Kurzgeschichte
Der Brief im Wind

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"Der Brief im Wind"
Veröffentlicht am 05. Januar 2014, 38 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Der Brief im Wind

Der Brief im Wind

Der Brief im Wind

Es war einmal ein junger Mann, der war sehr traurig. Er war verliebt in eine schöne Frau und sie mochte ihn auch, aber weil das Leben nicht so leicht sein kann, waren sie kein Paar. Es war „kompliziert“ zwischen ihnen.

Wie so viele Menschen auf der Welt, glaubte auch der junge Mann an die große Liebe und er hatte Filme gesehen, in denen sie zelebriert wurde und er hatte Texte gelesen, in denen sie erklärt wurde. Aber er wurde nicht schlau aus all dem. Die große Liebe wurde immer so unterschiedlich beschrieben. Mal verliebten sich zwei Menschen auf den ersten Blick, kamen sofort zusammen

und lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Mal verliebte sich einer auf den ersten Blick und der andere hatte keine Ahnung, bis ihm nach und nach klar wurde, was er an dem anderen Menschen hatte. Manche Beziehungen verliefen voller Streitereien und das seit Jahren und trotzdem hatten sie bestand. Mal schien alles wunderbar und dann trennte sich einer der beiden plötzlich. Mal konnten sich zwei Menschen überhaupt nicht leiden und eines Tages küssten sie sich und ihnen wurde klar, wie sehr sie sich liebten. Und manchmal war es auch ganz anders.

All das verwirrte den jungen Mann. Über die große Liebe hatte er immer nur

gelesen, dass man die richtige Person sofort erkannte und dass dann alles einfach wunderbar verlief, auch wenn man kleinere Schwierigkeiten gemeinsam meistern musste. Er ging schließlich auf die Straße und hörte sich um, weil er endlich wissen wollte, woran man die große Liebe denn nun erkannte. Er ging auf Paare zu und fragte sie, woher sie wussten, dass sie füreinander bestimmt waren. Aber auch das half ihm nicht viel. Denn jedes Paar erzählte eine ganz andere Geschichte. Manche waren seit der Schulzeit zusammen, andere waren zum dritten Mal verheiratet. Es war ganz seltsam.

Da begegnete ihm ein Mann, der weise

Worte zu ihm sagte, obwohl er ganz alleine unterwegs war. Er sagte: „Nichts ist perfekt und nichts läuft so ab wie im Film. Auch zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, müssen Probleme, Kämpfe und Stürme überstehen. Aber der Unterschied ist, dass sie aus all dem stärker hervorgehen. Einer von beiden, wird immer den Mut finden, für die Beziehung zu kämpfen.“

Das machte Sinn für den jungen Mann und er glaubte, die Antwort auf seine Frage gefunden zu haben. Wenn die Frau, die er begehrte, die Richtige für ihn war, würde also einer von ihnen immer um den anderen kämpfen. Von diesem Tag an, tat der junge Mann was er konnte. Er

schickte Blumen, er sagte schöne Worte, er behandelte sie richtig. Er wünschte sich, ein Stern am Himmel zu sein, damit er ihr im Dunkeln den Weg weisen konnte und sehen konnte, wo sie gerade war und was sie tat. Er versuchte mit Gott zu handeln, weil Gott doch sicherlich die Macht haben würde, ihn an die Seite dieser Frau zu bringen. Er bot all seinen Besitz an und er schwor, dieser Frau alles zu Füßen zu legen. Doch Gott schwieg. Und als der junge Mann außer ein paar Kleinigkeiten nichts für seine ganzen Mühen zurückbekam, wuchs in ihm eine Einsicht und er begann zu verstehen.

Am letzten Tag des Jahres betrat er am

frühen Morgen ein Café, direkt nachdem dieses geöffnet hatte, kaufte sich ein heißes Getränk, setzte sich hin und begann auf ein Blatt Papier zu schreiben.

„Hallo.

