fell und Haar gar nicht sehen konnte, der Gedanke kam ihr zu spät. Großartig, jetzt hält er dich mindestens für eine völlige Idiotin. Kellvian jedoch nicke lediglich. ,,Ich weiß nur nicht, ob mich deine Leute gegebenenfalls willkommen heißen würden.“ ,,Wenn sie dich erstmals kennen lernen sicher.“ ,,Du denkst also, sie würden mich nach

dem beurteilen was ich tue… nicht nach dem was sie sehen oder wer ich bin ?“ ,,Weil du ein Mensch bist ? Nein. Bevor dem Angriff war es Tradition, das sich sowohl die um Lore lebenden Menschen als auch die Gejarn jedes Jahr trafen. Und ich meine, ich beurteile dich nicht nach dem was du bist. Es würde mir nur… viel bedeuten.“ Der Heiler lachte hell. ,,Wie kann ich da noch nein sagen ?“ Jiy war auf ihre Art fast unglaublich. Er machte sich die ganze Zeit Sorgen, aber was ihm die Gejarn sagte… was sie ihm anbot war vielleicht genau das, was er suchte. Wiedergutmachung… ,,Das

heißt…“ ,,Ich habe lediglich ein weiteres Versprechen, das mich früher oder später einfordern wird.“ Kell hatte Syle versprochen zurückzukommen. Und damit auch seinem Vat… dem Kaiser gegenüber . Seinem Vater. Warum versuchte er das ständig zu leugnen? Könnte er nicht einfach wirklich sein, wofür Jiy ihn hielt. Einen wandernden Heiler, der durch die Maschen des Sanguis-Ordens geschlüpft war. ,,Aber ja, solange ich dazu in der Lage bin, wenn du deine Heimat wiederaufbauen willst, bin ich dabei. “ Jiys Antwort bestand aus einer plötzlichen Umarmung, die ihn fast von

den Füßen holte. ,,Denkst du, du kannst immer allen helfen ?“ Es klang leicht vorwurfsvoll. ,,Ich versuche es zumindest.“ ,,Du bist entweder der dümmste Mensch der mir bisher begegnet ist… oder der Weiseste.“ Kellvian wollte grade noch etwas erwidern, als ihn Zyles Stimme aufschreckte. ,,Ich gebe meine Waffe ganz sicher nicht ab.“ Zwei der Wachen die die reisenden begutachteten waren zu dem Gejarn getreten. Auf ihren leichten Rüstungen glänzte das Symbol von Vara, der weiße Stern auf blauem Grund. Jede der Gestalten trug eine Steinschlosspistole

im Gürtel und hielt eine Hellebarde in der Hand. ,,Sir , sie erhalten die Waffen zurück, sobald sie die Stadt verlassen. Aber nach Erlass des Patriziers Cynric ist es bis auf weiteres keinem Gejarn erlaubt, innerhalb der Stadt Waffen zu tragen. Solltet ihr euch Sorgen um eure Sicherheit machen müssen, kann man euch notfalls eine Garde stellen.“ ,,Für meine Sicherheit sorge ich lieber selbst, vielen Dank.“ Zyle legte eine Hand an den Schwertgriff. Kellvian bedeutete Jiy zu bleiben wo sie war, bevor er auf die zwei Wachleute zutrat. ,,Gibt es ein Problem ?“ ,,Gehört der hier zu euch Reisender ?“ ,

fragte einer der Wachleute. ,,Wenn ja wäre ich euch dankbar, würdet ihr ihn überzeugen Vernünftig zu sein.“ ,,Zyle, bitte. Ihr kommt in diese Stadt nicht Bewaffnet rein.“ ,,Das ist dann deren Problem.“ Der Gejarn nickte in Richtung der beiden Soldaten. ,,Ich schätze, ihr könnt keine Ausnahme für ihn machen ?“ , wollte Kellvian von ihnen wissen. ,,Unsere Anweisungen sind klar. Tut mir leid.“ ,,Dann würde ich gerne selbst mit Markus Cynric sprechen.“ ,,Ich bezweifle, dass der Patrizier für euch Zeit hat.“ , gab einer der Wächter

entnervt zurück und musterte ihn dabei abfällig. Vermutlich sahen sie alle drei mehr aus wie Landstreicher. Kell grinste. ,,Oh doch. Er wird Zeit finden. Sagt ihm einfach Kellvian wäre hier.“ Wenn die Nachricht dass er aus der fliegenden Stadt geflohen war Vara schon erreicht hätte, wären sie schneller durch diese Tore, als es jemand merken würde. Und wenn nicht würde der Patrizier sich doch sicher noch an ihn erinnern. Wenigstens blieb ihm so oder so erspart, wie der den Siegelring vorzeigen zu müssen. Er hatte schon letztes Mal Glück gehabt. ,,Ich hoffe, das ist es wert.“ , meinte er an Zyle

gerichtet. ,,Solange es funktioniert.“ Kellvian schüttelte den Kopf. Der Mann blieb ihm ein Rätsel, aber jetzt Schuldete er ihm schon zweimal sein Leben. Markus Cynric war eine Gestalt, die man nicht leicht übersah. Kräftige Muskeln zeichneten sich unter einer blauen Gardeuniform ab, die sich nur durch einige eingenähte Goldfäden von der Kleidung der Leibgarde des Kaisers unterschied. Ein breitkrempiger Hut mit vergoldeter Feder schützte sein Gesicht vor der Sonne, während er die Hände auf einen schlichten Ebenholstab gestützt

hielt, in dem sich, wie die wenigsten wusste, eine Klinge verbarg. An seiner linken fehlten drei Finger. Er war ein Veteran der kaiserlichen Armee der erst jetzt, in seinen späteren Jahren zur Ruhe gekommen war. Er war kleiner als die meisten Männer aber das machte er durch schlichte Körperkraft wieder wett. Ohne die fürstliche Kleidung hätte man ihn mit seiner dunklen Haut für einen der Bewohner des Südens halten können und doch trotz seiner einschüchternden Erscheinung galt er bei den Bewohnern Varas als kultiviert und blieb einer der größten Förderer der Universität. Entsprechend gerne gesehen war er auf

den großzügig gehaltenen Straßen Varas und den öffentlichen Märkte. Und ihm gefiel es, sich unter die Leute zu mischen. Seine Leibwache, zwei Bär-Gejarn die die meisten Menschen weit überragten und drei Menschen, verloren ihn dabei regelmäßig aus den Augen. Die Panik in ihren Augen, wenn er kurz endgültig aus ihrem Sichtfeld verschwand war wirklich herzerwärmend. Diese Leute sorgten sich nicht bloß aus Pflichttreue um ihn, dachte er. Und das war etwas Schönes. Er hatte in zahllosen Kämpfen zu viele aus reinem Pflichtbewusstsein in den Tod marschieren sehen. Soweit er sich auf dem weiß gepflasterten Marktplatz

umsah winkten ihm Leute zu, doch dafür hatte er heute keine Augen. Es gab in letzter Zeit zu viele Dinge um die er sich Sorgen musste. Sie waren einfach zu nah an der Grenze. Die erste Bastion, würde es wirklich zu einem offenen Konflikt zwischen abtrünnigen Clans und allen Kaisertreuen kommen. Und dann stand auch noch eine Feier für die Universität an. Leiser Tumult in der Menge vor ihm brachte den Patrizier dazu, langsamer zu werden und schließlich stehenzubleiben. Eine große Menschentraube hatte sich vor einer der Häuserwände gebildet, welche den Marktplatz umschlossen. Die Leute wirkten wütend, aber noch hob

keiner die Stimme. Im Gegenteil, die die ihn bemerkten nickten ihm kurz zu und wurden dann ruhig. Ein Mann in einem Mantel aus dunklem Goldbrokat hatte sich vor der Menge aufgebaut. Zuerst dachte Markus noch, es wäre einer der zahllosen fahrenden Händler, die man überall am Markt fand. Mit einem bunten Sammelsurium aus Waren zogen sie die Fußgänger an und man konnte sicher sein, nicht die Hälfte von dem wirklich zu brauchen, was sie einem Aufschwatzten. Aber dieser Mann hier hatte keine Ware. Nur eine Reihe Menschen und Gejarn, die reglos und scheinbar wenig begeistert an der Häuserwand standen. Niemand von ihnen

sagte ein Wort. Jetzt wurde Markus doch neugierig. Waren das die Mitarbeiter des Mannes oder… Er erstarrte als er die Ketten sah, welche die Handgelenke der Leute an der Hauswand miteinander verbanden. Markus seufzte, bevor er sich, gefolgt von seiner Garde, durch die Menge nach vorne drängte. ,,Ernsthaft ?“ Seine Stimme war laut genug um das Gemurmel der Menge zu übertönen. Der Mann in dem Goldmantel erkannte ihn offenbar, denn er verbeugte sich kurz. ,,Ah, Patrizier Cynric. Ich darf annehmen, das ihr hier seit um…“ ,,Zu erfahren, was bei allen Göttern ihr hier tut.“ , unterbrach Markus den Mann.

Der einschmeichelnde Unterton dieses Kerls gefiel ihm nicht. ,,Wer sind diese Leute ?“ , wollte er stattdessen wissen und deutete auf die Reihe der Angeketteten. ,,Größtenteils Aufständige aus den Südprovinzen, einige Fahnenflüchtige. Aber keine Sorge Herr. Die meisten haben schnell gelernt keinen Ärger mehr zu machen und was die Gejarn angeht…“ ,,Ich schätze euch ist nicht klar, wie wir in dieser Stadt mit Sklavenhändlern verfahren ?“ , unterbrach der Patrizier ihn mit warnenden Unterton. Warum musste der Kerl jetzt hier auftauchen, wo er genug andere Sorge hatte? Aber er würde hier keinen Sklavenhandel dulden,

dachte Markus. Er hatte das schon immer gehasst. ,,Herr, ich habe eine kaiserliche Depesche und alle Genehmigungen die ich brauche.“ , erwiderte sein gegenüber leicht nervös. ,, Ich kann verstehen, wenn euch mein Geschäft nicht zusagt aber nach dem Gesetz Cantons tue ich nichts illegales.“ ,,Darf ich diese Dokumente denn einmal sehen ?“ ,,Sicher.“ Der Mann durchsuchte kurz die Taschen seines Mantels, bis er drei Bögen Pergament zu Vorschein brachte. Markus nahm das Papier entgegen. Auf jedem davon befand sich am Ende das klar erkennbare Siegel des Kaiserreichs.

Auch wenn Sklavenhandel allgemein nicht mehr gerne gesehen wurde, von Zeit zu Zeit stellte der Kaiser noch Lizenzen aus, vor allem als Abschreckung. Solchen Leuten war es dann erlaubt, die gegnerischen Überlebenden von Feldzügen einzubehalten. Manche allerdings gingen auch etwas weiter und nahmen das mit den Gegnern nicht so genau. Markus überflog die Dokumente nur kurz. Sie waren echt. Mit einer raschen Bewegung riss er die Depesche in zwei Hälften und zerstreute die Papiere. ,,Ich darf euch korrigieren. Ihr hattet einmal eine Lizenz. Es gibt in meiner verdammten Provinz keinen

Sklavenhandel und…“ Sein Blick wanderte erneut zu den Reihen der Gefangenen. Einige kleine Gestalten duckten sich hinter den Menschen und Gejarn zusammen. Waren das… Kinder ? Diese Leute sahen nicht aus, als wären sie aus der kaiserlichen Garde geflohen. Der Sklavenhändler begehrte auf, als der Patrizier die zerrissenen Zettel losließ und diese vom Wind davongetragen wurden. ,,Herr.“ Er machte einen Schritt auf ihn zu und fuchtelte wild mit den Armen. ,,Ich werde mich beim Kaiser beschweren. Ihr könnt doch nicht einfach….“ Markus versetzte dem völlig überraschten Mann einen harten Schlag

ins Gesicht. Dann trat er an die Gefangenen heran. ,,Ihr. Woher stammt ihr?“ , wollte er vom ersten in der Reihe wissen. Ein Gejarn, der den Patrizier an einen Leoparden mit grauem Pelz erinnerte. Der Mann sagte nichts, sondern starrte schlicht zu Boden. Markus schüttelte den Fremden an der Schulter. ,,Hey, ich rede mit euch.“ Nach wie vor keine Reaktion. ,,Ich bin nicht euer Feind.“ , sagte Markus diesmal mit sanfter Stimme. ,,Schaut mich einmal an.“ Unendlich träge sah der Gefangenen endlich auf. Ein paar leere, ausgebrannte Augen starrten dem Patrizier entgegen. Götter was hatte der Händler diesen

Leuten angetan? Dieser schien nun endlich zu begreifen, in welche Schwierigkeiten er sich gebracht hatte. Langsam wich der Sklavenhändler zurück und versuchte offenbar, in der Menge zu verschwinden. Es brauchte jedoch nur ein Handzeichen von Markus und seine Leibwache packte den Mann und riss ihn zurück auf den kleinen Platz, welchen die Menschenmenge umschloss. Die Wachen zwangen den Mann, sich ein Stück zu dem Patrizier herunterzubeugen, so das Markus ihm in die Augen sehen konnte. ,,Hört mir mal ganz genau zu mein Freund. Wenn ich ehrausfinden sollte, das einer dieser Männer und Frauen aus

meiner Provinz stammt, werde ich euch pfählen lassen, versteht ihr mich? Das ist die Strafe für Kriegstreiber. “ Die nackte Panik im Gesicht seines Gegenübers erfüllte Markus mit Genugtuung. ,,Kriegstreiberei ? Seit ihr den des Wahnsinns? Ihr…“ ,,Schweigt. Die Situation ist angespannt genug. Was glaubt ihr, werden die Clans tun, wenn denen zu Ohren kommt, das der Kaiser in der Situation noch Freibriefe für Sklaventreiber wie euch ausstellt? Diese Leute sind allesamt sofort zu befreien. Und jetzt los, wenn einer dieser Leute in fünf Minuten noch ketten trägt, töte ich euch höchst

persönlich.“ Markus nahm einen seiner Gejarn-Wachleute beiseite. ,,Passt auf, das er wirklich alle Ketten aufschließt. Wenn er Probleme macht…. Tut mir einen persönlichen gefallen und erschießt ihn.“ Der Soldat nickte. ,,Mit vergnügen.“ ,,Danach lasst den Bastard laufen.“ Er wendete sich an die Umstehenden Menschen. ,,Das gilt auch für euch. Bis er aus den Toren heraus ist, steht dieser Händler noch unter meinem Schutz. Und bringt diese Leute allesamt an die Universität. Jemand soll sich um sie kümmern.“ Erneut nickte der Wachmann nur. Markus seufzte. Das würde wieder jede Menge

Papierkram erfordern, wenn der Sklavenhändler wirklich beim Kaiser Beschwerde einlegte. Aber das war das eine, das er nicht ertragen konnte. Auf seien Art war jeder Unfrei und durch irgendetwas gebunden. Aber Sklaverei… Mochte der Kaiser ihn auch erneut verfluchen, es war ihm egal, wenn er dafür mit ruhigem Gewissen schlafen konnte. Konstantin würde ihn nie absetzten, das war Markus klar. Das Volk von Vara würde kaum einen anderen Akzeptieren. In die umstehenden Schaulustigen kam erneut Bewegung, als sich eine Gestalt in Silberharnisch durch ihre Reihen

drängte. Was denn jetzt schon wieder ? Der Soldat salutierte kurz, bevor er sich auf dem Platz umsah. Der Sklavenhändler bemühte sich, so schnell wie möglich den Forderungen des Patriziers nachzukommen und hantierte mit einem riesigen Schlüsselbund herum. Dass der Mann den Markus zu seiner Überwachung abgestellt hatte dabei mit einer Muskete auf ihn zielte machte die Sache auch nicht besser für den armen Kerl. Es wirkte beinahe komisch, wie er versuchte, den richtigen Schlüssel für die Ketten zu finden. Oder hätte es, dachte der Patrizier, wenn da nicht der hohle, gebrochene Blick der

Sklaven gewesen wäre. Götter, das würde ihn heute nach noch verfolgen. ,,Was gibt es denn ?“ , wendete er sich an den Neuankömmling. ,,Herr, vor den Toren wartet jemand, der behauptet euch zu kennen. In seiner Begleitung befinden sich zwei Gejarn von denen einer nicht bereit ist, wie von euch angeordnet, seine Waffe abzugeben. Sollen wir ihn wegschicken?“ ,,Wer wartet denn auf mich ?“ ,,Er meinte sein Name wäre Kellvian und ihr würdet schon wissen, wer er sei.“ Kellvian ? Das gab es doch wirklich nicht. ,,Worauf wartet ihr bringt mich

hin.“

Kapitel 33 Zufall



,,Kellvian. Wie lange ist das her?“ Der Mann der auf sie wartete entsprach ganz und gar nicht dem, was Zyle erwartet hatte. Als man sie endlich durch die Tore gelassen hatte, hatte er insgeheim gehofft, den Patrizier sofort ausschalten zu können. Aber der Fremde, der auf sie gewartet hatte war kein alter oder fettgewordener  Adeliger. Zwar begleiteten ihn drei Wachen, aber die hätte er sicher nicht gebraucht. Die kräftige Gestalt und harten Gesichtszüge verriete, dass Markus Cynric niemand

war, der sich vor einem Kampf scheuen musste. Auch wenn ein breites Lächeln mit blitzendweißen Zähnen dem Mann die Aura der Gefährlichkeit etwas zu nehmen schienen. Und die Tatsache, dass er sich mit einer Hand auf einen Ebenholzstab stützte, als könnte er nicht mehr richtig laufen. Aber Hüte dich vor dem Mann, der ein Hinken vortäuscht, dachte Zyle. Einige Leute blieben stehen und beobachteten, was den Patrizier wohl hierher führte.
Markus war auf Kell zugegangen  und dessen Hand in eine Knochenbrechenden Umklammerung geschlossen. Der im Vergleich zum Patrizier doch zierlich gebaute Reisende lächelte Gequält aber

ehrlich.
,,Markus . Schön euch zu sehen.“
Jiy sah sich nach allen Seiten um. Hinter dem Stadttor lag ein kleiner offener Platz, der von weiß getünchten Häusern umschlossen wurde. Eine steige Wasserfontäne ergoss sich aus einem kleinen Springbrunnen in der Mitte  der offenen Fläche.
Breit ausgebaute Straßen führten in alle Himmelsrichtungen davon. Sie war nicht in der Lage, über das sie umgebende Häusermeer noch etwas anderes zu erkennen. Lediglich die hoch aufragenden Kuppelbauten der Universität waren deutlich zu sehen. Aber von Land, Wäldern oder einem

Ende der Häuserzeilen Varas fehlte jede Spur.
Wenn man sich nun hier verlief … man würde doch Verhungern, bevor man wieder herausfand, dachte sie. Der Fremde , der eben Kellvian willkommen geheißen hatte musste wohl der Patrizier sein. Der Mann war nur ein kleines Stück größer als sie, aber Kell schien froh, Markus Griff entkommen zu sein und schüttelte sein Handgelenk. Dieser nahm das mit einem ausgelassenen Lachen zur Kenntnis.
,,Woher kennt ihr euch eigentlich ?“ , fragte Jiy.
Der Patrizier  sah sie ungläubig an. ,,Soll das ein Scherz sein ? Ich glaube in ganz

Canton gibt es wenige, die…“
,,Markus, Bitte. Ich bin nur Kell. Niemand  weiter.“ , unterbrach Kellvian ihn.
,,Ach ?“ , fragte der Patrizier auf eine fröhliche Art verschlagen.  Seine Augen wanderten zu Zyle und Jiy. ,,Nun ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet ?“
,,Nein, glaube ich nicht. Ich bin Jiy.“
,,Freut mich. Es kommen nur noch wenige Gejarn hierher. Oder zumindest deutlich weniger als früher. Darf ich fragen… Ihr gehört zu einem der Leoparden-Clans?“
Die Gejarn zögerte, bevor sie antwortete.

,,Ja…“
,,Dann hätte ich  eine bitte.  Ich hab vor keiner Stunde einem… ziemlich unangenehmen Gesellen einige Sklaven abgenommen.  In Vara ist Sklavenhandel weder unterstützt, noch dulde ich das im Geringsten. Es waren auch einige eurer Art darunter.“
,,Und da seid ihr euch sicher ?“ , fragte Jiy aufgeregt. Das gab es doch nicht. Wenn das stimmte… dann waren Überlebende aus Lore hier.
,,Weißer Pelz, dunkle Flecken, etwa eure Größe… Ich wäre mir zumindest ziemlich sicher. Die meisten waren nicht in gutem Zustand, aber wir kümmern uns jetzt im Hospital der Universität um sie. Wenn

ihr die Zeit findet… könntet ihr nach ihnen sehen?“
,,Natürlich. Ich meine, in jedem Fall.  Kellvian ? Hörst du das?“
,,Und ob. Sieht so aus, als müsstest du nicht viel länger nach deinen Leuten suchen.“
Markus räusperte sich. ,,Ich könnte mir nur vorstellen, das sie genau so froh wären, euch zu sehen.“ Dann wendete er sich an den dritten im Bunde. Noch ein Gejarn, aber so wie er aussah sicher nicht aus der Gegend.  ,,Und wer seit ihr ?“
,,Mein Name ist Zyle Carmine.“  , stellte sich der Mann aus Laos vor.
,,Dann wart ihr es also, der an den Toren

für Ärger gesorgt hat Zyle.“ , stellte der Patrizier mit einem Blick auf dessen Waffen fest.
,,Auch wenn man mir den Schutz eurer Stadt versichert hat. Ich verlasse mich lieber auf mein eigenes Können.“
,,Verständlich. Ich würde dasselbe tun… wäre ich dazu noch uneingeschränkt in der Lage.“ Mit diesen Worten hob Markus die Linke mit den fehlenden Fingern. ,,Nun, ich heiße euch zumindest in Vara willkommen. Aber ihr werdet verstehen, dass ich auch noch anderweitig zu tun habe. Kellvian. Fühlt euch frei zu bleiben, wo immer ihr wollt. Wir… unterhalten uns später. Ich denke, das wäre euch recht?


Kellvian nickte. ,,Das wäre es.“,,Denn, wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet.“ Mit diesen Worten drehte sich der Patrizier um und verschwand, seine Garde im Schlepptau in den Straßen.
Eine Weile sah Kell dem Mann noch hinterher, bis er außer Sicht verschwand. Das war ein seltsames Willkommen gewesen.  Er hatte Markus eben grade noch Rechtzeitig zum Schweigen gebracht. Und auch wenn der Mann nicht wissen konnte, wieso Kell seine Identität geheim halten wollte, er hatte den Wink mit dem Zaunpfahl offenbar verstanden. Erleichterung machte sich in ihm breit. Aber gleichzeitig auch die Ungewissheit,

wie viel länger er das Spiel noch spielen konnte oder wollte.
Jetzt ging es darum, dass sie erst mal eine Unterkunft fanden. Sie würden wohl eine Weile hier sein. Vom Tor aus nahmen sie einen Weg Richtung Norden, der sie, wie Kellvian wusste in die Nähe der Universität und der Villa des Patriziers bringen würde. Die Gebäude hier waren sauber und ordentlich und wirkten auf dem ersten Blick fast wie aus einem Guss, auch wenn jeder Bauherr etwas Eigenes in die Häuser einfließen ließ. Breite Glasfronten, die ein Vermögen kosten musste, markierten Geschäfte, die so gut wie alles Verkauften, was man sich vorstellen

konnte. Neben dem allgegenwärtigen wie Bäckereien, Schlachtern und kleinen Ständen, die andere Lebensmittel verkauften gab es aber auch Goldschmiede, Bader, Drucker  und Bücherläden. Zwar gab es Bezirke, die ärmlicher wirkten, aber nirgendwo fand sich auch nur die geringste Spur von Verfall. Auf den Straßen war zwar viel los, aber selbst die kleineren Gassen waren breit genug bemessen geworden, das man ohne Probleme vorankam. In Regelmäßigen Abständen gab es öffentliche Brunnen , gespeist vom einzigartigen Wassersystem der Stadt, das Wasser aus den Höhlen unter der Stadt in die Straßen und Häuser

brachte.
Während Zyle auf ihrem Weg durch die Straßen alles nüchtern betrachtete,  hielt sich Jiy ständig so gut es ging in seiner Nähe.
,,Es kann einen schon etwas einschüchtern.“ , sagte Kellvian ruhig.
Die Gejarn schüttelte den Kopf.  ,,Die Stadt ist nicht das Problem. Es ist nur… ich habe zwar gesagt ich würde versuchen Überlebende zu finden, aber so schnell… Das ist doch kein Zufall.“
,,Wenn ihr nicht vermuten wollt, jemand hätte damit gerechnet ,das wir hierher kommen Jiy, ist das allerdings die einzig mögliche Erklärung.“ , erwiderter Zyle. Es war Kellvian zuvor nicht aufgefallen,

aber auch der Gejarn aus Laos wirkte angespannt, seit sie die Tore verlassen hatten.
,,Ich weiß nur nicht, was ich davon halten soll.“ , antwortete Jiy.
,,Was ist mit eurem Schuldner Zyle  ?“ , fragte Kell. ,,Wisst ihr, wo ihr hin müsst ?“
,,Ich werde mich allein darum kümmern.“ , gab Zyle zurück. ,,Sobald die Zeit gekommen ist.“
Ein kleines Gasthaus zu Kellvians rechten zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Der dazugehörige Schankraum verfügte über eine Glasfront, wie so viele der Gebäude hier. Und an einem ansonsten leeren Tisch saß eine Gestalt,

die er wiedererkannte. Ein blauschwarzer Mantel und ein funkelnder Saphirring ließen wenig Zweifel an der Identität des Mannes, der mit dem Rücken zu ihnen saß.
Melchior.

Zyle sah sich mit zunehmender Verwunderung  in den Straßen um. Er hätte nicht gedacht, dass ihm dieser Ort am Ende gefallen könnte. Obwohl es keine erkennbar abgegrenzten Bezirke gab, sondern Straßen und Häuser scheinbar Willkürlich gebaut wurden, versank nichts im Chaos. Und auch unter den Menschen, die hier lebten konnte er keine wirkliche Struktur erkennen.

Adelige liefen neben normalen Bürgern… Und niemand schien die Ordnung direkt zu überwachen, von den einzelnen Verstreuten Wachen einmal abgesehen, die sich aber völlig Passiv verhielten. Vara war auf eine absolut grundlegende Art völlig verschieden von Helike. War es dumm gewesen zu glauben, nur eine Gesellschaft nach Laos könnte erblühen? Vermutlich.
Zyle musste an Eginas Worte denken. Ihre Gesellschaft war Gefangen in Regeln und Vorschriften. Und was er hier sah bestätigte, wie Recht die Archonin damit gehabt haben mochte. Er schüttelte den Kopf. Seit seinem Aufbruch aus Heliek schien eine

Ewigkeit vergangen zu sein, dabei waren es bestenfalls zwei Monate.
Laos, dieses Land war verwirrend, aber dem Mann, der einst aus Heliek hatte fliehen wollen gefiel das. Der Person, die zum Teil noch in seinem Inneren existieren mochte. Zyle seufzte unhörbar während er Jiy und Kellvian durch die Straßen folgte. Er hatte sich verändert, seit seinem Aufbruch. Die Augen immer auf sein Ziel gerichtet. Früher war das doch nicht so gewesen? Er hatte den Rang eines Schwertmeisters angestrebt, aber das war nie… alles, was er erreichen wollte.  Er war nie mit Scheuklappen durch die Welt gestapft, so wie jetzt. Im Gegenteil. Als Kind hatte

er die Ausflüge in die endlosen Steppen und Wüsten seiner Heimat genossen, ob Wys ihn dabei begleitet hatte oder jemand anderes. Sicher, die alten hatten sie dafür gescholten und einmal hatten sie sich  derart verirrt, das sie bis Sonnenuntergang nicht mehr zurückgefunden hatten. Der Sand der Wüsten Laos schimmerte im Abendlicht in fast allen denkbaren Rottönen.  Und auch später, als für ihn der Weg des Schwerts begann,  war er oft genug der Fuchtel seiner Lehrer entwischt.
Erst als die Archonten begannen Helike abzuriegeln, da hatte  er das Risiko nicht mehr eingehen können, sich den strengen Blicken der Gemeinschaft zu entziehen.

Es hatte ihn ganz und gar vereinnahmt. Und nach dem Verrat an Egina…
Zyle wäre beinahe in Kellvian hineingelaufen. Er war einfach stehengeblieben, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund zu geben schien.

,,Kell , was ist los ?“ , fragte Jiy. Sie hatte den Mann in der Taverne nicht bemerkt. Das war gut. Er wusste nicht, ob es bloßer Zufall war, der Melchor hierherführte, aber er begann langsam daran zu zweifeln, dass so etwas existierte. Und er wusste nicht, ob der Mann gefährlich war.
,,Gar nichts.“ , beschwichtigte er die

Gejarn. ,, Aber das Gasthaus sieht doch ganz nett aus. Wenn alle einverstanden sind, könnten wir hier bleiben.“
Zyle nickte lediglich ,,Mir ist es gleich.“
,,Ich würde gerne erst zur Universität.“ , entgegnete Jiy. ,,Es war eine lange Reise, ich weiß, aber ich habe erst Rhe, wenn ich wirklich sicher bin, das der Patrizier von meinen Clan  gesprochen hat.“
,,Dafür brauchst du dich sicher nicht entschuldigen.“ Kellvian überlegte, ob er es wagen könnte, das Mysterium Melchior noch etwas ruhen zu lassen. Auf der anderen Seite:  Wie hoch standen die Chancen, das einer der Gejarn ihn erkannte, wenn er Jiy begleitete? ,,Aber

ich weiß nicht, ob es die beste Idee wäre, wenn ich mitkomme. Würdest du den Weg auch allein finden?“
,,Hin sicher.“ , erwiderter Jiy. ,,Die Gebäude sind nicht wirklich leicht zu übersehen.“
,,Wir holen dich dann dort wieder ein.“ Ihm war zwar etwas Unwohl dabei, die Gejarn alleine durch die Stadt streifen zu lassen.  Kell schüttelte die Bedenken ab. Hier würde ihr nichts passieren. Sie standen alle unter Markus Schutz und die einzige mögliche Bedrohung schien Melchior darzustellen.
Jiy winkte ihnen noch kurz zu, bevor sie sich alleine den Weg weiter die Straße hinab machte.


Zyle sah skeptisch zu ihm. ,,Ihr lasst sie mal einen Augenblick aus den Augen ?“
,,Was wollt ihr damit denn sagen ?“
,,Das ihr die ganze Zeit die ich euch jetzt kenne noch keine fünfhundert Schritte voneinander entfernt wart. Mehr nicht.“ Der Gejarn grinste, eine für ihn derart untypischer Anblick, das Kellvian nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. ,,Also, was ist los ?“
,,Okay, hört zu. Seht ihr den Mann dort?“ Melchior hatte sie offenbar nach wie vor nicht bemerkt, sondern saß weiter, den Rücken zu ihnen gewandt am Fenster.
,,Was ist mit dem

?“
,,Ich bin ihm mittlerweile dreimal begegnet. Einmal, kurz bevor ich Jiy begegnet bi, dann nochmal in dem Dorf, wo ihr mir über den Weg gelaufen seid und jetzt wieder hier.“
Wobei er sich bei dem Dorf nicht sicher sein konnte. Er meinte zwar, die Gestalt des Mannes in der Schänke dort gesehen zu haben, konnte das aber nicht beschwören.
,,Ihr glaubt also, er verfolgt euch ? Ist er für die Leute bei der Erdwacht verantwortlich gewesen?“
,,Das will ich herausfinden. Und wenn er es ist, der einer Gruppe Banditen einen Steckbrief von mir gibt… dann ist er

nicht grade harmlos.“
,,Ihr braucht also ein zusätzliches Schwert.“ , stellte Zyle fest.
,,Nur für den Fall.“
,,Ich bin dabei. Wisst ihr, als ich euch das erste Mal begegnet bin habe ich nicht wirklich… viel von euch gehalten.“
,,Wollt ihr mir jetzt die obligatorische , eigentlich seit ihr doch ganz in Ordnung weil wir gleich gemeinsam sterben könnten , Rede geben ?“
,,So was in der Art. Versprecht ihr mir nur, das ihr diesmal wirklich versucht jemanden zu töten, wenn es so weit kommt.“
,,Versprecht ihr mir, es nicht zu provozieren. Vielleicht ist alles nur

Zufall.“
,,Das glaubt ihr doch selber nicht.“

Kapitel 34 Der Seher

Kellvian sah angespannt zu der Gestalt Melchiors herüber, als er gefolgt von Zyle durch die Tür des Gasthauses trat. Es war zwar eines der Kleineren, wie er wusste, aber vermutlich hätte die Taverne die Aron ihnen damals gewiesen hatte dreimal in den Raum gepasst, der vor ihnen lag. Eine weite Fläche voller Stühle und Tische, die meisten davon besetzt, befand sich zu ihrer Rechten, wo auch der Mann saß, zu dem sie wollten. Aber nicht direkt. Kellvian würde nicht einfach auf ihn zugehen und guten Tag sagen, in der Hoffnung, er würde sich nicht augenblicklich ein Messer zwischen

die Rippen einfangen. Einige Türen führten der Beschilderung darüber zu mehreren Bädern, die neben der Universität das zweite Markenzeichen Varas bildeten. Aus ganz Canton kamen Gäste hierher, entweder einfach zur Entspannung oder in der Hoffnung auf Heilung irgendwelcher Gebrechen. Eine Treppe und ein Gang zu ihrer linken führten offenbar zu den Gästezimmern. Kellvian ignorierte Melchior erst einmal, der zum Glück nicht aufsah um zu sehen, wer die Taverne grade betreten hatte. Stattdessen ging er auf den Tresen zu, wo eine rothaarige Frau mittleren Alters grade damit beschäftigt war, etwas in ein großes Notizbuch einzutragen. Als

Kellvian näherkam, konnte er sehen, dass es sich um Zahlen handelte. Vermutlich Schulden. ,, Ja ?“ , fragte sie mürrisch. ,, Habt ihr drei freie Zimmer ?“ Er wollte das zuerst aus dem Weg haben, bevor er mit Melchior sprach. Dass der Mann ihnen schaden wollte, glaubte er nicht ganz, aber es war immerhin möglich. Und er könnte sich zurechtlegen, was er sagen wollte, dachte Kell. Zyle an seiner Seite ging allerdings kein Risiko ein. Er hatte den eine Hand an den Schwertgriff gelegt und sah immer wieder verstohlen zu der Gestalt des Fremden hinüber. Der seltsame Silberreif um seine Hand fing dabei das Licht

ein. ,, Sicher. Wenn ich die Farbe eurer Währung kenne. Rot oder Silber ?“ ,, Gold.“ Kellvian war nicht so dumm, mit einem Stück Kaisergold zu bezahlen. Das wäre man hier in Vara zwar eher gewohnt, als in einem kleinen Dorf, aber es würde trotzdem für Aufregung sorgen. Stattdessen legte er einige schimmernde Münzen von der Größe einer Fingerkuppe auf den Tresen. ,, Wie lange bleibt ihr ?“ Die Frau betrachtete das Gold einen Moment, als wollte sie sichergehen, dass es auch echt wäre. Eine Bewegung hinter ihm veranlasste Kellvian den Kopf zu drehen. Ein Schatten war plötzlich über ihn

gefallen. Melchior. Der Mann war von einem Moment auf den anderen bei ihnen gewesen. Hatte er sie doch bemerkt, als sie hereingekommen waren… Zyle an Kells Seite reagierte ebenfalls, allerdings sah er erst gar nicht nach, wer dort stand, sondern riss das Schwert hoch. Melchior seinerseits parierte den Schlag mit dem seltsamen Stab, den er immer zu tragen schien. Die Klinge schlug mit einem seltsamen, hohlen Klang auf das Holz auf. Wenn es denn Holz war. Zyles Hieb hätte selbst in einem Stahlpanzer mindestens eine ordentliche Beule geschlagen, aber an Melchiors improvisierter Waffe glitt die Klinge ab, ohne auch nur eine Kerbe zu

hinterlassen. ,,Vielleicht solltet ihr etwas runterkommen.“ Zyle stockte einen Moment, holte dann aber erneut nach Melchior aus, bevor Kellvian ihn daran hindern konnte. Diesmal machte der Mann keine Anstalten, sich zu wehren. Nur der Bernstein, der im Griff des Stabs eingelassen war, leuchtete kurz auf. Das Ding war ein Artefakt. Kellvian erkannte sofort, was das bedeutete und die kurze Veränderung in der Luft. Ein Schildzauber. ,, Zyle nicht.“ Die Warnung kam allerdings zu spät. Die Klinge des Laos schien plötzlich in der Luft festzuhängen. Im nächsten

Moment wurde er von einer unsichtbaren kraft rückwärts geschleudert und schlug hart auf dem Boden des Gasthauses auf. Das Breitschwert wurde ihm aus der Hand geschleudert. ,, Zu eurer Frage. Drei Tage, vielleicht zwei, je nachdem wie es läuft. Du macht vier Zimmer daraus.“ , sagte Melchior im Plauderton, so als hätte sich der Vorfall grade gar nicht ereignet. Die Besitzerin des Gasthauses sah ihn nur ungläubig an. Dann nickte sie langsam und notierte sich etwas in ihr Buch. Kellvian hatte das Schwert halb gezogen, ließ die Waffe aber wieder los, als sich Melchior nun ihm zuwandte. ,, Ich sehe,

ihr habt auch hierher gefunden.“ Hinter ihm rappelte sich Zyle wieder auf. ,, Verflucht das tat weh. Und deshalb verabscheuen meine Leute Magie.“ ,, Folgt ihr uns etwa ?“ , wollte Kellvian wissen, während Melchior den beiden Bedeutete ihm zu Folgen und sich wieder an seinem alten Platz am Fenster niederließ. Die rothaarige Wirtin sah ihnen einen Augenblick nach, dann schüttelte sie den Kopf und machte sich wieder daran, irgendwelche Zahlen in ihr Buch zu übertragen. ,, Wenn, dann sollte ich euch fragen, ob ihr mir folgt. Ich bin seit zwei Tagen hier mein Freund.“ , erwiderte er, während sich die drei

setzten. ,, Also… wer seit ihr ?“ , wollte Kellvian wissen. ,, Und erwartet ihr ernsthaft, das ich glaube es sei Zufall, das ihr hier seit ? Er hielt den Mann nicht mehr für eine Bedrohung, aber irgendetwas stimmte hier nicht. ,, Was meine Anwesenheit hier betrifft… macht daraus was ihr wollt. Alles was ihr Wissen müsst, Kellvian, ist, das ich nicht euer Feind bin. Ihr kennt meinen Namen bereits. Melchior. Manche nennen mich auch Melchior den Seher.“ ,, Und haben sie damit recht ?“ , fragte Kell. ,, Ihr wisst wie die Menschen sind. Die

meisten könnten einen guten Trick nicht von echter Magie unterscheiden. Es sei denn man stößt sie mit der Nase darauf.“ ,, Also seit ihr ein Zauberer.“ , stellte Zyle fest. Melchior schüttelte den Kopf. ,, Ich bin vieles und besitze einige… Begabungen. Die zur Magie zählt nicht dazu. Alles was ich habe ist das hier.“ Er stampfte mit dem Bernsteinzepter einmal auf den Boden. ,, Und diese Kleinigkeit.“ Melchior sah auf den Ring an seinem Finger. ,, Beide haben mir immer gute Dienste geleistet, aber ich glaube, diese Unterhaltung sollte sich weniger um mich drehen.“ ,, Ganz im Gegenteil Seher. Wenn

Kellvian recht hat, dann seit ihr uns eine Erklärung…“ ,, Schweigt still Herr Carmine.“ Melchior machte eine Geste mit der Ring-Hand. Wieder konnte Kellvian die kleine Erschütterung spüren, als der Zauber des Artefakts Form annahm. Zyle erstarrte wo er war. Nicht einmal seine Augen bewegten sich mehr, so als wäre die Gestalt des Gejarn schlicht von einem Moment auf den anderen zu Eis gefroren. Kellvian sprang auf, die Hand wieder am Schwertgriff. ,, Was habt ihr getan ?“ ,, Beruhigt euch…. Kellvian Belfare. Es geht ihm gut. Ich möchte nur nicht, das er unbedingt alles mitbekommt, was ich zu sagen

habe.“ ,, Ihr wisst wer ich bin ?“ Langsam ließ er sich wieder auf seinem Platz zurücksinken. Trotzdem fühlte Kellvian sich plötzlich unglaublich verwundbar. Der Seher hatte unter Beweis gestellt, das Zyle, geschweige denn er, kein Gegner für ihn war. Niemand in dem ganzen Gasthaus schien großartig von ihnen Notiz zu nehmen. ,, Ihr trampelt durch die Gegend, dass ich es erraten hätte, selbst wenn ich es nicht längst wüsste.“ , Melchior klang jetzt beinahe wütend. Aber warum ? Es ging ihn absolut nichts an, was er tat. ,, Aber eure Gefährten wissen es nicht, habe ich recht

?“ ,, Nein.“ ,, Warum nicht Kell ?“ ,, Seit ihr ein Agent meines Vaters ? Sucht ihr nach mir oder…“ ,, Kellvian… Ich bin niemand, nur ein alter Narr, der hofft ein paar Dinge richtigstellen zu können. Aber ich werde euch weder sagen, was ihr zu tun habt, noch was ich davon halte. Aber beantwortet meine Frage. Ihr könnt nicht mehr lange weitermachen wie bisher. Tatsächlich ist es möglich, dass eure Zeit grade in diesem Moment abläuft. Werdet ihr weiter verschweigen, wer ihr seid?“ ,, Welche Wahl habe ich den noch ?“ , erwiderte Kellvian heftig. Zum ersten

Mal seit langem spürte er so etwas wie echte Wut in sich aufsteigen. Was ging diesen Kerl an, was für Entscheidungen er traf? Gar nichts ! Und doch so kryptisch er sich äußerte, so recht schien er zu haben. ,, Wenn ihr so sprecht… keine. Ich fürchte nur, es wird euer tot sein.“ Wollte Melchior ihm jetzt etwa Angst machen? ,, Das nehme ich in Kauf.“ , antwortete er wieder ruhig wie eh und je. ,, Wie ihr wünscht. Und ihr müsst keine Angst haben, ich würde euch verraten.“ , sagte er versöhnlich. ,, Aber lasst mich euch eine Warnung mitgeben. Ihr habt einen Weg beschritten. Und von hier

an… geht es nur noch bergab.“ Melchior hob noch einmal die Ringhand . ,,…schuldig wer ihr eigentlich seid.“ , beendete Zyle seinen Satz, als wären inzwischen nicht mehrere Minuten vergangen. Offenbar hatte der Lore-Gejarn nichts mitbekommen. Kellvian sah zu Melchior. Der Kristall am Ring des Sehers war dunkel geworden. Also konnte er das Artefakt nicht ständig einsetzen. Das war beruhigend zu wissen. ,, Ich komme ursprünglich aus den Einöden im Norden. Noch hinter den Grenzen von de Immerson, von wo einst die ersten Menschen aufbrachen.“ Kellvian sah auf. ,, Ihr gehört also zu

den Eisnomaden ?“ Viel bekannt war über diese weit außerhalb der Zivilisation lebenden Menschen nicht bekannt. Einst waren aus ihren Reihen die ersten Kaiser und Könige hervorgegangen, aber heute galten ihre Stämme als fast ausgestorben. Und doch hieß es, unter ihnen fanden sich einige der letzten freien Zauberer und Wissen, das noch aus den Zeiten kurz nach dem Verschwinden des alten Volkes stammte. Vielleicht erklärte das ein wenig das seltsame Verhalten des Sehers. Dass er wusste wer er war beunruhigte Kellvian dabei noch am wenigsten. Gern hätte er die Worte des Mannes als Geschwätz eines Irren abgetan, aber Melchior schien

ihnen nichts Böses zu wollen, egal was er persönlich von ihm hielt. Vielleicht hatten sie einfach auf dem falschen Fuß angefangen. Kryptische Drohungen hin oder her. Er wusste selber, auf wie dünnem Eis er sich bewegte. Das war nicht Melchiors Schuld, sondern ganz allein seine. ,, So nennt ihr aus Canton unser ganzes Volk ja. Ich persönlich bin ein Pyrtan, aber ich lebe seit mittlerweile zwei Jahrzehnen in den Herzlanden. Und ich versichere euch nochmal, es ist Zufall, dass ich hier bin. Auch wenn mir bisher kaum eine seltsamere Gruppe über den Weg gelaufen ist. Ihr seid aus Laos,

oder?“ ,, Ich vermute, das ist nicht sonderlich schwer zu erraten. Mein Name ist Zyle.“ ,, Und Kellvian kenne ich bereits. Nun, die Herren, was führt euch nach Vara, wenn ich Fragen darf?“ ,, Schulden.“ , erwiderte Zyle kurz angebunden. ,, Ich… suche etwas.“ Melchior nickte lediglich. ,,Es gibt wenige Orte, an denen man mehr erfahren kann als in Vara. Manche widmen ihr ganzes Leben nur dem Studium dessen, was die Universität bereits beiseitegelegt hat und fördern doch immer noch neues Zutage.“ ,, Ich fürchte, was ich suche ist

weniger… akademischer Natur. Seelenfrieden lässt sich nicht in Büchern finden.“ ,, Das mag sein.“ , gab Melchior zurück. ,, Und doch haben auch geschrieben Worte ihre Macht. Wie viele Schicksale können durch einen Brief in den richtigen Händen verändert werden… oder den falschen.“ ,, Ich bin mir sicher, guter Stahl verändert immer als Worte.“ , mischte sich Zyle ein. ,, Und das von jemanden aus Laos. Hat nicht euer großer Lehrer durch einige geschriebene Worte eine ganze Gesellschaft geformt?“ ,, Eine Gesellschaft, die ohne das

Schwert nicht entstanden wäre, wie viele Worte Laos auch zu Papier gebracht haben mag.“ ,, Was nicht unbedingt für sie spricht, wenn man es genau nimmt.“ Zyle schüttelte den Kopf. ,, Wollt ihr mir erklären, Canton wäre auf friedlichen Weg zu seiner jetzigen Größe gelangt Kell ?“ ,, Nein. Ganz sicher sogar nicht.“ ,, Und eure Magie hatte dabei ihren Anteil.“ Melchior schmunzelte. ,, Ich glaube was ihr nicht versteht Zyle, ist das Magie keine Moral besitzt. Wie jede Kraft entscheidet der Anwender, ob er sie für das gute oder das Böse einsetzt. Nur weil

die Möglichkeit besteht, damit das falsche zu tun, gehört es nicht gleich Verboten. Nehmt ein Schwert als Beispiel. Der Stahl selbst entscheidet nicht, ob nur diejenigen dadurch fallen, die es verdient haben oder grade die Unschuldigen.“ ,, Stahl aber, hat etwas ehrenhaftes. Jeder kann lernen damit umzugehen, tut er das nicht und kann sich nicht verteidigen, ist das sein Versäumnis. Magie hingegen steht nicht jedem offen. Entweder man hat eure Gabe oder nicht.“ ,, Und doch benutzt er nur genau die Kräfte, die er beherrschen kann, oder er stirbt. Das ist der Preis der Magie. Vielleicht verschiebe wir diese

Diskussion besser.“ , schlug Melchior vor. ,, Sicher jemand könnte auch die Lebensenergie anderer für Zauber nutzen, aber niemand wäre Verdreht genug, das zu versuchen. Glaubt mir.“

KApitel 35 Die Universität



Jiy sah eingeschüchtert zu den Gebäuden der Universität auf. Ein Treppenaufgang führte zwischen einzelnen Bäumen und Hecken hinauf zu mehreren, hoch aufragenden Bauten. Der Aufgang war locker breit genug, das hundert Leute gleichzeitig auf den Stufen hätten stehen können, ohne sich zu berühren. Die leicht überhängenden Dächer wurden von großen Säulen gestützt und boten dutzenden von Menschen Schutz vor der Sonne. Blau gestrichene Fassaden mit durchgehenden Fenstern lagen

dahinter. Aus den Gärten um die Treppe stieg der Geruch von Blumen und dem Harz der Bäume auf. Auf seien Art war dieser Ort schön. Ruhiger, als die restliche Stadt, durch die sie ihr Weg geführt hatte. Vara schien ihr mehr wie das innere eines Ameisenbaus, als ein Ort, an dem man wirklich Leben könnte. Sie zumindest würde sich nie vorstellen können, wie jemand Freiwillig hierherziehen könnte. Die Straßen waren überlaufen und man musste ständig aufpassen, nicht in jemanden hineinzulaufen, oder selbst umgerannt zu werden. Hier vor den Gebäuden der Universität war das anders. Nur das in der Stadt allgegenwärtig zu

scheinende Wasser hatte es auf den kleinen Park vor den Türen geschafft. Ein Wasserstrom floss durch ein künstlich angelegtes Bett aus Ziegelsteinen, um dann in Kaskaden in einen Brunnen zu laufen, der in der Mitte der Anlage stand. Mehrere Bänke befanden sich über den ganzen Platz verteilt, aber zumindest im Moment schien alles verlassen. Jiy ließ den Park hinter sich und trat stattdessen auf die offen stehenden Türen zu. Eine große Halle lag dahinter, in der sich nur einige verstreute Gestalten aufhielten. Einige, wie es aussah fast immer die älteren, trugen seltsam anmutende Roben, andere normale

Kleidung. Der Saal selbst war auf eine elegante Art schlicht. Hohe Holzdecken wurden von Granitsäulen getragen, in die jemand Gesichter geschnitten hatte. Die meisten davon wirkten ehrwürdig ernst und sahen streng auf jeden Besucher der Hallen hinab. An den Wänden des Saals führten weitere Türen in alle Richtungen. Aus Neugier warf sie einen Blick in einen davon. Licht fiel durch eine Reihe von Fenstern und tauchte den ganzen Gang dahinter in warmes Licht. Weitere Reihen von Türen zogen sich auf einer Seite des Flurs entlang. Wie sollte man sich hier zurechtfinden? Auf dem Boden des Raums direkt vor dem Portal befand sich ein Mosaik, das

sie erst bemerkte, nachdem sie ein paar Schritte davon entfernt stand. In der Mitte des Wappens befand sich der Stern von Vara, darum herum angeordnet konnte sie ein Buch, das Siegel des Sanguis-Ordens, Zahnräder und das letzte Symbol zeigte eine Eule. ,,Wissen, Magie, Technik und Weisheit.“ , meinte eine Stimme hinter ihr. ,,Die vier Säulen der Universität.“ Die Gejarn drehte sich um und fand sich fast Auge in Auge mit einer jungen Frau wieder, welche die für diese Hallen offenbar typische Robe trug . Dunkelblauer Stoff mit Goldfäden viel von ihren Schultern bis über ihre Füße. Kurzgeschnittene braune Haare und ein

weiches Gesicht rundeten das Bild einer Gelehrten ab, die zu selten an die Sonne kam. ,,Hallo“ , stellte sich die Fremde vor. ,,Danja der Name. Magisterin der Universität zu Vara im Ruhestand. Bin lange wach und lese schlechte Bücher. Kann ich etwas für euch tun?“ ,,Mein Name ist Jiy. Ich… suche nach jemand. Euer Patrizier hat doch ein paar befreite Sklaven hierher bringen lassen?“ ,,Oh ja das… Unschöne Geschichte.“ Die Art, wie die Magisterin die Worte betonte ließ Jiy unruhig werden. Was war los? ,,Ihr gehört zu ihnen?“ ,,Könnte man so sagen. Mein Dorf wurde vor zwei Wochen Überfallen und… es

könnte vielleicht Überlebende unter euren Befreiten geben.“ Danja nickte. ,,Wir können natürlich gerne nach ihnen sehen, wenn ihr das wünscht. Vorher nur eine Formalität. Wartet kurz hier…“ Sie bedeutete Jiy zu bleiben, wo sie war, bevor sie durch eine der Türen verschwand, die aus der Eingangshalle führten. Jiy blieb alleine zurück. Was hatte sie mit Formalitäten gemeint? Die Gejarn begann nervös auf und ab zu laufen. So ruhig dieser Ort auch im Vergleich zur Stadt war, die vielen neuen Eindrücke ließen sie doch nicht zur Ruhe kommen. Und die wachsende Spannung. Würde sie hier tatsächlich Überlebende aus Lore

finden? Sie hoffte es zwar, sagte sich aber auch, dass es keine große Chance gab. Sklaven… War es so weit gekommen? Vielleicht wäre es besser, wenn sie keine bekannten Gesichter fand. Danja blieb nicht lange fort, sondern kehrte wenige Augenblicke später zurück, zwei unförmige Gegenstände in der Hand. Erst dachte Jiy schon, die Frau hätte aus irgendeinem Grund Pelzhandschuhe geholt, bis sie die Gegenstände vor Jiy auf die Fließen stellte. Filzschuhe. ,,Wenn ihr so freundlich wärt, die anzuziehen, bringe ich euch gerne zu den

andern.“ ,,Warum ?“ Danja lachte leise. ,, Mittlerweile Vorschrift. Ihr Gejarn zerkratzt die Holzböden. Und da die Magister nicht jeden Gast zu einer Grundlegenden Pediküre überreden können…“ Das Laufen war ungewohnt, wenn man den Boden unter sich nicht richtig spüre konnte, dachte Jiy. Es kostete sie

tatsächlich leichte Überwindung, die seltsamen Schuhe auch anzuziehen. Aber Neugier und Sorge waren dann doch stärker. Wie immer eigentlich, dachte Jiy und sah zu Danja. Sie meinte es ja nicht böse. Die Magistern führte sie einen der Lichtdurchfluteten Gänge entlang, bis sie in eine große Bibliothek gelangten. Der Saal war mindestens so hoch wie die Eingangshalle, aber vom Boden bis zur Decke gab es nur eines: Regale. Scheinbar endlos Reihte sich Ablage an Ablage und jedes noch so kleine Fach wurde ausgenutzt. Bücher über Bücher, dazwischen staubige Pergamentrollen und immer mal wieder auch seltsame

Instrumente aus Messing oder Kupfer, wie sie bei der Seefahrt Verwendung finden mochten. Das einzige, das Jiy wirklich erkannte war ein vergoldeter Kompass. Nur das dieser statt einer Nadel gleich mehrere davon zu besitzen schien, von denen eine nie still stand. Sie blieb kurz stehen und nahm das Instrument in die Hand. Wie es aussah war es doch kein simpler Himmelskompass. Anstelle von Himmelsrichtungen war eine Vielzahl von Symbolen an die Ränder der Apparatur gezeichnet. ,,Oh damit wäre ich sehr Vorsichtig.“ , , warnte Danja sie. ,,Was ist es ?“ Das Gerät war

überraschend schwer, so als wäre es tatsächlich aus Gold. ,,Das wissen wir nicht. Eine Expedition hat es vor Jahren aus dem Eis des Nordens geborgen. Es ist nicht magisch, so viel haben wir ehrausgefunden aber ansonsten … verstaubt es seit fünfzig Jahren hier. Kommt, es ist noch ein Stück.“ Schweigend legte Jiy das Instrument zurück und folgte der Magistern weiter durch den Büchersaal. Sie zweifelte kurz daran, dass es so viel geben konnte, das sich überhaupt aufzuschreiben lohnte. Auf der anderen Seite hatte sie auch noch nie darüber nachgedacht. Aber man könnte die gesamte Geschichte Cantons,

soweit sie ihr bekannt war, niederschreiben und hätte vermutlich immer noch Platz in den Regalen gefunden. Ob manche der Schriften hier einfach doppelt vorlagen? Sie wusste noch nicht, dass das grade der Anfang der Wunder dieses Ortes war. Habe ich das eben eigentlich richtig gehört? Ruhestand ?“ , fragte Jiy ,während sie Danja weiter folgte. Die Frau wirkte dafür ziemlich jung. Danja lachte leise. ,,Das Fragen immer alle als erstes. Kennt ihr die Arbeiten von Erik Flemming?“ Jiy musste verneinen. ,,Ich kenne nicht einmal den Namen, wie ich zugebe.“ ,,Ich hatte das auch nicht erwartet. Wir

haben vielleicht ein dutzend Gejarn an der Universität. Euer Volk interessiert sich, ohne das wertend zu meinen, wenig für die hohen Künste.“ ,,Das mag auch darauf ankommen, was ihr darunter versteht.“ ,,Das kann sogar durchaus sein. Für jemanden, der in der Wildnis lebt, sind die hohen Künste die des Überlebens. Für die Menschen hier aber… die des Verstehens. Euch genügt es, dass ein Pfeil sein Ziel trifft und tötet. Wir hier interessieren uns mehr für das genaue warum. In diesem Sinne ergänzen wir uns. Aber ich schweife ab. Ihr wolltet wissen, warum ich sage, ich sei im Ruhestand. Herr Flemming und ich

arbeiteten daran traditionelle Medizin mit Magie zu vereinen. Er hat mit dem Sanguis-Orden ein Artefakt entworfen, das es ihm erlauben sollte, das Gewebe eines Menschen unsichtbar zu machen. Könnt ihr euch vorstellen, wie praktisch so etwas wäre, um Beispielsweise gebrochene Knochen zu behandeln?“ Jiy nickte. Auch wenn sie zugeben musste, das die Idee ziemlich verrückt klang. Was für eine Art Mensch kam erst überhaupt auf so eine Idee? ,,Tja, leider kam es dazu nie. Unser erster Patient löste sich nun… auf. Ich weiß bis heute nicht was aus ihm geworden ist. Er ist nie wieder aufgetaucht.

