Romane & Erzählungen
Wie weit würdest du gehen?

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"Wie weit würdest du gehen?"
Veröffentlicht am 29. Dezember 2013, 56 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Wie weit würdest du gehen?

Wie weit würdest du gehen?

Die ungewissheit

„Drei Monate ist es jetzt her, drei Monate bist du nicht mehr bei mir. Komm zurück, ich brauche dich!“, flehte ich ihn tränenüberströmt an. Die Kerze auf dem Tisch flackerte und draußen fielen leise und langsam große Flocken. Außer den Überwachungsmonitoren, die vor sich hin piepsten, war nichts zu hören. Seit drei Monaten komme ich jeden Tag ins Krankenhaus, sitze stundenlang neben seinem Bett, beobachte, wie sich sein Brustkorb langsam hebt und senkt, und flehe ihn an wieder zu mir, zu den Lebenden, zurückzukommen. Ich weiß, er ist noch da, ich fühle ihn noch, aber so gern

möchte ich wieder seine zarten Küsse auf meinen Lippen fühlen, möchte fühlen, wie seine Hand durch mein Haar fährt und möchte wieder eine unserer lebhaften, witzigen Unterhaltung mit ihm führen.

Seit drei Monaten liegt John im Koma, eine Besserung seines Gesundheitszustandes ist nicht in Sicht. Warum musste gerade er mit dieser Straßenbahn fahren, warum hat er nicht eine spätere genommen, warum musste der Lkw in seinen Waggon fahren? Fragen, die mir niemand beantworten kann und ich erst recht nicht, die ich mir aber trotzdem immer und immer wieder stelle. Nach der Nachricht über seinen Unfall brach für mich eine Welt zusammen. Wir

waren gerade erst einen Monat zusammen und sollten jetzt schon wieder getrennt werden? Wer macht denn so etwas, wer ist so unfair? Es hat doch schon lang genug gedauert, bis ich endlich mit ihm zusammen war, es darf noch nicht vorbei sein! Ich fühlte mich so besonders, so erhaben, so frei und auch so unendlich glücklich, als wir uns das erste Mal geküsst hatten. Doch an diesem Mittwoch im September war ich verloren, geschockt und verängstigt. Es war ein verregneter Tag, die Mathestunde war nicht sonderlich interessant und meine Gedanken waren bei John. Ich erinnerte mich an den Tag, an dem wir uns in diesem warmen, hellen und modernen Zimmer in seinem Elternhaus durch ein paar

herausfordernde Sprüche von Freunden, die uns schon den ganzen Abend begleiteten, zum ersten Mal geküsst hatten, wie leicht es ihm gefallen war mich um den Finger zu wickeln, mit ein paar Blicken, Gesten und eigentlich nur unbedeutenden Worten, wie er mich aber damit zur glücklichsten Frau gemacht hat, wie sehr ich seine Nähe in dieser Nacht genoss, wie schwer uns die Heimlichtuerei gefallen ist und wie seltsam wir von unseren Freunden am nächsten Morgen angeschaut wurden, und lächelte dabei in mich hinein. Eine Nachricht auf meinem Telefon holte mich dann aber plötzlich wieder zurück in die Gegenwart, beschleunigte meinen Herzschlag und richtete meine Gedanken auf nur noch

einen Punkt: John! „John hatte einen Unfall! Komm so schnell wie nur möglich ins Krankenhaus! Es sieht schlecht aus!“, lass ich da von seiner Schwester. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und sofort losgefahren, aber das ging nicht, ich konnte nicht so einfach aus der Schule verschwinden. Sofort schickte ich die Nachricht an meine Mutter. Sie sollte mich freistellen lassen. Ich wollte nur noch weg. Es dauerte eine Ewigkeit bis zur Pause und die Minuten schienen stehen geblieben zu sein, bis endlich die erlösende Nachricht kam, dass ich fahren konnte. Den einzigen Satz, den ich zu meiner Freundin sagte, war: „Ich muss weg, erwarte mich heute nicht wieder!“ Mehr erfuhr sie nicht, doch

ich glaube, sie konnte sich denken, dass etwas mit John passiert war. An diesem Tag ging mir alles viel zu langsam. Ich flog förmlich zum Bahnhof, konnte es kaum erwarten, dass die Bahn endlich in Dresden war, und versuchte gar nicht erst eine Anschlussbahn zu bekommen, sondern lief gleich zum Krankenhaus. Dort angekommen wartete bereits Johns Schwester Anna auf mich und führte mich in den Wartebereich vor dem OP. Erst dort berichtete sie mir, was geschehen war und wie es um meine große Liebe stand. Er hatte schwere innere Verletzungen und schwebte in mehr als großer Lebensgefahr. Viel Hoffnung setzten die Ärzte nicht mehr auf ihn und auch ihr sah man an, dass sie sich schon innerlich

darauf vorbereitete, die Nachricht von seinem Tod verdauen zu müssen und es möglichst gefasst zu nehmen.

