
,, Es ist nicht so das Tabajaxie zum Stehlen geboren werden. Sie sind lediglich Anpassungsfähiger. Und das führt dazu das die Ärmsten unter ihnen sich gewisse Talente sehr schnell aneignen.“ Akademieleiter Dehmether zur Frage der Kriminalität. Luthers Spelunke machte von außen einen viel ärmlichern Eindruck als noch
vor Sieben Jahren. Die Fenster, eins mit Glas besetzt waren nun vernagelt. Bei Tageslicht war der schlechte zustand der Holzplanken die die Außenwand des Hauses bildeten nicht mehr zu übersehen. Die Türen waren zersplittert und teilweise nur notdürftig mit einigen Holzflicken repariert worden. Alles im allen Machte das gesamte Handwerkerviertel mittlerweile einen Heruntergekommenen Eindruck. Wie viel sich doch in ein paar Jahren ändern konnte. Der Kunstvolle Putz der Gebäude war teilweise zerbröckelt. Ein Schild aus Eisen das einen Amboss zeigte war so verrostet das es nicht einmal mehr in der sanften Brise die durch die Straßen
wehte hin und her Schwang. Vermutlich, so überlegte Jaret, hätte nicht einmal ein Sturm, wie ihn die Stadt vor einigen Monaten erlebt hatte, den Rost lösen können. Er hatte vergessen, wie es den Menschen hier ergehen konnte. Er hatte vergessen… weil es einfach gewesen war. Der Gedanke machte ihn wütend, wütend auf sich selbst vor allen Dingen. Was bitte hatte er die letzten Jahre getan? Nichts. So einfach war das. War es das was Ruben ihm hatte sagen wollen? Jaret wusste es nicht. Er wollte grade in Richtung des Gasthauses gehen, als ihn eine entfernt
bekannte Stimme innehalten ließ. ,, Junge, kenn ich dich nicht ?“ , Jaret drehte sich um und entdecke einen Mann in Schmiedeschürze. Es dauerte einen Moment, bis er ihn ebenfalls wiedererkannte. Warren war sein Name, wenn er sich richtig erinnerte. ,, Es ist schon ein paar Jahre her.“ , meinte der Schmied leicht verunsichert. Jaret war sich nicht einmal sicher, wie der Mann ihn überhaupt noch erkennen konnte. ,, Das kann man wohl sagen.“, antwortete Jaret.,, Ich denke mal ich kam bei unserer letzten Begegnung nicht dazu euch Richtig zu danken.“ ,, Nun das könnte man wohl so sagen.“ ,
der Mann lachte. ,, Wie ist es dir ergangen. Dir Scheint’s ja gut zu gehen.“, meinte er mit einem Blick auf Jarets Kleidung dem Bewusst wurde das er bei ihrer letzten Begegnung noch wie ein Bettler ausgesehen haben musste. ,, Euch hingegen nicht unbedingt.“ , erwiderte Jaret. Er wusste nicht ob ihn das Wiedersehen freuen sollte oder nicht. ,, Das ist leider wahr.“ , sagte Warren niedergeschlagen. ,, Und es wird nicht besser, jetzt wo Leute mitten am Tag einfach verschwinden.“ Jaret wurde hellhörig. ,, Ich dachte das ist nur ein Gerücht.“ ,, Klar… wie das Gerücht, das man letzte
Woche fünf tote Stadtwachen aus der Kanalisation gefischt hat.“ , antwortete der Schmied bitter. ,, Es kümmert keinen.“ ,, Wie bitte ?“ ,, Es kümmert keinen sagte ich. Die Wachen selber geben nichts zu. Und versuch einmal irgendwas aus den Beamten am Palast rauszubekommen.“ Jaret schüttelte den Kopf. ,, Nein, das meine ich nicht, die Stadtwachen…“ ,, Ich habe es selbst gesehen. Sie hatten ihre Schwerter noch alle am Gürtel.“ ,, Was kann fünf ausgebildete Soldaten so schnell töten, das sie nicht einmal mehr ihre Waffen ziehen können ?“ , fragte Jaret.