“ Noch während Danja den Satz beendete viel eines der Bücher aus den Regalen und schlug nur wenige Schritte von ihr entfernt auf dem Boden auf. ,,Ach herrje. Das passiert ständig.“ , erklärte die Magistern und hob legte den schweren Wälzer beiläufig zurück in einen der Schränke. Jiy sah hinauf zu der Stelle, wo das Buch ursprünglich gewesen sein musste. Sie sah niemanden aber… fast war sie sich sicher, dass sie nicht alleine in der großen Bibliothek waren. ,,wie dem auch sei.“ , fuhr Danja fort. ,, leider ist der gute Doktor nicht mehr hier. Nach diesem Zwischenfall hat

Flemming uns verlassen und leider habe ich auch gehört, er sei in Kalenchor verschollen.“ Danja zog eine weitere Tür auf, die sie in einen weiteren Gang und dann in eine Runde Halle führte. Ein großes, silbernes Kuppeldach über ihnen wurde von mehreren Lichtquellen erhellt. Etwa faustgroße, strahlende Kugeln, die direkt unter der Decke schwebten. Ein Geländer bildete ein großes Oval im Zentrum des Saals , wo sich eine riesige Apparatur befand. Eine Unzahl Metallstreben verband ein dutzend großer Kugeln miteinander, die sich in einem scheinbar sinnlosen Tanz

um die eigene Achse drehten. Lediglich eine große Silbersphäre in der Mitte der Konstruktion bewegte sich nicht. ,,Was ist das ?“ ,,Das Planetarium.“ Die Magisterin deutete auf eine der Kugeln, die sich an vierter Stelle um die Zentrale Sphäre drehte. ,,Da sind wir. Wir versuchen das ganze Momentan noch mit den Mondbahnen zu ergänzen, aber die hat bisher kaum einer genug studiert um…“ ,,Moment, mir ist klar, was das sein soll. Aber wie funktioniert es? Ich spüre keine Magie…“ Auch wenn ihr Gespür dafür sicher nicht so ausgeprägt war, wie das von Kellvian, normalerweise merkte man es schnell, wenn man es mit

Zauberei zu tun hatte. ,,Das ist auch keine Magie.“ , erklärte Danja. ,,. Alles was ihr hier seht läuft rein mechanisch. Unter dem Boden dieses Raums liegen hunderte von Zahnrädern, die mit den einzelnen Teilen des Modells Verbunden sind. Es ist das genauste, das jemals jemand entworfen hat. Absolute Präzisionsarbeit. Es hat ein halbes Jahrhundert gedauert, bis wirklich alles gestimmt hat.“ Jiy betrachtete einen Moment fasziniert das sich fast geräuschlos drehende Planetenmodell. Wieso jemand sich die Mühe machen sollte, fünfzig Jahre an so etwas zu arbeiten schien ihr nicht klar. Ein ganzes Leben steckte darin. Aber der

eigenwillige Eleganz und Schönheit des Ganzen konnte sie sich trotzdem nicht entziehen. Die Magistern winkte sie schließlich jedoch weiter und sie musste sich von dem Anblick losreißen. Der Tür, die sie aus der Planetariums-Halle nahmen, führte ein kurzes Stück ins Freie. Ein kleiner, von Mauern umschlossener Garten lag vor ihnen. Beete mit verschiedenen Kräutern und Pflanzen, welche die Gejarn nicht kannte reihten sich aneinander. Ein aus groben Steinen gepflasterter Pfad führte zwischen den Beeten hindurch zurück in die Universitätsgebäude. Der Gang, in dem sie schließlich ankamen wirkte düster als die offenen Flure, welche sie

zuvor passiert hatten. Die Magisterin beeilte sich offenbar, die dunkleren Flure hinter sich zu lassen. In einer weiteren Halle blieb Danja schließlich stehen. Eine der Wände des Raums bestand größtenteils aus Glas, an dem ein stetiger Wasserstrom hinablief und sich in einem quadratischen Becken sammelte. Eine Treppe führte aus einem weiteren Geschoss hinab. An der dem Becken gegenüberliegenden Wand wiederum befand sich eine weitere Tür. Sie war nur angelehnt und die Magisterin bedeutete Jiy zu warten, bevor sie selbst eintrat. Gedämpfte Stimmen drangen durch das Holz bis zu der wartenden Gejarn. Sie mussten wohl am Ziel sein.

Nur noch durch diese Tür, dann würde sie die Wahrheit kennen. Dann wüsste sie mit Sicherheit, ob es wirklich ihre Leute aus Lore waren, die eine Laune des Schicksals in die Hände eines Sklavenhändlers und dann nach Vara verschlagen hatte. Oder eben nicht. Sie wüsste nicht, welche Möglichkeit ihr weniger Gefiele. Freunde und Bekannte in Ketten zu wissen… oder weiterhin mit der Unsicherheit zu leben, das sie vielleicht doch die einzige sein könnte, die übrig war. Endlich öffnete sich die Tür wieder und Danja trat heraus. Aber der Gesichtsausdruck der Magisterin hatte sich verändert. Aus distanzierter

Freundlichkeit war eine düstere Maske geworden. ,,Wir… sollten reden bevor ihr da reingeht.“

Kapitel 36 Gnade




,,Stimmt etwas nicht ?“ , fragte Jiy. Nervosität mischte sich mit echter Angst. Was verschwieg die Magisterin ihr bisher? Danja bedeutete der Gejarn lediglich, ihr zu folgen. Langsam durchquerte sie den Raum, bis zum Wasserbecken am Fenster und setzte sich auf den Rand des Brunnens. Das Licht, das durch die Glasfenster hereinfiel brach sich in dem stetigen Wasserstrom und dem feinen Dunstfilm in der Luft. Die

Lichtreflexionen waren hell genug einem zumindest momentan zu blenden. ,,Es gibt ein paar Dinge, die ihr Wissen müsst, bevor wir weitergehen. Das wichtigste ist, das wir tun was wir können.“ ,,Ich verstehe nicht… Mir ist klar das es den meisten nicht gut gehen wird, aber daraus mache ich doch euch keinen Vorwurf.“ ,,Darum geht es auch nicht. Die Ärzte der Universität sind berühmt, unsere Lehrer und Schüler dienen dem Kaiserreich seit Jahrzehnten in den Armeen, in den Siechenhäusern und manchmal als einzelne wandernde Heiler. Und so seltsam manche unserer Praktiken

dem Ungelehrten vorkommen dürften, wir können Menschen wie Gejarn völlig ohne Magie von der Schwelle des Todes zurückholen. Aber wir können eben nur den Körper heilen. Nicht den Geist.“ Jiy schwieg. Worauf die Magisterin hinaus wollte, gefiel ihr nicht. ,,Wir sind zu stur um einfach Diener abzugeben.“ ,,Ich schätze… das ist der große Fluch eures Volkes ja. Es ist auf eine Weise bewundernswert, ich sehe es bei den Gejarn, die hierherkommen. Was ihr euch einmal in den Kopf gesetzt habt, das ziehen die meisten auch durch. Ihr seid zu Stolz zum Aufgeben, selbst wenn es die einzige Option bleibt.“Danja lächelte. ,,.Aber das macht es Schweinen

wie Sklavenhändlern nicht grade einfacher. Menschen passen sich da leichter an. Die, die Lord Cynric heute befreit hat sind schon größtenteils wieder auf den Beinen. Aber die Gejarn… Man muss sie brechen Jiy. Und ich fürchte, das hat dieser Kerl auch gut hinbekommen. Es gibt nur wenige die sich je ganz davon erholen. Wenn überhaupt…“ ,,Ich… glaube ich verstehe.“ , sagte Jiy leise. Eine alte Wut, die sie längst hinter sich gelassen zu haben glaubte, kehrte zurück. Mit einer Bewegung drehte sie sich um und ließ Danja in der Halle zurück. Jetzt konnte sie nicht mehr zurück, dachte Jiy. Und trotz der

Warnung der Magisterin, sie musste es selbst sehen. Es war längst egal, ob es wirklich ihre Leute wären oder nicht. Als sie durch die Tür trat wartete dort ein in eine weiße Robe gekleideter Mann. ,,Was macht…“, setzte er an . Offenbar hatte Danja ihn nicht informiert, aber er war klug genug, nach den ersten paar Worten zu Schweigen. Jiy war nicht wirklich nach einer Diskussion zumute. Und die Magisterin bedeutete ihm mit einer Geste von ihrem Platz am Brunnen, dass es in Ordnung sei. Der Raum in dem Jiy sich wiederfand hatte etwas Schönes, wie die ganze Architektur der Universität. Große, vom Boden bis zur Decke gehende Fenster sorgten für genug

Licht und gewährten einen Ausblick über Vara, das sich in alle Richtungen bis zum Horizont zu erstrecken schien. Aber dafür hatte die Gejarn kaum Augen. Ein dutzend Gejarn saßen oder lagen auf einigen Bänken an den Fenstern. Manche schienen tatsächlich die Aussicht zu genießen und drehten auch kurz den Kopf. Obwohl sie still blieben sah sie doch so etwas wie Neugier und Dankbarkeit in ihren Zügen. Offenbar ging es ihnen ganz gut. Manche würden sich wohl doch erholen, dachte sie. Auch einige Menschen, die zwar mitgenommen und abgemagert, ansonsten aber völlig normal wirkten befanden sich im Raum. Der Mann in der weißen Robe

folgte ihr langsam, sagte aber nichts mehr. Dann jedoch fiel Jiys Blick auf die anderen. Viele, die überwältigende Mehrheit sogar, machten keine Anstalten, sich nach dem Neuankömmling umzusehen, ja sie hoben nicht einmal die Köpfe, sondern starrten einfach auf den Boden vor ihren Füßen. Langsam ging Jiy zwischen den Reihen der befreiten Gejarn hindurch. Bisher sah sie keine bekannten Gesichter, wofür sie auch dankbar war. Ein paar dieser zerstörten Seelen drehten sich Weg, sobald nur ihr Schatten in ihre Nähe kam. Götter… Sie sank vor einer kleinen,

zusammengekauerten Gestalt auf die Knie. Das war ein Kind. Aber wenigstens war es kein wandelnder Toter. Verschüchtert und unsicher lächelte das Kleine sie kurz an, bevor sie wieder Aufstand und weiter die sie umgebenden Gesichter absuchte. Und erstarrte, als sie fand, was sie gehofft hatte. Und gefürchtet. Eine auf ihrem Platz zusammengesunkene Gestalt mit grauweißem Fell. Grüne Augen, die fast den gleichen Farbton wie ihre hatten starrten auf den Boden, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Der Blick war völlig leer. ,,Hey.“ Der Mann reagierte mit keiner Regung auf ihre Worte. ,,Hey, kennt ihr

mich ?“ Unendlich langsam hob der Fremde jetzt doch den Kopf. Sie kannte seinen Namen nicht… nur das Gesicht hatte etwas entfernt vertrautes. Jiy musste sich wegdrehen. Warum hatte sie Glück gehabt? Gegen das was diesen Leuten angetan worden war, waren ihre Verletzungen geradezu gnädig gewesen. Sie konnte das nicht mehr. Nur noch raus und weg von diesem Ort, dachte Jiy. Die Gejarn hier mochten so aussehen, als seien sie noch am Leben aber letztlich… waren es bestenfalls Hüllen. Da war keine Identität mehr in ihren Köpfen keine… Götter was hatte man ihnen bloß

angetan? ,,Wer tut so etwas einem anderen Lebewesen an ?“ , wollte sie wissen. Der Mann in der weißen Robe drehte sich zu ihr um. ,,Die schlimmste Art Mensch… oder Gejarn was das angeht. Es gibt einige unter euch die ihre eigene Art verkaufen, so ungern ihr das jetzt hören werdet. Wisst ihr, was sie tun?“ ,,Nein und ich will es auch gar nicht wissen.“ Jiy drehte sich entschieden um. Sie wollte nicht hören, was man diesen Leuten alles angetan hatte um sie zu dem zu machen, was sie jetzt waren. Nichts. Bevor sie jedoch einen Schritt von dem Arzt wegmachen konnte, hatte sie jemand an der Hand gepackt und hielt sie zurück.

Jiy sah an ihrem Arm hinab. Es war der eine Gejarn, den sie erkannt hatte. Aus Lore… In den leeren Augen schien kurz etwas aufzuglimmen, das sie längst begraben geglaubt hatte. Es war keine Hoffnung. Kein plötzliches Überwinden dieses fast katatonischen Zustands, in dem sich der Mann befand. Es war eine stumme Forderung. Eine einfache Bitte. ,,Nein.“ Die Worte waren nur ein flüstern, brachten aber zum ersten Mal so etwas wie Emotion in dem Gesicht des Überlebenden zum Vorschein ,,Bitte… Ich habe das Banner des Adlers und des Löwen in den Flammen gesehen. Ich sah wie der Kaiser unsere Heimat den Flammen übergab Clanschwester. Es hat

mich nicht gebrochen.“ Er hob eine Hand, an dem die Überreste einer Kette hingen und ließ sie dabei endlich los. ,,Aber das hier…. Das hat es. Da ist kein Leben mehr für mich. Kein Schicksal…“ Jiy trat einen Schritt zurück, die Hände vors Gesicht geschlagen. Verdammt… das konnte sie nicht tun. Einen Augenblick stand sie regungslos da. Dann ließ sie die Hände sinken. Tränen standen ihr in den Augen, die sie jedoch mit einer Bewegung fortwischte. ,,Gebt mir ein Messer.“ , sagte Jiy gefasst an den Arzt gewandt. ,,Was ?“ ,,Ich sage gebt mir ein Messer.“ ,,Nein.“ Der Mann schüttelte entschieden

den Kopf. ,,Wenn ihr vorhabt was ich fürchte, dann werde ich das ganz sicher nicht tun. Wir sind hier um diesen Leuten zu helfen nicht um..“ ,,Glaubt ihr irgendjemand in diesem Raum wird je wieder gesund ? Das ist keine Krankheit die man behandeln kann. Seht sie euch an. Man hat alles an ihnen zerstört, das der Heilung bedurft hätte. Er hat seine Entscheidung getroffen. Gönnt ihm wenigstens das.“ Zögernd griff der in Weiß gewandete in eine der Taschen seiner Robe und forderte eine kurze Klinge zutage, die ganz aus Silber gefertigt schien. Mit dem Griff zuerst hielt er Jiy die Waffe hin. ,,Aber erwartet nicht, das ich dabei

zusehe.“ , erwiderte er, als sie den Dolch zögerlich an sich nahm. Mit diesen Worten ging der Arzt an ihr vorbei und verließ die Halle. Die Tür warf er krachend hinter sich zu. Er verstand es nicht, überlegte Jiy, während sie das Messer in der Hand wog. Nach wie vor zögernd. Es gab keinen Tot. Sie kniete sich vor den gebrochenen Gejarn. ,,Ihr seid euch sicher ?“ ,,Ich werde mir nie wieder über etwas anderes sicher sein.“ , erwiderte er mit tonloser Stimme. ,,Für mich gibt es nur noch diesen einen Weg.“ Jiy packte den Dolchgriff fester. Ihre Hand zitterte zu sehr. Es musste schnell gehen. Er sollte nicht leiden. Zwei

Herzschläge, dann wäre alles vorbei für den armen Kerl. ,,Was haben sie euch angetan ?“ ,,Unsere Seelen begraben.“ Jiy sah auf. Der Mann schwieg. Was immer er damit auch meinte… Sie wollte es nicht wirklich wissen. Aber sie fühlte sich Schuld, diese Last nicht mit ihm teilen zu können. Ihre Hand hatte aufgehört zu zittern. Ihr Atem ging jetzt gleichmäßig. ,,Wir sehen uns in einem späteren Leben wieder. Irgendwann, irgendwo auf dem großen Pfad von allem. “ ,,Ich wünschte ich könnte das noch glauben.“ Jiy hielt inne. ,,Ihr glaubt nicht daran ?“ ,,Nein. Der Tod ist das einzige, das mir

geblieben ist. Und doch selbst das Ende von allem erscheint mir ein leichteres Schicksal. Sagt mir nur… wie seit ihr aus Lore entkommen?“ Es lag keine wirkliche Neugier in seiner Stimme. ,,Ich… wurde gerettet. Von jemanden, von dem ich keine Hilfe erwartet hätte.“ ,,Er muss ein guter Mann sein.“ ,,Ja. Ich glaube das ist er.“ ,,Davon gibt es zu wenige. Wisst ihr… ich habe Dinge getan, die ich bereuen würde.. wenn ich dazu noch in der Lage wäre. Und wenn es die dunklen Wasser der Unterwelt geben würde, an die manche der Menschen glauben, ich hätte mir meinen Platz dort verdient. Also… tut mir einen Gefallen. Lasst meines das

einzige Leben sein, das ihr nehmen werdet.“ ,,Ich fürchte nicht, das ich das kann.“ ,,Dann… tut es nie leichtfertig. Das reicht mir schon.“ Jiy nickte. Der Gejarn drehte den Kopf langsam in Richtung Fenster. ,,Es ist ein schöner Tag. Ich hatte eine Zeit lang vergessen, dass es so etwas gibt.“ Jiy war schnell. Mit einer fließenden Bewegung rammte sie dem Mann den Dolch bis zum Heft in die Brust. Genau dort, wo das Herz sitzen musste. Blut durchtränkte sofort den Stoff seiner Kleidung und den Ärmel ihrer Weste. Es war praktisch sofort vorbei. Die Augen

des Gejarn weiteten sich kurz. Dann sank er ohne einen Laut in sich zusammen. Er atmete nicht mehr. Jiy blieb noch einen Augenblick auf den Knien sitzen. Dann zog sie das Messer aus der Wunde. Vorsichtig bettete sie den Toten Körper auf eine der Bänke. Den Dolch nahm sie an sich. ,,Du wirst deinen Weg finden. Und wenn du die anderen triffst… sag ihnen ich werde denjenigen finden, der für das alles verantwortlich ist. Ob ich mein Versprechen dann halten kann… ich weiß es nicht.“ Jiy erhob sich endgültig und ging durch die Reihen der schweigenden Gestalten auf die Tür zu. Draußen warteten schon

Danja und der weiß gekleidete Arzt. ,,Es ist vorbei.“ , sagte sie lediglich. Die Magisterin musterte mit düsterer Mine das Blut an ihrem Hemdsärmel. ,, Ihr…“ ,, Ich habe ihm die Gnade gewährt, zu der ihr nicht in der Lage seid. Aber ich danke euch für alles, was ihr für die anderen tuen könnt. Vielleicht gibt es für manche noch Hoffnung. Bringt mich bitte einfach hier raus.“ Danja nickte. Ohne etwas zu erwidern. Sie bedeutete ihr lediglich mit der für sie offenbar typischen Geste ihr zu Folgen. Summ gingen sie den Weg durch die Gärten, das Planetarium und die

Bibliothek zurück. Für all das hatte Jiy keinen Blick mehr und sie strafte alle Versuche der Magisterin ein Gespräch zu beginnen mit Schweigen. Erst, als sie die große Eingangshalle mit dem Wappen auf dem Boden erreichten, versuchte Danja wieder, die Stille zu durchbrechen. ,, Verzeiht die Frage, aber… ich habe euch gesehen als ihr in die Stadt kamt. Wie kommt es, das eine Gejarn zusammen mit dem Sohn des Kaisers reist?“ Jiy blieb an den nach wie vor offenen Toren stehen. ,, Dem Sohn des Kaiser… ? Von wem redet ihr?“ ,, Oh. Dann habe ich mich vielleicht geirrt? Es ist eine Weile her, das der

Kaiser hier war, mehrere Jahre sogar, aber ich war mir eigentlich sicher…“ Sie schüttelte den Kopf, während sie die Universität verließ. Die Magisterin konnte doch nur Kellvian meinen… Aber das schien schlicht unmöglich. Kellvian war ihr allein mitten in der Wildnis begegnet. Das wäre wohl kaum geschehen wenn er auch nur eine Spur adeliges Blut gehabt hätte. Oder ? Irgendetwas verschwieg er, das war ihr klar gewesen, von Anfang an. Aber Jiy hatte nie nachgefragt oder auf einer Antwort bestanden. Aber jetzt…. Verdammt Danja hatte sich geirrt, das war alles. Sie gab es doch selber zu, das letzte Mal als der Kaiser in der Stadt

war, das lag Jahre zurück. Aber wenn nicht… dann reiste sie mit dem Mörder ihres ganzen Clans. Das war einfach unmöglich. Kellvian war nicht in der Lage einer Fliege was zu leide zu tun, fürchtete sie manchmal. Und doch jetzt musste sie die Wahrheit wissen. Ihre Hand umklammerte den Silberdolch. Und sei es nur um den wieder wegwerfen zu können…

Kapitel 37 Schuld für Schuld


Melchior hatte es sich nicht nehmen lassen, Kellvian und Zyle zu begleiten. Auch wenn Kell sich noch nicht sicher war, ob er dem Mann ganz trauen konnte, er schien ganz in Ordnung. Nur seine düsteren Andeutungen waren ihm alles andere als geheuer. Melchior mochte sich einen Seher nennen, aber die Zukunft stand doch nicht fest. Zumindest glaubte er das nicht. Die Universitätsgebäude, zu denen sie wollten waren kaum zu Verfehlen. Auf einem Hügel über der restlichen Stadt gelegen waren sie von fast jedem Punkt in Vara zu sehen. Auf

dem Weg durch die belebten Straßen nutzte Kellvian auch gleich die Gelegenheit, ihre doch ziemlich zusammengeschmolzenen Vorräte und die Ausrüstung zu ergänzen. Endlich kam er dazu, das Pulver zu ersetzen, das er bei seiner Flucht aus der fliegenden Stadt verloren hatte. Er hoffte zwar weiterhin, die Waffe erst gar nicht einsetzen zu müssen, aber der Zwischenfall an der Erdwacht ließ ihm keine Ruhe. Zyle mochte sich mit nur einem Schwert bewaffnet sicher fühle, aber wenn sie noch einmal einem Gegner mit Feuerwaffen gegenüberstanden wäre er gerne in der Lage sich auch auf Entfernung zu

verteidigen. Der Gejarn aus Laos sah skeptisch zu ihm herüber, während er mit einem der zahlreichen Händler der Stadt sprach. Der Mann händigte ihm gegen einige Silbermünzen ein volles Pulverhorn und eine Hand voll Bleikugeln und Papierhülsen aus. ,,Was ?“ , fragte Melchior, als ihm der ungehaltene Blick Zyles auffiel. ,,Sagt nicht, ihr habt auch ein Problem mit Gewehren.“ ,,Es sind keine ehrlichen Waffen.“ , erwiderte er nur. ,,Genau wie Magie. Es erfordert keine Anstrengung jemanden damit zu töten. Kein Nachdenken und keine Fähigkeiten, solange die Waffe

geladen ist. Nur einen Idioten, der einen Abzug durchzieht.“ Sie machten sich langsam weiter auf dem Weg durch die Straßen. Kellvian wunderte sich wenig über den Betrieb auf den Gassen. Das war normal für die meisten Städte. Und doch schien sich das Treiben ein wenig von dem üblichen Aufruhr bestehend aus Bürgern, Bettlern, Ausrufern verschiedener Geschäfte und dem endlosen Strom von Reisenden und Warentransporten zu unterschieden. Er sah zu viele bunte Gewänder und bleiche Gestalten, die wohl nur selten an die Sonne kamen. Keine der Akademiker der Universität, sondern die von Dienern und Gehilfen umringten Adeligen Varas. Im

Gegensatz zu Markus hielten sich die meisten davon eher volksfern, wie Kellvian wusste. Ein weiterer Grund dafür, dass der Patrizier ziemlich frei agieren konnte. Solange die Tische dieser Leute gedeckt waren, ließen sie ihn schalten und walten, wie er wollte. Kaiser Konstantin verfolgte in der fliegenden Stadt eine ähnliche Strategie, auch wenn dort die Adeligen des Reichs nur einmal im Jahr alle zusammenkamen oder wenn der Kaiser einen Rat einberief. Er würde wohl noch herausfinden, was es hiermit auf sich hatte, dachte Kellvian, während sich die Häuserzeilen vor ihnen zu einem der vielen öffentlichen Plätze

Varas weiteten. Eine breite Treppe führte durch Gärten und einen kleinen Hain Bäume hinauf zur Universität. Auf dem Platz selbst befand sich nur ein einziges Objek. Vara war die Heimatstadt von Kellvians Vorfahren, allen voran Simon Belfare, und das machte sich hier deutlich bemerkbar. In der Mitte erhob sich eine Statue von Simon Belfare. Kell fand nicht, dass die steinerne Gestalt auf ihrem Sockel wirklich Ähnlichkeit mit ihm hatte. Es wirkte ehr befremdlich. In kaiserlichen Ornat gekleidet starrte das Abbild nach Süden, in Richtung der Außengrenzen Cantons. Der Künstler hatte dem Stein ein erstaunlich jung wirkendes Gesicht

gegeben, in dem sich Stolz und Hochmut spiegelten. Das einzige, was Kellvian selbst ähnlich darin war, waren die Augen, die man mit grünblauen Edelsteinen nachgestellt hatte. ,,Wisst ihr, wie Simon Belfare an die Macht kam ?“ , fragte Melchior. ,,Wie könnte ich das nicht ? Er hat die meisten Fürsten, die Provinzen und auch die Gejarn-Clans unter seinem Banner vereint und die fliegende Stadt vom letzten Kaiser der Ordeal-Dynastie erobert.“ ,,Aye. Aber ist es nicht seltsam, wie es ihm gelingen konnte, woran Barbarenvölker und ganze Reiche vor ihm gescheitert waren? Die Herrschaft

der Marionettenkaiser , der darauf folgende Bürgerkrieg hatten die Ordeal-Dynastie zwar geschwächt, aber… das waren nach wie vor Mückenstiche gegen die Macht, über die sie Geboten.“ ,,Worauf wollt ihr hinaus?“ , fragte Zyle. Ihm war nicht wirklich nach einer Geschichtsstunde zumute, aber offenbar wollte der Seher genau darauf hinaus. ,,Worauf baut Canton einen Großteil seiner Macht ?“ , fragte Melchior. ,,Magie.“ , antwortete Kellvian ohne zu zögern. ,,Genau. Magie. Der eigentliche Fall begann für sie erst im dem Krieg der brennenden Himmel. Damals verloren die Ordeal-Kaiser etwas sehr wichtiges. Die

letzten der Tränen Falamirs, die sie hatten rette können. Damit waren ihnen die mächtigsten Artefakte genommen, über die sie verfügten. Und damit waren sie plötzlich auf andere Mittel angewiesen. Das erst, erlaubte einer simplen Magiergilde von vielen zum Sanguis-Orden aufzusteigen wie wir ihn heute kennen. Simons Machtbasis.“ Kellvian glaubte nicht, das er es ganz Verstand. ,,Was hat Simon Belfare mit dem Orden zu tun ?“ ,,Er war mal ihr Ordensoberster… Unter ihm ist der Sanguis-Orden erst geworden, was er heute ist.“ ,,Moment… Simon Belfare war ein Magier?“ Eigentlich war es nicht

wirklich überraschend. Irgendwoher musste das Blut des alten Volkes in seiner Familie ja kommen. Melchior nickte. ,,Auch wenn sie das heute lieber geheim halten. Offenbar hat er irgendetwas getan, das den Zauberern furchtbare Angst gemacht haben muss, das es fast keine Aufzeichnungen mehr darüber gibt. Sie haben alles zerstört. Das Ergebnis jedoch war der endgültige Fall der alten Dynastie und der Aufstieg des Hauses Belfare.“ , beendete Melchior seine Gesichte. ,,Seitdem hat der Sanguis-Orden praktisch ein Monopol auf Zauberei. Es gibt kaum noch unabhängige Magier.“ Der Seher ließ sich auf der die Statue umlaufenden

kleinen Mauer nieder. ,,Ihr wartet also hier auf jemanden ?“ , fragte er. ,,Eine Gejarn namens Jiy. Der Patrizier der Stadt hat vor ein paar Stunden einige Leute befreit und sie hofft wohl, das einige Bekannte darunter sind.“ , erklärte Zyle um hinzuzufügen : ,,Oder sie fürchtet es. Es kann auch nur euch einfallen, das ein anderes Lebewesen das Eigentum eines anderen sein könnte, oder ?“ ,,Der Kaiser versucht seit Jahren das einzudämmen aber… ich schätze hier könnt ihr die Schuld wirklich bei den Leuten selbst suchen.“ , meinte Melchior. ,,Sie sind es schlicht Gewohnt ,in Belfare nicht so sehr wie in

den nördlicheren Provinzen, wo Sklaven noch recht alltäglich sind.“ ,,Warum es nicht einfach verbieten ?“ , meinte der Gejarn hörbar ungehalten. ,,Es kann doch nicht so schwer sein, das Wort eures Kaisers ist so sehr Gesetz wie für uns das Wort Laos. ,,Glaubt ihr Wandel lässt sich immer Radikal vollziehen ? Ein Kaiser ist nur so stark, wie die Anzahl und entscheidender die Art der Leute, die hinter ihm steht.“ ,,Für euren Patrizier scheint es zu funktionieren.“ , gab er zu bedenken. ,,Markus ist… ein Sonderfall.“ , sagte Kelllvian. ,,Er hat sich den Respekt dieser Leute verdient und seinen Titel

nicht durch Erbschaft erhalten.“ ,,Dann , Kell, ist euer Patrizier weiser als eurer Herrscher. So wählen wir all unsere Oberen aus. Es ist völlig egal, ob derjenige als Bauer oder Sohn eines Archonten geboren wurde. Erweist er sich würdig, wird er belohnt, versagt er bestraft.“ ,,Mag sein.“ , gab er zu. ,,Ich.. bin mir nicht sicher, was ich tun würde, wäre ich an seiner Stelle oder der des Kaisers. Ich weiß ja nicht mal, ob ich das überhaupt wollen würde. Seid ihr eigentlich deshalb hier? Als Strafe ?“ ,,Man könnte es so sehen. Oder als Prüfung.“ Zyle schob den Stoff über seinem linken Arm etwas zurück, so dass

der Silberreif und die darin eingravierten unleserlichen Symbole sichtbar wurden. ,,Das ist mein Auftrag und meine Prüfung. Eine unsichtbare Kette, die ich erst loswerde, wenn ich… meinen Schuldner hier finde. Die Schuld des einen für die des anderen.“ ,,Und was habt ihr getan um so etwas zu verdienen, wenn ich fragen darf ?“ ,,Sagen wir doch einfach , ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich habe jemanden nicht beschützen können, dessen Leben zu hüten mir aufgetragen war. Eine Archontin. Das Ergebnis war, das mir ihr Tod zur Last gelegt wurde.“ ,,Also seit ihr unschuldig.“ , stellte Melchior fest. ,,Dann ist euer System

doch nicht so perfekt, wie ihr behauptet.“ ,,Nichts ist je perfekt.“ , konterte der Gejarn. ,,Wenigstens verkaufen wir keine Leben.“ Es war eine schwache Erwiderung und das wusste er, aber er würde sich von einem offenbar leicht verrückten Fremden keine Vorwürfe machen lassen. ,,Und was passiert bitte mit denen, die sich nicht als... nützlich für eure Gesellschaft erweisen?“ , hakte der Seher nach. ,, Die… Leben normalerweise nicht zu lange unter uns.“ , gab Zyle leise zu. Melchior nickte lediglich, wie zur Bestätigung. ,, Am Ende repräsentieren

Canton und Laos nur zwei Seiten des gleichen Dilemmas, meint ihr nicht ?“ Zyle erwiderte nichts. Kell tat er einen Moment fast Leid. Melchior schien beinahe präzise darauf Gesetzt zu haben. Auf der anderen Seite… Alles hatte seine Schattenseiten, das der Gejarn diese von einem anderen Vorgehalten bekam war vielleicht noch die einfachste Methode, diese zu entdecken. Kellvian hatte weitaus schlimmere Möglichkeit bereits kennengelernt. Die plötzlicher Erkenntnis, die einen erst Traf, wen es längst zu spät war, seine Fehler noch zu korrigieren… Eine Klinge ins Herz war endgültig. ,, Nehmt das nicht zu ernst.“ , meinte er

trotzdem. ,, Es gibt durchaus…“ Eine Bewegung auf der ansonsten verlassenen Treppe zur Universität zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Jiy sah elend aus. Das war eine Untertreibung dachte er. An dem Abend, wo sie ihm begegnet und verwundet zusammengebrochen war, hatte sie nicht schlechter ausgesehen. Die grünen Augen blickten gehetzt, aber gleichzeitig traurig, als hätten sie sich noch nicht zwischen Trauer und Angst entschieden. Und ein Arm ihrer Weste war Blutdurchtränkt. Ohne ein Wort trat die Gejarn zu ihnen. ,, Götter. Was ist mit dir passiert?“ Kellvians erster Impuls war, die mitgenommen wirkende Gestalt in den

Arm zu nehmen. Allein, Jiy schien im Moment so unnahbar, das er kaum glaubte, es mit der gleichen Person zu tun zu haben. Was war passiert? , fragte er sich in Gedanken erneut. ,, Ich habe gefunden, was ich gesucht habe.“ , erwiderte sie kalt. ,, Ihr seid verletzt…“ , bemerkte Zyle. Sie schüttelte den Kopf. ,, Das ist nicht mein Blut.“ ,, Es tut mir leid.“ ,, Was ?!“ Die Erwiderung war etwas zu laut, zu angespannt. Sie sah zwischen ihm und Zyle hin und her und schien dabei Melchior kaum zu registrieren. ,, Es tut mir…“ , setze er erneut an. ,, Was tut dir leid, Kellvian ? Du weißt

nicht einmal, was passiert ist.“ Langsam bekam die kalte Fassade die Jiy zur Schau trug doch risse. ,, Ich wünschte, wir wären nicht hierhergekommen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um. ,, Ich… brauche einfach noch ein paar Minuten. “ Kellvian sah der Gejarn unschlüssig nach, während sie davon ging. Offenbar wusste sie selber nicht wohin, den sie verschwand nicht etwa auf dem Weg, den sie gekommen sein musste, sondern irgendwohin, weiter ins Zentrum von Vara. Irgendetwas war passiert und es schien so, als wäre Jiy nicht bereit, darüber zu reden. Er würde das respektieren, sagte er sich selbst. Auf

der anderen Seite nannte ihn eine Stimme einen verfluchten Feigling. Wovor rennst du wirklich weg ? ,, Jetzt folgt ihr schon.“ , sagte Melchior neben ihm leise, nur um der Stimme noch recht zu geben. Kellvian seufzte. Genau das wollte er ja. Der Seher versetzte ihm einen leichten Stoß. ,, Und wenn es nur isst, weil sie sich hier kein bisschen Auskennt.“ , fügte er augenzwinkernd hinzu. Konnte diesen Kerl denn gar nichts betrüben? Erst redete er Zyle in Grund und Boden und jetzt erlaubte er sich Scherze wo Jiy… Verflucht sollte der Seher sein. Für ihn schien das ganze hier mehr ein Spiel. ,, Ich bin gleich wieder da.“ Kellvian

würde sich beeilen müssen, wenn er die Gejarn noch einholen wollte, bevor sie irgendwo in den Straßen verschwand. Sie irgendwo in Vara wiederzufinden wäre alles andere als einfach. Und so gefasst sie gewirkt hatte: Er hatte Angst um sie. SO hatte er Jiy noch nicht erlebt. Aufgeregt, lachend, ängstlich, wütend all das kannte er von ihr. Aber das hier war schlimmer als Wut oder Furcht. Melchior ah ihm einen Augenblick nach, bevor er sich Zyle zuwendete. ,, Ich schätze.. wir warten einfach hier ?“, wollte dieser wissen. Melchior nickte. Auch der Gejarn würde seine Rolle spielen, dachte der Seher. Ab jetzt lag kaum noch etwas in seinen

Händen. Er hatte alle seine Karten bis auf eine Ausgespielt. Und die.. würde warten müssen. Er hoffte nur, dass es ausreichte. Wenn nicht würden erst Zyle und dann Kellvian sterben. Der eine durch Unverständnis ,der andere durch die Hand der einen Person, der er vertraute. Und wenn das geschah… dann führten alle Pfade der Zukunft direkt in die Dunkelheit. Auch wenn die Narren die glaubten die Fäden in der Hand zu halten einen Weg ins Licht suchten. Am Ende waren sie alle Marionetten. Sogar er.

Kapitel 38 Ein Versprechen

Er fand Jiy drei Straßen weiter an einem überdachten Brunnen.  Ein kleines , blaugefärbtes,  Holzdach schirmte den Wasserschacht ab, so dass der Bereich davor und dahinter in Schatten lag. Die Brunnenmauer erhob sich auf einem niedrigen Podest, zu dem eine kurze Treppe hinaufführte.
Nur eine einzelne Gasse verband den mit Häusern umgebenen Platz mit den restlichen Straßen von Vara. Offenbar verirrten sich nicht viele Leute hierher, denn auch wenn der Lärm der Stadt bis hierher drang, sehen ließ sich niemand. Auch die Fenster der umliegenden

Gebäude schienen verlassen. Der Ort schien untypisch für Vara, das sonst so sauber und perfekt wirkte. Unkraut wucherte zwischen den Steinen des Pflasters und hatte die Steine teilweise aus ihrem Bett geschoben. Staub hatte die weißen Fassaden der Häuser gelblich verfärbt. Einige der Fenster der umliegenden Häuser waren leer, oder es glitzerten nur noch vereinzelte Glasscherben im Sonnenlicht.
Jiy saß auf den Stufen, die zum Brunnen führten und sah kaum auf, als er sich näherte.
Sie hatte ein versilbertes Messer in der Hand, welches das Sonnenlicht einfing. Geschickt ließ sie den Dolch


,,Warum folgst du mir eigentlich ?“ , fragte die Gejarn , als er ein paar Schritte entfernt stehenblieb.
,,Weil ich mir sorgen um dich gemacht habe Jiy. Ich… mag dich wirklich.“, gestand er. Das musste einfach raus. ,, Und deshalb kann ich dich nicht so sehen…“
,,Sicher.  Oder du bist nur weiter auf deiner seltsamen suche nach Vergebung?“ Jiy Stimme klang bitter und der beißende Spott darin traf Kellvian einen Moment mehr, als er es zugeben wollte. Was war passiert, dass aus  seiner trotz aller Widrigkeiten  Lebenslustigen Gefährtin so schnell eine

Zynikerin gemacht hatte.
Nach einer Weile des Schweigens fügte sie schließlich hinzu: ,,Entschuldige. Das war gemein.“
,, Nein… ich glaube du hast recht. Auch eine Art, versuche ich wohl wirklich ständig Wiedergutmachung zu leisten. Aber hier geht es nicht um mich oder?“ Er ließ sich neben ihr auf den Stufen des Brunnens nieder.
Jiy nickte. ,,Es ist… schön hier.“ , bemerkte sie. Es war zumindest  ruhig, das stimmte. Und auch wenn die Gegend Verfallen wirkte, hatte das seinen eigenen Reiz. Es war ein Kontrast zu der Ordnung Varas und des einen schnell in den Bann schlagenden Rhythmus der

Stadt.
,, Hast du gefunden, was du gesucht hast ?“ , wollte Kellvian wissen.
,, Und ich wünschte, ich hätte es nicht.“
,, Ich werde dich nicht Fragen. Du weißt, es gibt Dinge, die ich für mich behalte… und du hast alles Recht, das gleiche zu tun, schätze ich.“
,, Wenn ich es dir erzähle, sagst du mir dann, wer du eigentlich bist ?“
Er schüttelte den Kopf. ,, Ich fürchte, das kann ich einfach nicht.“ Feigling! Das war wieder die kleine Quälende Stimme. Die Stimme, die ihn aufforderte, einmal für sich einzustehen. Er konnte es doch ganz offenbar für andere, warum nicht für sich selbst? Kell  verbannte die

Gedanken. Er konnte zuhören. Aber Jiy schwieg eine Weile einfach nur. Die Sonne begann bereits langsam ihren Weg zurück Richtung Horizont und verwandelte die Glassplitter in den umliegenden Fenster in glühende Rubine.
Dann begann die Gejarn doch wieder zu spreche. ,, Sie haben sie gebrochen Kellvian. Ich habe einen einzigen Überlebenden gefunden und der war… nur noch eine Hülle. Ich habe getan, was ich tun musste.“ , sagte sie Und dann erzählte sie doch alles. Angefangen von ihrer Ankunft, bis zu dem Moment, wo sie den zerstörten Gejarn getötet hatte.,, Es war Gnade Kellvian. Wie immer du auch darüber denken

magst.“
,, Niemand würde dich dafür verurteilen. Aber es tut mir…“
,, Leid. Du sagst das wieder und wieder. Aber dich trifft daran keine Schuld.“ Sie hatte die Arme um die Füße geschlungen und musterte ihn eindringlich.
,,Nein.“ , gab Kellvian ihr recht. ,,Und genau so wenig du. Was hättest du ändern können? Selbst wenn… selbst wenn du schneller gewesen wärst, selbst wenn du irgendwie diese eine Person hättest retten können… wenn du früher nachgedacht hättest… Was hätte das verändert?“
,, Ich weiß es nicht. Vielleicht etwas. Für eine Seele sicherlich. Oder glaubst du

nicht, das man die Dinge im kleinen ändern kann?“
,, Das habe ich nicht gesagt. Das zu denken wäre dumm. Bestenfalls. Aber du solltest dir nicht die Schuld geben.“
,,Schuld, Kellvian ? Es ist weniger die Schuld, fürchte ich.  Ich habe einer Angst ins Auge gesehen, die ich bisher nicht kannte. Diese Gejarn waren… innerlich tot. Ich könnte wie sie enden.“
,, Davor hätte ich selber Angst.“ , gestand Kellvian. Mehr sogar. ,,Die eigen Persönlichkeit… ausgelöscht. Nein, ich kann mir nicht einmal vorstellen, was das bedeuten muss.“
,, Ich habe es gesehen. Ich dachte vor wenigen Stunden, meine größte Angst

wäre…  nein, du lachst, wenn ich dir das sage.“
,, Es kann kaum so schlimm sein. Also… ich habe Angst vor der Dunkelheit.“
,, Wirklich ?“
,, Es ist nicht so schlimm… oder nicht mehr, aber ich hatte als Kind wohl ziemlich lebhafte Alpträume. Stimmen und verzerrte Bilder. Die Welt… schmolz glaube ich. Tyrus hat mir einmal gesagt, Träume seine nur die Art, wie unser Verstand die Realität interpretiert, wenn wir ihm seine Schranken nehmen. So wie ein Magier des alten Volkes sie vielleicht gesehen haben dürfte.  Nun ich bin größtenteils darüber hinweg aber manchmal… Manchmal ist die Angst

noch da. Ich fürchte mich also  vor den Schatten in den Ecken meiner Schlafkammer und du?“
Sie grinste. ,, Du hast Angst vor ein paar Schatten ?“ Die Gejarn verpasste ihm einen leichten Knuff in die Seite. ,, Aber du stellst dich allein einem Trupp Gardisten. Du bist echt seltsam Kell.“
,, Hey, jetzt du.“
,, Ich hatte immer Angst vor.. Götter, du wirst lachen.“
,, Ich verspreche ich tus nicht.“
,, Wenn hau ich dich.“
,, Das ist ein Wort.“
,, Also gut.  Ich fürchte mich vor  Mäusen.“
Kellvian konnte nicht anders. Er

schmunzelte. Obwohl er es versprochen hatte, er konnte nur mühsam ein lautes Lachen zurückhalten und auch der leichte Schlag den er sich dadurch einhandelte änderte wenig daran.
,, Entschuldigung. Es ist nur… Du bist ein Gejarn. Und noch wichtiger, mehr oder weniger eine große Katze.“
,, Ich weiß. Eine dumme Angst.“
,, Nein. Gar nicht. Zumindest nicht mehr wie Angst vor der Dunkelheit.“
,, Doch und das weiß ich auch.“ Sie wurde wieder ernst. ,,Nur… jetzt ist meine größte Angst so zu enden wie… sie.“
,,Wenn das passiert verspreche ich dir, mich darum zu

kümmern“
Jetzt war es an Jiy zu lachen, aber es klang unecht. ,,Das könntest du nicht.“
,, Ich fürchte es. Und selbst wenn ich es könnte…  Ich kann nie wieder eine Waffe gegen jemanden erheben, der keine Bedrohung für mein Leben darstellt. Darauf habe ich einen Eid geleistet.“
,, Wem ?“
,, Mir selbst.“ Erstand auf. ,, Also… was meinst du, gehen wir zurück oder brauchst du noch etwas  Zeit?“
,,  Sicher. Ich will mir auch so schnell wie möglich das Blut aus der Kleidung waschen. Und aus dem Fell, das ist schrecklich.“
Kellvian half ihr auf. ,, Das glaub ich

dir sofort.“ , sagte er, während sie sich auf den Weg zurück durch die Straßen machten.
,, Du könntest mir später damit helfen.“ Kellvian blieb stehen. Was sollte er jetzt erwidern.
,, Ähm… Jiy, du fragst.. ähm..“
,, Hey, ich brauch nur eine helfende Hand, komm mir jetzt bloß nicht auf dumme Gedanken.“
,, Nein… kein Problem.“ Worauf ließ er sich eigentlich jetzt wieder ein und wie kam er da wieder raus?

Zyle stand mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck an die niedrige Mauer gelehnt, welche die Treppe hinauf zur

Universität begrenzte. Es war vielleicht eine Stunde vergangen, seit Kellvian verschwunden war, ihm kam es aber länger vor. Was machte er noch hier… Er sollte losziehen und einen Weg suchen, an diesen Patrizier heranzukommen. Stattdessen diente er als Ziel von Melchiors Spott. Der Seher stand ein paar Schritte entfernt und unterhielt sich mit einem in auffälligen Rottönen gekleideten Boten. Offenbar hatte der Mann eine Nachricht oder etwas Ähnliches von Markus Cynric. Aber da Kell nun mal nicht hier war, würde er sich genau wie sie gedulden müssen…
Zyles Hand lag auf dem Schwertgriff. Das Gewicht der Waffe hatte etwas

Beruhigendes. Aber es reichte nicht aus, die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die zur Eile drängten. Er hatte Zweifel und deshalb wollte er es nur noch hinter sich bringen. Wenn der Patrizier erst einmal tot wäre, wären alle Zweifel endlich  sinnlos.
,, Wie ich schon sagte.“ , erklärte Melchior soeben dem Boten. ,, Kellvian ist nicht hier und… Ich glaube ihr habt Glück.“
Auf der anderen Seite des Platzes tauchte die Gestalt des Menschen auf, gefolgt von Jiy, die wieder wie eh und jeh wirke. Oder zumindest fast. Eine Spur der Niedergeschlagenheit schien immer noch in ihren Zügen zu liegen. Aber was

kümmerte ihn das, erinnerte Zyle sich.
Kellvian war ein Schlüssel und Jiy eben die lästige Begleiterscheinung desselbigen.  Und trotzdem… er mochte beide genug um sich ein wenig Schuldig zu fühlen. Wenn er könnte, wäre er verschwunden, bevor sie oder sonst jemand bemerkten, was er getan hatte.
Der Bote ging auf Kell zu und verbeugte sich kurz. Irgendwie mutete das seltsam an. Kellvian schien nicht der Typ zu sein, vor dem man sich verbeugte.
,, Herr.“
,, Was gibt es denn ?“ , wollte er wissen.
,, Patrizier Cynric lässt ausrichten, das er euch gerne Sprechen würde. Ich kann euch zu ihm bringen. Natürlich nur,

wenn es genehm ist  Herr.“
Kellvian lachte leise. ,, Natürlich. Immer ganz der höfliche Politiker, wie  Markus ? Wenn ihr einen Moment hier wartet.“
Der Mann nickte und verbeugte sich tatsächlich erneut. Götter, entweder Markus hatte dem Mann verraten wer er war oder der Bote war einfach so.
Kellvian ging an dem Boten vorbei zurück zu den anderen. ,, Das wird hoffentlich nicht lange dauern.“ , meinte er. ,, Jiy… Wir haben uns bereits um ein Gasthaus gekümmert. Zyle weiß wo es ist. Und… ich muss dir wohl Melchior vorstellen…“
Die Gejarn musterte den Mann nur

misstrauisch. Eben war er ihr kaum aufgefallen, aber jetzt… Sie war ihm schon einmal begegnet. Am Morgen vor ihrer Abreise aus dem Dorf. Seltsam, wie sich Wege wieder zu kreuzen schienen. Aber diese ganze Stadt hatte etwas Merkwürdiges für sie. Dass sie bei so vielen Menschen, die sich hier in ihren Häusern zusammenpferchten auch einem über den Weg liefen, den sie kannten schien eigentlich wenig verwunderlich.
,, Wir kennen uns bereits.“ , erwiderte der Seher gelassen.
,, Wirklich ?“ , fragte Zyle. Er traute dem Kerl nur so weit, wie er ihn sehen konnte. So harmlos er auch wirkte, dass er alles andere als Ungefährlich war, das

hatte er schon Bewiesen.
,, Auch wenn ich nicht weiß, was ihr hier tut, ja.“ , antwortete Jiy.
,, Wie dem auch sei. Ich will Markus nicht warten lassen.“ Gleichzeitig wollte er sie auch nicht unbedingt alleine hier lassen. Bis auf Melchior kannte sich niemand  der anderen in Vara aus. Und dem Seher traute er alles zu, auch wenn Kell nicht glaubte, dass der Mann ihnen Schaden wollte.
,, Ich hab ein Auge auf den Kerl.“ , flüsterte Zyle und er nickte ihm dankbar zu.

Jiy folgte den anderen durch die Straßen Varas. Langsam gewöhnte sie sich daran,

auf allen Seiten von Mauern und Gebäuden umschlossen zu sein. Es war ungewöhnlich. Und doch hatte sie mehr als genug Gedanken, die sie davon ablenken konnten. Was Danja über Kellvian gesagt hatte … Sie musste ihn ja gemeint haben. Die Magisterin hatte doch selber zugegeben, dass sie sich nicht sicher war.  Es hatte nichts zu bedeuten. Wenn sie den Menschen darauf ansprechen würde, könnten sie sicher beide darüber lachen, dass ihn jemand derart Verwechseln konnte. Und doch hatte sie vorhin etwas davon abgehalten, zu Fragen.
Hör auf mit der Schwarzmalerei, sagte sie sich selbst, als Zyle durch die Tür

eines kleinen Gasthauses mit Glasfront trat. Der Mann aus Laos  schien alles hier recht nüchtern zu betrachten, vielleicht sogar Gefühlskalt.
Jiy wünschte sich manchmal, das sie das auch könnte. Es war das richtige gewesen, den Gejarn zu töten. Gnade. Das änderte aber wenig daran, wie sie sich deshalb fühlte. Das man einem Lebewesen so etwas antun konnte schürte ihre Wut auf das Kaiserreich von Canton nur erneut. Und Kellvians Worte änderten daran nur wenig, auch wenn zumindest die hilflose Angst sich etwas von ihr gehoben hatte. Angst… und Trauer. Was hatte Kell  an sich, dass er so mit ein paar Worten alles besser

machen konnte.
Und was wollte der Patrizier von ihm? Jiy glaubte nicht, das sie sich Sorgen um Kellvian machen müsste. Die beiden kannten sich doch offenbar, auch wenn er nicht erzählt hatte, wie er den Herrn von Vara kennengelernt hatte.
Eine rothaarige Frau sah von einem Stapel Notizbücher auf, als sie eintraten.
,, Schon wieder da ? Die Zimmer sind hinten.“ , sagte die Wirtin nur kurz angebunden und deutete auf eine Reihe von Türen hinter ihr im Raum.
,, Wir warten noch auf jemanden.“ , erwiderte Melchior, während die anderen an einem Tisch platznahmen. Der Seher

machte trotz seiner ungewöhnlichen Erscheinung und die Tierknochenanhängern offenbar keinen Eindruck auf die Frau.
,, Wenn ihr euch wieder prügeln wollt, erledigt das vor der Tür, Herr.“ , bemerkte sie lediglich. ,, Und seht zu, das ihr mir dabei nicht das Haus abfackelt.“ Die Wirtin hatte wohl mitbekommen, dass der Seher  mindestens ein Artefakt bei sich trug. Oder vielleicht dachte sie auch, der Mann sei wirklich ein Magier.
,, Keine Sorge, das war nur ein Missverständnis.“ , gab Melchior zurück, bevor er sich zu Jiy und Zyle setzte. ,, Wenn es möglich wäre, ein paar Getränke

zu bekommen…“ Geschickt schnippte er eine Silbermünze über den Tisch hinweg in Richtung Tresen, wo sie auf der Kante stehend landete.
Die Wirtin zuckte mit den Schultern, bevor sie das Silber einsteckte und wenige Augenblicke später mit einem Steingutkrug und mehreren Metallkelchen zurückkam.
Das wäre vielleicht gar nicht so verkehrt, dachte Zyle. Es würde zumindest ein wenig seine Zweifel wegspülen.


