Krimis & Thriller
Das Hexenhäuschen

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"Das Hexenhäuschen"
Veröffentlicht am 21. November 2013, 162 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

Ich bin 1950 in Berlin geboren, bin unendliche Zeiten zur Schule gegangen, habe brav studiert und in diversen Firmen artig gearbeitet, bin nunmehr das dritte Mal verheiratet, habe zwei erwachsene, tolle Kinder und gehe endlich meinen Neigungen nach, die sich auf kreativer Ebene bewegen. Ich bevorzuge die Satire, die Ironie, mag Methapher, die aber die Botschaft nicht verschleiern, eher krasser hervortreten lassen. Gerne nehme ich den typischen ...
Das Hexenhäuschen

Das Hexenhäuschen

vorwort

Mein Name ist H.Gisela S.. Ich erzähle diese Geschichte aus meiner persönlichen, speziellen Sicht, mein Mann B.Rainer S. hat einiges völlig anders erlebt. Er würde das Ganze sicher weniger emotional, mehr sachlich vortragen, denn er mag dieses für ihn unerträgliche Jammern nicht, wenn etwas schief läuft. Ich möchte noch ergänzen, dass ich mein Wissen über alle Geschehnisse erst viel später aufschrieb, denn ich brauchte ziemlich lange, um alles zu ergründen, zu verstehen und richtig einzuordnen. Manchmal musste ich allerdings zu blanken Vermutungen greifen, insbesondere was das Denken der handelnden Menschen anbetrifft. Ich versuchte also in die Rolle eines anderen zu schlüpfen, um mir vorzustellen, was in seinem Kopfe vor sich gehen könnte. Ich habe zwar alle, soweit das möglich war und um nicht gänzlich falsch zu liegen, im Nachgang

befragt aber wer sagt schon immer die Wahrheit und wer erzählt einer Fremden alles über sein Innerstes, zumal damit zum Teil sehr brenzlige Situationen verbunden waren. Ich war somit gezwungen, allein nur aus dem Handlungshergang ableitend, mir einiges zusammenzureimen. *

der beginn

Es gibt Orte, die die Seele ansprechen und Gefühle auslösen können, gute Gefühle. Man ist sofort heimisch und seltsamerweise auch scheinbar geborgen, obwohl man noch nie in der Gegend oder an diesem Platz verweilte. Das mag eigenartig anmuten, aber als ich eintraf, erfüllte mich genau das Gefühl. Hier würde ich leben wollen. Alles war genau so, wie ich es mir in meinen Träumen, die mich in den letzten Jahren begleiteten, vorgestellt hatte. Es zeigte sich viel Wald und Feld in der Nähe und unweit des Dorfes befand sich die Küste. Ich würde zu Fuß ans Meer wandern oder bei Bedarf Ausflüge in den Wald unternehmen können. Diese Vorstellung war einfach herrlich. Gefühle sind trügerisch und immer dem Augenblick gestundet. Man muss sie nehmen wie sie kommen. Das kann sehr schnell gehen, deshalb neige ich in den letzten Jahren dazu,

jeden schönen Moment bewusst auszukosten. Auch das Dorf übte auf mich einen positiven Eindruck aus, denn es hatte einen ganz besonderen Charme. Es war nämlich keines dieser Straßendörfer, in dem die Häuser sich an eine Durchgangsstraße reihen, sondern die Häuser gruppierten sich hier um eine kleine Dorfkirche, neben der sich, wie es sich auch gehört, ein Dorfgasthof befand. Es gab einen Fleischer, einen Bäcker und eines der Lädchen, die alles andere anboten, was man im Leben so braucht. Kurz, die heile Welt eines Dorfes schien hier noch zu existieren. Ich fand das alles sehr idyllisch, und mein Mann und ich gingen lächelnd und sehr neugierig durch die Straßen, denn wir wollten natürlich alles sehen und kennen lernen, bevor wir uns entscheiden. Menschen sahen wir nicht. Wir vermuteten sie an ihren Arbeitsstellen. In einem Dorf gehen die Leute nicht einfach so spazieren. Sie sind in den Häusern, im Garten, auf den Feldern oder

eben an ihren Arbeitsorten. Die Häuser und Gärten waren gepflegt. Wir fanden alles sehr ordentlich und keinen Grund, etwas zu beanstanden. Mein Mann hatte in mühevoller Kleinarbeit diesen Ort ausfindig gemacht, während ich nur hoffte, dass er das Passende finden möge. Meine Träume bezüglich des Ortes und des Hauses, in dem wir den Rest unseres Lebens verbringen wollten, nahm er geduldig in seine Suchaktionen auf. Wir waren uns einig, wir wussten, wonach wir strebten. In eine Einöde wollten wir nicht, aber es sollte ruhig sein, eine Stadt in der Nähe wäre schön. Schließlich wollten wir vom Trubel des Lebens nicht gänzlich abgeschnitten sein. Das Haus würden wir neu bauen lassen, denn wir hatten konkrete Vorstellungen wie es beschaffen sein müsste. Ein unterkellerter Bungalow mit großzügigen Räumlichkeiten, auch im sanitären Bereich, offene Küche,

Speisekammer, viel Licht durch große Fenster, Kamin, Holzdielen, einem Wintergarten, Terrasse, zwei Arbeitszimmer, Schlafzimmer, dem unverzichtbaren hauswirtschaftlichen Raum, einem pflegeleichten Garten und dem Carport fürs Auto. Wir wussten, was wir wollten. Der Geldbeutel würde alles hergeben, ohne eine Bank zu bemühen, denn unsere Eigentumswohnung würde das nötige Geld bei Verkauf einbringen. Soviel war sicher und es beruhigte uns ungemein. Mit etwaigen aufwendigen Sanierungen von Altbausubstanzen wollten wir uns nicht plagen. Das ausgesuchte Grundstück passte genau in unsere Vorstellungen und der Eigentümer war schnell bereit, es an uns zu verkaufen, allerdings nur mit einer kleinen Bedingung: Das Ferienhäuschen, welches am Rande des Gartens stand, dürfe nicht abgerissen werden, denn er habe es in liebevoller und jahrelanger Arbeit mühevoll errichtet; seine Zerstörung würde ihm

das Herz brechen. Natürlich wollten wir keinen Menschen unglücklich machen, so schauten wir uns das kleine „Hexenhäuschen“ zunächst einmal näher an, denn es nahm nicht viel Bauplatz und Gartenland weg. Vielleicht könnte man sich einigen, wenn denn unserem Grundstücksanbieter Richard B. soviel daran liegt und er das Geschäft davon abhängig macht. Das Häuschen hatte ein sehr spitzes Dach und schien insgesamt in einem guten Zustand zu sein. Die Räumlichkeiten im unteren Bereich bestanden aus einem großen Zimmer mit vielen, recht großen Fenstern, und einer Küchenzeile; eine steile Wendeltreppe führte nach oben. Unter dem Dach gab es zwei Schlafräume, jeweils an den Giebeln waren große Fenster. Im Erdgeschoss befand sich eine Toilette mit einer Badewanne, und ein Nebenraum, für alles Mögliche zur Aufbewahrung gedacht, war auch noch vorhanden. Heizen konnte man alles mit einer ziemlich vorsintflutlichen Gasheizung.

Neben dem Häuschen befand sich eine Grube, die aber stillgelegt sei, versicherte der alte Mann. Ich konnte mir sofort vorstellen, dieses Häuschen als Gästeplatz und als Heimstatt meiner Malerei zu nutzen. Mein Mann wiegte sein Haupt, klopfte an die Wände und auf den Fußboden, beäugte die Fensterrahmen und untersuchte das Dach, während ich schon gedanklich meine Bilder zu platzieren begann. „Ein Kunsthäuschen!“ Ein Hort meiner Kreativität, davon war ich im Geiste mehr als begeistert; ich war fest entschlossen, mich hier einnisten zu wollen. Mein Mann stand nun wieder draußen vor der abgedeckten Grube mit einer tiefen Falte auf der Stirn. Sie behagte ihm gar nicht. Seitlich war etwas Schilf angepflanzt und es wiegte sich sanft im leichten Wind. Hübsch anzuschauen, als winke es mir zu. Beruhigend wirkte das, zumindest auf mich. Mein Mann hatte kein Auge

für das Schilf. Die Grubenabdeckung war ohne schwere Technik nicht anzuheben. Es roch etwas dumpf, wenn man sich bückte. „Gibt es irgendwelche Altlasten?“, hörte ich meinen Mann misstrauisch fragen. Der Eigentümer zuckte mit den Schultern. Ihm wäre da nichts bekannt. Schließlich stünde das Häuschen schon fast sechzig Jahre an diesem Fleck. Er seufzte abgrundtief. Was er dachte, wussten wir nicht, wir ahnten es nicht einmal. „Wollen Sie das Grundstück mit dem Häuschen nun erwerben oder nicht. Wenn nicht, dann werde ich auch einen anderen Käufer finden.“ Er seufzte wieder und bedauerte, dass er nun schon so alt sei und hier nicht mehr alles in Schuss halten könne. Er zog uns von der Grube weg, um uns nun noch den geräumigen und stabilen, auch abschließbaren Holzschuppen zu zeigen, der an das Häuschen angebaut war. Er beherbergte neben einer unübersehbaren Menge an Brennholz und Gartengeräten noch so

allerlei Behälter und Zeug. Was man eben so brauche, meinte er. Mein Mann nickte. Männer brauchen halt so allerlei, wenn da ein Haus und Garten ist, auch Platz für den Kram vom Auto, wie Reifen, Fahrradhalter und sonst was. „Das Werkzeug können sie haben, auch das ganze Holz und die Geräte“, sagte der Mann, und die Augen meines Mannes schauten sogleich freundlicher, wie mir schien. Die Grube hatte er jetzt irgendwie vergessen. Ich auch. Hier könnte man die Kübelpflanzen überwintern und die Gartenmöbel unterbringen, auch die Fahrräder. Wir waren nun überzeugt und wurden recht schnell handelseinig. Das Procedere würden wir schulmäßig durchlaufen. Wir hatten in der Vergangenheit diesbezügliche Erfahrungen gesammelt und waren uns ziemlich sicher, alles richtig gemacht zu haben. Der alte Mann hatte nun ein sehr feines, aber doch für uns schwer durchschaubares Lächeln im

Gesicht. Es hatte geklappt. Wir wohnten vorübergehend in einer nahegelegenen Stadt und konnten alles von dort aus regeln. Das Baugeschehen unseres Traumhauses würden wir von Zeit zu Zeit beobachten und kontrollieren. Das kleine Hexenhäuschen sollte uns, wenn es nötig war, Übernachtung und Aufenthalt bieten. Wenn unser Haus fertig ist, dann würde auch das ehemalige Ferienhäuschen etwas Renovierung bekommen. Alles lief nach Plan und wir freuten uns auf unser künftiges Zuhause. Wir kamen natürlich nicht jeden Tag in unser Dorf, so konnten wir nicht alles wissen, was dort geschah, insbesondere das nicht, was sich auf unserem Grundstück abspielte. Die Dorfbewohner waren für uns fremde Menschen, die uns zunächst einmal in ihrem Verhalten kaum beunruhigten. Dass wir beobachtet wurden, auch unsere Baustelle, war eine normale

Geschichte. In einem Dorf weiß man, was passiert. Jeder kennt jeden, wenn auch nicht jeder mit jedem befreundet ist. Die Bauarbeiter beschäftigten sich nur mit ihrer Arbeit und sie waren in der Nacht nicht auf der Baustelle.

