Fantasy & Horror
Die Gottesanbeterin

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"Die Gottesanbeterin"
Veröffentlicht am 28. November 2013, 56 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
© Umschlag Bildmaterial: Bild und Text: KateJadzia
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Die Gottesanbeterin

Die Gottesanbeterin

Die Gottesanbeterin

Novizin Anna saß mit einem Mörser am Fenster der Kräuterküche und zerkleinerte Teufelskrallenwurzeln. Von hier aus sah sie am Horizont die Gebirgszüge der Alpen und wären da nicht die Gitter gewesen, hätte sie sich hinauslehnen und in die tiefe Moorschlucht, unterhalb des Klosters, blicken können. Zusammen mit dem Försterjungen Florian hatte sie früher dort nach seltenen Steinen und versteckten Schmugglerpfaden gesucht. Doch das war ein anderes Leben; längst vergangen, fast vergessen. Die Sonne würde bald über den

Klosterhügel steigen und ihre Strahlen zu dem verfallenen Gemäuer auf der anderen Talseite schicken. Mitten im Wald und von Efeu bedeckt, konnte man selbst bei Sonnenlicht nur den Wachturm davon erkennen. Und obwohl die Burg als unbewohnt galt, sah Anna in der Abenddämmerung bisweilen flackernde Lichter zwischen den Schießscharten, die ihr Angst machten. Die Mittagsstunde nahte, allerdings würde es heute keine Mahlzeit geben. Anna schüttete das Wurzelpulver in eine Schale und fragte: „Bekommen alle dreihundert Schwestern diesen Trank, Schwester Marie?“ „Alle, die von der Hühnersuppe gegessen

haben, mein Kind“, entgegnete die Kräuterköchin. Sie stand am Herd und rührte kräftig in einem großen Kessel. Auf dem Tisch lag ein altes, vergilbtes Rezeptbuch, dass sie sofort wegräumte, sobald jemand in dessen Nähe kam. „Es wird wohl keine von uns sterben, oder?“, fragte Anna leise. „Nein, mein Kind. Das Fleisch war verdorben, nicht vergiftet. Leider hat es die Mutter Oberin und Schwester Judith schlimm erwischt. Sie sind schon älter und haben nicht mehr genügend Abwehrkräfte. Sie benötigen einen stärkeren Trank.“ „Aber mehr als zehn Gramm

Teufelskralle, pro Liter wirken tödlich, Schwester Marie!“ „Das hast du dir gut gemerkt, mein Engel! Richtig, die Dosis kann ich nicht erhöhen. Ich werde noch einmal in den Kräutergarten gehen, um ein wirksameres Kraut zu holen.“ „Was wird das sein?“, erkundigte sich Anna. „Sei nicht so neugierig! Es gibt Dinge, die nicht jeder wissen darf!“, schimpfte Marie. Für eine Kräuterköchin war sie erstaunlich jung, etwa um die 35. Dennoch verstand sie von Arznei und Kräutern bedeutend mehr, als jede andere Nonne, die hier je gelebt

hatte. „Verzeih, Schwester Marie. Ich wünschte, ich wäre so klug wie du und könnte hilfreicher für die Gemeinschaft sein.“ Marie fuhr herum und zischte: „Empfindest du etwa Reue? Da wärst du ja die einzige von euch dreißig Novizinnen!“ Anna schwieg betroffen. Ob Marie wusste, dass viele von ihnen schon gar nicht mehr hier lebten? Keinen schien es zu interessieren, was aus ihnen geworden war. Genau wie über ihre verstorbenen Eltern oder die unheimlichen Lichter auf der Burg, sprach niemand mehr ein Wort über die verschwundenen Mädchen.

Gedankenverloren blickte Anna zur Festung. „Starr keine Löcher in die Luft! Viele unsere Schwestern haben böse Krämpfe. Wir müssen uns beeilen!“, mahnte die Kräuterköchin. „Ob diese alte Burg da drüben bewohnt ist?“, fragte Anna. Marie hielt inne und sah ebenfalls hinaus. Sie überlegte eine Weile und erklärte: „Das ist keine Burg, sondern ein Schloss. Und ich weiß, dass der alte Baron von Krötenstein seit mindestens zehn Jahren tot ist. Über seine junge Frau, die Baronin ist recht wenig bekannt. Ich glaube, sie war Medizinstudentin. Vielleicht studiert sie