Eine quälend lange Stunde wurde John operiert, eine quälend lange Stunde hatte ich keine Ahnung, was genau mit ihm ist, eine quälend lange Stunde konnten wir nichts weiter tun, als zu hoffen und zu beten, dass er durchhält. Ich flehte ihn verzweifelt an: „Tu es für mich, halt durch!“

Sofort als die Ärztin aus dem OP kam, rannten wir zu ihr und versuchten eine Antwort auf all unsere Fragen in ihrem Gesicht zu finden. Ich war so auf die Tür

hinter ihr fixiert, dass ich nur nebenbei mitbekam, wie sie sagte: „Er lebt, aber er ist ins Koma gefallen, wann er wieder aufwachen wird, kann ich noch nicht sagen, es kann passieren, dass er es niemals tut. Seine Nieren haben während der Operation versagt und er hat viel Blut verloren. In einer Stunde können Sie zu ihm.“ Ich fiel auf die Knie und brach in Tränen aus. Mein eigener Freund liegt im Koma, wird vielleicht nie wieder aufwachen. Einen wunderschönen Monat konnte ich mich seine Freundin nennen, sollte es jetzt etwa schon vorbei sein? Anna versuchte mich wieder zu beruhigen, hatte damit aber recht wenig Erfolg.

Ich schleppte mich mit wackeligen Knien auf die Intensivstation, auf die er gebracht worden war. Auf dem Weg zu seinem Zimmer kamen wir an vielen offenen Türen vorbei und der Blick auf wartende, hoffende Angehörige wurde mir freigemacht. Schon bei der Vorstellung auch so an einem Krankenbett zu sitzen und nicht zu wissen, wie lang man noch warten muss, ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Als wir vor seinem Zimmer standen und ich durch das Fenster auf ihn blicken konnte, versagten meine Beine erneut. Anna konnte mich gerade noch so auffangen und zu einer Bank bringen. Ich wendete den Blick nicht von

ihm und konnte es immer noch nicht so recht begreifen, warum gerade er. Ein Lkw Fahrer hatte die Vorfahrt missachtet und war geradewegs in den Waggon gefahren, in dem John saß, hatte ich später aus den Nachrichten erfahren.

Er lag einfach nur da, ohne eine einzige Regung. Seine Augen zuckten nicht, wie sie es sonst immer taten, wenn er schlief, sein Brustkorb bewegte sich kaum. Ich stand einfach nur neben seinem Bett und starrte ihn an, minutenlang, konnte mich nicht bewegen, fühlte mich leer. Wie in Trance ging ich zu ihm, nahm seine Hand und drückte sie fest an mich. Nichts. Er lag immer noch genau so da wie vorher. Ich

berührte sein Gesicht, glitt mit der Hand über sein Kinn, küsste seinen zerkratzten Hals. Nichts. Stille. Mit jeder Minute verließ mich meine Hoffnung darauf, dass er wieder erwacht. Ich hatte schon genügend Menschen in meinem Leben durch Unfälle verloren, bitte ihn nicht auch noch. Stundenlang saß ich einfach nur da, weinte, hielt seine Hand und schaute ihn ununterbrochen an. Ich wollte bei ihm sein, ihm beistehen. Immer wieder legte ich meinen Kopf neben seinen, sprach leise mit ihm, doch nichts kam zurück. Jeder kleine Ton einer der Überwachungsmonitore weckte in mir neue Hoffnung, die aber sofort wieder erlosch, denn ich wusste, es war nur ein kleiner Kontrollton, der

anzeigte, dass er noch lebt.