die entführung

An einem Wochenende fuhren wir wieder einmal zu unserem Haus, welches zunehmend wuchs und mit Riesenschritten seiner Vollendung entgegen ging. Die Bauarbeiter leisteten gute Arbeit, vielleicht, weil sie unter Druck standen, denn wir hatten einen knallharten Vertrag abgeschlossen, der bei Verschie-bungen mit saftiger Vertragsstrafe drohte. Mein Mann fotografierte den Baufortschritt und ein unabhängiger Architekt kontrollierte die Qualität. Das Hexenhäuschen beachtete niemand. Es war Sonnabend. Mein Mann hatte sich mit unserem Architekten am Haus verabredet, doch dieser erschien nicht, und wir erhielten auch keinen Anruf, was sehr ärgerlich war. Wir warteten und versuchten ihn anzurufen, aber wir konnten nur auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen. Mein Mann war

ziemlich sauer und wollte nach Hause fahren. Ich bedauerte das und wäre gerne da geblieben. Man würde doch im Hexenhäuschen schlafen und am nächsten Tag noch ein wenig an der See ein paar schöne Stunden verbringen können? Schließlich konnte ich ihn überzeugen und wir richteten uns im kleinen Häuschen für eine Nacht ein. Es war schon spät und draußen stockfinster als das Handy klingelte. Der Architekt bat meinen Mann mit aufgeregter Stimme in den Dorfgasthof zu kommen, er habe ihm etwas Wichtiges zu sagen. Er legte, ohne eine Antwort abzuwarten, sofort wieder auf. Wir fragten uns, warum er nicht zu uns gekommen ist. Der Anruf war seltsam. Mein Mann sagte, er würde jetzt allein hinfahren, alles würde sich klären lassen, ich solle mir keine Sorgen machen und ruhig weiterschlafen oder eben ein wenig fernsehen. „Tschüss, sagte er, „ich bin gleich wieder da.“ Und weg war er. „Ich hätte mitfahren sollen“, dachte ich etwas

verwirrt. „Warum bin ich immer so langsam in meinen Entschlüssen? Ehe ich mich drehe, ist er schon auf dem Sprung.“ Ein wenig war ich über mich selber verärgert, doch dann überkam mich die Sorge. Jetzt geschah etwas Ungutes, das fühlte ich, und ich war irgendwie in diesem verdammten Hexenhäuschen außen vor. Zu blöd, diese momentane Ungewissheit! Ich wartete voller Unruhe. An fernsehen, lesen oder gar schlafen war nicht zu denken. Ich versuchte, mich mit einem Kräutertee zu beruhigen, leider auch vergeblich, und saß auf dem kleinen Sofa, immer nach draußen starrend, in der Hoffnung, dass Autoscheinwerfer gleich das Kommen meines Mannes ankündigten. Es blieb dunkel und im Haus absolut still. Eigentlich mag ich Stille und brauche nicht eine ununterbrochene Geräuschkulisse, aber jetzt störte sie mich. Sie wirkte so leblos. Das ganze Haus hatte jetzt etwas Verlassenes an sich. Es

roch auch irgendwie dumpf, vielleicht, weil es solange nicht bewohnt worden war. Das war mir am Anfang so gar nicht bewusst, hatte ich es doch in meiner Fantasie schon sehr belebt mit meinen Bildern, mit meiner Staffelei, den mit Farben und Pinseln angefüllten Regalen, den Büchern, meinen Büchern, die mich hier umgeben würden. Ich zog mir eine Jacke über und trat durch die Terrassentür nach draußen. Die Bäume und Sträucher rauschten im Nachtwind. Wir hatten viele Bäume in der Nähe. Ich konnte von hier aus bis zum nahen Waldrand blicken. Was das Rauschen wohl zu bedeuten hat, dachte ich einen Augenblick. Wovon kündet es? Ich verzog das Gesicht, ob des Unsinns, welcher mir gerade durch den Kopf ging. Bäume bewegen sich durch den Wind und geben dadurch ein Rauschen von sich. Sie verkünden nichts. Ich hatte vor der Natur keine Angst und spähte dennoch nicht gerade mutig in den Garten und

immer wieder auf die schmale Straße vor unserem Grundstück, wo eigentlich mein Mann jeden Moment auftauchen müsste, als würde ich ihn mit den Augen heranziehen wollen. Es war zum verrückt werden, ich hörte kein Auto brummen. Nur der Wind war zu vernehmen. Ich zog meine Jacke fester um mich herum und ging wieder ins Haus, um in seinem Inneren, nunmehr immer nervöser werdend, auf und ab zu gehen. Nach zwei Stunden war Rainer immer noch nicht zurück. Ich hatte ungute Gefühle und mein Herz klopfte ungestüm; so entschloss ich mich, ihn auf seinem Handy anzurufen, obwohl ich sonst viel geduldiger bin. Es sprang nur die Mailbox an. Das war nun wirklich ein Unding und ich war allein deshalb schon in heller Aufregung. Was konnte ich nur tun? Ich bat zunächst mit betont ruhiger Stimme um einen Rückruf. Als der nach einer Stunde nicht einging, hatte ich endgültig genug und verließ,

nun schon im Morgengrauen, das Häuschen, um zum Gasthof zu gehen. Meine Aufregung war riesig und so rannte ich mehr als ich ging. Das Dorf lag offensichtlich im tiefsten Schlaf. Man hörte rein gar nichts, bis auf einen Hahn, der in der Ferne krähte. Am Gasthof angelangt, suchte ich mit den Augen sofort unser Auto und auch das des Architekten. Fehlanzeige, weit und breit war kein Auto zu sehen. Ich rüttelte und pochte an der verdammten Kneipentür. Sie war verschlossen und innen sah es dunkel aus. Ich schlich also um das Haus herum, vielleicht war ja eine Hintertür frei zugänglich. Mir klopfte dabei mein Herz bis zum Halse hoch, meine Gedanken überschlugen sich. Es war ja wie im Film oder träumte ich den ganzen Quatsch nur? Ich kniff mich in den Arm. Nein, ich merkte es. Alles war sorgfältig abgeschlossen, auch die Fenster. Ich wäre sonst eingestiegen. Ich schwöre es, das hätte ich gemacht, so verrückt

war ich in dem Augenblick. Ein Fenster einzuschlagen wagte ich nicht, kam ich mir doch sowieso schon vor wie ein potenzieller Einbrecher, der um ein fremdes Haus schleicht. Es war Sonntag. Man stört die Leute nicht am heiligen Sonntag, mal abgesehen davon, dass ich hier niemanden näher kannte, den ich in meiner Not um Hilfe hätte bitten können. Was sollte ich bloß tun? Die Polizei anrufen? Die würden mich abwimmeln und mich auffordern, erst einmal abzuwarten. Rainer würde ein hysterisches Handeln nicht billigen, aber ich machte mir allergrößte Sorgen, denn er hätte sich doch bei mir wenigstens melden müssen. In diesem Augenblick vibrierte und brummte das Handy in meiner Hosentasche. Es war mein Mann. Endlich, dachte ich, endlich ruft er zurück. Er sprach mit einer seltsam verändert klingenden Stimme zu mir. Ich solle mir ein Taxi rufen, nach Hause fahren, den Ordner mit den Grundstücks- und Bauverträgen

holen und sofort wieder ins kleine Häuschen kommen. Ehe ich Luft holen konnte, sprach eine strenge Männerstimme zu mir, dass ich mich hüten solle irgendwelche Umwege zu nehmen. Es käme andernfalls zu traurigen Folgen. Danach ein Knacken. Aufgelegt. Ich stand da wie ein begossener Pudel. Mir blieb keine Wahl, ich musste tun, was von mir verlangt wurde. Aber ist das auch richtig? Rainer hatte so komisch geklungen, und wer war dieser furchtbare Mann, der so unverhohlen drohte? Wo waren die bloß mit meinem Mann hin? Und wo war unser Auto? Mir gingen so viele Fragen durch den Kopf, aber ich musste nun endlich handeln. Der blöde Hahn krähte schon wieder und es wurde allmählich hell, die Sonne würde heute scheinen, der Himmel war wolkenfrei. Ein schöner Tag schien es zu werden. Ja, Pustekuchen, es wurde ein schrecklicher Tag, den ich sicher nie vergessen

werde. Ein Taxi zu rufen, war nicht schlimm. Über so eine schöne Tour freute sich der Fahrer. Ich fuhr also mit ihm direkt nach Hause und bat ihn, ein paar Minuten zu warten. Mir war das alles zu heiß und ich beschloss spontan, auch vor lauter Angst, die Polizei zu verständigen. Ich wollte es vom Festnetz und ungestört in unserer Wohnung tun, wählte also den Notruf, schilderte in aller Eile, ohne mich unterbrechen zu lassen, die Situation, gab noch unsere Handynummern bekannt und legte auf, um schnell „und ohne Umwege“ meinen Auftrag zu erfüllen, in der Hoffnung, dass die Polizei nun auch das Richtige veranlassen würde. Der Taxifahrer wartete geduldig und so fuhren wir wieder zurück zum Hexenhäuschen. Ein fremdes Auto stand vor der Tür. Als ich auf den Eingang zuging, sah ich schon durch die Glastür das Licht brennen, und das obwohl es schon hell war. Die Tür war offen, aber das

Haus schien leer. Ein Geräusch, es kam von oben, erreichte mich. Ich krabbelte die Wendeltreppe hoch und sah meinen Mann auf dem Bett liegen. Man hatte ihn gefesselt und den Mund mit Klebeband verschlossen. Eine Schrecksekunde ließ mich verharren, aber mein Mann bewegte ungeduldig den Kopf. Ich durfte jetzt nicht untätig sein. Ein kurzer Blick durch die offene Tür des Nachbarraumes zeigte mir, dass da noch zwei weitere Personen gefesselt auf dem Boden lagen. Ich befreite zuerst meinen Mann, der mir zuflüsterte, dass wir hier schleunigst verschwinden müssten. „Die werden sicher gleich wieder auftauchen. Alles weitere später. Um die beiden anderen können wir uns jetzt nicht kümmern. Komm bloß schnell weg hier.“ Ich nickte in Panik. Dennoch huschte ich schnell zu ihnen hin und durchschnitt das Klebeband an ihren Händen Wir schlichen so leise wie wir konnten die Wendeltreppe wieder

herunter und verließen das Häuschen durch die Terrassentür in den Garten. Wir liefen, so schnell wir konnten, in Richtung Gasthof. Mein Mann rief mir zu, dass er wüsste, wo unser Auto sei. Mir schlug das Herz bis zum Halse hoch und ich sah mich immer wieder um, denn wir befürchteten ja, dass man uns verfolgte. Bald standen wir vor dem Gasthof, es war ja in diesem Dorf nichts sehr weit voneinander entfernt. Neben dem Gebäude befand sich eine Scheune und darin stand unser Auto, auch das Auto des Architekten. Ich öffnete also das große Tor und mein Mann kam sofort herausgefahren. Ich sprang hinein und wir düsten davon. „Die Blödkröten haben mir zum Glück meinen Autoschlüssel nicht abgenommen“, sagte mein Mann noch ein wenig atemlos und grinste dabei böse. Jetzt konnte ich endlich ein paar Fragen loswerden und auch berichten, dass ich vorsichtshalber die Polizei verständigt

hätte. „Du hast alles richtig gemacht“, meinte Rainer, bezweifelte aber, dass die Polizei so umsichtig handeln würde. „Sie hätten ja längst vor Ort sein müssen“, sinnierte ich. „Die wären doch auf alle Fälle schneller als dein Taxi“, meinte nun Rainer nachdenklich. „Wir werden uns heute erst einmal in ein Hotel einmieten und besser nicht nach Hause fahren. Wir sollten nachdenken und uns genau überlegen, was zu tun ist.“ „Ja, so machen wir es“, sagte ich, mich zur Ruhe zwingend. Ich wusste noch lange nicht alles und wollte natürlich hören, was meinem Mann nach seinem Wegfahren zum Gasthaus passierte und wer diese Leute wohl seien. Ein Hotelzimmer war zum Glück schnell gefunden. Nach einem kleinen Frühstück zogen wir uns in unser Zimmer zurück. Wir waren ziemlich übernächtigt, hatten wir doch die letzte

