
Der Duft der Liebe
ein Märchen für Erwachsene
von Stephan Dierichs
In einem nicht so fernen und fremden Königreich lebte in einem riesigen Supermarkt ein einsames verwaistes Glas Senf; in der dritten Rehe fünftes Fach von oben.
Das Glas stammte aus einer alten Senfdynastie die schon immer für die Erhaltung der Tradition, aber auch für neue Methoden bei der Senfherstellung war. So waren die letzten Mitglieder der Senffamilie in der Senfliga sehr stark engagiert... Aber eigentlich gehört das nicht zu unserer Geschichte.
In jenem nicht so fernen Königreich gab es auch eine wunderschöne Königin.
Sie hatte lange Beine ein wohlgefälliges Gesicht, in dem zwei blaue Diamanten als Augen strahlten, und sie hatte auch eine Tochter... Aber auch die gehört eigentlich nicht wirklich in die Geschichte.
Diese Königin hatte zwar keinen Mann, aber eine unbändige Leiden schaft für Senf in jeder Form und jedem Geschmack... Und das gehört nun wirklich zu unserer Geschichte.
Sie hatte in Ihrem Leben schon viele Sorten Senf probiert.
Dabei waren süße, pikante, langweilige, aufregende, asiatische und auch welche aus Schwarzafrika. Auf jeden Fall waren es viele. Wie viele, darüber sprach sie nicht oder nur sehr ungern. Aber sie sprach gerne darüber, daß es viele waren. Senf war ihr zum
Bedürfnis, zum Lebenselexier, zum täglichen Umgang geworden. Sie kochte mit Senf, machte Kuren, spülte damit ihre edlen Haare und las alles was sie über Senf und seine Herstellungsrezepturen finden konnte.
Natürlich begleitete sie immer die Angst, ihr Königreich und ihre Tochter über dem Hobby Senf zu vergessen. Aber alle waren Ihr zugetan und wohlgesonnen. Und so erledigten sich so manche Probleme wie von selbst.
Viele Jahre strichen ins Land. Und mit den Jahren kam die Erfahrung, aber auch die lange Weile.
„Immer nur Senf“, sagte sie sich des Öfteren, wenn es um das Bereiten des Mittagsmahles ging. Die Leidenschaft für Senf ließ nach und konnte auch durch Neuentdeckungen in den
exotischsten Geschäfen nicht frisch gehalten werden.
So kam sie eines Tages, bei ihrem Einkauf in jenem besagten Supermarkt, an das Regal in der dritten Reihe.
Eigentlich wollte sie nur ein ganz normales Glas Senf kaufen, um Königsberger Klopse zu machen, aber der Zufall wollte es, daß der Senfgroßhändler nicht geliefert hatte und das ganze Regal leer vor ihr stand.
„Oh weh“, dachte die stolze Königin. Gäste sollten in den nächsten Tagen bewirtet werden und nun kein Senf. Schon wollte sie zum nächsten Kaufmann um die Ecke gehen, da sah sie ganz hinten im fünften Fach von oben das einsame letzte Glas. Sie mühte sich, heran zu kommen, und mit einem Besen gelang es ihr
auch schließlich.
Sie hielt es in ihren Händen. Es war keines von diesen schicken neumodischen Gläsern, deren Inhalt sie oft enttäuscht hatte. Nein, ein schlichtes gerades Glas, durch das man in sein ehrliches Inneres schauen konnte.
Natürlich hatte das Senfglas im Laufe der Zeit gelitten. Der Deckel war verbeult worden, als eine unachtsame Frau (wer es eigentlich war, dazu kommen wir später noch) das Glas aus einem großen Stapel von Gläsern zog, der wie ein Turm neben der Eingangstür aufgestapelt
war. Damals ging viel zu Bruch. Und vielleicht war das auch der Grund warum das Glas im fünften Fach von oben ganz hinten abgestellt worden war.
Sein Etikett war ebenfalls nicht mehr ganz neu.
Wie ein dicker Bauch wölbte es sich vor. Es war aus dem Leim gegangen. Selbstverständlich wäre es ein Leichtes gewesen, es wieder anzukleben, aber offenbar bestand keine Notwendigkeit oder kein Interesse daran. Die aufmerksame Königin bemerkte, daß das Verfallsdatum noch nicht verstrichen war.