Erst spät abends musste ich John auf Drängen einer Krankenschwester hin verlassen. Ich bräuchte Ruhe, sagte sie und solle nach Hause gehen. Doch wo ist eigentlich mein Zuhause? Ist es in Johns Wohnung, ist es in meinem Elternhaus, ist es dort, wo John auch ist? All das ist mein Zuhause, aber wo soll ich hingehen? Auch wenn ich nicht wusste, wohin ich gehen soll, so lief ich einfach aus dem Krankenhaus raus. Immer gerade aus, immer tiefer hinein in die Stadt. Der Abend war kühl, der Mond schien mit aller Kraft und der Himmel war voll mit kleinen weißen Wolken, die vom Mond in ein

mystisches weißes Licht getaucht wurden. Zu jeder Zeit hätte ich diesen Anblick genossen, aber nur wenn John bei mir gewesen wäre, jetzt war es bedeutungslos. Ich lief vorbei an den großen Einkaufspassagen, wo sich immer noch Massen von Menschen tummelten, lief vorbei an zauberhaft beleuchteten Brunnen, die mich immer in ihren Bann ziehen, lief vorbei an dutzenden glücklichen Menschen; immer mit dem Gesicht starr nach vorn gerichtet, ohne jede Emotion, mit vollkommener Leere in meinem Kopf. Aber auch mit einer unendlichen Stille um mich herum, mit einer beängstigenden Stille, mit einer einsamen Stille.

Kurz vor Mitternacht kam ich in Johns Wohnung an. Nachdem ich durch die Tür getreten war, ging ich ins Schlafzimmer und roch an seinen alten Sachen, die überall auf dem Boden herumlagen. Ich war zum ersten mal froh über die Unordnung, die er hinterlassen kann, wenn es wieder einmal spät geworden ist. Sein Geruch ummantelte mich und alles schien noch trostloser, als es sowieso schon war. Ich rannte ins Wohnzimmer, voller Wut. Trommelte gegen den Bilderrahmen an der Wand, sodass er zersprang, schleuderte Vasen durch die Wohnung und riss alle Fotos von der kleinen Kommode herunter. Sie zersprangen beim Auftreffen auf den

Boden in winzige kleine Einzelteile. Ich konnte mich kaum noch halten und wollte noch mehr zu Boden verwerfen und meine Wut über die ungerechte Welt und diesen unachtsamen Fahrer, die machtlosen Ärzte und vor allem mich selbst, daran auslassen. Doch ein Bild von John und mir bremste mich. Ich konnte es gerade noch so retten, sonst hätte es auch ein jämmerliches Ende gefunden. Ich brach in einen Heulkrampf aus. Mit dem Bild in der Hand setzte ich mich vor die Couch und betrachtete es unentwegt. Was ich genau danach noch getan habe, weiß ich nicht zu sagen, ich weiß nur noch, wie ich am nächsten Morgen in diesem ganzen Chaos fertig mit mir und der Welt aufgewacht bin und nicht wusste,

wie es weiter gehen sollte …

Drei monate

Ich besuchte John jeden Tag so lang, wie es nur möglich war, um bei ihm zu sein. Drei Monate lang, jeden Tag, egal ob es stürmte, schneite oder es eine unerträgliche Hitze war, die diesen Spätherbst über Deutschland hereinbrach. Seit September war jedes bisschen Lebensfreude aus mir gewichen und hatte Tristheit platz gemacht. Johns Gesundheitszustand veränderte sich überhaupt nicht. Jeden Tag sah ich dasselbe auf dem Klemmbrett der Schwestern, jedes Mal, wenn ich die Ärzte fragte, bekam ich dieselbe nüchterne Antwort, sie könnten mir nicht sagen, wann er wieder das Bewusstsein erlangen würde und ich müsse

warten und mich so langsam auch damit abfinden, dass er es vielleicht nie wieder tun würde und für immer in diesem Zustand bleiben würde. Ich gab es mit der Zeit auf, auf Neues zu warten und hoffte immer mehr, dass das Jetzige bestehen bleiben würde und es sich nicht verschlechtert. Manchmal, wenn ich seine Hand hielt, spürte ich, wie sich seine Finger langsam bewegten. Doch das passierte nur sehr selten, so gut wie nie. Die Ärzte erklärten mir diese Erscheinung als eine kurze Regung seiner Muskeln, die unkontrolliert vom Gehirn verursacht werden würde, aber kein Anzeichen dafür sei, dass er bald wieder aus dem Koma erwachen würde. Es war halt nur eine Reaktion, die sein Gehirn