Kapitel 39 Zwickmühlen


Die Villa des Patriziers lag fast am anderen Ende der Stadt in einem der ruhigeren Viertel. Ein schmiedeeiserner Zaun lief um den gesamten Komplex. Umgeben von einem kleinen Rosengarten erhoben sich die weiß getünchten Gebäude, die sich kaum von den gewöhnlichen Häusern unterschieden. Nur die Größe des Baus hob ihn etwas hervor. Kellvian folgte dem rot gekleideten Boten durch die Gärten. Wege aus Sand führten zwischen Beeten und kleinen Pflanzungen hindurch. Die Pflanzen wirkten alle

leicht verwildert, so als würde sich jemand nur ab und zu um sie kümmern. Ein interessanter Gegensatz zu der Ordnung, die sonst überall in Vara herrschte und nur selten gebrochen wurde. Ein kleines, von gekerbten Säulen getragenes Pavillon lag vor ihnen und darunter saß, in einem mit Schnitzereien verzierten Lehnstuhl, Markus Cynric. Die verletzte Hand hatte er auf einen Stab gestützt. Auf einem kleinen Tisch vor ihm standen eine Karaffe und einige Kristallgläser. Der Patrizier stand auf, als er Kell erkannte. ,,Kellvian.“ Er grinste breit, als er den zwar ein Stück größeren, aber

nur halb so breiten Jungen kurz umarmte. Wobei Junge nicht mehr zutraf, korrigierte er sich selbst. Das schien nicht mehr ganz der Neugierige kleine Kerl zu sein, der vor Jahren seien Stadt das erste Mal besucht hatte. Er hatte sich verändert. Auf einer Wange waren noch die frischen Spuren einer Verletzung zu sehen und auch ansonsten… Kellvian schüttelte die Hände des Patriziers ab. ,,Markus. Ihr wolltet mich sehen?“ ,,Und ob ich das wollte.“ , erwiderte sein gegenüber und griff nach der Karaffe auf dem Tisch.,,Habt ihr eine Ahnung wie viel Sorgen sich alle um euch machen ? Ihr könnt doch nicht einfach weglaufen,

ihr seid kein Kind mehr verdammt.“ , sagte Markus streng, während er zeitgleich zwei Kristallkelche mit Wein füllte und einen davon Kellvian hinhielt. ,,Ich habe gut darüber nachgedacht.“ , erwiderte Kell und nahm das Glas, ohne etwas zu trinken. ,,Glaubt nicht, ich hätte mich kurzfristig dazu entschlossen. Es gibt… Dinge, die ich wissen muss. Oder finden.“ Markus überging das offenbar. ,,Wobei ich zugeben muss, auf eine Art bin ich beeindruckt. Ihr seid unter der Nase der kaiserlichen Garde hindurchgeschlüpft und zumindest bis jetzt hat euch niemand wiedergefunden.“ Kell gefiel gar nicht, worauf das hinauslief. Zwar glaubte er

nicht, dass Markus ihn einfach hier festhalten würde, aber… den Kaiser informieren würde er sogar ganz sicher. ,,Das… war nicht wirklich schwer.“ , gab Kellvian zu. Es tat ihm ja jetzt noch leid, dass er sowohl Syle als auch Walter dafür hatte benutzen müssen. Was wohl aus den Beiden geworden war. Markus nahm einen Schluck Wein und stellte den Kelch dann zurück. ,,Ihr reist mit einer seltsamen Truppe, wenn ich das einmal bemerken darf, mein Herr.“ ,,Es sind Freunde.“ , sagte Kell nur. ,,Merkwürdige Zeiten für Freunde unter den Gejarn.“ ,,Ich habe gehört, ihr hättet auch kein Problem damit, einfach ein paar Sklaven

zu befreien.“ ,,Ihr wisst genau, was ich davon halte, Leben zu verkaufen Kell. Und ich handle vor allem aus Eigennutz. Vara liegt nahe an den gebietend mehrerer Abtrünnigen Clans. Wenn es wirklich zu einem offenen Konflikt kommen sollte, sind wir die erste Stadt, die der Kaiser als Schild benutzen wird. Oder als Schwert. Entweder werden wir Garnison oder Festung. So oder so, wir haben in einem Krieg am meisten zu verlieren und würden uns in vorderster Front wiederfinden. Das werde ich verhindern, solange noch ein Funken Leben in mir ist. Dazu gehört auch niemanden einen Grund für einen Kampf zu liefern, weder

den Clans noch dem Kaiserreich.“ ,,Götter Ihr seid gut.“ Kell lachte, ,,Ich nehme euch das fast ab.“ ,,Und ich gebe zu der Bastard von Sklavenhändler hatte eine Lektion verdient.“ , meinte Markus grinsend. ,,Habt ihr schon nach den Befreiten gesehen?“ ,,Jiy zumindest ja. Ich… weiß nicht ob ich mir das antun werde.“ ,,Wer war das noch gleich ?“ ,,Die Gejarn.“ ,,Ich glaube ich erinnere mich. Und was treibt euch hierher?“ ,,Wie gesagt antworten. Ich glaube aber jetzt schon nicht mehr, das ich die so einfach hier finde. Bücher werden mir

hier nicht helfen. Am Ende sind die einzigen Worte, denen ich wirklich glauben kann, doch meine eigenen.“ ,,Und ich nehme an, der Kaiser weiß nichts davon. Geschwiege denn, das ihr hier seid.“ ,,Nein und ich wäre euch sehr verbunden, wenn er das erst erfährt, wenn ich wieder weg bin.“ ,,Ich sehe schon. Vielleicht muss ich das aber an eine Bedingung knüpfen.“ Kellvian sah auf. ,,Bedingung ? Fangt ihr jetzt auch schon an Ränke zu schmieden?“ ,,Das müssen wir alle. Kommt, ich möchte euch jemanden vorstellen.“ Der Patrizier bedeutete Kell ihm durch die

Gärten zu folgen. Ein gepflasterter Weg führte über eine leere Terrasse ins Innere der Villa. Ein kleiner Saal lag vor ihnen, der von einem erloschenen Kamin dominiert wurde. Bücherregale aus dunklem Holz und einige Schränke mit Geschirr nahmen die Wände ein. Ansonsten gab es nicht viel Einrichtung. Ein großer Sessel vor dem kalten Ofen und ein leerer Tisch, über dem ein Ölgemälde hing, das offenbar Vara bei Nacht zeigte. Kellvian sah sich neugierig um. Irgendwie passte die noble, wenn auch funktionelle Einrichtung zu Markus, dachte er. Nur, welche Bedingung der Patrizier stellen mochte… Markus war

kein Machtmensch, auch wenn er sich n der Rolle des Fürsten von Vara selbst wohl ganz gut gefiel. Ein Diener in der gleichen roten Kleidung wie der Bote kam herein und verbeugte sich kurz. ,,Ruft doch unseren Gast bitte her.“ , befahl Markus dem Mann, der sich lediglich erneut verbeugte und durch eine Flügeltür aus dem Raum verschwand. Kellvian konnte durch die Tür kurz einen Blick auf eine mit Marmor geflieste Eingangshalle und eine Wendeltreppe ins Obergeschoss erhaschen. Kellvian sah zurück zu Markus, dieser sagte jedoch nichts, sondern wartete, auf

seinen Stock gestützt, dass der Diener zurückkam. Wenige Augenblicke später wurde die Tür erneut geöffnet und eine dunkelhaarige Frau in blauer Robe trat ein. Sie wirkte ungesund blass, wie Kellvian auffiel. Wie jemand, der sein Leben mehr in Hallen und düsteren Mauern verbrachte, als in der freien Natur. Sie sah sich offenbar ein wenig eingeschüchtert, in dem Raum um. ,,Darf ich vorstellen, das ist Danja. Magisterin der Universität zu Vara.“ ,,Im Ruhestand.“ , fügte sie hinzu und schien etwas Selbstsicherheit wiederzufinden. ,,Kellvian.“ Er streckte ihr eine Hand

hin. ,,Ha, wusste Ichs doch.“ , rief die Magisterin, fast ein wenig überschwänglich. ,,Ihr seid also wirklich Kellvian Belfare. ,,Ja.“ , er drehte sich zu Markus um. ,,Aber was hat das mit…“ ,,Nun Kellvian. Wie ihr sicher wisst, bin ich seit jeher ein großer Förderer der Universität. Leider stehe ich damit ziemlich alleine da. Und ihr könnt euch vorstellen, wie viel Geld dieser Ort verschlingt.“ Er nickte lediglich. Allerdings, wie sollte er etwas daran ändern ? Sicher Markus könnte ihm das Versprechen abnehmen, ihn zu unterstützen, wenn er

Kaiser wurde, aber das lag wohl kaum in der Absicht des Patriziers. Dafür hätte er keine Magistern hier gebraucht.“ ,,Es ist allerdings so, dass ich diesen Zustand ändern möchte. Und zu diesem Zweck habe ich mir zusammen mit den Magistern etwas einfallen lassen. Womit ködert man reiche Kaufleute und Adelige am besten?“ ,,Wenn ich an die fliegende Stadt zurück denke mit goldenen Käfigen. Man muss sie nur glauben machen, sie wären freiwillig darin. Oder man packt sie bei ihrer Ehre, sofern davon was übrig ist. “ ,,Wie es aussieht, hat man euch kaum Illusionen gemacht.“ ,,Nein… Ich fürchte mein Vater hat viel

Wert darauf gelegt, mir jede Illusion zu nehmen.“ ,,Was ihm wohl nicht ganz gelungen ist, bedenkt man das ihr hier steht.“ , bemerkte der Patrizier schmunzelnd, bevor er fortfuhr : ,,Ich plane, einige der hochrangigen Adeligen der Provinz Belfare zu Feierlichkeiten an die Universität zu laden. In dem Rahmen dessen würde ich sie natürlich auch förmlich um die Zusicherung von Unterstützung bitten. Und es würde sicher einiges an Eindruck schinden, wenn mich der Sohn des Kaisers dabei unterstützen würde.“ Kellvian trat ein paar Schritte zurück und machte eine abwehrende Handbewegung.

,,Nein Markus, bei aller Freundschaft…“ Götter. Er durchstöberte seinen Verstand nach einer Ausrede, irgendwas… ,,Ich habe keine passenden Kleider. Nichts. Ich würde euch doch eher lächerlich machen…“ ,,Das ist kaum ein Problem. Ich kann euch morgen einen Schneider vorbeischicken. Auch für eure Freunde, ich erwarte nicht, das die den ganzen Spaß verpassen.“ ,,Spaß , Markus ? Wisst ihr wenn es eines gibt, das ich nie wieder in meinem Leben tun möchte, dann ist es in einem Raum mit gelangweilten Adeligen herumzusitzen.“ Und wichtiger, wie sollte er dann noch seine Identität

Geheimhalten? Manchmal hatte er das Gefühl, irgendjemand da oben musste sich schrecklich über ihn amüsieren. ,,Ach kommt schon Kell, Ein bisschen Unterhalten und Dekorativ herumstehen, hat noch keinen Umgebracht.“ ,,Sicher ?“ , erwiderte er lachend. ,,Hab ich den eine Wahl ?“ ,,Eine Hand wäscht die andere.“ , meinte der Patrizier. ,,Im Gegenzug werde ich… vergessen, das ihr je hier gewesen seid. So schlimm wird das schon nicht.“ ,,Es geht nicht darum. Ich weiß ziemlich genau, was ich zu tun habe. Es geht eher darum, das ich unter anderem genau vor so was weggelaufen

bin.“ Als Kellvian sich auf den Rückweg machte, hatte er ein schlechtes Gefühl, was Markus bitte anging. Oder besser seine Erpressung. Er machte de Patrizier ja keine Vorwürfe, aber das er ihn einfach ins Messer laufen ließ… darüber konnte er sich wenigstens Ärgern. Die Straßen waren in der Abenddämmerung durch hunderte von Öllaternen erleuchtet, deren Schein mit den ersten Sternen am Nachthimmel konkurrierte. Die bronzenen Kuppelbauten der Universität glänzten rot in den letzten Sonnenstrahlen. Trotz der späten Stunde waren die Straßen nach

wie vor voller Leben. Menschen, die das milde Wetter ausnutzten, sich auf den Plätzen trafen oder lediglich noch einige letzte Besorgungen erledigten. Er ließ sich Zeit und genoss die kühle Abendluft, die der Wind durch die Straßen trieb. So blieb ihm Gelegenheit seine Gedanken wieder zu ordnen. Er konnte sein Versteckspiel nicht länger aufrechterhalten. Er konnte es nicht sich selbst gegenüber… und Jiy. Er hatte gemeint, was er gesagt hatte, dachte Kell. Er mochte sie, vielleicht etwas mehr, als gut war, wie er stumm zugab. Und er wusste nicht einmal warum. Es schien auch keinen besonderen Grund zu brauchen. Die Dinge waren, wie sie

waren. Morgen Abend würde er es Jiy sagen, entschied er. Länger konnte er es nicht aufschieben und wenn sie es durch jemand anderen erfuhr… Er hatte den Ausdruck der grenzenlosen Verletzung heute Nachmittag in ihren Augen gesehen. Und genau das gleiche würde er dort wieder entdecken, fürchtete er. Besser sie erfuhr es durch ihn. Wenn sie ihn dann nur sprechen ließ, wenn er Gelegenheit fand sich zu erklären… Selbst jetzt wo er sich versuchte Worte zurechtzulegen, schien nur Gestammel dabei herumzukommen und Kellvian schalt sich selbst dafür. Nichts, das wirklich auszudrücken schien, wie er

sich fühlte… ja das er nie geplant hatte es so weit kommen zu lassen. Aber er fühlte sich besser mit der Entscheidung. Egal was dabei herauskam, es war das richtige. Er war kein Feigling. Nur diesen einen Tag Aufschub brauchte er noch. Als Kellvian das kleine Gasthaus wiederfand, waren viele der Lichter Varas bereits erloschen. Nur durch die Glasfront der Taverne drang noch Licht. Er duckte sich unter dem Türrahmen weg, als er eintrat und sich umsah. Es war nur noch wenig los. Zyle saß allein an einem Tisch, den Kopf auf die Platte gelegt und schlief offenbar. Ein seltsamer Anblick. Doch selbst im Schlaf

hatte er eine Hand auf den Schwertgriff gelegt. Mehrere leere Krüge stapelten sich vor dem Gejarn. ,,Hey, alles in Ordnung bei euch ?“ Kellvian setzte sich dem Mann gegenüber. ,,Wo sind die anderen?“ Zyle blinzelte, als er aufsah. ,,Was passiert ?“ , nuschelte der Mann aus Laos. Kellvian war sich nicht sicher, ob er ihn überhaupt erkannte. ,,Euer Freund scheint es ein wenig übertrieben zu haben.“ , bemerkte die Wirtin, die grade einige leere Gläser vom benachbarten Tisch räumte. ,,Zyle ?“ Er schüttelte den Mann sanft bei den Schultern. ,,Hey, wo ist der

Rest?“ Der Gejarn sah ihn nur Verständnislos an. ,,,Was kümmert mich das. Ich hab… genug eigene Probleme. Kann ihn nicht einfach töten versteht ihr? Aber das muss ich doch. Sonst komm ich nicht zurück.“ ,,Ich glaube ihr wisst grade nicht mal mehr, worüber ihr sprecht.“ , erwiderte Kellvian. ,,Doch, doch ganz sicher, wisst ihr, warum sollte ich das tun ? Is ja gar kein schlechter Kerl.“ Kellvian hatte nach wie vor keine Ahnung, wovon der Mann überhaupt redete. Allerdings war es auch einfach möglich, dass er es selber nicht wusste. Der Alkohol hatte den armen Kerl offenbar ziemlich mitgenommen.

,,Und wenn endlich jemand den Raum anhalten könnte.“ Kellvians seufzte. In dem Zustand konnte er mit Zyle nicht das geringste Anfangen. Rasch legte er dem Mann eine Hand auf die Stirn, was dieser auch protestlos geschehen ließ. Viel mitbekommen tat er vermutlich ohnehin nicht mehr. Kell sammelte sich und zog sich in sein eigenes Bewusstsein zurück. Er hatte das zwar noch nie Probiert, aber eigentlich müsste es funktionieren. Der kurze Strom heilender Magie, den er brauchte kostete ihn fast keine Anstrengung mehr. Lediglich der Weg zurück in die Realität kostete ihn wie immer

Überwindung. ,,Was….“ Zyle blinzelte verwirrt, bevor er sich beide Hände an den Kopf presste. ,,Verflucht, das tut weh.“ Kellvian konnte ein gedämpftes Lachen nicht unterdrücken. Vermutlich erlebte der Gejarn grade die Kopfschmerzen seines Lebens. Die hatte er nicht geheilt. ,,Was habt ihr gemacht ?“ , wollte der Mann wissen. ,,Euch Zwangsausgenüchtert, wenn man so möchte.“ , antwortete Kell schmunzelnd und fügte hinzu .,,Glaubt jetzt aber nicht ich tue das ständig.“ Zyle sah auf. ,,Das war der verfluchte… Seher. Ich hätte nicht mal halb so viel getrunken wenn... der nicht gewesen

wäre.“ ,,Sicher.“ ,,Wo ist der überhaupt ?“ , wollte er wissen. ,,Keine Ahnung.“ , meinte eine Stimme und als Kellvian den Kopf drehte entdeckte er Jiy, die fast unsichtbar einen Tisch weiter saß. Die Gejarn war im Halbdunkeln trotz des hellen Pelz kaum zu sehen. ,,Melchior hat gemeint, er wolle frische Luft schnappen. Das war vor einer Stunde.“ ,,Ich bin mir sicher, er kann auf sich aufpassen.“ , erwiderte Kellvian. Der Seher war sicher niemand, um den er sich Sorgen machen müsste. Und wen er nicht bald zurückkam, würden sie eben

später nach ihm Suchen. Vielleicht hatte der Mann es auch vorgezogen, auf seine seltsame Art zu verschwinden, so wie damals am Flussufer. ,,Bist du eigentlich schon länger da ?“ Jiy lachte. ,,Du schuldest mir noch was, wenn ich dich erinnern darf.“ ,, Ach ja… das.“ Er konnte seinen Herzschlag einen Moment viel zu deutlich spüren. ,, Und irgendjemand muss ja auf Zyle aufpassen.“ Dieser überging die Bemerkung. ,,Was wollte der Patrizier ?“ , fragte er stattdessen. ,,Mich um einen gefallen bitten, wie es aussieht“ Jetzt musste er den beiden das

nur noch irgendwie beichten. ,,Und ich habe zugesagt.“ Jiy sah neugierig auf. ,, Zugesagt zu was ?“ ,, Markus plant morgen Abend, etwas Unterstützung für die Universität zu gewinnen. Und zwar bei einer Feier. Und er will das ich dabei bin, was heißt ihr seid auch eingeladen.“ ,, Das klingt doch lustig.“ ,, Ja, das hat Markus auch gesagt. Ich glaube, du warst bisher auf zu wenigen Feierlichkeiten der Menschen. “ ,, Gar keinen um genau zu sein.“ , gab sie zu. ,, Dann stell dich auf Stunden voller Langeweile und Politik

ein.“ ,, Und der Patrizier wird dort sein, vermute ich ?“ Zu Kellvians Überraschung klang der Mann aus Laos nicht genervt über die neuerliche Unterbrechung. Dass er seinen Schuldner hier noch nicht gefunden hatte, schien ihn auch wenig zu kümmern. ,, Ich schätze schon, Markus ist der Gastgeber.“ Zyle nickte, bevor er die nächste seltsame Frage stellte. ,, Man erwartet aber nicht, das ich da unbewaffnet auftauche , oder ?“ ,,Die meisten werden es wohl… aber ich kenne euch wohl gut genug um sicher zu sein, das ihr das nicht werdet, wie

?“ ,, Worauf ihr wetten könnt.“, gab Zyle zurück. ,, Und wenn es nur ist, um mir eure Politiker vom Hals zu halten.“ Er lachte verhalten und nervös. Kellvian blinzelte lediglich einen Moment verwirrt, bevor er doch einstimmte. Hatte der Gejarn grade tatsächlich einen Witz gemacht? ,, Macht euch keine Hoffnungen. Das wird der langweiligste Tag unseres Lebens werden.“

Kapitel 40 Ein BA



Die Gefahren der Magie werden gerne selbst von  jenen t, in denen das Blut des alten Volkes fließt unterschätzt. DieMacht, Elemente, Tod und Leben mit einem Gedanken und dem Funken des eigenen Willens zu beherrschen hat neben vielen unserer größten Helden auch immer wieder jene angezogen, welche sie nur zu eigenen Zwecken einzusetzen wünschten.
Doch nur wenige wissen um den wahren Preis der Magie. Die Gefahr der Zauberei ist niemand sonst  so bewusst, wie ihren

Selbsternannten Wächtern. Übermäßiger Magieeinsatz führt zu Schwäche und Verfall des Anwenders, wie jeder weiß, der schon einmal einem der großen  Hochmagier begegnet ist. So mächtig diese Gestalten auch sein mögen, teilweise werden sie nur noch durch blanke Willenskraft und magische Artefakte am Leben erhalten, denn ihre eigene Macht verursacht irreversible Schäden an ihrem Körper, wie auch an ihrem Geist.
Und es heißt, manche der mächtigsten Zauberer würden von Zeit zu Zeit von Episoden des Wahnsinns geplagt. Vielleicht sind es ja  die Geister des alten Volkes die nach wie vor keine Ruhe

finden.
Nur eines scheint klar: Nichts vermag diesen bemitleidenswerten, wenn auch schrecklichen Gestalten wirklich zu helfen und noch hat niemand herausgefunden, was ihnen fehlt, denn die Magier selbst schweigen sich darüber aus. Wobei der Neugegründete Sanguis-Orden  sogar jagt auf diese Armen Seelen zu machen scheint.

Der Preis der Magie -  Verfasst vom ersten Hofzauberer von Canton Jahr 153 der Herrschaft der Ordeal-Dynastie.


Melchior sah hinunter auf die langsam

einschlafende Stadt. Vereinzelte Lichtpunkte stachen aus dem Häusermeer hervor und erweckten den Eindruck, als hätten sich auf der Ebene unter ihm dutzende gewaltige Glühwürmchen eingefunden. Die Gestalt des Sehers war, an einen der Runensteine gelehnt, welche Vara umgaben, kaum zu erkennen. Doch das Wesen, das sich it ihm hier einfand, musste ihn auch nicht sehen. Er wusste, dass er in der Nähe war.
Der dunkle Schatten des Meisters stand auf der anderen Seite des Steins und schien die unverständlichen Symbole zu mustern, die vor Jahrhunderten wenn nicht Jahrtausenden jemand in den Fels geschnitten

hatte.
,,Geht es euch wirklich nur um den Thron ?“ , wollte Melchior wissen. Obwohl das Wesen in der dunklen Robe sehr viel älter war als er begegneten sie sich wie so oft als Ebenbürtige. Weder könnte er etwas gegen den Meister ausrichten noch dieser ihn vernichten. Seine Zukunft erlaubte es nicht.
Der Schatten ließ sich mit der Antwort Zeit.
,,Es wäre egal, um was es mir geht. Ihr würdet dagegen sein.“
,,Und ob.“ , erwiderte Melchior. ,,Was mich interessiert ist…. Wieso dieses Spiel ?“
,,Vielleicht, weil es mir so gefällt. In

den Schatten zu arbeiten ist eine Option, die man nie unterschätzen sollte. Würde irgendjemand wissen, dass ich auch nur existiere… Was glaubt ihr wären die Folgen?“
,,Ich weiß nicht einmal, was ihr seid.“
,,Nur ein alter Schatten.“ Die Gestalt musterte die Stadt unter sich. ,,Ist es nicht Ironie ? So viele Leben in diesen Mauern und doch gibt es nur ein einziges, das mich interessiert Der Rest… nun was liegt am Rest. Schachfiguren, und selbst dann Bauern bestenfalls.“
,,Ihr sprecht von lebenden Menschen.“ , erwiderte der Seher scharf, obwohl e wusste, dass es sinnlos

war.
,,Ihr belehrt mich über Moral ,Seher ?  Benutzt ihr die Menschen nicht genau so? Wer war es denn, der Kellvian ausgerechnet auf diesen Weg geschickt hat? Hättet ihr nicht eingegriffen, wir hätten ihn alleine aufgegriffen. Allein und ohne Schutz und alles wäre längst vorbei. So aber wird bald  mein Messer sein Ziel finden. Ohne jemals zu wissen, dass es mir dadurch gedient hat. Und selbst wenn Kellvian mir wieder entkommt, Seher, wenn ihr immer noch glaubt, der Junge könnte irgendetwas ändern… Er wird seine wahre Natur noch früh genug Zeigen.“
,,Ja ich glaube, dass er etwas verändern

kann.“
,,Warum ?“ Die Gestalt drehte sich zu ihm um und zwei Augen blitzten beinahe wütend aus den Schatten hervor, welche den kompletten Mann zu umgeben schienen. Wenn es den ein Mann war.
,,Er ist Feige, unentschlossen, geradezu kindisch und selbstsüchtig in seinen Entscheidungen… was erwartet ihr euch daraus ?“
,,Ich setzte mein Vertrauen nicht nur in Kell. Und vielleicht fürchtet ihr das ja?“
,,Was ?“
,, Spontanität.“
Der Meister schien ihn einen Augenblick zu mustern. Dann begann er laut zu lachen. ,, Ihr müsst noch viel Lernen

fürchte ich. Lernt Morgen, wenn euer kleines Kartenhaus zusammenbricht. Dann erkennt eure eigene Dummheit. Bevor das alles vorbei ist, werde ich euch nicht mehr aufsuchen. “ Mit diesen Worten löste sich die Gestalt vor ihm in einen Schauer aus leuchtenden Partikeln auf und verschwand.
,, Vielleicht.“ , flüsterte Melchior in die kühle Nachtluft. ,, Und vielleicht werdet es am Ende ihr sein, der etwas gelernt hat.“ Er musste sich auf einmal abstützen. Einen Moment kam er sich älter vor, als er war. Sehr viel älter. Und all das hatte mit einer einzigen düsteren Prophezeiung angefangen. Vor nun fast zwanzig Jahren. Trotzdem stand ihm der

schwere Teil jetzt erst bevor.


,,Du musst das nicht, das weist du aber ?“ Jiy musterte Kellvian der, von einem Fuß auf den anderen tretend, in der Tür zu den Bädern stand. Einzelne Türen führten zu mehreren Räumen mit jeweils einzelnen Becken. Wenn es außer ihnen noch Gäste in der Taverne gab, so zeigten diese sich nicht. Es war früh am Morgen und die Straßen draußen lagen im Nebel. Melchior  musste irgendwann in der Nacht zurückgekommen sein, denn als Kellvian heute Morgen sein Zimmer verlassen hatte, hatte der Seher bereits mit einem ausgesprochen düsteren

Gesichtsausdruck im Schankraum gesessen und sich über etwas hergemacht, das wohl sein Frühstück darstellen sollte. Auf seine Frage, wo er gewesen sei hatte Melchor nur knapp und einsilbig geantwortet.
,, Nein, ich hab zugesagt, dann… mach ich das auch.“ , antwortete er der Gejarn. Diese schmunzelte über die Nervosität des Menschen ein wenig.
,, Kell, ich frag dich nur. Ich will mich nach zwei Wochen in Wäldern  mal wieder richtig sauber fühlen, das ist alles.“ Wobei das nicht stimmte. Auf eine Weise war der Gedanke mit Kellvian allein im Wasser zu sein… Sie verbannte den Gedanken so schnell wie er

auftauchte, konnte es aber trotzdem nicht vermeiden, einen Moment wegzusehen.
,, Ja klar. Nur ich… du…“
Bevor er noch etwas sagen konnte, warf sie ihm ein Handtuch und eine Haarbürste zu. ,, Mach dir bloß keine Hoffnungen. Du hast uns alle für heut Abend zu einem öffentlichem Empfang verpflichtet, also hilfst du mir damit ich nicht aussehe wie eine Wilde.“ Mit diesen Worten verschwand sie in einem der Bäder und ließ Kellvian nur die Wahl, stehenzubleiben oder ihr zu Folgen.
Sie sah sich in dem Raum um, den sie betrat. Es gab nicht viel Einrichtung. Ein großes Becken mit Wasser aus dem

komplizierten Leitungssystem Varas  nahm einen Großteil des Bodens ein. Graue Fließen bedeckten Boden und Wände. Offenbar hatte Kellvian es doch vorgezogen draußen zu bleiben. Ihr sollte es recht sein. Jiy seufzte, als sie sich an den Beckenrand setzte und die Füße einen Augenblick  ins Wasser baumeln ließ. Langsam schnürte sie ihre Weste auf. Noch immer prangte ein neuer Blutfleck am Handgelenk wie eine stumme  Anklage. Es war eine Gnade gewesen, das einzig richtige, sagte sie sich wieder. Der Mann hatte für sich selbst entschieden.
Die vereinzelten Blutflecke von ihren alten Verletzungen hatten sich ebenfalls

in das Gewebe eingebrannt, auch wenn sie längst nicht mehr so deutlich waren.  Aber nicht nur dort. Die kahlen Hautstellen in ihrem Pelz fielen kaum auf, doch jede markierte eine Narbe.  Ihr Gesicht, das sich im Wasser spiegelte war kaum besser. Verfilzte und verknotete  dunkle Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. Grüne Augen blitzten ihr entgegen, die nach wie vor wirkten, als hätten sie zu viel gesehen…
Nein sie hatte schon mal besser ausgesehen, gestand die Gejarn sich ein .Eigentlich sollte sie das nicht stören, aber das tat es. Seit wann kümmerte sie bitte ihr Aussehen derart? , fragte Jiy sich, kannte die Antwort aber

bereits.
Mochte sie den Menschen, weil er sie gerettet hatte? Nein. Das hatte sie davon abgehalten ihn in seinen Tod laufen zu lassen, aber… Hatten ihre Gefühle ihr hier überhaupt ein Mitspracherecht eingeräumt? Götter, sie sollte aufhören, so viel nachzudenken. Rasch entledigte Jiy sich ihrer restlichen Kleidung und stieg in das warme Wasser. Überrascht zuckte sie kurz zusammen. Das hatte sie nicht erwartet. Zwar hatte Kellvian erzählt, das die Wasserrohre teilweise magisch beheizt wurden, eine Überraschung warmes Wasser ohne ein Feuer zu bekommen war es trotzdem.
Sie lehnte sich zurück und trieb eine

Weile einfach in der wohltuenden Wärme und spürte sogar, wie ihre Lieder schwer wurden. Ihre Gedanken schweiften ab und die Anspannung, die sie seit gestern im Griff zu haben schien löste sich etwas. Jiy war mit sich und der Welt wieder etwas im reinen und konnte sich entspannen. Wann hatte sie das letzte Mal wirklich  dazu Gelegenheit gehabt? Es musste eine Weile her sein.
Mit einem zufriedenen Lächeln trieb sie im Dämmerzustand zurück an den Beckenrand. Wenn es immer so einfach sein könnte. Die Gedanken ein wenig loslassen und…
Sie hörte wie sich die Tür zum Bad öffnete und drehte den  Kopf

herum.
,, Feigling.“ , sagte sie grinsend und spritzte eine Hand voll Wasser in seine Richtung.
Kellvian machte einen unbeholfenen Versuch auszuweichen, was ihm aber nur einbrachte, das er fast auf den Fließen ausgerutscht wäre. Er setzte sich ohne ein Wort an den Beckenrand. Angenehmes Schweigen füllte den Raum und Jiy war wenig daran gelegen, die Stille zu durchbrechen.
Mit dem Rücken zu ihm fragte sie trotzdem  spöttisch: ,, Wenn du doch hier bist… würde es dir etwas ausmachen mir ein wenig zu helfen?“
Der Mensch schien in eigenen Gedanken

zu sein, erwiderte aber nur: ,, Sicher…“ Kellvian verschwand kurz vom Beckenrand und kehrte wenige Augenblicke später mit einem Kamm und einer Bürste zurück. Jiy wartete, umgeben von der angenehmen Wärme und dem Nebel, der vom Wasser aufstieg.
Erst als sie eine Berührung an der Schulter spürte, merkte sie, dass der Mensch zurück war.
Kellvian ging vorsichtig, beinahe zögerlich vor, während er Schmutz und Knoten aus ihren Haaren kämmte. Sie lehnte sich ein wenig zurück und genoss die simple Berührung. Ihm mussten die kahlen Narben doch sicher auch auffallen, die sich überall auf ihrem

Körper fanden, dachte sie.
,, Was erwartet uns heut Abend genau ?“ , fragte sie, mehr um überhaupt etwas zu sagen, denn aus echter Neugier.
,,Ein Haufen Leute in teurer Kleidung, die noch nie in ihrem Leben einen Finger rühren mussten und nicht nur stolz darauf sind, sondern sogar damit angeben. Und wenn es nach Markus Willen geht…“ Er hielt inne. ,, Dann sitz ich in erster Reiche wenn es darum geht diesen Menschen zu sagen, dass sie damit recht haben.“
,,Klingt politisch.“
,,Das wird es auch werden Jiy. Ein Abend voll langweiliger Politik und

Leute, die ihre Kleinkriege untereinander ausfechten und denken die ganze Welt drehe sich darum. Wenigstens muss man nicht damit rechnen, ein Messer in den Rücken zu bekommen, solange man sich da raushält.“
,, Irgendwie hörst du dich an, als hättest du damit Erfahrung.“
,, Einer der Gründe, aus denen ich mitten in der Wildnis war. Da kommt niemand auf die Idee, über Truppenbewegungen oder den neuesten Plot irgendeines hohen Herrn sich noch ein paar Schafsherden mehr unter den Nagel zu reißen zu debattieren. Ich werde mich so bedeckt wie möglich halten.“
,, Das hört sich fast nach einem Plan an.

Aber das ist doch sicher nicht alles oder Kell? Ich kenne dich kaum so… gewählt würde ich sagen.“
Er lächelte schwach. ,, Ich bin kein Idiot Jiy. Nur wenn du in der Nähe bist. Dann weiß ich manchmal nicht… was ich denken soll.“
,,Wie… meinst du das ?“
,, Ich weiß es nicht.“
,, Du weißt es nicht ?“ , sie drehte sich zu ihm um und klang zu ihrer eigenen Überraschung ein wenig enttäuscht.
Kellvian nickte und versuchte offenbar dabei, den Blick grade zu halten. Ein komischer Anblick, würde sie nicht nach wie vor auf eine Antwort von ihm

warten.
,, Mir fehlen die Worte zu sagen… was ich muss.“ Er klang plötzlich ernster. ,, Und ich weiß nicht, ob ich sie finde.“
,, Kell… wenn…. Du kannst es versuchen, ich… denke nicht, das…“
Er stand langsam auf und unterbrach sie . ,, Heute Abend.“ , sagte Kellvian entschieden. ,, Glaubst du so viel Zeit kannst du mir geben ?“
Jiy fand sich unfähig, etwas anderes zu tun, als kurz zu nicken nd dem Mann nachzusehen, als er aus der Tür trat.
Sie blieb alleine zurück. Einige Minuten ließ sie sich noch  im kälter werdenden Wasser treiben
Das Bad schien seinen Reiz plötzlich

verloren zu haben. Was hatte er sagen wollen? Und wenn es war, was sie fürchtete…hoffte…
Sie spürte ihren Herzschlag kurz schneller. Das war doch kompletter Wahnsinn. Ihre gespannte Vorfreude auf den Abend schien ebenfalls verflogen, als sie aus dem Wasser stieg. Stattdessen hatte eine ungute Vorahnung sie ergriffen.
Irgendetwas würde schrecklich schief gehen…


Kellvian trat auf der einen Seite erleichtert, auf den Flur hinaus. Auf der anderen nannte er sich selbst erneut

einen Feigling. Warum die Wahrheit aufschieben. Weil ihm tatsächlich die Worte fehlten. Weil er nicht die Wahrheit und seine Gefühle gleichzeitig unterbringen konnte. Und es schien so oder so Wahnsinn. Selbst wenn er nichts weiter wäre als ein einfacher Wanderer mit einer kaum ausgeprägten magischen Begabung… Er war ein Mensch. Sie nicht. Götter, was sollte er tun, fragte Kell sich selbst, als er aus den Bädern zurück in den Schankraum der Taverne trat.
Es war Zyle, der ihn dort aus seinen Gedanken riss. Der Gejarn stand  mit Melchior an einem Tisch und unterhielt sich offenbar mit jemand, bis er Kellvian

bemerkte und sich zu ihm umdrehte.
,,Hey, habt ihr den Schneider bestellt ?




Kapitel 41 Was es zu sagen gibt


Kellvian fühlte sich unwohl, als er mit Zyle und Jiy die Stufen zur Universität hinaufging. Melchior hingegen hielt sich etwas abseits und wirkte nicht grade glücklich. Das ganze Gebäude schien sich in den letzten Stunden verändert zu haben. Lichter brannten in allen Fenstern und erhellten die Umgebung fast Taghell, obwohl die Sonne grade über den Dächern Varas unterging. Hunderte von Menschen mussten sich allein auf dem großen Platz am Fuß der Treppe versammelt haben und weitere strebten noch aus den Straßen. Auch wenn Markus

nur die Reichen der Stadt offiziell geladen hatte, wie Immer zog eine solche Veranstaltung alle an , vor allem Schaulustige, die dem kleinen Strom aus Adeligen und Kaufleuten zusahen, die in Kutschen oder in seltenen Fällen auch zu Fuß eintrafen und sich schwerfällig auf den Weg die Treppen hinauf machten. Kellvian wünschte sich, er könnte selbst dort unten bleiben, als sie die letzten Stufen hinter sich brachten. Der kleine Park vor den geöffneten Toren der Universität war mit leuchtenden Girlanden geschmückt worden. Kerzen und vereinzelte magische Kristalle erhellten die Umgebung zusätzlich zu dem Licht, das aus den Gebäuden selbst

drang. Selbst ein Wasserstrom, der sich durch einen künstlichen Bachlauf zog glühte in sich langsam von blau zu allen Farben verschiebenden Tönen. Vermutlich ein simpler Zauber, aber er verfehlte seine Wirkung nicht. In beeindruckenden Farbkaskaden fiel das Wasser über mehrere Stufen zu einem Brunnen in der Parkmitte hin ab und wechselte dabei ständig seine Erscheinung. Kell blieb kurt stehen, während er wartete, das die anderen wieder zu ihm aufschlossen. Zyle sah sich nach allen Seiten um und auch wenn Kellvian sich nicht sicher sein konnte, was der Mann aus Laos von dem Farbenspiel hier hielt,

so schien er ausnahmsweise einmal nicht mürrisch sondern wirkte eher nachdenklich. Dass er es sich nicht hatte nehmen lassen, Bewaffnet herzukommen brachte ihm Schon die ganze Zeit den ein oder anderen beunruhigten Blick ein. Die Waffe war durch nichts verborgen, da sich Zyle weigerte, einen Umhang zu tragen. Ein weinfarbenes Hemd hatte seine, wie bei ihnen allen, ziemlich mitgenommenen Reisekleider ersetzt. Markus hatte seine Androhung oder sein Angebot, wie man es auch nehmen mochte, sich um angemessene Kleidung zu kümmern wahrgemacht und alle außer

Melchior hatte das Angebot mehr oder weniger angenommen. Der Seher fiel allerdings in seiner blauschwarzen Kleidung auch unter den Adeligen nicht sonderlich auf, selbst wenn er schlichter gekleidet war als die meisten. Auch Kellvian hatte sich bewusst zurückgehalten. Ein dunkler Schulterumhang mit Goldnähten viel ihm um die Schultern. Ansonsten hatte er lediglich das ruinierte Hemd durch ein neues Ersetzt und dunkle Beinkleider und Stiefel gewählt. Der grüne Kristallsplitter hing an einer simplen Kette vor seiner Brust. Er hoffte, das die, verglichen mit den übrigen Gästen, die er bisher gesehen hatte, schlichte

Kleidung ihn ein wenig die Leute vom Hals halten würde. Kellvian hatte zwar Anfangs darüber nachgedacht, die Waffen nicht mitzunehmen, sich dann jedoch wie Zyle dafür entschieden. Degen und Pistole waren ohnehin unter seinem Mantel verborgen und würden so kaum auffallen. Was ihn genau dazu trieb wusste er nicht, nur das er ein schlechtes Gefühl hatte. Jiy schloss zu ihm auf und hakte sich bei ihm unter. Er hatte sie bisher noch nie in einen Kleid gesehen und die Gestalt ohne die grün-braune Waldkleidung anfangs kaum wiedererkannt. Der silbergraue Stoff war von einer

schlichten Eleganz und schien von der Farbe her fast mit dem Pelz der Gejarn zu verschmelzen. ,,Bisher ist es doch gar nicht so schlimm.“ , meinte sie vergnügt. Kellvian versuchte sich lediglich an einem nicht sehr überzeugenden Grinsen. ,,Glaub mir, du wirst deine Meinung spätestens in einer Stunde ändern.“, sagte er, während sie sich dem Strom der Besucher anschlossen. Männer und Frauen in goldenen Gewändern, manche davon noch mit Magie verstärkt, welche die Gestalten selbst im Dunkeln noch leuchten ließ. Kell gefiel das Farbenspiel und die Pracht auf eine Art, auf die andere schien es einfach eine

Grenzenlose Verschwendung und reine Zuschaustellung zu sein. In der Eingangshalle hatten sich bereits Dutzende weitere Menschen und einige wenige Gejarn eingefunden. Kerzenlicht spiegelte sich auf den polierten Böden und erhellte selbst die hohen Decken noch. Hier wurden keine Schatten geduldet, wie es schien. Zwei große Flügeltüren an den Seiten der Halle Stande offen und führten in weitere große Säle in denen sich Gäste sammelten, sich gedämpft unterhielten oder dem Spiel eines Klaviers lauschten, das einem der Räume aufgebaut worden war. Der Spieler dran trug dunkle Kleidung, die bis auf eine goldene

Stickerei an seiner Schulter in der umliegenden Pracht fast unterging. Das Symbol darauf kam Kellvian aber vertraut vor, auch wenn er es nur halb sehen konnte. Es bedeutete nichts. Es würde wohl sicher nicht das letzte Symbol sein, das ihm heute ein Déjà-vu bescheren würde, dachte er, während er und Jiy sich einen Weg zwischen den Leuten hindurchsuchten. Zyle war nirgendwo mehr zu sehen. Vermutlich hatte sich der Gejarn nur abgesetzt. Und Melchior… der Mann schien eine Vorliebe dafür zu haben, sich unangekündigt in Luft aufzulösen. Der Seher konnte schon auf sich aufpassen und solange Zyle es nicht auf Ärger

anlegte, würde wohl auch ihm schwerlich etwas geschehen. Eine kleine Treppe auf der anderen Seite der Halle führte hinauf zu einer offenen Etage, auf der Kellvian den Patrizier erkannte, der sich mit einer Reihe bunt gekleideter Gestalten unterhielt. In einer der anwesende, die sich durch eine unauffällige blaue Robe von den anderen Abhob, erkannte er Danja , die gestern auch in Markus Haus gewesen war. Der Patrizier hatte ihn bemerkt, denn er machte eine einladende Geste, als wartete er, das Kellvian zu ihm kam. ,,Wartest du kurz hier ?“ , fragte er an Jiy gerichtet. ,,Ich will nur schnell mit

Markus reden.“ ,,Ich weiß ja nicht, was du und der Patrizier ausheckt, aber nur zu.“ Sie lachte. ,,Ich glaube ich sehe mich ein bisschen um.“ ,,Hey, ich bin wirklich gleich wieder da.“ , meinte er entschuldigend, gleichzeitig interessierte ihn aber, was Markus wollte. Er war hier, reichte das nicht? Kell drängte sich durch die umstehenden Leute. Die wenigsten Tanzten oder unterhielten sich Freundschaftlich. Viele beäugten einander eher misstrauisch und einige wenige sogar offen Feindselig. Und deshalb ruft man nicht alle Adeligen einer Provinz gleichzeitig zusammen,

dachte Kellvian. Niemand würde es wagen, an diesen Abend irgendetwas zu versuchen, aber die tausende von Kleinkriege, die zwischen den einzelnen Familien tobten waren teilweise so alt wie das Kaiserreich von Canton. Die Stimmung war nur kühl zu nennen, bestenfalls. Rasch stieg er die Stufen zur oberen Etage hinauf, wo Markus Cynric bereits auf ihn wartete. Der Patrizier trug immer noch fast die gleiche Kleidung wie am Vortag, nur den Hut hatte er abgelegt. Stattdessen glänzte sein kahler Schädel im Licht der Kerzen und Öllampen. In der Hand hielt er ein Glas mit Goldrand, in dem eine bernsteinfarbene Flüssigkeit

schwappe, vielleicht Weinbrand. ,,Ah, Kellvian Willkommen . Und was meint ihr?“ , er machte eine ausladende Bewegung und schien damit den ganzen Raum einschließen zu wollen. ,,Auch wenn ich zugeben muss, das es mir nicht gefällt… ich bin beeindruckt.“ , gab er zu. ,,Lediglich… fehlt ein wenig die Stimmung meint ihr nicht auch ?“ Der Patrizier nickte und brachte das Glas in seiner Hand mit einem Schlag zum Klirren. Obwohl das Geräusch zu leise warum im ganzen Saal vernommen zu erden, erfasste es doch die näher stehenden Gäste, die sich umdrehten und breitete von dort aus seine Wirkung

langsam aus. Selbst das Klavier setzte einen Moment aus und der dunkelgewandete Spieler sah auf. Markus Cynric räusperte sich, bevor er zu sprechen begann. ,,Willkommen. Willkommen , Freunde, verehrte Gäste, Verwandte. Es ist schön zu sehen, dass so viele von euch sich heute die Zeit genommen haben, hierher zu kommen und ich danke jedem für sein Kommen. Doch sollten wir auch nicht vergessen, einen Dank an jene zu richten, die uns Freundlicherweise ihre Hallen zur Verfügung gestellt haben. In diesem Sinne spreche ich hier den Magistern der Universität meinen Dank aus und ich bin sicher… das viele von euch das auch

möchten.“ Kellvian konnte nur über die Dreistigkeit des Patriziers grinsen. Er sagte ihnen mit schönen Worten ins Gesicht, was er erwartete. Unterstützung. ,,Mir ist natürlich auch klar, dass nicht alle erfreut sind… bestimmte Gäste hier zu sehen. Zumindest für heute wollen wir unsere Streitigkeiten alle einmal vergessen. Lasst eure Konflikte einmal daheim in euren Hallen.“ , fuhr er fort. ,,Heute haben wir immerhin einen besonderen Gast. Der Sohn unseres geliebten Kaisers Konstantin Belfare selbst ist hier.“ Kellvian gab sich Mühe, sich so gut wie möglich hinter Markus zu verbergen, was

schon Aufgrund von dessen Größe ein vergebliches Unterfangen war. Wenn ihn jemand erkannte… noch schlimmer, wenn Jiy ihn sah… Götter, er musste ihr heute endlich sagen, wer er war, da führte kein Weg dran vorbei. Nicht mehr. Er hatte jedoch noch Glück. Die meisten Menschen brachten die eher unscheinbare Gestalt neben dem Patrizier nicht mit dem Kaiser in Verbindung, sondern sahen sich tatsächlich kurz suchend im Saal um. Zumindest schienen Markus Worte zu wirken, stellte Kell fest. Die Stimmung schien sich etwas zu lockern und wenn es auch nur darum ging, einem potentiellen Herrscher ein möglichst positives Bild zu geben. Was sich

bestimmt auch in der Summe der Spenden niederschlagen würde, welche der Patrizier erwartete. Und sicher würde sich die konkurrierenden Familien Varas und der Provinz Belfare nun versuchen darin zu überbieten. Markus hatte das wirklich durchdacht, überlegte Kellvian, als er etwas vom Balkon zurücktrat um nicht länger direkt im Rampenlicht zu stehen. Markus blieb auch nicht mehr lange, sondern trat vom Geländer zurück, welches das offene Stockwerk umlief. ,,Wo habt ihr eigentlich die kleine Gejarn gelassen, die eben noch bei euch war ?“, wollte er augenzwinkernd wissen. Der Patrizier wirkte zufrieden

mit dem Ausgang seiner kleinen Rede. ,,Ich hab euch doch vorhin gesehen , wenn ich mich nicht irre ?“ ,, Markus…“ Er schüttelte den Kopf. Wie sollte er dem Patrizier erklären, was in ihm vorging, wenn er es schon Jiy gegenüber nicht konnte? ,, Was wollt ihr damit sagen ?“ ,, Ich habe zwei gesunde paar Augen Kell.“ , erwiderte sein gegenüber und nahm einen Schluck Branntwein.,, Das ist alles.“ ,, Ich weiß nicht… was ich denken soll.“ , erklärte Kellvian. Oder geschwiege denn, was er sagen sollte. ,, Nun, dann solltet ihr euch darüber vielleicht klar werden, Kell.“ Der

Patrizier klang plötzlich ernster als zuvor, ,, Ihr seid nicht irgendwer.“ ,, Danke. Irgendwie scheint es sich in letzter Zeit jeder zur Aufgabe gemacht zu haben, mich daran zu erinnern.“ ,, Als ob es etwas ändert, wenn ihr das vergesst.“ Er klang jetzt fast abfällig. ,, Die vergisst es nicht.“ ,,Jiy weiß nicht wer ich bin, versteht ihr das ?“ , erwiderte Kellvian heftig.,, Sie ist die erste Person, die mich nicht in erster Linie als den Sohn des Kaisers sieht, irgendeine politische Schachfigur, so wie selbst ihr.“ ,, Oh….“ Markusbegann bleich zu werden. ,, Oh verdammt. Ihr

Wahnsinniger.“ ,, Versteht ihr es jetzt ?“ , wollte Kellvian wissen. Auf eine Art fühlte er sich besser. Er konnte die ganze angestaute Anspannung von der er gar nicht wusste, dass sie da war endlich in Worte fassen. Aber diese Worte waren an den Patrizier gerichtet… nicht an Jiy. ,, Das sie eine Gejarn ist, ist ja seltsam genug… aber…“ ,, Es kümmert mich nicht, was sie ist Markus. Mich kümmert wer sie ist. Ich… Götter ich habe nicht die geringste Ahnung was ich tun soll. Oder ob ich etwas tun kann. Ich meine…“ ,, Und habt ihr ihr das auch schon mal

gesagt?“ ,, Was denn sagen ?“ Markus lachte freundlich. ,, Kellvian. Wenn ihr das nicht wisst… dann seid ihr Wahrhaftig verloren. Ich schätze, dieser Abend ist für euch dann um einiges Komplizierter als für mich.“ Er klopfte ihm einmal auf die Schultern. ,, Am besten ihr geht wieder, wie ? Ihr findet schon heraus, was ihr ihr sagen müsst.“ Der Patrizier drehte sich um, um mit seinen übrigen Gästen zu sprechen und ließ Kellvian zurück, der sich kein Stück schlauer vorkam. Im Gegenteil. Aber er wusste, was er tun musste, oder hoffte es. Die Wahrheit, was auch immer die

Folgen sein würden.

Kapitel 42 Ein TAnz mit dem Tod Teil 1

Zyle fühlte sich unwohl zwischen all den Menschen. Es war jedoch weniger ihre Masse, die ihm zu schaffen machte, als ihre seltsame Art. Das sollte eine Feier sein?
Er sah sich nach allen Seiten um und fand jede Menge misstrauische oder verschlossene Gesichter. Manche musterten ihn sogar mit offener Abneigung, die wenigsten mit Neugier. Die Rede, welche der Patrizier vor einigen Minuten gehalten hatte, schien die Stimmung zwar etwas gebessert zu haben, aber trotzdem..
Laos, auf ihren Totenfeiern wurde mehr

gelacht als in diese Hallen. Der Gejarn hielt sich am Rand der Versammlung und beobachtete das Treiben. Die anderen hatte er schon vor einer Weile aus den Augen verloren und nach ihnen suche er die enge auch nicht ab. Seine Hand ruhte am Schwertgriff. Heute oder nie. Er konnte nur eine Handvoll bewaffnete in der Halle erkennen. Ein paar uniformierte und mit Musketen bewaffnete Wächter am Eingang und an den Fenstern, das war alles. Die Leute fühlten sich heute Abend sicher. Der Patrizier würde sich sicher fühlen- Jetzt musste er nur noch überlegen, wie er es anstellen sollte. Einfach hingehen und den Mann zu töten, das wäre mehr als

dumm, wenn er lebend hier raus wollte.  Zyle wollte es hinter sich haben. Dann könnte er sich auf den Rückweg machen und wäre schon weit weg, bevor irgendjemand merkte, dass er fehlte. Heim.
Aber war der Preis nicht zu hoch? Es war nach wie vor nicht seine Aufgabe, sich darüber Gedanken zu machen. Und doch tat er es. Dieses Land war anders, als er erwartet hatte, soviel musste er zugeben. Und auch der Patrizier…. Er hatte bisher vielleicht zwei Worte mit dem Mann gewechselt und ihm einmal gesehen, aber das allein hatte gereicht Zweifel in ihm zu Wecken. Das war einfach niemand, der den Tod zu verdienen

schien…
Was hatte Markus Cynric getan um sich den Zorn der Archonten zuzuziehen? Es spielte keine Rolle, sagte er sich wieder. Und es half nichts, hier herumzustehen.
,,Wie war noch euer Name ?“ Zyle drehte sich zu der Stimme um. Gab es so etwas wie Zufälle? Einen Augenblick war er versucht daran zu Zweifeln. Der Patrizier winkte einer Gruppe finster dreinblickender Männer und Frauen zu, mit denen er sich offenbar eben noch unterhalten hatte.
,,Zyle Carmine.“ , antwortete er. Ihm war grade am allerwenigsten danach, sich mit dem Mann unterhalten zu müssen, den heute noch eine Klinge finden würde,

wenn es… nach dem Willen der Archonten ging.
,,Und ich bin Markus, für die meisten zumindest.“ Der Patrizier war gezwungen ein gutes Stück zu dem Gejarn aufsehen, ,,Ihr macht gelinde gesagt nicht den Eindruck, als würde euch dieser Ort gefallen?“
,,Der Ort ist in Ordnung.“ , erwiderte Zyle. ,,Die Anwesenden… weniger.“
Der Patrizier lachte schallend, so das sich sogar einige Köpfe in ihre Richtung drehten. ,,Ihr habt es offenbar erfasst. Aber manchmal muss man Kompromisse eingehen und sich mit Leuten an einen Tisch setzen, die einem persönlich nicht zusagen. Für das  Wohl von allen. Wo

wären wir schließlich, würden wir uns alle wegen unserer Differenzen nur bekämpfen und nicht auch ab und an… genau deshalb schätzen?“
,,Wollt ihr mir sagen, diese Leute wissen euch zu schätzen ?“ , fragte er und machte eine ausladende Bewegung mit dem Arm.
,,Die wenigsten.“ Der Patrizier setzte sich in Bewegung und zu seiner eigenen Überraschung folgte Zyle ihm durch die Halle. ,,Gleichzeitig würden aber auch die wenigsten meine Position haben wollen.“ , fügte Markus hinzu.
,,Wieso nicht ?“ Was tat er hier verflucht?  Er sollte sich nicht mit dem Kerl unterhalten, sollte ihn Erledigen

und loslaufen. Aber nicht hier.
,,Das würde ja Arbeit bedeuten.“ Er zwinkerte und meinte die Bemerkung offenbar nicht ernst.,,Und um es in einfachsten Worten zu sagen… das bisschen mehr Macht, das mir mein Titel innerhalb den Mauern Varas verleiht, ist den Aufwand schlicht nicht wert. Nicht wenn man sich dieser Stadt nicht verschreibt.“
,,Und bereut ihr das nicht ?“
,,Der Tag an dem ich es bereue mich um diese Stadt zu Sorgen ist der, an dem ich freiwillig zurücktrete. Um eure Frage also zu beantworten: Nein. Ich bitte euch also einfach, seht auch ihr euch heute einfach einmal als ein Gast. Wenn ihr

mich jetzt entschuldigen würdet… Ich muss noch mit so vielen Leuten sprechen und mir bleibt dafür so wenig Zeit…“ Markus Cynric verbeugte sich kurz, was bei seiner Statur fast schon lächerlich wirkte und verschwand in der Menge der Anwesenden.
Zyle wollte sich dazu bringen, ihm zu folgen und auf eine Gelegenheit zu warten. Er musste nur geduldig sein und dan einen günstigen Moment zum Angriff nutzen. Aber… wollte er das denn überhaupt noch? Verdammt es gab hier kein Wollen. Befehl war Befehl.


