Biografien & Erinnerungen
Zu klein, viel zu klein

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"Ja, das war ich einmal"
Veröffentlicht am 14. April 2014, 12 Seiten
Kategorie Biografien & Erinnerungen
© Umschlag Bildmaterial: Gertraud Widmann
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich wurde 1941 in München geboren, bin seit 45 Jahren (mit dem selben Mann!) verheiratet und lebe in der Nähe von München. Als ich vor gut zwölf Jahren in den Ruhestand ging, fing ich intensiv zu schreiben an, aber eigentlich mehr so für mich. Aber nachdem mich viele Menschen darin bestärkt haben, beginne ich seit einem halben Jahr meine selbst erlebten Geschichten zu veröffentlichen.
Ja, das war ich einmal

Zu klein, viel zu klein

Zu klein, viel zu klein


Himmel nochmal, dass ich aber auch gar nicht wachsen wollte. Jetzt war ich schon fast vier- zehn Jahre alt und immer noch so schmächtig und klein.

Beim Turnunterricht stand ich generell als Letzte in der Reihe und wenn ich den großen Medizinball fangen musste, fiel ich damit um. Das Gelächter der Mitschülerinnen habe ich heute noch im Ohr.

Eine von den ganz G´scheiten aus meiner

Klasse empfahl mir „Frauengold“, damals ein

äußerst beliebtes Stärkungsmittel mit 16,5% Alkohol.

»Schau mal, sogar mein Busen ist seitdem gewachen!«, sagte sie voller Stolz.

Doch meine Mutter hat es mir nicht gekauft. Vielleicht war es ganz gut so, denn gut dreißig Jahre später (doch schon!) wurde dieses Gesöff

vom Bundesgesundheitsamt verboten, weil`s als krebsfördernd und nierenschädigend galt.


Naja, es half alles nichts, ich musste mir eine Lehrstelle suchen. Die gab`s 1955 zur Genüge und jede Menge gut gemeinter Ratschläge auch; zum Beispiel: Köchin (ein Geheimtipp meiner Mutter), Verkäuferin, Schneiderin, Friseuse, usw. Sogar eine Schwester meines Vaters, die vor langer Zeit Nonne geworden war, beteiligte sich daran. Freilich, ich und Klosterschwester - ja sonst noch was!

Nichts gegen all diese Berufsgruppen, aber

ich wollte halt unbedingt ins „Büro“. Weshalb hätte ich denn auch sonst in den letzten beiden Schuljahren nebenher Stenographie und Buch- führung erlernen sollen? Ganz zu schweigen von dem sündhaft teuren Privatunterricht im Maschinenschreiben. Noch heute sehe ich das mir zugeteilte schwarze Trumm von einer Schreibmaschine vor mir. Sie stand auf einem

Wohnzimmertisch und damit ich die Tasten erreichen konnte, musste man mir ein Kissen unters Hinterteil schieben!

Jedenfalls, im Frühjahr begann ich mich bei einzelnen Firmen zu bewerben und persönlich vorzustellen. Doch all meine guten Zeugnisse haben mir nichts genüzt, denn ich war denen einfach zu klein, viel zu klein. Zudem haben meine dünnen Zöpfe mein Erscheinungsbild nicht gerade verbessert.

Bezeichnend für diese ganze Misere war das Vorstellungsgespräch bei Fa. Ehrlicher - einem alt eingesessenen Haushaltwarengeschäft in der Münchner Innenstadt.

In dem riesigen Büro „thronte“ hinter dem mächtigen antiken Schreibtisch ein alter Mann. Seine weißen, verstrubbelten Haare und sein Bart, ließen ihn wie den Nikolaus aussehen. Es war Herr Ehrlicher senior.

»Setz dich!«, sagte er nur und zeigte auf den

wuchtigen Ledersessel vor seinem Schreibtisch. Ich versank fast in dem Teil, begann dann aber die mir gestellten Fragen zügig zu beantworten.

Danach sah mich Herr Ehrlicher lange an und noch bevor er überhaupt einen Blick in meine Unterlagen geworfen hatte, sagte er in einem unverschämt mitleidigen Ton:

»Geh weida Deandl, geh doch du no a paar

Jahr in d Schui; du bist ja no so kloa und net amoi auf mein Schreibtisch konst g`scheit nauf schaung!«.