auslöste, wenn es doch mal ein wenig mehr arbeitete. Jedes Mal wenn ich neben Johns Bett saß, erzählte ich ihm all das, was gerade geschah in der Welt um ihn herum. So berichtete ich ihm darüber, wie die Firma für die er arbeitet, umgezogen ist, welcher Künstler gerade in der Stadt ist und was bei mir so in der Schule los war. Ich erzählte ihm auch immer wieder die ellenlange Liste von Personen, die sich nach ihm erkundigt haben. An manchen Tagen, wenn seine Familie zu besuch kam, bekam er die meistens sogar zweimal zu hören. Johns Eltern kamen oft zu ihm ins Krankenhaus. Es klingt verrückt, aber erst in der Klinik habe ich die beiden zum ersten Mal gesehen. John hatte es nicht so

eilig, mich offiziell ihnen vorzustellen, immerhin kannte sein Vater mich schon und er muss wohl auch schon lang bevor wir zusammengekommen sind, ihnen von mir erzählt haben, denn seine Mutter wusste schon einiges über mich. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie kann mich nicht leiden, aber am nächsten Tag war das schon wieder weg. Ihr Sohn hat diese Eigenschaft von ihr geerbt. Auch wenn ich auf ihn an manchen Tagen maßlos sauer war, länger als einen Tag hat dieses Gefühl nie angehalten. Er war immer um mich, umgab mich wie ein unsichtbarer Schleier, der mich in jeder Sekunde an unsere glücklichen Momente erinnerte. es war mir einfach nicht möglich, ihn aus meinem Leben zu verbannen.

Johns kleinerer Bruder kam auch bei ihm vorbei, aber eher selten. Die beiden verbindet zwar viel, aber Alex hegt eine tiefe Abneigung gegen Krankenhäuser. Sie sind für ihn ein Ort des Schreckens und des Todes, und auch wenn er immer so hart tut, tief im inneren ist er doch ganz weich und da kann ich schon verstehen, dass er an solch einen „grauenvollen“ Ort nicht gern geht, auch wenn es um seinen von tiefen Herzen geliebten Bruder geht. Arbeitskollegen kamen selten vorbei. Sie möchten John lieber so in Erinnerung behalten, wie sie ihn das letzte Mal gesehen haben, sagten sie mir als Begründung für ihr Fernbleiben. Ich weiß nicht, ob ich das

auch so einfach könnte. Die Kollegen von John sind für mich und ihn wie eine große Familie. Man passt gegenseitig auf sich auf, trifft sich auch in der Freizeit und spricht mit ihnen wie mit einem Schulfreund. Ich glaube kaum, dass ich einfach so weiter machen und einen meiner Kollegen einfach so vergessen könnte, wenn ihm ähnlich passiert wäre. Klar das Leben muss weiter gehen, aber sich gar nicht blicken lassen ist auch nicht die feine Art. Immerhin ist es ja nicht nur irgendein Mann, den man mal schnell am Kaffeeautomaten trifft, sondern ein naher Freund, mit dem man jeden Tag mehrere Stunden zusammen ist. Selbst meine Eltern, die John auch bereits mehrere Jahre

kennen, wir sind schon seit Jahren befreundet und mein Vater kannte ich sogar bereits vor mir, kamen oft im Krankenhaus vorbei. Ich denken John spürte es, wenn jemand bei ihm war, denn an Tagen, an denen er Besuch hatte, war irgendwas anders an ihm. Er sah verändert aus, obwohl er doch eigentlich immer dasselbe Aussehen hatte. Er war in den drei Monaten nicht älter geworden im Gesicht und hatte auch noch genau die gleichen wunderschönen grün-blauen Augen. Die Augen, von denen man sich nicht mehr lösen konnte, hatte man ein mal ganz fest hinein gesehen. Das einzige, was sich an seinem so makellosen Gesicht verändert hatte, war, dass er keine Brille mehr trug,

was sollte er auch damit, er machte seine Augen ja nicht auf. An manchen Tagen spielte ich mit dem Gedanken, sie ihm doch aufzusetzen, vielleicht wacht er ja dann wieder auf, erklärte mich dann aber doch für verrückt, was sollte so eine Brille schon bewirken.