,, Keine Ahnung, aber es hat offenbar eine Armbrust benutzt.“ ,, Ich hoffe wirklich ihr täuscht euch.“ , sagte Jaret, als er sich von dem Schmied verabschiedete. Warren erwiderte noch etwas, das Jaret nur noch halb Verstand, bevor er in den Straßen des Viertels verschwand. Jaret selbst trat vor die zersplitterte Eingangstür zur Schänke. Er holte noch einmal den Silberring aus der Tasche. Was immer er auf dem Weg hierher auch versucht hatte, es war ihm unmöglich gewesen herauszufinden, was die Verzauberung aktivierte. Vielleicht war auch einfach nur die Energie des Rings
verbraucht. Vor allen Dingen bei stärkeren Zaubern, die man auf ein Objekt übertrug, konnte es eine Weile dauern, bis sie sich wiederherstellten. Erfreut stellte er fest, dass wenigstens der Innenraum des Gasthauses halbwegs gepflegt aussah. Offenbar war Luther der einzige, der vom langsamen Verfall der Gegend profitierte. Der Raum war brechend voll. Fast alle Tische waren besetzt. Leute aßen oder tranken, einige starrten nur düster vor sich hin, oder drehten sich kurz nach dem Neuankömmling um. Die meisten drehten sich allerdings sofort wieder weg.
Er drängte sich langsam durch die beieinander stehenden Gäste und sah sich um. Da erhaschte er einen Blick auf einen dunkelgrünen Mantel, der über einer Stuhllehne hing und trat rasch darauf zu. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag Jaret blieb erstarrt stehen. Grün... daran konnte er sich auch nach all den Jahren erinnern. Sie hatte Grüne Augen gehabt. Das war ihm als erstes aufgefallen und danach war alles andere erst ins Rollen geraten. Eine ferne Erinnerung an ein
unterernährtes Tabajaxie-Mädchen das einen Magier bestehlen wollte. Er hatte sich vorhin gefragt wie Warren ihn hatte wiedererkennen können. Manchmal wusste man es wohl einfach. Heute werde ich anscheinend wirklich von meiner Vergangenheit heimgesucht, dachte Jaret, sobald er wieder dazu in der Lage war. Sie hatte schwarze etwas verwildert wirkende Haare. Ein grau-weißer Pelz schimmerte auf Teilen ihres Gesichts, was sie doch recht deutlich aus der Menge hervorstechen ließ. Vielleicht war das aber nur Jarets Einbildung. Ohne den weiten Mantel, der jetzt über einer Stuhllehne hing, wirkte die Gestalt
schmal und fast unscheinbar. Ihre grünen Katzenhaften Augen musterten ihn aufmerksam und angespannt, offenbar bereit jeden Moment aufzuspringen, wenn er einen falschen Schritt machte. Natürlich viel es auf wenn er einfach so im Raum herumstand. Sie saß an einem Tisch in der hintersten Ecke, des Raums in der Nähe eines nicht verriegelten Fensters. Es war klar, dass die Tabajaxie viel schneller wäre als er und mühelos durch das Fenster würde verschwinden können. Etwas, das sie zweifelslos tun würde, wenn er noch näher kam. Zum Glück für Jaret war der Raum nach wie vor so voll, das wohl
niemand die seltsame Pattsituation wirklich bemerkte. Er zog langsam den Ring aus der Tasche. Ihre Augen weiteten sich. Jaret wusste nicht ob Überraschung oder Angst. Er konnte einen Moment nur eine Spur Mitleid empfinden. Jaret wusste wie dieses Leben war, hatte er es doch selbst geführt. Auch wenn es für ihn fast in Vergessenheit geraten war. Wie hatte er das so einfach verdrängen können? Er ging langsam auf den Tisch an dem die Tabajaxie saß zu, die kurz abzuwägen schien, ob sie doch noch weglaufen sollte. Jaret selbst wollte fürs erste nur noch
hier raus. ,, Du hast deinen Ring verloren.“ , sagte er nur und legte das verzierte Stück Silber auf den Tisch. Die Tabajaxie sagte kein Wort und Jaret wendete sich sofort wieder zum Gehen. Es war genug. Jaret wollte nur noch hier raus… Weg und den Kopf wieder freibekommen. Doch gleichzeitig hielt ihn der Blick aus zwei grünen Augen genau dort wo er war. Es schien eine kleine Ewigkeit zu dauern, aber schließlich schaffte er es sich loszureißen und wendete sich zum Gehen. ,, Wartet“ , hörte er noch hinter sich. Jaret verließ die Taverne, ohne sich noch