So, so - ich wäre also zu klein? Zur Schule

sollte ich, wenn`s nach ihm ginge, auch noch ein paar Jahre gehen? Und alles, bloß weil ich von diesem tiefen Sessel aus nicht auf seinen depperten Schreibtisch hinauf sehe? Ja und die ganze Lernerei? Hat die mir gar nix gebracht? Anscheinend nicht.

Mit Tränen in den Augen kramte ich mein Zeugs zusammen, verließ das Büro und fand mich, total niedergeschlagen, auf der Sraße

wieder. Das war also jetzt das letzte Gespräch in Punkto Büro-Lehrling und mir wurde klar, dass ich mir einen neuen Beruf suchen müsste.


Mittlerweile kamen vereinzelt Geschäftsleute zu uns in die Schule und wollten sich, nachdem sie uns Mädchen wie auf einem „Rossmarkt“ gemustert hatten, ihre Lehrlinge gleich an Ort und Stelle aussuchen.

Da fällt mir sofort die dicke Bäckersfrau ein, die hatte es direkt auf mich abgesehen.

»Bei mir im Geschäft kannst du so viele Süßigkeiten essen wie du möchtest, dann wirst auch du groß und stark!«, säuselte sie zucker- süß. Und einmal mehr wurde mir bewusst, was ich doch für ein kleines, mageres Mädl war.

Deshalb ging mir auch wahrscheinlich das „Du kannst so viele Süßigkeiten essen …“

nicht mehr aus dem Kopf und ich konnte mir doch glatt vorstellen Backwaren-Verkäuferin zu werden. Aber, als ich mir am nächsten Tag die

Bäckerei ansah, da kamen plötzlich sieben (!) Kinder aus der Backstube gerannt und reihten sich wie die Orgelpfeifen neben ihrer Mutter, der Bäckersfrau, auf. Ja du lieber Himmel, da würde ich ja nur das Kindermädchen machen müssen - nein danke!

Aber nachdem ich mich jetzt schon mal auf

Verkäuferin „eingeschossen“ hatte, bewarb ich mich anderntags bei uns in der Nähe in einem Gardinengeschäft. Der Personalchef studierte zuerst einmal meine Unterlagen und führte mich dann in den Verkaufsraum. Dort legte er mir ohne Vorwarnung einen Ballen Gardinen- stoff in die Arme - prompt ging ich damit in die Knie. Der Anzugheini grinste.

»Schau, du bist für diese Arbeit ja viel zu

klein und zu schmächtig, nicht mal so einen Stoffballen kannst du tragen. Gehst halt doch noch ein Weilchen zur Schule, gel.«, sagte er

herablassend, tätschelte mir dabei den Rücken und schob mich aus dem Laden.

Ja Sacklzemet (bayrischer Fluch), wie lange würde ich diese saudummen Sprüche denn noch hören müssen? Ich konnte doch auch nix dafür, dass ich noch so ein mickriges Ding war.

Also so konnte es nicht weitergehen! Freilich konnte ich auf die Schnelle nicht größer und kräftiger werden, aber meine Zöpfe würde ich mir abscheiden lassen - dann seh`n wir weiter.

Was aber einige Tage später dieser, dieser

Altherrenfriseur mit meinen Haaren anstellte,

das grenzte an Körperverletzung! Ich sah ja so was von bescheuert aus. Ich hätte schreien können.


Doch schon ein paar Tage später, da sollten die Weichen für mein berufliches Schicksal gestellt werden! Meine Mutter sprach mit einer Frau, die mit ihrem Mann bei uns im Hinterhaus eine kleine Schneiderei betrieb.

»… sie könnte sich`s doch in den Ferien mal

ansehen?«, hörte ich gerade noch. Und schlag- artig hatte ich begriffen: Da ging`s ja um mich!

»Gertraud, du hast doch Lust dazu!«, fragte,

was heißt fragte, bestimmte meine Mutter.

Ich war entsetzt, ich und Schneiderin? Das hatte ich ja noch nie werden wollen! Doch die Mutter wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Denn da sie selber nicht nähen konnte, sollte ich wahrscheinlich in Zukunft alle Näh- und Flickarbeiten übernehmen und sie würde sich die Kosten sparen für`s Fräulein Theres`,

unsere damalige Stör-Schneiderin. „Stör“ ist lt. Duden ein alter Ausdruck für "Arbeit, die ein Handwerker im Haus des Kunden verrichtet". Das nur nebenbei.