,,Entschuldigt… seit ihr  Kellvian

Belfare ? Ein dunkelhaariger Mann kam Kell entgegen, als er über die Treppe wieder in den großen Hauptsaal hinabging. Er erkannte in der schwarz gekleideten Gestalt den Klavierspieler, der ihm schon früher aufgefallen war. Nun jedoch schien es, war der Mann durch jemand anderen ersetzt worden.
Es hatte keinen großen Sinn zu leugnen. ,,Der bin ich.“
,,Quinn der Name, erfreut.“ Ein türkisfarbener Mantel fiel dem Mann über die Schulter.  Seien Bewegungen waren fahrig, so als wäre er wegen irgendetwas schrecklich nervös. Noch mal Glück gehabt, dachte Kellvian. Zumindest war er nicht an irgendeinen

Adeligen geraten. Trotzdem wollte er zu Jiy zurück.
,,Was gibt es denn ?“ , fragte Kellvian, sein sichtlich angespanntes Gegenüber. ,,Und keine Sorge, bisher zumindest ist noch jeder Lebed aus einem Gespräch mit mir rausgekommen.“
Aus der Nähe fiel ihm auf, dass die dunklen Haare seines Gegenübers seltsam unecht wirkten. Und einige graue Strähnen schimmerten darunter hervor. Wirklich seltsam… Er wirkte eigentlich noch ziemlich jung. Das goldene Symbol, das er zuvor nur aus den Augenwinkeln gesehen und nicht richtig erkannt hatte kam ihm in den Sinn. ,,Ihr seid ein Magier oder

?“
,,Heute Abend bin ich mehr für die musikalische Untermalung zuständig.“ , erwiderte er. ,,Auch wenn man das von einem Sanguis-Zauberer nicht erwartet. Mich hat lediglich interessiert, ob ihr wirklich hier seid. Es kommt ja nicht alle Tage vor.“
,,Wieso denn nicht ? ich entscheide schließlich, wo ich auftauche oder?“
,,Sicher. Jedoch das letzte, was man von euch gehört hat war, das ihr vor einem halben Monat aus der fliegenden Stadt verschwunden seid Ohne eine Spur.
,,Dann wurdet ihr offenbar falsch informiert.“ , gab Kellvian ruhig zurück. Der Mann war nicht unfreundlich, aber

irgendetwas sorgte dafür, dass er eine Gänsehaut bekam. Er wollte nur so schnell wie möglich hier weg.
,,Natürlich und ich will euch auch gar nicht weiteraufhalten.“ Der Mann trat beiseite und ließ ihn passieren. ,,Guten Abend Herr. Und passt auf euch auf.“
,,Hier droht keine Gefahr. Wobei ich es darauf Anlege in wenigen Augenblicken die Ohrfeige meines Lebens zu kassieren.“ Und er fürchtete noch mehr, weil er so lange  mit der Wahrheit gezögert hatte. Kellvian fühlte sich kurz unsicher und blieb stehen. Er hatte gedacht, darauf gefasst zu sein, aber nach wie vor war da nur Chaos, wenn er nach Worten suchte, die er sonst leicht

fand. Wäre er von der Existenz von Göttern doch etwas überzeugter, dann könnte er jetzt wenigstens stumm beten. Es half nichts. Für Jiy konnte er die Wahrheit riskieren, sagte er sich, egal wie es ausging.


Die Gejarn wartete ein Stück von der Treppe entfernt auf ihn. Gedankenverloren musterte Jiy das bunte, aber auf seine Art schrecklich eintönige Treiben. Obwohl er Raum von Musik erfüllt war, tanzten die wenigsten. Und auch die Worte des Patriziers schienen daran nur wenig verändert zu haben. Sie war sich nach wie vor nicht

sicher, ob sie sich nicht verhört hatte. Der Sohn des Kaiser sollte hier sein?  Nun in dem ganzen prunk ging wohl selbst so jemand einfach unter. Und vermutlich war es auch besser so. Es war das Banner des Kaisers selbst gewesen, das über Lore geweht hatte, als der ganze Ort ein Opfer der Flammen geworden war. Nicht das irgendeines Fürsten oder Heerführers. Sie wüsste nicht, was sie tun würde, würde sie einem der Verantwortlichen je gegenüberstehen. Sie hatte dem sterbenden Gejarn schwören müssen, nie leichtfertig zu töten und allein der Gedanke war ihr zu wieder, aber…
Würde sie das denn je ganz hinter sich

lassen? Vermutlich nicht und das beunruhigte sie mehr, als sie sich selbst gegenüber zugeben wollte.
Jiy sah auf und entdeckte Kellvian. Er lächelte, wirkte aber ungewöhnlich blass. Eine willkommene Ablenkung von ihren finstereren Gedanken, die seine Anwesenheit allein bereits  etwas zu vertreiben schien. Es war schon seltsam, was sie mit diesem Mann verband. Eine seltsame Mischung aus Gefühlen… Sie zögerte dem ganzen einen Namen zu geben.
,,Hey.“ Er streckte eine Hand aus und fasste die ihre. ,,Entschuldigung. Ich… hätte dich nicht so stehen lassen dürfen.“
,,Das glaub ich auch.“ , gab sie gespielt

streng zurück nur um  mit einem Blick in die Runde hinzuzufügen: ,, Das ist nicht zum Aushalten. Als hätte jemand diese Leute alle mit vorgehaltener Waffe her gezwungen.“
Kellvian grinste. ,,Ich hab dich  gewarnt.“ , sagte er.,, Die meisten sind nur hier um sich später nicht nachsagen zu lassen, einer Einladung des Patriziers nicht nachgekommen zu sein.“
Sie sah auf ein seltsames Funkeln in den Augen ,,Ändern wir das?“
Er folgte ihrem Blick und schüttelte den Kopf.  , Darf ich bitten? Ich kann  mich zwar  bestenfalls als durchschnittlichen Tänzer  bezeichnen aber…“
Jiy wartete nicht einmal, bis Kellvian

den Satz beenden konnte, sondern zog den verdutzten Menschen mit sich weg von der Treppe in den Saal, wo sich die wenigen Tänzer befanden.
Kellvian war kein guter Tänzer und damit lobte er sich vermutlich noch selbst, dachte er. Zwar hatte mehr als ein Lehrer in der fliegenden Stadt vergeblich versucht es ihm beizubringen, aber das wenige, das er sich gemerkt hatte, reichte grade um niemanden, vor allem nicht Jiy, auf die Füße zu treten. Die Gejarn ihrerseits  bewegte sich mit traumwandlerischer Sicherheit, was dem ungewöhnlichen Paar schnell die Blicke der Leute einbrachte. Kell war das im Augenblick egal. Seine Gedanken

kreisten nach wie vor nur darum Jiy die Wahrheit beizubringen. Irgendwie….
Götter, was würde er darum geben, wenn die Dinge weniger kompliziert liegen würden, dachte er nicht zum ersten Mal. Wie einfach wäre es sich im Tanz und den edelsteingrünen Augen zu verlieren. Aber das waren dumme Träume… und Träume starben spätestens im Sonnenlicht. Wenn es keine Schatten mehr gab, in denen man sich verstecken konnte. Besser er trat freiwillig ins Licht.
,,Kann ich dir etwas anvertrauen?“ , fragte er. Jiy kam kurz aus dem Gleichgewicht.
,, Kellvian… ?“ Sie musste wohl an

seiner Stimme gehört haben, dass etwas nicht stimmte. Und doch lag kein Misstrauen in ihren Augen, sondern Sorge. ,, Was ist los ?“
Er seufzte schwer. ,, Bitte nicht hier.“ Sie traten aus der kleinen Gruppe der Tänzer heraus. Jemand klopfte Kell tatsächlich auf die Schulter. Er drehte kurz den Kopf und erkannte den Klavierspieler wieder. Quinn, wenn er sich nicht irrte. Doch so schnell wie der Mann aufgetaucht war, verschwand er auch wieder in der Menge. Rasch trat Kellvian zwischen einer Gruppe Adeliger hindurch, die sich leise Unterhielten. Jiy folgte ihm unsicher, während er sich einen Weg aus dem Saal und zurück in

den mittlerweile fast verlassenen Eingangsbereich suchte. Nur eine Gruppe in blaue Roben gekleideter Scholaren stand herum. Offenbar hielten sich die meisten Mitglieder der Universität von den großen Feierlichkeiten fern. Das war weit genug. Kellvian blieb stehen.
,, Kell… irgendetwas stimmt doch nicht. Oder ?“
Er nickte. ,, Ich fürchte… ich kann einige Dinge nicht für mich behalten. Nicht wenn…“ Kellvian hielt inne. Das war schon falsch. ,, Wirst du mich einfach anhören ?“
,, Warum sollte ich das nicht tun ? Kellvian, warum sollte ich das nicht?“
,, Kannst du mir bitte einfach Antworten

? Wirst du mir erst zuhören, bevor… Götter ich könnte es verstehen.“ Eine Kälte schien von ihm Besitz ergriffen zu haben und nicht nur seine Worte sondern auch seine Bewegungen zu verlangsamen. Er ließ Jiys Hand los. Das war Angst.
Sie nickte.,, Hör einfach auf mir Angst zu machen. Das tust du nämlich grade.“
,,Jiy.  Mein voller  Name lautet…“
,, Kellvian Belfare ?“ Kellvian erstarrte beim Klang der dritten Stimme. Danja. Die Götter mögen diese Frau verdammen…. Der Gedanke tat ihm sofort leid. Aber jetzt… ,, Wusste ich doch, das ich euch eben gesehen habe. Und ich frage mich noch, was Markus jetzt noch mit euch zu besprechen hatte.“

Die Magisterin plapperte fröhlich weiter,  während sie auf sie zukam. Offenbar hatte sie bisher bei den übrigen Scholaren in der Halle gestanden. Wenn er sie doch gesehen hätte… ,,Es sollte ihm ja eigentlich reichen das er mit euch den Sohn des Kaisers… Oh…“ Danja erstarrte, als sie näherkam.
Jiys Gesicht war eine unleserliche Maske geworden. All die kleinen Puzzleteile fielen an ihren Platz. Die Ungereimtheiten und Fragen ergaben plötzlich Sinn. Er schien ihre Gedanken fast spüren können.
,,Warum ?“ Die Gejarn trat ein paar Schritte zurück.
,,  Wie hätte ich es dir sagen können.

Ich…“
Sie ignorierte seine fast geflüsterten Worte.
,, Warum jetzt ? Warum hier ? Ich…“ Sie stockte. ,, Verdammt nochmal !“ Die Gejarn holte mit der Hand aus. Er machte keinen Versuch sie aufzuhalten. Der brennende Schmerz kam trotzdem unerwartet, als ihn ihre Handfläche ins Gesicht traf. Die Krallen hinterließen blutige Spuren in seiner Haut. ,, Hast du auch nur die geringste Ahnung, was du… was du mir antust ? Hast du eine Minute darüber nachgedacht? Oder hattest du nur um dich selbst Angst?“
Kellvian fand sich unfähig zu antworten. Ein Kloß schien in seinem Hals zu sitzen

und ihm am Sprechen zu hindern.
,, Großartig…. Einfach Großartig.“ Sie ging langsam rückwärts. ,, War ich so Blind ?“
,, Warte…“ Er machte einen Schritt auf sie zu.
,, Bleib verflucht noch einmal wo du bist Kellvian. Ich weiß nicht was ich tun werde, wenn du mir folgst.“ Sie drehte sich in einer eleganten Bewegung um und rannte los.
,, Jiy, lass es mich wenigstens erklären.“ Kellvian zögerte nicht lange, sondern folgte ihr.
Danja sah ihnen verwirrt hinterher, als die beiden Gestalten in der Nacht

verschwanden.
,, Was hab ich gemacht ?“



Kapitel 43 Ein Tanz mit dem Tod


Kellvian hatte wenig Hoffnung sie einzuholen. Die flinke Gejarn kannte sich in den Straßen vielleicht nicht aus, aber sie war schnell. Die dunklen Straßen waren auch um diese späte Zeit noch voller Leben und er musste aufpassen, nicht in jemanden hineinzulaufen oder über Betrunkene zu stolpern, die einfach auf den Straßen eingeschlafen waren. Das war ein Festabend für Vara, aber nicht für ihn. Nicht mehr. In seinem Kopf herrschte Leere, die ihm nicht erlaubte einen klaren Gedanken zu

fassen. ,,Bitte, hör mir nur einen Moment zu.“ Seine Worte blieben unerwidert und er hatte Mühe überhaupt noch mit der Gestalt Schritt zu halten. Kellvian sah, wie Jiy Gestalt um eine Ecke verschwand. Aber war sie nicht ein klein wenig langsamer geworden? Er rannte das letzte Stück bis zur Abzweigung und blieb dann stehen. Vor ihm lag eine dunkle Gasse, deren Ende er nicht sehen konnte. Die Fenster der Häuser hier waren alle dunkel und selbst das Sternenlicht fand kaum seinen Weg bis auf das Pflaster hinunter. Blut tropfte von den nur oberflächlichen Schnittwunden in seinem

Gesicht. ,,Jiy?“ Sie war weg, sagte er sich selbst. Irgendwo in den Straßen verschwunden. Trotzdem ging Kellvian weiter. Verflucht, das konnte so nicht enden… Und alles nur, weil er zu lange gewartet hatte. Einen ganzen Augenblick zu lang. Wenn er die Gelegenheit gehabt hätte sich zu erklären… ,,Du warst nicht nur einfach dort oder ?“ Die Stimme kam von irgendwo vor ihm und auch wenn er ihren Ursprung nicht sehen konnte, ihm fiel ein Stein vom Herzen. Kellvian war klar, was sie meinte. ,,Nein. Ich war ihr Anführer. Eine Bewährungsprobe… für den Sohn des

Kaisers.“ Er war nicht freiwillig dort gewesen. Aber verflucht, er hatte auch nicht protestiert. Ein Wort und er hätte das ganze verhindern können. Aber die Erkenntnis war zu spät gekommen. ,,Eine schöne Probe unbewaffnete Bauern abzuschlachten Kellvian. Das waren meine Familie, Freunde, Bekannte… und du wusstest es die ganze Zeit. Zu denken, dass ich einem Mörder vertraut habe… das ich… “ ,,Ich kann nichts tun als um Verzeihung zu bitten. Und dich bitten mir zuzuhören.“ ,,Warum ?“ , fragte Jiy bitter. ,,Kannst du mir einen, nur einen guten Grund nennen Kellvian Belfare

? ,,Es gibt… Ich möchte das du weißt…“ Er stockte. ,,Nein. Nichts was ich sagen könnte würde etwas ändern oder?“ ,,Immer noch ein Feigling Kell.“ Jiy trat ins spärliche Licht. Ihre grünen Augen zeigten keine Spur von Freundlichkeit mehr, nur kalte Wut und Unverständnis. ,,Bist du davor weggelaufen ? Vor dir selbst ? Denn ich wüsste nicht, wie du es auch nur mit dir selbst aushalten würdest. Deine Freundlichkeit… ist das alles nur Angst? Dann bist du nicht einmal ein Mörder Kell. Nicht einmal das bekommst du richtig hin. Du bist etwas viel schlimmeres. Ein verdammter Feigling. Sag es wenigstens jetzt, nicht

das es etwas ändern würde.“ ,,Ich habe nichts… nichts was ich sagen könnte.“ Sie quittierte seine Worte nur mit einem Nicken. ,,Ich muss dir auf eine Art danken. Meine Augen sind wieder offen.“ Sie drehte sich um. ,,Leb wohl… Kellvian und hoffe dass wir uns nie wiedersehen.“ Jiy lief nicht wieder davon. Sie ging einfach. Ruhig und ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen verschwand sie in den Schatten. Er folgte ihr nicht. Es war vorbei, dachte Kellvian. Er hatte sie verloren und es war die Bitterkeit in ihrer Stimme gewesen, die ihn daran keinen Zweifel

mehr gelassen hatte. Er hatte sie verloren… Jiy war fort. Und es war allein seine Schuld. Seine Feigheit. Seine Unfähigkeit… Alles weil ihm die Worte fehlten… Götter, was für ein Scherz des Schicksals sollte das sein? Kellvian wusste nicht, wie lange er einfach dastand und ins nichts starrte. Die Nacht war warm, aber er selbst fühlte sie wie erfroren. Wie vor Jahren, als er einmal in das Eis eines zugefrorenen Parkteiches eingebrochen war. Er wäre fast ertrunken. Nur das in der fliegenden Stadt Hilfe freilich nie weit weg gewesen waren, die ihm ein Rettungsseil zuwarfen. Heute aber hatte

er das Seil verfehlt. Und er konnte Jiy verstehen. Wie musste sie sich fühlen? Verraten und Betrogen. Nur zwei Wochen waren seit ihrem ersten treffen vergangen. Wie viele Gelegenheiten hätte er gehabt, wie viele Möglichkeiten… Irgendwann machte er sich dann doch langsam auf den Rückweg. Ihm war nicht danach, die Hallen der Universität noch einmal zu betreten. Aber einfach verschwinden, so gerne er das tun würde, es wäre… feige. War er das? Auf seine Art ja. Er würde Markus suchen und dann… was? Gehen. Wohin auch immer. Zurück in die fliegende Stadt

vermutlich… Das konnte nicht das Ende sein. Mit hängendem Kopf suchte er sich einen Weg durch die erleuchteten Straßen. Das bunte Treiben hatte für ihn jeden Reiz verloren und die Stufen hinauf zur Universität schienen ihm endlos. Als er auf dem kleinen Brunnenplatz vor den Toren ankam blieb er wieder stehen. Der Eingangsbereich war jetzt vollkommen verlassen und der Lichtzauber mit dem der künstliche Bach belegt worden war verblasste langsam. Einige Steinbänke standen um den Platz verteilt und Kellvian ließ sich auf einer davon nieder. Du verfluchter Idiot, dachte er. Warum hatte er so lange gezögert? Im

Schatten sitzend bemerkte er nur aus den Augenwinkeln, wie eine Gestalt auf den Platz hinaus trat. Es war Markus. Das würde ihm noch fehlen, das der Patrizier ihn so sah. Der Mann schien ihn jedoch auf seinem Platz in der Dunkelheit Licht zu bemerken und ging an ihm vorbei. Stattdessen schlug der Patrizier einen Pfad ein, der zwischen den Gärten entlangführte, welche die Universität umgaben. Kellvian sah ihm nur kurz nach. Vermutlich hatte Markus auch genug von den Feierlichkeiten und brauchte frische Luft. Immerhin würde ihm das ersparen, noch einmal die Hallen zu betreten. Und was aus Melchior und

dem Mann aus Laos wurde… Der Seher kam wohl klar und Zyle war doch ohnehin am Ziel. Kellvian fühlte sich träge, als er sich aufsetzte. Was er an Motivation gehabt hatte… das schien in wenigen Augenblicken zu Asche zerfallen zu sein. Grade wollte er dem Patrizier folgen, als eine weitere Person die Universitätshallen verließ. Zyle… Kellvian überlegte kurz ob er den Gejarn anhalten sollte. Aber im Augenblick war er nicht dazu aufgelegt mit irgendjemanden zu reden. Und er zweifelte daran, dass sich das so bald ändern

würde… So blieb Kell wo er war und wie schon der Patrizier bemerkte Zyle ihn schlicht nicht. Der Gejarn schlug den gleichen weg ein, den vor wenigen Momenten Markus genommen hatte. Das war seltsam. Seltsam genug um ein wenig die Betäubung von Kellvians Geist zu heben. Grade genug, das er neugierig wurde. Was war denn da los ? Zyle folgte Markus Cynric in sicherem Abstand durch die nur von den Lichtern der Universität erhellten Gärten. Zwischen Büschen und Kräuterbeeten

zog sich ein ausgetretener Pfad aus grob behauenen Steinen. Der Schwertmeister duckte sich immer wieder hinter einzelnen Hecken um auf keinen Fall entdeckt zu werden. Doch der Patrizier schien nicht wirklich damit zu rechnen, das ihm jemand folgte oder sich auch nur bedroht zu fühlen. Und warum auch. Das hier war immerhin seine Stadt wie es aussah. Zyle legte eine Hand an den Schwertgriff. Das Mondlicht schien hell in die ungeschützten Beete und das glitzern des Stahls würde ihn noch verraten, wenn er nicht vorsichtig war. Ein Blick zum Himmel zeigte ihm, dass er nicht damit rechnen konnte, das sich das änderte. Eine mondlose Nacht wäre

besser gewesen, aber Zyle konnte schlecht noch einen Monat warten. Rasch tauchte er wieder aus seinem Versteck auf und folgte der gedrungenen Gestalt. Er könnte es jetzt zu Ende bringen, aber er wollte auf Nummer sicher gehen. Er würde warten. Es konnte nur noch eine Frage von Minuten sein, so oder so. Markus hielt auf einen kleinen Hain mit Bäumen zu und blieb dazwischen stehen. Was war das für ein Ort, das es den Patrizier ausgerechnet hierher zog? Und um diese Zeit ? Zyle sagte sich wieder, das ihn das nicht zu interessieren hatte. Er sollte endlich hingehen und es beenden. Im Umkreis von hunderten von Metern gab es keine

andere Person. Der Herr von Vara wäre tot und er lange fort, bevor es jemand merken würde. Entgegen seiner eigenen Versuche sich vom Gegenteil zu überzeugen, riskierte der Gejarn es schließlich doch und schlich sic ein Stück näher. Zwischen den Bäumen befand sich eine einzelne Marmorplatte, die in den Boden eingelassen war. Ein rotes Windlicht flackerte in einer leichten Brise und warf weinfarbene Schatten auf den Stein. Zyle Verstand langsam, wo er sich befand. Das war ein grab. Der Patrizier hatte sich, mit einer Hand auf seinen Stock stützend, übe die Platte gebeugt und fegte mit der Hand Laub und Schmutz

beiseite. ,,Ihr könnt rauskommen. Ich weiß das ihr da seid.“ , sagte er leise, aber deutlich genug, das Zyle ihn verstehen konnte. Er war ertappt… Zögerlich trat der Gejarn ins Mondlicht, die Hand nach wie vor auf dem Schwertgriff. Er war kein Meuchelmörder, aus dem Hinterhalt zu töten war schon unehrenhaft genug. Aber Markus war nicht einmal bewaffnet… Langsam nahm er die rechte vom Schwert. ,,Wer… liegt hier ?“ , fragte er und trat auf den Patrizier zu. Dieser hatte die Augen nicht von dem Marmorstein genommen und sah erst jetzt auf. Markus

nickte, beinahe Verständnisvoll wie es aussah. Als ob er wüsste, weshalb Zyle hier war… ,,Silvia Belfare.“ ,,Wer ?“ Der Familienname klang vertraut, es dauerte aber einen Moment, bis er die Verbindung herstellte. ,,Eine Verwandte eures Kaisers ?“ ,,Ihr reißt mit Kellvian. Sagt mir, hat er euch je gesagt, wer er ist? Ich weiß, dass er es Jiy nicht verraten hat. Aber er kann doch nicht so dumm sein…“ Worauf sollte das jetzt hinauslaufen? Verdammt, bring es einfach hinter dich, sagte er sich selbst. ,,Sie war Kellvians Mutter.“ ,,Wie bitte ? Wollt ihr mir etwa sagen,

Kellvian sei…“ ,,Er ist der Sohn des Kaisers ja.“ Markus erhob sich wieder, wirkte aber neben Zyle immer noch fast zwergenhaft. ,,Das erklärt allerdings so einiges…“ , flüsterte Zyle. ,,Aber sollte sie dann nicht in eurer fliegenden Stadt liegen?“ , wollte er gleich darauf wissen. ,,Sie ist in Vara geboren. Und ich… sagen wir einfach ich kannte sie lange vor dem Kaiser.“ Die nächsten Worte des Patriziers klangen bitter und traurig. ,,Sie war eine Magiern, und eine mächtige noch dazu, aber das alles hat sie aufgegeben… für einen Mann, der sie bestenfalls ein wenig geliebt hat. Und schlimmstenfalls nur daran interessiert

war seine Linie fortzuführen.“ ,,Ihr…“ ,,Ich konnte mir nie sichern sein, das Kellvian… das er wirklich der Sohn des Kaiser ist. Ich meine zwar man sieht es ihm an, aber, die Möglichkeit bestand. Und trotzdem habe ich immer so gut wie möglich ein Auge auf ihn gehabt Bei den wenigen Gelegenheiten wo mir das möglich war.“ Warum erzählte dieser Mann ihm das? Weil er fürchtete gleich zu sterben? Es könnte ihn nicht weniger kümmern. Oder etwa doch ? ,,Weiß er davon?“ Es war genug. Zyle zog das Schwert. Das Mondlicht verlieh der Klinge die Farbe von ausgebleichten

Knochen. ,,Nein. Und er wird es wohl auch nicht mehr erfahren wie?“ ,,Ich fürchte nicht.“ Zyle hob das Schwert. Er war kein Meuchelmörder und dieser Mann verdiente den Tod nicht. Er hatte eine Wahl… aber das hieße seine eine Chance auf Rückkehr zu vernichten. Und es hieße: Die Archonten konnten sich irren. Stand sein Urteil über dem ihren? Zyle packte den Schwertgriff fester. Laos…. Hoffentlich tat er das richtige. Einen Augenblick schwebte die Klinge hoch über seinem Kopf. Der Patrizier machte nicht einmal den Versuch sich zu verteidigen.

Dann fuhr der Stahl herab. Zyle konnte die Luft um die Klinge pfeifen hören, als das Schwert knapp an dem Patrizier vorbeijagte und sich in den Erdboden bohrte. Zum Teufel mit den Archonten. Würde er jetzt zuschlagen, würde er nie wieder Frieden finden. Markus blinzelte offenbar überrascht, unverletzt zu sein. Zyle zog das Breitschwert mit einem Ruck aus der Erde. ,, Ich hoffe… ich werde das nicht bereuen.“ Er richtete die Klinge erneut auf den Patrizier. ,, Es sieht so aus, als hätte ich noch ein paar Prinzipien, die über dem Wort der Archonten stehen.“ Bevor Markus jedoch dazu kam etwas zu

erwidern legte sich kalter Stahl an seinen Hals. ,, Waffe weg.“ , sagte Kellvian Belfare. Er wäre beinahe zu spät gekommen, wie es aussah. Kellvian hatte Mühe gehabt, dem Gejarn in der Dunkelheit zu folgen und hatte erst jetzt den Patrizier und Zyle wiedergefunden. In genau dem Moment, wo dieser ein Schwert auf Markus richtete…

Kapitel 44 Mehr Probleme


,,Ich hatte mich grade entschieden ihn nicht zu töten.“ Zyle versuchte abzuschätzen, wo der Mensch stand. Die Degenklinge an seinem Hals machte sich unangenehm bemerkbar, trotzdem blieb er ganz ruhig. Er hatte eine Chance. Kellvian war kein geübter Kämpfer. Der Gejarn sah rasch zu dem Patrizier herüber, der nicht den Anschein machte, als wollte er einschreiten. Verdammt, worauf wartete der Mann? Ein Wort und er könnte das ganze als Missverständnis aufklären… ,,Natürlich. Und das soll ich euch

einfach glauben?“ ,,Ihr solltet vor allem kein Schwert in die Hand nehmen, wenn ihr nicht richtig damit umgehen könnt.“ Zyle war schnell. Mit einer Bewegung tauchte er unter der Klinge des Menschen weg und Kellvian reagierte zu langsam um ihn daran zu hindern. Der Degen sauste ihm harmlos durch die Haare. Zyle brachte mit einem Hechtsprung vorwärts so viel Raum wie möglich zwischen sich und Kell, musste aber feststellen, das er den Menschen unterschätzt hatte. Kellvian holte sofort zu einem Stoß auf seine Brust aus. Rasch riss der Gejarn das Schwert hoch und blockte den Hieb grade noch rechtzeitig. Mit hellem Klang trafen die Klingen

aufeinander, aber Kellvian ließ sich nicht auf ein Kraftmessen mit Zyle ein. Er wusste, das er dem Gejarn was rohe Körperkraft anging weit unterlegen wäre. Stattdessen sprang er selber zurück und ging mit einer ungestümen Folge von Schlägen auf Zyle los. Auch wenn es dem Schwertmeister leicht fiel, jeden einzelnen Angriff zu parieren, für jemanden aus Canton, wo man sich mehr auf die tödliche Effizienz von Musketen verließ, schlug er sich ganz passabel. Und es gelang dem Gejarn anfangs nicht, eine Lücke in der Verteidigung seines ungewollten Gegners zu finden. Zyle zögerte noch zurückzuschlagen, sondern wehrte lediglich weiter Kellvians Hiebe

ab. Langsam durchschaute er ihn. Jedes malt, wenn der Mensch ausholte ließ er dabei seine linke Seite ungeschützt. Ein kleiner Fehler nur, aber er würde Zyle reichen. Der Gejarn ließ den nächsten Hieb Kellvians ins leere laufen und schlug dann mit der flachen Seite seines Schwerts zu, so fest er konnte. Die stumpfe Schwertseite traf Kellvian in die Nieren. Der Mann klappte halb zusammen und ließ den Degen fallen. Zyle wollte sofort nachsetzen. Ihm lag nichts daran, Kell zu töten, deshalb benutzte er erneut die flache Schwertseite und wollte seinen Gegner nun endgültig ausschalten. Ein Hieb gegen de Kopf sollte reichen, dann

könnte er erklären… Zyles klinge traf ins nichts. Kellvian hatte sich schneller von dem Hieb erholt, als der Schwertmeister erwartet hatte und war beiseite gesprungen. Statt des Degens hielt er nun eine Steinschlosspistole in der Hand, die er auf den Kopf des Gejarn richtete. Es wurde still in dem kleinen Hain. Kellvians Hand zitterte leicht, aber der Finger des Menschen lag direkt am Abzug. Zyle hatte keine Chance mehr. Einer Kugel ausweichen konnte er auf die kurze Entfernung ganz sicher nicht. Das könnte niemand. Und der Schild befand sich, wieder einmal, auf seinem Rücken wo er ihm nichts nützte. Laos, er sollte

sich angewöhnen, das runde Stück Metall nicht mehr aus der Hand zu legen. ,,Ihr kämpft wie ein Feigling“ , sagte er. ,,Die ist nicht mal geladen. Ihr hattet gar keine Zeit dafür.“ Er hoffte inständig, damit recht zu behalten. ,,Sicher das ihr das herausfinden wollt ?“ , erwiderte Kellvian angespannt. ,,Waffe fallenlassen.“ ,,Wenn ihr die Güte hättet vorher euren Patrizier zu fragen ob ich ihn wirklich töten wollte…“ ,,Markus ?“ Kellvian drehte den Kopf in Richtung des Herrn von Vara. Dieser stand nach wie vor in der nähe der Marmorplatte, war während des kurzen Kampfes aber ein paar Schritte zurück

gewichen. Bevor der Patrizier etwas sagen konnte, unterbrach die Stimme einer vierten Person sie. ,,Seit ihr den allesamt Wahnsinnig geworden ?“ Wie auch immer Melchior sie gefunden hatte, Zyle war das erste mal erleichtert, den Mann zu sehen. Der Seher schien einfach aus der Dunkelheit aufzutauchen, in der sein blau-schwarzer Mantel ihn zuvor noch Verborgen hatte. Er sah sichtlich ungehalten zwischen den Anwesenden hin und her. Kellvian drehte den Kopf in Richtung des Neuankömmlings. ,,Er hat versucht Markus zu töten.“ ,,Das hat er nicht. Oder zumindest glaube ich das nicht.“ , mischte sich der

Patrizier ein. ,,Kellvian…“ Ihm schien jetzt erst aufzufallen, in welchem Zustand Kell war. Blut sickerte langsam aber beständig aus mehreren Schnittwunden auf seiner Wange und seine Augen… Er schien gar nicht richtig da zu sein, dachte Zyle. Der ganze Mann hatte etwas Unberechenbares an sich. Der Gejarn seufzte,,Hey, kümmert euch nicht um mich. Er kann mich nur jeden Moment erschießen, aber schön, diskutiert das aus…“ Kellvian zögerte einen Augenblick, dann nahm er die Waffe runter. ,,Also schön. Aber ich glaube ihr schuldet uns allen eine Erklärung.“ Zyle richtete sich schwerfällig auf. ,,Die

bekommt ihr.“ , sagte er. Er müsste sich nur erst überlegen, wie er so glimpflich wie möglich aus de Geschichte raus kam. Aber auf eine Art fühlte er sich, als wäre ihm bereits jetzt eine schwere Last von den Schultern genommen worden. Er hatte getan, was ihm richtig erschien. Auch wenn das bedeutete, das er sich in Helike besser nicht mehr so schnell sehen ließ. Irgendwie würden die Archonten nachprüfen können, ob der Patrizier noch lebte, da war er sich sicher. Melchior sah sich nach wie vor in der Runde um, als suche er etwas. ,,Wo ist Jiy ?“ ,,Nicht mehr hier…“ Kellvians Blick

bekam etwas Trauriges. Zyle war bisher gar nicht aufgefallen, das die Gejarn fehlte. Was natürlich auch daran liegen konnte, das seine ganze Aufmerksamkeit der Waffe an seiner Schläfe gegolten hatte. ,,Was soll das heißen, nicht mehr hier ?“ , wollte er wissen. ,,Das ich der größte Narr aller Zeiten bin. Ich habe ihr die Wahrheit gesagt.“ Zyle sah ihn ungläubig an. ,, Ihr seit also wirklich der Sohn des Kaisers ?“ ,, Habt ihr ihm das verraten Markus ?“ ,,Es ist nicht so, das ihr euch zu viel Mühe gegeben hättet, eure Identität zu verbergen.“ , erwiderte der Patrizier und zuckte mit den

Achseln. ,, Verdammt Kell.“ Melchior schien aufgebracht. ,, Ich habe euch gewarnt, aber auf mich hört ja niemand. Vielleicht versteht ihr das, die Zukunft ist nicht festgeschrieben, aber die Chancen stehen grade sehr gut, das ihr sterben werden, solltet ihr Jiy noch einmal begegnen. Und das werdet ihr.“ ,,Danke, das ist genau das was ich jetzt hören wollte.“ , erwiderte Kellvian bitter. Zyle mischte sich ein und zu seiner eigenen Verwunderung verteidigte er den Menschen sogar. ,, Wenn ihr das so genau wusstet… Seher, Wieso bitte habt ihr es dann nicht verhindert?“

Vielleicht machte ihm auch nur der Gedanke zu schaffen, dass der Mann, den er für sich selbst als lediglich irre abgestempelt hatte, wirklich die Zukunft kennen konnte. Was auch immer das für ihn selbst bedeuten würde… Melchior antwortete nicht, doch über die langsam einsetzende Stille schob sich ein neues Geräusch. Aufgeregte Rufe, laut genug, dass der schwache Abendwind sie bis in die Gären um die Universität trug. Was ging hier vor sich… Zyle spähte zwischen den Bäumen und Hecken hinauf zu den hell erleuchteten Bauten, welche Varas Universität darstellten. Vermutlich war das Fest dort

noch in vollem Gange, aber… die Schreie schienen tatsächlich von dort zu kommen. Ohne Vorwarnung konnte Zyle spüren, wie seine Füße zu kribbeln begannen. Gleichzeitig machte sich der plötzliche, schon beinahe vertraute, Abfall es Luftdrucks bemerkbar, der jede Zauber zu begleiten schien. Im nächsten Moment implodierte eines der großen Fenster der Universitätshallen. Eine Feuerwolke brach sich bahn ins freie und hüllte einen der Bäume ein, die um die Gebäude herum standen. Glut und Funken stoben auf, als die Blätter in einem einzigen Augenblick zu Asche wurden. Markus sah nicht lange hin, sondern

rannte erstaunlich schnell los, so das ihnen nur die Wahl blieb ihm zu Folgen oder den Patrizier allein mit dem zu lassen, was vor sich ging. Zyle seufzte. Das war nicht sein Kampf. Aber gleichzeitig schien er es geworden zu sein. Er hatte den Herrn von Vara verschont, da würde er jetzt nicht zulassen, dass ihn irgendjemand anders erledigte. Auch Kellvian schien sich aus seiner Erstarrung befreit zu haben, wenngleich sein Blick immer noch ins nichts zu gehen schien. ,, Schnell, sehen wir nach was los ist.“ Die Schreie wurden noch einmal lauter, als sie sich dem Gebäude näherten. Und

nun mischte sich auch der vereitelte Klang von Gewehrfeuer darunter. Zyle hielt sich knapp hinter dem Patrizier, als sie auf den Platz vor den Universitätstüren ankamen. Markus hatte derweil seinen Stab weggeworfen und aus dem Griff eine etwa Armlange Klinge zutage gefördert. An den Toren standen weder Adelige noch die Wachen des Patriziers. Stattdessen warteten fünf in dunkle, gleichförmige Kleidung gewandete Männer auf sie. Zyle erkannte die Kleidung wieder. Sie war fast identisch mit der der Männer, die sie an der alten Festung attackiert hatten. Drei der Fremden trugen schlanke Schwerter und zwei, die sich hinter den

anderen Versteckten, schwere Luntengewehre, die sie auf die offenbar unerwarteten Neuankömmlinge richteten. ,, Wer da ?“ ,, Mich würde mehr interessieren, wer ihr seit.“ , knurrte Markus .,, Soweit ich weiß steht ihr Kerle nicht auf meiner Gästeliste. Und wenn ich eines Hasse, dann sind es ungebetene Gäste mit schlechten Manieren. “ Einer der Männer zögerte nicht lange, sondern ging mit dem Rapier auf den Herrn von Vara los. Dieser sprang jedoch geschickt zurück und stieß dem Angreifer die Klinge in die Brust. Der dunkelgewandete Mann zuckte zusammen, als ihn das Schwert

durchbohrte und Markus gab der Gestalt einen tritt, die sie zurück in die Reihen ihrer Gefährten schleuderte, wo der Fremde Kämpfer zusammenbrach. Jetzt ging auch der Rest auf sie los. Kellvians Kopf war mittlerweile das reinste Chaos. Er spürte, wie eine Kugel knapp an seinem Gesicht vorbeizischte, während die anderen sich den schwarzgewandeten Fremden entgegenstellten. Er selber fand sich kaum in der Lage, die Hiebe seines Gegners abzuwehren. Während des kurzen Kampfes gegen Zyle hatte ihn die Wut getrieben, aber jetzt… jetzt hatte er

nur noch den Wunsch, das das alles endlich vorbei war. Zu seiner rechten machte einer ihrer Gegner den Fehler, Melchior anzugreifen, der lediglich ruhig dastand. Die Klinge des Mannes hing einen Moment einfach in der Luft, dann wurde er von einer unsichtbaren Macht zurückgeschleudert. Zyle hatte bei seinem ungewollten Aufeinandertreffen mit Melchiors Schildartefakt wohl großes Glück gehabt, wie Kellvian jetzt sehen konnte. Die magische Energie riss den Angreifer nicht nur von den Füßen, sondern schleuderte ihn auch hoch in die Luft, bis er mit knochenbrechender Gewalt auf dem Brunnenplatz aufschlug. Der reglose

Körper schlitterte noch ein paar Schritte weit, bis er endlich liegen blieb. Zyle seinerseits verteidigte sich gegen zwei Gegner gleichzeitig, denen es langsam gelang, ihn zurückzudrängen. Und hinter ihm legte der zweite der Schützen grade auf den Gejarn an. ,, Kopf runter.“ Kellvian fürchtete schon, das seine Warnung zu spät kommen könnte, als Zyle sich blitzschnell herumwarf und einen seiner Gegner damit genau in die Schussbahn manövrierte. Zu schnell, als das der Schütze seinen Fehler noch bemerkte. Ein laute Knall und er stechende Geruch von verbranntem Schwarzpulver füllten einen Moment die Luft, dann klappte

einer von Zyles Gegner mit einem sich ausbreitenden roten Fleck auf der Brust zusammen. ,, Vorsicht.“ , rief der Gejarn nun seinerseits und Kellvian konnte grade noch einem Angriff seines eigenen Gegners auswichen. Doch das gab ihm auch genau die Chance die er brauchte. Mit einem Hieb aufwärts unterlief er die Verteidigung seines Gegners und rammte ihm die Klinge in die Schulter. Der Fremde schrie auf. Im nächsten Moment riss Kellvian die Klinge auch schon zurück und beendete sein Leben. Es machte keinen Unterschied mehr. Alles machte keinen unterschied mehr, wie es aussah.

Aus den Augenwinkeln sah er, dass Markus ebenfalls einen der Männer in Schwarz niedergerungen hatte. Es war der Schütze von eben. Damit waren vier ihrer Gegner gefallen. Der letzte Angreifer jedoch , der sich immer noch in einem erbitterten Schlagabtausch mit Zyle befand, hob nun die Hand. Ein goldener Ring mit einem Rubin glänzte daran. Der Gejarn ahnte, was kommen musste und riss den Schild hoch um sich zu schützen. Der Edelstein an der Hand des Fremden glühte auf und offenbarte damit seine wahre Natur. Einen unendlich langen Augenblick baute sich die Energie des Artefakts auf, dann schoss eine

Flammensäule aus dem Juwel und hüllte Zyle ein. Der Gejarn aus Laos stolperte zurück, während sich das Metall des Schilds glühend rot verfärbte. Kellvian konnte die Hitze des magischen Feuers selbst auf die Entfernung noch deutlich spüren. Im nächsten Moment riss der Zauber ab, als Melchior hinter dem Angreifer auftauchte und ihm mit dem Stab einen Schlag gegen de Schläfen versetzte. Stark genug, das sie alle das Geräusch aufeinander reibender Knochen hören konnten. Zyle ließ den Schild fallen, der auf dem Boden zerfloss, wie Wasser. Die Haare im Gesicht und an den Armen des Gejarn waren dunkel versengt, trotzdem lachte

er plötzlich. ,, Das… war endlich einmal eine Herausforderung. Aber ich bin froh, wenn es die einzige bleibt.“ Einige Schritte entfernt zog Markus seine Klinge aus dem Körper eines der Gefallenen. ,,Ich glaube das waren alle hier.“ , erklärte er. Kellvian ließ scher atmend die Waffe sinken. ,, Ich hoffe es. Sehen wir nach, was los ist.“ ,, Kell, wartet. Wir kennen diese Kerle.“ Er nickte. ,, Ich weiß Ich erkenne die Kleidung auch wieder. Los. Es wird nicht besser, wenn wir hier herumstehen.“

Kapitel 45 Das Ende des PAtriziers


Als Kellvian hinter Markus in die große Festhalle stürzte, brauchte er einen Moment um das heillose Chaos zu überblicken. Eines der Fenster lag in Scherben über den gesamten Boden verteilt. Flammenzungen leckten an Vorhängen und Wandteppichen, während einzelne glühende Trümmerstücke sich zu den Glassplittern auf den gesprungenen Fliesen gesellten. Er musste an die Feuersäule denken, die sie im Garten aufgeschreckt hatte. Überall in der Luft um ihn herum konnte er deutlich das leichte Kribbeln von

Restmagie spüren. Das war kein Sprengsatz oder etwas Ähnliches gewesen. Die meisten Adeligen hatten sich in einer Ecke des Raums zusammengedrängt. Wohin Kellvian auch sah, er entdeckte nur Verängstigte Gesichter. Der Angriff musste völlig überraschend gekommen sein, auch für diejenigen, welche sich zu dem Zeitpunkt in der Halle befunden hatten. Einige von Markus Gardisten hatten sich ebenfalls gesammelt bei den Adeligen und einen kleinen Schutzring aus Stahl um diese gebildete. Manche der goldgewandeten Männer und Frauen hatten auch selber zu Kurzschwertern oder Dolchen gegriffen. Aber selbst Kell

erkannte, das die meisten zitterten. Unter denjenigen, die sich bewaffnet hatten meinte er auch kurz Danja zu sehen. So tief sein Groll gegen die Frau sein könnte… Nein sie traf doch keine Schuld. Nur ihn.. Kellvian zwang sich die Betäubenden Gedanken so weit wie möglich zum verstummen zu bringen. Sein Kopf schien platzen zu wollen. Es geschah einfach zu viel in zu kurzer Zeit… Aber er musste sich konzentrieren, wenn er nicht wie das halbe dutzend Gestalten enden wollte, die bereits leblos auf dem Boden des Saals zusammengesunken waren. Wenn er hier starb… dann konnte er

nichts mehr richtig stellen. Dann würde Jiy für alle Ewigkeit in dem Glauben leben er… hätte sie getäuscht. Und das hatte er doch. Aber sie musste den Grund verstehen, selbst wenn es ihm noch so schwer fiel. Die Garde Varas lieferte sich derweil einen Schlagabtausch mit mindestens zwei dutzend dunkel gekleideten Gestalten. Ein Hoffnungsloses Unterfangen. Ihre Gegner besaßen magische Ausrüstung, wie Kellvian bereits festgestellt hatte und sie machten auch ohne Zurückhaltung davon gebrauch. Eine der Gardisten, welcher de typischen Harnisch mit dem Sternenwappen Varas

trug , versuchte aus der Falle auszubrechen, welche die Angreifer geschaffen hatten. Eine Muskete in der Hand sprang er vor und legte auf die im am nächsten stehende Gestalt an. Bevor er jedoch dazu kam, hatte sein gegenüber bereits einen kurzen Stab aus dunklem Holz gehoben, in den dunkle Juwelen eingelassen waren. Eine Schockwelle löste sich aus dem Artefakt und riss den Gardisten von den Füßen. Einige der schwarz gekleideten Fremden hatten nun auch von den vier Neuankömmlingen Notiz genommen und gingen ohne Vorwarnung auf sie los. Bevor Kellvian wusste, was geschah befand er sich inmitten einer kleinen Schlacht zwischen

den verstreuten Verteidigern , den wenigen bewaffneten Adeligen, die ihr Leben selber verteidigten und den Unbekannten. Die in die Enge gedrängten Wachen nutzten die plötzliche Ablenkung, um endlich wieder Boden gut zu machen und bald entbrannten in der ganzen Halle Einzelkämpfe und verbissene Duelle. Ab und an flackerte noch ein Zauber auf, ob von den Artefakten der Angreifer erzeugt oder von einigend er Verteidiger war unmöglich zu sagen. Etwas Gutes hatte das ganze zumindest, dachte Kellvian, während er unter einer Klinge wegtauchte, die auf seine Kehle zielte. Wenn sie Artefakte nutzten waren es

zumindest keine Zauberer. Und dich, wenn er sich ein Bild von der Zerstörung machen wollte, welche die magische Munition anrichten konnte, über die ihre Feinde verfügten, musste er nur zu der Stelle in der Wand sehen, wo einst ein Fenster gewesen war. Noch immer glühte das Gestein um die Öffnung. Das waren keine billigen oder illegal erstellten Zauber, wie sie die Männer an der Erdwacht nutzten, das war Magie höchster Güte. Was die Auftraggeber der Fremden auf eine Handvoll selbst nach Adelsmaßstäben extrem Reicher Gestalten eingrenzte… Wenige Schritte von Kellvian entfernt streckte Zyle beinah beiläufig einen der

Shwarzmäntel nieder, der den Fehler gemacht hatte, den Gejarn frontal zu attackieren. Die Klinge wie ein Anfänger hoch über den Kopf gehoben, hatte Zyle ihm lediglich ausweichen müssen und ihm dann das Schwert in den Rücken gerammt. Auch die sich wieder sammelnden Gardisten verbuchten erste Erfolge, jetzt wo sich die Aufmerksamkeit der Angreifer zwischen zwei Fronten aufteilen musste. Weitere dunkel Gekleidete Gestalten blieben reglos auf dem Marmorböden der Halle zurück. ,, Schnappt mir einen dieser Bastarde lebend.“ , rief Markus , der sich durch die Reihen der Angreifer bis zu seinen

Gardisten vorgekämpft hatte. Trotz seiner geringen Statur und der verletzten Hand machten die meisten der verbliebenen Fremden Kämpfer mittlerweile einen Bogen um den Patrizier, wenn sie es denn konnten. Markus sah sich lediglich mit wildem Blick nach neuen Zielen um. In dem Veteranen war wieder etwas erwacht, das sich nur Blutdurst nenne konnte. Diese Fremden kamen in seine Stadt, töteten seine Bürger… Er suchte die Gruppe der Überlebenden nach einem Anführer ab, den er sich vorknöpfen konnte. Langsam aber sicher wendete sich das Blatt in der Festhalle der Universität zugunsten der Wache Varas. Die

Gardisten trieben nun die Schwarzmäntel in die Enge, die sich zu den Treppenstufen zurückzogen, welche zum oberen Stockwerk führten. Selbst Kellvian erkannte den Fehler dabei. Zwar hielt ihnen die Treppe den Rücken frei, aber aus dem zweiten Stock gab es keinen Ausweg. Einmal dort saßen sie in der Falle… Oder ? Markus und die Gardisten drängten das letzte dutzend Angreifer die Stufen hinauf, während Zyle sich nur noch ab und an einmischte. Auf seien Art wirkte der Gejarn von den Kämpfen geradezu gelangweilt. Melchior hingegen hielt sich aus den Konflikten heraus. Vermutlich hatte sich die Energie seines

Bernsteinstabs mittlerweile verbraucht. Am Geländer des oberen Stockwerks erschien plötzlich eine Gestalt. Sie trug ebenfalls dunkle Kleidung, allerdings feiner Geschnitten. Und ein türkisfarbener Mantel mit dem goldenen Blutsemblem des Sanguis-Ordens fiel ihr um die Schultern. Quinn der Klavierspieler grinste düster, als er Kellvian entdeckte. Das seine dunklen Haare nur gefärbt waren, war nun nicht mehr zu übersehen, zu früh ergraute Strähnen schimmerten deutlich erkennbar zwischen dunklen hindurch. Das Selbstschere auftreten verriet mehr über ihn, als es die Spuren, welche die Magie an seinem Körper hinterlassen hatte je

könnten. Dieser Mann war kein simpler Zauberer. Eine blaue Energiekugel formte sich in der Hand des Großmagiers und Kellvian hoffte schon, das er sich um die restlichen Angreifer kümmern würde. Bis ihm auffiel, dass Quinns ausgebrannter Blick direkt auf ihm ruhte… Mit einem bedrohlichen Knistern jagte der Bolzen aus Magie ohne Vorwarnung auf ihn zu. Er konnte den sich plötzlich ändernden Luftdruck spüren, das leichte kribbeln in den Gliedmaßen das der Zauber hervorrief, als sich die Realität dem Willen des Großmagiers beugte… ,, Vorsicht.“ Jemand stieß ihn zur Seite

und er sah nur noch, wie der Energieblitz eine blau gewandete Gestalt traf und mehrere Schritte durch den Raum schleuderte. Kellvian rannte an die Seite seines Retters. Es war Danja, die mit sich rasch trübendem Blick zu ihm aufsah. ,, Ich schätze… so hab ich mir das Ende meines Ruhestands nicht vorgestellt.“ ,, Das wird wieder. Glaubt mir das… dauert nur einen Moment Bleibt einfach wach. Hört ihr mich? Wachbleiben ?“ Kellvian zwang seine rasenden Gedanken zur Ruhe oder versuchte es zumindest. Er brauchte Ruhe für einen Heilzauber. Flüchtig streifte sein Verstand den ruhigen Energiestrom in seinem Inneren,

aber es gelang ihm einfach nicht danach zu greifen. Es war das gleiche Chaos, das während der Schlacht in Lore seinen Geist bestimmt hatte. Furcht, Wut… und nun noch ergänzt durch eine unendliche Trägheit. Er hatte auf voller Linie versagt… ,, Ist schon in Ordnung. Ich hoffe nur das…“ Danja wurde still. Und doch gab Kellvian noch nicht auf. Egal was er versuchte, das Ergebnis war dasselbe. Er fand keinen Zugang zu der Ruhe, die er brauchte. ,, Verdammt… Verdammt.“ Langsam erhob er sich wieder. Auf der Treppe fand nach wie vor ein erbitterter Kleinkrieg zwischen den Gardisten und

den unbekannten Kämpfern statt. Aber so unbekannt waren sie nicht mehr. Er suchte das Geländer des oberen Stockwerks nach dem Großmagier ab. Jetzt wusste er, warum der Mann ihn angesprochen hatte. Um auf Nummer sicher zu gehen, das er es war… Der Gedanke machte ihn wütend. Das alles nur um seiner habhaft zu werden. Warum ? Wozu ? Kellvian packte den Griff des Degens fester, bevor er sich rennend auf den Weg zur Treppe machte, wo nach wie vor Markus, seine Leute und die anderen kämpften. Zyle parierte einen Degen, der auf seine

Schulter gezielt hatte. Im nächsten Moment wirbelte er herum und zerschmetterte dem Angreifer den Schädel, bevor dieser sich wieder fangen konnte. Damit sank ein weiterer Angreifer in sich zusammen. Diese Leute waren gut für die Maßsstäbe Cantons, aber keine wirkliche Gefahr, solange er sie sich einen nach dem anderen vornehmen konnte. Kellvian neben ihm hatte offenbar auch ein wenig seien Zurückhaltung verloren. Stattdessen flackerte kalte Wut in seinen Augen, die ab und an die Farbe zu wechseln schienen. Wenn der Gejarn den Menschen schon einmal wirklich wütend erlebt hatte, so konnte er sich nicht

erinnern. Kellvian wich den Klingen seiner Gegner mit einer fast traumwandlerischen Sicherheit aus und schlug ebenso präzise zurück. Fast hätte Zyle Mitleid mit dem momentanen Gegner des Kaisersohns gehabt. Aber auch nur fast. Der dunkelgekleidete Mann wurde völlig in die Defensive gedrängt, bis er endlich einen Fehler machte und Kellvian ihn das Schwert aus der Hand schlug. Einen Herzschlag lang sah es so aus, als würde er den Mann töten. Zyle konnte die Wiederstrebenden Gedanken fast schon hören. Der seltsame Schwur des Menschen, niemals jemanden zu verletzen, der keine Bedrohung mehr für sein leben darstellte… und die in ihm

erwachte Wut. Bevor jedoch die Entscheidung fiel, unterbrach eine laute Stimme die Kämpfe auf der Treppe. Sowohl Gardisten auch als Schwarzmäntel hoben den Kopf in Richtung des zweiten Stocks, wo eine Gestalt in blauem Mantel zu ihnen herabsah. ,,Sieh mal einer an… Kellvian Belfare höchstpersönlich.“ Der Magier bedachte alle anwesenden mit einem abfälligen Grinsen. Lediglich seine Augen blieben die ganze Zeit auf Kell gerichtet. ,, Ich hatte schon befürchtet, ihr wärt geflohen…“ ,, Nun, wie ihr seht bin ich das nicht. Vielleicht solltet ihr aber besser Zielen

lernen.“ ,, Ganz wie ihr wünscht. Ihr werdet vor eurem Tod noch Gelegenheit haben etwas Respekt vor dem Orden zu entwickeln. “ Der Großmagier riss eine Hand hoch. Ein Erdbeben erschütterte die Treppe und brachte die darauf stehenden Kämpfer, Verbündete wie Gegner ins Schwanken. Die ersten stürzten und fielen sich überschlagend die Stufen hinab. Zumindest bis Melchior mit der Hand, an der sich sein Saphirring befand auf den Magier deutete. Der Edelstein glühte auf, als sich der Lähmzauber unhörbar manifestierte. Aber aber die Wirkung war nicht zu übersehen. Quinn erstarrte wo er war zur Salzsäule und die Treppe

kam erneut zur Ruhe. Sofort begann der Kampf auf beiden Seiten wieder mit unverminderter Härte. ,, Schaltet den Zauberer aus, das hält nicht ewig.“ , rief Melchior, der nach wie vor die Hand auf die Gestalt des Ordensmagiers gerichtet hielt. Allerdings wurde das Glühen des Edelsteins an seiner Hand bereits schwächer. Markus stürzte durch die Reihen der Schwarzmäntel vor. ,, Der Kerl gehört mir.“ Die wenigsten der gegnerischen Kämpfer versuchten noch ihn aufzuhalten. Und die die es taten fielen Zyle zum Opfer, der dem Patrizier sofort nachsetzte. Wenn der Zauberer erst erledigt wäre, war der Kampf so gut wie

vorüber. Aber wenn nicht… Markus streckte im vollen Lauf einen Gegner nieder, der sich ihm in den Weg stellen wolle und erreichte endlich das obere Ende der Treppe, wo der Großmagier immer noch wie erstarrt stand. Er zögerte nicht, sondern setzte mit der Klinge zu einem Schlag an, der auf das Genick des Zauberers zielte. Im gleichen Moment erlosch der Ring des Sehers. Markus Schwert erstarrte in der Luft. Zyle sprang dem Patrizier zur Seite und führte einen Hieb gegen den Schädel deswieder erwachten Zauberers. Nur das auch seine Klinge noch während er Schwung holte im nichts hängen

blieb. Jemand auf der Treppe feuerte eine Muskete in Richtung des Großmagiers ab. Die Entfernung war zu groß und so jagte das Projektil in sicherem Abstand an ihrem Ziel vorbei. ,,Selbst euer unsinniger Tod wird uns noch dienlich sein Patrizier.“ Der Magier holte mit der leeren Hand aus. Eine unsichtbare Kraft packte sowohl den Patrizier als auch Zyle, der sich fühlte, als hätte ihn unvorbereitet die Faust eines Riesen getroffen. Er spürte, wie er den Boden unter den Füßen verlor und durch die Luft wirbelte. Im nächsten Moment kam der Aufprall, als er und Markus am anderen Ende der Halle gegen

eine der Säulen geschleudert wurden. Zyle legte schützend die Hände über den Kopf, als er auf dem Boden aufkam. Seine Sicht war verschwommen und Blut lief ihm aus der Nase und den Mundwinkeln. Der metallische Geschmack der roten Flüssigkeit machte sich in seinem Mund breit und jeder Atemzug verursachte unvorstellbare Schmerzen. Er hatte sich mindestens ein paar Rippen gebrochen, wenn nicht mehr. Und bei den Schmerzen, die er beim Atmen hatte war mindestens eine davon in seine Lunge gedrungen. Laos, er war so gut wie Tot…. Hustend und mit einem gequälten Seufzte zwang er sich, sich halb aufzurichten. Wenige Schritte

entfernt lag der Patrizier auf dem Boden. Träge und zitternd schleppte er sich an Markus Seite. Erbrauchte nur einen Blick um festzustellen, das dem Mann nicht mehr zu Helfen war. keinen von ihnen..., wie er sich durch einen schmerzhaften Atemzug erinnerte… Die Augen des Patriziers öffneten sich flackernd. ,, Tut mir einen Gefallen… habt ein Auge auf ihn wenn ihr hier rauskommt.“ Zyle lachte bitter und hustete m gleichen Augenblick Blut. ,, Gerne. Aber ich fürchte… da fragt ihr den Falschen.“ Auch Markus lachte, aber nur kurz, dann wurde er ohne Vorwarnung ruhig. Zum letzten mal. Es kostete Zyle schon fast

all seine verbliebene Kraft um den Mann die Augen zu schließen. Was für eine Ironie Er hatte ihn verschont nur um jetzt hier Seite an Seite mit ihm zu sterben… Aber sie hatten in der letzten Stunde Seite an Seite Blut vergossen. Er konnte den Mann trotz allem als Bruder im Kampf sehen. Das Machte es nicht viel besser. Aber etwas. Zyle drehte einen Moment den Kopf, um den Verlauf des Kampes an der Treppe zu begutachten. Der Großmagier stand am oberen Ende der Stufen und schüttelte nur den Kopf. Dann holte er einen roten Kristall aus den Falten seines Mantels. Der Stein glühte von innen

her. ,, Dieses Spiel geht jetzt lange genug.“ Das innere Feuer des Juwels wurde dunkler, während der Magier mit einer Hand auf die Treppe deutete, wo sich die Linien aus Schwarzmänteln und Gardisten gegenüberstanden. Im nächsten Moment detonierte der Stein der Stufen. Freunde wie Feinde wurden in alle Richtungen geschleudert. Zyle sah, wie Kellvian über das Geländer geworfen wurde und ungebremst auf dem Marmorboden aufschlug. Dann Verlor er das Bewusstsein.