einmal umzudrehen. Der warme Nachmittag kam ihm kalt und grau vor als er sich seinen Weg durch die Straßen suchte. Eine Weile wusste er nicht, wohin er ging, bis er seine Schritte schließlich wieder auf bekannte Pfade lenkte. Jedoch nicht in Richtung der wohlhabenden Viertel Seminiums. Er wollte sehen, was er die letzten Jahre ignoriert hatte. Musste es sogar sehen. Die verfallenen Straßen, die schmutzigen, notdürftig zusammengezimmerten Häuser... Er ging langsam durch die alten Gassen, die sich mittlerweile fast vollständig von den Wegen unterschieden, die er einst so
gut gekannt hatte. Neue, aber ebenso armselige, Gebäude waren an die Stelle der alten Baracken getreten und hatten viele der Labyrinthischen Gassen noch weiter verzweigt. Mittlerweile waren tatsächlich einige Wolken aufgezogen, die so aussahen, als wollten sie der wochenlangen Dürre ein jähes Ende bereiten. Es wurde auch Zeit, dachte der Seher. Ein paar Tage oder eine Woche länger und die Versorgung der Städte und des Umlands hätte wirklich schwierig werden können. Ganz zu schweigend davon, dass das ausgezehrte Land bereits jetzt ein leichtes Ziel für die zwei übrigen
Länder darstellen würde. Vorsichtig machte er sich auf den Rückweg, zwischen den zerfallenen Hütten hindurch. Normalerweise wäre es keine gute Idee gewesen, so wie er aussah, einfach in die Armenviertel zu spazieren. Normalerweise. Aber die einzigen Menschen denen er begegnete lugten verstohlen und ängstlich aus ihren Hütten. Die meisten schlugen schnell die Fenster oder Türen zu, sobald er sich nach ihnen umdrehte, aber trotzdem spürte er die versteckten Blicke. Eine Berührung an der Schulter ließ ihn herumwirbeln, bereit sich notfalls zu
verteidigen. Er hatte das Messer bereits halb gezogen, als es ihm mit einem Schlag aus der Hand geschleudert wurde. Jaret erstarrte, als er erkannte, wer ihm gefolgt war. Er hätte damit rechnen sollen. Die grünen Augen fingen seinen Blick sofort wieder, ohne dass er etwas hätte dagegen tun können. Und natürlich war es eine Frage die sie hergetrieben hatte. ,, Warum ?“ die Frage kam in einen leicht ängstlichen aber entschlossenen Ton. Jaret wusste nicht, ob es Angst vor ihm war, oder vor etwas anderem. Furcht
war Teil des Alltags hier, also zwang er sich zu einem Lächeln, das hoffentlich harmlos wirken würde. ,, Ich schätze… ich habe mich erst heute daran erinnert, wie hart es hier draußen wirklich ist.“ Sie sah ihn nur einen Augenblick verwirrt an. ,, Niemand kümmert sich darum was mit uns geschieht. Ob wir leben oder sterben.“ Sie sah sich einen Augenblick über die Schulter in Richtung der Hauptstraße um, als suche sie jemanden. Oder fürchtete, dass jemand sie sah. ,, Mich kümmert es.“ , sagte Jaret schließlich. Oder kümmerte nur sie ihn? Es war ein seltsamer Gedanke. Die
Tabajaxie trug den Silberring wieder am Finger, den er ihr zurückgebracht hatte. Der Daumen lag auf dem Silber und vermutlich würde sie beim geringsten Anzeichen einer Bedrohung davon Gebrauch machen. Praktisch für jemanden der hier lebte, dachte Jaret. Aber es warf nur mehr Fragen auf. Woher konnte sie einen solchen Gegenstand haben? Die Magie darauf war einfach gesagt unbezahlbar und niemand würde sich so etwas stehlen lassen, ohne die halbe Stadtwache zu alarmieren. Einen Augenblick lang sagte niemand etwas. Es war eine seltsame Begegnung und weder Jaret noch sie schien wirklich
zu wissen, was er sagen sollte. Ein Regentropfen nahm ihm die Entscheidung aber schließlich ab. Ein Blick in die mittlerweile bedrohlich dunklen Wolken war genug. ,, Ich schätze, wir sollten nicht auf der Straße bleiben.“ Sie sah ihn nur misstrauisch an. ,, Oder auch nicht.“ , erwiderte Jaret. ,, Deine Entscheidung. Aber ich persönlich würde mich gerne unterhalten ohne dabei klatschnass zu werden.“ ,, Schön…“ , mehr sagte sie nicht. ,, Also ?“ ,, Beantworte mir eine Frage. Wieso hast du das getan? Ehrliche Antwort diesmal.