Es wirkt komisch auf dich, dass ich deinen Namen nicht hinter das Hallo geschrieben habe, oder? Normalerweise beginnt man einen Brief so. Aber ich kann deinen Namen nicht schreiben. Einerseits weil es mir weh tut und andererseits weil dein Name viel zu gewöhnlich für dich ist. Du bist besonders und so wie dein Geburtstag auf einen besonderen Tag fällt, sollte auch dein Name besonders sein.

Heute ist der 31.12., der letzte Tag des

Jahres, der Tag, an dem wir ausgelaugt auf das vergangene Jahr schauen und Bilanz ziehen, mit Dingen abschließen, bevor das neue Jahr beginnt und alles besser wird. Deshalb schreibe ich dir diesen Brief.

Es ist früher Morgen, kurz vor acht und ich sitze bei Starbucks. Es ist der Starbucks, wo wir uns zum ersten Mal getroffen haben. Vielleicht erinnerst du dich daran. Wir waren wenige Tage später nochmal bei einem weiteren Starbucks und da war schon alles ein bisschen anders zwischen uns. Jedenfalls trinke ich einen Cappuccino, wie du damals, und schaue aus dem Fenster. Die Stadt ist noch leer, im Schein der

Laternen sehe ich Schneeflocken fallen und eine zarte Schicht der weißen Pracht hat sich schon über die Welt da draußen gelegt. Auch auf die Bank, auf der wir saßen. Ein Teil von mir würde gerne darunter in die Kälte gehen, sich hinsetzen und daran zurückdenken, wie es war. Doch zu sehen, dass nur mein Atem Nebelwolken im Licht der Laternen hinterlässt und nur meine Fußabdrücke im Schnee erscheinen, würde ich nicht ertragen. Es würde mich nur daran erinnern, dass das mit uns anscheinend nichts weiter als ein Traum war. Und Träume zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu schön sind, um wahr zu sein.

Es war ein Abend wie jeder andere vor

über sieben Monaten, als ich auf diese Feier gegangen bin, auf die ich gar nicht wollte, und in deine Augen gesehen habe. So blau, so strahlend. Allein mit deinem Blick, ganz allein mit diesem Ausdruck in deinen Augen, hast du mich in deinen Bann gezogen. Ich hatte keine Wahl, als zu dir rüberzugehen und vom ersten Moment an, war da etwas zwischen uns. Hätte ich eine Ahnung von der Liebe, würde ich vielleicht sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Aber lass uns einfach sagen, dass es bei uns vom ersten Augenblick an gefunkt hat.

Du bist die hübscheste Frau, die ich je gesehen habe und als du mir wenige Tage darauf geschrieben hast und wir uns

darüber näher kennen lernten, sah ich auch, wie toll du in deinem Inneren bist und vor allem sah ich, wie gut wir uns verstehen. Ich wusste nicht, wonach ich gesucht hatte, doch es war das, was ich in dir gefunden habe. Es war wie ein Winterwunderland kurz vor Weihnachten. Weißer Schnee bedeckt das hässliche Grau der Stadt, dämpft Schritte und Geräusche und lässt alles friedlich erscheinen. Festliche Lichter hängen überall, vertreiben die Dunkelheit und tauchen die Realität in ein sanftes Licht. Vorfreude auf Weihnachten liegt in der Luft, die von dem Duft nach brennendem Kaminholz geschwängert ist. Die Menschen haben Urlaub, genießen die

Zeit mit der Familie und haben den Stress und die Arbeit vergessen. So war es und ich hätte wissen müssen, dass dieses Glück nur eine Decke ist, die sich über die Realität legt. Doch ich wurde schnell in die Wirklichkeit zurückgeholt. Bevor wir uns zum ersten Mal trafen, schriebst du mir plötzlich, dass du noch mit deinem Freund zusammenlebst und dass alles kompliziert wäre. Das war das erste Mal, dass du mich verletzt hast. Ich wollte dich danach nicht mehr treffen, aber du hast nicht locker gelassen und dann haben wir uns doch getroffen. Hier in diesem Starbucks und wir saßen da draußen auf der Bank, als du mir alles erklärt hast. Du hast gesagt, dass ihr seit

Monaten getrennt wärt, aber dass du bis vor kurzem nicht den endgültigen Schlussstrich gezogen hättest. Als wir uns trafen hattest du es getan. Du warst dabei deinen Auszug vorzubereiten. Aber für eine neue Beziehung bräuchtest du noch Zeit. Ich war einverstanden, dass wir warten.