Nacht beide kein Auge zugemacht und doch war an Schlaf jetzt nicht zu denken, denn wir benötigten dringend einen Fahrplan. * Zunächst, was war bis jetzt geschehen? Rainer fuhr zum Gasthof und als er aus dem Auto gestiegen war, kamen zwei Männer und bedeuteten ihm, das Auto in der Scheune zu parken. Das wäre sicherer, sagten sie und grinsten dümmlich. Die zwei Kerle packten ihn danach derb an den Armen und führten ihn durch eine Hintertür in das Gasthaus. Rainer konnte sie nicht abschütteln, er musste sich fügen. In einem Hinterzimmer saßen noch drei weitere Männer, einer von ihnen war der Architekt, der sehr verängstigt ausschaute. „Na, jetzt haben wir ja alle beisammen“, „eine große Freude ist das ... aber ich bin auch traurig,

dass wir uns unter diesen Umständen wieder begegnen“, bemerkte einer der Männer, sich die Hände reibend. Sein rollendes R war schrecklich. Er schien in einer Führungsrolle befindlich. Rainer kannte ihn irgendwie, konnte ihn aber nicht sofort einordnen. „Wir möchten, dass Sie ihr Grundstück und das, was bisher darauf errichtet wurde, an die Gemeinde verkaufen, und zwar jetzt und hier. Deshalb ist auch der Herr Notar anwesend. Der Wert ihres Hauses wird ihnen erstattet. Die Baufirma wird das Gebäude fertigstellen. Wir treten in ihren Vertrag ein.“ Rainer schüttelte den Kopf. Er hatte nun endlich diesen Mann erkannt, es war Georg Burmeister, der umtriebige Bürgermeister des Ortes. Über die merkwürdigen, skandalösen Umstände seiner Forderung wollte man jetzt nicht

diskutieren. Es gäbe keine Alternative hieß es. Er sagte aber dennoch einen Satz, der Rainer aufhorchen ließ: „Ihr tüchtiger Architekt war zu tüchtig und viel zu neugierig. Er hat in die Grube geblickt. Vielleicht war er sogar unten. Wir werden ihn dafür zur Rechenschaft ziehen müssen.“ Sein rollendes R war bühnenreif. Die zwei Kerle, die Rainer hereingebracht hatten, grinsten wieder blöde. Das klang grässlich und der Architekt wurde bei diesen Worten leichenblass. Er hätte nichts gesehen, nur einmal kurz den Deckel beiseite schieben lassen. „Bringt ihn raus“, sagte der Bürgermeister. Draußen hörte man ein Poltern und einen Schmerzensschrei. Rainer bekam nun auch ziemliche Angst, zeigte sie aber nicht. „Ohne meine Frau geht hier gar nichts“, sagte er ruhig. „Wir sind beide Eigentümer und haben den Kaufvertrag gemeinsam abgeschlossen. Ich werde deshalb hier mit ihnen keinen erneuten,

noch dazu erzwungenen Kaufvertrag ohne sie abschließen“, fügte er nachdrücklich hinzu und verschränkte die Arme. Der Bürgermeister runzelte die Stirn, er hatte sich das alles viel einfacher vorgestellt. Musste auch dieser dämliche alte Trottel das Grundstück an fremde Leute verkaufen. Der wusste doch, was unter seinem Ferienhaus schmorte. Er hätte das Angebot der Gemeinde annehmen können und alles wäre gut. Jetzt glotzt ein neugieriger Architekt in die Grube, steigt da runter – na gut, er leugnet das, aber man weiß es nicht – und der Schlamassel nimmt kein Ende. Keiner sollte je dort unten herum stöbern. Man muss die Vergangenheit ruhen lassen, wie kann man sich sonst den neuen Herausforderungen widmen. So ähnlich mag er zu diesem Zeitpunkt gedacht haben. Er wusste nicht wirklich, wie er es anstellen sollte, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die Leute müssen verkaufen und von

hier verschwinden, dann wäre alles wieder im Lot. Dem Georg Burmeister fiel nichts Besseres ein. Dieser B.Rainer S. war ein zähes Luder, man würde ihn zwingen müssen. Und jetzt auch noch diese Frau, die war total lästig. Er schüttelte den Kopf. Plötzlich steckte einer der helfenden Männer aus dem Dorf seinen Kopf zur Tür herein : „Chef, komm mal raus.“ „Es ist dringend, Chef.“ Burmeister erhob sich bedächtig und bedeutete Rainer und den Notar, sich nicht zu rühren, er würde gleich wieder bei ihnen sein. Auf dem Flur lag der Architekt auf dem Boden. Er rührte sich nicht und blutete aus dem Kopf. Das sah nicht gut aus. Die beiden Männer standen betreten vor ihrem Bürgermeister. „Das wollten wir nicht.“ „Es ist einfach so passiert“, meinte der andere. „Er ist gestolpert und an die Heizung gefallen. Wir haben ihn nur ein wenig geschubst. Es war ein

Unfall.“ Die beiden Männer hatten offensichtlich Angst vor den Folgen ihres Tuns und standen nun hilflos neben ihrem Opfer. Der Bürgermeister bückte sich, kam wieder hoch und stellte trocken fest, dass der Mann lebe. „Wartet, ich habe eine Idee.“ Er begab sich wieder in das Zimmer und forderte Rainer auf, einmal kurz auf den Flur zu kommen. „Ja, schau'n sie nur, so kann es kommen,“ sagte er und zeigte auf den am Boden Liegenden. Rainer hatte nun fürchterliche Angst, sagte aber nichts. Er glaubte sich in einem schlechten Film. „Sie fordern jetzt mit ihrem Handy ihre Frau auf, alle Verträge zu holen und umgehend wieder her zu kommen, und zwar in dieses Ferienhäuschen auf ihrem Grundstück. Dort sehen wir dann

weiter.“ * Mein Mann hielt inne, er hatte mir nun fast alles erzählt. Ich hatte ihm mit schreckgeweiteten Augen zugehört. „Ist etwa unser Architekt tot? Das sind ja Kriminelle, Verbrecher, Mörder“, ich war aufgesprungen. „Warum machen die das und der Anführer ist der Bürgermeister? Ich fasse es nicht.“ Rainer war ruhig geblieben und versicherte mir, dass der Architekt leben würde, denn er wurde mit ins Hexenhäuschen verbracht und wäre auf eigenen Füßen dort hinein gegangen. Er hätte allerdings eine Wunde am Kopf. Was den Notar beträfe, da bestand Unklarheit. Mein Mann war der Auffassung, dass man diesem Herren nicht trauen dürfe. Der würde bestimmt mit denen unter einer Decke stecken. Die Fesselung war

nur zum Schein, glaubte mein Mann jedenfalls. „Vielleicht gehört ja auch jemand von der Polizei zu diesem Pack,“ schloss er grimmig. Die wären nämlich inzwischen bestimmt schon dort und man hätte uns auf dem Handy informiert. „Vielleicht sind sie ja inzwischen am Hexenhäuschen und haben die Verbrecher geschnappt“, sagte ich, glaubte aber selber nicht, was ich gerade von mir gab. Rainer saß auf dem Bett und schien angestrengt zu überlegen, er antwortete auf meine hoffnungsvolle Vermutung, was die emsige Tätigkeit der Polizei anbelangte, gar nicht. Ihn bewegte etwas Anderes. Ich bat ihn um lautes Denken.

die grube

„Es muss mit dieser unsäglichen Grube zu tun haben. Unser Architekt meinte, er hätte nur den Deckel kurz beiseite schieben lassen, aber der Bürgermeister schien mehr zu befürchten, denn seine Handlungen zeugten von einem entdeckten Geheimnis, scheinbar von einem ganz ungeheuerlichen, kompromittierenden. Würde er sonst in seiner Stellung als Bürgermeister sich persönlich so kriminell verhalten? Was also ist in dieser gottverdammten Grube? Und ich Esel, ich Riesenrhinozeros dachte es wäre eine stillgelegte Klärgrube.“ Er fasste sich an die Stirn. „Vielleicht weiß es unser Verkäufer. Der alte Mann, der so an seinem Ferienhäuschen hing, dass er den Verkauf des Grundstückes davon abhängig machte?“ Ich war der Meinung, dass der Mann bestimmt etwas

wisse. Mein Mann war der Auffassung, dass wir uns darum auch kümmern sollten, und zwar schnell. Falls in der Grube etwas Schlimmes lagerte, dann wäre der alte Mann gewiss ein Zeuge. Unabhängig davon müssten wir aber zunächst zum Hexenhaus, um zu beobachten, was dort geschah. Vermutlich würde man schon eifrig dabei sein, Beweismittel wegzuschaffen oder zu vernichten. Wir wussten nicht, worum es ging, nur so viel, dass es für uns gefährlich war. Es war aber immer noch unser Grundstück und auch unser Hexenhäuschen. Wir hatten es rechtmäßig erworben und wir waren uns einig, dass wir es nicht so schnell hergeben wollten, egal welches Geheimnis sich mit der Grube verband. Nach den durchlebten Maßnahmen erst recht nicht. „Wir leben doch nicht im wilden Westen“, sagte mein Mann. „Wir werden alles herausfinden und klären. Ich lasse mich doch nicht einfach

kidnappen und mich zwingen, mein Eigentum zu verkaufen, und die Verbrecher kommen davon, mit ihren Leichen im Keller. In unserer Grube!“ verbesserte er sich grimmig. Seine Wut und sein Gerechtigkeitssinn, auch sein Wunsch, die Sache aufzudecken, überlagerten offensichtlich seine Furcht und das Risiko, körperlich dabei zu Schaden zu kommen. Ich verstand das. Mein Mut war allerdings nicht ganz so groß und ich hätte am liebsten sofort die Polizei verständigt, um mich sicherer zu fühlen, aber mein Mann hielt das nicht für so eine gute Idee und meinte, dass sie außerdem bereits verständigt sei. Sie würden handeln, wenn sie es nur wollten. Wir fuhren auf einem Umweg durch den Wald, um an unser Grundstück zu kommen, denn wir wollten es vermeiden, gesehen zu werden. Das Auto stellten wir vorsorglich im Wald ab, die paar Meter bis zu unserem Garten und Baustelle legten wir zu Fuß zurück. Wir hatten

den Eindruck, nicht beobachtet zu werden, versuchten uns dennoch möglichst unauffällig zu benehmen. Wir gingen also Hand in Hand, wie immer wenn wir spazieren gehen, langsam zu unserem Ziel. Haus und Garten waren verwaist, weder ein Auto, noch ein Mensch waren zu sehen. Uns war das sehr recht. Mein Mann begann zu fotografieren, zuerst die noch sichtbaren Autospuren unweit des Hexenhäuschens, dann begaben wir uns in das Häuschen. Mir war nicht ganz wohl dabei. Die wären weg, meinte mein Mann. Woher er seine Weisheit nahm, wusste ich nicht. Jedenfalls beruhigte mich das etwas. Wir turnten die Wendeltreppe hoch. Rainer fotografierte den Teppich, auf dem die beiden anderen Männer gelegen haben und forderte mich auf, schnell eine Plastiktüte und eine Schere zu beschaffen, er habe etwas entdeckt. Es waren ein paar Blutstropfen. Sie gehörten offensichtlich unserem Architekten,

der dort verletzt am Boden gelegen hatte. Jetzt hatten wir einen kleinen Beweis, wenigstens etwas. „Schauen wir schnell noch nach der Grube“, sagte Rainer und kraxelte die enge Wendeltreppe wieder hinunter. Ich immer hinter her, wollte aber lieber wieder weg von hier. Vor der abgedeckten Grube waren eine Menge Fußabdrücke sichtbar, sie würden uns leider nicht weiter helfen. Dass die Abdeckplatte bewegt wurde, war allerdings sehr deutlich zu erkennen, sie lag jetzt irgendwie schief. Mein Mann sah sich nach geeignetem Werkzeug um, eine Brechstange oder Ähnliches wäre hilfreich. „Such doch auch mal danach“, forderte er mich auf. Ich rannte also um das Haus und schaute auch in den Schuppen, der nicht abgeschlossen war. Komisch, ich hatte ihn abgesperrt. Innen war es ziemlich dunkel aber ich sah, dass etwas verstellt war. Das Regal stand anders. Ich wunderte mich und ruckelte leicht an diesem.