Und dabei erinnerte sie sich, das Glas schon einmal in den Händen gehalten zu haben.
War es wirklich dieses Glas? Genau wusste sie es nicht mehr, manchmal war die schöne Königin ziemlich vergeßlich, aber es war auf jeden Fall solch ein Glas mit genau diesem Senf darin gewesen. Zuerst freute sie sich doch noch einen Senf gefunden zu haben, aber dann stellte sie das Glas plötzlich wieder in
das Regal zurück.
Warum?
Sie hatte den Geschmack von damals wieder auf der Zunge. Und sie erinnerte sich, daß es ein guter starker Geschmack war, den man nicht vergißt. Es war ein solider, stolzer Geschmack, den sie auch in anderen Senfsorten wiederzufinden geglaubt hatte. Aber sie hatte ihn nie so ehrlich und sauber wiedergefunden.
Daß das so war, erschreckte sie.
Sie würde Ihrer Jugend wiederbegegnen, würde beim Genuß des Senfes vielleicht andere, lieb gewordene Geschmäcker vergessen können. Oder würde ihr der alte Geschmack wie ein schweres Gewicht auf der Zunge liegen, eine Last, nie wieder fort zu
spülen? Weder Bier noch Wein würden vielleicht helfen können, diesen Geschmack zu vergessen.
All diese Gedanken gingen unserer stolzen Königin in dem Moment durch den Kopf, als sie das Glas wieder zurückstellen wollte.
Noch hatte ihre Hand den Senf nicht wieder frei gegeben. Noch war es möglich, ihn einfach zur Kasse zu tragen und ihn zu bezahlen.
Was mochte sie daran hindern, warum zögerte sie? Wußte sie damals schon, was kommen würde? Nie werden wir es erfahren.
Doch dann griff sie fest zu und legte den Senf schließlich doch in ihren Einkaufskorb. Eine Idee war ihr gekommen!
Wie wäre es, wenn sie bei einem Essen
demnächst Senfeier präsentieren würde? Der Gedanke an das Gästeessen war plötzlich verschwunden. Senfeier zum bevorstehenden Mittagessen mit ihrer Tochter, ja! Das war eine glänzende Idee. Ein traditionelles Gericht mit einem nicht mehr ganz frischen aber traditionellen Senf.
Und sie eilte schnell zum Weinhändler um noch einen kräftigen Rowein zu besorgen. Denn den liebte sie fast ebenso wie ihre Senfgerichte...
Wie ging es nun unserem Senf im Glas? Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben, gekauft und genutzt zu werden. Er hatte sich schon lange mit seinem unmodernen und alten Etikett der Rückwand des Regals zugewandt.
So bemerkte er auch nicht, daß er schließlich
an diesem Tage der einzig übrig gebliebene Senf war. Und so war es eine vollkommene Überraschung, als er sich plötzlich, hochgehoben, in den zärtlichen Händen einer Frau fühlte.
Noch sah er ihr Gesicht nicht, nahm er nur die Wärme ihrer Hände wahr. Bis sie schließlich das Glas drehte, und er in ihre herrlichen blauen Augen sah.
Sofort war er hellwach. Alle Einsamkeit war verschwunden.
Sie hatte ein wunderschönes strahlendes Gesicht. Eine kräftige Nase schien das Gleichgewicht, die Symmetrie zu halten, und an ihrer oberen Befestigung leuchteten zwei helle, klare, unendlich tiefe azurblaue Kreise, die zu den Augen gehörten. Ihr Mund, mit
einem etwas auf- dringlichen Rot gefärbt, das ihr aber stand, bewegte die Lippen, als sie tonlos sein Etikett las.
Er schämte sich für seine Beule im Deckel und sein abgelöstes, fast unleserliches Etikett. Aber so mußte sie das Glas ganz nahe an ihr Gesicht führen, um die Aufschrift deutlicher lesen zu können.
Er dankte der Vergangenheit für die Blässe der Aufschrift und spürte nach Jahren wieder ihren Atem auf dem Glas.
Ja, dafür hatte es sich gelohnt zu warten, denn die Vergangenheit kam ihm auf einmal wie das Warten auf diesen Moment vor.
Er erinnerte sich gleich, als sie ihn das zweite Mal in die Hand nahm. Nein, es war ja dann schon das dritte Mal, stellte er fest.