Die Worte, die du an diesem Tag zu mir sagtest und mir in den darauffolgenden drei Tagen schriebst, waren die schönsten, die ich je gehört habe. Ich bin jung, also hat das vielleicht keine große Bedeutung, aber du sollst wissen, dass das für mich etwas Besonderes war. In diesen Tagen sagtest du deinen Eltern, dass du ausziehst, du kündigtest deinen

Mietvertrag und sahst dir eine Wohnung an. Wir trafen uns erneut, bei einem anderen Starbucks, und auch wenn du mich erneut verzaubert hattest, merkte ich, dass irgendetwas anders war. Es war unser letztes schönes Treffen.

Als du nach Hause kamst, hat er auf dich gewartet. Ihr habt geredet. Ich weiß, wie schlecht er dich behandelt hatte und wie sehr er dich wegen der Trennung unter Druck gesetzt hatte. Ich habe also verstanden, dass es dir danach nicht gut ging und du Zeit für dich wolltest. Ich habe es verstanden und dir den Abstand gegeben, den du wolltest. Damit hast du mich das zweite Mal verletzt. Zwei Wochen lang war ich wie eine lebende

Leiche. Ich habe dir einmal geschrieben und dir gezeigt, was du mir bedeutest. Von dir kam nichts. Aber nach zwei Wochen bekam ich eine Nachricht von dir. Du sagtest, du würdest es nochmal mit ihm probieren, du würdest ihm nochmal eine Chance geben. Es täte dir leid, dass du mir wehtust. Das war das dritte Mal, dass du mich verletzt hast. Es war wie ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, ein Tornado, ein Tsunami und ein Flugzeugabsturz auf einmal. Du hast mir so unfassbar wehgetan. Du. Dieser liebe Mensch mit diesem wunderschönen Lächeln. Du hast mir das Herz gebrochen, noch bevor wir uns überhaupt geküsst haben. Du, für

mich die tollste Frau der Welt, hast mich am Boden zerstört zurückgelassen.

Das war vor sechs Monaten und einer Woche. Seitdem gab es keinen Tag, an dem ich ohne diesen Stein auf meiner Brust aufgewacht bin. Ich habe dich vermisst, ich habe an dich gedacht, an jedem einzelnen Tag, in jeder verdammten Stunde. Ich habe mich nie, nicht an einem einzigen Morgen, danach gefühlt, aufzustehen und meine Aufgaben anzugehen. Ich wäre an all dem fast zerbrochen. Wir haben ab und zu miteinander geschrieben, ich habe aber mehr auf Antwort gewartet, als irgendwas anderes zu tun. Du hast so sehr von mir Besitz ergriffen gehabt,

dass ich keine Ahnung habe, wie ich all das, was ich zu leisten hatte, erledigen konnte. Wann immer ich die Chance hatte, bin ich gekommen, um dich zu sehen. Ich weiß gar nicht, was ich mir erhofft hatte. Und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr konnte. Ich sah euch zusammen und mein schon gebrochenes Herz ist in all seine Einzelteile zerfallen. Zum ersten Mal habe ich bereut, dich kennen gelernt und dir mein Herz zu Füßen gelegt zu haben. Ich habe bereut, so offen zu dir gewesen zu sein. Mir wurde klar, wenn mich jemand umbringen kann, dann du.