ja wieder oder arbeitet sogar. Gesehen hat sie jedenfalls niemand mehr, nicht einmal der Schlossgärtner.“ Marie fing den fragenden Blick von Anna auf. Viele hielten Anna für einfältig. Durch ihre dicken Brillengläser wirkte sie plump und ihre hohe Stimme klang unglaublich albern. Annas Großmutter hatte versprochen ihr die Augen lasern zu lassen, sobald sie das Geld dafür aufbringen könnte und wegen ihren Stimmbändern hatte es ebenfalls Pläne gegeben. Leider wurde die alte Dame sehr krank. Als sie im Hospital starb, beschlagnahmte man Annas Erbe und steckte sie ins Waisenhaus. Und wenn die anderen sie auch

auslachten, Anna war fleißig und schlau. Marie wusste das. Darum fügte sie schnell hinzu: „Er bringt uns den Baumverschnitt des Barockgartens. Siehst du den großen Stapel, hinter dem Waschhaus? Das Holz reicht bestimmt für die nächsten zwei Winter.“ Marie wandte sie sich erneut dem Kessel zu. Sie holte eine goldene Halskette mit einem smaragdgrünen Kreuz, unter ihrer Robe hervor, öffnete es und streute etwas von dem weißem Pulver darin auf einen Mundschutz. Den zog sie anschließend über Mund und Nase und atmete tief ein. Sie sah auf die Uhr. Es wurde höchste Zeit, dass die Kranken ihre Medizin bekamen. Mit einer großen Kelle füllte

sie den Trank in leere Flaschen und sagte: „Ich werde jetzt in den Krankenflügel gehen. Du zerstößt derweil die restlichen Wurzeln, wiegst genau fünf Gramm ab und füllst sie in Tütchen.“ „Ja, Schwester Marie!“ Die Kräuterköchin verließ die Küche, vergaß jedoch in ihrer Hektik das Rezeptbuch wegzuräumen. Als sich die Tür geschlossen hatte, horchte Anna angestrengt, bis Maries Schritte verhallten. Vorsichtig nahm sie das Buch und begann darin zu blättern. Und je mehr sie darin las, desto klarer wurde ihr, weshalb dieses Buch so geheim war. Konsumierte man zum

Beispiel täglich nur ein Gramm zerstoßene Teufelskralle, wurde man davon süchtig und mehr als 10 Gramm wirkten tatsächlich tödlich. Verwendete man weniger als 15 Gramm, war das Gift im Körper nicht nachweisbar. Allerdings vermochten 15 Gramm Silberfarn innerhalb von zwei Stunden die Wirkung umzukehren. Silberfarn war demnach ein wirksames Gegengift, gegen eine Überdosis Teufelskralle, sofern man es rechtzeitig einnahm. RUMMS! Die Tür flog auf. Anna erschrak, schlug panisch das Buch zu und warf es in die Schublade. Vor ihr stand jedoch nicht Schwester Marie. Die Hände voll mit leeren Arzneiflaschen

schob sich Novizin Babette in die Küche. „Was machst du da?“, fragte Babette, als sie sah, dass Anna etwas in dem Schieber versteckte. Babette war ebenfalls erst sechzehn und auf keinen Fall ein gläubiges, frommes Kind. „Ich las gerade in einem Buch und ich weiß nicht, ob mir das erlaubt ist“, erklärte Anna. „Ich dachte Schwester Marie käme zurück.“ Babette zuckte apathisch mit den Schultern: „Du denkst zuviel.“ Anna sah Babette fassungslos an und meinte schließlich: „Kann ich dir helfen?“ „Ich soll die Medizin für die Mutter Oberin

holen.“ Anna seufzte: „Den leichten Trank kannst du haben, die starke Medizin wird nicht vorm Abend fertig sein. Schwester Marie sagte, sie müsse dafür noch einmal in den Kräutergarten.“ „In den Kräutergarten? Heute?“ Babettes Gleichgültigkeit war schlagartig verschwunden. „Ja, ist das wichtig?“, wollte Anna wissen. „Denk doch mal nach, du Dummchen. Seit die ersten von uns abgehauen sind, hat die Mutter Oberin die Klostermauern mit Stacheldraht versehen lassen und der einzige Ausgang, der außer dem Haupttor nicht zugemauert wurde, ist das

Kräuterpforte. Umsonst, es sind trotzdem fast alle von uns entwischt. Sie können bloß durch den Kräutergarten entkommen sein! Hat Marie nie erwähnt, wo er ist?“ „Nein, aber wenn sie geht, nimmt sie immer frische Rosen mit. Sie sagte einmal, die Blumen wären für das Grab der Mutter Esmeralda.“ „Durch den Friedhof also?“, murmelte Babette vor sich hin. Anna erschrak. Vielleicht hätte sie das nicht ausplaudern sollen. Verunsichert fragte sie: „Du willst ebenfalls fort?“ Babette lachte höhnisch: „Glaubst du, ich bleibe als einzige hier?“ Anna schluckte. Sie wusste nicht genau, wer von ihnen noch da war, denn sie

verließ ihre Zelle ausschließlich zum Gottesdienst und zur Küchenarbeit. Sie hatte nie richtig zu ihnen gehört, noch nicht einmal jetzt. Wenn die anderen 28 bereits geflohen waren und Babette es genauso schaffen würde, wäre sie als einzige noch hier. Keine fünf Minuten später hockte Babette hinter den Sträuchern des Klosterfriedhofes. Sie hoffte, dass Schwester Marie vom Kräuterernten noch nicht zurück war und hier vorbeikommen würde. In den letzten zwei Jahren hatte die Mutter Oberin alle noch so kleinen Löcher der Klostermauer stopfen lassen.