Oh, es ließ sich bewegen, hinter ihm war eine Falltür am Boden. Donnerwetter, das war ein Fund und schon pochte wieder mein ängstliches Herz. War hier ein Keller? Der alte Mann, der uns auch diesen Schuppen so warm empfahl, hatte davon nichts gesagt. Ich rannte zu meinem Mann, um ihm meine Entdeckung zu vermelden. In höchster Eile begaben wir uns zu dieser Falltür. Mein Mann machte zunächst ein Foto. Er meinte, ich solle an der Tür aufpassen, ob sich jemand näherte oder ein Auto käme. Ich musste also Schmiere stehen. Etwas widerstrebend fügte ich mich, denn nun war ich auch neugierig, was wohl unter der Falltür verborgen sei. „Wir müssen vorsichtig sein, geh bitte aufpassen.“ Ich sah das natürlich sofort ein und schämte mich ein wenig wegen der unangebrachten Neugier. Plötzlich hörte ich ein Auto und schon bog es in unseren Garten ein. Ich konnte mich

gerade noch in das Innere des Schuppens zurückziehen. „Jetzt kommen welche, schnell, wir müssen hier raus.“ Ich schaute durch das kleine Türfenster. „Sie gehen am Hexenhäuschen vorbei.“ Rainer schob schnell das Regal wieder an seinen Platz, um dann sofort mit mir aus dem Garten in Richtung Wald zu rennen. Man schien es nicht bemerkt zu haben, denn es folgte uns niemand. Das war knapp. Völlig außer Puste erreichten wir unser Auto. Wir warteten in der Deckung des Waldes. Mein Mann holte sein Fernglas aus dem Handschuhfach. „Ich mache ein Bild, vielleicht kann man das Kennzeichen sehen. Beobachte du die Gegend.“ Er reichte mir das Fernglas. Die beiden Männer kamen zurück zu ihrem Fahrzeug und wollten offensichtlich gerade abfahren, als ich ein weiteres Auto auf die kleine Straße, die an unserem Grundstück vorbeiführte, einbiegen

sah. Rainer riss mir das Fernglas aus der Hand. „Das Auto kenne ich“, sagte er aufgeregt. „Schau an, der Bürgermeister .“ Die Männer palaverten. Uns blieb nichts anderes übrig als abzuwarten, bis die Kerle allesamt wieder abgefahren waren. Zum Glück dauerte es nicht sehr lange, und bald lag unser Grundstück wieder friedlich und allein im Sonnenschein dieses Sonntag-nachmittags. „Normalerweise trinkt man jetzt Kaffee und plaudert gemütlich auf seiner Terrasse aber wir belauern Verbrecher, die sich in unserem Garten ein Stelldichein geben,“ dachte ich und gähnte. „Nix“, sagte mein Mann. „Wir schlafen später. Du beobachtest die Straße und ich gehe jetzt noch einmal in den Schuppen und versuche die Falltür zu öffnen. Ich muss unbedingt wissen, was dort ist. Kommt jemand, dann rufst du mich sofort mit dem Handy an. Ich werde dann durch das hintere Fenster des Schuppens über die Nachbargärten türmen und komme dann

wieder hier her.“ Er streichelte meine Wange und setzte sich sofort, ohne meine Antwort abzuwarten, in Bewegung. Mir blieb somit nichts anderes übrig, als wachsam zu sein. Es war eine seltsame Situation. Im Wald sangen ein paar Vögel, es roch so gut nach Waldmeister, die Sonne schien am strahlend blauen Himmel, es war sonntäglich still, und doch befanden wir uns in einer äußerst brenzligen Phase. Mein Mann war inzwischen auf unserem Grundstück verschwunden. Was er wohl unter der Falltür vorfinden würde? Hoffentlich kommt keiner. Ich betete, dass keiner käme und das Flüchten endlich nicht mehr nötig wäre. Allmählich war es genug. Da erschien mein Mann, er beeilte sich, in der Hand hatte er eine Plastiktüte. Endlich kam er. Leicht außer Atem warf er mir kurze Sätze hin, während er das Auto startete und sofort losfuhr. Die Tüte landete auf dem

Rücksitz. „Du glaubst es nicht. Unter unserem Hexenhäuschen ist ein Gewölbe. Überall stehen verstaubte Möbel, Kisten und Kasten. Ich habe eine Kiste aufmachen können. Der Leuchter, es ist ein jüdischer Leuchter. Ich habe ihn zum Beweis mitgenommen. Das Schlimmste aber ist noch etwas anderes.“ Er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. „Na sag es schon, was ist es?“ „ Es stehen dort alte Kisten von den Nazis, noch mit Waffen angefüllt. Stell dir das einmal vor. Wir wohnen auf einem Munitionslager.“ Er machte eine Pause und meinte, dass er alles fotografiert habe. „Das wollten also die Brüder geheim halten. Der Bürgermeister muss ein Neonazi sein und seine Gesellen ebenso.“ Aber wie kamen die jüdischen Sachen dahin? Das war finster und sah nach schwerster krimineller Altlast aus, die man scheinbar mit

allen Mitteln zu verbergen trachtete, und der Bürgermeister musste damit etwas zu tun haben. Wir waren etwas unschlüssig, ob es besser sei, zur Polizei zu gehen oder nicht, denn wir wussten nicht, wie verwoben alle miteinander waren. So beschlossen wir, zunächst einmal im Hotel zu schlafen, auch um wieder klarer denken zu können. Wir sahen alle beide nicht besonders gut aus, wir brauchten dringend eine Dusche und Ruhe. So legten wir uns am späten Nachmittag ins Bett, um ein paar Stunden zu schlafen. *

die polizei

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten war die Tatsache, dass meine Meldung über die mutmaßliche Entführung meines Mannes und die unmissver-ständliche, telefonische Drohung durch einen fremden Mann, sowie auch mein Auftrag, mit den Verträgen in unserem Hexenhäuschen zu erscheinen, einem Kriminalbeamten zur Klärung übergeben worden war. Zwar nicht umgehend, aber immerhin fuhren die Beamten in Zivil schon am Sonntagmittag zu unserem Grundstück, um sich dort zunächst einmal umzusehen. Wir haben sie beobachtet, ohne zu wissen, dass es Polizisten waren. Das Erscheinen des Bürgermeisters kam den Gesetzeshütern verdächtig vor, irgendwie zu übereifrig. Man hätte angeblich bemerkt, dass Fremde auf einem Baugrundstück von Bürgern aus dem Dorf herumschlichen und wollte nur nach dem

Rechten schauen. Die Polizisten konnten an eine derartige Fürsorge schwer glauben und beschlossen, da sie nun einmal da waren, sich in diesem Dorf ein wenig umzusehen. So begaben sie sich als erstes zum Gasthof, zu dem offensichtlich der vermisste Mann hingefahren war, um seinen aufgeregten Architekten zu treffen. So konnte man es der telefonischen Aussage der Ehefrau entnehmen. In einem Schaukasten war eine Bürgerversammlung angekündigt, in der es um die Aufnahme einer syrischen Flüchtlingsfamilie gehen sollte. Die Polizisten fanden das sehr positiv. Der Bürgermeister schien tatsächlich ein guter Mann zu sein. Sie betraten den freundlich wirkenden Gastraum. Er war ziemlich leer, nur zwei Männer saßen an einem Tisch vor ihrem Bier. Der Wirt stand hinter seinem Tresen und polierte Gläser, leise hörte man Musik aus dem Radio. Der Wirt wurde befragt, ob in der

Samstagnacht etwas Besonderes vorgefallen sei, ob sich der Bauarchitekt und der Herr B.Rainer S. hier vielleicht getroffen hätten? Nein, der Wirt hatte nichts gesehen oder bemerkt, alles wäre wie immer gewesen. Nichts Besonderes. Die beiden Herren waren ihm überhaupt nicht aufgefallen. Aber morgen wäre hier Bürgerver-sammlung wegen der Ausländer. Das ist etwas Besonderes. „Man muss ja den Leuten helfen, sagt jedenfalls der Bürgermeister“, fügte der Gastwirt noch hinzu. Die Kriminalbeamten verabschiedeten sich. Im Auto unterhielten sie sich noch ein wenig über dieses schöne Dorf und wie aufmerksam und hilfsbereit die Leute sind. „Wir sollten die Frau anrufen und ihr sagen, dass alles in Ordnung ist. Vermutlich ist ihr Mann auch wieder zuhause und ihre Welt somit wieder in Ordnung,“ meinte der eine. „ Jau, so machen wir es, aber das hat Zeit bis morgen. Jetzt sollten wir zu unseren Familien

fahren. Es ist doch Sonntag.“ *

der vorbesitzer

Wir hatten inzwischen ein wenig Schlaf nachholen können. Es war schon acht Uhr am Abend, als wir aufwachten, und wir fühlten ziemlichen Hunger. So entschlossen wir uns, im Hotelrestaurant eine Kleinigkeit zu essen. Wir mussten uns nun unbedingt einen Plan erdenken, denn nichts war mehr so, wie es gewesen war. Wir saßen quasi auf einem Pulverfass. „Wir müssen den Vorbesitzer des Hexenhäuschens anrufen“, schlug ich vor. „Der wird vielleicht wissen, wie das ganze schreckliche Zeug in den Keller gekommen ist.“ „Gute Idee,“ meinte mein Mann, blätterte schon in unserem Bauordner, um den Telefonanschluss herauszusuchen und wählte die Nummer. Nach einigem Klingeln meldete sich

die alte, müde Stimme des Mannes: „Ja bitte?“ „Rainer S. hier. Ich war in dem Gewölbe unter Ihrem ehemaligen Ferienhäuschen.“ Mein Mann fiel sofort mit der Tür ins Haus. Er hatte sein Telefon laut gestellt, damit ich mithören konnte. Der alte Mann atmete schwer und schwieg einen Moment. „Ach, Sie haben es gefunden. Jetzt kommt das Teufels-und Hexenzeug endlich ans Tageslicht. Mein ganzes Leben habe ich darauf gewartet, aber ich durfte ja nichts sagen. Der Bürgermeister, insbesondere aber sein Großvater und Vater haben dafür gesorgt.“ Er hatte langsam aber klar gesprochen. Es war, als sei ihm nun ein Stein vom Herzen gefallen. Mein Mann ließ aber nicht locker. „Wie ist das Zeug dort hingekommen und wem gehören die ganzen Sachen in den Kisten. Sagen

Sie es mir bitte. Ich muss es wissen?“ Der alte Mann seufzte, das sei eine lange Geschichte, eine furchtbare Geschichte. In den Dreißigern habe genau auf diesem Platz ein jüdisches Landwarenhaus gestanden, deshalb auch der große Keller. Alles andere wäre ja später abgebrannt. Jetzt weinte er. Es war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen, so bedankte sich mein Mann. „Passen Sie auf sich auf!“ sagte er und legte sehr ernst auf. „Hier ist in der Nazizeit ein Verbrechen passiert und es wurde bis heute vertuscht.“ Ich war empört und entsetzt. Rainer war wütend und nicht minder betroffen. Die alte Brut würde also immer noch an den Hebeln sitzen und die Menschen verarschen. Über die Rolle der Polizei in diesem konkreten Fall waren wir uns noch nicht im Klaren. „Das Gespräch habe ich mit meiner Kamera nebenher aufgezeichnet,“ verkündete mein Mann ein wenig

stolz. „Du bist eben ein Fuchs,“ ich lobte ihn, und er hatte es verdient. Ich wäre auf die glorreiche Idee nicht gekommen. „Morgen gehen wir zur Polizei.“ Ich war damit einverstanden, denn allmählich kamen wir an unsere Grenzen. Es waren noch viele Fragen offen, die wir mit unseren bescheidenen Mitteln und Kräften nicht lösen könnten. Ich dachte an den Architekten und den Notar. Wo waren sie und wie ging es ihnen wohl? Schließlich waren sie Zeuge und ebenfalls Opfer der Entführung. Was sie wirklich wussten von dem, was früher geschah, das war auch nicht geklärt. Der Bürgermeister und seine Knechte stellten für uns die größte Gefahr dar. Er schien Verbindungen zu haben und würde sich gewiss so schnell nicht ausliefern. Diese Leute kommen vielfach davon. Wir machten uns keine Illusionen. Wir gingen zu Bett.