Diesen Druck ihrer Finger in seiner fast perfekten Kombination von Kraft und Zärtlichkeit konnte man nicht vergessen.
Es war in jenen Jahren, als die Welt so neu und entdeckenswert schien. Als er, frisch nach der Abfüllung in sein Glas, in jenem Supermarkt in einer riesigen Senfglaspyramide ausgestellt wurde. „Der beste Senf der neuen Generation“, stand auf dem Werbeplakat. Damals streifte sie die Pyramide mit dem Hauch ihres Parfums, und alle Senfgläser wollten sich zu ihr drehen, um ihr ihre Etiketten zu zeigen... Und damals kam es auch zu jener großen Katastrophe.
Die Pyramide stürzte ein noch bevor die Königin zugreifen konnte. Daraufhin wurde der Ladenjunge von seinem Chef verprügelt, weil
der glaubte, die Gläser wären schlecht gestapelt gewesen. Aber unser Senfglas wußte es besser.
Es wußte, daß die anderen Gläser rebellierten, als die schöne junge Königin sich ihm zuwand, als sie ihn aus der wohlgeordneten Pyramide nahm. Die Deckel der anderen neidisch gewordenen Senfgläser verrenkten sich dermaßen, daß das ganze große Bauwerk einstürzte. Nur das eine Glas blieb damals unversehrt. Leider kam das Personal eilig angerannt, trennte die Königin vom Glas und führte Sie an einen sicheren Ort, weil sie wohl um ihre Gesundheit besorgt waren.
Das Senfglas aber blieb danach lange Zeit unbeachtet in der dritten Regalreihe im fünften Fach von oben stehen.
Bis zu jenem Tag, als es der Zufall wollte, daß der Großlieferant... aber das hatten wir ja schon.
Der Weinhändler also war schnell konsultiert. Gegen seine Bedenken hatte die Königin sich für einen kräftigen, körperreichen Rotwein entschieden. Keine Warnung half, sie liebte ihren Roten gar zu sehr. Endlich zu Hause angekommen machte sich die Königin schnell an die Arbeit.
Den Hühnern wurden die noch warmen Eier unter dem Bürzel weggerissen. Auch die Kartoffeln waren schnell geschält. Der feurige Rotwein, es mußte ja ein Spanischer sein, wartete schon ungeduldig in seiner Karaffe, daß er bei der richtigen Temperatur getrunken werden konnte. Und jetzt ging es an die Soße.
Wie nun dieses wahre Feuerwerk einer klassischen Senfsoße gemacht wurde, das soll wohl ewig das Geheimnis der schönen Königin bleiben.
Auf jeden Fall war die alte Spannung, schon so lang beim Köcheln vermißt, wieder in die Küche zurückgekehrt. Endlich kam, aus der Tasche geholt, der Senf zum Vorschein.
Er fühlte sich ein wenig mulmig vom eiligen Transport im tiefen Dunkel Ihrer Einkaufstasche.
Die vernarrte Senfkönigin war in einer solchen Eile durch die Stadt zu ihrem Schloß gelaufen, daß es ihn hin und her geschleudert hatte. Solche einen Tumult hatte der Senf noch nie erlebt. Leicht benommen und kaum dem Dunkel der Tasche entronnen, fand er sich
hoch oben in der Luft wieder.
Ja, vor lauter Übermut und Freude über den wiedergefundenen Elan beim Zubereiten der Speisen hatte die geliebte Königin das Glas in die Luft geworfen. Sie drehte sich waghalsig auf der Stelle und fing es glücklich wieder auf. Selbst ein erlösender Jauchzer befreite sich aus der, nun nicht mehr engen, königlichen Brust.
Neugierig schaute der Königin Tochter zur Tür herein, wurde aber alsbald mit losen Scherzworten hinaus gejagt, das bevorstehende Essen abzuwarten.
Nun kam endlich der Augenblick da das Glas geöffnet werden sollte. Ruhe trat ein in der Küche, nur untermalt vom siedenden Kartoffelwasser und dem Geklapper der
ungeschälten Eier im Topf.
Noch einmal besahen die edlen blauen Augen das Etikett, kontrollierten das Verfallsdatum und glitten fast zärtlich an der gläsernen Ummantelung herab. Schließlich griffen die zarten Finger überraschend kräftig zu und lösten den Deckel mit einer sechzehntel Drehung bis ein dezenter Zischlaut zu hören war.