Ich habe dir daraufhin geschrieben, dass ich nicht mehr kann. Es hat mich

zerrissen, mir einzugestehen, dass er der Richtige für dich zu sein schien. Ich schrieb dir, dass es besser wäre, wenn wir eine Weile keinen Kontakt hätten und auf Abstand gingen. Du warst immer noch die tollste Frau auf dieser Welt für mich, doch dass du so grausam gleichgültig mir gegenüber warst, hat mich einfach zu sehr verletzt. Du hast es verstanden und drei Wochen lang haben wir nichts voneinander gehört. Dann war da dieses erfreuliche, berufliche Ereignis bei dir, ich hörte davon und gratulierte dir schriftlich. Wir kamen ein wenig ins Schreiben, wie könnte es auch anders sein. Und so erzähltest du mir von dem Urlaub, den ihr zwei morgen beginnt.

Zweieinhalb Wochen, ihr zwei gemeinsam am Strand. Ich habe aufgehört zu zählen, der wievielte Tiefschlag das war, aber glaub mir, es war ein weiterer. Und es tat so weh. Immer noch.

Nachdem wir dann eine Woche ein paar Mal geschrieben hatten, meintest du, dass du so nicht einfach würdest weitermachen wollen. Und ich war froh darüber. Denn dieses ständige Bangen darum, ob du auch antworten würdest, das war einfach nicht richtig. Ich habe mich selbst erniedrigt. Und nicht mehr wiedererkannt. Also hatte ich nichts dagegen, als du sagtest, du wolltest mir erst auf meine Nachricht antworten,

bevor wir wieder Kontakt hätten und dass du dafür einfach noch Zeit bräuchtest. Nun gut. Ich muss glaube ich nicht erwähnen, wie sehr ich trotzdem auf Nachricht von dir gewartet habe und was ich mir erhofft habe. Drei Wochen lang kam allerdings nichts und ich habe mich auch nicht gemeldet. Was hätte ich schon sagen sollen? Und so kam es, dass ich nur spekulieren konnte, wie es dir ging und wie es in deiner Beziehung aussah, als wir uns bei einer beruflichen Abendgesellschaft sahen.

Das erste, was mir dazu einfällt ist, dass du unglaublich schön aussahst. Das zweite ist, dein Freund war an diesem speziellen Abend auch da. Trotzdem war

es im Grunde ein schöner Abend. Deine Augen haben mich gesucht, du hast mich angelächelt. Wir haben miteinander geredet. Ich dachte, da wäre etwas zwischen uns. Und als ich dann ging, war ich überzeugt, dich endgültig verloren zu haben. Aber ich habe dir nichts geschrieben in den darauffolgenden Tagen. Ich bin nicht der Typ für Spielchen oder Machtkämpfe und ich denke, wenn du an diesen Punkt kommst, ist es am besten zu gehen. Doch erstaunlicherweise kam, gerade als ich mich so verhielt, endlich die lang ersehnte Antwort von dir. Und was für eine.

Ich erlebte ein kleines Wintermärchen.

Du schriebst mir, dass du dir manchmal wünschen würdest, alles wäre anders und du wärst im Sommer ausgezogen. Du schriebst sogar, du wüsstest, dass es mit deinem Freund nicht ewig gut gehen würde. Du sagtest, du würdest mir keine falschen Hoffnungen machen und du würdest mich nicht hinhalten wollen. Du könntest jetzt gerade keine Entscheidung treffen, du könntest jetzt nicht Schluss machen, du wärst zu feige für das Drama und du würdest nicht wissen, was du tun sollst. Du meintest, du wüsstest nicht, ob das mit uns funktioniert hätte, aber du würdest glauben, dass wir uns ziemlich gut verstehen würden. Ich würde dich durcheinander bringen, verwirren, es

wäre immer schön mich zu sehen und von mir zu hören. Du schriebst, du hoffst, dass wir irgendwann von null anfangen können, aber du wüsstest nicht, wann dieses Chaos endet und du eine Entscheidung fällst. Dein Kopf würde nicht mehr stillstehen.