„Hast Du gelesen, dass morgen in unserem Dorf in diesem Gasthaus eine Bürgerversammlung stattfindet?“ Mein Mann fragte mich das, bevor wir einschliefen. Ja, ich hatte. „Es ist wegen der Flüchtlinge. Man muss ihnen helfen.“ Ich war furchtbar müde. „Wir gehen hin. Ich habe eine Idee.“ Mein Mann hatte eine Idee, er wollte in die Höhle des Löwen. Ich bekam eine kleine Panikattacke und japste nach Luft. War er nun total verrückt geworden? „Wir waren vorher bei der Polizei. Ich werde Schutz beantragen und wir werden ihn bekommen. Verlass dich drauf.“ Mein Mann war eingeschlafen, während ich mich noch hin und her wälzte. Dann stand ich noch einmal leise auf, um in den Plastikbeutel zu sehen, der etwas aus dem Gewölbe unter dem Hexenhaus enthielt. Den Beweis. Ich hatte

noch gar keine Muße gehabt, um einen Blick darauf zu werfen. Vorsichtig öffnete ich die Tüte. In ihr war ein kleiner, silberner jüdischer Leuchter und eine alte Pistole. Ich bekam einen Mordsschreck, musste er unbedingt die Waffe mitnehmen? Am Ende war sie geladen und funktionierte noch. Wie furchtbar. Am liebsten hätte ich meinen Mann wach gerüttelt und ihn deswegen angemeckert, aber ich bekam es nicht fertig. Er hatte so viel aushalten müssen und hatte den ganzen Tag um die Sicherung der Beweise gekämpft, wie konnte ich nur daran denken, ihm Vorhaltungen zu machen. Und dennoch war mir unwohl mit dem Ding in unserer Nähe. Wer eine Waffe besitzt, der benutzt sie auch! Das dachte ich in dem Augenblick. Aber schließlich bin ich trotzdem eingeschlafen, bis um Schlag sieben Uhr mein Handy klingelte. Wir saßen beide sofort steil im Bett. „Hier Polizei G., Hauptkommissar Brinkmann,

Sie sind Frau Gisela H. S. ?“ „Ja.“ „Ist Ihr Mann wieder eingetroffen?“ „Ja.“ „Ja, dann ist wohl alles im Zusammenhang mit Ihrer Anzeige erledigt?“ „Nein, eben nicht.“ Ich schrie diesen Satz ins Telefon. „Hier, sprich du mit dem Kommissar.“ Ich war schon wieder fix und fertig und reichte meinem Mann das Handy. Der hatte sich bereits wieder gefangen und erklärte dem Polizisten, dass wir bezüglich seiner Entführung eine Aussage machen müssten. Dringend, denn es wäre Gefahr in Verzug. Es wären Menschen in Gefahr. Der Kommissar sagte etwas und mein Mann antwortete nur mit einem Ja. Nun war es also soweit. Die Polizei würde uns helfen und wir wären die Sorgen los, so dachte ich, nachdem Rainer mir eröffnete, dass wir jetzt sofort aufs Revier fahren müssten, um alles auf den Tisch zu legen. Ich wünschte mir

nichts sehnlicher, als dass dieser Albtraum endlich ein Ende fand. Wir zogen uns also rasch an, frühstückten hastig und fuhren in das besagte Polizeirevier. Die Tüte mit den Beweisen haben wir in den Hotelsafe eingeschlossen. Wir wollten vorsichtig bleiben. Rainer hatte alles fotografiert. Das wollten wir zum Beweis unserer Erlebnisse nun vorlegen. Wir wurden getrennt befragt, was mir nicht passte, aber es ging wohl nicht anders. Ich antwortete immer wahrheitsgemäß und erzählte in groben Zügen, was ich wusste, die Beweisstücke verschwieg ich. Da ich nicht die Entführte war und fast alles nur vom Hörensagen wusste, war ich schneller als Rainer fertig. Ich hatte mehr Fragen als Antworten, und die konnte die Polizei auch noch nicht geben. Soviel stand fest. Die tappten im Dunkeln und schienen nicht alles glauben zu wollen, was ich erzählte. Genau das hatten wir vermutet, deshalb hatte meine Mann auch alles

zu dokumentieren versucht. Wir wollten nicht als unglaubwürdig gelten. Rainer legte den Kamerachip vor und die Aufnahme seines Telefonates mit dem Vorbesitzer unseres Hexenhäuschens. Die Kommissare staunten nicht schlecht, blieben aber skeptisch, was die Schuld des Bürgermeisters betraf. „Wir gehen der Angelegenheit nach,“ sagten sie. Das war wenig und klang wahrlich mager nach all dem Erlebtem. Und wir sollten uns zur Verfügung halten. Damit war mein Mann nicht wirklich zufrieden, denn er wollte Gerechtigkeit, er wollte unbedingt seinen Entführer überführen. Dass dieses nur mit ein paar Kunstgriffen möglich wäre, war klar, zumindest uns. Die Kommissare schienen immer noch von seiner Redlichkeit überzeugt zu sein, trotz der Beschuldigung durch den alten Mann, dem Vorbesitzer des Hexenhäuschens. „Wir werden alles überprüfen,“ sagten sie und

entließen uns. Inzwischen war es fast Mittag. Was nun? Rainer wollte zur Ausländerbehörde. Unterwegs dorthin vertraute er mir seine Gedanken an. Sie waren erstaunlich aber irgendwie auch genial, fand ich. Es ging um die syrische Flüchtlingsfamilie. Wir würden ihr unser Hexenhäuschen als Wohnung überlassen, und zwar so lange wie nötig. Das wollten wir absprechen und auf der Bürgerversammlung bekanntgeben, wenn es ginge auch unter Teilnahme einer Amtsperson der betreffenden Behörde. Der Bürgermeister wird keine bessere Unterkunft haben und das Amt würde froh sein, wieder ein derartiges Problem gelöst zu haben. Der Hintergedanken war der, dass der elende Hund von Bürgermeister bis zum Einzug der Familie, etwas unternehmen musste, um das Gewölbe leer zu räumen. Die Polizei könnte ihn oder seine Kumpane dabei ertappen, dann wäre er gewiss in allergrößter Erklärungsnot. Darüber

hinaus hatte mein Mann vor, sich zur Sicherheit selber die nächsten Nächte auf die Lauer zu legen, um die Aktionen aufzunehmen. Also wieder Abenteuer pur, mir war ganz schlecht deswegen. Die Ausländerbehörde war hocherfreut über unser Angebot, denn sie hatten größte Probleme, die Flüchtlinge unterzubringen. Die Bevölkerung war nicht gerade hilfreich oder aufgeschlossen. Eigentlich wollte niemand diese armen Menschen in seiner Nähe wohnen lassen. Man fürchtete sich vor dem Fremden, wollte offensichtlich nur aus dummer Angst, in Vorverurteilung der Menschen, nicht helfen. Ein Skandal, aber so war es nun einmal. „Die Familie ist nett. Ein Arzt mit Frau und zwei Kindern. Sie werden keine Probleme mit diesen Menschen haben, die so viel durchmachen mussten. Ich werde bei ihrer Bürgerversammlung heute Abend anwesend

sein.“ Das hatte geklappt. Wir waren soweit zufrieden. Den Nachmittag verbrachten wir im Stadtarchiv, denn nun wollten wir wissen, was es mit dem Brand des jüdischen Landwarenhauses auf sich hatte, welches vor unserem Hexenhäuschen auf unserem Grundstück stand. Wir fanden nach langem Stöbern heraus, dass es eine Brandstiftung im Rahmen der Judenpogrome war, die 1938 so ein schreckliches Ausmaß annahmen. Die Eigentümer wurden vermutlich abtransportiert. Man sah sie niemals wieder. Es gab sogar ein Foto des brennenden Hauses und zahlreicher gaffender Leute, auch Kinder waren darunter. Die Feuerwehr war nicht zu sehen. Man sollte versuchen alte Leute zu finden, die damaligen Kinder. Noch gab es ja vereinzelte Zeitzeugen. Sie sterben so allmählich weg, ungehört. Unser Grundstücksverkäufer Richard B. gehörte vielleicht zu

ihnen. Wir hatten noch ein wenig Zeit bis zur Bürgerversammlung, so entschlossen wir uns, ihn aufzusuchen. Als wir vor seiner Wohnung standen, beschlich mich ein komisches Gefühl. Der Mann hatte geweint, ihn bewegte offensichtlich die Vergangenheit immer noch über alle Maßen. Wer weiß, was er alles mit ansehen musste, vielleicht sogar den Brand des Landwarenhauses. Wir klingelten, aber niemand öffnete uns die Tür. Eine Frau sah aus dem Fenster. „Zu wem wollen sie denn?“ Wir sagten es. „Am besten sie klopfen kräftig an seine Wohnungstür. Der Alte hört ein bisschen schwer. Einen kleinen Moment bitteschön, ich lasse sie gleich ins Haus.“ Wir standen kurz danach vor seiner Wohnungstür, pochten und bemerkten, dass sie nur angelehnt war. Das war verdächtig und so baten wir die Frau, die eine Treppe tiefer noch

immer im Hausflur stand und neugierig zu uns hochschaute, doch bitte mit uns in die Wohnung zu kommen. Wir wollten nicht allein eintreten. Der alte Mann lag auf dem Sofa und rührte sich nicht, auf dem Tisch befand sich ein leeres Tablettenröhrchen. Die Frau aus dem Haus und ich standen, zur Salzsäule erstarrt, mein Mann telefonierte. „Vielleicht lebt er ja noch. Ich habe den Rettungs-dienst alarmiert. Wir werden warten bis er da ist, dann fahren wir zur Bürgerversammlung. Wir dürfen dort nicht zu spät kommen.“ Es dauerte einige Minuten, die sich für uns zur Ewigkeit auswuchsen, die Frau aus dem Haus weinte leise. Ich versuchte, sie zu trösten, aber ohne Erfolg. Dann trafen die Rettungssanitäter ein, untersuchten den Mann und meinten, er würde noch leben. Sie schnallten ihn auf die

Trage und ab ging es. Auch wir machten uns davon. Wir hatten ja einen äußerst wichtigen Plan. Ich wunderte mich, warum die Tür wohl nur angelehnt war. „Wir werden ihn das hoffentlich noch fragen können,“ antwortete mein Mann zerstreut. *

die bürgerversammlung

Er beschäftigte sich jetzt mit der Bürgerversammlung. Sein grimmiges, konzentriertes Gesicht sprach Bände, denn er würde dabei seinem Entführer sehr beherrscht gegenübertreten müssen. Der Ausgang war ungewiss. Die Bürgerversammlung war gut besucht. Vor dem Gasthaus wartete die Frau aus der Behörde lächelnd auf uns. Wir gingen hinein und fanden noch einen Platz in der hintersten Reihe. Mein Mann suchte die Gesichter ab, was von hinten schwierig war, aber er entdeckte den Notar, der an der Seite mit dem Bürgermeister etwas zu besprechen hatte. Uns hatten sie offensichtlich nicht bemerkt. „Wusste ich es doch, der Kerl steckt mit dem Bürgermeister unter einer Decke,“ flüsterte Rainer mir ins Ohr. Inzwischen beruhigte sich das Volksgemurmel im

gut gefüllten Saal und der Bürgermeister, der auf einem kleinen Podest Platz genommen hatte, ergriff das Mikrophon. „Liebe Bewohner dieses wundervollen und vor allen Dingen friedlichen Dorfes, wie schön, dass Sie alle gekommen sind, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir den armen Menschen, die zu uns geflüchtet sind, weil ihr Land von einem unerbittlichen Krieg heimgesucht ist, helfen können. Eigentlich, das wissen Sie alle, habe ich schon jeden hier gefragt, ob Sie eine solche Familie aufnehmen könnten. Ob genügend passender Wohnraum da ist, wurde sorgfältig überprüft. Leider liegt uns bis heute kein Angebot vor. Nicht weil wir nicht wollen, sondern weil wir nicht können. (zustimmendes Gemurmel) („So ist es!“, rief eine Stimme.) Und doch sind wir verpflichtet, zu helfen. Unser großes Mitgefühl ist bei diesen armen und verfolgten Menschen. Das muss man ihnen sagen, denn wir sind nicht

herzlos. Wir geben es zu Protokoll. Die zuständige Beamtin der Flüchtlingsbehörde weilt unter uns. Sie sprach mit mir und angeblich würde sie eine Lösung kennen und uns bei dieser Gelegenheit davon in Kenntnis setzen (ein Raunen ging durch den Saal). Nun, wir sind gespannt.“ Er hielt inne und übergab der Frau, die sich in die erste Reihe gesetzt hatte, das Mikrophon. Während der Bürgermeister seine salbungsvolle Rede hielt, öffnete sich hinter uns kurz die Saaltür und zwei Männer traten ein, sie blieben aber hinten stehen. Ich erkannte sie sofort, es waren die beiden Kommissare. Mein Mann hatte sie auch bemerkt. „Umso besser,“ flüsterte mir Rainer zu. Ob sie uns auch gesehen hatten, war nicht sicher. * Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten, war die Tatsache, dass unser Grundstück bereits observiert und parallel fieberhaft nach

unserem Architekten gesucht wurde. Wir hatten dazu noch gar keine Zeit gefunden. Unser kurzer Anrufversuch bei ihm blieb erfolglos. Was uns weiterhin nicht bekannt war: Der alte Mann hatte überlebt, lag aber im künstlichen Koma. Sein Gesundheitszustand wurde als kritisch eingestuft. Die Polizei war auch hier schon emsig beim Ermitteln. Das Krankenhaus hatte nämlich eine Meldung an die Polizei erstattet. Als die Kommissare die Wohnung von Richard B. aufsuchten, erging es ihnen wie uns. Die Frau öffnete die Haustür und erzählte bereitwillig, was vorgefallen war. Sie empfand sich als wichtige Zeugin und das war sie auch. Sie war dabei und sie berichtete von uns, auch dass die Wohnungstür angelehnt war. Genau darüber stolperten die Kriminalbeamten ebenfalls. * Inzwischen wurde es, zumindest für uns, im