Einen Moment lang war es der Königin, als hätte Sie ein Aufatmen gehört. Oder war es ein orgiastischer kurzer, spitzer Schrei? Wurde das Glas nicht warm in Ihren Händen? War er doch schon schlecht geworden? Schnell hob Sie die kreisrunde Öffnung an ihre verwöhnte, unbestechliche Nase.
Nein, das war nicht möglich!
Ein aromatischer Odem stieg aus dem Glas... Kein Poet würde ihn je beschreiben können.
Es war der Duft der Liebe.
Hier möchte ich den geneigten Leser bitten, sich nicht nur der profanen Gerüche zu erinnern, die ihm vielleicht aus der letzten Liebesnacht in Erinnerung geblieben sind. Es war nicht der Geruch von Schweiß oder der dezente Geruch des Spermas vor der Vereinigung. Es war auch nicht der sich so oft verändernde Muschelgeruch, mit dem die Frauen ihre Männer verführen. Und doch war von all diesen Gerüchen etwas dabei.
Das Aufzählen Hunderter von Gewürzen würde die Duftnote nicht treffen, die dem Glas entstieg. Der kultivierte Ästhet weiß selbstverständlich, wie Gerüche
wahrgenommen werden, aber weiß er auch, wie die viertausend Gerüche, die der Mensch unterscheiden kann, mit einem Mal gerochen, riechen? In welche Verzweiflung ein solcher Geruch uns treiben kann? In welche Todesfurcht oder Lebenseuphorie? Ein Geruch, der alle anderen Sinne vergessen läßt? Ein Duft, der uns Bilder vorgaukelt, Geschichten erzählt, von denen wir keine Ahnung hatten.
Es ist, als falle man in einen Traum. Als würde der Boden, auf dem wir stehen, zum Himmel über uns und umgekehrt.
Irgendwann werden wir uns in diesem Geruch, in diesem Aroma, in diesem Duft befinden. Eingesponnen werden wir von ihm fortgetragen und uns in seiner Welt wiederfinden. Einer
Welt der Farben und Formen, die uns bis lang unbekannt waren.
Ich wünsche jedem von Ihnen, meine nachsichtigen Leser, ein solches Erlebnis!
Dieses Erlebnis hatte also die herrliche Königin, als sie das Glas öffnete und den ihm entsteigenden Atem einsog.
Nun währt ein solcher Augenblick nicht unendlich lange. Leider sind wir Menschen so veranlagt, immer wissen zu wollen, warum etwas so und nicht anders ist. Und diese Gier verändert jede einmalige Empfindung.
So ging es auch unserer Königin.
(Oh Ratio, wie kannst Du sowohl eine Lust, als auch eine Last sein?) Aufgewacht aus Ihren Visionen und Welten machte sich die Königin des Kochens ans Werk. Es wurde probiert und
analysiert, wieder probiert und verglichen.
Nein, den Gründen der Liebe kommt man nicht auf die Spur, liebe Königin! Man kann sich ihr eben nur hingeben, sie genießen, ausleben...
Seltsam, alles ging jetzt wie von selbst. Die Liebe hatte ihr Innerstes erreicht und sich dort festgesetzt, wie der Duft, den sie wohl nie wieder vergessen würde.
Die Soße gelang ihr, wie keine andere. Die Kartoffeln waren auf den Punkt gar. Die Eier waren nicht blau gekocht, sondern von vorbildlicher Konsistenz. Sie ließen sich, ungewöhnlich für so frische Eier, wunderbar abpellen. Alles geriet also aufs Beste. Schnell standen auch die vorgewärmten Teller auf dem Tisch. In den Schüsseln dampften die Kartoffeln und die Eier, als endlich die Saucière
mit dem Wunderbaren gefüllt wurde.
Man rief nach der Tochter. Obwohl sich bei ihr der Akt des Essens mehr auf die Nahrungsaufnahme beschränkte, bemerkte auch sie den ungewöhnlichen Duft. Und, gleich ihrer Mutter, wurden ihre Gedanken auf den Liebsten gelenkt, ohne daß sie sich dagegen wehren konnte und wollte. Wie groß war ihre Überraschung, als sie feststellte, daß es sich um ein so einfaches Essen wie Senfeier handelte.