Es mag komisch klingen, doch diese Worte waren das Schönste, was ich seit Monaten gehört hatte. Es war Anfang Dezember, die Zeit zu der es erst richtig kalt wird und die ersten Lichter gegen die Dunkelheit aufgehängt werden. Nach deinen Worten kannte ich weder Kälte noch Dunkelheit. Mein Herz stand in Flammen. Von da an schrieben wir schöne, tiefergehende Nachrichten. Du

öffnetest dich mir ein wenig und ich war dir gegenüber so offen und ehrlich wie eh und je. Es fühlt sich an, als wäre ich einer dieser Extremsportler, der über ein Drahtseil von einem Berg zum anderen balanciert und darunter geht es hundert Meter in die Tiefe. Einmal das Gleichgewicht verlieren und schon naht der Tod.

In diesen Nachrichten hast du jedes zu nette Wort von mir unwirsch zurückgewiesen, konntest selbst aber auch wieder sehr interessiert und lieb zu mir sein. Du gabst mir nicht die Worte wie damals im Sommer, aber es war mehr und anders als in den Monaten zuvor. Auch als du Urlaub hattest und dein

Freund um dich war, sogar an Weihnachten, schriebst du mir mindestens einmal täglich. Du meintest, was den Strandurlaub angeht, wärst du hin- und hergerissen. Und nach Weihnachten habe ich gemerkt, was das bedeutet.

Warst du am Heiligabend noch offen, hatte sich der Wind drei Tage später gedreht. Kürzere, distanziertere Nachrichten von dir. Wir haben wenig geschrieben in der letzten Woche. Fast gar nicht. Heute ist Sylvester und du wirst nicht dran denken, mir ein frohes, neues Jahr zu wünschen. Ich werde auch nicht zu den Menschen gehören, denen du kurz vor dem Abflug noch schreiben

wirst, dass es jetzt losgeht. Wer bin ich eigentlich für dich? Was denkst du wirklich? Ich nehme an, in den letzten Tagen war viel los bei dir und zu schreiben während dein Freund anwesend ist, geht nicht so einfach. Und nein, du hast mir nichts versprochen. Du willst nicht, dass ich auf irgendetwas warte oder mir zu viele Gedanken mache. Du willst, dass es mir gut geht, ich mein Ding mache und wir abwarten, was die Zukunft bringt. Du hast mir nie das Gefühl gegeben, dass meine Nachrichten nerven oder ich mich für irgendetwas entschuldigen müsste. Ich weiß, wie du das alles meinst und ich verstehe dich. Aber ich wünschte mir, dass hier wäre

ein Märchen.

Denn in Märchen, gibt es doch immer schützende Hütten und wärmende Kaminfeuer oder sie werden am Kaminfeuer erzählt, was weiß ich schon. Ich habe so lange keines mehr gehört. Das hoffe ich zumindest irgendwie. Vielleicht hast du mir ja ein Märchen aufgetischt. Jedenfalls charakterisieren für mich zwei Dinge ein Märchen. Erstens, sie sind nicht wahr und zweitens, sie gehen gut aus. Immer. Wäre das hier ein Märchen, dann würdest du jetzt vielleicht gleich da vorne um die Ecke kommen oder mir schreiben, dass der Urlaub abgesagt ist. Du würdest mir erzählen, wie verliebt du in mich bist

und einfach mit ihm Schluss machen. Aber all das tust du nicht. Weil das Leben eben kein Märchen ist. Keine sprechenden Fabelwesen die Leben retten, kein Aschenputtel, kein Froschkönig. Kein Held, der alles gut werden lässt. Das hier ist die Realität. Dieser Winter hat mich mit erbarmungsloser Kälte getroffen. Jetzt, Ende Dezember.

Es ist, als wäre ich in einen Schneesturm geraten und die Schneeflocken hätten mir die Sicht geraubt. Und jetzt legt sich der äußere Sturm, was heißt, meine Sicht wird klarer, aber damit nimmt der innere Sturm nur zu. Ich sitze also hier, am letzten Tag des Jahres, schaue zu, wie es

draußen immer heller wird und frage mich, was du gerade tust, neben wem du aufwachst.