Saal höchst spannend. Die Frau von der Behörde lächelte und bedankte sich bei den Leuten für ihre Mühe, für ihr Kommen aber vor allen Dingen dafür, dass sich doch ein Ehepaar, auch wenn es selber noch nicht, aber ganz sicher in absehbarer Zeit, in diesem Dorf wohnen würde, bereit erklärt hat, ihr komfortables Ferienhaus auf ihrem Grundstück für die Flüchtlingsfamilie zur Verfügung zu stellen. Dafür sollte man Frau und Herrn S. herzlich danken. Sie klatschte, kaum einer fiel in den Beifall ein. Man war offensichtlich sehr verblüfft. Ein ziemliches Volksgemurmel überwog. „Kommen sie doch einmal und sagen sie selber etwas!“ Sie winkte uns zu. Mein Mann stand auf und ging nach vorne. Mir war als würden dem Bürgermeister irgendwie die Gesichtszüge entgleisen aber er hatte sich sofort im Griff, er verzog nun keine Miene mehr und versteinerte. Ich blickte mich um. Der Kriminalkommissar sah

mich an und legte den Finger auf den Mund, man hatte uns also entdeckt. Der Notar war verschwunden. Ich hatte ihn doch gerade noch am Rand stehen sehen. Rainer nahm der Frau das Mikrophon aus der Hand und sprach zu den Leuten: „Liebe Einwohner, Sie kennen uns nicht, aber Sie wissen bestimmt alle, wo wir unser Häuschen bauen, auch dass es kurz vor seiner Vollendung steht. Sie kennen sicher auch den Vorbesitzer des Grundstückes und sein liebevoll gepflegtes und gut erhaltenes Ferienhäuschen. Wir nennen es Hexenhäuschen wegen seines spitzen Daches. Es ist tadellos in Schuss, heizbar und groß genug für eine kleine Familie, außerdem ist es ausreichend möbliert. Kurz: Es wäre sofort beziehbar. Wir brauchen es nicht, denn wir werden ja in unser geräumiges, neues Haus einziehen. Der Garten ist für alle gewiss groß genug und das Umfeld ein kleines Paradies, aber das wissen Sie ja,

deshalb sind wir auch nach reiflicher Überlegung und langem Suchen hergekommen. Gerne bieten wir unser Hexenhäuschen an. Morgen schon könnten die neuen Bewohner einziehen. Wir würden das, (und jetzt lächelte mein Mann) sehr begrüßen, denn ab sofort wäre jemand auch auf dem Grundstück und keiner im Dorf müsse mehr wegen der Sicherheit unseres zukünftigen Zuhauses besorgt sein. So hat schließlich jeder etwas davon.“ (Rainer drehte sich nun um und lächelte dem Bürgermeister ins Gesicht) Die Frau vom Ausländeramt applaudierte und strahlte. Einige Leute klatschten nun ebenfalls. Mein Mann räusperte sich und sprach weiter: „Vermutlich wissen Sie es, die Älteren unter Ihnen ganz bestimmt, die Kinder lernen es vielleicht in der Schule: Es gab auch einen dunklen, schrecklichen Tag, ich meine insbesondere und ganz speziell den 9. November 1938, die Reichspogromnacht oder die

Kristallnacht. (Er holte nun einen kleinen Zettel hervor) Es wurden etwa 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume, sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. In diesem, Ihrem idyllischen Dorf, brannte damals ein Landwarenhaus. Es befand sich genau auf dem Platz, auf dem jetzt unser Hexenhäuschen steht. Sie werden das vermutlich wissen. Wenn nicht, dann haben sie etwas Wichtiges aus der Geschichte des Dorfes gerade eben lernen können. (Rainer lächelte etwas grimmig). Meine Frau und ich, wir waren heute im Archiv in G. und haben eine alte Zeitung entdeckt mit einem Bild des brennenden Landwarenhauses. Die Leute standen

davor, vermutlich vor Entsetzen gelähmt, eine Feuerwehr war nicht zu sehen. Ob wohl die jüdischen Eigentümer mit dem Leben davon gekommen sind? Wir wissen es nicht. Jedenfalls beabsichtigen wir, auf diesem Platz, der ja eher eine Gedenkstätte des Dorfes hätte sein müssen, als einem Hexenhäuschen als Bauplatz zu dienen, ein gutes Werk zu tun. Vielleicht können ja diese Menschen heute hier in Ruhe leben.“ Mein Mann legte das Mikrophon auf den Tisch vor dem Bürgermeister hin und kam zu mir auf seinen Platz. Es herrschte nun eine beklemmende Stille. Der Bürgermeister schien sich auf seinem Stuhl zu winden, denn er rutschte hin und her, auch lockerte er seine Krawatte. Ohne es zu wollen, erlöste die Dame von der Behörde den Mann, indem sie rasch das Mikrophon in die Hand nahm und sich noch einmal wortreich bedankte. Sie würde alles in die Wege leiten und die

Familie könne ganz sicher in kürzester Zeit in das Hexenhäuschen einziehen. Man müsse noch ein paar Formalitäten erledigen und vielleicht kurzfristig vorher noch einmal das Objekt inspizieren, ob noch etwas fehle. Sie animierte die Leute, noch einmal Beifall zu spenden und der anwesende Lokalreporter, den sie mitgebracht hatte, fotografierte alles. Er hatte auch schon vorher eifrig geknipst. Der Bürgermeister stand auf und rief ins Mikrophon, dass nun die Bürgerversammlung beendet sei. Eigentlich wäre es ja an ihm, auch noch etwas zu unserem Angebot zu sagen, aber er hatte es nicht drauf; er schien ziemlich entnervt zu sein, den Reporter wimmelte er ab. Die Frau von der Behörde kam noch zu uns, um sich zu verabschieden und flüsterte uns zu, dass ihr unser Bürgermeister irgendwie komisch vorkäme. Seine Reaktion erschien ihr unfreundlich und ablehnend. „So was“, sagte sie „die Leute sind einfach

manchmal unmöglich.“ Wir nickten und sahen uns um, wo wohl die beiden Kriminalkommissare geblieben waren. Wir konnten sie nicht entdecken. In dem Moment steuerte der Lokalreporter auf uns zu, scheinbar um mit uns ein kleines Interview für die regionale Tageszeitung zu führen. Zunächst dachte ich, dass Rainer den Mann kurz abfertigen würde, aber ich irrte mich. „Ich hätte da vielleicht eine sehr interessante und aufschlussreiche Geschichte für Sie, vorausgesetzt Sie haben noch etwas Geduld und begleiten mich, denn die Zeit wird knapp. Das Beste wird sein sie fahren bis zum Dorfausgang und warten dort bis wir kommen. Es wird nicht lange dauern.“ Der Reporter nickte, die Männer gaben sich die Hand. Bis gleich. „Das wird unser Zeuge,“ sagte mein Mann zu mir. „Er wird uns heute Nacht begleiten.“ Anschließend fuhren wir mit dem Pressemann im

Auto ins Hotel, um auszuchecken und alle Sachen zu holen. Dann düsten wir nach Hause in unsere Wohnung. Mein Mann wollte mich dort absetzen und die Tüte mit dem Beweismaterial dort sicherer deponieren, als in diesem Hotelsafe. Dem Reporter erzählte er während der Fahrt nur das Allernötigste. Der Mann war sofort Feuer und Flamme und versprach jede denkbare Unterstützung, auch wenn es später noch Recherchebedarf geben würde. Da hätte er Möglichkeiten. Er schien eine Mordsstory zu wittern und das war sie ja auch. „Du musst nicht mitkommen,“ sprach Rainer zu mir gewandt. „Ich will nur den Kerl ertappen. Glaube es mir, heute Nacht wird etwas passieren. Mindestens die Waffen werden fortgebracht werden, und genau das werde ich beobachten und auch erfahren, wo man sie hinbringt. Gut, dass wir nun einen Außen-stehenden, einen Zeugen dabei haben

werden.“ Ich sagte ihm, dass ich selbstverständlich mitkäme. „Wir werden das gemeinsam zu Ende bringen.“ Ich hätte ohnehin nicht schlafen können, während mein Mann sich Gefahren aussetzte, außerdem würde ich vielleicht nützlich sein können, wenn es hart auf hart käme. Doch daran mochte ich gar nicht denken. Inzwischen waren wir zuhause angekommen. Rainer rannte mit der Tüte nach oben, während der Reporter und ich im Auto warteten. Es dauerte nicht lange und er sprang wieder ins Auto, um mit uns zum Wald zu fahren, in dem wir schon einmal auf der Lauer lagen. Wir saßen nun im Dunkeln im Auto und alles war ruhig, auf unserem Grundstück bewegte sich nichts. Es war außerhalb des Waldes ziemlich hell, denn der Mond war aufgegangen und der Himmel wolkenfrei. Jetzt hieß es warten. *

die bürgermeister

Die Burmeisters wohnten schon immer in diesem Dorf. Sie waren eine angesehene Familie mit vier Kindern und lebten von dem Lohn, den der Vater vom gnädigen Herrn, dem Gutsherren des Landgutes, als Gutsinspektor erhielt. Die Mutter musste schwer arbeiten, denn Kinder und Haushalt, auch der Garten und das Kleinvieh lagen in ihrer Verantwortung. Die Kinder wurden angehalten, dabei kräftig mit zuzugreifen. Einfach war dieses Leben nicht. Hans Burmeister war der älteste Sohn, er war fast erwachsen, als sich das Leben im Dorf zu verändern schien, und das war auch nötig, fand er. Das ewige „Jawohl, gnädiger Herr, immer zu Diensten“ des Vaters, wenn der Gutsherr nur einen Furz ließ, war dem jungen Burmeister höchst zuwider. Die Leute im Dorf waren ihm zu unterwürfig, zu beschränkt, zu leicht zufrieden zu stellen. Sie waren arm und schienen

das zu akzeptieren für alle Zeiten. Nur die Leute im Landwarenhaus hatten ein besseres Leben. Diese Juden wohnten in einem guten Haus, hatten offensichtlich mehr Geld und standen nur hinter dem Ladentisch. Sie mussten nicht im Dreck wühlen und sie gingen auch nicht in die Kirche. Sie grinsten einem frech ins Gesicht in ihren feinen Kleidern. Wer weiß, was die machten, um so leben zu können? Hans Burmeister hörte von einer Jugend-Bewegung, die neuen Wind ins Land bringen wollte. Man konnte dieser Bewegung leicht beitreten, sie nannte sich Hitlerjugend. Er schrieb sich ein und bekam eine schneidige Uniform. In der Stadt wären schon viele junge Menschen dabei, hieß es. Nun gehörte Hans Burmeister dazu. Er besuchte Veranstaltungen und las alles, was an Material angeboten wurde. Hier konnte man die Wahrheit über diese Juden nachlesen, alles über ihre Charaktere, über ihre Lebensweisen. Im Januar 1937 forderte der

„Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler erstmals öffentlich die „Entjudung Deutschlands“, die das 25-Punkte-Programm der NSDAP 1920 als Ziel benannt hatte. Sie könne am besten durch Mobilisierung des „Volkszorns“ erreicht werden. Im Oktober wies das „Kampfblatt“ der SS, Das Schwarze Korps, auf die angeblich unge-schmälerte Macht der Juden in Handel und Industrie hin. Diese sei nicht länger zu dulden: Heute brauchen wir keine jüdischen Betriebe mehr, hieß es. Hans Burmeisters Denken bewegte sich völlig auf dieser Linie, er wollte auch etwas tun und zwar ganz speziell in seinem Heimatdorf. Hier schien dringender Handlungsbedarf zu sein. Wer brauchte schon ein jüdisches Landwarenhaus? Hans verspürte hemmungslosen „Volkszorn“ . Er erhielt eine Botschaft, an welchem Tag sich sein Volkszorn zu entladen hatte. Es war der 9. November 1938. In dieser Nacht ging das Landwarenhaus in Flammen auf. Die Feuerwehr

konnte nicht ausrücken, weil keine Pferde zur Verfügung standen. Der Pastor und der Küster läuteten die Feuerglocken bis ihnen die Puste ausging. Alle Dorfbewohner waren auf den Beinen, um sich den Brand voller Entsetzen anzuschauen. Sie waren gelähmt, sie konnten nichts tun, sie taten nichts, sie standen und rissen die Mäuler auf. Das große Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder, ein Fotograf aus der Stadt machte ein Bild für die Zeitung. Die jüdische Familie war verschwunden. Keiner wusste etwas. Man munkelte, der gnädige Herr hätte ihnen, gegen viel Geld versteht sich, geholfen, außer Landes zu gelangen. Das Leben und Unheil nahm seinen enthemmten Lauf, die Menschen rannten mit viel Hurrageschrei ins Verderben, immer auf den Endsieg hoffend. Hans meldete sich an die Front. Er begehrte, etwas für seine Heimat zu tun. Eine Granate traf sein Bein, er erhielt einen

Orden und wurde, angefüllt mit Hass auf die Untermenschen, auf den Russen, in die Heimat geschafft. Sein Glück war ihm inmitten des Sterbens nicht bewusst. Man musste vorsorgen und die Heimatrettung eben anders einleiten. So bezog er Posten als Bürgermeister in seinem Dorf, um dort alles zu regeln im Sinne des Führers. Er heiratete die Schwester seines Banknachbars aus Schulzeiten, Richard B. Sie war ein gutes deutsches Mädchen und würde ihm einen prächtigen arischen Sohn zur Welt bringen, und sie würde für ihn kochen, putzen und die Wäsche richten, auch ein Stück Gartenland blieb für sie zur Bearbeitung. Der Familie ging es relativ gut und auch der Schwager Richard, ein sehr guter Handwerker, bekam vom Essen etwas ab. Man war kein Unmensch. Als Bürgermeister des Ortes konnte man sich bestens durchschlagen. Die Leute waren nicht aufmüpfig, sie parierten. Das Grundstück, auf

dem das Landwarenhaus einst stand, gehörte nun dem tüchtigen Hans Burmeister. Es wurde ihm „rechtmäßig“ übereignet. Als sich der Krieg Nazideutschlands dem Ende entgegen neigte, sorgte sich Hans wieder und wieder um seine Heimat. So schaffte er etliche Kisten mit Waffen und Munition aus Wehrmachtsbeständen in das Gewölbe unter dem abgebrannten Landwarenhaus. Von hier aus würde er die Russen in die Flucht schlagen, falls sie es denn wagten, ins Land zu kommen. Sie wagten es und wie. Sie nisteten sich im Gutshaus ein, der gnädige Herr war vorher getürmt, die feige Sau. Hans würde so etwas nie in Erwägung ziehen. Er versteckte seine Uniform, seinen Orden und das Parteibuch am sicheren Ort, im Keller des jüdischen Kaufhauses. Es nützte nichts. Hans Burmeister wurde nach Sibirien verbannt und das mit nur einem Bein. Das andere war ja schon in diesem gottverdammten Kommunistenland geblieben.

Vorher konnte er noch schnell seinem Schwager Richard das Grundstück und das Geheimnis darunter ans Herz legen. Der war nun dazu verdammt, es zu schützen. Hans Burmeister hatte einen Sohn, Gerhard war sein Name. Er wartete auf die Rückkehr seines Vaters, aber die Russen waren hart. Es dauerte einige Jahre bis die Kriegsgefangenen allmählich Nachhause geschickt wurden. Man wollte sie bessern, sie erziehen, ihnen das Nazigedankengut austreiben und das kommunistische Denken einbläuen. Im Großen und Ganzen gelang das eher nicht. Die Männer taten aber so, als sei die Umerziehung erfolgreich. Man lernte sich anzupassen, um etwas zu erreichen, den Heimatschein zum Beispiel. Hans schaffte das. So stand er eines Tages vor der Tür seines ehemaligen Bürgermeisterbüros. Es war verweist. Das Land hieß jetzt DDR und behauptete sozialistisch zu

sein. Es gab keinen Bürgermeister, aber eine LPG. Im Gutshaus wohnten Flüchtlinge und alte Witwen. Hans humpelte mit seiner Krücke durch das Dorf zu seinem Grundstück. Die Ruine war fast abgetragen, die verbliebenen Steine sauber aufgestapelt. Die Wiese des Gartens war gemäht., eine Ziege weidete auf ihr und meckerte leise. Hans ging zum Gasthaus, es sah verlassen und verlottert aus. Erst dann begab er sich zu seinem Haus, dem Haus des Bürgermeisters. Es schaute eigentlich recht gut aus, im Vorgarten standen ein paar Sonnenblumen. Die Haustür war verschlossen. Er setzte sich auf die Bank davor und blickte die Dorfstraße entlang, Hans Burmeister war sehr müde. Seine Frau und ein großer Junge kamen auf ihn zu gerannt. Sie blieben erschrocken stehen, als hätten sie ein Gespenst vor sich sitzen. Schließlich umarmten sie sich und gingen ins

Haus. Es dauerte lange, bis sich Hans wieder eingewöhnte. Sein Hass war ihm nicht nur erhalten geblieben, er war gewachsen. Er beabsichtigte, ihn an seinen Sohn weiter zu geben. Das Geheimnis wurde von Richard gehütet. Hans Burmeister musste sich in der sogenannten DDR einleben, er passte sich an und es gelang ihm, auch auf Grund fehlender Männer, wieder Bürgermeister zu werden. Er verschenkte das Grundstück der Juden samt seiner unheilvollen Altlast großzügig an seinen Schwager und lebte unter anderer Fahne und anderen Parolen ziemlich sorgenfrei. Richard B. erbaute in jahrelanger und mühevoller Kleinarbeit das Hexenhäuschen und bewachte dabei das Gewölbe. Als Hans Burmeister in Rente ging, wurde sein Sohn Gerhard der Bürgermeister des Dorfes. Er regierte mit eiserner Sozialistenfaust im Sinne

Erich Honeckers, im Herzen aber war der Führer vergraben, auch den Hass des Vaters hatte es infiltriert. Dieser weihte ihn in das Familiengeheimnis unter dem Hexenhaus ein. „Wer weiß wozu es gut ist, wer weiß wozu,“ sagte der Alte oft. „Du musst meinen Enkel Georg in unserem Sinne erziehen, damit der Führer nicht vergessen wird. Du darfst ihn nicht den Kommunisten ausliefern.“ So sprach er und so geschah es. Georg Burmeister wurde geprägt und leider war er nicht der einzige. Die treuen Nazis sorgten dafür, dass schlimme Ideologien lebendig blieben, und das bis zum heutigen Tag. Gerhard Burmeister kam im Sozialismus schnell an die Quellen des Bösen, an und in das Geheime. Er fand Zugang zur totalen Überwachung und Kontrolle, er schloss sich der Staatssicherheit an, und so konnte ihm in seinem Dorf nichts entgehen; nur war ihm dabei entgangen, dass die Leute sich zurückzogen und in seiner Gegenwart

nur Belanglosigkeiten ausgetauscht wurden. Die Menschen waren nicht frech und aufmüpfig, aber sie waren auch nicht blöd. Sie waren nur zurückhaltend und arrangierten sich, wie immer und zu allen Zeiten. Man muss leben. Dann kam die Wende, leider auch mit Wendehälsen, Gerhard gehörte dazu. Er bereitete den Bürgermeisterposten für seinen Sohn Georg vor. Nun musste man nicht mehr so tun als wäre man ein „guter“ Kommunist. Die Kirche erlebte eine ungeahnte Renaissance. Burmeisters entdeckten ebenfalls den lieben Gott. Die Leute gingen wieder in die Kirche, wenn auch die zu entrichtende Kirchensteuer vielen nicht passte. Einige traten aus und besuchten trotzdem den Gottesdienst. Jeder war sich selbst der Nächste im Paradies der ländlichen Idylle, denn die kleinen Betriebe und die LPG machten Pleite. Der liebe Gott half da nicht wirklich, aber beten schade nicht, sagten sie

sich. Georg beabsichtigte, über die Gemeinde natürlich, das Grundstück mit dem Hexenhäuschen von Onkel Richard zu kaufen. Er hatte Pläne und Ideen. Man könnte hier eine neue Zelle für Führer und Vaterland errichten, die Jugend auffangen, die nach der Wende missmutig herumlungerte, doch Richard wollte nicht. Der verdammte Trottel verkaufte an Fremde und die wollten sich hier wirklich häuslich niederlassen und würden am Ende das Geheimnis entdecken. Das ginge gar nicht. Er würde es zu verhindern wissen, notfalls mit Gewalt. Der Schein musste gewahrt bleiben. Die öffentliche Ehre eines Bürgermeisters ist unantastbar. *

unter verdacht

Das Warten will gelernt und gekonnt sein, dazu kam, dass uns nichts entgehen durfte. Eine Stunde vor Mitternacht kam langsam, nur mit Standlicht, ein Transporter gefahren. Wir waren sofort hellwach, das Logo des Gasthauses war im Mondschein gut zu erkennen. Was wollte denn der Kneipier bei uns? Mein Mann meinte, wir sollten abwarten und besser noch nicht fotografieren, denn es bestand die Gefahr, dass das Blitzlicht entdeckt würde. So beobachteten wir gespannt, was passierte. Vier Männer sprangen aus dem Fahrzeug und sie luden zwei Sackkarren aus. „Hab' ich es nicht geahnt, nein ich wusste es, die holen jetzt die Kisten mit den Waffen!“ Mein Mann sprang aus dem Auto, verließ aber nicht den Schutz der Bäume. Der Reporter stand schon hinter einem Baum mit gezückter Kamera. Als die Männer uns den Rücken

zuwandten und gerade unseren Garten betraten, drückte er ab. Sie schienen den Blitz nicht bemerkt zu haben. Wir sollten näher herangehen, meinte er. Wir wussten nicht, dass die Polizei auf unserem Grundstück auch im Hinterhalt lauerte und alles beobachtete. Natürlich hatten sie auch unser Kommen bemerkt. Mein Mann und der Reporter entschlossen sich, da die Männer verschwunden waren, näher an unser Grundstück heran zu gehen. Ich musste im Auto bleiben und telefonisch warnen, wenn ich etwas Verdächtiges bemerken sollte. Jetzt kamen die zwei Männer, jeweils mit einer beladenen Sackkarre, zum Transporter. Ich sah wie sich mein Mann und sein Begleiter lang hinschmissen, um nicht entdeckt zu werden; dies war offensichtlich nicht geschehen. Zum Glück! Einen Augenblick schien mein Atem auszusetzen. Die Männer beluden den