“ ,, Wie ich bereits sagte, es kümmert mich. Und ich schulde dir glaube ich noch was.“ , erklärte er. Es war das Mädchen aus der Gasse vor sieben Jahre, da war Jaret sich mittlerweile sicher. Es gab offenbar keine Zufälle mehr. Oder einfach zu viele davon. Seine Antwort schien zumindest ihre Neugier zu wecken. ,, Schön, folge mir.“ Sie lächelte zum erste mal. ,, Wenn du kannst.“ Sie bewegte sich schnell durch die verwinkelten Gassen zwischen den Hütten der Unterstadt. Aber Jaret hatte
keine Probleme Schritt zu halten. Auch wenn sich die Gegend verändert hatte, wusste er doch noch immer worauf er achten musste um im Straßengewirr die Orientierung zu behalten. Der einsetzende Regen machte es allerdings nicht unbedingt angenehmer. Die Gassen verwandelten sich in Schlamm, der an seinen Stiefeln kleben blieb. Schließlich blieb die Tabajaxie vor einer Hütte stehen, die sich nicht sonderlich von den hunderten weiteren hier unterschied. Der Eingang wurde durch ein Tuch verhängt, das sie einfach zur Seite schlug und ins Innere trat. Jaret blieb einen Augenblick unschlüssig
vor der Tür stehen. Die Baracke war offenbar wie alles hier kurz vor dem zusammenfallen. Kurz meinte er eine weitere Gestalt die Gasse hinab gesehen zu haben. Sie trug einen schwarzen Umhang, der nichts weiter als ein Schemen erkennen ließ. Was aber wirklich seine Aufmerksamkeit auf sich zog war, das die Person eine Armbrust auf dem Rücken trug. ,, Willst du noch lange da draußen herumstehen ?“ Die Tabajaxie war wieder nach draußen gekommen. ,, Da war…“ Er deutete kurz den Weg hinab. Aber da war niemand mehr… Jaret kam sich kurz dämlich vor. Es
musste wirklich idiotisch wirken, dass er hier draußen im Regen herumstand. Er machte eine wegwerfende Handbewegung. ,, Vermutlich nichts.“ , sagte er schließlich und trat ins Innere der Hütte. Er hoffte, dass es stimmte. Es gab nur einen einzigen Raum. Die Mitte bildete eine primitive Feuerstelle, auf der noch Flammen loderten. Allerdings war der Kamin der Baracke alles andere als effektiv, so dass die ganze Hütte Rauchverhangen war. Auf einer wohl aus Resten gezimmerten Anrichte standen einige Pflanzen, deren Geruch den Qualm etwas erträglicher
machte. Jaret erkannte einige davon aus Rubens Labor, es erstaune jedoch, dass sie in einem geschlossenen Raum ohne Magie wuchsen. In einen der Pflanzenkübel, fast unsichtbar, schimmerte der Griff eines Messers. Daneben gab es einige Kissen auf dem Boden verteilt, der mit Holzplanken notdürftig befestigt worden war, und eine Schlafstelle ein Stück vom Feuer entfernt. Jaret setzte sich vorsichtig an die Flammen, gegenüber der Tabajaxie. Eine Weile sagte erneut niemand etwas. ,, Was ist das mit dem Ring ?“ , fragte er schließlich um das Schweigen wieder zu
brechen. ,, Nur ein wertloses Erbstück, was soll damit sein ?“ Jaret wusste natürlich, das sie log, aber vermutlich wollte er gar nicht wissen, wie sie an den Ring gekommen war. Ein Geheimnis. ,,Wie hast du mich gefunden?“ Und er hatte sein eigenes Geheimnis. ,, Glücklicher Zufall.“ Jaret sah sofort, das sie ihm nicht glaubte. Die Tabajaxie stand auf und hängte den grünen Mantel über ein Gittergestell vor dem Feuer. Der Stoff war mit Flicken übersäht und offenbar öfter genäht worden. Wieder viel ihm auf wie viel kleiner und beinahe verletzlich sie ohne den Umhang wirkte.