Wie erging es nun dem Senf bei all der Entrücktheit um ihn herum? Auch er hatte der Öffnung seines Deckels entgegengefiebert. Nach dem der Inhalt des Glases noch einmal durchgeschüttelt worden war, beruhigte er sich schnell wieder. Schließlich waren es die zarten
Hände seiner Geliebten, die ihn so euphorisch feierten. Es war ihre süße Stimme, die er hörte und die ihn zu meinen schien. Der göttliche Jauchzer, oh...
Doch dann war die Angst gekommen zu versagen, den Erwartungen seiner Königin nicht entsprechen zu können. Er war ja nur ein ganz profaner Senf. Einer, der nicht mehr ganz jung war. Trotzdem sein Verfallsdatum ihn noch nicht zum Verdorbenen rechnete, trug er Sorge um seine Qualität.
Der Senf hatte wohl bemerkt, daß um ihn herum eine eifrige Kocherei im Gange war, und daraus geschlossen, daß seine Senfqualitäten für ein Gericht gefragt war. Man würde also eine Soße oder ähnliches mit ihm verfeinern. Das beruhigte seine empfindsame Seele.
Er, pur als Senf auf einer Scheibe Wurst...? Dieser Prüfung wollte er sich doch nicht mehr so ohne weiteres unterziehen. Er war sich zwar seines Geschmackes bewußt, aber auch der Tatsache, daß es sich um einen einfachen Geschmack handelte.
Der ersehnte Moment war gekommen. Wieder blickte er aus nächster Nähe in das Gesicht der Königin. Welch ein Gesicht, dachte er noch, da fühlte er den Druck der edlen Finger an seinem Deckel.
Ja, eine sechzehntel Drehung, und er war der Erfüllung nahe. Sie drehte!!!
Kaum war der Deckel gelöst, ging ein Schauer durch sein Glas. Etwas veränderte sich. Etwas ging vor mit ihm. Was war es? Er versuchte, sich zu konzentrieren, keine leichte Aufgabe
bei all den neuen Eindrücken und Gerüchen um ihn herum.
Ja, es waren die Gerüche! Oder vielmehr sein Geruch, der verändert schien. Hatte das Verfallsdatum gelogen? Hatte es ihm etwas vorge- macht all die Zeit über? Größte Sorge bemächtigte sich seiner. Doch da beugte sich die außergewöhnliche Nase der Königin über seinen Glasrand, und ein leichter Seufzer von ihr brachte seine Aromen zum Vibrieren.
So wie er den Duft der Liebe verströmte, so atmete er wiederum ihren Duft, der nicht weniger von Liebe kündete.
Was war nun zuerst? Ihr Duft, sein Duft? Die Henne, das Ei???
Nein, die Antwort war viel simpler und doch kompliziert genug.
Die Liebe war einfach da.
Die Liebe zu Gegenständen, zu Menschen. Bedarf sie einer Erklärung? Einer Analyse gar? Gut, analysiert nur, warum sie und woher sie gekommen ist. Was sie ist...! Es wird die Liebe darüber vergehen, und das Unglück, allein zu sein, wird wieder über Euch kommen.
Denn letztendlich weiß nur einer, der geliebt hat, was es heißt, nicht mehr geliebt zu werden. Ein Verlust auf ewig...
Schon wieder schweift der Erzähler ab und sollte doch nur Beobachter, nicht Moralist sein.
Der Senf war also verliebt. Er war der Erfüllung seines Daseins so nah wie noch nie. Wie würde es weitergehen? Natürlich mischte sich in den Überschwang seiner Gefühle auch ein Wermutstropfen. Die allzu große
Vergänglichkeit der Liebe war gegenwärtig. Würde der Senf jetzt verbraucht werden war das sein höchstes Glück, aber auch sein Ende.
Nur einen Aufschub konnte es noch geben, den zu erwägen den Senf aber nicht froher stimmte. Es war ein zeitweiliger Aufenthalt im Kühl- schrank. Dazu würde es kommen, wenn er nicht vollständig verbraucht würde. Aber ein Aufenthalt im Kühlschrank bedeutete auch den Verlust seines Geschmacks, der im Moment so einzigartig schien. Außerdem bestand auch die Gefahr, vergessen zu werden. Nach hinten geschoben, mit einer widerlichen ausgetrockneten Kruste Monate später ans Licht zu kommen. Er würde das angeekelte Gesicht seiner Geliebten nicht ertragen können.