Als die Weihnachtszeit kam, war es eine besonders schwere Aufgabe für mich ins Krankenhaus zu gehen. Advent, die Zeit in der man mit seiner Familie zusammen sein soll, gemütlich um den Weihnachtsbaum herum sitzen und aufeinander achten soll. Mein erstes Weihnachten mit ihm hatte ich mir eigentlich nicht so vorgestellt, dass ich mit Tränen in den Augen und mit nur einem

kleinen Fünkchen Hoffnung auf eine Verbesserung in einem Krankenhaus sitze und mit meinem Freund rede, der ganz langsam vor sich hin atmet. John ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so schein, doch ein großer Romantiker. Wir hatten uns schon im Sommer ausgemalt, wie es sein mag, im Winter durch die Nacht zu spazieren und dabei nichts anderes als den leise fallenden Schnee und die hübsch beleuchteten Fenster um sich zu haben. Und jetzt!? Jetzt sitze ich hier und halte seine eiskalte Hand. So sollte der Winter für uns beide eigentlich nicht aussehen. Hätte mir vor ein paar Monaten noch jemand prophezeit, mein Dezember würde so aussehen, dass ich mich durch den

Schulstress kämpfe, versuche nicht durchzudrehen und mein Leben zu ordnen und mit einer Heidenangst um meinen Freund mich durchs Leben zu schlagen habe, hätte ich ihn Wohl für verrückt erklärt. Aber so ist jetzt. Ich muss versuchen mein Leben irgendwie wieder in den Griff zu bekommen, John Nähe zu spenden und dabei meine ganzen anderen Probleme nicht vergessen. Und dabei ist der Teil mit den Geschenken noch mein geringstes Übel. Das einzige Gute, dass der Dezember mit sich brachte, war dass sich Johns Gesundheitszustand ein wenig verbesserte. Es war nicht mehr so, dass die Ärzte gar keine Hoffnung mehr schöpften.

Es war der 11. Dezember, der Geburtstag meiner Schwester, als John zum ersten Mal seit mehreren Wochen wieder ein Zeichen von sich gab, dass er noch bei uns ist. Ich war völlig überrascht, als plötzlich seine Hand an meinem Arm lang streifte und er, als ich meine Finger langsam auf sein Gesicht legte, den Mund zu einem Lächeln verzog. Ich war völlig aus dem Häuschen, wir waren dem Ende dieser ewig langen Phase noch ein Stück näher gekommen. In den letzten Wochen hatte zumindest eine Niere wieder ihren Dienst aufgenommen, die Ärzte sagten, damit kann man auch leben, aber Johns Körper war da anscheinend anderer Meinung. Oder warum

schafft er es nicht, wieder zu erwachen? Nachdem an dem Tag mir ein Zeichen von ihn gegeben wurde, dass mich wieder froher Dinge sein ließ, ging ich zum ersten Mal glücklich nach Hause. Das war der erste Abend seit Oktober, an dem ich mich wieder mit Freuden traf und unbekümmert war. Wir lachten, hatten Spaß, zogen durch die Bars und ich konnte endlich wieder richtig abschalten. Mir war an dem Tag so ein großer Stein vom Herzen gefallen, der mich um Jahre hatte altern lassen. Jetzt hatte ich mich wieder gefunden und den Teil in mir wieder erweckt, den manch einer als „innere Göttin“ bezeichnet, der mir die Unbeschwertheit und die Fröhlichkeit wieder gab, die man als 17

Jährige noch haben darf.

In Johns Wohnung fühlte ich mich zwar immer noch einsam und verlassen, aber es hing nicht mehr diese Last in der Luft über mir, sondern ich konnte wieder frei atmen. Noch in der selben Nacht platzierte ich wieder all die Bilder auf der Kommode, die ich am Tag des Unfalls vor Wut runtergeschmissen hatte und fand mit jedem Bild mehr mein verliebtes Lachen zurück, dass ich automatisch aufsetze, wenn ich an John denke.

Gerade als ich das letzte Bild wieder an seinen ursprünglichen Platz gestellt hatte, fing mein Telefon an ununterbrochen zu

klingen. Ein verschwörerisches und bedrückendes Gefühl, eine schlechte Vorahnung, befiel mich im selben Moment. Und tatsächlich, es war das Krankenhaus…