Kapitel 46 Seelenträger

Kellvian richtete sich schwerfällig auf. Er hatte sich mindestens ein dutzend Prellungen zugezogen und aus mehreren frischen Schnittwunden tropfte Blut. Seine Beine zitterten, als er es endlich auf die Füße schaffte. Der Festsaal war nicht mehr wiederzuerkennen. Dutzende reglose Gestalten waren durch Quinns letzten Zauber durch die Halle geschleudert worden. Dunkel gekleidete, so wie jene, welche den Kürass der Garde Varas trugen. Einige verängstigte Adelige, die es noch nicht gewagt hatten zu fliehen, drückten sich in eine Ecke des Raums geflüchtet und blickten

ebenfalls Verständnislos über das Trümmerfeld. Von der Treppe zum oberen Stockwerk war nicht viel geblieben und die durch den Zauber erzeugte Druckwelle hatte auch noch die restlichen Fenster der Halle zerschmettert. Glas knirschte unter Kellvians Füßen, als er sich schlurfend in Bewegung setzte. Wo waren die anderen? Rasch suchte er die umliegenden Toten ab. Melchior war nirgends zu sehen. Entweder der Zauber des Großmagiers hatte ihn direkt getroffen… und schlicht nichts übrig gelassen, oder er war wieder einmal genau rechtzeitig verschwunden. Angesichts der Begabung des Mannes für

letzteres bezweifelte Kell, das er tot sein könnte. Das änderte nichts an seiner zunehmenden Abscheu. So viele Tote… Es war Lore noch einmal. Wenn es so etwas wie Götte grab verspotteten sie ihn grade und Zwangen ihn, sein Schicksal zu wiederholen. Wieso ? Oder war alles nur eine Laune des Zufalls, dass er sich immer wieder im Zentrum irgendeines Massakers wiederfinden musste… Dann fiel Blick auf zwei zusammengesunkene Gestalten, die auf der anderen Seite am Fuß einer Säule lagen. Unfähig, zu rennen humpelte er mehr das er ging zu den reglosen Körpern herüber. Markus Cynrics Augen waren geschlossen. Auf dem erstarrten

Gesicht des Patriziers lag ein schwer zu deutendes Lächeln. Der Mann war lachend gestorben… Kellvian wusste, das jede Hilfe zu spät kam. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, es trotzdem zu Versuchen. Ob es am Blutverlust oder dem betäubenden Chaos um ihn her lag, diesmal fand er die nötige Ruhe. Doch alles was er fand war sein eigener Lebensfanden. Ein unsteter glühender Kern, der selbst immer dunkler zu werden schien. Kellvian begrüßte den Pol der Stille, den sein eigener Geist darstellte und nur ein dünner Pfad verband ihn noch mit der realen Welt um ihn herum. Beinahe war er versucht, diese letzte Sicherungsleine zu kappen,

einfach abdriften… Als sich ein weiterer Lebensfunke zeigte. Schwach und selbst für ihn kaum mehr erkennbar…. Zyle… Der Gedanke riss ihn zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins. Hatte er grade wirklich darüber nachgedacht einfach aufzugeben? Kellvians Hände zitterten. Nein, das war der Ausweg eines… Feiglings. Rasch sah er nach Zyle. Wenn er noch jemand helfen konnte, dann würde er es tun. Der Gejarn klammerte sich nur noch mit reiner Willenskraft ans Leben wie es schien, aber er atmete noch. Kellvian konnte die sich ausbreitenden Blutflecken sehen, welche Zyles

Kleidung rasch dunkel färbten. Etwas hatte ihm fast sämtliche Rippen gebrochen und das waren nur die Verletzungen, die von außen sichtbar waren. Sobald er seine Aufmerksamkeit auf die Wunden des Gejarn richtete, wurde ihm erst das ganze Ausmaß derselben klar. Gebrochene Knochen waren noch das harmloseste, was der Zauber des Großmagiers und Zyles Sturz angerichtet hatte. Götter, er wusste nicht ob er fähig war, den Gejarn zu Heilen. Ob er dafür überhaupt genug Kraft hatte. Aber er musste es wenigstens versuchen. Kellvian zwang sich erneut die nötige Ruhe auf, die seine Heilzauber von ihm verlangten und griff nach der

verborgenen Kraft in seinem Innern. Weißes Licht füllte seinen Verstand, während er sich darauf konzentrierte Knochen, Adern und Gewebe wieder zusammenzufügen. Er konnte spüren, wie seine eigene Lebensenergie in einem stetigen Strom durch seine Hände floss und schon begann eine ungewohnte Kälte sich um ihn zu legen. Lange konnte er so nicht mehr weitermachen und doch hatte er grade erst begonnen, die schwersten Verletzungen des Gejarn zu heilen. Aber er hatte… Kellvian blicke auf und tauchte ein kleines Stück aus seiner Meditation auf. Er hatte den Kristall, den er mit Jiy im Wald gefunden hatte… Der grüne Edelstein hing an einem

einfachen Band um seinen Hals und glühte mit einem inneren Feuer, das sich in den gesplitterten Kanten des Juwels brach. Kellvian konnte die Macht spüren, die davon ausging und so winzig der Splitter sein mochte, die darin gespeicherte Energie mochte genau sein, was er brauchte. Er zögerte einen Moment, als er danach griff. Es war ungewohnt, die Kraft für einen Zauber aus einer anderen Quelle zu ziehen. Die Energie des Steins beugte sich jedoch ohne Schwierigkeiten seinem Willen und manifestierte sich durch seine Hände zu einem Strom heilender Magie. Zyle zuckte trotz seiner Bewusstlosigkeit zusammen, als sich Knochen und Wunden

innerhalb weniger Augenblicke wieder zusammenfügten und verheilten. Kellvian hatte einmal gehört, das es fast nichts Schmerzhafteres gab als Heilmagie bei vollem Bewusstsein aushalten zu müssen. Nur mühsam kämpfte Kellvian sich erneut zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins. Tiefe Erschöpfung griff nach ihm und er fühlte sich, als könnte er an Ort und Stelle einschlafen. Aber das war Wahnsinn… Er zwang sich aufzustehen und kam schließlich auch schwankend auf die Füße. Die Welt schien sich um ihn zu drehen… ,, Hey langsam…“ Jemand stützte ihn, bevor er stürzen konnte. Es war Melchior. Der Seher sah selber nicht

besser aus, als er oder Zyle. Die angegrauten Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, während er Kellvian wieder auf die Beine half. ,, Ich kümmere mich ab hier schon um ihn.“ , sagte der Seher lediglich und kniete sich neben den nach wie vor bewusstlosen Zyle. Kellvian konnte nur nicken. Götter er brauchte Ruhe, dachte er als er sich in der Halle umsah. Der Gedanke an die Toten schaffte es abermals in sein Bewusstsein, auch wenn seine Müdigkeit im Moment verhinderte, das er ordentlich darüber nachdenken konnte. Und doch die unterschwellige Wut und Verzweiflung darüber waren direkt wieder da. Warum

? Er sah über die zertrümmerte Treppe hinweg, als eine Bewegung auf den oberen Stufen seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine in einen türkisfarbenen Umhang gehüllte Gestalt schüttelte Staub und kleinere Trümmerteile aus ihrem Mantel. An einer Kette in ihrer Hand hing ein dunkelroter, gesprungener Kristall. Vermutlich eine der Kopien des Sanguis-Ordens. Das unheimliche Leuchten der Magie darin war erloschen und der Stein selbst damit wertlos geworden. Langsam zerbröselte das Juwel zu Rubinfarbenem Staub. Der Großmagier warf die Kette weg. ,, Enttäuschend wirklich.“ Quinn setzte

über die halb zerstörten Treppenstufen. ,, Habt ihr immer noch nicht die Freundlichkeit gehabt zu sterben ?“ Kellvian ging ihm ruhig entgegen. Der Magier hatte sich bei der Schlacht doch sicher völlig verausgabt. Es würde ihn wundern, wenn der Mann noch einen Zauber anbringen könnte. Allerdings… ging es ihm auch nicht viel besser. Er hatte Glück, wenn er den Schwertarm heben konnte. ,, All das, weil ihr hinter mir her wart ?“ , fragte Kellvian und deutete hinter sich auf die Halle. Die ersten Sonnenstrahlen fanden ihren Weg durch die nicht mehr vorhandenen Fenster und brachen sich in den Überresten der

Glasscherben. ,, Das ist nicht persönliches.“ , erwiderte der Großmagier, als er das Ende der Treppe erreichte. ,, Es geht nur darum, euch auszuschalten.“ ,, Warum ? Was… steht der Orden hinter euch?“ ,, Ich habe einen Auftrag. Mehr interessiert mich nicht. Und selbst wenn ich mehr wüsste, als ich muss… warum sollte ich euch irgendetwas verraten?“ ,, Weil das nichts persönliches ist. “ Quinn brach in schallendes Gelächter aus. ,, Unter anderen Umständen würde ich euch da sogar recht geben Kellvian Belfare. Aber nicht heute. Heute… werden wir sehen wie es um eure

Selbstverteidigung bestellt ist.“ Ohne Vorwarnung riss der Zauber des Ordens eine Hand hoch in der eine Flamme aufloderte. Es war keiner der zerstörerischen Zauber, mit denen er die Kämpfer auf der Treppe ausgeschaltet hatte, aber er würde seinen Zweck erfüllen. Ein dünner Flammenbolzen jagte auf Kellvian zu, zu schnell, das dieser noch hätte Ausweichen können. Stattdessen riss er das Schwert hoch in der Hoffnung, das magische Projektil abfangen zu können. Ohne es zu merken driftete sein Übermüdeter Verstand dabei in jenen Zustand absoluter Ruhe, den er so gut kannte. Der Feuerpfeil prallte wenige

Herzschläge bevor er Kellvian erreichte auf eine schimmernde Barriere in der Luft. In einem Wirbel aus Farben verpuffte der Zauber und hinterließ nicht einmal Glut. ,, Was zur…“ Quinn wirkte zum aller ersten mal unsicher, allerdings nur einen kurzen Augenblick. ,, Ich sehe schon. Es war wohl nur eine Frage der Zeit was?“ Kellvian wusste selbst nicht, was er grade getan hatte. Es war reiner Instinkt gewesen, der Wunsch, sich vor dem Feuer zu schützen… Ihm blieb allerdings kaum Zeit darüber nachzudenken, den bereits im nächsten Moment riss ihn ein Zauber von den Beinen und warf ihn

rückwärts durch den Raum. Sämtliche Verletzungen von zuvor machten sich wieder bemerkbar. Das Schwert wurde ihm aus der Hand geschleudert und schlug klirrend auf dem Boden auf, während die Wucht des magischen Angriffs ihn noch mehrere Schritte weit trug. Als Kellvian endlich auf dem Boden aufkam, schaffte er es mit Mühe seinen Sturz abzufangen und rollte sich über die Schulter ab. Müdigkeit, schmerzende Knochen und Wunden, all das kombinierte sich mit seinen rasenden Gedanken. Bevor er es ganz auf die Füße schaffte, traf ihn die nächste unsichtbare Schockwelle. ,,Das ist viel zu einfach…“ Quinn stand

ein paar Schritte entfernt und hob den Degen auf, den Kellvian verloren hatte. Dieser versuchte erneut aufzustehen, fand aber nicht einmal mehr dafür die Kraft. Das Schwert in der Hand trat der Zauberer auf ihn zu. Ein was Gutes hatte das ganze wenigstens, dachte Kell. Jiy war in Sicherheit. Das war etwas. Insofern könnte er sogar dankbar sein… Aber er konnte nichts mehr richtig stellen. Wenn es hier endete… Dann hatte er versagt. Er hatte keine Antwort. Nur noch mehr unnötiges Leid. Noch mehr tote… Erneut flackerte Wut in ihm auf, welche seine Müdigkeit und den Schmerz beiseite drängte. Und etwas Neues. Das

schwache Glühen der Magie in seinem Inneren, die er bisher nur durch Meditation hatte aufspüren können. Nur stärker, als er es gewohnt war. Was er immer als Bachlauf aus Lebensenergie wahrgenommen hatte wurde zu einem reißenden Strom, der ihn mit sich riss. Und jedes bewusste Denken darunter begrub. ,, Kellvian.“ Zyles Stimme war schwach aber in der Stille, die sich mittlerweile über die Halle gelegt hatte unüberhörbar. Der Gejarn versuchte aufzustehen, wurde jedoch von Melchior daran gehindert. ,, Was glaubt ihr könnt ihr ausrichten ? Verratet mir das?“ , wollte der Seher von

ihm wissen. Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er nicht hier herumsitzen würde, während der verdammte Zauberer Kellvian tötete. Unter unendlichen Mühen schaffte er es trotz Melchior auf die Beine. Der Großmagier ignorierte den Seher und ihn einfach und warum nicht… sie waren beide Geschlagen. Zyle hätte das Schwert nicht mal mehr heben können, auch wenn seine Verletzungen fort waren. Woran der Mensch sicher seinen Anteil gehabt hatte. ,, Hey, Kell. Auf die Füße jetzt oder wollt ihr euch einfach töten lassen? Das wäre ein wirklich passendes Ende für einen Feigling wie

euch.“ Endlich sah der Mensch wieder auf, während der Großmagier mit dem Schwert in der Hand über ihm stand. ,, Wir sehen uns in den Hallen der Ahnen wieder.“ Die Klinge sauste herab… und schlug mit deutlich vernehmbarem Klang auf den leeren Steinfließen auf. ,, Sucht ihr mich ?“ , fragte ein durchaus noch lebendiger Kellvian Belfare. Irgendetwas an dem Mann hatte sich verändert und nicht nur die Haltung. Graue Strähnen waren in dem blonden Haaren des Menschen aufgetaucht, wo vor wenigen Augenblicken noch keine gewesen waren. Hatte Kell eben noch halb tot gewirkt,

stand er jetzt scheinbar entspannt an einen der zerstörten Fensterrahmen gelehnt. Aber da war mehr… Sämtliches grün schien aus seinen Augen gewichen zu sein und ließ nur helles blau zurück. ,, Wirklich interessant. Wer hat euch das beigebracht? Teleportzauber sind unglaublich schwierig zu meistern… “ Der Großmagier betrachtete den Menschen misstrauisch. Auch ihm musste aufgefallen sein, dass sich etwas entscheidend geändert hatte. Die kleinen Schnitte und Verletzungen Kellvians schlossen sich langsam. Das sollte selbst nach dem wenigen, was Zyle über Magie wusste unmöglich sein. ,, Das war einfach. Es ist ein wenig…

peinlich ehrlich gesagt, was euer Orden meint über Magie zu wissen.“ Das war nicht Kell…. So verrückt es für Zyle selbst klang, der Mensch schien wie ausgewechselt zu sein. Der Blick des Zauberers bekam derweil etwas Gehetztes. ,, Seelenträger…“ Quinn flüsterte das Wort nur und die plötzliche Angst, die dabei in seiner Stimme mitschwang, sagte Zyle alles was er wissen musste. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung. ,, Was ?“ Kellvian sah verwirrt auf. Der Mann wirkte, als wäre er gar nicht richtig anwesend, aber das hörte sich schon wieder eher nach dem Kell an, den Zyle geglaubt hatte zu kennen. Laos, er

verstand nicht einmal was hier grade vor sich ging. Melchior an seiner Seite hingegen hatte die Stirn in Falten gelegt und beobachtete das Zwiegespräch zwischen dem Großmagier und… was auch immer Kell grade war. ,, Niemand hat mir gesagt das ich einen verdammten Seelenträger jagen muss.“ Der Ordenszauberer riss eine Hand hoch, aus der sich mehrere scharfkantige Eissplitter lösten und auf Kellvian zurasten. ,, Das ist wirklich erbärmlich.“ Kellvian machte sich nicht die Mühe dem Angriff auszuweichen, sondern hielt nur eine Hand hoch, worauf die Eisbolzen zu Wasser wurden, bevor sie ihn auch nur

erreichten. Der Großmagier grinste düster. ,,Ich schätze, dann wir es Zeit, die Samthandschuhe auszuziehen“ Einen Augenblick geschah nichts und Zyle fragte sich schon, ob der Mann vielleicht nur bluffte. Dann jedoch bewegte sich einer der toten Körper in der Halle. Oder besser die Leiche eines schwarz gekleideten Kämpfers erhob sich in die Luft und verharrte, ein Stück über dem Boden schwebend. Langsam schwebten weitere Körper in die Luft und begannen sich in einem unsichtbaren Karussell zu drehen. Zyle griff zum Schwert während er das grausige Ballett, das sich um den

Großmagier formiert hatte beobachtete. Das war selbst für ihn fast zu viel… ,, Götter…“ Melchior an seiner Seite stolperte ein paar Schritte zurück. ,, Das tut er nicht wirklich…“ Zyle sah lediglich Verständnislos zwischen ihm und den schwebenden Toten hin und her. ,, Was ist los ?“ ,, Dieser Narr…“ Der Seher deutete mit zitterndem Finger auf den Großmagier. ,, Nutzt die verbliebene magische Energie der Toten für sich.“ ,, Und das ist schlecht ?“ ,, Es ist vor allen Dingen barbarisch.“ , erwiderte Melchior aufgebracht. Der einzige, der von dem ganzen Schauspiel unbeeindruckt blieb war

Kellvian. Oder was auch immer aus ihm geworden war. Seelenträger… Irgendwie hatte das Wort einen unangenehmen Klang, selbst wenn Zyle die Bezeichnung noch nie gehört hatte. Jedes Lebewesen hatte doch eine Seele. Allerdings, wenn er sich den offenbar verrückten Großmagier des Sanguis-Ordens so ansah, zweifelte er einen Moment daran…

Kapitel 47 Fall

Dunkle Energiebänder strömten aus den in der Luft gefangenen Körpern und Verbanden diese wie ein grausames Mobile mit dem in ihrer Mitte stehenden Großmagier. Kellvian Belfare musterte das geschehen teilnahmslos. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm geschah. Der Strom der Magie, der durch seine Andern rann erstickte jeden Versuch seinerseits, einen klaren Gedanken zu fassen, oder auch nur zu handeln. Trotzdem sprach er. Ohne es zu wollen. ,,Seit ihr so verzweifelt, kleiner Zauberer ?“ Quinn lachte. ,,Seit ihr überhaupt noch

da Kellvian ? Oder ist da nur noch eine ausgebrannte Hülle? “, fragte er offenbar ohne eine Antwort zu erwarten. ,,Ich…“ Kellvian gelang es ein wenig den betäubenden Einfluss beiseitezuschieben, was immer es war. Es kostete ihn genau so viel Mühe, wie aus seiner Meditation aufzutauchen, wenn nicht mehr. Als schwimme sein Geist durch Sirup. Etwas Fremdes schien für ihn zu handeln… oder durch ihn. Und Kellvian hatte ohne es auch nur zu merken die Kontrolle abgegeben. Du Narr, du brauchst mich. Die klanglose Stimme in seinem Kopf überraschte ihn. Das war kein Gedanke gewesen… Kellvian spürte, wie es

versuchte, die Kontrolle zu behalten. Aber das war sein Körper und sein Geist. So mächtig dieses Ding auch war, es konnte sich seinem Willen nicht lange wiedersetzen. Noch nicht, korrigierte ihn die fremde Stimme. ,, Verschwinde…“ Es überraschte ihn selbst, dass er die Worte laut sagte. ,, Nicht sehr angenehm was ?“ , unterbrach Quinn seinen inneren Monolog.,, Keine Sorge, ihr werdet euch nicht lange damit auseinandersetzen müssen.“ Die dunklen Energiebänder, welche den Großmagier mit den Toten im Raum verbanden lösten sich auf und die reglosen Körper fielen zu Boden.

Kellvian konnte spüren, wie sich die Luft um den Zauberer aufzuladen schien. Die restliche Lebensenergie der Toten der Toten zu stehlen… Melchior hatte einmal gesagt Niemand wäre Wahninnig. Offenbar hatte sich der Seher geirrt. ,, Ihr seit ja Krank.“ Kellvian schüttelte de Kopf, während er Quinn musterte. ,, Was erklärt, wieso man mich geschickt hat, meint ihr nicht auch ? Oh sie wussten was ihr seit… Das müssen sie gewusst haben. “ Die letzten Worte schien er mehr zu sich selbst zu sprechen. Die ganze Haltung des Zauberers zeugte von Schmerz, während die bedrohliche

Aura um ihn fast greifbar zu werden schien. Magie forderte immer einen Preis… Und in diesem Fall war der Magier vielleicht einen Schritt zu weit gegangen. Kellvian wusste, was einem Magier blühte, der seine Reserven überbeanspruchte. Die Folge war der Tod. Aber was richtete ein Strom toter Energie an? ,, Beenden wir dieses Spiel, ja ?“ Der Großmagier des Sanguis-Ordens ließ zum wiederholten Mal Flammen in seiner Handfläche auflodern. Doch diesmal loderte grün-blaues Feuer in die Höhe, ein Farbton, wie ihn nur Magie erzeugen konnte. Kellvian konnte spüren, wie es trotz der sich sammelnden Funken im

Raum kälter zu werden schien. Das unheimliche Feuer spiegelte sich auf den Marmorverzierungen von Wänden und Böden wieder. Was sollte er tun? Es mir überlassen. , meinte jene Fremde Stimme, die er noch nicht ganz aus seinem eist verbannt hatte. Aber fast. Es wäre ein leichtes den Eindringling in seinem Geist völlig auszuschließen. Wieso sollte ich dir trauen? , fragte Kellvian. Weil du sterben wirst, wenn nicht. Zyle wich unbeholfen einige Schritte zurück, als die magischen Flammen aufloderten. Als wäre es nicht genug, dass dieser Zauberer mit den Toten sein

Spiel trieb, jetzt schien er es darauf anzulegen, sie alle zu verbrennen. Er konnte die Hitze des Feuer zwar spüren, gleichzeitig bildeten sich aber kleine Eiskristalle in seinem Fell. Das war mehr als nur unnatürlich, das war völlig verkehrt. Kaltes Feuer… Das wohlvertraute Taubheitsgefühl in den Füße war diesmal kaum mehr zu ignorieren. Auch Kellvian zauderte, als der Großmagier scheinbar seine ganzen Reserven in den Zauber legte, der alle wärme aus dem Raum vertrieb. Nur Melchior sah zwar mit besorgter, aber eben auch gespannter Mine zu. Wenn Zyle aus dem Seher auch nicht

schlau wurde, so schien er zumindest auf ihrer Seite zu sein. Wobei Seite… Er stand auf keiner Seite hier, dachte Zyle. Er sollte die Beine in die Hand nehmen und rennen, solange er konnte. Aber er hatte seine Entscheidung doch schon getroffen, als er den Patrizier nicht getötet hatte. Den Mann, der jetzt trotzdem langsam auskühlend auf dem Boden der Halle lag. Kellvian war in Ordnung, aber in Ordnung genug um hier zu warten, was geschehen mochte? Ja. Der Mensch hatte sein Leben gerettet, das sollte etwas Wert sein. Gleichzeitig Verstand er immer noch nicht, was eigentlich vor sich ging, davon abgesehen, das dieser Magier versuchte

Kellvian zu töten. Und er konnte kaum etwas dagegen unternehmen. Die Kälte war schon vom Rand der Halle aus, wo er und Melchior standen kaum mehr erträglich. Und der Mensch stand dem Großmagier fast gegenüber. Das kalte Feuer flackerte auf, als der Zauberer beide Hände vorstreckte. Wie eine Flüssigkeit liefen die grünen Flammen über seine Finger, bis sie sich an den Spitzen sammelten und als schillernde Bolzen auf Kellvian zurasten. Einen Augenblick lang blendete gleißend helles Licht alles aus und eine neue Welle aus Kälte raste durch den ganzen Saal. Der Marmorboden sprang

stellenweise durch den plötzlichen Temperatursturz auf und Eisblüten bildeten sich an den Überresten der Fenster. Schneeflocken aus gefrorener Luftfeuchtigkeit rieselten herab, als das Licht schließlich verlosch. Nebel trieb um die eine Gestalt, die nach wie vor auf den Beinen stand. Der Großmagier grinste düster. Frost hatte seine Kleider mit einer Schicht aus weißen Kristallen bedeckt. ,, Ich stimme zu. Beenden wir das hier.“ Das Lächeln verschwand schlagartig von seinem Gesicht. Im nächsten Moment wurde der Mann von den Füßen gerissen und prallte ungebremst gegen die in Trümmern liegende

Treppe. Kellvian trat scheinbar unverletzt aus dem eisigen Nebel. Der Großmagier versuchte sich derweil wieder aufzurichten. Grauer Staub hatte sich zu den Eiskristallen auf seinem Umhang gesellt. Die ganze Gestalt des Zauberers zitterte und die Aura aus Magie um ihn war längst verschwunden. Was blieb war ein Mann, der wusste, dass er sich verschätzt hatte. Langsam stand er auf, ein gequältes Grinsen im Gesicht. ,, Schön.. schön…“ Der Zauberer hustete Blut und nahm die Hände über den Kopf. Die Geste wirkte beinahe lächerlich und vermutlich war Quinn das auch klar.

Selbst jetzt spottete er noch über sie alle. ,, Ihr habt gewonnen. Kein Grund gleich…“ Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, bevor er erneut in die Luft gerissen wurde. Kellvian hatte keine Kontrolle darüber, er sah mehr zu was geschah, als das er noch selber eingreifen konnte. ,, Ihr habt versucht uns alle zu töten.“ Und bei den meisten war ihm das sogar Gelungen. Götter, der Mann hatte nicht einmal auf seine eigenen Leute Rücksicht genommen. Und Markus… Er wollte diesen Kerl sterben sehen. ,,Wie gesagt das war nichts persönliches…“ , erklärte der Zauberer.

Ein hässliches Kacken war die Folge, als eine seiner Rippen brach. Immer noch in der Luft schwebend gefangen konnte er nur aufschreien, als sich der gesplitterte Knochen in sein Fleisch bohrte. ,,Kellvian…“ Melchior machte einen unbeholfenen Schritt auf den Menschen zu und diesmal war es an Zyle, ihn zurück zu halten. ,,Ich fürchte das ist nicht mehr Kell…“ Kellvian überging das Streitgespräch. Seine ganze Aufmerksamkeit ruhte auf dem sich vergeblich gegen den Zauber stemmenden Magier. Dieser Mann war für alles verantwortlich. Jeden einzelnen Toten heute. Für Markus Tod. So wie er verantwortlich für jeden einzelnen Toten

in Lore war… Und Kellvian konnte nur sich die Schuld geben, das er Jiy nicht früher die Wahrheit gesagt hatte. Alles um ihn war in wenigen Stunden zu Asche zerfallen wie es schien. Was tat er hier eigentlich? Ein weiteres Leben nehmen. Götter, Quinn mochte ein Bastard sein, aber er war keine Gefahr mehr… ,, Das bin nicht ich. Verschwindet, bevor ich es mir anders überlege Quinn.“ Er wollte den Zauberer loslassen, fand sich aber unfähig dazu. Töte ihn endlich, wies ihn die Fremde Stimme an. Er konnte den Energiestrom in seinem Blut spüren. Mehr Magie, als er haben sollte… Ein Wort, ein Gedanke

und Quinn würde sterben. Hilflos, ohne eine Möglichkeit sich zu wehren. Nein, das würde er nicht tun. Niemals. Kellvian drängte jenen Fremden Einfluss, der ihn überzeugen wollte, den Magier zu töten zurück. Das war nicht er, das würde er nie sein. Was immer es war, das ihn kurzfristig beherrscht hatte, es zog sich langsam zurück und nahm den Energiestrom mit sich, die ihn fast übermannt hatte. Sofort brach eine Welle aus Schwäche über ihn herein, als die Magie ihren Preis forderte. Quinn stürzte sich überschlagend zu Boden und blieb liegen. Im gleichen Moment gaben Kellvians Beine

nach. Er spürte nur noch, wie ihn jemand auffing. Melchior… und Zyle, der den gefallenen Großmagier nicht aus den Augen ließ. Also hatte er heute zumindest ein Leben gerettet… ,, Er ist immer noch Bewusstlos.“ , sagte Melchior. ZYle nickte nur, während er ungehalten auf die morgendämmrigen Straßen hinausspähte. Sie hatten sich in das kleine Gasthaus zurückgezogen, in dem sie sich vor zwei Tagen bereits einquartiert hatten. Das Chaos in Vara, als man von dem Angriff auf die Universität erfuhr, war beinahe

perfekt. Die wenigen Adeligen, die den ganzen Zwischenfall überlebt hatten, gaben sich gegenseitig die Schuld. Und mit dem Tod des Patriziers… Zyle seufzte. Er konnte fast hören, wie sich die Mühlen der Politik drehten. Und bis jemanden auffiel, das an dem fraglichen Abend ein seltsamer alter Mann, ein Gejarn der definitiv nicht aus Canton war und jemand, der seltsamerweise wie der Sohn des Kaisers aussah, anwesend waren, wären sie besser längst fort. Das hing allerdings davon ab, wann genau Kellvian wieder zu sich kam. Momentan lag der Mensch schlafend in seinem Zimmer und der Seher und Zyle sahen abwechselnd nach, ob sich sein Zustand

änderte. ,, Was stimmt nicht mit ihm ?“ , wollte der Gejarn wissen. Soweit er sagen konnte, war der Mensch völlig unverletzt, nur das seine Haare neuerdings dutzende graue Strähnen aufwiesen. Melchior saß ihm gegenüber an einem Tisch und trank eine Tasse honigfarbenen Tee. Mehrere kleinere Schnittwunden verunstalteten das ohnehin abgehetzt wirkende Gesicht des Sehers. Vermutlich sah er selber kaum besser aus, dachte Zyle. Auch wenn Kellvian seine lebensbedrohlichen Verletzungen geheilt hatte, jeder Atemzug machte sich

nach wie vor schmerzhaft bemerkbar. Ein paar Prellungen und oberflächliche Wunden, die sicher in ein paar Tagen Geschichte sein würden. Aber er war dem Tod noch nie so nahe gewesen… Die rothaarige Wirtin der Taverne schien sich glücklicherweise nicht wirklich um ihre seltsame Erscheinung zu kümmern und stellte auch keine Fragen, als sie den nicht ansprechbaren Kellvian hereingetragen hatten. ,, Ihm fehlt vor allem Ruhe. Ich weiß ja, wie in Laos mit Magiern umgesprungen wird, also ist es nicht verwunderlich, dass euch sein Zustand unbekannt ist. Zauber nutzen die Lebensenergie des Wirkenden. Normalerweise nutzen die

meisten Magier verschiedene Speicherkristalle um die ihnen zur Verfügung stehende Energie zu steigern und sich nicht… nun selbst zu Schaden. Kellvian hier hatte leider nur seinen eigenen Lebensfunken zur Verfügung. Die Folgen davon seht ihr jetzt. Keine Sorge, er erholt sich wieder.“ ,, Ich mache mir keine Sorgen um ihn. Geschweige denn um euch.“ ,, Natürlich, deshalb seit ihr bisher auch noch nicht weggerannt, ja ?“ , fragte der Seher ironisch, aber ohne jede Schärfe. ,, Nein. Laos, ich weiß nicht wirklich, warum ich noch hier bin. Alles hier ist anders als ich es erwartet hatte. Kellvian ist… in Ordnung. Und ihr Seher, geht

mir zwar auf die Nerven aber… man kann wohl das gleiche über euch sagen. Und Jiy… tja, ich fürchte, das hat sich sowieso erledigt, wie? “ ,, Wir werden sehen. Wisst ihr ich kenne Kellvian länger, als er das weiß. Er hat immer Angst, irgendjemanden zu verletzen und doch scheint genau das immer wieder dazu zu führen… Ich habe keine Ahnung, was mit ihm in dieser Halle passiert ist.“ ,, Der Großmagier nannte ihn einen Seelenträger.“ Melchior nickte. ,, Ich weiß zwar, was er meinte… aber das ist schlicht unmöglich. Es gibt durchaus auch andere Erklärungen. Kellvian wäre nicht der

erste, der seine Fähigkeiten schlicht unterschätzt hat.“ ,, Wieso wäre das Unmöglich ?“ ,, Ein Seelenträger ist jemand, in dem eine Seele aus dem alten Volk halt gefunden hat. Die mächtigsten ihrer Zauberer konnten ihren geist offenbar vom Körper trennen und es ist anzunehmen, das einige von ihnen das auch während des Untergangs ihrer Zivilisation getan haben. Normalerweise hätten diese Seelen sich dann neue Körper gesucht, nur fanden sie in diesem Fall natürlich keine mehr vor. Den so ähnliche Menschen dem alten Volk auch sein mögen, wir sind nun einmal mal keine Mitglieder ihrer Art, auch wenn ihr

Blut in einige von uns weiterlebt.“ ,, Wie kann dann…“ ,, Ein bisschen Geduld.“ , erwiderte der Seher. ,, Seelenträger mögen mächtig sein, aber sie sind auch unkontrollierbar. Meist sind die Seelen des alten Volkes zu schwach um wirklich Kontrolle auszuüben, außer unter Extrembedingungen oder… wenn man es ihnen erlaubt. Aber wir reden hier von Wesen, , die seit Jahrtausenden im Zwischenreich existieren. Viele von ihnen sind nach all der Zeit schlicht Wahnsinnig. Und wenn einer von ihnen einen Zauberer übernimmt… Ihr könnt es euch denken. Tod, Zerstörung und jede Menge unschöne Sachen.

Glücklicherweise reicht es nicht einfach nur einen Teil des Bluts des alten Volkes zu besitzen. Ein Seelenträger müsste schon fast ein Mitglied des alten Volkes sein. Das heißt beide Elternteile müssten über das Erbe des alten Volkes verfügen. Übrigens ein weiterer Grund, aus dem der Orden bemüht ist, alle Zauberer unter seiner Fuchtel zu halten und keine außerhalb seiner Reihen duldet. Niemand möchte Wahnsinnige Zauberer.“ ,, Ich verstehe nicht genau…“ ,, Der Kaiser trägt zwar das alte Blut in seinen Adern, es ist also klar, woher Kellvian seine Begabung hat.“ ,, Nun ja…“ , setzte Zyle an. Wenn Stimmte, was der Patrizier ihm erzählt

hatte, dann sah die Sache doch etwas anders aus. Seltsam, das Melchior das nicht wusste… Es war ein wenig erleichternd, mal etwas zu Wissen, das dem Seher unbekannt war. ,, Markus hat mir gestern kurz vor seinem Tod etwas erzählt. Von einer Frau namens Silvia Belfare.“

Kapitel 48 Asche

Kellvian schlug die Augen auf und wusste einen Augenblick lang nicht, wo er sich befand. Dämmriges Licht fiel durch ein kleines Fenster in den Raum, dessen Einrichtung sich auf das Bett auf dem er lag und einen leeres Bücherregal zu beschränken schien. Allmählich kehrten seine Erinnerungen zurück und damit auch jene, die er am liebsten vergessen hätte. Markus war tot. Und Jiy fort. So schwer es ihm fiel, sich das einzugestehen, an der Wahrheit führte kein Weg vorbei. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Stein auf die Brust gelegt. Er war

nicht einmal dazu gekommen sich von dem Patrizier zu verabschieden und die Gejarn… Wer mochte wissen, wo Jiy jetzt war. Mit einem Tag Vorsprung vermutlich schon auf halbem Weg zwischen Vara und den Clangebieten. Wenn sie ihm nur zugehört hätte… Kellvian schüttelte den Kopf, obwohl er allein war. Sie traf keinerlei Schuld hier. Nur ihn. Ihn und seine Feigheit. Und was war mit den anderen? Er konnte sich verschwommen erinnern, Zyle geheilt zu haben. Oder zumindest hatte er es versucht… danach war immer noch alles undeutlich. Es hatte ihn fast getötet, so viel schien sicher. Auch wenn

er sich den Umständen entsprechen gut fühlte, die schleichende Kälte in seinen Glieder sagte ihm alles, was er wissen musste. Langsam setzte er sich auf und schüttelte die letzten Bilder eines verstörenden Traums ab. Eine Welt, die sich ständig im Fluss zu befinden schien. Eine unendliche Spirale aus Farben und Formen, in deren Zentrum nur eines lag… Schatten, die langsam nach außen greifend selbst die Ewigkeit zerfraßen. Es war lange her aber er kannte diese erschreckenden Visionen noch all zu gut. Letztlich waren es nur Träume. Könnte er dasselbe nur über die gesamten letzten vierundzwanzig Stunden sagen… Sein

Blick fiel auf den grünen Kristallsplitter, der zusammen mit dem Großteil seiner Kleidung auf dem Boden lag. Nur noch en schwacher Funke glomm in dem Juwel. Wie hatte alles so schnell so schief gehen können? , dachte er während er die Kette überstreifte und begann die restlichen Sachen anzuziehen. Zerrissen und Verstaubt verliehen ihm die Kleider das Aussehen eines Landstreichers. Alles war Asche und wofür das alles? Warum ? Mehr Frage auf die er keine Antworten hatte und wohl nie welche bekommen würde. Wenn er die Zeit nur um einen Tag zurück drehen könnte... Im

Endeffekt war es alles seine Schuld, oder? Er hatte zu lange mit der Wahrheit gezögert und damit… damit hatte er Jiy verloren. Sie hatte jedes Recht gehabt zu gehen. Verflucht er wüsste nicht einmal, ob er selber anders Gehandelt hätte. Das änderte aber nichts daran, wie er sich fühlte. Kalt… Und das lag nicht nur daran, das ihn seien eigene Magie gestern fast umgebracht hätte. Die zweite Katastrophe, an der er allein Schuld war. Der Großmagier des Sanguis-Ordens war hinter ihm her gewesen. Der Orden… Warum sollten die Zauberer hinter ihm her sein? Es ergab keinen Sinn. Tyrus war vielleicht nicht immer grade freundlich, aber jemand, den er immer

für einen Freund gehalten hatte. Der Mann hätte ihn in den letzten vier Jahren, die er in der fliegenden Stadt war jeden Tag töten können. Handelte der Orden etwa ohne das Einverständnis des Ordensoberen? Und was erhoffte sich ein Haufen Magier dadurch? Die Unterstützung des Kaisers ganz sicher nicht. So wenig sich der Kaiser um Kellvian scherte, wenn er hiervon erfuhr, würde er den Orden in Stücke reißen lassen. Auch die Magier konnten nicht hoffen, sich der gesamten kaiserlichen Garde entgegenstellen zu können. Nichts schien zu passen oder auch nur einen erkennbaren Sinn zu ergeben. Besser er fand erst einmal heraus, was mit

Melchior und Zyle war. Irgendwie hatten sie es zurück zu der kleinen Taverne geschafft. Wenigstens ein Lichtblick in völliger Dunkelheit… Auch wenn der Gejarn ihm nach wie vor eine gute Erklärung schuldete. ,,Sie muss es vor allen Geheim gehalten haben.“ , sagte Melchior. ,,Ihre Begabung meine ich. Dem Orden gegenüber, dem Kaiser selbst… Götter, das ist erschreckend und interessant zugleich.“ ,,Was ist interessant ?“ , wollte Kellvian wissen, als er in den bis auf Zyle und den Seher leeren Raum trat. ,,Nicht so wichtig.“ , erklärte Melchior.

Er wirkte nicht weniger mitgenommen, schein aber im Gegensatz zu Zyle halbwegs guter Lauen zu sein. ,,Nur… alte Geschichten.“ Der Gejarn und Melchior saßen an einem Tisch in Fensternähe und Zyle warf ab und an besorgte Blicke hinaus auf die im Morgennebel liegenden Straßen Varas. Draußen schien noch nicht viel los zu sein… außer eine Gruppe Bewaffneter Soldaten, welche in Richtung Universität verschwanden. Das Chaos würde wohl noch im Verlauf desdieses Tages folgen, dachte Kell, während er sich zu den anderen setzte. Sein eigenes Spiegelbild sah ihm vom Fensterglas aus entgegen. Beunruhigende graue Strähnen

durchzogen seine Haare, jedoch konnte er diesen fast beim verschwinden zusehen. Aber er wusste selber gut genug, das das nicht ewig so bleiben würde. Wenn er nicht vorsichtig war… Kellvian seufzte. Es schien wenig Sinn zu mache noch Vorsichtig zu sein. ,,Also Zyle... ich glaube ich bekomme immer noch eine Antwort von euch. Warum habt ihr versucht Markus zu töten?“ ,,Ich weiß nicht, ob das noch eine große Rolle spielt.“ , erwiderte dieser. ,,Aber wenn ihr es wissen wollt, genau deshalb bin ich überhaupt hierher gekommen. Es ging nie um Schulden. Oder zumindest nie um die Art Schulden, wie ihr sie euch

vorstellt. Wir begleichen unsere Rechnungen. Blut für Blut. Die eine Bedingung für meine Rückkehr nach Helike. Aber das ist jetzt egal. Ich hab es nicht getan, das ist worauf es ankommt.“ ,,Aber er ist tot. So traurig das ist, euer Auftrag ist doch damit erfüllt. Ob ihr die Klinge geführt habt oder nicht wird wohl niemand herausfinden. “ , meinte Melchior. ,,Sicher. Die frage ist nur ob ich überhaupt noch zurück will.“ , antwortete Zyle.,, Ich habe Zweifel daran. Das ist seltsam. Ein Leben lang habe ich nach Regeln gelebt, Schriften und den Worten eines toten Mannes. Es gibt einige Dinge in meiner Heimat, die

ich… ein wenig anders sehe. Mittlerweile zumindest. Ich weiß also nicht, was ich tun werde. Und ihr Kellvian ?“ ,, Ihr beide könnt gehen wohin ihr wollt.“ , sagte er. ,, Aber ich würde Jiy suchen.“ Das war das mindeste und wenn sie ihm nicht zuhörte, so viel war er ihr schuldig. Und war es nur um Gewissheit zu haben. Der Seher schüttelte den Kopf ,, Kellvian seit nicht verrückt. Ihr werdet sie nicht finden, sie könnte längst sonst wo sein Und denkt darüber nach, wer hinter euch her ist…“ ,, Wer ist den hinter mir her Melchior ?“ , wollte er wissen. ,, Der Sanguis-Orden ? Warum sollte er ? Es

ergibt keinen Sinn, verdammt ihr Ordensmeister ist ein Mann den ich Freund nennen kann. Dahinter steht irgendetwas völlig anderes. Und ich werde das Gefühl nicht los, Seher, das ihr etwas mehr darüber wisst, als ihr zugebt.“ ,, Wollt ihr mir weismachen, ihr haltet es für ein… Missverständnis, das uns ein Großmagier angreift ? Dieser Kerl hat es selber zugegeben, sie waren gezielt an euch interessiert Kell. Ich muss Melchior hier einfach recht geben.“ ,, Was soll ich dann machen ? Die fliegende Stadt ist zu weit weg und wenn ihr recht habt… angenommen der Sanguis-Orden ist hinter mir her… wie

soll ich dann auch nur auf eine Meile an die fliegende Stadt herankommen, oder die meisten anderen größeren Städte was das angeht? Der Orden ist überall vertreten.“ Melchior nickte. ,, Das stimmt. Was wir tun müssten, wäre vor allem in Bewegung zu bleiben. Es wird sicher nicht zu lange dauern, bis ihnen klar wird, dass sie in Vara versagt haben und bis dahin sollten wir schon weit weg sein.“ ,, Nach allem was passiert ist ?“ , erwiderte Kellvian. ,,Ich… Wir können doch nicht einfach gehen, als wäre nichts gewesen. Markus ist tot.“ ,, Genau das, er ist tot, es nützt nichts,

wenn wir hier bleiben um irgendwelchen sich um seinen Titel streitenden Adeligen zu erklären, wie er gestorben ist.“ Kellvian stand auf. Musste den alles plötzlich so kompliziert werden… Am liebsten hätte er dem Seher gesagt, was er von seiner tollen Idee hielt. Er zwang sich zur Ruhe. Was war nur mit ihm, das er sich plötzlich so leicht provozieren ließ? Auf seine Art wusste er die Antwort natürlich längst. Es war alles… Melchior hatte absolut recht mit allem was er sagte. Es wäre dumm auch nur zu denken, er könnte Jiy einholen. Es war geradezu idiotisch von ihm zu glauben, das ändere noch etwas. Und es war

Wahnsinn zu ignorieren, was passiert war. Der Orden oder zumindest einige Zauberer waren ohne Zweifel hinter ihm her. So oder so, das war größer als er selbst. Es schien die einzig richtige Entscheidung zu sein, in Bewegung zu bleiben und gleichzeitig keine Risiken mehr einzugehen, bis sie irgendwie zur fliegenden Stadt gelangen konnten. Warum musste er das entscheiden. Er wusste was sein Herz wollte, aber auch was sein Kopf für das Beste hielt. Und eines Tages würde es nicht mehr bei solchen zumindest für alle anderen harmlosen Entscheidungen bleiben. ,, Sagt ihr mir doch, was ich tun soll.“ , meinte er ruhig. ,, Ich… kann keine

Antwort finden.“ ,, Warum nicht Kellvian ?“ ,, Weil ich ein verfluchter Feigling bin, Melchior. Auf eine Art weiß ich, was ich zu tun habe. Was man von mir erwarten würde schätze ich.“ ,, Und auf der anderen Seite ?“ ,, Habe ich darauf selten viel Wert gelegt. Ich weiß nicht auf welche Stimme ich hören soll.“ ,, Meinen Rat habe ich euch schon gegeben Kellvian. Das beste wäre es, sich auf den Weg zur fliegenden Stadt zu machen. Jedoch wäre es Selbstmord, uns zu nähern, solange ein ganzer Tross , darunter sicher auch mehr als genug Sanguis-Zauberer, ihr folgt. Das beste

wäre es, sich über das Wasser zu nähern, wenn die Stadt über dem Meer ist. Lasanta wäre eine Option. Die Stadt ist groß genug um unterzutauchen. Von dort aus könnten wir ein Schiff nehmen.“ ,, Zyle ?“ ,, Seht mich nicht so an, ich habe keine Ahnung. Ich werde nicht plötzlich verschwinden, so viel ist klar. Euer Orden hat den Mann getötet, den ich nicht verletzen konnte. Das ist jetzt was Persönliches.“ Der Gejarn grinste, ein Anblick der selten genug war. ,, Und ohnehin, wie weit kommt ihr ohne mich ? Nehmt es mir nicht übel Melchior, aber ohne eure magischen Tricks seit ihr alles andere als eine Bedrohung und Kellvian…

Davon ausgehend, das ihr nicht bei jeder Gelegenheit wieder die Kontrolle über euch verliert, seit ihr auch nicht das, was man einen überragenden Kämpfer nennen würde. Zumindest nicht nach Laos Maßstäben. “ ,, Lasanta also ?“ , fragte Kellvian und lächelte halbherzig. Er konnte sich dazu zwingen, aber echter wirkte es dadurch nicht. Es würde eine Weile dauern, bis er wieder Lachen konnte. Wenn überhaupt… ,, Es sieht so aus.“ , bestätigte Melchior. ,, Die Reise wird ein paar Wochen dauern, also sollten wir mitnehmen, was wir finden. Und dann sehen, das wir uns auf den Weg

machen.“ Zyle stand von seinem Platz gegenüber dem Seher auf. ,, Dann sollten wir nicht mehr herumtrödeln, richtig ?“ Kellvian sah ihm nach, als er in Richtung der Zimmer verschwand. Es ging… heim wie es aussah. Auch wenn ihnen noch ein langer Weg bevorstand, seine Reise ging hier offenbar zu Ende. Und was hatte er davon mitgenommen? Einen verbitterten Geist und ein gebrochenes Herz. Ein Haufen neuer Narben. Und einige dünne Strähnen frühergrautes Haar. Das war nicht, was er gesucht hatte. Und er wusste nicht, ob er sich darüber freuen konnte, zurückzukehren. Es fühlte sich nur Schal und Verkehrt an. Er konnte nur

hoffen, dass ihn die Reise ein wenig auf andere Gedanken bringen könnte. Wenn das noch etwas konnte.