,, Wie heißt du eigentlich ?“ Sie hielt in der Bewegung inne. Er konnte sehen, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper zu verkrampfen schien. Angespannt und ängstlich. Sie schielte zu dem Messer zwischen den Blumen herüber. Jaret versuchte sie zu beruhigen. ,, Ich muss ihn nicht wissen. Aber irgendeinen Namen bräuchte ich schon.“ Wovor hatte sie solche Angst? Auch in der Taverne war es nicht die einfache Angst eines Diebes gewesen, wie ihm jetzt klar wurde. Es war eien ganz andere Art von Angst. ,, Jade.“ , sagte sie schließlich und
entspannte sich ein wenig. Sie strich sich ein paar Haare aus der Stirn. ,, Jaret, Jaret Weißläufer.“ ,, Kein Adeliger ?“ Sie klang überrascht, aber auch plötzlich um einiges freundlicher. Jaret sah kurz an sich herab. ,, Verdammt, ich sehe ja wirklich wie einer aus.“ ,, Da ist nicht lustig.“ Jade versuchte offenbar ernst zu bleiben, konnte aber ein kurzes Lachen nicht unterdrücken. Sie hatte eine klares, melodisches Lachen, das in Jaret eine Seite zum Klingen brachte, die er bisher nicht kannte. Er konnte nicht anders als mittlachen.
Kurz schien das Misstrauen der Tabajaxie vollständig zu verschwinden. Er konnte draußen den Regen hören, der gegen die Holzplanken trommelte. An einigen Stellen war das Dach undicht und Wasser tropfte auf den Boden, wo es kleinere Pfützen bildete. Jaret achtete kaum darauf. Sie war auf eine exotische Art Schön. Es war ihm die ganze Zeit aufgefallen, aber jetzt konnte er es zugeben. Und doch war da diese Angst, die nach wie vor nicht ganz verschwand. Die Bereitschaft, sollte er eine falsche Bewegung machen oder eine Frage
stellen, nach dem Messer zu greifen und ihn entweder zu töten… oder zu verschwinden. Wovor fliehst du? Oder wovor fliehst du noch? Wieder war Jaret sich sicher, es notfalls mit seiner Sehergabe herausfinden zu können. Aber durfte er das? Sie würde es nicht einmal bemerken. Und doch, es wäre ein Vertrauensmissbrauch. Sie wusste nicht wer er war, nicht wozu er imstande war. Langsam begann Jaret besser zu verstehen, warum ihn Ruben darum gebeten hatte, seine Gabe niemals zu missbrauchen. ,, Was meintest du damit… du schuldest mir noch was ?“ Jades Stimme riss ihn
aus seinen Gedanken. Jaret überlegte, wie er darauf antworten sollte, ohne gleich alles über sich zu verraten. Auf der anderen Seite warum nicht ? Aber bisher hatte er seine Seherbegabung immer vor allen geheim gehalten. Das hatte ihm niemand sagen müssen. der König und Ruben waren die einzigen, die wirklich über ihn Bescheid wussten. Und nun… überlegte er grade wirklich jemand völlig Fremden seine Gabe zu erläutern? ,, Ich schätze du würdest mir die Wahrheit nicht glauben.“ , antwortete Jaret schließlich. ,, Versuch es.“ , meinte Jade und strich sich die Haare