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Der tiefe fall

Mit zitternden Fingern nahm ich ab. Die Ärztin am anderen Ende wollte nicht so wirklich mit der Sprache raus rücken und ich brach fast zusammen. Konnte sie nicht einfach ganz direkt sagen, was los ist? Oder will ich das vielleicht doch nicht so genau wissen? Als sie dann endlich zur Sache kam, setzte mein Herz für mehrere Schläge aus. „Was sagten Sie?“, ich musste mehrmals nachfragen, bevor ich wirklich begriff, was sie da gerade geäußert hatte. Ich konnte es nicht glauben, es wollte einfach nicht in meinen Kopf rein. Vor wenigen Stunden hat er doch noch seine Hand bewegt und mich angelächelt. Jetzt

liegt er gerade wieder auf der Intensivstation und wird künstlich beatmet? Dass kann doch nicht sein! Als die Ärztin mich anrief, war John gerade zum dritten Mal an diesem Abend reanimiert worden. Für mehr als 5 Minuten hatte er keinen Puls mehr und war tot. Ich starb tausend Tode als mir das erzählt wurde. Um ein Haar hätte ich John heute verloren, nachdem es ihm doch am Nachmittag noch so gut ging. Mein Atem ging so unregelmäßig, dass ich selbst Mühe hatte, noch das Bewusstsein zu behalten. Für mehr als fünf Minuten war mein eigener Freund tot gewesen und ich war nicht bei ihm gewesen, konnte ihn nicht unterstützen. Das machte mir zuerst mehr

Sorgen, als die Tatsache, dass ich ihn schon so gut wie verloren hatte und hätte nie wieder in die Arme nehmen können, nie wieder durch den Park jagen können und nie wieder seinen Duft hätte einatmen können. Ich war nicht bei ihm, konnte John nicht dabei begleiten, wie er… starb. Wenigsten das sollte man ihm noch geben können. Ich will ihn so nicht verlieren. Im Koma, an ein Krankenbett gefesselt, nicht ansprechbar.

Sofort fuhr ich los und war nur wenige Minuten später im Krankenhaus. Dort wollte man mich nicht in sein Zimmer lassen. Ich sah nur wie unzählige Ärzte wie eine wildgewordene Horde um ihn herum

hantierten und völlig unter Druck standen. Was war jetzt? Hatten die Reanimationsversuche nichts genützt? War John Tod? Hatte er es nicht geschafft, war sein Lebenswille vorbei? Wollte er selbst nicht mehr so weiter vor sich hin da sein? Meine Augen weiteten sich und die Angst war mir ins Gesicht geschrieben. Mein Spiegelbild im Fensterglas erschrak mich selbst zu Tode. Was macht dieser Mann nur aus dir, fragte ich mich nicht zum ersten Mal, doch dieses Mal eher im negativen Sinne betrachtet.

Ich lief den Krankenhausgang immer wieder auf und ab, solang bis endlich einer der Ärzte mit mir sprach. Ihm standen

Schweißperlen auf der Stirn und seine Augen zeugten von Erschöpfung, als er mir mitteilte, dass Johns Herz unregelmäßig schlägt und er die Nacht vielleicht nicht überleben könnte. Ich wäre dem Arzt am liebsten an den Hals gesprungen und hätte ihn am liebsten dazu gezwungen, mir zu sagen, dass das alles nur ein böser Traum sei, aus dem ich bald wieder erwachen würde. Doch was sollte das bringen, die Realität kann auch er nicht verändern, so sehr ich mir das auch wünschen würde. Mein Gehirn überging komplett die Tatsache, dass ich John noch vor dem Morgengrauen verlieren könnte, es realisierte nur noch die ganzen Menschen, die um das Bett von John herumwirbelten

und blendete den Grund dafür aus.

Ich wollte nur noch zu ihm, neben John sein, ihn berühren, ihn halt spenden, ja, auch um ihn beim Sterben zu begleiten, dass war ich ihm schuldig und ich hätte es mit meinem Gewissen auch gar nicht vereinbaren können, hätte ich es nicht getan. John hat mein Leben so bereichert, es zu einem lebenswerten, glücklichen und erfüllten Leben gemacht, er hat mir eine erfolgreiche Zukunft ermöglicht und ist der Grund warum ich immer wieder weiter kämpfe, er hat mir ein Ziel für mein Leben gegeben und mir gezeigt, was bedingungslose Liebe und Vertrauen ist. Ohne ihn kann ich mein Leben nicht weiter

leben, er würde alles Gute aus meinem Leben mit ins Grab nehmen, was er mir gegeben hat, wäre weg und wertlos ohne ihn. Zum glücklich sein brauche ich John, kein anderer kann mir das geben, was er mir gibt. Ich würde es wahrscheinlich noch nicht einmal hier aushalten, hier in dieser Stadt, mit der ich so viel verbinde, mit der wir beide so viel verbinden. Ich würde meine Heimat verlieren, wenn ich John verliere und damit auch mein Vertrauen, nicht nur in andere, auch in mich selbst. John hat es geschafft aus mir eine selbstbewusste Frau zu machen, die dafür einsteht, was sie will und sich nicht von anderen unterdrücken oder beeinflussen lässt. Er hat mich zu dem Menschen

gemacht, der ich jetzt bin.