Kapitel 49 Eigene Regeln


,,Ich kann solche Verluste nicht länger hinnehmen.“ , erklärte Tyrus aufgebracht. Der Anführer des Sanguis-Ordens lief langsam auf und ab, die Hände hinter den Rücken verschränkt. Der türkisfarbene Umhang verbarg dabei nur notdürftig die tiefen Narben auf seinem linken Arm. Die kleine Gruppe Gestalten, die sich um ihn versammelt hatten schien das wenig zu interessieren. Er war erst vor wenigen Tagen wieder in der fliegenden Stadt angekommen und hatte seither keine Nachrichten mehr erhalten, was aus

seinen Befehlen geworden war. Bis jetzt. Nun stand er in einem schlicht eingerichteten Zimmer des Palastes. Die Türen waren versiegelt und er hatte sie zusätzlich noch mit einem Zauber belegt, der jeden Lauscher täuschen würde. Aus den Fenstern heraus konnte er direkt hinab auf die grün-braunen Ebenen sehen, über denen die Stadt momentan schwebte. Das hieß, sofern man diese unter dem Begleitzug, der der Stadt folgte erkennen konnte. Auf ihrer ewigen Wanderung würden die schwebenden Bauten bald das Meer erreichen, doch bis dahin erhöhte sich die Zahl der Menschen, welche die Paläste begleiteten noch einmal. Es gab

ganze Familien, die ihr Geld nur damit verdienten, diese endlose Karawane zu versorgen. Eine Karawane bestehend aus all jenen , die zwar gebraucht , aber innerhalb der Stadt selber sicher nicht Geduldet wurden. Handwerker aber auch Niedrige Zauberer, Abteilungen anderer Garnisonen als der Leibgarde des Kaisers oder verarmte Adelige. Von all dem sahen seine schattenhaften Besucher jedoch wenig. Die Abbilder der einzelnen Mitglieder des Netzes waren verschwommen. Erneut hatte Tyrus auf billige Magie zurückgreifen müssen um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Wie er begann dieses Versteckspiel von Tag zu Tag mehr zu

verabscheuen. Auf einem Schreibtisch in der nähe der Fenster lag ein zusammengeknüllter Brief. Leere Worte und Drohungen. Sie brauchten ihn, jeder der Anwesenden, wenn sie auf Erfolg hoffen konnten. Jeder andere… wäre entweder nicht in der Lage oder schlicht unfähig. Aber spielte er nicht längst ein eigenes Spiel? Die Nachricht, das Kellvian auch den zweiten Angriff überlebt hatte, war für ihn geradezu erleichternd gewesen. Nicht so für den Rest des versammelten Netzes. ,, Der Orden soll die alleinigen Risiken tragen. Aber zwei Großmagier in wenigen Wochen ? Einer verschollen und

einer so gut wie tot. Wir haben so viele mächtige Zauberer in so kurzer Zeit nicht mehr seit dem letzten großen Krieg verloren. Unsere Linien sterben langsam aus, es werden kaum noch so viel Zauberer geboren, wie wir ersetzen müssen. Geschweige denn, dass wir jene finden, die das Potential eines Großmagiers besitzen. Vielleicht zehn pro Generation.“ ,, Habt ihr ihn deshalb nicht getötet , obwohl ihr wisst, was Kellvian ist ?“ , warf einer der Anwesenden Schatten ein. ,, Ein Seelenträger. Ihr wisst, welchen Schaden er anrichten könnte. Euer Orden dürfte Simon noch nicht vergessen

haben.“ ,, Simon Belfare,“ , erwiderte Tyrus. ,,War ein ausgebildeter Zauberer und einer der mächtigsten Magier, welche seit dem Untergang des alten Volkes auf dieser Welt wandelten. Kellvian hingegen ist ein halbes Kind, seine Kräfte sind kaum geformt. Solange ihr mir also nicht weismachen wollt, dass ihr an Reinkarnation glaubt, ist er schwerlich eine Bedrohung. Zumindest nicht als Person. Auch wenn mich interessieren würde, wie weit sein Potential geht…“ ,, Das werden wir besser niemals herausfinden. Um euretwillen. Er muss sterben, bevor er die fliegende Stadt

erreicht. “ ,, Aber der Patrizier ist tot. Markus Cynric. Zumindest das konnten wir sicherstellen.“ ,, warf Tyrus nun ein. ,, Damit stehen uns wieder alle Optionen offen.“ ,, Wir haben bereits die beste Option gewählt. Es ist eure Aufgabe, diese auch auszuführen. Der Patrizier ist für den fall, das ihr versagen solltet. Und wenn das passiert… nun wir wollen alle nicht, das sich der Meister persönlich einmischt oder?“ , fragte sein Gegenüber. ,,Wenn der Adler und der Löwe sich gegenseitig zerreißen, dann werde wir es sein, die wieder Ordnung schaffen.“ , warf ein weiterer

ein. Tyrus konnte nur nicken. Wenn ihr Plan aufging, ließ sich das Kaiserreich wieder stabilisieren, Es war noch alles in der Schwebe, aber sie hatten den Schlüssel zur Rettung. Ein gewagter Balanceakt, dennoch war er nötig, wie ihnen allen der Meister versicherte… ,, Dennoch : Wenn wir nicht vorsichtig sind, wir der Frieden für den wir alle so hart arbeiten im Chaos enden.“ , gab er zu bedenken. ,, Wissen wir denn, wo Kellvian jetzt ist ?“ ,, Unglücklicherweise nicht.“ , antwortete Tyrus. ,, Er ist aus Vara verschwunden und bisher hat ihn keiner

unserer Informanten irgendwo entdeckt. Glücklicherweise, bevor jemand in der Stadt den Tod des Patriziers untersuchen konnte. Das wird uns noch nützlich sein.“ ,, Erfüllt ihr nur euren Teil ,Zauberer. Glaubt nicht, ihr könntet auf eigene Faust handeln.“ Mit diesen Worten löste sich das halbe dutzend verschwommener Gestalten auf. Tyrus Lightsson ließ sich an dem kleinen Schreibtisch nieder, der vor dem Fenster des Raumes stand. Sonnenlicht, in dem tausende goldene Staubfunken tanzten, schien von draußen herein. Mit ausdrucksloser Mine nahm der Ordensobere einen zusammengeknüllten

Brief in die Hand und strich das Papier glatt. Die Buchstaben darauf waren klar in das Material gebrannt, fast wie mit einer Druckerpresse. Nur das hier freilich immer noch das schwache kribbeln von Magie zu spüren war. Mit einem hatten die anderen Recht. Er wollte ganz sicher nicht, dass sich der Meister persönlich in irgendetwas einmischte. Jene schattenhafte Gestalt, die sie zusammengebracht hatte als sie Spannungen zwischen Gejarn und Menschen zunahmen. Sie alle suchten doch nach einer friedliche Lösung oder? Das war es, was man ihnen versprochen hatte. Und doch war er denn der einzig, der die Möglichkeit sah, das Kellvian

ihnen helfen konnte. Es sogar verstehen würde… Verdammt er kannte ihn doch. Und mit seiner Unterstützung wäre es sehr viel einfacher. Er musste an sein letztes Treffen mit dem Kaiser denken. Der Hochgeneral hatte natürlich auf eine militärische Lösung gepocht. Dagian Einher war vielleicht ein taktisches Genie, aber ehrgeizig. Und sich nicht zu Schade unzählige Leben für etwas mehr Gewinn und Ruhm wegzuwerfen. Aber Konstantin war weich geworden…. Das war unerwartet. Es gab noch keinen Konflikt und wie es aussah, hatten die Gejarn-Clans, die sich gegen den Kaiser stellte endlich einen Botschafter

geschickt. Der Mann sollte in den nächsten Tagen eintreffen. Aber nach wie vor, der Kaiser allein würde den Sturm nicht aufhalten. Und wenn der falsche Mann die Geschicke der Welt lenkte, wenn der Kaiser einen Fehler machte… Das konnten sie schlicht nicht riskieren. Und wenn Konstantin Belfare starb, dann durfte Kellvian ihm nicht auf den Thron folgen… Es musste jemand sein, der wusste, was er zu tun hatte. Das Netz konnte handeln. Sie hatten Leute in den dazu erforderlichen Positionen, auch unter den Gejarn, das war Tyrus klar. Aber dabei durfte ihnen kein Kaiser im weg stehen

und erst recht nicht dessen Übereifriger General. Aber das änderte nichts daran, dass ihre Erfolgschancen höher standen, wenn Kellvian auf ihrer Seite wäre. Es war nicht nötig ihn zu töten. Sie hatten bereits die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass er es in die fliegende Stadt zurück schaffen könnte, dachte Tyrus. Und darauf konnte er aufbauen. Das bedeutete aber, er müsste dafür Sorgen, das Kellvian trotz seiner Befehle an den Orden und der Entscheidung der andere überlebte. Und noch wichtiger, es auch in die fliegende Stadt zurück schaffte. Aber wie sollte er das anstellen… Sie wussten im Moment nicht einmal, wo sich der Sohn des Kaisers aufhalten

könnte. Aber Kell war alles andere als dumm. Nach seinem zusammentreffen mit Quinn musste er vermuten, das der Sanguis-Orden hinter ihm her war. Er konnte also vermuten, wo er hin wollte, zurück zur fliegenden Stadt. Nur wie würde er das anstellen… Die Erkenntnis traf Tyrus wie ein Schlag. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit, sich der Stadt unbehelligt zu nähern und dabei gleichzeitig eventuelle Verfolger abzuschütteln. Und das war übers Wasser. Solange Kellvian einen Funken Verstand besaß würde er versuchen einen Hafen zu erreichen. Aber welchen ? Es gab dutzende von

größeren und kleineren Städten an allen Küsten Cantons. Er könnte nicht alle beaufsichtigen lassen. Oder möglicherweise ja doch ? Das würde teuer, aber einen Teufel würde er tun und diese Gelegenheit verstreichen lassen. Wenn er schon ein Spiel im Schatten sielen musste, dann nach seinen Bedingungen. Er legte den mitgenommenen Brief beiseite, als sich eine weitere Gestalt im Raum manifestierte. Diesmal war es hochwertiger Zauber und damit ein offizieller Besucher. Zwar erlaubten es die uralten Schutzzauber der fliegenden Stadt nicht, das sich jemand einfach teleportieren konnte, aber

Kommunikationszauber wie die, die der Orden verwendete waren davon nicht betroffen. Klar erkennbar stand die Gestalt vor ihm. Ein türkisfarbener Umhang mit dem goldenen Emblem des Ordens fiel ihr über die Schultern, konnte den Verband, der sich quer über die nackte und seltsam ausgemergelte Brust des Mannes zog , jedoch nicht verbergen. Die letzte Farbe war aus seinen Haaren gewichen und hatte nur eine graue Mähne zurückgelassen. Tiefe Schatten unter seinen Augen sprachen Bände, wie knapp er dem Tot entronnen war, aber das düstere Funkeln darin verriet noch viel mehr. Quinn war auf eine Art

Wahnsinnig, wie Tyrus es nur bei wenigen Leuten gesehen hatte. Nicht einfach nur Skrupellos, sondern scheinbar völlig Emotionslos. Das breite Lächeln, das er dem Ordensoberen schenkte täuschte diesen nicht darüber hinweg. Weiße, makellose Zähne blitzten auf. Der Großmagier war gut darin, sich zu verstellen, deshalb hatte er ja grade ihn geschickt. ,, Wie ich sehe seit ihr bereits wieder auf den Beinen.“ , meinte Tyrus im Plauderton. ,, Ich wäre es schon früher gewesen, wen der verdammte Heiler dem man mich überlassen hat kein verfluchter Anfänger gewesen wäre.“ , erwiderte

Quinn. ,, Verzeiht es ihnen.“ ,, Ich dachte eher daran denjenigen zum Ausprobieren einiger neuer Zauber zu nutzen.“ Die Stimme des Großmagiers machte klar, dass er das keineswegs scherzhaft meinte. ,, Es sei den natürlich, ihr möchtet, das ich Belfare wieder verfolge. Ich kann es kaum erwarten ein bisschen was zurück zu zahlen.“ ,, Nein. Ich möchte, das ihr euch fürs erste zurück zur Festung des Ordens begebt.“ ,, Warum ?“ ,, Die Gründe haben euch nicht zu interessieren Quinn. Nur so viel: Das ist

ein klarer Befehl. Denkt nicht einmal daran, Kellvian ohne meine direkte Anweisung zu verfolgen. Ich muss euch nicht klar machen, welche Konsequenzen das hätte. Verstehen wir uns?“ ,, Ja… Ordensoberster.“ Quinn war alles andere als begeistert, wie es schien. Dennoch, er würde sich fügen, dachte Tyrus. So extrem Quinn sein konnte, er war einer der besten, die ihm zur Verfügung standen. ,, Aber was nützt es, wenn ich untätig in den Bergen herumsitze ?“ ,, Ihr werdet nicht untätig sein, ihr erfüllt meine Befehle. Ich will einmal ehrlich sein. Ich habe euch nicht verraten, wieso mir an Kells Tot gelegen

war und ich werde das auch weiterhin nicht. Nur soviel: Meine Ziele hinsichtlich dessen haben sich mittlerweile geändert. Aber ihr seit einer der ranghöchsten Magier des Ordens.“ ,, Was hat das mit euren Befehlen zu tun ?“ , wollte der Großmagier wissen. Tyrus ließ sich mit der Antwort Zeit. ,, Eine Menge. Es besteht die Möglichkeit das einige… Leute in nächster Zeit versuchen könnten mich los zu werden. Nichts um das ihr euch Gedanken machen müsst, aber wenn das passiert, wäre es besser, meine Nachfolge in den Reihen des Ordens wäre

geklärt.“ ,, Und ihr denkt dabei an mich.“ Quinn klang weder besonders erfreut noch betrübt darüber. Es war eine schlichte, kalte Feststellung. ,, Tatsächlich tue ich das. Und das können gerne auch alle Wissen.“ Zwar wurde der Anführer des Sanguis-Ordens durch eine direkte Abstimmung aus den Großmagiern gewählt, aber in der Praxis würden die meisten wohl der Empfehlung des Ordensoberen folgen, wenn dieser den eine gab. Und auch wenn Tyrus Quinn für Skrupellos hielt, wenn er versagen sollte… oder der Meister entscheiden, das er ihn nicht mehr brauchte, wäre der

Orden auf genau so jemanden angewiesen. ,, Und was habt ihr vor, das euch in die Situation bringt, einen Nachfolger bestimmen zu müssen ?“ , wollte der Großmagier nun doch wissen. ,, Als aller erstes werde ich mich mit einer ganzen Reihe Leute unterhalten müssen. Sagt mir… für wie vertrauenswürdig haltet ihr Piraten?“ ,, Ich schätze, das kommt wohl darauf an, wie gut ihr sie bezahlt.“ ,, Dann sollten das ja kein Problem sein.“

Kapitel 50 Nebenwetten


Überfahrt nach Lasanta Tag 2 Jahr 253 der Herrschaft des Hauses  Belfare 

Wenn sich das Wetter hält sollten wir in spätestens zwei Wochen den Hafen erreichen. Der Wind könnte nicht besser stehen und auch wenn die Schäden aus der Schlacht erst in Lasante völlig behoben werden können, hält sich die Windrufer gut.
Persönliche Anmerkungen :
Ich schwöre ich rühre nie wieder ein Fass Rum an. Mir war die letzten Stunden übel wie selten und ich werde

sonst nie Seekrank. Woraus immer Flemming seine Schmerzmittel ansetzt, es verträgt sich nicht mit Alkohol. Wenngleich der Mann der reinste Wunderheiler zu sein scheint. Nach dem zusammentreffen mit dem Kaiserreich haben wir so viele Verletzte… Ich wüsste nicht, wie viele überhaupt noch am Leben wären, wenn wir nicht jemanden hätten, der sein Handwerk versteht. Auch wenn manche ihn immer noch fürchten, versuche ich das so gut wie möglich zu zerstreuen.  Ein einfacher Mensch der einen Großmagier tötet, ich bin mir nicht mal sicher, ob ich nicht Angst vor ihm haben sollte. Auch wenn er nach wie vor eine ausgesuchte Höflichkeit an den Tag

legt.
Meistens hält sich ohnehin Cyrus in seiner Nähe auf. Er scheint noch darüber nachzudenken, ob er bleibt oder zur Garde zurückkehrt, aber nach dem was er mir erzählt hat, glaube ich nicht, das das eine schwere Entscheidung wird. Ich gebe es ungern zu aber ohne seine Hilfe hätte das Kaiserreich oder zumindest dieser Aurelius uns erwischt.


Überfahrt nach Lasanta Tag 13 Jahr 253 der Herrschaft des Hauses  Belfare 

Ich bräuchte jetzt wirklich einen Krug Rum. Persönliche Notiz: Nie wieder leere

Versprechungen mir selbst gegenüber  geben. Es wird noch einige Zeit dauern, bis meine Verletzungen ganz verheilt sind und mittlerweile weigert dieser Bastard von einem Arzt sich, mir irgendwelche Schmerzmittel zu geben. Er meint das wäre gefährlich. Ich sag diesem Kerl was gefährlich ist: Schmerzen und schlechte Laune. Ich hasse das.  Hilflos sein… Wenigstens bin ich die Krücken mittlerweile losgeworden.
Zachary unterhält sich mittlerweile öfter mit Cyrus. Offenbar hat der Kleine ihn richtig ins Herz geschlossen. Es ist ein wenig seltsam zu sehen, das Zac sich mit jemand versteht. Götter, es gibt Wochen,

da brachte er kein Wort über die Lippen, besonders... vor all dem.
Ich werde nochmal mit ihm reden. Cyrus für die Crew zu gewinnen wäre sicher von Vorteil.
Das einzige, was mir momentan Kopfschmerzen bereitet, ist Falamirs Träne . Der Orden gibt sicher nicht so schnell auf, dafür sind die Magier zu arrogant. Ich werde ein Auge offenhalten müssen. Wir alle werden das.


-Auszug aus dem Logbuch der Windrufer
-Verfasst von Eden  Maadaj
Beschlagnahmt von der kaiserlichen Marine und verwahrt in den Archiven zu

Vara , Verschlusssache


Jemand war hier. Das wusste Eden, sobald sie die Kajüte betrat. Es war etwas in der Luft. Ein Hauch von etwas, das nicht da sein sollte… und wenige Augenblicke  zuvor auch noch nicht da gewesen war. Schwefel und ein Hauch von Regendurchnässter Erde . Sie hatten seit Tagen kaum Wolken gehabt.
Es war mitten in der Nacht und niemand mehr auf den Beinen außer ihr. Die verdammte Wunde in ihrer Seite verheilte zwar, aber quälend langsam und der Schmerz hinderte sie daran, viel Ruhe zu

finden.
Aber Erik Flemming verstand das offenbar nicht. ,,Entschuldigt Madam, aber wenn ihr euch umbringen wollt tut das ohne meine Hilfe.“ Und dabei war es auch geblieben… Es hatte wenig Sinn mit dem Mann zu diskutieren… oder ihn anzuschreien, wie ihr schnell klar geworden war.
Langsam trat Eden in den kleinen Raum. Nach all den Jahren konnte sie sich auf dem Schiff auch im Dunkeln  orientieren.  Rechts von ihr, in der Nähe der Tür stand ein kleiner Tisch mit einer Öllampe. Ruhig und ohne einen Laut nahm sie die dunkle Laterne in die Hand und begann nach einem Zündholz zu

tasten. Sobald sie die Lampe entzündete blendete sie die Flamme einen Augenblick lang. Im schwachen Feuerschein konnte sie die Einrichtung erkennen. Ein kleiner Tisch direkt neben der Tür, von dem sie die Lampe genommen hatte leuchtete auf. Daneben stand ein Esstisch, von dem sie ohnehin selten gebrauch machte.  Durch ein angelaufenes Fenster in der Rückwand  fiel Sternenlicht in den Raum, das aber nicht ausreichte um die Schatten zu vertreiben. Daneben ragten die Umrisse eines Bücherregals auf.
Daneben befand sich das Bett und einige Schritte davon entfernt ein einfacher Schreibtisch… Eden erstarrte. Am Tisch

saß jemand.
,, Wer seit ihr ?“ , verlangte sie zu wissen, während ihre freie Hand nach dem Griff eines Dolches tastete. Mit ihren Verletzungen war sie nicht in der Lage ordentlich mit einem Schwert zu kämpfe.
Mit der anderen Hand hob Eden die Laterne höher. Türkisfarben blitzte der Umhang des Eindringlings auf. Und darauf das Symbol des Sanguis-Ordens. Die Gejarn handelte  rein instinktiv. Eden packte den Messergriff mit der freien Hand und holte aus. Sekunden später sirrte die Klinge durch die Luft. Im selben Moment erhob sich die Gestalt am Schreibtisch und streckte eine Hand

vor. Der Dolch wurde langsamer, bis er gemächlich in die Faust des Fremden wanderte.
,, Ich muss sagen, es ist ein wenig Unwohl, so seine Gäste zu begrüßen.“ , meinte die Gestalt. Der Magier hatte grau-weiße  Haare, die ihm fast bis auf die Schultern reichten. Dunkle, kalte Augen sahen zu ihr, aus einem überraschend alt wirkenden Gesicht. Zumindest alt für einen Zauberer.
,, Ihr seit weder mein Gast noch sonst irgendwie willkommen.“ Rasch griff Eden nach einem zweiten Messer und warf.
Diesmal duckte der Fremde sich lediglich darunter

weg.
,, In diesem Fall habe ich einen Haufen Magie verschwendet nur um hierher zu kommen… Das wäre bedauerlich. Teleportzauber sind teuer. Ich habe euch immerhin ein Angebot zu machen, das sich für euch lohnen könnte.“
,, Kein Interesse.“ , knurrte sie und verfluchte sich selbst, das sie nicht daran Gedacht hatte, mehr Messer zu tragen. ,,Ihr habt mein Schiff zusammengeschossen oder zumindest einer  eurer Leute. Hat ihm aber nicht viel genützt.“
Ein betrübter Ausdruck trat auf das Gesicht des Magiers. ,, Also das ist aus dem guten Aurelius geworden ? Nun…

vielleicht kann ich den Schaden ja aufwiegen. Wenn ihr eure Sache gut macht.“
Eden seufzte. Wer immer der Kerl war, er wusste offenbar nichts von Falamirs Träne. Oder schien auch nur daran interessiert. Der Mann hätte sie längst töte können und es sah nicht so aus, als könnte sie von sich das gleiche behaupten. Also gut, dachte sie. Es konnte nicht wirklich schaden ihn zumindest anzuhören. Nicht, das ihr eine große Wahl blieb.
,, Wer seit ihr ?“ , wollte sie wissen. Sie konnte sich zumindest anhöre um was es hier ging. Nicht, das sie in der Position wäre, den Magier einfach

wegzuschicken…
,, Mein Name ist Tyrus Lightsson.“ , sagte er ruhig. ,, Ich schätze, er dürfte euch bekannt sein.“
Eden ließ sich nichts anmerken, aber natürlich hatte sie den Namen schon einmal gehört. Das war also der Oberste Zauberer des Sanguis-Ordens. Ein Mann, der in seinen Fähigkeiten noch über den Großmagiern stand aber wenn man den Geschichten glaubte auch ein Schwertkämpfer war, mit dem man rechnen musste. Folgte die Frage, was so jemand hier wollte, dachte Eden. Es ging tatsächlich  nicht um den verdammten Stein, das schien klar, oder sie wäre längst tot. Einen Augenblick überlegte

sie nach ihren Leuten zu rufen, aber… sie war niemand, der um Hilfe rief und schon gar niemand, der sich durch ein paar Geschichten und Zaubertricks einschüchtern ließ. Und wenn dieser Mann vor ihr wirklich der höchste Magier Cantons war… dann würde ihre Crew bestenfalls schnell sterben. Nein, entschied Eden, sie würde niemanden gefährden.
,, Und welchem Umstand verdanke ich die zweifelhafte… Ehre eures Besuchs ?“ , wollte sie wissen.
,,Es geht mir darum jemanden zu finden.“ , sagte Tyrus. , Jemand, der in nächster Zeit in einem Hafen auftauchen

wird.“
,, Euch dürfte dabei nicht entgangen sein, das Canton jede Menge Städte an den Küsten besitzt. Und ich habe nicht vor, jede einzelne davon anzulaufen, wie viel ihr auch bietet.“
,, Das ist mir durchaus klar.“ , erwiderte der Ordensobere. ,, Glaubt nicht, ihr seid die einzigen, die ich aufsuche. Die Frage ist nur ob ihr mein Angebot annehmt.“
,, Das würde wohl darauf ankommen, um wen es hierbei geht.“
,, Das hat euch wenig zu interessieren. Wichtig ist nur eines, das er die fliegende Stadt erreicht. Der Palast des Kaisers wird bald über dem Meer sein und wenn ihr den Mann findet, den ich

will, müsst ihr ihn dorthin bringen.“ , sagte Tyrus.  Er plante hier hinter dem Rücke des Meisters, aber war er den der einzige, der die Gelegenheit sah? Frieden wäre viel leichter mit Kell lebend. Der Junge wollte nicht herrschen, er würde vielleicht sogar verstehen…
,, Also eine Kopfgeldjagd ?“
,, Ganz im Gegenteil. Er wird euch sogar selbst versuchen zur fliegenden Stadt zu gelangen. Was ihr tun sollt ist lediglich ihn lebend dorthin zu bringen. Er darf lediglich nicht erfahren, wer euch beauftragt hat. “ Der Magier holte einen kleinen Beutel hervor, den er Eden zuwarf. Die Gejarn fing die Tasche auf. ,,Den ersten Teil der Bezahlung erhaltet

ihr sofort, den zweiten, falls ihr diejenige seit, die ihn abliefern.“
Eden öffnete den Beutel, ließ den Zauberer dabei aber keinen Augenblick aus den Augen. Handtellergroße Goldmünzen schimmerten ihr entgegen.
,, Das ist Kaisergold.“ , sagte sie nüchtern. ,, Haltet ihr mich für völlig bescheuert ?“
,, Ich weiß nicht ob ich…“
,, Ihr würdet niemals so viel bezahlen, wenn es nicht um einiges schwerer wäre, als ihr es beschreibt. Also noch einmal. Um wen geht es hier, das ihr die Schatzkammern eures Ordens plündert?“
,, Halten wir einfach fest, das derjenige äußerst wichtig für mich ist. Wenn er

euch selber sagt, wer er ist, ändert das aber nichts an eurem Auftrag und ich würde euch empfehlen nicht einmal darüber nachzudenken, euren Teil nicht zu erfüllen.“
Eden  dachte einen Augenblick nach. Das war viel zu viel Gold für einen derart simplen Auftrag… Sogar mehr als nur zu viel. Und der Mann war bereit ein Vermögen allein dafür zu bezahlen, das sie nach einer einzigen Person Ausschau hielten, sobald sie in Lasanta oder einem anderen Hafen anlegten? Irgendetwas an der Sache stank zum Himmel. Auf der anderen Seite…. Sie sollten nur Ausschau halten. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet

ihr derjenige über den weg lief? Und sie würde das Gold wirklich gebrauchen können, wenn sie das Schiff reparieren ließ. Allein die Materialkosten würden ein kleines Vermögen verschlinge und auch wenn sie nicht arm war… Es wäre dumm abzulehnen.
,, Schön.“ , sagte sie. ,, Nehmen wir an, ich akzeptiere euer Angebot und werde mich bereit erklären nach eurem… Freund Ausschau zu halten, worauf muss ich achten?“
,, Sein Name ist Kellvian. Blonde Haare, blaugrüne Augen. Er trägt einen Ring, wie ihn die hohen Gesandten des Kaiserreichs besitzen. Und er wird nicht alleine reisen. Soweit mir bekannt ist,

wird er momentan von mindestens drei Personen begleitet. Einem alternden Mann, der sich selber Melchior der Seher nennt, schwarzgraue Haare, blauer Mantel  und er trägt mindestens zwei Artefakte. Seine zweite Begleiterin ist eine Gejarn-Leopardin. Jiy.  Weißgraues Fell, schwarze Flecken, etwas kleiner als ihr.
Und der dritte ist ebenfalls ein Gejarn. Er stich ziemlich heraus, offenbar ein Schwertmeister aus Laos, der sich aus unbekannten Gründen in Canton aufhält….“  Sein gegenüber musste nur so viel wissen, wie absolut notwendig war, dachte Tyrus.
Eine Vorahnung ließ Eden den Magier

jedoch unterbrechen. ,, Und wie heißt dieser Schwertmeister ?“
,, Ich würde nicht viel auf den Namen geben. Wenn der Mann aus Laos stammt ist er bestenfalls ein Spion. Aber soweit ich weiß nennt er sich Zyle….“
Sie schüttelte den Kopf Gab es de noch so etwas wie Zufälle? ,, Einfach großartig und ich dachte, den bin ich los.“





Kapitel 51 Der richtige grund

Blau, blau und noch mehr blau. Seit nun beinahe zwei Wochen sah er nichts anderes. Die Küste tauchte ab und an aus dem Dunst auf, aber die meiste Zeit war die Windrufer alles, was sich von der endlosen Wasserfläche um sie herum abhob. Eigentlich, dachte Cyrus müsste das jeden irgendwann in den Wahnsinn treiben. Aber ihm gefiel es. Er stand am Bug des Schiffs und sah über die Wellen hinaus zu dem Punkt wo Himmel und Wasser ineinander überzugehen schienen.

Natürlich war das eine Illusion, das die Welt rund war hatten die Gelehrten schon vor einem Jahrhundert herausgefunden, auch wenn bisher jeder Versuch, die Sonnensee Richtung Westen oder Osten komplett zu überqueren gescheitert war. Nur wenige waren je von diesen Abenteuern zurückgekehrt um von einem Nebelverhangenen Kontinent weit Jenseits der verzeichneten Küsten zu berichten. Jenem Land zu dem sich vor Ewigkeiten angeblich die Zwerge zurückgezogen hatten. Aber wer wusste schon ob solche Geschichten nicht allesamt besser ins Reich der Sagen gehörten… Es war eigentlich gar nicht seine Art,

sich lange mit solchen Gedanken aufzuhalten, dachte er, aber die Ruhe auf dem Schiff ließ ihm viel Zeit zum Nachdenken. So wie es aussah würde es noch eine ganze Weile dauern, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Es war noch früher Morgen und einige aus Edens bunt zusammengewürfelter Crew schliefen noch an Deck. Andere hatten sich bereits daran gemacht, die notdürftig reparierten Lecks im Rumpf zu inspizieren. Zwar drang Wasser ein, aber noch war das nicht besorgniserregend. Sie sollten es eigentlich ohne Probleme bis nach Lasanta schaffen. Eden war in den letzten Tagen

zunehmend launischer geworden, wie es den Anschein hatte und auch wenn er sich lieber von ihr fern hielt, ein wenig Sorgte er sich doch um die Kapitänin der Windrufer. Besonders, nachdem Erik sich geweigert hatte, weiterhin Schmerzmittel auszugeben, jetzt wo ihre Wunden langsam zu Heilen begannen. Auch wenn sie wohl versuchte ihre schlechte Laune nicht an irgendjemanden auszulassen, der lautstarke Streit mit Flemming war gestern kaum jemanden entgangen. Ganz sicher war er sich nicht, aber heute Morgen hatte Eden noch müder als sonst gewirkt. Sie war meist die erste auf den Beinen und schlief erst, wenn allen

anderen schon längst die Augen zufielen. Die Gejarn stand in der Mitte des Schiffs und suchte nervös den Horizont ab, als fürchtete sie, dass sie wieder verfolgt werden könnten. Oder vielleicht versuchte sie auch nur sich abzulenken. Cyrus zog sich den Hut ins Gesicht um sich etwas vor der Sonne zu schützen, die trotz der frühen Stunde schon unbarmherzig vom Himmel brannte. ,,Morgen.“ Eden drehte sich nicht zu ihm um und erwiderte den Gruß auch nicht. Sie nickte lediglich kurz, als er an ihr vorbeiging und das Deck nach Flemming absuchte. Der Arzt saß auf den Treppen zum Unterdeck und las in einem Buch

mit abgewetztem Einband, während Zachary wenige Schritte entfernt den blauen Edelstein betrachtete, den er an einer Kette um den Hals trug. Cyrus hatte sich mittlerweile an den jungen Zauberer gewöhnt. So schweigsam er manchmal war, auf seine Art schien er doch mehr mitzubekommen, als die meisten. Und er konnte überraschend scharfsinnig sein. ,,Ich mag es nicht.“ , meinte Zac an Erik gewandt. Erik sah auf ,,Was ?“ ,,Die Träne. Es fühlt sich einfach … böse an.“ , meinte der Junge nur. ,,Oder zumindest nicht richtig. Es ist schwer zu beschreiben.“

Der Arzt sah von seinem Buch auf. ,,So ? Warum glaubst du das?“ ,,Es gibt einem Macht, auch die Macht andere zu verletzen. Ich weiß das hört sich für euch seltsam an, aber die Vorstellung gefällt mir nicht.“ ,,Vielleicht solltest du über so etwas nachdenken, bevor du eine Stadt unter Wasser setzt.“ , sagte Cyrus, aber ohne es böse zu meinen. ,,Und ich hätte vorher darüber nachdenken zu müssen. „ , gab er trotzig zu. ,,Es gefällt mir nicht, dass ich Leute verletzen kann. Aber ihr scheint damit beide keine Probleme zu haben…“ Cyrus wusste nicht, was er darauf

erwidern sollte. Die Frage hatte sich ihm tatsächlich nie wirklich gestellt. Meist, weil einem in der vordersten Schlachtlinie ohnehin keine Zeit zum denken blieb. Es gab nur sein Leben oder das der anderen. Zum Glück nahm Erik dem Gejarn die Antwort ab. ,,Ach ja, das alte Problem. Weißt du ich kenne ein dutzend Gelehrte, die sich darüber Gedanken machen. Ist den töte immer falsch? Oder gibt es ausnahmen? Ich denke, die meisten davon haben keine Ahnung und bekommen schon Angst, wenn sie ein scharfes Fleischermesser in die Hand nehmen müssen.“ Wie um seine Worte zu unterstreichen zog der Arzt eine kurze

Klinge aus seinem Stiefle. Das Messer glänzte Silber in der Sonne und Cyrus erkannte die Waffe wieder, mit der Erik den Großmagier getötet hatte. ,,Eine Waffe, wie auch Magie ist in erster Linie ein Werkzeug wie ich es sehe. Cyrus, leiht mir doch mal eure Axt.“ Der Gejarn zögerte kurz. Er hatte sich mittlerweile wieder seine gewohnte Ausrüstung zugelegt, Axt, Kurzschwert und eine geladene Pistole. Auch wenn er nicht mit Ärger rechnete, Cyrus fühlte sich einfach wohler, wenn er nicht wehrlos war. Mit einem Ruck löste er die lichte Axt von dem Lederband an seinem Gürtel und reichte sie Flemming. Dieser stand von seinem Platz an der Treppe auf

und trat, gefolgt von Cyrus und Zachary auf das Deck hinaus. ,,Was ist eine Axt in erster Linie ?“ , fragte er nur um die Antwort selbst zu geben : ,,Ein Werkzeug. Ich kann damit Holz kleinschlagen, Türen aufbrechen oder auch und das ist der Punkt, mich damit verteidigen. Genau so wie mit Magie. Es liegt nichts Böses darin, allerdings ist es auch nicht unbedingt gut. Es kommt nur darauf an, wem ich diese Axt geben würde.“ ,,Gäbe es die Axt nicht, gäbe es auch kein Problem.“ , erwiderte Zachary skeptisch. Erik nickte. ,,Richtig. Sogar sehr richtig Und das hier ist das Problem. Viele

würden sich nicht nur Verteidigen… sondern angreifen, zuschlagen wenn sie es als die einfachste Lösung für ihre Probleme sehen. Aber das macht den Träger jedweder Waffe doch nicht böse. Auch wenn ich offen zugebe, das es wohl die Wahrscheinlichkeit für letzteres erhöht. “ ,,Ich wollte ihn töten.“ , gestand Zac. ,,Diesen Großmagier, versteht ihr das?“ ,,Aber das hast du am Ende nicht, oder ?“ Erik klang nun fast streng und tippte den Jungen mit dem Zeigefinger gegen die Brust. ,,Weil du immer die Wahl hast.“ ,,Und wenn ihr jemanden tötet…“ ,,Ich ?“ Cyrus zuckte mit den Schultern.

Er hatte zwar ein wenig darüber Nachgedacht, aber seine eigene Antwort überraschte ihn. ,,Ich töte wenn ich muss, schätze ich. Ich habe vor einiger Zeit schon akzeptiert, das es nicht viel Sinn macht, sich lange mit dem was wäre wenn zu quälen. Was wäre, wenn ich damals nicht weggelaufen wäre? Was wäre wenn ich geblieben wäre und versucht hätte unseren Hof oder meinen Vater zu retten? Ich denke auf was es wirklich ankommt ist… aus dem Richtigen Grund zu handeln. Dann kann man seinen Frieden damit machen, egal wie es ausgeht.“ ,,Womit wir bei der Frage wären, was der richtige Grund ist und wieder bei null.“

,,kommentierte Flemming. ,,Aber das… muss wohl ohnehin jeder selbst rausfinden, wie ?“ Er lachte hell. ,,Also Zachary, nimm das alles weniger schwer. Zeit für melancholische Gedanken bleibt dir mehr als genug wenn du mal mein Alter erreichen solltest. Oder besser… versuch das nicht. Ich bereue es jeden Tag mehr.“ Der Junge nickte, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. ,,Danke. Ich glaube das hilft wirklich.“ Kopfschüttelnd verschwand der junge Mann über Deck. ,,Nun Herr Wolf“ , sagte Erik, sobald Zachary ein gutes Stück entfernt war, ,,so gern ich glauben möchte, ihr seit hier weil ihr so gerne über Philosophie

diskutiert, so sicher bin ich mir, das das Gegenteil zutrifft.“ ,,Richtig. Es geht darum, was wir in Lasanta tun werden. Ihr werdet wohl die Garde-Kommandantur aufsuchen, oder? “ ,,Mir bleiben noch ein paar Jahre, bis diese alten Knochen ihren Geist aufgeben. In diesem Sinne, vermutlich ja.“ ,,Ich dachte darüber nach zu bleiben. Zumindest hat Eden mir einen Platz in der Crew angegeben.“ ,,Nun Freund, wenn ihr mich jetzt wirklich um einen Rat fragt, werde ich euch enttäuschen müssen. Das ist euer Leben, oder? Und ihr habt noch einiges mehr davon vor euch als ich.“ , sagte er.

Nur um murmelnd hinzuzufügen: ,,Allerdings hat die Idee doch einen gewissen Reiz. Ich war schon so ziemlich alles. Arzt, Gardist, Wissenschaftler und Aushilfe eines Bordell-Türstehers in Kalenchor. Aber das ist eine andere Geschichte. Warum nicht auch einmal freier… ähm Handelskaufmann.“ ,,Das heißt ihr denkt nach ebenfalls zu bleiben ? Ich hätte mir Gedacht, ihr würdet nach Hause wollen.“ ,,Nach Hause ? Wenn ich einmal so etwas wie eine wirkliche Heimat besessen habe, dann ist das so lange her, dass ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern kann. Ich bin ein Weltenbummler Cyrus, der schon mehr vergessen hat, als die

meisten Menschen je lernen werden. Also ja… warum nicht. Das heißt wenn Eden mich nicht über Bord werfen lässt.“ ,,Was genau… gebt ihr ihr eigentlich ?“, wollte Cyrus wissen. ,,Das gleiche, was alle Verletzten von mir bekommen, die wir noch haben. Mohnextrakt, Hopfen… ich dachte mal an Katzenminze, aber das vertragen manche Gejarn nicht, wenn ihr versteht. Aber langsam gehen mir ohnehin die Vorräte aus.“ ,,Ach deshalb gebt ihr nichts mehr raus.“ ,,Das und weil das auf Dauer wirklich gefährlich wird. In geringen Dosis mag das ganze ja Schmerzen lindern, aber erhöht nur die Menge weit genug und…

zwack sterben euch die Leute weg, weil sie einfach ersticken. Alles eine frage der Dosierung wie ihr seht.“ ,,Na wenn die Folgen derart schlechte Laune sind…“ ,,Keine Sorge, das wird wieder. In einer Woche spätestens ist sie über den Berg. Oder ich schwimme nach Lasanta, je nachdem was früher eintritt. Kalter Entzug ist nichts für jeden. Ich werde jedenfalls erstmal sehen, wie es den übrigen Verletzen geht. Die meisten sind mittlerweile wieder auf den Beinen aber manche hat der Magier erwischt. Magische Brandwunden… Zaubererfeuer kann sich wie flüssiges Pech verhalten und bleibt einfach an einem Ziel kleben

habt ihr das schon einmal gesehen?“ Cyrus schüttelte den Kopf. ,,Das sind grässliche Wunden kann ich euch sagen. Da bin sogar ich überfragt.“ Flemming verschwand unter Deck und ließ den Gejarn damit allein zurück. Verrückter alter Mann, dachte er, bevor er zurück an die Reling trat. Ein paar Wolken waren aufgezogen, aber das war wohl nichts, worum sie sich Sorgen machen müsste. Auch wenn es hieß, das Wetter könnte auf See schnell umschlagen. ,,Schön, das ihr euch mit Zachary unterhaltet. Es gibt Tage an denen bekommt man kein Wort aus ihm raus. Ich hoffe doch er macht keine

Probleme?“ Cyrus drehte den Kopf. Eden machte nach wie vor einen übermüdeten Eindruck, rang sich aber ein schwaches Lächeln ab. ,,Nein, sicher nicht. Ich mag den Kleinen sogar.“ , gab er zu. ,,Wie lange lebt ihr schon… so ?“ ,,Ihr meint auf einem Schiff ? Etwa zwei Jahre. Davor bin ich eine Ewigkeit durch alle Teile Cantons gereist. Oder besser geflohen. “ Sie seufzte. ,,Es sind Erinnerungen nicht mehr aber nicht alle davon sind gut. Aber das hier ist auf Dauer auch kein Platz für Zac wie mir immer klarer wird. Ich werde vor allem auch nicht ewig da sein…“ ,,Das klingt aber ziemlich

düster.“ ,,Es ist die Wahrheit. Aber es hat einen Dolchstoß gebraucht um mir das erst bewusst zu machen. Aber ihr habt sicher besseres zu tun, als euch meine Bedenken anzuhören, oder?“ ,,Das macht mir nichts aus. Wirklich.“ , sagte Cyrus und er meinte es auch so. ,,Unser Ziel im Augenblick ist Lasanta ?“ ,,Nach wie vor ja.“ ,,Das ist eine kaiserliche Stadt. Ich schätze ihr habt nicht vor, einfach in den Hafen zu segeln und das beste zu hoffen , oder ?“ Eden lachte. ,,Lasst euch überraschen. Ich verspreche nur, das dürfte interessant

werden. Vielleicht werden wir auch jemanden an Bord nehmen müssen.“ ,,So ?“ ,,Ich hoffe es aber nicht. Ihr werdet sehen, wenn wir dort sind. Werdet ihr dann eigentlich dort bleiben?“ ,,Ich habe wenig Interesse daran, mich wieder zurück an die Grenze schleppen zu lassen. Oder mir stundenlang fragen über die Vorfälle in Kalenchor stellen zu lassen. Also… Nein. Ich glaube ich bleibe. Zumindest eine Weile. Bis ich weiß wo ich hin will zumindest.“ ,, Ich hatte irgendwie darauf gehofft. Wir können jemand wie euch gebrauchen. Übrigens, ihr glaubt nicht, das ihr eurem Freund noch ein paar Schmerzmittel

abschwätzen könnt?“ Cyrus schüttelte den Kopf. Eine Woche hatte Erik gesagt? Das war wohl wirklich nur zu hoffen. Plötzlich begann Eden jedoch zu lachen. ,, Ihr solltet euer Gesicht sehen. Keine Sorge. Ich habe auch schon mit Flemming gesprochen. Ich hab das unter Kontrolle.“ ,, Hoffentlich…“ , erwiderte er nur. ,, Was nichts daran ändert, das ich einen Krug Rum brauche. Ihr seit dabei?“ Diesmal war es an ihm leise zu lachen. Diese Frau hatte definitiv mehr als ein Problem. Aber sie war definitiv in Ordnung. Irgendwann müsste er sich einmal ihre ganze Geschichte

anhören. Vielleicht war das der richtige Grund um zu bleiben.

KApitel 52 Der Botschafter


Walter de Immerson betrachtete den Gesandten der Clans mit einer Mischung aus Überraschung und misstrauen. Soweit er wusste, war der Name des Mannes Riach und für seine Art war der Mann fast schon ein Riese. Die Clans der Füchse waren einige der ersten gewesen, die den Kontakt mit dem Kaiserriech abgebrochen hatten, aber erst in letzter Zeit war klar geworden, das sie sich mit den übrigen Abtrünnigen zusammenschlossen. Einzeln könnte das Kaiserreich jeden der Clans zehnfach bezwingen ohne mit zu großen Verlusten

rechnen zu müssen. Vereint sah die Sache zumindest für die Abtrünnigen schon etwas positiver aus. Dass sie nur eine einzige Person geschickt hatten, konnte jedoch nur zwei Dinge bedeuten. Entweder setzten sie derart viel vertrauen in diesen einen Mann oder es zeigte, wie wenig sie an einer friedlichen Lösung interessiert waren… Letzteres schien ihm wahrscheinlicher, als er den heruntergekommenen Gesandten musterte. Ein grüner, ausgeblichener Umhang fiel ihm über die Schultern. Die gesamte kaiserliche Garde war am Tor des Kaiserpalasts angetreten insgesamt mehr als zweihundert blau

uniformierte Menschen und Gejarn, welche geladene Musketen und Säbel bereithielten. Der Besucher allerdings ließ sich durch das militärische Aufgebot nur wenig beeindrucken. Mut schien er ja schon mal zu haben, dachte Walter und sah verstohlen zu Syle, der mit ausdrucksloser Mine einige Meter weiter stand. Aus dem Gesicht des Gejarns war nicht abzulesen, was er über all das dachte, aber Walter kannte ihn jetzt lange genug um es sich vorstellen zu können. Ein einzelner Mann ohne Garde, ohne Geleitschutz … Das war nicht gut. Syle und Walter lösten sich mit mehreren anderen Gardisten auf ein stummes

Kommando aus den Reihen der Soldaten und folgten dem Boten durch de offen stehenden Tore in die goldenen Hallen der fliegenden Stadt. Der Weg durch die verzweigten Flure, in den man sich wie ein Zwerg vorkam erschien beiden endlos, aber niemand sagte etwas. Der Bote ging lediglich, in Begleitung eines Offiziers der Garde, voraus, als wäre er hier zu Hause. Er war so gut wie unbewaffnet hier angekommen, lediglich einen Dolch hatte man bei ihm gefunden. ,, Ich bin überrascht,“ , sagte der Gejarn. ,, Das so viele meiner Brüder noch immer in den Garden dienen. Fürchtet ihr nicht, jemand könnte sich gegen euch wenden?“ n der ansonsten nur von

Schritten unterbrochenen Stille klang seine Stimme überraschend laut. Eigentlich war es nicht ihre Aufgabe mit dem Mann zu reden, geschweige denn, dass man das gut heißen würde, trotzdem ließ Syle sich zu einer Erwiderung hinreißen. ,, Ich weiß, wem meine Loyalität gilt und wer sie sich verdient hat. So wie ihr, vermute ich.“ ,, So wie wir alle.“ erwiderte der Bote. Erneut senkte sich Schweigen über die kleine Gruppe, bis sie den Thronsaal erreichten. Kaiser Konstantin Belfare überblickte den gesamten Raum und schien die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Obwohl er erneut am Fuß des Bernsteinthrons stand und zumindest für seinen Rang einfache Kleidung trug, wusste jeder, der den Saal betrat instinktiv, wen er vor sich hatte. Wieder einmal hielt sich der Kaiser an der Seite seines Hochgenerals und des Ordensobersten auf. Die zwei Männer schienen in letzter Zeit zu seinen ständigen Begleitern geworden zu sein, auch wenn er geflissentlich vermied, sich schon auf eine Seite zu schlagen. Konstantin trat mit einem freundlichen Lächeln auf den Boten zu, während er den Gardisten gebot, am Eingang zurück zu bleiben. Walter war alles andere als Wohl bei dem Gedanken, auf die

Entfernung unmöglich eingreifen zu können, sollte der Bote sich als feindselig erweisen. Andererseits hielt sich Dagian Einher dicht an der Seite des Kaisers und auch Tyrus würde wohl nicht zögern, den Herrscher Cantons zu schützen, wenn nötig. Oder ? Riach fühlte sich durch das autoritäre auftreten des Kaisers erst ein wenig eingeschüchtert. Was eine kleine Armee und die gewaltigen Hallen der fliegenden Stadt nicht geschafft hatten, das schaffte Konstantin Belfare allen durch seine Anwesenheit. Ein kleiner Hauch der Angst schlich sich in die Gedanken des Gejarns.

Das entwaffnende Lächeln des Kaisers verwirrte ihn daher umso mehr. Als wäre aus einem Dolch plötzlich ein Blumenstrauß geworden. Was sollte er von diesem Mann halten? Den grimmig dreinschauenden Hochgeneral konnte er mit einem Blick einschätzen und auch wenn Tyrus Lightsson, den er von Beschreibungen her kannte, wohl versucht war eine neutrale Mine zu behalten, war dem Mann doch anzusehen, das er zwar angespannt, aber nicht feindselig war. ,, Riach nehme ich an ?“ Konstantin Belfare blieb ,, Das ist mein Name

Herr.“ ,, Ihr nennt mich Herr, aber nach allem, was mir zu Ohren kommt sind eure Clans drauf und dran mir diesen Titel Streitig machen zu wollen ? Ist dem nicht so?“ Der Kaiser schien wenig Zeit verschwenden zu wollen, dachte Riach, während sich der Herrscher umdrehte und zurück zu seinen beiden Beratern trat. Das Licht der magischen Kristalle, mit denen der Thronsaal überzogen zu sein schien verlieh den Anwesenden etwas Ätherisches und ließen den Kaiser älter wirken, als er war, während er auf eine Antwort des Gesandten wartete. Riach war nicht darauf vorbereitet gewesen, derart auf das Thema gestoßen zu

werden. ,, Herr, wir fordern nur das, von dem wir , in Einklang mit den Jahrhundertelangen Dienst und der Loyalität den wir euren Haus erwiesen haben, überzeugt sind, das es uns zusteht“ ,, Ihr tut eure Pflicht, wie alle Bürger dieses Reichs.“ , mischte sich der Hochgeneral ein. ,, Wenn ihr glaubt, das dies in irgendeiner weise unfair…“ ,,Das Kaiserreich“ , erwiderte Riach angespannt, ,, ist auf unserem Blut groß geworden. Wir verlangen lediglich einen fairen Preis dafür. Und ihr riskiert einen Bürgerkrieg wenn ihr untätig bleibt

Herr…“ ,, Und worauf genau… belaufen sich die Forderungen der Clans ?“ Die plötzliche schärfe in der Stimme des Kaisers entging keinem der Anwesenden. ,, Ich habe Monatelang um Verhandlungen gebeten. Mein General hier meint, dass ihr nur darauf aus seid, Unruhe zu stiften und sonst nichts und ich bin geneigt ihm zu glauben, wenn ihr so lange gebraucht habt um eine simple Forderung zu formulieren.“ ,, Ihr müsst verstehen, dass wir nicht völlig eins sind.“ , meinte Riach und verneigte sich Respektvoll. Er wusste nicht, ob der plötzliche Zorn des Kaisers geschauspielert war. ,, Die Ältesten aller

Clans mussten erst gemeinsame Ziele formulieren und damit…“ Dagian lachte. ,, Ihr meint eure Banditenherrführer ? Ich kann mir schon vorstellen, das es einem derartigen Haufen schwer fallen muss, sich überhaupt auf irgendetwas zu einigen.“ ,, Ich glaube nicht, das ihr versteht, wie die Politik der Clans funktioniert Hochgeneral.“ Er durfte sich von dem Mann nicht provozieren lassen, ermahnte Riach sich. Das wäre der größte Fehler, den er machen konnte und er durfte diese Chance nicht vermasseln. Und er hatte noch den Brief. Ein Trumpf, den er hoffentlich nicht einsetzen musste… Es würde das Andeken all jener, die in Lore

gestorben waren beschmutzen, das ganze als politisches Druckmittel einzusetzen, aber wenn Dagian weiter auf Provokation setzte… ,, Ihr müsst auch verstehen das…“ ,, Ich verstehe,“ , unterbrach ihn der General erneut. ,, das sich eine Meute halbwilder zu einem Bündnis zusammengeschlossen hat und plötzlich glaubt, das gebe ihr irgendwelche >Recht, Verhandeln wir mit jedem Banditenfürsten, der aus dem Westen kommt ? Nein, im Gegenteil, wir brennen ihre Städte nieder.“ Tyrus mischte sich ein. ,, Dagian, seit ihr von allen guten Geistern verlassen…“ ,, So wie ihr Lore niedergebrannt habt ?“

, rief der Botschafter. Stille senkte sich über die Halle, während Riach den zusammengefalteten Brief aus seinem Mantel fischte. ,, Ich war bereit euch ein Angebot zu machen Kaiser Belfare. Unabhängigkeit vom Kaiserreich Canton für die Clans, aber Verbunden mit dem Recht, das ihr weiterhin Truppen einziehen dürft. Aber ich glaube, ich habe mir erlaubt zu vergessen, welches Bild eure… Berater von uns haben. Wir bluten und sterben für euer Imperium und was ist der Lohn? Tiere schimpft man uns. Und jetzt wo wir unseren Lohn fordern, schlachtet ihr uns ab.“ Riach hielt den Brief mit einer

Hand hoch, bevor er das Dokument dem Kaiser vor die Füße schleuderte. ,, Ihr müsst verstehen, dass wir keine Wahl bezüglich Lore hatten.“ , setzte Tyrus an. ,, Wir konnten die Bedrohung nichtignorier…“ ,, Welche Bedrohung Zauberer ? Das war ein Bauerndorf, falls ihr das zwischenzeitlich vergessen haben solltet. Welche militärische Bedeutung haben eine Hand voll Farmer?“ ,,Meine Spione, darunter mehrere Männer des Ordens, versicherten mir, dem sei nicht so.“ , erklärte der Hochgeneral seinerseits.,, Wenn ihr also den ordensoberen nicht des Hochverrates bezichtigen

wollt…“ Konstantin Belfare hatte derweil den gefalteten Brief aufgehoben. Er überflog den Text nur kurz. Er verstand ohnehin schnell, um was es ging. Raich hatte sich derweil auf den Weg aus dem Raum gemacht. Die Wachen an der Tür wollten ihn erst aufhalten, bis der Kaiser ihnen bedeutete, bei Seite zu treten. ,, Lasst ihn.“ Konstantin ließ die Hand mit dem Brief sinken. ,, Die Verhandlungen sind fürs erst ausgesetzt.“ ,, Wartet einen Moment.“ Riach hörte die Stimme, machte aber keine Anstalten, langsamer zu werden. Verflucht, was war

das bitte grade gewesen, schalt er sich selbst. Er hatte sich provozieren lassen... War er denn schon genau so dumm wie die Ältesten der Clans, das er einfach so ging ohne etwas erreicht zu haben. Der Gejarn wurde langsamer und zwang sich schließlich stehen zu bleiben. So schwer es fiel, wenn er jetzt aufgab, dann war jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung wohl für immer zu Nichte. Er drehte sich um und zu seiner eigenen Überraschung stellte er fest, dass es der Ordensobere war, der ihm gefolgt war. Tyrus Lightsson schloss mit wenigen Schritten zu ihm auf. ,, Was gibt es noch zu besprechen ?“ ,wollte Riach wissen. ,,

Euer Hochgeneral hat mehr als deutlich gemacht, wie… Kompromissbereit er ist.“ ,, Ich weiß Einher kann ein absoluter Idiot sein. Aber er ist nicht der Kaiser. Und was auch immer ich davon halten mag, es ist immer noch Konstantin, der hier die Entscheidungen trifft.“ Riach nickte, während er langsam weiterging. Er musste den Kopf ein wenig freibekommen und nachdem ihn die Wachen des Kaisers nicht aufgehalten hatten, sprach wohl nichts dagegen, das er sich ein wenig in den goldenen Hallen umsah. Auch wenn ihn die Kunstfertigen Bauwerke und mit Gemälden verzierten Hallendecken nur

wenig interessierten. Es lag ihm fern, den Prunk hier auch noch zu bewundern. Er würde eine Weile warten und dann zurückgehen, entschied der Gejarn für sich. Das ließ dem Kaiser hoffentlich genug Zeit, sich Gedanken zu machen und vielleicht einzulenken. Er begann ja schon wieder Szenarien zu entwerfen. Der General hatte ihn aus der Ruhe gebracht, aber das würde nicht noch einmal vorkommen, wenn es nach ihm ging. Die Arroganz des Mannes hatte ihn lediglich überrascht, das war alles. Raich drehte den Kopf. Tyrus folgte ihm immer noch. ,, Ich bin zugegebenermaßen verwundert, das ausgerechnet ihr

versucht, hier die Stimme der Vernunft zu sein, Ordensoberster.“ , meinte der Botschafter mit Blick auf den gelähmten Arm des Zauberers. ,, Soweit ich weiß stammen eure Verletzungen doch von einem Gejarn…“ ,, Ich habe einmal jemanden vertraut, den ich nicht einmal in meine Nähe hätte lasen dürfen. Und das… das war der Lohn dafür. Und auch wenn ich nicht verheimlichen werde, das ich eine Weile euch die Schuld gegeben habe, es war vor allem mein Fehler.“ ,, Darf ich Fragen, was passiert ist ?“ ,, Meine Gutgläubigkeit ist an diesem Tag gestorben.“ , erwiderter der Magier nur knapp. ,, Eine heilende Erfahrung.

Aber wie ich bereits sagte, ich habe es aufgegeben, die Schuld dafür bei den Gejarn zu suchen. Wir beide haben das gleiche Ziel Riach. Frieden. Ich möchte das ihr das bedenkt. Und egal, wie ihr es seht, wir sind hier nicht die bösen.“ ,,Vielleicht, aber wir auch nicht, oberster Zauberer.“ Riach blieb stehen, als sie eine offene Galerie durchquerten. Glaslose Öffnungen in den Wänden gewährten einen schwindelerregenden Blick auf die unter der Stadt entlangziehende Landschaft. ,,Ich kann dem Kaiser berichten, das ihr bald zurückkommt und die Verhandlungen wieder aufnehmt?“ Der Botschafter hatte sich aus einem der

Fenster gelehnt und sah nach draußen. Einen kurzen Augenblick lang nur, fürchtete Riach, der Ordensobere würde ihm schlicht einen Schubs geben und ihn damit in die Tiefe stürzen lassen. Aber das Gefühl hielt nur, bis er langsam nickte. ,, Ja. Ein paar Minuten noch, aber ich bin auf dem Weg.“ ,, Gut. Sehr gut.“ Tyrus drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand den Gang hinab. Riach wusste nicht warum, aber er atmete erleichtert auf, als der Zauberer außer Sicht verschwand. Dieser Mann, so vernünftig er ihm vorkam, schien sein ganz eigenes Spiel zu spielen. Und er wüsste zu gerne, was genau das

war.