Einzig die geheime Passage zu dem versteckten Kräutergarten, schien weiterhin zu existieren. Die Novizin duckte sich noch tiefer in die Sträucher, als zwischen den Grabsteinen eine schwarz eingehüllte Frau auftauchte und lautlos über den Friedhof lief. Für Babette gab es keinen Zweifel; der elegante Gang gehörte Schwester Marie. Sie trug einen Korb mit frischen Rosen und kam vermutlich vom Blumengarten auf der anderen Seite des Klosters. An der Gruft der seligen Oberin Esmeralda löste sie die Halterung der Vase, indem sie einen eigenartig verzierten Eisenstab herauszog, der oben

an der Tür befestigt war. Sie legte ihn in ihren Korb, wechselte die Rosen und stellte die Vase auf den Fußboden. Anschließend ging sie um die Gruft herum und zwang sich seitwärts zwischen Grabmal und Klostermauer entlang. Babette zählte bis hundert, schlich dann vorsichtig zur Krypta und drückte sich ebenfalls an der Wand vorbei. Und sie fand tatsächlich ein kleines, völlig von Knöterich eingewachsenes Tor, das nicht verschlossen war. Sie kroch hindurch und verbarg sich im Dickicht. Nach einiger Zeit kam Marie mit dem Korb voller Kräuter zurück, verschloss die Tür und verschwand in Richtung Kloster. Erst jetzt wagte sich Babette

hervor. Sie lief durch Büsche und Bäume bis sie schließlich in einem herrlichen Steingarten ankam, der von hohen, glatten Mauern umgeben war. ‚Verflucht, wenn ich wenigstens ein Seil hätte!’, dachte sie. „Kann ich dir helfen?“, fragte eine tiefe Stimme hinter ihr. Babette drehte sich erschrocken um. Vor ihr stand ein blonder, junger Mann. Er war groß und kräftig, zirka zehn Jahre älter, als sie. „Ich suche einen Ausgang.“ „Warum gehst du nicht durchs Haupttor? Die kleine Tür dort hinten, führt nur zu einem Forstweg; weit ab von der Straße. Durch die Schlucht ist man zwar schneller, leider ist der Pfad sehr

rutschig und voller Moorlöcher.“ „Meine Mutter ist krank und die Oberin lässt mich nicht zu ihr“, log Babette. Obwohl dieser Fremde einen freundlichen Eindruck machte, schien er ihr irgendwie unheimlich. Der junge Mann bemerkte das Misstrauen und stellte sich vor: „Ich bin Nicolas, Gärtner von Schloss Krötenstein. Ich bringe Schwester Marie manchmal Arznei aus der Apotheke. Das darf niemand wissen, hörst du! Marie tut nichts Schlechtes. Sie will nur helfen. Weiß jemand, dass du hier bist?“ „Nein.“ Nicolas überlegte und sagte: „Ich könnte dich bis zur nächsten Bushaltestelle

mitnehmen, wenn du willst.“ „Wirklich? Das wäre toll! Aber…“ „Aber?“ „Ich habe kein Geld für den Bus.“ Nicolas zog drei Sammelfahrscheine aus seiner Tasche, zwei davon steckte er wieder ein, den dritten gab er Babette und sagte: „Da ist ein Zehnerticket, zwei Fahrten sind noch drauf. Damit kommst du bis zum Krankenhaus.“ Babette konnte ihr Glück kaum fassen. „Wie kann ich das je wieder gut machen?“ rief sie. Er lachte: „Du könntest mir mit den Laubsäcken helfen. Schwester Marie möchte, dass ich sie im Wald vergrabe. Buchenlaub macht den Boden sauer, das

bekommt den Kräutern nicht.“ „Ja, natürlich“, sagte Babette schnell und begann mit ihm die Säcke aus dem Garten zu tragen und auf den Transporter zu werfen. Dann stieg sie mit ins Auto, glücklich dem langweiligen Kloster endlich entkommen zu sein. Doch so schnell erreichten sie die Straße nicht. Mitten im Wald hielt er an und sagte: „Hier ist ein schöner Platz! Hilfst du mir eine Grube für die Säcke auszuheben?“ In der Kapelle des Schlosses Krötenstein war es düster. Nur spärlich trat das