„Eher stürze ich mich von der Tischkannte, bevor ich mich in das eiskalte Verließ einsperren lasse!“ So dachte der Senf, bevor sein Glas vollständig geleert wurde, und er sich in eine sämige Soße verwandelte.
Er spürte die wohltuende Wärme der Gasflamme unter dem Topf, das war der Moment, noch einmal sein ganzes Aroma, all seinen einzigartigen Duft zu entfalten, als er von der zärtlichen Zunge der geliebten Königin verkostet wurde.
Ja, sie war zufrieden! Sie brachte mit einem letzten Schwung des Soßenlöffels noch einmal alle Aromen zum Vibrieren und goß die ange- richtete Soße in die vorgewärmte Sausière, um sie zu servieren.
Es wurde ein wahrhaft festliches Mahl, das
Königin und Tochter genossen. Alles harmonierte trefflich miteinander. Alles hatte die richtige Konsistenz.
Satt und zufrieden lehnten sich beide schließlich in ihre Sessel zurück. Verschnaufend vor dem letzten Ei mit der schmackhaften Senfsoße.
„Nun ein Schluck des guten Weines“, dachte die Königin. Zum Entspannen, zum Appetit anregen, aber auch zur Verdauung. Und die Karaffe mit dem köstlichen Rotweine wurde herbeigeschafft.
Dunkel und schwerer protzte er im Kelch. Beim Schwenken hielt sich ein dicker öliger Ring lange an der Innenseite des Glases, bis er langsam in großen Schlieren wieder zur Oberfläche des Weines zurückkehrte. Ein
wahrhaft edler Tropfen! Auch stieg ein Geruch von Veilchen und Holunderbeeren von ihm auf, der den Duft der Liebe fast vergessen machte. Aber eben nur fast.
Die Königin war neugierig, die Harmonie des Weines und Ihrer Senfsoße zu erproben. Und so trank sie einen Schluck und führte unmittelbar darauf einen Löffel der köstlichen Soße zum Munde.
Schon beim Öffnen des Mundes, beim Einatmen der ersten Aromen der Speise war ein unangenehmer Geschmack zu spüren. Und als sich dann beide Aromen, die des Senfes und die des Weines begegneten, kam es zur Katastrophe.
Eine Geschmackskatastrophe, vielleicht sollte man lieber sagen eine geschmackliche
Explosion, brachte die Königin fast zum Erbrechen.
Was war geschehen? Die Erklärung ist einfach und zugleich kompliziert. Die Säure des Weines und die des Essigs im Senf vertragen sich nicht. Sie sind wie Antipoden, obwohl sie aus derselben Familie stammen. Obwohl zuerst der Wein da ist, bevor man den Essig aus
ihm gewinnt. Und so sehr wie der eine den anderen vorher bedingt, so sehr schließen sie einander danach aus. Es kommt zum Mißgeschmack beider, wenn sie sich wieder begegnen.
Nichts anderes war geschehen. Natürlich wird der geneigte Leser einwenden, warum die kluge Königin nicht darum gewußt hat? Aber dem kann man nur entgegnen, daß die Liebe
wohl auch blind macht.
Und war also das Essen verdorben und die Euphorie von einem Moment auf den andern vergangen. Den Wein konnte man für später auheben, aber die köstliche Senfsoße wurde mitsamt Eiern und Kartoffeln den Schweinen zum Fraß vorgeworfen.
Die Liebe vor die Säue? Leider ja! In solchen Entschlüssen war die Königin hart und unerbittlich. Was sie nicht lieben konnte, wurde ge- haßt und aus Ihrem Leben verbannt.
Der Senf war verbraucht. Und er war der letzte seiner Art.
Die Königin aber verlegte sich auf das Kochen mit Honig. Die damit verfeinerten Speisen harmonierte weit besser mit dem Wein.
Und so schnell, wie diese Geschichte zu Ende
gegangen ist, so schnell schlägt auch das Leben Haken. Dinge, von denen wir glaubten sie halten ewig, sind plötzlich vergangen und vergessen. Und andere vergänglich scheinende Dinge begleiten uns ein Leben lang. Soll der Leser über die Sorgfalt, mit der jeder sein Leben lebt, selbst urteilen!
| Weinlesung Es freut mich wenn es Dir gefällt. Bald gibt es auch eine Hörbuchfassung. Bis dann. Gruß Stephan |