zurück. Er zögerte. Vermutlich konnte er das wichtigste erzählen, ohne zu enthüllen, was er war. ,, Das müsste jetzt gut sieben Jahre her sein. Du bist einem Mann in roter Robe gefolgt. Einem Magier“ Sie schien kurz nachzudenken. Wieder blitze misstrauen in ihrem Blick auf. ,, Das ist glaube ich… richtig.“ Eine Begegnung mit einem Zauberer, egal wie kurz vergaß man nicht so schnell. ,,Zumindest bis ihn jemand angesprochen hat.“ Jaret nickte nur langsam. ,, Das warst du ?“ Ihr Gesicht schimmerte im Licht des Feuers und
schien sich doch zu verfinstern. ,,Warum ?“ Sie klang wieder misstrauisch und wütend. ,, Ich habe dir das Leben gerettet.“ , erklärte Jaret. ,, Wie bitte ?“ Jade glaubte ihm nicht, das merkte er sofort. Und die Wahrheit ? Die würde sie Jaret erst recht nicht glauben. ,, Er hätte dich bemerkt und getötet.“ Sie setzte sich wieder ans Feuer, ihm gegenüber. Durch die Flammen ließ sie ihn nicht aus den Augen. ,, Woher willst du das wissen ?“ ,, Manchmal weiß ich es.“ ,, Das ist
unmöglich.“ ,, So unmöglich wie ein magischer Silberring bei einem Dieb…“ , antwortete er. Sie lachte wieder, aber es klang nervös. ,, Wer bist du eigentlich Jaret ?“ ,, Genau das wüsste ich manchmal selber gerne.“ ,, Das ist keine Antwort.“ Er erwiderte nichts, sondern sah einen Moment in die Flammen, als könnte er dort eine Antwort finden. ,, Ich habe auf den Straßen gelebt.“ , erklärte er. ,, Das heißt bis zu dem Tag, an dem ich Ruben begegnet bin, der Magier in der roten Robe. Ich bin , nun man könnte sagen ich bin sein Gehilfe geworden.“
Er erzählte, so viel wie er glaubte wagen zu können Irgendwann musste Jaret dann kurz am Feuer eingenickt sein. Es konnte nicht lange gewesen sein, denn Jade saß immer noch ihm gegenüber am Feuer. Allerdings schien es nicht mehr zu regnen. Er stand langsam auf. Unter dem Türvorhang schimmerte rotes Abendlicht hindurch. ,,Ich schätze ich sollte gehen.“ , sagte er unsicher. Sie nickte nur. ,, Ich..“ Er stockte kurz.. ,, Ich würde gerne wiederkommen. Dich besuchen…
wenn du nichts dagegen hast…“ Jaret war klar, dass er sich grade wie ein Idiot benahm. ,, Ich bin niemand, mit dem man sich abgeben will, oder soll. Es gibt ungeschriebene Regeln auch für jemanden wie dich. Du hast keine Angst, das man dich entlässt? “ Jaret lachte. ,, Nun, ich glaubte dann sind mir die meisten Regeln sind mir recht egal.“ ,, Du bist einer der seltsamsten Menschen der mir bisher begegnet ist.“ ,, Wie viele andere Menschen sind dir den schon begegnet ?“ , fragte er, während sie nach draußen traten. ,, Nicht viele.“ ,erwiderte
Jade. Jaret war schon auf halbem Weg die Gasse hinab als er doch noch einmal stehen blieb und sich mit einer angedeuteten Verbeugung verabschiedete. Jade sah ihm einfach nur mit einer Mischung aus Unglauben und einem Rest misstrauen nach. Dann lachte sie. Sie glaubte nicht, dass dieser seltsame Mann noch einmal wiederkommen würde. Aber auf der anderen Seite… hoffte sie es doch. Seltsam… wie lange hatte sie schweigend in den Gassen gelebt? Wenn man weglief konnte man es sich nicht leisten auch nur so etwas wie Freundschaft oder Bekannte zu haben.