Vollmondlicht durch die bunten Ornamentgläser und traf auf Nic, der vor dem Elfenbeinaltar kniete und eine schwarze Kerze anzündete. Er trug ein selbstgefertigtes Büßergewand aus Brennnesseln, exakt wie es das Ritual vorschrieb. Mit der Kerze in der Hand schritt er anschließend über den Wehrgang in den Südflügel der Residenz und stieg ins Verlies hinab. Vor dem Eingang zur Familiengruft atmete er tief durch und klopfte mit zitternder Hand an die Tür, die zu den Grabkammern führte. Das Tor öffnete sich und Nic ging durch einen lichtlosen Gang nach unten, bis er schließlich in eine große Halle kam. Im

flammenden Kerzenlicht vermochte er jetzt den dunklen Ebenholzaltar zu erkennen. Die Kerzen darauf musste er nicht zählen. Es waren 28. Nic blieb ehrfürchtig stehen. Gleich neben dem Altar saß SIE, die Herrin von Krötenstein, auf einem steinernen Thron. Sie trug schwarze Gewänder mit einer roten Maske und spielte mit einem eisernen Totenkopfzepter. Erst nachdem sie ihn zu sich herangewinkt hatte, sank Nic vor dem Thron auf die Knie und streckte ihr mit beiden Händen die Kerze entgegen. „Du bringst mir eine weitere Kerze?“ „Ja, Herrin!“ „Wie heißt

sie?“ „Babette“ „Du weißt, dass du dafür bestraft werden musst?“ „Gewiss Herrin!“ Nic stand auf, nahm die Kerzen nacheinander vom Altar und stellte sie auf zwei wuchtige, fünfzehnarmige Kerzenständer. Ohne zu Zögern legte er sich bäuchlings auf den davor stehenden Opfertisch. Mit dem Gesicht auf der Steinplatte konnte er nicht sehen, mit welcher unglaublichen Eleganz die schwarze Gebieterin sich von ihrem Thron erhob; spürte aber den Luftzug des Zepters, das ihm das Gewand zerriss, ohne auch nur einen Kratzer auf seiner

Haut zu hinterlassen. Ihre weichen Hände glitten langsam über seinen Körper und massierten wohlriechendes Öl in die starken Muskeln. Nic befiel ein kribbelndes Gefühl; gleich eines Blickes von einem hohen, schroffen Kliff auf die wallende Brandung in bodenloser Tiefe. Ohne jede weitere Vorwarnung prasselte die ihm heilige, neunschwänzige Katze hernieder. Er schrie auf, doch die Schmerzen waren ihm egal, denn im nächsten Moment würden ihre Lippen dicht neben seinem Kopf sein. Ihr Atem, der nach frischen Erdbeeren roch, würde ihn betäuben und sogleich eines der Lichter ausblasen. Seine Haut vibrierte.

Doch nur solange, bis wenig später die Peitsche abermals durch die Luft fauchte. Er wimmerte vor Erregung und konnte es nicht erwarten, dass sie endlich die nächste Kerze löschte. Nach neunundzwanzig Schlägen war Nic nicht mehr in der Lage den Schmerz einer bestimmten Stelle seines Körpers zu zuordnen. Er fühlte die letzten Hiebe nicht mehr, seine Sinne lagen brach, einzig das Vorgefühl auf den Duft seiner Herrin hielt ihn bei Bewusstsein. Warmes Blut floss über die noch immer angespannten Muskeln und erst als sie ihm ein heißes Leintuch auf die Wunden legte, kehrten die betäubten Empfindungen zurück und er verlor

jegliche Kontrolle über seinen Körper. Erneut spürte er ihre Hände. Sie legten sich um seinen Hals und drückten langsam zu. Kurz bevor er ohnmächtig wurde, flüsterte sie: „Wollen wir das wiederholen?“ „Ja, Herrin!“, röchelte Nic. Sie schlang ihm die Peitsche um den Hals und zog seinen Kopf nach hinten. „Dann wirst du mir bald Nummer 30 bringen?“ „Ja, Herrin!“ „Gut!“, sagte die Herrin von Krötenstein wohlwollend und warf Nic mit einem kräftigen Stoß vom Opferstein. Dann setzte sie sich zurück auf ihren Thron und zog verführerisch die Peitsche durch