Kapitel 53 Der Wille des Kaisers

Syle lief auf einer seiner gewohnten Wege durch die Gänge des Palastes. Nachdem der Kaiser sie für den Tag entlassen hatte, hatte er es nicht eilig, zu den Baracken der Garde zurückzukehren. Wenn möglich wollte er die Gelegenheit nutzen, mit Walter zu sprechen. Auch wenn beide als Wachen für die Begegnung mit dem Clan-Botschafter eingeteilt worden war, ein Gespräch unter den Augen des Kaisers war natürlich unmöglich. Nachdem der Gesandte wütend den Raum

verlassen hatte, schien allerdings auch kein weiterer Bedarf für Verhandlungen zu bestehen… Der Gedanke machte Syle unruhig. Das einzig, was den Kaiser davon abgehalten hatte, längst etwas zu unternehmen, war dessen Glaube an eine friedliche Lösung. Etwas, dass ihm persönlich ebenfalls lieber wäre. Syle wusste, auf welcher Seite er stehen würde, wenn es wirklich zu offenen Konflikt mit den abtrünnigen Clans kam. Was er von vielen anderen Gejarn nicht sicher sagen konnte. Mit einem hatte der Gesandte Riach recht gehabt. Wenn der Kaiser eine militärische Lösung in Erwägung zog, lief das im schlimmsten fall auf einen Bürgerkrieg und den

Aufstand mehrerer Garde-Regimenter hinaus. Und auch von Kellvian hatte man seit Wochen nichts mehr gehört… Auch wenn das nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatte, so war es doch alles andere als gut. Der Gejarn schob seine düsteren Gedanken beiseite, als ihm jemand auf den Gang entgegenkam. Stattdessen versuchte er möglichst förmlich und neutral zu wirken. Wer auch immer einem in diesen Hallen begegnete, verlangte Respekt. Ob derjenige diesen auch verdient hatte war dabei eine ganz andere Sache. Zu seiner Überraschung war es Riach, der Gejarn-Botschafter,

der offenbar wieder ruhiger, den Flur entlanglief. Gelbe, wache Augen blitzten aus einem mit rotem und weißem Fell bedeckten Gesicht. Mancher mochte in die spitze Schnauze und tiefliegenden Augen Hinterlist hineindeuten, Syle hingegen erkannte lediglich die Zeichen eines sichtlich verzweifelten Mannes. Schweif und Ohren des Gejarn hingen herab, als hätte ihm jemand einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet. ,,Kenne ich euch nicht ?“ , fragte der Botschafter und klang dabei besser gelaunt, als er aussah. Entweder war der Mann ein Schauspielkünstler oder ihm war die Höflichkeit eines Diplomaten mittlerweile schon zur Gewohnheit

geworden. Das heißt, wenn sich nicht grade ein übereifriger Hochgeneral im Raum befand, dachte Syle und lächelte unwillkürlich. Dagian Einher war ein guter Mann und er hatte einen tiefen Respekt ihm gegenüber, aber er war kein Diplomat. Er sagte, was er dachte, gleich was das anrichten mochte. ,,Mein Name ist Syle. Ich war im Thronsaal, wenn ihr das meint, Botschafter und wir haben uns auf den Weg dorthin kurz unterhalten.“ Riach nickte, als hätte er sich erst jetzt wieder daran erinnert. ,,Kann ich eure Meinung zu dem ganzen hören ?“ ,,Ich wüsste nicht, was meine Meinung ändern sollte… Herr. Wie ich schon

sagte, ich weiß, wem meine Loyalität gilt.“ ,,Aber vielleicht muss ich einmal hören, was jemand anderes als der Kaiser oder seine Berater denkt.“ ,,Auch glaube ich nicht, das es zu meinen Aufgaben gehört, mit einem Abtrünnigen, auch wenn er ein Diplomat ist, lange zu reden.“ , erklärte Syle. Und wichtiger, es konnte gefährlich werden, zumindest bestand die Möglichkeit, dass die Garde ihn entließ wenn Zweifel an seiner Loyalität aufkamen. Zumindest, bis sie sich vom Gegenteil überzeugt hätten. Das wollte er nicht riskieren, so freundlich sein Gegenüber auch schien. ,,Ach ja. Politik ist etwas Großartiges.“ ,

meinte Riach und lachte leise. Trotzdem hallte das Geräusch unangenehm von den hohen Decken des Palastes wieder. ,,Ihr müsst nicht fürchten, ich wollte euch nur aushorchen, wenn es darum geht. Und falls ihr Angst habt, jemand würde euch Vorwürfe machen, weil ihr mit mir sprecht… nun so sei es, das nehme ich gerne auf meine Kappe. Ich habe nur jetzt schon genug von Ränkespielen und den ewigen Ausflüchten.“ ,,Ihr seit grade erst angekommen.“ , meinte Syle überrascht. ,,Für einen Diplomaten habt ihr recht wenig Geduld.“ ,,Oh im Gegenteil. Oder glaubt ihr die Clanältesten seien anders, als eure

Adeligen und der Kaiser? Ich habe Wochen gebraucht um sie nur zu überzeugen, mich gehen zu lassen, wenn nicht länger. So traurig das ist, sie sind wenig an einem Frieden interessiert. Ich habe seit das alles losging Geduld gehabt. Und auch wenn ich ihnen zustimme, das wir das Recht haben, unsere Freiheit vom Kaiser einzufordern, die Art, auf die sie das durchsetzen wollen, kann ich nicht gut heißen.“ Syle räusperte sich. ,,Wenn das so ist, warum macht ihr euch die Mühe ?“ ,,Nur weil ich wenig von unseren Führern halte, heißt das nicht, das ich zusehen werde, wie mein Volk in seinem eigenen Blut ertrinkt. Wir wissen beide,

dass das der Wahrscheinlichste Ausgang eines bewaffneten Konflikts zwischen abtrünnigen Gejarn auf der einen und den loyalen Clans und dem Kaiserreich auf der anderen Seite ist. Die einzigen, die das nicht sehen wollen sind die Ältesten.“ ,,Aber ihr habt eure Forderungen. Wenn der Kaiser darauf eingeht…“ ,,Dann nimmt er den Ältesten vielleicht die Grundlage für einen begründeten Krieg, wenn es so etwas überhaupt gibt, und das wird viele dazu bringen, zweimal nachzudenken. Auch die, die mehr erreichen wollten. Wisst ihr, das es einige gibt, die glauben eine eigenen Staat für jeden Clan aufbauen zu

wollen?“ ,,Wie viele verschiedene Clans gibt es den ? Ich bin nicht wirklich gut Informiert, was das angeht.“ ,,In den Herzlanden, knapp drei dutzend. Und im übrigen Canton etwa doppelt so viele. Davon stehen mittlerweile etwa fünfzehn gegen das Kaiserreich, während der Rest neutral oder Kaisertreu eingestellt ist. Aber ihr seht schon, die alleinige Zahl macht diese Forderung zu einem Wahnwitz. Das ist wie vom Kaiser zu verlangen, sein halbes Reich abzutreten. Man muss auch seine eigenen Grenzen kennen, aber die überschätzen die Clans im Augenblick leider gewaltig.“ Riach hielt an, als sie sich

wieder dem Thronsaal näherten. ,,Aber zurück zu euch. Ich will immer noch wissen, wie ihr die ganze Sache beurteilt.“ Syle zuckte mit den Schultern. Es gab nicht viel zu sagen. ,,Was eure Ältesten vorhaben ist, um es einfach zu formulieren Wahnsinn. Es gibt allein tausende in Canton, die nur durch die vom Kaiser gesicherten Handelsrouten ernährt werden. Die Gebiete der Clans sind genau so Teil Cantons, wie die Städte der Menschen es sind. Wir leben nach den gleichen Rechten und ich sehe diese Rechte und Gesetze als etwas Gutes an. „ ,,Deshalb unterstützt ihr den Kaiser

?“ ,,Teilweise. Die andere Seite ist das ich ihm persönlich etwas Schulde. Die Gesetze stehen noch über unseren Traditionen. Jedoch musste ich leider herausfinden, dass das nicht alle so sehen. Mein eigener Clan hat mich verstoßen, schon bevor sie sich vom Kaiserriech losgesagt haben. Die Garde hat mich aufgenommen, ohne Fragen, ohne Vorurteile. Für den Kaiser zählt nur, was wir zu tun in der Lage sind. Nicht wer wir sind oder woher wir kommen oder ob wir im Einklang mit dem Willen irgendwelcher Geister leben.“ ,,Auch wenn es mich betrübt, das ihr so

über unsere Rituale und Götter sprecht, ihr habt wohl alles recht dazu. Ich hoffe einfach, das wir einen Weg finden der das alles Unblutig zu Ende führt. Vielleicht gibt es dann auch einen Weg für jemanden wie euch. Aber wenn der Kaiser stur sein sollte… Die Nachricht von Lore wird die Clans irgendwann erreichen, ob durch mich oder jemand anders. Und dann fürchte ich, wird es zu spät für Verhandlungen sein.“ Riach sah zu den Türen, die zurück in den Thronsaal des Palastes führten. ,,Weshalb ich nicht mehr länger warten sollte. Nur eines noch… Der Zauberer… Tyrus. Er ist Vernünftig. Vielleicht der vernünftigste von uns allen, wie ich

zugeben muss. Aber… ich traue ihm nicht ganz. Vielleicht solltet ihr ein Auge auf ihn haben…“ Mit diesen Worten drehte sich Riach um und verschwand durch die Türen des Thronsaals. Syle sah dem Gejarn-Botschafter einen Augenblick nach. Was meinte er denn jetzt damit? Doch ein Versuch ihn zu beeinflussen ? Er zuckte mit den Schultern. Gleichzeitig konnte es wohl nicht Schaden, wenn er sich in Zukunft etwas Gedanken um den obersten Magier machte. Riach trat diesmal nicht respektvoll und langsam in den Saal. Der Kaiser saß

mittlerweile auf dem leicht erhöhten Podest des Bernsteinthrons. Lichtstrahlen spiegelten sich in den Honigfarbenen Steinen, aus denen der Sitz geschnitten war. Zwar wusste der Gejarn nicht, ob die Edelsteine magisch waren, aber vermutlich wäre das in einer Stadt, die nur durch rohe magische Kraft am Himmel gehalten wurde ohnehin kaum aufgefallen. Gold hielt die einzelnen Bernsteinfragmente zusammen, mit Ausnahme einer kreisrunden Öffnung in Kopfhöhe des Kaisers. Darin saß, nur durch dünne Silberdrähte gehalten, ein einziger Runder Kristall, der das Licht in der Halle fokussierte und dem Herrscher damit fast so etwas wie einen künstlichen

Heiligenschein verlieh. ,,Können wir dann fortfahren ?“ , fragte er. Der Hochgeneral und Tyrus hatten sich an den Stufen des Throns eingefunden und offenbar wartete man nur noch auf Riachs Rückkehr. Das war nicht gut, aber der diplomatische Patzer war ihm Angesichts seines Ausbruchs von vorhin wohl zu verzeihen. Zumindest hoffte er das. Diesmal musste er ruhig bleiben, egal was passierte. ,,Das können wirr, Herr.“ , sagte Riach. ,,Verzeiht, sollte ich vorhin laut geworden sein. Ich hoffe, das wird keine Auswirkungen auf den Fortlauf dieser Verhandlungen haben.“ ,,Mir ist durchaus klar, wie verwirrend

die Situation für alle von uns ist, Botschafter. Wir sollen daher…“ Kaiser Konstantin Belfare verstummte, als sich die Türen des Thronsaals erneut öffneten und eine einzige Gestalt eintrat. Der Neuankömmling trug abgewetzte Botenkleidung, wobei ihn die vergoldeten Uniformknöpfe jedoch als einen offiziellen kaiserlichen Gesandten auswiesen. ,,Mein Fürst, ich muss…“ Er verstummte, sobald er sah, dass der Kaiser nicht alleine war. ,,Ist es erwünscht, das ich später zurückkehre ?“ ,,Schon in Ordnung. Sprecht, ich glaube nicht, das es viel gibt, das ich vor dem Botschafter der Clans verheimlichen

muss.“ ,,Wie ihr wünscht. Herr, ich bin hier um zu berichten, das sich mehrere Gejarn-Clans am Rand der Herzlande sammeln. Es sieht so aus, als wollten sie direkt die Grenzen zur Provinz Belfare überschreiten. Die Späher, welche sie beobachtet haben sprechen von mindestens zehn Clans, die ihre Krieger zusammenziehen.“ Der Kaiser sackte auf seinem Thron sichtlich zusammen. ,,Dann ist es also soweit…“ , flüsterte er leise. ,,Habt ihr davon gewusst ?“ , wollte Dagian von Riach wissen. Der Hochgeneral hatte eine Hand an den Schwertgriff gelegt und die Klinge halb

gezogen.“ ,,Diese Narren…. Diese verfluchten Narren.“ Der Botschafter verfluchte sämtliche Ältesten innerlich. Sie hatten ihn hintergangen. Sie hatten ihn gehen lassen nur um jetzt doch ohne Vorwarnung einen Schlag gegen das Imperium führen zu können ? Das war… Das war selbst für die Ältesten zu dumm, zu übermütig. Was konnte sie bewogen haben, so plötzlich doch zuschlagen zu wollen? Hingegen, wenn sie irgendwie von Lore erfahren hatten… Nur wüsste er nicht wie, außer natürlich durch die Verfasserin der Nachricht, die glücklicherweise ihm in die Hände gefallen

war… ,,Beruhigt euch Hochgeneral.“ , wies Konstantin den sichtlich angespannten Dagian an. ,,Ich möchte eure Empfehlungen, Herrschaften und damit meine ich auch euch Botschafter. Was sollen wir tun?“ Der Hochgeneral trat langsam einen Schritt zurück und ließ die Waffe los. ,,Herr, ich schlage vor, nicht zu zögern, sondern diese offene Bedrohung sofort zu beantworten. Es dürfte offensichtlich sein, das die Clans kein Interesse mehr an Verhandlungen haben.“ ,,Vielleicht können wir sie noch aufhalten.“ , erwidere Tyrus seinerseits. ,,Es ist noch nicht zu spät, wenn wir nur

schnell genug sind.“ Riach war kurz nicht in der Lage etwas zu erwidern. Geister und Götter, das konnte nicht sein. Nicht so plötzlich… Nicht wo er hier war und eine Lösung finden könnte… ,,Bitte, Kaiser hört mich an. Es… Ich habe nichts davon gewusst.“ ,,Das habe ich euch auch nicht unterstellt Riach.“ Kaiser Konstantin Belfare war aufgestanden und trat langsam zu seinen zwei Beratern hinab. Ein nachdenklicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. ,,Meine Herren, ich werde nicht tatenlos zusehen, wie sich eine Gejarn Armee sammelt, die eine Bedrohung für den Frieden dieses Reiches darstellen könnte.

Aber ich werde auch nicht auf Verdacht einen Freibrief zum Angriff ausstellen. Vielleicht ist es an der Zeit, das ich mir selbst ein Bild mache.“ ,,Herr, das ist viel zu gefährlich. Ich muss darauf bestehen, das ihr…“ ,,Ihr besteht auf etwas Hochgeneral ?“ Konstantin drehte sich zu dem Mann um und sah ihm direkt in die Augen. ,,Vielleicht solltet ihr nicht vergessen, wer vor euch steht.“ Einen Augenblick rührten sich weder der General noch der Kaiser. Dann tat Dagian Einher etwas, das man von einem Mann wie ihm nicht erwartet hätte. Er sank auf die Knie. ,,Wie ihr befehlt. Mein

Kaiser.“ ,,Wie gesagt, ich will mir selber ein Bild machen. Macht eine Abteilung der kaiserlichen Garde bereit Tyrus. Ich und der Hochgeneral werden uns auf den Weg machen. Und ihr Botschafter, könnt uns begleiten. Ich sichere euch diplomatische Immunität zu, bis wir das Heerlager erreichen. Dann könnt ihr sicher zurückkehren, wenn es wirklich zum Kampf kommt.“ ,,Zweifelt ihr immer noch daran ?“ , wollte entnervt Dagian wissen, als er wieder aufstand. ,,Vielleicht kommen sie ja zur Vernunft, wenn sie sich dem Gegenübersehen, das sie bekämpfen

wollen.“ Riach schüttelte den Kopf. ,,Ich fürchte ihr kennt die Clans nicht, Herr….“, sagte er. Seine Gedanken kreiste nach wie vor um die eine Frage. Was hatte sie dazu getrieben, so plötzlich eine Armee zusammenzuziehen?

Kapitel 54 Jiys Auftrag


Die Dörfer der Gejarn waren meist nicht groß und viele Clans ließen sich erst gar nicht dauerhaft irgendwo nieder, sondern bauten ihre Hütten oder Zelte je nach Jahreszeit an anderen Orten neu auf. So auch in diesem Fall. Strohgedeckte Hütten standen neben einfachen Zelten aus Tierfellen und einigen waghalsigen Konstruktionen, die sich in die Wipfel der Bäume einfügten auf einer Lichtung.
Kleinere Felder und Gehege nahem das Zentrum der Siedlung ein, die in wenigen Wochen, spätestens nach der Erntezeit,  schon wieder ganz wo anders sein

könnte.
Hühner und andere Nutztiere  liefen zwischen den einzelnen Gebäuden herum und wurden nur ab und an durch eine Handvoll spielender Kinder oder entnervter Erwachsener aufgescheucht.
Auch wenn die meisten auf irgendeine Art mit alltäglichen Arbeiten beschäftigt waren, war die Anspannung, die in der Luft lag fast mit Händen greifbar. Was nicht zuletzt an einem unerwarteten Neuankömmling lag.
Zwei mit Gewehren bewaffnete Gejarn hielten vor dem Eingang eines Zelts wache. Von drinnen waren sie nicht mehr als zwei Schatten, die sich auf den Stoffbahnen

abzeichneten.
Einzelne verirrte Lichtstrahlen und Schatten malten sich ständig wandelnde Muster darauf.
Das halbe dutzend Gejarn, das ihr auf Kissen gegenübersaß hüllte sich in Schweigen. Sie hatten ihr genau so schweigend zugehört und nur ab und an hatte einer der versammelten Männer und Frauen genickte oder verständnislos den Kopf geschüttelt.  Ein heruntergebranntes Feuer in der Zeltmitte strömte eine unangenehme Wärme aus. Obwohl es  früh war und er Herbst langsam näher kam,  es herrschte nach wie vor Hochsommer und die Hitze des Feuers bestenfalls unangenehm.

Zumindest für Jiy.
Sie hatte längst nicht alles erzählt. Nur das, was sie wissen mussten. Ihre Gefühle lies sie dabei vollkommen aus. Die gab es ohnehin nicht mehr, sagte sie sich.
Der Weg von Vara zurück in die Herzlande war ein einsamer gewesen. Allein hatte Jiy nur vier Tage gebraucht, aber das hatte kaum gereicht, das Chaos in ihrem Kopf wieder zur Ordnung zu bringen.
Noch immer weigerte sie sich, darüber nachzudenken, was passiert war. Es tat einfach nur weh…
Am liebsten hätte sie irgendjemanden angeschrien. Aber die einzige Person,

der sie die Schuld geben könnte, war jetzt sonst wo. Und gleichzeitig wünschte sie sich genau dort zu sein. Ohne zu wissen, was sie dann tun würde. Kellvian einen Dolch in die Rippen rammen oder…
Was wollte sie eigentlich? Jiy musterte die versammelten Gestalten eine nach der anderen. Einige Späher hatten sie gefunden, sobald sie die Grenze zu den Herzlanden überschritten hatte und in eines der Clandörfer gebracht. Welches wusste sie nicht genau, aber es war auch egal. Sobald sie mit den Nachrichten über Lore vor die Ältesten getreten war, hatte man ihr sehr aufmerksam zugehört.
Jiy wusste nicht, ob sie das richtige tat

auf der anderen Seite… Sie wischte einige wütende Tränen weg. Auf der anderen Seite war es doch absolut egal. Wenigstens ihre Leute sollten sofort die Wahrheit wissen. Sie war nicht Kellvian.  Er hatte von Anfang an gelogen. Dabei hatte es mehr als genug Hinweise gegeben.  Sie hätte doch sehen müssen, wer er war, dachte sie.  Warum hatte er das getan? Sie konnte es ja verstehen. Zumindest zu Beginn. Aber später… in Vara…
Dieser Mann hatte sie so tief verletzt Wie hatte sie auch nur hoffen können, jemals denken können das… Und doch hättest du nicht vielleicht genau so gehandelt? Das war die leise Stimme des

Zweifels, die Stimme die sagte, sie hätte ihm zuhören müssen, wenigstens kurz, ihm die Chance geben sollen, sich zu erklären. Aber was gab es da zu erklären?
Jiy brachte ihre rasenden Gedanken endlich zum Schweigen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das wesentliche. Die im Zelt versammelten Ältesten gehörten alle zu verschiedenen Clans, die sich gegen das Kaiserreich zusammengeschlossen hatten, doch einer von ihnen hob sich etwas von den anderen ab. Lange graue Haare und Fell von der gleichen silbrigen Farbe rahmten das wölfische Gesicht ein. Zwei gelbliche, wache Augen schienen sie

genau zu Muster und nach Anzeichen einer Lüge zu suchen. Fenisin war niemand, der unbedacht handelte.
Im Schneidersitz hatte die alte Graumähne mehrere Knochenwürfel in der Hand und schien nachzudenken, während sich die übrigen Anwesenden leise flüsternd unterhielten. Auch wenn die Clans Offiziell alle das gleiche Mitspracherecht hatten, es war Fenisin, der bei weitem den größten Einfluss auf die Entscheidungen der anderen hatte. Auch wenn er einer der wenigen Wolfs-Gejarn blieb, die dem Kaiser die Treue brachen. Ein Gewehr lehnte hinter ihm an der Wand, zusammen mit weiteren Waffen. Die Clans rüsteten sich schon

lange für den Moment, an dem sie sich mit dem Kaiserreich messen würden. Und nun schien dies nicht mehr all zu fern.
Jiy konnte stummes Mitgefühl in den Augen der Anwesenden lesen. Aber auch Wut. Auf den Kaiser und  die übrigen Clans, die sich weigerten sie zu unterstützen. Jiy Bericht über die Zerstörung Lores musste den meisten wohl die letzten Zweifel genommen haben. Hoffentlich tat sie damit das richtige. Etwas hatte sie gewarnt, einfach zu verschweigen, was sie über den Untergang der Siedlung wusste. Jetzt jedoch war es ohnehin zu spät.
,,Wir müssen sofort reagieren.“ , meinte eine Frau . Offenbar eine der Ältesten

der Füchse,,Was ist mit Riach ?“ , fragte Fenisin seinerseits.
,,Er wusste um das Risiko, als er ging.“ , erwiderte jemand anderes.
,,Und doch wäre ich bereit auf seine Rückkehr zu warten, wenn nicht…
,,Wenn der Kaiser so weit ist, das er ohne Vorwarnungen unsere Siedlungen überfallen lässt“ , unterbrach ihn die Füchsin. ,,ist das ein Kriegsakt. Und ich werde nicht warten, bis sich das wiederholt.“
Jiy konnte dem Gespräch nur halb folgen. Um wen ging es hierbei? Hatten die Clans einen Boten zum Kaiser geschickt?
Fenisin seinerseits wog einen Moment

schweigend die Knochen in seiner Hand. Irgendwie erinnerten Jiy die mit Symbolen übersähen Gebeine an Melchior. Besaß der Seher nicht einen Anhänger gleicher Machart?
,,Könnt ihr uns denn vielleicht noch  einen Rat geben ?“ , wollte er von Jiy wissen und klang dabei ernst genug, das sie einen Augenblick nicht wusste, was sie antworten sollte. Oder überhaupt…
Aber wenn sie schwieg… dann gab es nur eine Entscheidung, die diese Versammlung treffen konnte, nicht?
,,Ich…“ Jiy zögerte. Sie hatte alles erzählt, was die Ältesten wissen mussten. Außer einem. Einer Überzeugung, von der sie dachte, sie sei  längst wieder

gestorben. In Vara geblieben… ,,Ich glaube nicht, das die Menschen alle unsere Feinde sind oder sein müssen. Wenn ihr euch dazu entscheidet als erste anzugreifen… vergesst nicht, dass die wenigsten der Leute da draußen  uns jemals etwas getan haben.“
,,Das hatte ich nach dem was ihr uns erzählt habt nicht von euch erwartet.“ , meinte Fenisin, lächelte aber auf eine seltsam abwesende Art. ,,Ich denke ich spreche wohl  für uns alle, das wir einen Angriff des Kaiserreichs nicht unbeantwortet lassen können.“
,,Dann lasst uns nicht länger zögern.“ , rief jemand. ,,Wir bereiten uns seit Monaten vor. Alle Clans, die bereit sind

an unserer Seite zu stehen warten nur noch auf ein Zeichen. Wenn wir sofort alle Truppen zusammenziehen und…“
,,Aber“ , unterbrach Fenisin seinen Vorredner. ,,Ich muss Jiy zustimmen. Sie beweist grade mehr Weisheit, als viele von euch Hitzköpfen. Wir können nicht einfach blind losschlagen, dann wären wir nicht besser, als der Kaiser.“
,,Und wenn schon.“  , bemerkte die Älteste der Füchse. ,,Ich bin kein Freund des Kaisers und damit auch kein Freund von irgendjemanden, der ihn unterstützt, sei das Mensch oder Gejarn.“
,,Ist das so ?“ , fragte der grauhaarige Älteste. ,,Wie wäre es dann, wenn wir unseren ersten Schlag gegen einen der

Clans führen, die sich uns nicht anschließen wollen ?“
Schweigen erfüllte das Zelt, das nur noch von einzelnen Geräuschen von draußen unterbrochen wurde. Jiy hatte das Gefühl, das es plötzlich kälter wurde, während die übrigen Ältesten weiterhin keine Antwort gaben.
,,Nein ?“ Fenisin sah sich mit einem scheinbar enttäuschten Gesichtsausdruck um,  ,,Das dachte ich mir. Hört zu. Ich habe dieses Geduldsspiel genau so satt wie wir alle. Mehr als ein Jahr nun ist es her, das sich die ersten von uns offen gegen den Kaiser ausgesprochen haben. Und es wird an der Zeit, Konsequenzen folgen zu lassen. Aber wir werden nichts

gewinnen, wenn wir nun losziehen und die erstbeste menschliche Siedlung niederbrennen. Selbst wenn ich Jiy nicht zustimmen würde, alles was uns das bringen würde, das wäre der ewige  Hass der Menschen und das ist das letzte was wir wollen. Ich schlage daher vor, unsere Truppen zwar zusammenzuziehen, aber abzuwarten, wie der Kaiser reagieren wird. Möglicherweise wird man unseren Forderungen nachgeben, wenn sie sehen, das wir mehr sind, als ein einfacher  Haufen Rebellen. Und wenn nicht, so haben wir all unsere Ressource gebündelt und können jederzeit zuschlagen. Sind alle mit diesem Vorschlag einverstanden oder gibt es Gegenansichten

?“
,,Ich…“ , begehrte jemand auf, schweig aber sofort wieder, als Fenisin in die Richtung desjenigen sah.
,,Dann ist das wohl entschieden.“ , meinte der Älteste zufrieden und stand auf. ,,Das beste wird sein, wir rufen sofort alle Clans zusammen. Schickt Nachrichten an alle, die uns Unterstützen wollen, von den Herzlanden bis nach Immerson und Hasparan. Wir werden jeden einzelnen Mann brauchen. Was euch angeht Jiy… Auf ein Wort.“
Damit war die Unterredung für Fenisin beendet und er trat aus dem Zelt. Jiy folgte ihm mehr als gerne und sei es nur um eine Gelegenheit zu haben aus dem

stickigen, überheizten Zelt heraus zu kommen. Kühle Morgenluft schlug ihr entgegen und einen Moment fröstelte sie tatsächlich, so groß war der Unterschied. Grüne Bäume erhoben sich um die annähernd kreisrunde Lichtung, auf der die Zelte und einfachen Hütten aufgeschlagen waren.
Fenisin nickte den Wachen am Zelteingang zu, während Jiy sich in der Siedlung umsah. Die meisten Leute denen sie begegneten sahen nur kurz auf, als sie den Ältesten erkannten. Dieser jedoch nickte nur kurz jedem zu und hielt auf eine kleine Baumgruppe am Rand der Lichtung zu. Erst dort hielt er an und drehte sich wieder zu Jiy um. Was

sollte das? , fragte sie sich. Es gab doch sicher nichts, das der Mann vor den übrigen Ältesten verheimlichen musste. Oder etwa doch ?
,,Erzählt mir doch einmal die Wahrheit. Und ich meine, die ganze. Ihr seit fast zwei Wochen mit dem Erben Cantons durch die Provinzen gereist und dabei habt ihr die ganze Zeit geplant hierher zurück zu kommen um uns zu Berichten, das grade dieser Mann es war, der euren Heimatort niederbrennen ließ ?“
Jiy schwieg. Das war die Version, die sie den Ältesten erzählt hatte und bisher hatte niemand daran gezweifelt.
,,Genau das.“
,,Sagt einmal… für wie dumm genau

haltet ihr mich ?“ , fragte er. Fenisin klag zwar nicht wütend, aber das der Älteste offenbar nicht gewillt war, ihre Geschichte einfach so zu Glauben…
,,Wenn ich etwas verschweige, dann weil euch das nicht einmal im geringsten etwas angehen würde. Alles, was ich euch über Lore erzählt habe stimmt.“
Fenisin nickte. ,,Wie ihr wünscht. Ich wollte nur sichergehen… Möglicherweise könnt ihr uns noch einen Dienst erweisen.“
Jiy seufzte und lehnte sich gegen den Baum in dessen Schatten sie standen. ,,Ich höre…“
,,Wisst ihr, wo sich Kellvian jetzt aufhält

?“
Sie zögerte zu antworten. Er war bestimmt nicht mehr in Vara. Aber sie kannte ihn gut genug. Nur was der Älteste davon denken mochte. Zu den Verdammten mit dem Ältesten. ,,Allein kann ich ihn sicher einholen und ich bin mir sicher seiner Spur von Vara aus folgen zu können, wenn nötig.“
,,So ?“ , war alles was Fenisin erwiderte.
,,Was heißt  hier so ?“
,,Ich möchte, das ihr ihn für uns  tötet.“
,,W… Was ?“
,,Er traut euch, das wäre ein Schlag gegen das Kaiserreich, der Konstantin persönlich treffen wird.“
,,Ihr seit hier derjenige der grade

versucht hat einen Angriff auf…“
,,Und ich glaube immer noch, das wir friedliche Lösungen in Erwägung ziehen müssen. Aber denkt nach. Dieser Mann hat euer Dorf niedergebrannt. Jeder einzelne der dort starb, starb durch ihn. Glaubt ihr, die anderen werden etwas Geringeres als seinen Tod fordern? Etwas, das der Kaiser nie akzeptieren würde.  Jedoch wenn er… schlicht verschwinden würde…“ Fenisin ließ den Satz unvollendet, sondern zog stattdessen ein Messer, das er Jiy mit dem griff zuerst hinhielt. Die Klinge fing das Licht ein, so das der Eindruck entstand, der Stahl wäre grade erst aus den Feuer einer Schmiede gezogen

worden.  ,,Kann ich mich auf euch verlassen ?“
Sie blieb die Antwort schuldig, als sie das Messer an sich nahm.


Kapitel 55 Schicksal

Fast zwei Wochen waren sie jetzt unterwegs. Die endlosen Wälder des Herzlandes hatten sie mit dem überschreiten der Grenze nach Hasparen wohl endgültig hinter sich gelassen. Das gesamte Land hier wurde von weiten, rauen Ebenen eingenommen, in denen man Meilenweit sehen konnte. Bis zu den dunstverhangenen Spitzen der Berge, welche die Grenze nach Immerson markierten. Nur noch vereinzelte Haine aus Krüppelfichten und wenigen größeren Bäumen ragten aus der moosbewachsenen Felslandschaft. Wenn Zyle Melchiors

Erzählungen richtig gelauscht hatte, dann waren es vor allem die Reiter Hasparens, die sich in Canton einen Namen machten, vor allem in den Dragonerregimentern der kaiserlichen Garde. Und offenbar verdienten auch die wenige Leute, die sich in dieser Einöde fanden ihren Lebensunterhalt größtenteils mit der Pferdezucht oder lebten als Bauern von dem wenigen, das die kargen Böden hergaben. Auch wenn sich so oder so nicht viele Menschen in diesen Teil der Welt zu verirren schienen. Gestern hatten sie das erste Dorf seit einer Woche passiert, eine verfallene Ansammlung von Holzhütten und Ställen, mit einigen Feldern dazwischen. Die Einwohner dort

hatten ihnen zwar Vorräte verkauft, aber nur nach gutem Zureden Melchiors. Zyle konnte sie verstehen. Geld war hier draußen schlicht nichts wert, wenn die nächste Stadt oder der nächste Markt mehrere Tagesmärsche entfernt lag. Die letzten drei Tage waren sie einem kleinen Flusslauf gefolgt, der sie hoffentlich Richtung Meer bringen würde. Denn auch wenn Melchior es nicht zugab, von Zeit zu Zeit hatte Zyle den Eindruck, der Mann hatte die Orientierung verloren. Oder führte er sie extra auf Umwegen durch die immer gleich erscheinende Landschaft? Er wusste nur, das für ihn nach wie vor jeder Schritt eine Qual war. Auch wenn

Kellvian seine schwereren Verletzungen geheilt hatte, die nach wie vor angebrochenen Rippen machten sich unangenehm bemerkbar. Aber er würde den Menschen ganz sicher nicht um Hilfe bitten. Das ließ sein Stolz nicht zu. Und er konnte die Schmerzen ertragen. Im Moment erschein es dem Gejarn als hätte ihm jemand ein gewaltiges Eisengewicht von den Schultern genommen. Sicher… es stand nicht gut um sie sie waren irgendwo im nirgendwo, mussten damit rechnen, das der Sanguis-Orden ihnen auf den Fersen war und ihr Führer lief offenbar im Kreis. Zyle konnte Kellvian schlecht nach seiner Meinung dazu fragen. Seit sie Vara verlassen hatten,

war der Mann zunehmend einsilbiger geworden und schien jetzt die ganze Zeit abwesend und niedergeschlagen. Zwar wurde er nie unfreundlich oder laut, aber jeder Versuch, sich irgendwie mit ihm zu unterhalten endete mit wenigen tonlosen Sätzen. Mehr aus Gewohnheit, den aus wirklichem freien Willen folgte er Melchior und ihm als letzter im Bunde über die mit Flechten und Gräsern gesprenkelte Prärie. Auch wenn Zyle es ungern zugab, er machte sich ernsthaft Sorgen um Kell. Er mochte den Menschen, das Herz hatte er garantiert am rechten Fleck. Obwohl der Gejarn sich noch nicht sicher war, ob dessen seltsamer Ausbruch in der

Universität sich nicht wiederholen würde. Wenn das geschah, wollte er lieber weit weg sein… Die Ebenen hier wären weit genug. Graue Wolken bedeckten mittlerweile den Himmel und auch wenn die Luft nicht kalt war, die ersten Regentropfen trafen wie Eis auf Haut und Fell. Zyle sah ungehalten zu Melchior, der nach wie vor die Führung übernahm und einen Moment die windgepeitschte Landschaft absuchte. ,,Sieht aus, als würde das ein ausgewachsener Sturm.“ , rief der Seher über das zunehmende tosen des Winds hinweg, während ihm eine Böe von den Füßen zu holen versuchte. Wenn Zyle

eines an Canton nach wie vor hasste, dann war es ganz sicher das Wetter… An den Küsten verlor man sich im Nebel, in den Bergen im Norden erfror man und auf den Ebenen hier konnte das Wetter offenbar sekundenschnell umschlagen nur um eine Gruppe Reisender den Tag zu verderben. ,,Da vorne. Wenn wir uns beeilen sind wir dort, bevor der Sturm wirklich losbricht.“ , sagte Kellvian deutete den Flusslauf entlang. Es war seltsam genug, das der Mann überhaupt was sagte, aber was auch immer in seinem Kopf vorging, vermutlich wollte er genau so wenig nass werden, wie sie alle. Zyle folgte dem Blick des Menschen und

entdeckte ein kleines Wäldchen, dessen Bäume dicht genug zu stehen schienen um zumindest etwas Schutz vor den Elementen zu bieten. Der Bachlauf, dem sie folgten und auf dessen unruhiger Oberfläche nun die Regentropfen tanzten verschwand zwischen den moosbewachsenen Wurzeln. Besser als nichts war es allemal. Leider hatte Kellvian mit seiner Vorhersage jedoch Unrecht. Bis sie die schützenden Bäume erreichten, hatte sich der Himmel von seinem ursprünglichen Grau zu tiefem schwarz verfärbt. Zyle konnte nur hoffen, das ihnen ein Gewitter erspart blieb, während sie noch auf offener Fläche waren. Der Regen war

mittlerweile zu einem beständigen Schleier geworden, der das Umland zu verschlucken schien und den Bachlauf über die Ufer treten ließ, als sie endlich unter das halbwegs trockene Blätterdach traten. ,,Ich glaube nicht, das das heute noch besser wird.“ , kommentierte Melchior, während er das Wasser aus seiner Kleidung schüttelte. Viel half das jedoch nicht. Zyle nickte. ,,So oder so. Es wird ohnehin bald dunkel werden. Besser wir schlagen unser Lager hier auf, als das uns ein zweiter Sturm mitten in der Ebene überrascht.“ Der Gejarn nahm den Rucksack von der Schulter und begann

durch das wenige an Ausrüstung zu gehen, dass sie besaßen. Darunter mehrere Zeltplanen und eine schmale Axt. ,,Kellvian ?“ Er warf dem Menschen die Planen zu. ,,Ihr und Melchior könnt euch schon einmal umsehen, wo wir die Zelte aufschlagen. Unter freiem Himmel, will ich heute nicht schlafen.“ ,,Und ihr ?“ , wollte der Seher wissen. Zyle hielt die Axt hoch. ,,Feuerholz. Vielleicht ist es euch entgangen, aber alles was wir haben, sei das Kleider oder Vorräte, schwimmt momentan geradezu.“ Mit diesen Worten verschwand der Gejarn zwischen den Bäumen und ließ Kellvian und Melchior damit allein zurück. Dieser stellte ebenfalls den

Rucksack ab und begann sich umzusehen. Kellvian hingegen schnappte sich lediglich schweigend eine der Zeltplanen. Eine gute Stunde später durchbrach nur noch der Schein eines kleinen flackernden Feuers die langsam hereinbrechende Dunkelheit. Drei kleine Zelte wurden von den Flammen erhellt, die sie mit mehr oder weniger großen Schwierigkeiten errichtet hatten. Nebenbei hatte Melchior mit wenigen Handgriffen ein simples Gestellt für ihre Rucksäcke gebaut, so dass diese samt Inhalt an der Glut trocknen konnten. Niemand war an diesem Abend wirklich dazu aufgelegt, sich lange zu

unterhalten. Kellvian am aller wenigsten und so waren sie alle früh in den Zelten verschwunden. Zyle erwachte jedoch, als er glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Das Rascheln von nassen Blättern… Vermutlich nur ein Tier. Nichts um was er sich Sorgen machen müssten, den Raubtiere waren ihnen in der ganzen Zeit, die sie jetzt durch Hasparen reisten noch nicht untergekommen. Lediglich einige kleinere Rentierherden, die sich von den Flechten und Gräsern ernährten, die sin in dieser Einöde fanden. Er war schon wieder halb eingeschlafen, als sich das Geräusch wiederholte. Für ein Tier war da jemand offenbar sehr

vorsichtig… Vorsichtig setzte der Gejarn sich auf und versuchte, durch die Zeltplanen etwas, außer dem Schein des heruntergebrannten Feuers zu erkennen. Nebenbei tastete der Gejarn nach seiner Waffe. Kaltes Metall berührte seine Hand, als er das Schwert endlich fand. Zyle lauschte wieder. Der Sturm hatte sich ausgetobt, wie es schien und das Rauschen des Regens war zu einem leisen, stetigen Tropfen geworden. Es hatte keinen Sinn hier herumzusitzen. Wenn jemand dort draußen herumschlich, musste er das wissen. Vermutlich war es ohnehin nur der Seher oder Kellvian. Trotzdem zog Zyle so geräuschlos wie

möglich die Klinge, bevor er sich unter dem Zelteingang hindurchduckte und hinaus ins halbdunkel trat. Außerhalb des kleinen Lichtkreises, den das Feuer schuf war alles dunkel. Nur die vereinzelten Regentropfen und das rauschen des Bachs in der nähe durchbrachen die Stille. Geduckt um nicht aufzufallen sah er sich in alle Richtungen um, entdeckte aber nur Dunkelheit. Bis auf einen glutroten Punkt , der in Kopfhöhe an einem Baum schwebte. Kellvian ließ die Waffe sinken, als er erkannte, wer dort in der Finsternis stand. Melchior der Seher lehnte Pfeife rauchend am Stamm einer Eiche und

musterte ihn scheinbar amüsiert. Seine Augen blitzten, als wäre alles hier ein Witz, den nur er zu schätzen wusste. Die dunklen Ringe darunter allerdings zeugten davon, dass der Mann in letzter Zeit wegen irgendetwas unter Stress stand. ,,Schlaft ihr denn nie?“ , wollte Zyle wissen, während er das Schwert sinken ließ. ,, Ich versuche es zu vermeiden.“ , erwiderte Melchior. ,, Ich werde einmal in meinem Schlaf sterben.“ ,, Damit wärt ihr glücklicher, als die meisten. Noch immer war Zyle skeptisch, was den Mann anging. Man konnte manchmal wirklich glauben, er wüsste,

was geschehen würde. Dann wiederum… er tat nichts um das zu verhindern. So wie in Vara, wo er den Dingen augenscheinlich einfach ihren Lauf gelassen hatte. ,, Aber ihr könnt doch nicht wirklich in die Zukunft sehen?“ ,, Und ob.“ ,,Ihr findet nicht mal den richtigen Weg Melchior…“ ,,Das würde voraussetzen, das das nicht meine Absicht wäre.“ , erwiderte der Seher grinsend. ,, Die Pyrtan haben seit jeher ihre eigene Art der Magie. Ob ihr mir nun glaubt oder nicht. Auch wenn ich nicht in der Lage bin, die Zukunft zu kennen, ich weiß welche Pfade sie am wahrscheinlichsten nehmen

wird.“ ,, Dann wisst ihr also nicht, wie ihr sterben werdet. Das ist doch nicht mehr als raten.“ Der Seher schüttelte den Kopf. ,, Nein mein Freund. Raten wäre, raten. Einen Würfel werfen. Was ich tue ist vorhersagen, wo der Würfel landen wird, wie er landet und mit welcher Zahl. Ich weiß wie ich sterben werde, aber nicht wann oder wo. Das verbirgt sich noch vor mir. Man könnte also sagen, ich weiß, wie dieser spezielle Würfel aufkommen wird. Die erste Vision jedes Sehers zeigt ihm seinen eigenen Tod. So müssen wir nie wieder fürchten. Aber vielleicht soll ich euch ja stattdessen

etwas über euren Tod verraten?“ ,, Nein danke.“ Das wäre das letzte, was er gebrauchen könnte. Das ihm dieser Mann einen Floh ins Ohr setzte. Insgeheim fragte er sich, ob das Wissen um die eigene Sterblichkeit den Mann nicht etwas seltsam hatte werden lassen? ,, Sagt mir nur.“ , meinte er grinsend. ,, Werden den eigentlich alle Menschen so gemein wie ihr, wenn sie langsam alt werden ?“ ,,Nein, nur ich mein Freund.“ Der Seher lachte. ,, Nur ich.“ ,, Was macht ihr eigentlich hier draußen ? Ich hab gedacht irgendein Tier schleicht durchs Lager.“ ,,Das bin dann aber nicht ich gewesen.

Ich bin schon eine ganze Weile hier Zyle…. Ich ziehen den Sternhimmel einem Zeltdach schlicht vor.“ ,, Wer dann ?“ Die Erkenntnis dämmerte Zyle sofort. ,, Kellvian. Natürlich.“ Sofort lief er zum Zelt des Menschen herüber. Er sah schon von weitem, das die Plane am Eingang zurückgeschlagen worden war. Und das innere verlassen. ,, Wo ist er hin Melchior ? Ihr müsst ihn doch gesehen haben, oder?“ Der Seher sah beinahe schuldbewusst aus, aber er wich dem Blick des Gejarn nicht aus, selbst als dieser die Waffe wieder hob. Ein Schauer lief Zyle über den Nacken. Was ging hier vor? ,, Kellvian wird heute

sterben.“ ,, Was ?“ Einen Augenblick versuchte er zu begreifen, was der Mann ihm klar machen wollte. Er hatte es wieder einmal gewusst. Gewusst was passieren wird und er hat erneut geschwiegen. Melchior schüttelte den Kopf. ,, Das ist nichts, was ihr oder ich verhindern könnten Zyle.“ ,,Hört mir zu , Schwertmeister und hört mir ganz genau zu : Das Banner des Adlers und des Löwen wird auch vor euer Stadt wehen . Sogar sehr bald schon. Und ihr werdet derjenige sein, der es dorthin bringt.“ Zyle ließ das Schwert sinken. ,, Was hat das mit Kellvian zu tun ?“ Ob er

Melchior auch nur ein Wort glaubte oder nicht, das war grade völlig unerheblich. Was der Mann eben behauptet hatte… das war vollkommen unmöglich. ,, Eine Menge.“ ,, Schluss mit den Spielchen Seher.“ , rief Zyle. Langsam machte der Mann ihn wütend. ,, Wo ist er hin? Raus mit der Sprache.“ ,, Wieso interessiert euch das Überhaupt ? Kellvian hat seine Schuldigkeit euch gegenüber getan oder?“ ,, Das ist völlig egal. Ihr redet davon dass ihr ihn offenbar in seinen Tod laufen lassen wollt. Ob ihr nun die Wahrheit sagt oder

nicht.“ Melchior nickte, bevor er sagte: ,, In diesem Fall sollten wir wohl los. Es ist ohnehin viel zu spät fürchte ich…“

KApitel 56 Liebe



Kellvian stand auf und ging geduckt zum Eingang des Zelts. Waffen und Kleidung lagen in einer Ecke des schmalen Unterstands. Mehr beiläufig warf er sich ein zerschlissenes Hemd und seinen Umhang über. Er konnte schlicht nicht länger liegenbleiben und warten, dass die Sonne aufging oder ihn doch der Schlaf fand. Was auch immer früher eintreffen würde. Er wusste, dass die anderen merkten, wie es ihm ging. Und doch hatte er Probleme sich eine einfache Tatsache

einzugestehen…
Was sollte das nur werden, wenn er die fliegende Stadt erreichte? Mochte sein, das der Sanguis-Orden ihn jagte, selbst das berührte ihn kaum mehr. Was würde er nur dafür geben, eine zweite Chance zu haben… Dieses Mal nicht zu lange zu zögern. Aber das war sein Problem, nichts mit dem er seine seltsam ungleichen  Gefährten belasten musste.
Der Geruch von Regen und nasser Walderde drang ihm in die Nase, als Kellvian nach draußen trat. Nichts rührte sich, nur das Laub raschelte unter seinen Füßen.  Vorsichtig achtete er darauf, wohin er trat. Er wollte weder Melchior noch Zyle wecken, wenn er so spät

draußen herumschlich. Aber er hielt es auch nicht länger allein unter den Stoffbahnen aus. Die letzten fünf Nächte hatte er sich immer davongeschlichen, um Rhe zu finden. Entweder, er lief, bis er Müde wurde oder kehrte vor Sonnenaufgang zurück. Alles um die Stimmen in seinem Kopf und die düsteren Selbstvorwürfe zum Schweigen zu bringen…
Kellvian trat leise an das ersterbende Feuer, das Zyle entfacht hatte und wärmte einen Augenblick seine Hände. Der Regen hatte die Luft merklich abgekühlt und der Atem stand ihm in kleinen Dampfwolken vorm Gesicht. Das war erst der Anfang, sollten sie noch

weiter in Richtung Berge reisen.  Hasparens Hochebenen konnten auch um diese Jahreszeit schon kalt werden, aber wenn sie Richtung Norden wanderten, würde bald Schnee liegen. Dafür waren sie beim besten Willen nicht ausgerüstet, trotzdem schien Melchior sie immer weiter in diese Richtung zu lenken.
Es lag Kellvian jedoch fern, deshalb etwas zu sagen. Der Seher wusste schon was er tat. Und selbst wenn nicht, so wusste er es immer noch besser als Kell.
Er wendete sich vom Feuer ab und folgte einfach dem Rauschen des Wassers. Der Bach, dem sie bis hierher gefolgt waren, war in Folge der Regenfälle zu einem reißenden Strom angeschwollen, der

längst über sein eigenes Ufer getreten war. Kellvian wischte ein paar Spinnweben beiseite, während er sich durch den Wald in Richtung Bach kämpfte. Das steinige Flussbett schimmerte in einigen Strahlen silbrigen Mondlichts, die einen Weg zwischen den Zweigen der Bäume hindurch fanden.
Einzelnen Wassertropfen fielen von den Blättern und trafen auf die aufgewühlte Oberfläche. Der Sturm, der sie dazu getrieben hatte in dem kleinen Wald Zuflucht zu suchen, war noch nicht all zu lang vorbei.
Kellvian setzte sich  ans Ufer und hob einen der flachen  Kiesel auf, welche die Wasserfläche

begrenzten.
,, Verdammt.“ , er flüsterte die Worte nur, doch in der ihn umgebenden Stille klangen sie trotzdem unangenehm laut. Mit einer Bewegung schleuderte er den Stein über den Fluss davon. Der Kiesel drehte sich in der Luft und versank im selben Moment, wo er das Wasser berührte unter den Fluten. Fast wäre der Stein am anderen Ufer aufgeschlagen… Aber eben nur fast. Eine weitere verpasste Chance, so klein sie war. Er wusste, er sollte sich nicht damit aufhalten, er sollte… einfach alles vergessen. Aber änderte diese Erkenntnis etwas? Nein. Er konnte schlicht nicht aus seiner Haut. Markus hatte schon jedes

recht gehabt, ihn einen Wahnsinnigen zu nennen und noch mehr jetzt. Wäre er noch am Leben…
Kellvian folgte der Flugbahn mit den Augen, bis zu dem Moment wo der Stein unter der Wasseroberfläche verschwand.   Eine Bewegung am anderen Ufer zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Zuerst dachte er, nur irgendein wildes Tier aufgeschreckt zu haben. Dann jedoch trat eine einzelne Gestalt ins Mondlicht.
Kellvian glaubte zuerst, einen Geist zu sehen. Oder vielleicht einem Streich seiner übermüdeten Augen zum Opfer zu fallen. Vielleicht verlor er auch nur langsam endgültig den Verstand.


Aber kaum zwei Schritte vom anderen Bachufer entfernt stand eine ihm nur zu vertraute Gestalt, die ihn aus grünen, juwelenartigen Augen musterte. Sie trug simple Waldkleidung bestehen aus einer Weste und abgetragenen Hosen, fast wie bei ihrer ersten Begegnung.
,, Jiy ?“ Er stand auf und blinzelte mehrmals ungläubig. Aber die Gejarn blieb wo sie war. Knapp außerhalb seiner Reichweite, keine hundert Schritte entfernt…
,, Hallo Kellvian.“ Irgendetwas stimmte nicht. Ihre Stimme klang traurig und zitterte leicht. Aber im Augenblick kümmerte ihn nur, dass sie wieder da

war. Warum… das war unwichtig, solange er dazu kam zu sprechen. Solange…
,, Wie bist du hierher… Egal, warte. Warte nur bitte.“ , fast fürchtete Kellvian, sie könnte verschwinden, sobald er wegsah oder das sich das ganze doch als Illusion herausstellte. Ohne es selbst zu merken, begann er nach den kleinen Wellen in der Realität zu suchen, die auf einen Zauber hindeuten würden, aber er fand nichts. Reglos stand Jiy am anderen Flussufer.
Kellvian suchte den Wasserlauf nach einem sicheren Überweg ab, allerdings konnte er schon aufgrund der Strömung den Grund nicht erkennen. Egal… das

musste er riskieren.
Wenn nicht jetzt dann nie. Jiy sah mit einem verwunderten und beinahe flehenden Gesichtsausdruck zu, wie  er einen Fuß ins Wasser setzte. Die Kälte drang sofort durch die Stiefel.
,, Was machst du Irrer denn ?“
,, Ich bin dumm Jiy, das solltest du am besten wissen.“ , erwiderte er, während er mit den Füßen nach den Stellen tastete, an denen das Wasser flach blieb. Teilweise musste Kellvian auf unter dem Wasserstrom verborgene Steine treten um vorwärts zu kommen und die Strömung drohte ständig ihn von den Füßen zu holen.
Jiy sah ihm kopfschüttelnd zu. ,,Ich…

ich finde schon einen eigenen Weg rüber.“
,,Nein, nein bleib genau wo du bist. Und wag es nicht mal wegzulaufen. Ich muss dir unbedingt sagen…“ Ein Stein geriet unter Kellvians Stiefel in Bewegung. Er kam aus dem Gleichgewicht  und stürzte mit den Armen rudernd ins Wasser. Der Wasserlauf war nicht Tief genug, das er wirklich in Gefahr war, aber die Strömung drohte ihn einen Moment mit sich zu reißen. Prustend schaffte er es schließlich wieder an die Oberfläche.
,, Das lief nicht wie geplant.“ , murmelte er mehr zu sich selbst, als das er mit Jiy sprach. Die Gejarn lachte einen kurzen Augenblick leise. Bevor sie sich zwang

das Geräusch zu ersticken.
Etwas Gutes hatte das ganze. Darum auf dem Weg über den Fluss nicht nass zu werden brauchte er sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen, dachte Kell, während er sich ans andere Ufer zog. Schon seltsam. So oder so ähnlich hatte alles für ihn  begonnen. Vor nun fast einem Monat. Durchnässt, an einem Flussufer. Langsam stand er auf. Kälte kroch ihm in die Glieder und schien ihn langsamer zu machen. Kellvian verdrängte das alles. Das einzige was ihn interessierte, war die Frau vor ihm.
,, Ich war ein absoluter Idiot.“ , meinte er tonlos. Angst und eine krude Mischung aus Gefühlen hatten Besitz von

ihm ergriffen. Nicht vor ihrer Reaktion. Er hatte seine Chance gehabt. Aber Furcht davor, wieder zu versagen. Das es ihm so schwer fiel, sich eine simple Tatsache einzugestehen…
,, Ich habe gelogen. Ich habe dich getäuscht. Aber…“
,, Kell…“
Kellvian fasste  ihre rechte Hand und fürchtete schon, Jiy würde sich ihm entziehen. Einfach wieder verschwinden…  Niemanden interessierten seine viel zu spät kommenden Eingeständnisse.
,, Bitte, lass mich ausreden. Mir ist… nie vorher jemand wie du begegnet. Dich hat nie interessiert, wer ich sei könnte. Ich

weiß das ändert nichts aber... Jiy..“
Diesmal konnte er nicht feige sein. Er durfte es schlicht nicht. Kellvian  wusste es jetzt. Die Worte… vor allem anderen. Er sah die Bewegung nur aus den Augenwinkeln. Eine Klinge blitzte im Mondlicht auf. Seltsam genug spürte er kaum Schmerz, als sich das Messer in seine linke Seite grub. Nur den plötzlichen warmen Blutstrom, der seine Kleidung durchtränkte und die Kälte des Flusses vertrieb.
,,Ich liebe dich.“
Er konnte den plötzlichen Schrecken in Jiys Augen sehen. Die Erkenntnis die viel zu spät kam. Das sie einen Fehler gemacht hatte… Klirrend schlug das

blutbesudelte Messer auf dem Boden auf. Das alles schien Kellvian unwirklich fern.  Seltsam… er war ausgezogen um eine Antwort zu finden, die vielleicht nicht existierte… was hatte er stadtessen gefunden? Den Tod.
Aber das war gut so. Alles war In Ordnung. Er verstand es. Er verstand sie…  Und er verzieh es. Wenn er das nur noch Jiy sagen könnte. Kellvian spürte, wie seine Beine unter ihm nachgaben und er auf den kalten Boden zusammensank. Wasser überspülte ihn einen Moment, bis ihn jemand aus den Fluten zurückriss.
Jiy beugte sich über ihn. Grüne Augen funkelten ihn an, während eine Hand seinen Kopf

stützte.
,,Warum du Wahnsinniger ?“ Etwas Feuchtes traf seine Wange. Kein Regen… Tränen.
,, Brauchte ich denn einen Grund ?“ , murmelte er, nur noch halb bei Bewusstsein.  ,,Auch wenn es zu spät ist, auch wenn du mich hassen musst… Ich darf diese Mal nicht Lügen. Ich kann nicht mehr Feige sein. Nicht jetzt.“
,, Ich hasse dich nicht.“ Die Stimme war so weit weg, dass er sie kaum noch wahrnahm.
,, Das ist schön. Vielleicht hätte ich doch einfach… Es gab keine Soldaten. Nicht mal  Verteidiger. Der Orden hatte uns falsche Informationen gegeben. Er ist

mir praktisch ins Messer gelaufen Jiy.“
,, Wer ?“ Sie klang verwirrt. Musste er erst alles erklären. Ihm fehlte allmählich die Kraft auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
,, In Lore. Ich wollte es nicht, aber es war plötzlich da. Nicht mehr als ein Kind…. Ich hab noch versucht ihn zu heilen. Kannst du das verzeihen? Ich kann verstehen wenn nicht.“
,, Ich…. „ Jemand schüttelte ihn an den Schultern. Er konnte die Berührung jetzt kaum spüren.  ,,Kellvian ? Hörst du mich noch? Oh bitte bleib wach.“
Schritte näherten sich. Nur mit Mühe konnte Kellvian Zyle erkennen, wer aus der Dunkelheit trat. Direkt hinter ihm

folgte Melchior. Der Seher blieb etwas unter den Bäumen zurück, als wage er nicht, sich zu nähern. Zyle hatte diese Probleme nicht.  Der Gejarn hatte das Schwert gezogen, als er am anderen Flussufer stehenblieb.  ,, Was bei Laos habt ihr getan ?“
Kellvian zwang sich noch einmal zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins. Auch wenn er alles verschwommen wahrnahm und sein Gesichtsfeld beständig kleiner zu werden schien…  ,, Das ist nicht wichtig. Ihr werdet ihr nichts tun.“
,, Na ratet mal, wer mich nicht daran hind…“ Der Gejarn erstarrte, als er bemerkte, wie sich Kellvians Augen

langsam von grünblau zu blau verfärbten.
,, Das war keine bitte.“ Ein Luftstrom  prellte, einem Gedanken Kellvians folgend,   dem Mann die Klinge aus der Hand. Dann wurde es dunkel um Kellvian.  Der schwache Zauber hatte ihn alles an Kraft gekostet, das er noch besessen hatte.