Hoffnung

Als ich am Morgen sanft von einer Krankenschwester geweckt wurde, sah die Welt schon wieder viel freundlicher aus für mich. Über den schneebedeckten Dächern der Häuser gegenüber der Klinik durchbrachen helle, Zuversicht schenkende Sonnenstrahlen den Himmel. Es schien ein schöner Tag zu werden. Das hoffte ich auch für John. Die Schwester erklärte mir, die Ärzte hätten es geschafft, dass sein Herzrhythmus wieder normal geworden wäre und John sich auch schon wieder gut erholen würde. Beim Blick in sein Gesicht bestätigte sich dies mir, er sah viel

erholter und entspannter aus, als letzte Nacht. Sein Mund deutete ein leichtes Lächeln an und seine Augen hatten ihren Glanz wieder gewonnen, den sie letzte Nacht komplett verloren hatten. All die Aufregung und die Ereignisse der letzten Stunden schienen vergessen.

Ich nutzte die Möglichkeit ein paar Sonnenstrahlen, die in diesem kalten, grauen Winter dieses Jahr eher Mangelware waren, einzufangen, als die Krankenpfleger sich um die morgendliche Pflege und Versorgung von John kümmerten. Als ich aus der kalten und ruhigen Umgebung des Krankenhauses hinaus auf die Straße trat,

kam mir ein Schwall von Eindrücken entgegen. Es herrschte eine rege Beschäftigung, die Sonne prasselte mit einer ungeheuren Kraft auf die Stadt hinunter, die man im Winter sonst so nie gewöhnt war und alle Menschen hatten ein freundliches Gesicht, keiner war mit mieser Laune aus dem Haus gegangen. Man musste sich von dieser Fröhlichkeit einfach anstecken lassen. Doch ich konnte das nicht wirklich, zu tiefe Narben hatten die Ereignisse letzte Nacht hinterlassen. Ich konnte nicht fröhlich sein, wenn ich wusste, es geht John schlecht. Auch wenn sich sein Zustand jetzt wieder normalisiert hatte, so kämpft er immer noch um sein Leben, um sein Bewusstsein.

Wie gern hätte er die Sonne jetzt auch genossen.

Als ich zurück neben Johns Bett war, drangen einige Sonnenstrahlen in sein Zimmer und erhellten dieses. Das triste und eintönige weiß war einer Vielzahl von gelblichen Farben gewichen, die von einem bald kommenden Frühling zeugten, auch wenn es nur noch wenige Tage bis Weihnachten sind. Am liebsten würde ich die Feiertage dieses Jahr komplett aus dem Kalender streichen. Es wird doch sowieso nur jeder über John sprechen und mich bedauern, was soll daran denn ein Feiertag sein? Was ist Weihnachten denn schon ohne den Menschen, den man

über alles liebt und der, der wichtigste der Teil deines Lebens geworden ist. Weihnachten, das Fest der Liebe, das Fest der Hoffnung, das Fest der Familie. Die Hoffnung muss ich mir jeden Tag aufs Neue zusammen bauen, kein Tag ist wie der andere, jeden Tag muss man mit dem Schlimmsten rechnen, ich bin mir noch nicht einmal mehr sicher, worauf ich noch hoffe. Auf eine Besserung Johns Zustands oder das er sich nicht weiter verschlimmert?

Johns Familie hat die Hoffnung und den Glaube an eine Besserung noch nicht aufgegeben. Seine Mutter sitzt oft stundenlang neben seinem Bett und hält

seine Hand. Oft sehe ich, wie ihre Blicke sehnsuchtsvoll Richtung Himmel gehen. Vielleicht findet sie dort eine Antwort auf all ihre Fragen, die ihr keiner auf Erden geben kann.