ihre Finger. Mit letzter Kraft kroch Nic auf Knien zu ihren Füßen. „Mach mir eine Tonpfeife zurecht, eine starke Dosis, hörst du! Und erzähl mir dabei von Babette!“, raunte die Baronin mit rauchiger Stimme. „Ich habe sie ihr eigenes Grab schaufeln lassen, oh Herrin!“, begann er diensteifrig und ihr sadistisches Lächeln sagte: ‚Gib mir mehr!’ Als der Kräutertrank für die Mutter Oberin fertig war, wartete Novizin Anna vergeblich auf Babette. Auch Schwester Marie hatte sie seit dem Abendessen

nicht mehr gesehen. Anna nahm deshalb die Medizin und brachte sie selbst ans Krankenbett der Mutter Oberin. „Schwester Marie?“, fragte Mutter Agatha, als Anna eintrat. „Meine Brille, bitte gib mir meine Brille!“ „Ich bin es Mutter Oberin, Novizin Anna.“ Anna stellte die Arznei auf den Nachttisch und reichte Agatha die Sehhilfe. „Anna? Du arbeitest in der Küche, nicht wahr? Marie lobt dich immer sehr. Von den anderen Novizinnen hat sie leider keine gute Meinung.“ „Ich weiß, Mutter Oberin“, erwiderte

Anna und schüttete die Mixtur in eine Schnabeltasse. Unvermittelt berichtete sie: „Ich glaube, es sind nicht mehr viele von uns da, Mutter Oberin.“ Agatha nahm einen Schluck von der Medizin und seufzte: „Ich weiß mein Kind. Wenn ich richtig gezählt habe, wohnen nur noch du und Babette hier in diesen Mauern.“ „Babette ist ebenfalls verschwunden“, sagte Anna leise. Die Mutter Oberin sank zurück und meinte nachdenklich: „Damit bist du jetzt wohl die letzte aus dem St. Joseph Waisenhaus Prozess.“ „Ja, die anderen sind alle

abgehauen.“ „So sieht es aus“, sprach die Mutter Oberin, ohne einen Funken Groll in ihrer Stimme. „Müssten wir nicht die Polizei rufen?“ „Nein. Das schadet unserem Ruf. Ungeachtet dessen wäre der Bischof nicht gerade entzückt, wenn bekannt wird, dass in seinem Vorzeigekloster, reihenweise die Novizinnen ausbrechen.“ „Gott weiß sicher, dass sie nicht hierher gehörten“, flüsterte Anna. „Und du? Wills du nicht auch von hier weg?“ „Nein.“ „Nein?“ „Wo soll ich hingehen? Man sagte mir,

meine Großmutter sei kurz nach der Operation gestorben. Hier bekomme ich mein Essen und habe meine Aufgaben. Im Waisenhaus wollte keiner mit mir etwas zu tun haben. Ich habe ihnen damals trotzdem gesagt, dass es nicht richtig ist, was sie da mit Saramira vorhatten.“ „Dennoch hast du mitgemacht, oder?“ „Na ja, es war irgendwie schon ekelig. Ständig lief sie mit diesen stinkenden Ratten umher. In den Schlafsaal durfte sie die Tiere nicht mitnehmen, deshalb versteckte sie sie im Geräteschuppen. Und als sie sah, dass der Hausmeister Rattengift ausstreute, stopfte sie alle in ihren Sportbeutel und nahm sie mit in die

Turnhalle; in die Umkleidekabine! Wir waren einunddreißig in diesem kleinen Raum, wo es ohnehin schon immer nach Schweiß stank. Da haben vier von uns sie einfach eingeseift und zusammen mit ihren Ratten in den Feuerlöschteich geschmissen. Wir anderen warfen ihre Sachen und sämtliche Seifenstückchen, die wir fanden, hinterher.“ Anna machte eine lange Pause. Sie wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab und fügte leise hinzu: „Wir wussten doch nicht, dass jemand auf Seife allergisch sein kann und … und auch nicht, dass sie nicht schwimmen konnte.“ Erneut seufzte die Äbtissin: „Die arme Saramira war erst vierzehn, als ihr sie zu

Tode gehetzt habt. Sie hatte nichts als Pech in ihrem jungen Leben.“ „Ihr habt sie gekannt, Mutter?“ „Ich kannte einen jungen, ehrgeizigen Geistlichen, der verliebte sich in eins der Hausmädchen des Barons von Krötenstein, entschied sich aber dann doch für die Kirche. Am Tage seiner Priesterweihe erfuhr er, dass seine Geliebte schwanger war und starb an einem Herzanfall. Sie ging fort und gebar das Baby bei ihrer Schwester auf dem Land. Kurz darauf erreichte sie ein Brief vom Baron, in dem er um ihre Hand anhielt. Die junge Frau ließ das Kind bei ihrer Schwester, um beide später nach zu holen. Doch die Schwester schloss sich