Meine Gedanken schlugen Purzelbäume: Ich und Schneiderin - ja steig mia am Huat. Aber ich seh`s kommen, ich würde genauso verhärmt und bucklig enden, wie unser Fräulein Theres`.

Angeschaut hab`ich mir das Ganze aber dann doch - vier Wochen lang. Und dabei wurde mir bewusst: Als Lehrling bist ein richtiger Depp.


Trotzdem unterschrieb ich im September 1955

meinen Lehrvertrag.
























Text- und Bildmaterial Copyright by Gertraud Widmann / 2014

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Hörbuch

Über den Autor

GertraudW
Ich wurde 1941 in München geboren, bin seit 45 Jahren (mit dem selben Mann!) verheiratet und lebe in der Nähe von München.
Als ich vor gut zwölf Jahren in den Ruhestand ging, fing ich intensiv zu schreiben an, aber eigentlich mehr so für mich. Aber nachdem mich viele Menschen darin bestärkt haben, beginne ich seit einem halben Jahr meine selbst erlebten Geschichten zu veröffentlichen.

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cooki Liebe Gertraud,
eigentlich habe ich es schon einmal angefangen. Warscheinlich hatte ich nicht genügend Zeit um es ganz zu lesen. Nun habe ich es gelesen. Wie auch die anderen Geschichten aus deiner Jugend, gefällt mir diese auch. Ich bin der Meinung es werden viel zu oft Vorurteile über einen Menschen gefällt nur weil er z.B. wie bei dir zu klein wäre. Aber eigentlich zählt ja welche Fähigkeiten man zu bieten hat.
Liebe Grüße
Eva
Vergangenes Jahr - Antworten
GertraudW 
Freut mich außerordentlich liebe Eva, dass Du`s wenigstens
beim zweiten Anlauf geschafft hast - grins*. Recht ♥lichen
Dank auch für Dein Geschenk - hat mich sehr gefreut.
Ich glaube, dass das heute auch noch oft so geht, dass man
bei Bewerbungen - gerade bei jungen Frauen - mehr auf`s
Aussehen achtet ...
Liebe Grüße und einen schönen Nachmittag
Gertraud
Vergangenes Jahr - Antworten
schreiber2015 Naja, klein bin ich nicht gerade, aber gut zu wissen wie das ist. Aber lass dir eines sagen: groß sein ist auch nicht besser :)

lg schreiber2015
Vergangenes Jahr - Antworten
GertraudW 
Liebe Lina,
ein ♥liches Dankeschön für Deinen Besuch und das Mitbringsel.
Es freut mich wirklich sehr, dass Du Dich als junger Mensch für
meine Erinnerungen interessierst - danke Dir dafür. Leider hatte
ich keine Kinder oder Enkel, denen ich das hätte vorlesen können.

Die Zeiten haben sich ja gewaltig geändert, ob zum Vor- oder
Nachteil möchte ich mal dahingestellt sein lassen. Denn meine
Lehrstellensuche begann 1954 - lang, lang ist`s her - schmunzel*.
Ganz liebe Grüße an Dich
Gertraud
Vergangenes Jahr - Antworten
sugarlady Ja liebe Gertraud.
Auch ein wenig Glück gehört zum Leben.
Liebe Grüsse.
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Liebste Andrea,
ein ganz ♥liches Dankeschön für Deinen Besuch
und das "Mitbringsel" - freut m ich sehr.
Übrigens, darf ich Dich fragen, wie Du auf diese
Geschichte gestoßen bist?
Liebe Grüße an Dich und einen schönen Nachmittag
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
Manon129 Das mit der Größe kenne ich, war auch immer die letzte in der Reihe beim Sport....egal, man schafft es trotzdem irgendwie. ;-)
Ich mag deine Art zu schreiben und lese deine Geschichten immer wieder gern.
LG Manon
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Freut mich wirklich sehr liebe Manon, dass ich Dir mit
meinen "Werken" ein Schmunzeln, lächeln, oder lachen
ins Herz zaubern kann ...
Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
Nadja Ich habe es auch nur mit Hormonspritzen geschafft, so groß zu werden, wie ich heute bin. Früher gab es ja sowas noch nicht.
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Na Gott sei Dank habe ich es ganz alleine geschafft 173 cm
groß zu werden. Gut, mittlerweile bin ich schon wieder um
4 cm "geschrumpft" ... schmunzel*.
Recht ♥lichen Dank für`s Lesen, kommentieren und die Münzen,
freue mich sehr darüber.
Liebe Grüße in den Ostermontag
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
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