Ich versuche immer wieder eine Antwort in Johns Gesicht zu finden. Manchmal scheint es so, als wolle er mir mit seinen Augen etwas mitteilen, etwas, was noch kein Arzt herausgefunden hat oder auch etwas, dass er mir anders nicht sagen kann. Ich vermisse es unbeschreiblich sehr, am Morgen mit sanften Küssen von ihm geweckt zu werden, zu spüren wie seine Hand langsam über meine Streicht und zu wissen, ohne das er aussprechen

muss, dass er mich liebt. Es kommt nicht selten vor, dass ich nachts durch einen Traum erwache und nach seiner Hand suche, die mir sonst immer Schutz und Geborgenheit geboten hat, die mich ruhig schlafen lies. Ich weiß, dass ich sie nicht finden werde, so sehr ich auch suche, aber trotzdem taste ich immer wieder das Bett ab, in der Hoffnung, er liegt doch neben mir. So liege ich dann manche Nacht wach, schlinge den Arm um sein Kissen und richte meine Gedanken voll und ganz an ihn. Ich versuche mich immer wieder daran zu erinnern, wie er am Morgen des Unfalls gerochen hat und was er zu mir gesagt hat, bevor er die Wohnung verlassen hat, doch es fällt mir

immer schwerer, mir seine Worte ins Gedächtnis zu rufen. Oft ertappe ich mich dann dabei, eine Nachricht von ihm auf meinem Telefon zu finden von dem schicksalhaften Tag, die ich noch nicht gelesen habe. Doch nichts. Keine Nachricht, kein verpasster Anruf, kein Zeichen, keine Neuigkeit. Nur noch alte Nachrichten, die an vergangene glückliche Tage erinnern und an Tage, an denen wir uns vermisst haben, obwohl wir uns doch am Morgen noch in den Armen gelegen haben. John kann so niedlich sein, so romantisch, aber auch einfach nur süß, wenn man seine harte Schale einmal durchbrochen hat. Vom ersten Tag an haben wir uns erstaunlich

gut verstanden, der Altersunterschied von mehr als zehn Jahren war bedeutungslos. Wir waren die besten Freunde, arbeiteten erstaunlich gut zusammen, konnten über alles reden, hatten Spaß miteinander und merkten sehr bald, dass sich da mehr entwickelte. Doch John war noch in festen Händen und so mussten wir uns immer wieder etwas vor machen, wenn wir uns sahen, damit das alles nicht in einem riesen großen Drama endete. Ich glaube es waren mehr als vier Jahre, in denen wir uns vorspielten, mehr als nur gute Freundschaft sei da nicht. Doch eigentlich wussten nicht nur wir beide, dass dies nicht wahr war. Wir brauchten

uns. Zwischen uns entwickelte sich jedes mal eine Spannung, die den Raum, der uns trennte, mit Elektrizität und einer großen Anziehungskraft füllte. In gewisser Weise konnten wir nicht ohneeinander, aber auch nicht miteinander. Er war vergeben und ich eigentlich viel zu jung für ihn. Ich hatte Angst, wenn wir es nicht hinbekommen, eine glückliche Beziehung zu führen, ihn zu verlieren; ich hatte Angst zu versagen. Doch dann kam mit einem mal alles anders. Ganz unverhofft schrieb er mir an einem stink normalen Tag im Mai, er habe sich getrennt, hätte eine neue Wohnung und würde jetzt allein leben. ...

Tabula Rasa

Diese Geschichte wird nie ein Ende finden. Ich kann sie nicht weiterschreiben, da es da nichts mehr zum weiterschreiben gibt. Sie sollte eine Hommage an einen Freund werden, einen besonderen Freund. Den Freund in den ich mich verliebte und mit dem ich mir meine Zukunft vorstellte. Er war in meinen Gedanken und Träumen. Und so entstand dieser Textfetzen. Ein Traum von Verlust und Hoffnung, von bedingungsloser Liebe und Hingabe. Ich musste dies niederschreiben, es verpacken und es zu etwas real existierenden machen. Doch das wird es

nicht mehr werden. Dieser Traum, die geträumte Romanze ist vorbei. Sie hat ein Ende gefunden und neue Träume die gelebt werden wollen stehen vor mir. Die Liebe zu ihm hat ein Ende gefunden, das Ende, welches diese Geschichte nie haben wird. Sie bleibt unvollendet im Raum stehen. Träumen Sie für mich weiter, ich kann es nicht mehr. Zu sehr ähneln die fiktiven Figuren hier, reellen Figuren in meinem Leben. Ich kann es mir nicht mehr vorstellen und die Geschichte würde nicht das Ende finden, dass ich mir für sie erdachte. Tabula rasa – leeres Blatt. Ich habe mein leeres Blatt begonnen neu zu beschriften.

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Juliette98

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