von heute auf morgen einer Wanderbühne an und gab Saramira in einem Waisenhaus ab. Den alten Baron segnete kurz darauf das Zeitliche. Eigenartig, wie er war, verfügte er, dass seine Frau nur erbe, wenn sie fünf Jahre lang die Residenz nicht verlassen würde und nie wieder heiratet. Die einen erzählen, sie habe in dieser Zeit Medizin studiert und sogar einen Professor als Privatdozenten engagiert. Andere dagegen sind überzeugt, es sei ein Hexenmeister gewesen. Das ist natürlich Unsinn. Sie soll viele Briefe an ihre Schwester geschickt haben, bekam aber verständlicherweise nie eine Antwort. Als Saramiras Mutter es endlich gestattet

war, das Schloss zu verlassen, fand sie ein leeres Haus vor, ohne ein Zeichen von ihrer Tochter oder ihrer Schwester. Erst nach vielen Jahren erfuhr sie von dem Waisenhaus. Dort teilte man ihr allerdings mit, dass Saramira am Tag zuvor ertrunken sei.“ „Das ist ja furchtbar!“, schluchzte Anna. „Dem Richter widerstrebte es, so junge Mädchen ins Gefängnis zu stecken und wandte sich an die Kirche. Er versprach dem Bischof das gesamte Erbe der Kinder, wenn er sie sicher unterbringen würde. Auch ich glaubte unsere Gemeinschaft könne euch Halt geben und auf den Pfad der Tugend zurückholen. Ich habe mich geirrt. Alles, was wir tun

können, ist Beten. Geh’ mein Kind und bete, vielleicht ist es für deine Seele noch nicht zu spät.“ Anna verabschiedete sich und ging zurück in die Kräuterküche. Die Nacht brach langsam herein, doch Marie war von ihren Krankenbesuchen noch immer nicht zurück. Anna spülte die leeren Flaschen und säuberte die Küche. Als sie das Küchenfenster schloss, bemerkte sie wieder die Lichter auf der anderen Talseite. Den ganzen nächsten Tag kochte Marie Bettzeug und Handtücher der Kranken in einem keimtötenden Sud und hängte alles zum Trocknen in den Hof. Abends

schickte sie dann Anna zum Wäscheabnehmen. Als diese schließlich zurückkam, sah sie, wie Marie sich an der Mauer des Waschhauses festhielt und sich erbrach. „Ich habe wohl zuviel giftige Dämpfe eingeatmet“, keuchte Marie. „Würdest du mir einen Gefallen tun, mein Engel?“ „Natürlich.“ „In drei Stunden geht der Vollmond auf, die richtige Zeit um Mondsichelkraut zu ernten. Würdest du in den Kräutergarten gehen und es für mich schneiden?“ „Ich ganz allein?“ „Wenn du dich fürchtest, werde ich Schwester Ludowika schicken, doch sie steht schon den ganzen Tag an der

Heißmangel und ist sehr erschöpft.“ „Nein, nein! Ich mach das schon. Erklär mir, was ich tun muss, dann bringe ich dir das Mondsichelkraut.“ „Was machen Sie da?“ Unerschrocken leuchtete Anna dem Mann mit ihrer Laterne ins Gesicht. Sie fand es sehr merkwürdig, dass ein Fremder um diese Zeit hier bei den Kräutern noch Gartenarbeit verrichtete. „Ich heiße Nicolas und suche nach Teufelskrallenwurzeln. Eigentlich wollte Schwester Marie sie mir ausgraben. Hat sie dich geschickt?“ „Sie ist krank.“ „Oh Gott, meine Mutter krümmt sich vor

Schmerzen und hier gibt es weit und breit keine Apotheke!“, wehklagte der junge Mann verzweifelt. Anna zeigte auf ein Beet und sagte:„Die Wurzeln wachsen da drüben.“ Und während Nicolas die Wurzeln ausgrub, schnitt Anna Mondsichelkraut. Im Mondlicht fiel ihr dabei noch eine ganz besondere Pflanze auf. Sie hatte ja keine Ahnung, dass Silberfarn im Mondschein so herrlich leuchtete. Sie pflückte soviel sie konnte davon ab und steckte es in ihre Tasche. „Reicht das?“ Nicolas hielt ihr zwei Hände voller Wurzeln hin. „Die Hälfte wäre sicher schon genug. Sie müssen die Wurzeln heiß abwaschen und