Sie konnte es sich auch jetzt nicht leisten. Oder ? Sie ließ den Teppichvorhang vor der Hütte wieder zufallen. Jaret träumte. Aber mit der Gewissheit, dass er träumte, wurde ihm auch klar, dass das eigentlich nicht stimmte. Es war eine Vision. Er befand sich in einem nur spärlich beleuchteten Raum und konnte kaum zwei Schritte weit sehen, so dass er vorsichtig durch die Dunkelheit ging. Das schwache Licht kam von irgendwo her aus weiter Ferne. Dadurch konnte er
zumindest die Größe der Halle abschätzen. Regelmäßig stieß er sich den Fuß an auf den Boden liegenden Objekten, die sich bei näherem Hinsehen als Steine und Geröll entpuppten. Oder zumindest fühlte es sich so an. Er glaubte nicht, dass er sich in einer Vision wirklich verletzen konnte, aber das Gefühl durch irgendetwas gebremst zu werden war da. Mit der Zeit erkannte er auch seine Umgebung besser. Es war kein einfacher Raum, mehr eine Höhle. Rechts und links von ihm ragten Schatten auf, die er erst für Säulen gehalten hatte, die sich jetzt jedoch als gewaltige Tropfsteinsäulen herausstellten, die von der unsichtbaren
Decke bis auf den Boden gewachsen waren. Nun konnte Jaret ach sehen, woher das Licht kam Eine Reihe bläulich schimmernder Objekte, die auf einem Regal aufgereiht waren, das so gar nicht hierher passen wollte. Als er näher trat konnte er erkennen, dass es sich um Glasphiolen handelte. In einigen davon Schimmerte ein schwaches türkisfarbenes Licht. Andere hingegen waren leer und dunkel. Ein schwaches flüstern ging von den Gefäßen auszugehen, ähnlich wie von dem Buch, dachte er. Aber leiser und nicht aggressiv, sondern verzweifelt und
verängstigt. Waren das etwa Seelen? Jaret hätte eine der Phiolen aufgehoben, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, so aber konnte er sich nur umdrehen, als er plötzlich Schritte hörte. Es war nach wie vor zu dunkel um irgendetwas außerhalb des von den Phiolen erzeugten Lichtkreises zu erkennen. Nur zwei rötlich schimmernde Augen, die aus den Schatten in seine Richtung sahen… Bevor die Gestalt ihn jedoch erreichte zerfiel seine Vision und er schreckte aus dem Schlaf hoch. Er befand sich in seinem Zimmer im Turmanbau. Der Mond schien durch ein
kleines Fenster hinein und tauchte alles in silbriges Licht. Ein Schreibtisch und ein niedriges Regal bildeten neben dem Bett die einzige Einrichtung, aber das reichte ihm auch. Jaret wartete kurz bis sich sein Herzschlag wieder beruhigte. Dann setzte er sich langsam auf und zog das kleine Notizbuch unter dem Kopfkissen hervor, das Ruben ihm vor all diesen Jahren gegeben hatte. Es war eine Weile her, das er das letzte Mal etwas aufgeschrieben hatte und so sah er kurz einige der alten Einträge durch. Anfangs noch mit zittriger, kaum leserlicher Schrift, später dann jedoch klarer.
Vision oder Traum ? Manchmal schien beides die gleiche Qualität zu haben. Es war in jedem Fall unwirtlich gewesen. Jaret stand auf und ging zum Tisch herüber, wo eine Schreibfeder und ein kleines Tintenfässchen standen . Er hatte die Feder grade auf das Papier gesetzt, als er doch inne hielt. Traum oder Vision ? Es war wichtig, den Unterschied zu kennen. Aber die Bilder hatten sich so deutlich in seinen Verstand gebrannt… Er zögerte einen kurzen Moment, dann klappte er das Notizbuch zu und stellte die Feder zurück. Es war ein Traum. Und wenn nicht, dann eine nichtssagende Vision, wie erschreckend sie auch
gewesen sein mochte. Wenn er ihn Morgen sah konnte er Ruben davon berichten, vielleicht würde dem Magier etwas dazu einfallen. Seine Gedanken wanderten zurück zu seiner Begegnung mit Jade Die Tabajaxie war ihm nach wie vor ein Rätsel. Der Ring, ihre Angst… wer war sie? Ein Geheimnis, das sich ihm immer noch nicht erschloss. Und auch ausgerechnet ihr nach all diesen Jahren wieder über den Weg zu laufen… Wie hoch war die Chance? Es gab entweder wirklich keine Zufälle mehr, oder zu viel davon. Und das musste er
verstehen. Und doch war Jaret klar, dass das nicht ganz stimmte. Er suchte nur nach einer Ausrede, sie wieder zu sehen. Ein Gedanke der ihn beunruhigte und gleichzeitig freute. Wenigstens sich selbst gegenüber konnte er ehrlich bleiben. Er hatte Jade nicht wirklich angelogen, aber seine Sehergabe zu erläutern… Sie würde ihn bestenfalls für verrückt halten, dachte Jaret. Aber wieso kümmerte ihn das so? Mehr als sein Traum, ob nun Vision oder nicht, machte ihn dieser Gedanke zu schaffen. Morgen, dachte er. Er würde versuchen
sie morgen wiederzusehen. Irgendwann schlief er letztlich am Tisch ein.