Wenn du das hier jemals lesen wirst, wirst du dich wohl fragen, was ich dir hiermit sagen will. Ich will dir sagen, dass ich versuche, an dem vergangenen Jahr festzuhalten. Denn ich weiß nicht, ob wir beide in das nächste Jahr gehören, was dort passieren wird, ob wir dem gewachsen sind oder ob wir zerfallen.

Ich habe Angst, vor Entscheidungen, die du treffen, Worten die du sagen und Dingen, die du tun könntest. Ich fühle mich dir ängstlich ausgeliefert wie ein kleiner Junge. Und ich will so nicht sein. Und ich weiß, du willst auch nicht, dass

ich so bin. Also sitze ich auch hier und sage mir, das neue Jahr ist ein guter Zeitpunkt für den Schlussstrich. Ich habe im letzten Jahr gelernt, wie stark ich sein kann und was ich schaffen kann und ich sollte mich dem neuen Jahr und seinen Aufgaben ohne Altlasten wie dir stellen. Die Sache ist nur, dass ich das nicht will.

Ich will dich und ich will uns und ich glaube, dass wir das hinkriegen können. Oft. Genauso oft, überfallen mich allerdings auch Zweifel und allmählich drehe ich durch. All das macht mich wahnsinnig. Jedes Mal wenn es regnet, denke ich daran, wie du gesagt hast, dass du bei Regen am liebsten im Bett

frühstückst. Und dann stelle ich mir jedes Mal vor, wie du das mit ihm tust. Und morgen wirst du auch mit leuchtenden Augen neben ihm in das Flugzeug steigen und dich auf zwei Wochen Sonne freuen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie fertig mich das macht. Du meintest bloß mal, an meiner Stelle würdest du wohl ausrasten. Vielleicht tue ich das, vielleicht nicht. Es tut einfach nur weh und ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Aber eines weiß ich. Ich habe keine Lust mehr zu betteln und zu warten und auf Aufmerksamkeit und Nachfragen deinerseits zu hoffen. Es reicht mir. Ich will das nicht mehr.

Ich werde dich vermissen, während du am Strand bist und darauf hoffen, von dir zu hören. Das alles kann ich dir aber nicht sagen. Du würdest es nicht hören wollen und du würdest dich nicht gut fühlen, mit dem Wissen, dass ich hier sitze und nur an dich denken kann. Trotzdem, ich werde mir wünschen, in deine blauen Augen zu sehen, dich in den Arm zu nehmen und dich zu küssen. Es gibt keine andere Frau für mich. Ich will mit dir leben.

Aber für jetzt, muss ich versuchen, die Gedanken an dich zu verdrängen und mit meinem Leben weitermachen. Es schmerzt, aber es schmerzt noch mehr, zu wissen, dass du nicht an mich denkst,

mich nicht vermisst, einen anderen küsst und morgen in dieses Flugzeug steigen wirst, dass dich noch weiter von mir entfernt, als du es ohnehin schon bist. Und dass du „irgendwann“ eine Entscheidung treffen willst, kann auch genauso gut heißen, dass du das Ganze noch Monate lang hinziehst. Wenn das geschieht, verlieren wir beide jeden Respekt vor mir und ich gebe mich auf. Deshalb lasse ich es jetzt darauf ankommen. Auch wenn ich mir vielleicht irgendwann mal vorwerfen werde, nicht genug getan zu haben, lege ich es jetzt drauf an.

Bevor ich mit Gebeten und okkulten Traditionen und Horoskopen und sonst

irgendetwas anfange, was nur ein Hilfeschrei sein kann, lasse ich los. Ich habe das schon oft gesagt, aber dieses Mal tue ich es. Ich werde mein Leben leben, keinen Versuch mehr unternehmen, zu dir durchzudringen. Melde dich, wenn du eine Entscheidung getroffen hast. Aber ich werde mit dem Gedanken an dich einschlafen, von dir träumen und wenn ich aufwache, werde ich alles, was ich tue, ein bisschen für dich tun.