im Mörser zermahlen, anschließend fünf Gramm abwiegen, in zwei Liter Wasser aufkochen und so lange köcheln lassen, bis ein Liter übrig ist und sie es abseihen können.“ „Das klingt kompliziert. Ich kann auch überhaupt nicht kochen! Kannst du nicht mitkommen und mir helfen? Das dauert nicht lange.“ „Aber Marie braucht das Kraut.“ „Marie schläft sicher schon, sonst wäre sie bestimmt gekommen.“ Anna überlegte. Damit hatte er wahrscheinlich Recht und das Kraut musste erst über dem Ofen trocknen, bevor man es verwenden konnte. Schließlich sagte sie: „Also gut,

allerdings muss ich in einer Stunde zurück sein. Ich habe noch Brennnesselsud anzusetzen.“ Wieder lief Nic durch den lichtlosen Gang zum Verließ mit einer schwarzen Kerze in der Hand. In der Halle, die er betrat, leuchteten diesmal 30 Kerzen. Wieder sank er vor seiner schwarzen Gebieterin auf die Knie und wieder fragte sie: „Du bringst mir eine weitere Kerze?“ „Die letzte, Herrin!“ „Wie heißt

sie?“ „Anna.“ „Du weißt, dass du bestraft werden musst?“ „Gewiss Herrin!“ Als die schwarze Gebieterin mit ihrer Prozedur fertig war, sagte sie: „Du hast dir eine Belohnung verdient und die bekommst du an einem ganz besonderen Ort.“ Nics Puls begann zu rasen und er keuchte dumpf: „Danke, Herrin.“ Geschunden und geschlagen kehrte Nic in die Schlossküche zurück. Wie ein kleiner Engel lag Anna auf der Ofenbank. Es war alles so einfach gewesen. Das schmächtige Mädchen hatte

kaum Widerstand geleistet, als er sie von hinten packte und ihr den Teufelskrallenextrakt einflößte. Nicht einmal zu fesseln brauchte er sie, denn sie verlor sofort danach das Bewusstsein. Dabei hatte er ihr nur den Mund zugehalten, damit sie nichts wieder ausspuckte. Nic lächelte. Die Baronin war sehr zufrieden gewesen, als er berichtete, dass Anna ihr Gift selbst zubereiten musste. Leider stand er jetzt unter Zeitdruck. Verscharren konnte er die kleine Nonne später immer noch. Seine Herrin hasste Säumigkeit und bestrafte sie hart! Sobald der Mond unterging, sollte er sich

mit einem Priestergewand bekleidet und den 30 schwarzen Kerzen auf dem Klosterfriedhof einfinden. Das war exakt in einer Stunde. Als Nic sich pünktlich in den Friedhof schlich und an der Gruft der Oberin Esmeralda ankam, stand die Tür des Mausoleums weit offen. Nachdem er eingetreten war, stellte er die 30 Kerzen auf und zündete sie an. Er legte eine Bibel zurecht und begann leise aus dem Alten Testament vorzulesen. Nic erkannte sofort IHREN Schritt, wagte es aber nicht, sich umzudrehen. „Hast du die Stelle denn auch auswendig gelernt?“, flüsterte sie an seinem

Ohr. „Ja, Herrin!“ „Lass hören!“ „Und du wirst tappen am Mittag, wie ein Blinder tappt im Dunkeln …“ Dabei schlang sie ihm ein schwarzes Tuch um die Augen und hauchte: „Wie du weißt, genießt man am besten, wenn alle dafür unnötigen Sinne tot sind, nicht wahr?“ Nic verstand, dass es keiner Antwort bedurfte. Artig zitierte er seinen Text weiter: „… und wirst auf deinem Wege kein Glück haben und wirst Gewalt …“ Als sie ihn gefesselt und seine Ohren mit Wachs verstopft hatte, überschwemmte Nic die Ungeduld auf vollkommene

Glückseligkeit. Mit Leidenschaft schrie er vor Schmerzen, bis sie ihn schließlich knebelte und damit all seine Laute erstickte. Beseelt, gleichwohl immer noch blind und taub, bemerkte er nicht, wie wenig später das Tor über ihm zuschlug, der eisernen Riegel von außen umgelegt wurde und ein schweres Vorhängeschloss zuschnappte. Anna wusste nicht wo sie war. Alles schien im Nebel, ihr Körper, ihre Gedanken, ihre Umgebung. Langsam erinnerte sie sich. Dieser Mann, hatte sie

plötzlich gepackt und ihr den Trank solange eingeflößt, bis sie keine Luft mehr bekam. Anna wollte aufstehen, doch ihre Beine trugen sie nicht. Sie knickte ein und rutschte zu Boden. Suchend kroch sie über die Holzdielen. Nur durch puren Zufall fanden ihre Finger die heruntergefallene Brille. Benommen blickte sie sich um. Der Mörser lag umgestoßen auf dem Tisch und war leer. Alles andere lag noch genauso da, wie sie es verlassen hatte. Panisch robbte sie zum Tisch. Sie zog sich an der Tischkante empor und hievte sich auf den Stuhl. Ob zwei Stunden bereits vergangen