,, Das war einfacher als ich dachte, Seher.“ Melchior würde sich nicht zu der Stimme umdrehen. Er wusste nur zu genau, wer dort war um seinen Erfolg zu begutachten. ,, Ein erbärmliches  Trauerspiel, wenn ihr mich fragt.“ Der Schatten klang beinahe gelangweilt, während er die stumme Versammlung am

Flussufer musterte. Niemand schien sich für sie zu interessieren oder das Zwiegespräch auch nur zu bemerken.
,, Das war es euch Wert ?“ fagte Melchior nur tonlos. Zyle war die Klinge in der Hand vorgeprescht. Der Seher wusste, was folgen würde. Noch ein Toter…  Im nächsten Moment jedoch flog das Schwert des Gejarn im hohen Bogen davon.
Der Meister nahm den letzten Zauber Kellvians offenbar mit deutlichem Missfallen zur Kenntnis.
,, Wie Schade. Es sieht so aus, als würden zumindest eure beiden pelzigen Freunde am Leben bleiben. Zumindest

vorübergehend.“
,, Seit ihr jetzt endlich  zu Frieden ?“ Melchior musste sich zwingen die Stumme leise zu halten. Am liebsten hätte er den Schatten neben sich angebrüllt und vertrieben. Nur das war unmöglich…
,, Im Gegenteil. Ich habe grade erst angefangen. Und ihr werdet mir dabei nicht im Weg stehen Seher. Ihr müsst zugeben: Ich hatte von Anfang an recht mit meinen Vorhersagen.“ Mit diesen letzten Worten löste sich die Gestalt des Meisters auf. Alles was am Flussufer zurückblieb, war ein müder alternder Mann, ein betrübt dreinschauender Zyle… und eine leise weinende Gejarn,

die den Körper eines Kaisersohns  im Arm hielt. Die ersten Sonnenstrahlen fanden ihren Weg zwischen den Bäumen hindurch, als der Seher langsam zu den anderen trat.
In den Zweigen über Melchior schreckte ein Vogel aus seinem Schlaf hoch. Er konnte nur einen kurzen Blick erhaschen, aber offenbar war es ein Adler gewesen. Seltsam, was ein solches Tier hier draußen zu suchen hatte… Melchior folgte dem Tier einen Moment mit seinem inneren Auge.
Mit wenigen Flügelschlägen war der gewaltige Vogel auch schon weit über den Bäumen des kleinen Waldes, der ihnen als Unterschlug hatte dienen

sollen. Endlos breiteten sich die Ebenen von Hasparen unter ihm aus, während das Wappentier des Kaiserreichs langsam nach Osten abdrehte. Und damit in Richtung der bald in flammen stehenden Herzlande…
Ohne ein Wort ließ Melchior sich neben Kellvian und Jiy nieder. Zyle blieb stumm am anderen Ufer stehen, die Hände kraftlos auf den Knauf seiner wiedererlangten Waffe gestützt.
,, Es ist vorbei…“ , meinte der Gejarn leise.


Kapitel 57 Bereuen

Jiy hatte die Beine an den Körper gezogen und sah in das zu wenigen roten Glutpunkten zerfallene Feuer. Sie stocherte mit einem Ast in den ersterbenden Flammen, so das feine Rauchwolken von der Asche aufstiegen sich in der kalten Morgenluft auflösten. Zyle lehnte einige Schritte entfernt an einem Baum. Das Schwert hatte er neben seinen Fuß an den Stamm gelehnt. ,, Könnt ihr damit aufhören ?“ , fragte er, als wieder ein paar Funken aufsprangen, nur um sofort wieder zu verlöschen. ,, Warum ?“ Sie waren zurück in dem

kleinen Lager, das die Gruppe vor Jiys Rückkehr aufgeschlagen hatte. Einige Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdach und der morgendliche Wald hatte etwas Friedliches. Lediglich das Gezwitscher einiger Vögel durchbrach die fast vollkommene Stille. Der Gejarn seufzte entnervt. ,, Es macht mich lediglich nervös. Wie habt ihr uns überhaupt wiedergefunden?“ Sie hatte alles erklärt. Von ihrer Rückkehr zu den Clans des Herzlandes… bis zum Auftrag Fenisins. Den Auftrag, den sie niemals hätte ausführen dürfen. Die Erkenntnis war viel zu spät gekommen… Was hatte sie getan? Hatte sie wirklich geglaubt,

Kellvians Tod würde irgendetwas besser machen. Und dann gestand dieser unglaubliche, immer für eine Überraschung gute Narr ihr seine Gefühle. Wenn sie das bloß auf den Blutverlust schieben könnte, dachte Jiy. Mühsam schluckte sie die Tränen herunter. Es würde alles leichter machen. Sie wischte sich mit einem Ärmel ihrer Kleidung übers Gesicht. Getrocknetes Blut verklebte den Stoff mit ihrem Fell. Kellvians Blut… Das Blut eines Kaisers. Und am allerwichtigsten… das Blut von jemanden, den sie nie hätte verletzen dürfen. War das irgendein Witz, dass sie immer erst alles verlieren musste um es wirklich als das zu erkennen, was es war…

Ihr Bick wanderte durch das provisorische Lager zum Zelt des Sehers. Melchior hatte sich in den letzten Stunden nicht einmal sehen lassen. Jiy konnte es ihm nicht verübeln. Und ob sie dem Mann oder Zyle noch einmal in die Augen sehen würde können… ,, Es war nicht zu schwer euch zu Folgen. Auch wenn der Regen eure Duftspur fast weggewischt hätte…“ ,, Ihr könnt unserem Geruch folgen ? Ich habe schon Probleme, verschiedene Tiere auseinanderzuhalten…“ ,, Kellvians… vor allem.“ Zyle schüttelte den Kopf. ,, Ich verstehe weder euch noch Kellvian. Und ich bin mir ziemlich sicher, ich muss das auch

nicht. Menschen und Gejarn…“ ,,Wisst ihr, darüber zu sprechen ist das letzte was ich grade vorhabe.“ , erwiderte Jiy und hoffte, das das Gespräch damit endlich beendet wäre.,, Es gibt nicht viele Menschen in Laos, deshalb frage ich. Kommt so was öfter vor?“ ,, Nein… nicht so häufig. Eigentlich fast nie. Und dann musste mir der einzige Mensch über den weg laufen, den ich…“ Jiy hielt inne. ,,Es ist auch nicht mehr wichtig oder ? Ich hatte ein Versprechen gegeben… nie leichtfertig zu töten. Ich glaube ich verstehe erst jetzt warum. Ich… Verflucht, wenn ich einen Moment nachgedacht hätte… wenn ich ihm

zugehört hätte, einen Moment nur…“ ,, Geschehen ist geschehen.“ , meinte Zyle. ,, Ob ich das gut heiße ist die andere Frage, Aber ich respektiere Kellvian. Ich will ehrlich sein, das ist der Hauptgrund aus dem euer Kopf noch auf euren Schultern sitzt.“ Die Gejarn ließ lediglich den Kopf hängen. Sie hatte wirklich geglaubt Kellvian einfach töten zu können… Einen Augenblick lang. Lang genug um tatsächlich zuzuschlagen. Und das hatte gereicht. Das konnte einfach nicht sein und doch hatte es wenig Sinn, sich etwas anderes einzureden. Ein kurzer Moment nur… aber er hatte mehr zerstört, als sie sich jetzt schon eingestehen konnte.

Jiy warf den Ast in die Glut des Feuers, wo er sofort in Flammen aufging. Die Luft war empfindlich kalt geworden, aber sie spürte davon kaum etwas. ,,Und die anderen Gründe?“ , fragte sie, nur um die einsetzende Stille zu durchbrechen. Sie wollte mit niemanden reden. Aber hier sitzen, allein mit ihren Gedanken, das schien die schlimmere Alternative… ,,Ich habe vielleicht auch ein wenig Respekt vor euch. Und vor dem alten Seher. Ich verstehe zwar nicht wieso er nichts getan hat, aber ob ich mit sowas leben könnte… Er wusste die ganze Zeit was geschehen konnte, da bin ich mir sicher. Und doch… Hat er gehofft, ihr

würdet es nicht tun?“ ,, Wenn, dann wünschte ich, er hätte damit recht gehabt. “ Schweigen senkte sich erneut über das kleine Lager, während die letzte Glut des Feuers langsam erkaltete und verlosch. Blauer, klarer Himmel schimmerte zwischen den Blättern hindurch. Jiy stand auf, als sich die Kälte langsam doch bemerkbar machte. Wenn sie wenigstens irgendetwas zu tun hätte. Irgendetwas nur… Aber sie konnte nirgendwo hin. Sie wollte es auch nicht. Und was hatten sie und der andere Gejarn schon zu tun, als darauf zu warten, das Melchior zurückkam. Der Seher hatte sich nicht einmal die Mühe

gemacht, ein Wort mit ihr zu wechseln. Und seitheute Morgen hatten sie ihn nicht mehr gesehen. Jiy konnte das gut nachvollziehen. Sie hatte in der festen Absicht gekommen jemanden zu töten. Und jetzt blieb sie… allein durch Verzweiflung. Endlich jedoch wurde die Zeltplane vor der Unterkunft des Sehers beiseite geschlagen. Dunkle Ringe und müde Augen blickten ihnen aus dem Gesicht des Sehers entgegen und ließen ihn um Jahre gealtert wirken. Ohne ein Wort und ohne sie auch nur durch einen Blick zur Kenntnis zu nehmen, ließ sich der Mensch am kalten Feuer nieder. Zyle war der erste, der es wagte zu

sprechen. ,, Wie sieht es aus ? Ich meine… was machen wir jetzt?“ ,, Was glaubt ihr den ?“ , wollte Melchior wissen. ,, Nichts.“ ,, Es ist also… Er ist…“ ,,. Ich gebe euch keine Schuld Jiy. Wir sind alle nur Werkzeuge. Und wir sollten nicht versuchen mehr zu sein. Ich glaube gestern hat mich jemand daran erinnert.“ ,, Ich bin kein verdammtes Zahnrad, das nur hin und her schwing Seher, egal was ihr sagt.“ , erwiderte Zyle. ,, Das dachte ich auch mal… und vielleicht besteht nach wie vor diese Chance. “ Melchior sah endlich auf. ,, Kellvian lebt.“ Jiy glaubte zuerst sich verhört zu haben.

Das war unmöglich. Aber gleichzeitig machte ihr Herz einen kleinen Satz. ,, Was ? Dann… Ich muss nach ihm sehen. “ Melchior hielt sie mit einer Hand sanft zurück. ,,Aber grade noch so. Er hat so viel Blut verloren, das ich nicht mal weiß, was ihn grade eigentlich noch am Leben hält. Und ob er sich noch erholt… Wir bräuchten eigentlich einen Heiler aber die nächste Stadt ist mindestens drei Tagesreisen von hier. Und Kellvian zu bewegen steht momentan außer Frage.“ ,, Melchior bitte. Ich habe keine Ruhe bis ich… es nicht selbst gesehen habe.“ Er lebte. So unmöglich das klang, aber wenn die Chance

bestand… Der Seher schwieg eine Weile. Schließlich nickte er. ,, Geht. Ich glaube nicht, dass es viel schlimmer kommen kann.“ Er sah der Gejarn nach, die dankbar ebenfalls nickte und in Richtung der Zelte verschwand. Zyle , der bisher geschwiegen hatte, sah den Seher verwirrt an. ,, Melchior… er war tot, als wir ihn hergebracht haben. Da bin ich mir… fast sicher.“ ,, Glaubt ihr das weiß ich nicht ? Was ich gesagt habe stimmt. Ich habe nicht die geringste Ahnung warum er überhaupt noch atmet.“ ,, Hängt das damit zusammen… was er ist ? Ein Seelenträger

?“ ,, Möglich. Oder er ist einfach nur ein verdammt sturer Kerl. So oder so… Ich mache mir keine großen Hoffnungen. Wir müssen einfach abwarten. “ Als Jiy in das kleine Zelt trat , wusste sie nicht, was sie erwartet hatte. Jedenfalls nicht, was sie Vorfand. Der Geruch von Blut in der Luft war kaum zu ignorieren, genau so wenig, wie die Reglose Gestalt, die auf einer Bahre an der Rückwand lag. Ein rot verfärbter Verband zog sich über die gesamte linke Seite von Kellvians Körper. Die Haut des Mannes war viel zu bleich. Einen Augenblick lang fürchtete sie schon,

Melchior hätte sich geirrt… oder sich einen bösartigen Scherz erlaubt. Vielleicht seine Art der Rache. Wäre da nicht der Umstand, dass sich die Brust des vermeintlich Toten ganz unmerklich hob und senkte. ,, Kellvian ?“ Sie kniete sich vor der Liege auf den Boden. Jiy wusste, das es wenig Sinn hatte, überhaupt etwas zu sagen. Kellvian konnte sie unmöglich hören. Aber… es war besser als schweigen. Wenn er starb… Sofort schüttelte die Gejarn den Kopf, als wollte sie den Gedanken selbst wie eine lästige Fliege vertreiben. Das durfte sie nicht einmal denken. Zitternd strich sie Kellvian eine Haarsträhne aus dem

Gesicht. Die Haut, die sie berührte, erschien ihr Eiskalt. Der grüne Kristallsplitter, den er nach wie vor um den Hals trug glomm schwach im Halbdunkel. Ein langsames aufleuchten, das dem schwächer werdenden Herzschlag des Menschen zu folgen schien. Melchiors blauer Umhang lag zusammengefaltet am Fußende der Bahre. Sie griff danach und breitete den Mantel so gut es eben ging über Kellvian. Es gab ihr zumindest das Gefühl, irgendetwas zu tun. Wenn sie die Gabe des Menschen hätte wäre das alles kein Problem. Für einen Zauberer waren solche Verletzungen doch bestenfalls

Unannehmlichkeiten… Aber darauf konnte sie nicht hoffen. Es war grade ihr Volk, dem diese Gabe seit jeher versagt blieb. Das war nicht gerecht. Es war auch nicht gerecht, das Kellvian sterben sollte. Aber was war bitte jemals fair oder gerecht? Und doch, das er ausgerechnet jetzt sterben sollte… nachdem sie erkannt hatte… Wenn das ein Abschied war, dann musste sie das noch loswerden. Und sie musste einfach glauben, das Kell sie hören könnte. ,, Ahnen schaut mich an. Was mach ich hier?“ Jiy setzte sich mit dem Rücken zur Bahre. Warum Kellvian ? Warum

hatte ausgerechnet sie über das Lager eines ausgerissenen… Kaisers stolpern müssen? Nein das war verkehrt. Sie wäre nicht nur gestorben, wenn sie nicht dieses Glück gehabt hätte… Und selbst, wenn sie die Chance hätte, dachte Jiy. Sie würde nichts ändern. Die paar Wochen, die sie mit Kellvian durch die Herzlande gereist war… die Zeit in Vara... Sie würde das nicht vermissen wollen. Das waren schöne Zeiten gewesen, egal wie es nun aussah. Wenn sie ihm zugehört hätte, wenn Kellvian früher etwas gesagt hätte… Götter, sie verstand es jetzt endlich. Wieso er solche Angst gehabt hatte ihr die Wahrheit zu sagen… Und dass diese

Furcht unbegründet gewesen war, machte nichts besser. ,, Ich weiß es jetzt. Du verfluchter Narr du… Du hattest Angst. Angst was ich sagen könnte. Wie ich reagieren würde… Und verdammt, ich habe genau das getan, was du gefürchtet hast, nicht? Und mehr. Wegen mir werden sich die Clans und das Kaiserreich noch gegenseitig zerreißen…“ ,, Wir sind beide ziemlich dumm gewesen, oder ?“ Jiy sah auf. Hatte Kellvian grade wirklich gesprochen? Die Augen des Menschen waren nach wie vor geschlossen… Also hatte sie sich geirrt. Und möglicherweise würde Kell die Augen auch nie wieder öffnen. Wegen

ihr… ,, Ich würde das nie sagen wenn du wach wärst. Ich weiß ja nicht einmal wieso… Du warst doch nur ein seltsamer Mensch, der nicht wusste wohin. Was ist auf dem Weg passiert?“ Jiy kannte die Antwort. Als sie sich schließlich dazu überwand zu sprechen, war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. ,,Ich habe angefangen dich zu mögen. Und jetzt… Ich liebe dich. Was auch immer passiert, daran kann ich nichts mehr ändern. Und was würde ich geben um dir das ins Gesicht sagen zu können…“ Die Gejarn stand auf. So gerne sie bleiben würde, es brachte nichts. Besser,

wenn Melchior sich weiter um Kell kümmerte. Jiy konnte dem Seher jetzt nur vertrauen… Der Rest des Tages zog sich schleppend dahin. Niemand schien wirklich dazu aufgelegt, irgendetwas zu tun. Mehr aus Gewohnheit verarbeitete Melchior die wenigen Vorräte, die sie noch hatten zu Suppe. In den wenigen Stunden, die er nicht damit beschäftigt war, Kellvians Verbände zu wechseln war der Seher nach wie vor wortkarg und schweigsam. Und auch Zyle war nicht wirklich besser gelaunt. Selbst, wenn er sich Mühe gab, das zu verbergen, dachte Jiy. Der Gejarn versuchte offenbar, möglichst Gleichgültig zu wirken, was ihm aber

immer nur dann gelang, wenn er glaubte, sie wären in Hör oder Sichtweite. Seine gemurmelten Flüche entgingen jedoch weder Jiy noch Melchior.

Kapitel 58 Leben



,, Er ist weg.“ Jiy stürmte aus dem Zelt, scheinbar völlig aufgelöst.
,, Wer ist weg ?“ Zyle sah vom Feuer auf, über dem einige Fische bieten, die Melchior am Morgen gefangen hatte. Zwei Tage saßen sie jetzt hier fest und warteten darauf, dass sich Kellvians Zustand änderte. Zum Guten oder zum Schlechten. So oder so, der Mann war bisher nicht zu Bewusstsein gekommen und Zyle rechnete auch nicht mehr wirklich damit. Das war kein ordentlicher Tod, dachte er nur. Darauf

warten, das das Schicksal über einen Entschied…
Wenigstens schien sich das Wetter zu halten. Es wurde nicht mehr kälter und auch weitere Stürme waren ihnen erspart geblieben. Das war allerdings auch schon die einige gute Nachricht, die es gab.
,, Kellvian. Er ist nicht mehr da. Die Liege ist leer…“ Die Gejarn machte eine verzweifelte Geste, während Melchior sich von seinem Platz am Feuer erhob.
,, Ihr macht Witze ?“ , wollte der Seher wissen, wartete die Antwort allerdings erst gar nicht ab. Stattdessen lief er an Jiy vorbei und  verschwand seinerseits im Zelt. Wenige Augenblicke später kam er knochenbleich zurück. ,, Das gibt es

doch nicht…“
,, Tut nicht so Seher.“ , erwiderte Zyle und stand ebenfalls auf. ,, Ihr wusstet doch sicher, dass das passiert. Also sparen wir uns das gleich. Was ist los?“
,, Ich habe keine Ahnung, glaubt mir.  Ich hab seinen Tod gesehen und der ist nicht eingetreten. Es ist als würde dieser Mann mit dem Schicksal umspringen, wie es ihm gefällt…“
,, Und das soll heißen ?“
,, Das ich keine Ahnung habe wo er ist.“ , erwiderte der Seher scharf. ,, Halbtote sollten nicht einfach so aufstehen und durch die Gegend wandern.“
,, Dann kann er ja wohl kaum weit

gekommen sein, oder ?“ , meinte Zyle. Er würde sich von Melchior nicht weiter an der Nase herumführen lassen. Sie saßen hier fest und das alles nur, weil der Seher nicht in der Lage gewesen war,  sie früher zu warnen… Allerdings, dachte er, hätte er Jiy dann auch getötet…
Melchior deutete zurück zu den Zelten, während er auf den Gejarn zutrat. ,, Er sollte überhaupt nirgendwo hingehen können. Nicht nach bloß zwei Tagen.“
,, Könnt ihr bitte damit aufhören ?“  Jiy trat zwischen die beiden Männer. ,, Das bringt doch jetzt überhaupt nichts.“
Melchior seufzte und machte einige Schritte zurück. ,, Ich habt ja recht , Jiy.

Es bringt nicht uns zu streiten. Zyle ? Sucht ihr nördlich von hier bis zum Waldrand?“
,, Mach ich.“ Der Gejarn kratzte sich verlegen am Hinterkopf. ,, Und verzeiht. Ich… glaube wir sind in letzter Zeit alle etwas nervös?“
,, Schon gut. Wenn alles wieder in Ordnung kommt, werde ich mich sogar gerne von euch anschreien lassen.“
,, Dann Sorgen wir besser dafür. Norden also…“
Der Seher nickte. ,, In diesem Fall werde ich mich auf den Weg aus dem Wald machen. Wenn Kellvian irgendwo auf den Ebenen isst, werde ich ihn sehen. Und ihr Jiy

?“
,, Ich suche Richtung Fluss. Er muss ja irgendwo sein.“ Sie war nicht sonderlich erpicht darauf, ausgerechnet an den Ort zurückzukehren, an dem sie Kellvian fast getötet hatte. Trotzdem machte sich die Gejarn auf den Weg, während die anderen ebenfalls verschwanden. Trockenes Laub und vereinzelte Äste knirschten unter ihren Füßen, als sie sich einen Weg zwischen den Bäumen hindurch suchte. In einiger Entfernung konnte sie Zyle rufen hören. Natürlich ohne eine Antwort zu bekommen. Wo konnte er hin sein? Es schien ein Wunder zu sein, das der Mann auch nur laufen konnte… Das hieß, wenn er wirklich

selbst gegangen war…
Jetzt mach dich nicht verrückt, sagte sie sich selbst, während sie einem tief hängenden Ast auswich.
Kellvian hatte die letzten Tage Fieber gehabt, schien sich aber ein wenig zu erholen. Die ungesunde Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und sein Atem gleichmäßiger geworden…  Trotzdem  war   es eigentlich unmöglich, das er von selbst hätte Aufstehen können.
Sie hielt die Nase in den Wind. Wenn Kellvian in der Nähe war, so fand sie seine Fährte nicht. Obwohl sie genau dieser von Vara aus hatte folgen können… Oder ? Schweif schwang wie ein Pendel hin und her. Ein entfernter

Hauch von  etwas Vertrautem.
Die Gejarn beeilte sich der schwachen Spur zu folgen. Jiy musste sich erneut unter mehreren Zweigen hindurchducken, während sich ihre Schritte beschleunigten. Der Wald selbst wollte sich ihr in den Weg stellen, wie es den Anschein hatte und immer wieder blieb sie trotz aller Vorsicht an einzelnen Dornen oder Ästen hängen, die sie beiläufig abbrach.
Schließlich jedoch trat sie unter dem Blätterdach hervor an ein felsiges Flussufer. Mehrere große Monolithe ragten wie Zeigefinger Richtung Himmel. Diese Steine konnten doch unmöglich natürliche Ursprungs sein, dachte sie.

Die Oberfläche der grauen Riesen war mit Blasen und Einschlüssen übersäht, als wäre das Material einmal geschmolzen worden und dann langsam  wieder erstarrt.
Das Wasser floss gleichmäßig dahin, nicht mehr in unberechenbaren Strömungen wie vor wenigen Tagen noch. Ein Schauer überlief sie. War das die gleiche Stelle, an der Kellvian… durch ihre Hand  fast gestorben wäre? Sie war nicht abergläubisch, trotzdem war es erleichternd, festzustellen, dass dem nicht so war. Dennoch, Kellvian war hier gewesen. Die Fährte, der sie gefolgt war wurde hier definitiv stärker… Jiy ließ den Blick über den verlassenen

Kiesstrand wandern. Zumindest erschein er der Gejarn verlassen, bis sie einen Schopf blonder Haare hinter einem der großen Steine entdeckte.
,, Kellvian ?“ Sie rannte die letzten hundert Schritte, die zwischen ihr und den Steinen lagen. ,, Götter, was tust du denn ?“ Fast rechnete Jiy damit, einen toten Mann vorzufinden, der an den Felsen lehnte. Stattdessen  tauchte der Kopf eines wohlbehalten wirkenden Kellvian Belfare hinter dem Monolithen auf. ,, Jiy ?“
,, Wir suchen alle nach dir… Kell... du.. .“ Sie konnte einen Augenblick nicht weitersprechen. Eine Welle der Erleichterung überrollte sie. Es ging ihm

gut, auch wenn er mehrmals verwirrt blinzelte.
,, Ist etwas ?“ Kellvian trat hinter seinem Versteck hervor.
,, Wir suchen alle nach dir.“
,,Oh Entschuldige.  Ich konnte nicht mehr liegenbleiben. Ich dachte es wäre besser euch nicht zu wecken…  Offenbar bist du nicht so gut mit dem Messer wie du denkst.“ Er lächelte verschmitzt.
,,Ja.. sicher.“ Hatte er wirklich keine Ahnung wie schwer sie ihn wirklich getroffen hatte?
,, Hey… Alles in Ordnung ?“ Kellvian stand auf, allerdings nicht ohne Schwierigkeiten. Er schwankte kurz, bevor er einen sichern Stand wiederfand

und einige Schritte auf sie zumachte.
,,Es ist nur…“ Jiy konnte sich nicht überzeugen, das sie nicht irgendeinem Trugbild aufgesessen war. Irgendein bösartiger Scherz oder… Aber als Kellvian vor ihr stand, nach wie vor angeschlagen, aber am Leben. Ganz ohne Zweifel am Leben…
Bevor sie selber wusste, was sie tat zog sie ihn in eine heftige Umarmung. ,, Erschreck mich nur nie wieder so.“
Sie spürte, wie er zusammenzuckte.  Sofort ließ Jiy ihn los. ,, Entschuldigung. Deine Verletzungen ich hätte wirklich…“ Jiy wollte ein Stück zurücktreten, aber Kellvian hielt ihre Hand

fest.
Er rang sich ein schmerzerfülltes Grinsen ab. ,, Hey,  alles in Ordnung. Okay ?“
,,Wir dachten alle du stirbst.“ Jiy konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie war eigentlich nicht jemand der weinte… oder es gerne zugab. Kellvian sagte nichts. Das war auch nicht nötig. Sanft zog er sie wieder an sich und strich ihr beiläufig mit einer Hand durch die Haare.
,, Alles in Ordnung.“ , flüsterte er wieder.
,, Nichts ist in Ordnung Kellvian. Ich habe versucht dich zu töten. Ich… Wie kannst du mir noch trauen?“
,,Ich weiß es nicht Jiy.“ , gestand er. ,,

Nur bei einem bin ich mir sicher. Ich wäre nichts mehr ohne dich.. Das du einfach so… fort sein konntest. Ich meine… ich hatte damit gerechnet. Nur nicht… so. Die letzten zwei Wochen habe ich geglaubt ich werde verrückt.“
Die anderen hatten ihr erzählt, was in Vara passiert war. Vom Tod des Patriziers… und von dem Angriff auf die Universität… Aber darum schien es ihm nicht zu gehen. Jiy musste sich zwingen Kellvian in die Augen zu sehen. Das verwirrende Farbenspiel aus blau und grün war zumindest vorerst zu einem halt gekommen. Er schien auf eine Antwort zu warten. Und egal wie diese ausfallen würde… Bereit diese zu

akzeptieren.
,, Das ist völlig verrückt.“ Sie trat ein paar Schritte zurück, worauf Kellvian sie losließ. ,, Ich meine… du bist…“
,, Kellvian Belfare. Nachfahre des Simon. Zukünftiger Kaiser des Canton-Imperiums.  Und all das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal. Dir nicht ?“
,, Ich weiß wen ich kenne.“ Jiy trat wieder auf ihn zu. ,, Ich kenne dich Kellvian. Die anderen Namen bedeuten mir nichts.  Aber hast du keine Angst? Was wird… was wird man über dich sagen?“
,,Es kümmert mich nicht. Hörst du mich?“  Er legte ihr sanft eine Hand unter Kinn und zwang sie damit, ihn

anzusehen. ,, Ich fürchte mich nicht mehr Jiy. Diese Zeiten sind vorbei. Endgültig. Ich werde und ich kann nicht mehr feige sein. Die ganze Zeit bin ich weggelaufen. Vor mir. Vor Leuten die mir diktieren wollen, was ich zu tun habe. Vor Menschen, die mich wegen dieser unwichtigen Namen töten wollten.  Aber alles, was mich jetzt  interessiert ist… was du willst.“
,, Du kennst die Antwort…“
,, Und du würdest mir das nie sagen, wenn ich wach wäre, wie ?“ Er lachte leise.
,, Du… hast mich gehört ?“
Statt einer Antwort beugte er sich vor. Langsam… Jiy wich nicht zurück auch

nicht in  dem Moment, wo sich ihre Lippen fanden. Die Berührung war flüchtig, viel zu kurz… Aber für die beiden ungleichen Gestalten, die dort am Ufer standen bedeutete sie die Welt.



Als sie ins Lager zurückkehrten, saß Melchior bereits wieder am Feuer und als ob nichts gewesen wäre, hob er kurz eine Hand zum Gruß. Über den Flammen köchelten ihre letzten Vorräte vor sich hin. Zyle hielt sich etwas abseits und schüttelte lediglich den Kopf, als Kellvian gefolgt von Jiy zwischen den Bäumen auftauchte.


,, Er hats wieder mal  gewusst. Da bin ich mir so was von sicher. Und trotzdem scheucht er uns alle durch die Gegend…“ “ , murmelte  der Gejarn nur und Kellvian war sich einen Augenblick unsicher, ob der Mann drauf und dran war, sich auf Melchior zu stürzen oder laut loszulachen.
Der Seher sah schmunzelnd auf: ,, Ich kann euch übrigens Hören und habe natürlich keinerlei Ahnung, wovon ihr sprecht.“
Zyle sah immer noch nicht auf. ,, Irgendwann bring ich ihn um.“
,, Aber bitte erst nach dem Essen, ja ?“
Zyle erwiderte darauf nichts mehr,

sondern starrte lediglich grimmig vor sich hin, während die anderen am Feuer Platz nahmen. Schweigend und ohne ein Wort über Kellvians verschwinden zu verlieren, verteilte Melchior die Suppe auf ihr verbliebenes  Geschirr und schließlich brach auch der Gejarn seine seltsam Form des Protests und setzte sich zu ihnen.
,, Schön zu sehen, das es euch besser geht.“ , sagte er.
,, So seltsam es wirkt  Zyle hier hat sich offenbar Sorgen um euch gemacht.“, erwiderte Melchior.
,, Während ein gewisser anwesender Seher damit beschäftigt war, mich durch die Wildnis zu schicken. Ich bin einmal

quer durch den ganzen Wald gelaufen. Wo bei Laos seid ihr beide denn gewesen?“ Erst jetzt machte sich der Gejarn offenbar die Mühe aufzusehen.
,, Ähm…“ Kellvian war unsicher, was er erwidern sollte und sah hilfesuchend zu Jiy. Diese hatte allerdings offenbar grade den gleichen Einfall. Ihre Blicke trafen sich und auch wenn er  sich geschworen hatte, nicht klein bei zu geben, einen Moment später sah er doch verlegen weg.
Der folgende Zyles Lachanfall, sagte ihm schon, was er wissen musste. ,, Alles klar. Ich verstehe.“
Statt etwas zu erwidern stimmte Melchior einfach in das Lachen mit ein und bevor Kellvian wirklich verstand

wieso, lachte er auch noch selbst mit.  Jiys Gelächter klang ihm in den Ohren als eines der Geräusche, an die er sich immer erinnern würde. Selbst viele Jahre später,  als alter Mann hatte er immer dieses Bild vor Augen, wenn er an seine unpassenden Gefährten zurückdachte. In diesen einen Moment gab es keine Unterschiede zwischen ihnen. Eisnomaden, Gejarn, Laos , Menschen Cantons… Sie waren alle noch am Leben. Am Leben und sicher es zu schaffen. Kellvian sah zwischen den grünen Zweigen auf Richtung Himmel. Die fliegende Stadt wartete. Es würde eine seltsame Heimkehr werden, da war er sich sicher. Aber keine traurige mehr. So

verschieden sie alle waren, er konnte mit Stolz jeden hier einen Freund nennen. Sie würden es schaffen…


Kapitel 59 Richtung Berge


,,Also, damit ich das richtig verstehe.“ , begann Kellvian. ,,Die Gejarn wollen mich töten, was ich irgendwie ziemlich gut nachvollziehen kann. Der Sanguis-Orden will mich töten, was ich nicht verstehen kann und du...hast versucht mich zu töten.“
Jiy sah schuldbewusst zu Boden. ,,Ich…“
Er schüttelte den Kopf. ,,Hey. Alles in Ordnung, das war nur… Ach verdammt, ich hätte nichts sagen sollen.“
Die Gejarn sah mit einem plötzlichen Grinsen auf dem Gesicht auf. ,,Nächstes mal ziel ich besser.“ , meinte sie,

während sie den Kopf an seine Schulter lehnte. Es begann langsam dunkel zu werden und der Schein des Feuers tauchte ihr provisorisches Lager und die umstehenden Bäume in orangerotes Licht. Den ganzen Nachmittag hatten sie damit zugebracht, alles zusammenzupacken, was sie mitnehmen wollten.  Nun saßen sie erneut zusammen und planten ihren nächsten Schritt.
,,Mir geht es nur darum : Kann ich eigentlich noch irgendwo hin ? Wir müssen nach wie vor zur fliegenden Stadt. Und der nächste Hafen ist Lasanta.“
,,Könnt ihr den reisen ?“ , fragte Melchior. Der Seher saß auf der anderen

Seite des Feuers und hatte eine Pfeife im Mundwinkel. Die Flammen spiegelten sich in seinem Saphirring, während die Knochenanhänger, die er an dem Bernsteinstab den er immer trug angebracht hatte, in einem leichten  Windhauch  gegeneinander schlugen.
,,Es geht mir bestens.“ , erklärte Kellvian. ,,Das ganze wird zwar eine ziemlich üble Narbe hinterlassen, aber ansonsten…“
,,Ich halte es nach wie vor für unmöglich , das ihr euch so schnell erholen konntet.“ ,meinte Zyle.
,,Vielleicht lagt ihr alle einfach falsch. Ich meine…“
,,Kellvian.“ Jiy unterbrach ihn. ,,Ich hab

dich gesehen. Du warst so gut wie Tod.“
,,Ich habe wieder geträumt…“ , meinte er ernst. ,,Wie nach dem Kampf mit dem Großmagier in Vara.“
Der Seher horchte auf und erhob sich halb von seinem Platz. ,,Was habt ihr gesehen ?“
,,Das ist es ja. Ich verstehe es nicht.“ Es waren die gleichen nichtssagenden, aber doch irgendwie bedrohlichen Bilder die ihn in seiner Kindheit um den Schlaf gebracht  und eine irrationale Angst vor der Dunkelheit geschaffen hatten. ,,Die Welt scheint zu schmelzen, glaube ich. Und dann bleit da nur noch Dunkelheit… Ich glaube nicht, das das irgendetwas bedeutet. Oder

?
,,Schwer zu sagen. Kellvian… ihr tragt die Seele eines Zauberers des alten Volkes mit euch. Vielleicht… hat das euch geheilt?“
,,Wenn dann nicht vollständig. Der Schnitt ist immer noch da. “ , gab er zu bedenken. Der Gedanke gefiel ihm nicht. Das irgendetwas ihn einfach als… Gefäß benutzen konnte. Ob dieses Ding ihm nun das Leben gerettet hatte oder nicht. Er entschied sich lieber weiter daran zu Glauben, das Jiy ihn nicht so schwer verletzt hatte wie alle zu glauben schienen. Allerdings kannte er persönlich jemanden bei dem Heilmagie nicht mehr anschlug…

Tyrus.
,,Vielleicht hat das damit zu tun… nun ja, wer euch verwundet hat. Eine emotionale Verknüpfung der Verletzung mit  Jiy. Grob gesagt.“ Melchior zuckte ratlos mit den Schultern. ,,Ich habe mich zwar mit Magie beschäftigt, aber ich bin mir ziemlich sicher, ich weiß weniger als die meisten Ordenszauberer. Ich habe zumindest gehört, dass Magie auf Emotionen reagieren kann, sogar sehr empfindlich unter Umständen. Es kann sie verstärken oder im schlimmsten falls einen  sogar die  Kontrolle verlieren lassen… oder Zauber massiv abschwächen wenn man mich mit Herz und Verstand dabei

ist.“
,,Ein Rastel, um das wir uns vielleicht später Gedanken machen sollten.“ , schlug Zyle vor. ,,Wichtiger ist jetzt… Wohin geht die Reise?“ Der Gejarn hatte eine grobe Karte Cantons aus seinem Gepäck geholt. So wie das Dokument aussah war es wohl schon älter, aber die Grenzend es Kaiserreichs veränderten sich auch nicht mehr großartig. Zumindest solange es ihnen nicht gelang, Laos im Süden zu überwinden. Kellvian deutete auf eine Reihe von Bergen, die sich wohl etwa vier Tagesreisen entfernt befinden mussten. ,,Hier. Ich glaube, das wird unser größtes Problem, wenn wir nach Lasanta wollen.


,,Wir müssten die Berge umgehen oder ?“ , fragte Jiy. ,,Die Festung des Sanguis-Ordens befindet sich dort oben…“
,,Und das würde Wochen dauern.“ , gab Melchior zu bedenken.,,Aber ihr habt recht. So laufen wir dem Orden  praktisch in die Arme.“
Kellvian deutete noch mal auf die Karte. ,,Nein. Im  Gegenteil.“ Was er vor hatte war gewagt, selbst im bestenfalls, aber wenn es Erfolg hatte, würden sie mindestens eine Woche sparen, wenn nicht mehr. Sie müssten Lasanta erreichen, ein Schiff finden und dann noch zur fliegenden Stadt gelangen,

bevor diese wieder Festland  überquerte. Zeit war wichtig…
,,Sicher, das ihr schon wieder ganz gesund seit ?“ , wollte Zyle wissen.
,,Denkt nach. Das ist mit Abstand der letzte Ort, an dem der Orden uns vermuten würde. Wir schleichen uns praktisch direkt unter der  Nase der Zauberer durch. Damit rechnet niemand.“
,,Weil niemand so dumm wäre.“ , warf der Gejarn ein. ,,Aber irgendwie gefällt mir die Idee, diesen Robenträgern einen Besuch abzustatten. Ich schulde einem von denen noch was“
,,Wir wollen nur wohlbehalten vorbei Zyle. Wenn alles glatt geht, sehen wir nicht mal einen einzigen Zauberer.“



Während sie sich den Bergen näherten, veränderte sich die Landschaft wieder zunehmend, die endlosen nur von kleinen Baumgruppen unterbrochenen Moos und Felslandschaften, die für Hasparen so typisch schienen wichen langsam einigen Wäldern aus niedrigen Tannen. Der ölige Duft von  Harz erfüllte die Luft, während sie sich einen Weg durch die Wälder suchten.
Sturzbäche aus Schmelzwasser, welche ihren Weg die dunklen, auf die Entfernung fast schwarzen Berghänge hinab suchten verwandelten das Land in einen Flickenteppich aus Seen und

immergrünen Baumgruppen. Waren die Ebenen schon spärlich besiedelt gewesen, so begegnete ihnen auf ihrer Reise immer näher an die Grenze Immersons  so gut wie niemand mehr. Lediglich bei einigen verstreuten Holzfällersiedlungen, die nicht einmal über Straßen oder ähnliche Hinweise auf ihre Existenz verfügten, konnten se noch Vorräte erwerben. Meist schweres, hartgebackenes Brot und das wenige , was sich hier oben anbauen ließ. Mittlerweile war es kalt genug, dass nachts bereits erster Frost die Landschaft einhüllte. Feine Eisschichten, die das Sonnenlicht einfingen, während sie Tagsüber langsam dahinschmolzen, 

bildeten sich auf den Seen und den zahlreichen Holzstegen, die über die Wiesen und Uferregionen der Teiche verliefen. Kellvian hatte schnell gemerkt, das man besser den derart gesicherten Wegen folgte, statt auf eigene Faust loszuwandern. Der Schlamm, der die Seen umgab hatte ihn fast einen Stiefel gekostet, als er einmal nicht auf dem Pfad geblieben war. Sie waren nun nah genug an den Bergen, das diese wie ein gewaltiger, aus schwarzem Granit bestehender Wall in die Höhe ragten. Wolken verhüllten  die meiste Zeit die Gipfel, aber wenn der ewige Nebel in der Höhe doch einmal auseinandertrieb, spiegelte sich die

Sonne auf gefrorenen, tiefblauen Gletschern und ewigen Schneelandschaften. Er konnte nur hoffen, dass sie erst gar nicht so hoch mussten, sondern einen Pass um die höchsten Berge herumfanden. Zwar hatten sie sich alle mit wärmerer Kleidung eingedeckt, aber in diesen Schwindelerregenden Höhen zu verweilen, war etwas, auf das er verzichten konnte. Selbst die Zauber der fliegenden Stadt waren nicht in der Lage, diese gewaltigen Berge zu überqueren, sondern suchten stets einen Weg um das Granitgebirge herum.
Kellvian schwankte auf dem Holzsteg, dem sie folgten. Kurz schien es ihm, als

würde die Welt um ihn herum verschwimmen und sich in einen Strudel aus Farben und wagen Formen auflösen.  Die ganzen letzten Tage hatte er sich schon nicht gut gefühlt, aber der plötzliche Anfall kam unerwartet. Er hatte leichtes Fieber gehabt, das ja, aber das hier… war neu.  So schnell alles gegangen war, so schnell war alles auch vorbei.  Den anderen musste es jedoch trotzdem aufgefallen sein. Melchior, der die Spitze ihrer kleinen Gruppe bildete blieb stehen und auch Zyle hielt auf Höhe des Sehers an.
,,Kell ?“ Jiy war das kurze Stück Weg bis zu ihm zurückgelaufen.
,,Es geht schon. Mir war nur kurz…

Schwindlig.“ , log er. Was er grade gesehen hatte… war beunruhigend. ,,Hey..“
Die Gejarn ignorierte seinen Protest, als sie sein Hemd beiseite schlug. Die als dunkle Linie zu erkennende Narbe, war alles was von seinen Verletzungen übrig war.  Der Streifen aus geronnenem Blut  zog sich, von der Hüfte bis über den Brustkorb quer über seien Linke Seite.
Er konnte den stummen Ausdruck auf Jiys Gesicht nur zu gut deuten. Sorge und nach wie vor ein Hauch von Schuld. Egal, wie deutlich er machte, das er ihr mehr als verzieh…
,,Es scheint langsam alles zu verheilen.“
,,Sag ich doch. Kein Grund zur Sorge.“

Auch wenn das nicht ganz stimmte. Zwar erinnerte wenig daran, das er vor einigen Tagen erst fast gestorben wäre, trotzdem weigerte die Verletzung sich hartnäckig ganz auszuheilen. Stattdessen musste er fürchten, dass die Wunde bei zu großer Belastung wieder aufreißen könnte. ,,Es geht mir bestens, wirklich Jiy. Wie kommst du mit?“
,, Melchior meint, wir werden wohl bald die ersten Ausläufer der Berge erreichen. Vielleicht Morgen schon. “ , meinte die Gejarn  und deutete hinauf zu den in den Wolken verschwindenden Felswänden. Von hier sah alles zum greifen nah aus, aber wenn  sie noch einen Tagesmarch entfernt waren, musste das täuschen. Wie

hoch mussten diese Gipfel sein? Kellvian hatte für sich schon festgelegt, das er es nicht herausfinden wollte, wenn es sich vermeiden ließ. Aber da war noch etwas anderes an diesen Bergen…
Jiy war es offenbar auch nicht entgangen.  Sie deutete auf eine Reihe von Schatten, die scheinbar an einer der Bergflanken saßen. Manchmal stoben einige davon auf und breiteten Schwingen aus.
,,Siehst du das ?“ , wollte die Gejarn wissen.
,, Ich sehe es… Sind das Vögel?“ Wenn ja, dann mussten sie verdammt groß sein, um auf die Entfernung sichtbar zu sein. Fast so groß wie… Ein Mensch. Er hatte

gehört, dass es eine Art von Geiern gab, die durchaus so groß werden konnte. Aber die lebten nicht hier, wenn ihn nicht alles täuschte. Die Bereiche über solche Kreaturen stammten tief aus dem Süden, in den Gebieten in der Nähe der Grenze nach Laos…
,, Ich weiß es nicht. Aber es gefällt mir nicht. Kommt, wir sollten die anderen nicht warten lassen.“

Zyle musterte den Seher skeptisch. Auch wenn Melchior es sich nicht anmerken ließ, immer wieder wanderte sein Blick suchend über das nebelige Wasser der umgebenden Seen. Als erwarte er mal wieder, dass irgendetwas geschehen

würde… Es war ja beinahe schon lästig, dass er Fragen musste.
,, Was ist jetzt wieder los ?“
,, Diese Gegend ist meinem Volk nicht ganz unbekannt.“ , erwiderte Melchior
,, Ihr meint die Nomaden ?“
Der Seher nicke. ,, Es gibt viele Geschichten über diese Seen und die Berge, die dahinter liegen. Manche davon sind klar Legende. Andere… hingegen sind viel mehr als das.“
,, Sagt bloß ihr fürchtet euch vor Gespenstern ?“
,, Die Gespenster hier sind es nicht, die mir Sorgen machen.“ , sagte er , während er weiterging.,, Seht ihr diesen See dort?“ Melchior deutete mit dem Stab auf

eine der vielen Wasserflächen hinaus, die sich kaum von den anderen Unterschied. Lediglich, das sich in der Mitte ein großer Baum erhob, in dessen dunkler Rinde hell schimmernde Schnitzereien zu erkennen waren.
,, Was ist damit ?“
,, Das ist ein Opferplatz für den sich ewig Wandelnden.“
,, Ein Gott eures Volkes ?“
Zyle hätte mit jeder Erwiderung des Sehers  gerechnet. Nur nicht mit der, die er bekam. Melchior warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Das Geräusch schallte über die Seen wieder und schreckte eine Reihe von Wasservögeln auf, die sich

flügelschlagend Richtung Himmel erhoben
Nachdem er wieder zum Atem gekommen war schnaufte er : ,, Nein, Nein ein Gott ist er nicht. Er ist sogar… ein wenig realer als die meisten Götter, die ich kenne.“
,, Und wer oder besser, was ist er dann ?“
,, Ein verdammter Spaßvogel, wenn ihr mich fragt. Zumindest bei de wenigen Gelegenheiten wo ich ihn getroffen habe.“
,, Und worum müssen wir uns dann Sorgen machen ?“ Vorausgesetzt ich kaufe euch ab, das dieses Ding überhaupt existiert, dachte

Zyle.
,, Oh glaubt mir, ihr würdet seine… Art von Humor gar nicht zu schätzen wissen. Die geht meist auf die kosten anderer.“ Mit diesen Worten blieb Melchior stehen und zog einen der Knochenringe von seinem Stab. Er holte weit aus, dann schickte er den Talisman auf seine Reise durch die Luft. Bis er im trüben Wasser aufschlug und auf den Wellen tanzte,, Ich entsende meine Grüße an die Herren dieses Landes. Lasst uns sicher passieren.“
Irrer Alter. Auch wenn er anfing ihn zu schätzen, solche Archaischen Rituale hatten in der Gesellschaft Helikes keinen Platz. Zyle wollte sich schon umdrehen,

als etwas aus dem Wasser aufstieg. Etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine knochendürre Hand. Schwarze, ledrige Haut spante sich über die Finger, die nach der schwimmenden Kette griffen… und diese unter Wasser zogen.
Wenn nicht das Fell gewesen wäre, er wäre garantiert totenbleich geworden. ,, Erinnert mich daran, mich niemals über eure Geister lustig zu machen.“
,, Wie gesagt. Ein Spaßvogel. Hoffen wir, d s wir von weiteren… Aktionen dieser Art verschont bleiben.


Kapitel 60 Wyvern

Sie hatten mittlerweile die Berge erreicht und Jiy hatte keine Ahnung, wie lange sie für ihren Weg brauchen würden. Anfangs waren sie einem nur leicht ansteigenden, gewundenen Pfad gefolgt, der jedoch sehr bald zu einem immer steileren Pass geworden war. Und nun lag statt einem Weg eine große Schräge vor ihnen. Übersäht mit großen und kleineren Gesteinsbrocken, die aussahen, als könnten sie jeden Augenblick in die Tiefe rutschen. Einzelne rote Fahnen, die im kalten Wind flatterten, markierten einen sicheren Weg über die Geröllhalde. Allerdings, wenn

sie sich den Zustand der Flaggen ansah, war es eine Ewigkeit her, dass jemand diesen Pfad genutzt oder zumindest überprüft hatte. Zerrissene Stoffbahnen Trümmer löste sich bei fast jedem Schritt unter ihren Füßen und segelten mit beunruhigender Lautlosigkeit Richtung Tal. Lediglich das leise Knirschen verriet, wenn sich wieder ein Stück Geröll löste… um unaufhaltsam in der Tiefe zu verschwinden. Nicht zu lange darüber nachdenken, sagte sie sich. Immer nur einen Fuß vor den anderen setzen. Zyle freilich schien diese Probleme nicht zu haben. Entweder war der Mann einfach Selbstmörderisch veranlagt, oder er wusste aus

irgendeinem Grund, wohin er treten musste, denn er bewegte sich so sicher auf dem Schutt, dass sie ihn einen Augenblick nur Beneiden konnte. Sie war für so etwas nicht gemacht. Durch die Äste von Bäumen zu klettern oder über einen Waldboden… Das war in Ordnung. Das hier nicht. Auf ihrer linken Seite ragten die Felswände unerbittlich und unerklimmbar in die Höhe. Und auf ihrer Linken fiel die Welt fast senkrecht ins Nichts ab. Jiy konnte die Seen dort unten schimmern sehen, die sie erst gestern passiert hatten. Sie und der Gejarn Spitze der Gruppe übernommen, während die beiden Menschen am Rand des Felds warteten.

Sie konnte Kellvians besorgten Blick spüren, ohne sich umzudrehen. Es hatte ihm gar nicht gefallen, zurückzubleiben, aber Melchior war derjenige gewesen, der sich dafür ausgesprochen hatte. Mit seiner nach wie vor nicht völlig Verheilten Wunde konnte er nicht sicher klettern… und als Zyle dann auch noch Vorangegangen war… Sie würde sich nicht von ihm überbieten lassen. Der schwere Rucksack brachte sie beinahe aus dem Gleichgewicht, als sie mit einigen waghalsigen Sprüngen zu dem anderen Gejarn aufschloss. Kurz drohte sie tatsächlich zu stürzen, als sich ein Stein unter ihrem Fuß löste, dann hatte Zyle sie bei der Schulter gepackt

und riss sie nach vorne. ,, Es ist ein langer Weg nach unten.“ , meinte er und ließ sie los, sobald er sicher war, das sie wieder fest stand. ,, Danke. Davon wollte ich mich ungern selbst überzeugen.“ ,, Wir haben es gleich geschafft.“ Zyle deutete nach vorne. Vielleicht noch hundert Meter und das Trümmerfeld ging wieder in festen Stein über, in den irgendjemand eine Treppe geschlagen hatte. Der Stein war so verwittert und ausgetreten, das Jiy Probleme hatte, sich vorzustellen, wie alt dieser Weg sein musste. Oder wer schon alles hier gewesen war… Solange sie nur einmal hier durch musste, konnte ihr das aber

auch egal sein. ,, Warum helft ihr uns eigentlich?“ , wollte Jiy wissen, während sie ihren unsicheren Weg über die Felsen fortsetzten. ,,Ich weiß nicht… Am Anfang war Kell mehr Mittel zum zweck aber… Ich will ganz ehrlich sein ich schätze euch beide. Es ist ein wenig seltsam klar, aber in diesem Land ist alles für mich seltsam gewesen.“ ,,Gewesen ?“ Zyle lachte hinter vorgehaltener Hand. ,,Ich fange an es hier zu mögen. Aber verratet das dem alten Seher bloß nicht…“ Sie erreichte endlich das Ende des Felds

und warteten, dass Melchior und Kellvian sich einen Weg durch die Steine suchten. Überraschend geschickt führte der Seher Kell durch das unsichere Terrain… bis sie endlich auch den sicheren Steinvorsprung erreichten. Und weiter der Treppe im Fels folgten. Der Pfad führte in Serpentinen die Bergflanke hinab, bis sie auf Höhe eines breiten Felskammes gelangten. Geländer sicherten di