Ich wünsche dir ein frohes, neues Jahr. Die Zukunft, die uns etwas bringen könnte, beginnt heute. Vielleicht wird sie so zauberhaft, wie die Geschichten in den Märchen. Ich wünsche es mir.“

Als der junge Mann den Brief beendet hatte, wünschte er sich aber noch etwas. Er wünschte sich, dass dieses Leben doch ein Märchen für ihn bereithalten würde. Der Winter war noch lang und selbst wenn er mild verlaufen würde, der Winter, der in seinem Innern herrschte, verströmte eine eisige Kälte in seinen Adern. Da würde ihn schon alleine der Glauben an sein persönliches Märchen aufrecht halten. Doch der junge Mann hatte etwas vergessen. Nämlich, dass auch in vielen Märchen, die Charaktere ihre eigenen Helden sein müssen. Und so musste er, anstatt auf ein Märchen zu hoffen, einfach sein eigener Held sein und sich sein eigenes Märchen erschaffen.

Doch daran dachte er nicht, als er das Café verließ und den Brief im stürmischer gewordenen Wind davon segeln ließ. Er hoffte und wartete auf eine Antwort und einen Held von außen, der ihm sagte, dass das was er tat, richtig war und dafür sorgte, dass alles gut werde. Der um ihn wirbelnde Schnee sagte und zeigte ihm jedoch gar nichts.

Und in der Liebe gerät man häufig in solche Situationen. Sie schreibt unendlich viele Geschichten und nicht viele davon sind verständlich Man folgt ihr einfach und gerät in Wetterlagen, in der die Augen nichts mehr sehen. Passiert uns das, müssen wir lernen mit dem Herzen zu sehen. Aber auch dann,

oder vielleicht besonders dann, können wir uns verirren und verletzt werden. Liebe lässt sich nicht durch puren Willen, Verhandlungen oder sonst irgendetwas halten. Sie ist frei.

Wichtig ist nur, dass wir nie vergessen, egal wie sehr wir verletzt werden, dass die Liebe diese Welt zusammenhält. Und das was man gibt, das bekommt man zurück. Meistens in dreifacher Form. Der junge Mann, der nun mit hängenden Schultern durch den Schnee davon trabte, glaubte daran, auch wenn dieser Glaube geschrumpft war. Er hatte sich geöffnet und seine liebevollen Worte davon gegeben und auf eine geheimnisvolle Art und Weise erreichten seine Worte die

Frau, in die er sich so verliebt hatte. Der Wind trug sie vielleicht zu ihr, wie der Wind alles Gute, was gesät wird, letztendlich genau dahin bringt, wo es hin soll. Und während er sich mit seinem Leben beschäftigte, passierte sein Märchen. Eines Tages kam sie zu ihm und es hatte alles genauso geschehen müssen wie es geschehen war, damit sie zu diesem Augenblick gelangten, an dem sie sich endlich gegenüberstanden und sich in die Augen sahen. Die Wege des Schicksals waren verschlungen, aber immer richtig. Das wussten sie, als sie sich küssten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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Mtkbs

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Platonia In deinem Brief steckt viel Liebe, aber auch soviel LEBEN.
Gefällt mir sehr.
HG
Platonia
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Mtkbs Vielen Dank für deine Worte :) Und vielen Dank fürs Lesen :)
LG
Vor langer Zeit - Antworten
dachzigel Eine gute Geschichte voller Herzblut
Vor langer Zeit - Antworten
Mtkbs Vielen Dank :)
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Hallo MTKBS,

ein gefühlvoller Liebesbrief, der - obwohl vom Wind verweht - nicht ohne Wirkung geblieben ist. Gern gelesen.

LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Mtkbs Hallo Kara,
vielen lieben Dank :)
LG
Mtkbs
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