waren? Sie zerrte den Silberfarn und das Pflückmesser aus ihrer Tasche. Hastig zerschnitt sie das Kraut, zerstampfte es unbeholfen im Mörser und goss das noch vorhandene Wasser aus dem Krug dazu. Und obwohl der Sud sie im Hals kratzte, würgte sie alles gierig hinunter. Trotz Schwindelgefühl und Brechreiz schaffte sie es bis zur Tür und hatte nur einen Gedanken: ‚Bloß fort von hier!’ Wenn im Herbst die Bäume kahl wurden, hatte Anna vom Fenster aus einen Pfad gesehen, der scheinbar vom Schloss zum Kloster führte. Ob sie den in der Dunkelheit finden würde? Zum Glück

war noch Vollmond. Anna stolperte den Hang hinunter in die Schlucht. Wie durch ein Wunder fand sie die Brücke über den reißenden Gebirgsbach und den Weg zum Kräutergarten. Beide Gittertüren standen offen. Als sie sich an der Friedhofsmauer vorbeidrückte, hörte sie ein Geräusch und hielt inne. Dann sah sie vorsichtig um die Ecke und erschrak fast zu Tode. In dem Geistlichen, der da vor der offenen Gruft stand, erkannte Anna ihren Peiniger wieder. Als er in das Grab hinein gestiegen war, wollte sie sofort losrennen und die Nonnen alarmieren. Da bemerkte sie, wie eine Frau auf die Gruft zusteuerte. Am

Gang erkannte sie Schwester Marie. Gott sei Dank! Im schwindenden Licht des untergehenden Mondes sah Anna dann aber, wie Marie ihre schwarze Robe abwarf und darunter ein weißes Kleid mit Schleier zum Vorschein kam. Anna erstarrte und als sie später dumpfe Schreie und mysteriöses Stöhnen aus der Gruft hörte, stand für sie fest: ‚Der Leibhaftige hatte sich ihrer Schwester Marie bemächtigt!’ Anna wusste nicht, was sie tun sollte. Sollte sie hineinrennen und Marie helfen oder die Mutter Oberin rufen? Ihr Kopf war leer. Für das eine war sie zu schwach, für das andere blieb ihr zuwenig Zeit. Gerade als sie entschied,

zur Gruft zu eilen, verstummten die Laute darinnen. Wenig später verließ Marie die Krypta, schob einen eisernen Stab durch die Halterung am oberen Ende der Tür, ließ ein Vorhängeschloss einrasten und hängte die Rosenvase davor. Im selben Moment begann am Himmel ein Wetterleuchten und sowohl Marie, als auch Anna sahen gleichzeitig nach oben. Ein Blitz, auf den kein Donner folgte, durchzuckte die Nacht. Er traf den Eisenstab, den Marie noch immer mit einer Hand festhielt. Sie schrie auf und sank tot zu Boden. Anna schrie ebenfalls und lief kopflos

davon. Panisch jagte sie zurück zum Kräutergarten, hinunter in die Schlucht. Mehrmals rutschte sie ab und klatschte zu Boden. Als ihre Schuhe im Morast stecken blieben, rannte barfuss weiter. Sie spürte die Steine nicht, nur Angst; die Angst, der Teufel würde nun auch ihre Seele holen. Anna lief eine gefühlte Ewigkeit und blieb erst stehen, als sie in der Morgendämmerung bemerkte, dass sie an einer Kreuzung und am Ende ihrer Kräfte

angekommen war. Ihre Füße waren blutig und ihre schwarzen Haare wehten in wilden Strähnen im Wind. Wo sollte sie nur hin? Im Zwielicht erkannte sie die Umrisse eines kleinen Hauses; weinige Meter von ihr entfernt. Ein Haus, wie das ihrer Oma. Ein Bauer trieb gerade die Kühe aus dem Stall und die Herde trottete direkt in ihre Richtung. Im ersten Moment wollte sich Anna verstecken, fand allerdings nicht die Kraft dazu und setzte sich erschöpft auf einen großen Stein. Zu ihrem Entsetzen blieb der Mann stehen und sprach sie an: „Anna?" Anna blickte verständnislos

zurück. „Ich bin’s, der Florian. Als deine Großmutter ins Hospital kam, hat sie gesagte, ich soll hier auf dich warten." „Das ist vier Jahre her!“, flüsterte Anna, die den Förstersohn jetzt erkannte. Der zuckte mit den Schultern und meinte: „Sie sagte, ich solle hier warten, bis du zurückkommst. Wie lange, hat sie nicht gesagt."

 

©KateJadzia 2013

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