Transporter mit den Kisten, sie waren wohl sehr, sehr schwer, und gingen wieder zurück, vermutlich, um weitere Ladungen zu holen. Mein Mann und der Reporter waren aufgesprungen und rannten nun zum Auto mit den Kisten, dessen Türen offen standen. Ich sah einen Blitz und die auf den Wald zu laufenden Männer. Keuchend kamen sie an. Just in dem Augenblick erschienen wieder die beiden Kerle mit den Karren, beladen mit weiteren Kisten. Das war sehr knapp, um ein Haar wäre die Sache schief gelaufen. Nicht auszudenken! „Es sind die Kisten mit den Waffen,“ sagte mein Mann „und jetzt warten wir, wohin sie gebracht werden. Der Bürgermeister war nicht dabei aber die anderen zwei Typen, die kenne ich,“ meinte er böse. „Sie waren auf der Bürgerversammlung. Ich sah sie mit diesem Bürgermeister zusammen stehen als die Veranstaltung beendet war. Ich werde sie mit Sicherheit wieder erkennen.“

Der Pressemann schaute sich auf dem Display der Kamera kurz seine Bilder an und meinte, dass man die Männer nur von hinten sehen würde, aber sie betreten das Grundstück mit ihren Karren. Auch die Bilder vom Transporter und den geladenen Wehrmachtskisten wären prima. Allein das wäre schon eine gute Story, schloss er befriedigt seine Bemerkungen. „Langsam. Langsam. Wir müssen noch sehen, wo sie versteckt werden. Die Gefahr entdeckt zu werden, ist noch nicht vorbei.“ Mein Mann hatte Recht, mal abgesehen davon, dass der Auftraggeber hier noch nicht in Erscheinung getreten war. Es dauerte noch eine weitere Stunde, bis endlich alles im Transporter verladen war und die Männer ins Auto stiegen. Wir mussten mit Abstand hinterher zuckeln. Ich hatte große Angst, dass sie uns im Rückspiegel bemerken würden. Wir fuhren am Gasthaus vorbei. Auf

einmal war der Transporter weg, wir sahen ihn nicht mehr. Was nun? Wir blieben stehen, Rainer machte den Motor aus und stieg aus dem Auto. Plötzlich hörten wir in der Stille Autotüren klappen und Männerstimmen. „Du bleibst hier. Wir gehen hin. Kommen Sie.“ Rainer ging ohne eine Antwort abzuwarten in Richtung der Stimmen und Geräusche, der Reporter folgte ihm. Ich saß im Auto und sollte wieder einmal warten. Als ich einen Blick in den Rückspiegel warf, sah ich einen PKW ohne Licht anrollen, und ehe ich weiterdenken konnte, stand schon ein Mann neben unserem Auto und öffnete die Tür. „Steigen Sie aus.“ sagte eine Stimme streng und man hielt mir einen Ausweis vor die Nase, auf dem ich nichts erkennen konnte, aber den Mann erkannte ich jetzt schon. Es war Kommissar Brinkmann. Er fasste mich am Arm und veranlasste mich in das Polizeiauto einzusteigen. „Sagen Sie jetzt nichts, sie werden auf dem

Revier vernommen und ihren Mann holen wir jetzt auch noch.“ „Bin ich verhaftet, was habe ich denn verbrochen. Wir haben nichts getan. Wir wollen nur eine kriminelle Handlung aufklären,“ sagte ich empört. Wir stünden kurz davor und man solle es nicht vermasseln. Das war dem Beamten entschieden zu frech, wie es schien. Er sagte nur, dass alles geklärt werden würde, nur nicht von uns, und ich möge jetzt still sein. Ich bekäme noch ausreichend Gelegenheit zu sprechen. Dann rannte er in die Richtung, in der mein Mann mit dem Reporter verschwunden war. Ich wollte aussteigen, aber der Fahrer des Polizeifahrzeuges hatte die Tür verriegelt. Ich war also gefangen und musste ausharren. Plötzlich hörte ich eine Sirene und sah kurz darauf drei Polizeiwagen mit Blaulicht vorbei sausen. Der Kommissar kam kurz darauf mit meinem Mann um die Ecke, der Reporter war nicht dabei. Die Autotür öffnete sich und Rainer

nahm neben mir auf der Rückbank Platz. Er sagte nichts. Ich auch nicht, aber ich tastete nach seiner Hand, er drückte sie. Man verdächtigte uns. „Wir können alles aufklären“, sagte mein Mann. „Das hoffen wir,“ meinte Brinkmann. Man brachte uns zum Polizeirevier. Dort saßen wir nun, zum Glück nicht jeder alleine, in einem Verhörraum. Wir erhielten eine Tasse Kaffee, immerhin war es schon drei Uhr in der Frühe. Wir hatten wohl alle einen guten Kaffee bitter nötig, auch der Kommissar sah blass und übernächtigt aus. „Was genau wird uns zur Last gelegt?“ Rainer musste sicher alle Kräfte zusammen nehmen, um so beherrscht zu fragen. Brinkmann räusperte sich. „Sie haben die Polizeiarbeit erheblich beeinträchtigt und gefährdet und wir beschuldigen Sie, Beweis-material unterschlagen zu haben. Wir fanden in Ihrer Wohnung eine

Wehrmachtspistole und einen silbernen jüdischen Leuchter. Darüber hinaus befanden Sie sich vermutlich an einem Tatort, ohne uns zu informieren. Sie waren auch in der Wohnung von Richard B.. Soll ich die Liste fortsetzen?“ In dem Augenblick klingelte sein Handy. Er ging aus dem Raum. „Wir haben nichts Schlimmes gemacht, sei ganz ruhig“, flüsterte mir Rainer zu. Ich konnte nur nicken und etwas zittrig einen Schluck aus der Kaffeetasse nehmen. Brinkmann kam wieder in den Verhörraum. „Wir müssen Sie hier behalten und werden die Vernehmung morgen fortsetzen.“ Mein Mann sprang auf. „Auf ihrem Grundstück haben wir im Keller ihres Hexenhäuschens die Leiche Ihres Architekten gefunden.“ Rainer schrie: “Aber wir sind doch nicht sein Mörder!“ Es half nichts, man brachte uns jeweils in eine

Übernachtungszelle, in denen vermutlich sonst die Verbrecher untergebracht wurden oder volltrunkene Leute zur Ausnüchterung. Es war einfach schauderhaft.

verhöre

Ich verbrachte eine schreckliche Nacht, wenn auch nicht ganz ohne Schlaf, denn die Anstrengungen und Aufregungen hatten mich ziemlich fertig gemacht. Komatös musste ich auf der unbequemen Pritsche schließlich gelegen haben, bis mich jemand rüttelte und mir ein bescheidenes Frühstück hinstellte. Sie werden gleich zur Vernehmung geholt, hieß es. Ich wusste nicht viel, aber was ich wusste, sagte ich nun. Die Anwesenheit des Reporters, unseres Zeugen, erwähnte ich auch. Man befragte mich nach seinem Namen. Ich wusste ihn nicht, was mir peinlich war. Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Er wäre bei der Bürgerversammlung gewesen und hätte laufend alles fotografiert. Ich erzählte, wie wir uns kennengelernt und ihn gewonnen hatten, die Beobachtungsaktion zu begleiten. „Er wird vermutlich in der Zeitung darüber

berichten, denn er hat die Verbringung der Waffenkisten mit der Kamera festgehalten, auch die Männer und das Auto des Gastwirtes, vielleicht hat er auch ein Bild von dem großen Polizeieinsatz.“ „Was meinen Sie, wie kommt die Leiche Ihres Architekten in den Keller ihres Hauses?“ fragte der Kommissar. Ich sagte ihm, dass ich gar nicht wusste, dass er tot war; nur dass er sich nicht auf dem Handy gemeldet hat, war mir bekannt. Er hat rein zufällig etwas herausbekommen, meinte ich. Er muss die Waffenkisten gesehen haben, er wird unten in dem Gewölbe gewesen sein, aber wie er nun dorthin gekommen ist und wer ihn getötet hat, dazu konnte ich wirklich nichts sagen. Ich wusste es nicht. „Wie ist er denn umgekommen, der arme Mann und wann ist das geschehen, man muss es doch feststellen können?“ „Wir ermitteln noch, aber er ist mit einer alten

Wehrmachtspistole erschossen worden. Eine solche haben wir in ihrer Wohnung gefunden.“ Ich war nahe daran, vom Stuhl zu fallen. Das kann nicht sein, in meinem Kopf rasten die Gedanken. Verdächtigen die etwa meinen Mann? Der würde keiner Fliege etwas zuleide tun, und warum sollte er so etwas machen? Es gäbe nicht das geringste Motiv; ausserdem hätte es gemerkt. Rainer war nur einmal da unten in diesem schrecklichen Keller, und da war kein Mensch, kein Architekt, da standen nur die Waffenkisten und die mit den Sachen aus dem Warenhaus. Der Kommissar musste gesehen haben, wie es um mich nach dieser Eröffnung bestellt war, denn er fragte besorgt, ob mir schlecht sei, ob ich etwas trinken wolle. Nein ich wollte nichts trinken. Den Architekten hätte ich in der Nacht, als mein Mann entführt wurde und ich ihn befreite, im oberen Schlafzimmer des Hexenhäuschens gesehen und zwar lebendig.

„Ich habe ihm noch die Fesseln durchschnitten. Er lag dort. Wir haben vom Teppich eine Probe mit seinem Blut daran. Frage Sie den Notar, der war auch in diesem Raum. Auch ihm habe ich schnell die Fesseln durchtrennt, bevor wir abgehauen sind.“ Ich hatte mich in Rage geredet. Der Kommissar meinte trocken, dass aus der Pistole, die man bei uns fand, nicht geschossen worden sei. Ich solle mich deshalb nicht aufregen. Na, der hatte gut reden. „Wann haben Sie in dem Hotel eingecheckt. Sie sagten ja, dass Sie in einem Hotel übernachteten, nachdem Sie aus dem Hexenhäuschen flüchteten?“ Ich überlegte angestrengt, denn mir war klar, dass das ein ganz wichtiges Detail war. Es muss zwischen sieben und acht Uhr morgens gewesen sein. Die Rezeption würde es besser wissen, sagte ich, denn meine Auskunft sei nicht so präzise. Man sagte mir in diesem Verhör nicht,

wann der Architekt genau erschossen wurde. Ich erfuhr es erst später. Ich musste nach dieser Befragung eine unerträglich lange Zeit warten und war voller Sorge, was nun mit mir und meinem Mann passieren würde. Brauchten wir einen Anwalt? Ich kannte keinen. Wir hatten ja auch nichts verbrochen. Ganz im Gegenteil. Bliebe ich bei der Wahrheit, würde sicher alles aufgeklärt werden, sagte ich mir in einer beispiellosen Naivität. Ich hätte mich gerne mit Rainer über das alles verständigt, aber ich musste in diesem grässlichen Zimmer in Ungewissheit ganz alleine hocken. Vermutlich würde ich durch diesen Spiegel beobachtet. Man kennt das aus den Filmen. Das war für mich Unschuldslamm eine Folter. Ich nahm mich zusammen und gab mich gelassen. Keiner sollte sich an meiner Angst weiden. Darüber hinaus war ich furchtbar empört und wütend, dass wir verdächtigt

wurden. Rainer wurde parallel vernommen. Er sagte auch nichts anderes aus, als ich. Dass er die Beweise in unsere Wohnung aufbewahrt hatte, musste er als großen Fehler eingestehen. Man nahm ihm übel, dass er offensichtlich so gar kein Vertrauen in die Polizeiarbeit erkennen lasse. „Da haben Sie nicht ganz unrecht“, sagte Rainer. „Ich habe kein Vertrauen. Woher soll es auch kommen, wenn ein Bürgermeister, eine Amtsperson, die Entführung mehrerer Menschen praktiziert, um die ungeheuerlichsten Dinge zu vertuschen, die man sich nur vorstellen kann. Meine Frau hat die Polizei umgehend verständigt, aber die sofortige Hilfe mussten wir vermissen. Sie hätten doch eine Streife zum Gasthaus schicken können oder zu unserem Grundstück. Man hätte den Entführer dingfest machen können, in flagranti. Wir mussten uns alleine behelfen und das war höchst gefährlich, was denken Sie

denn.“ Mein Mann setzte noch eins drauf: „Sie hätten uns auch nach der Bürgerversammlung ansprechen müssen, sie hätten uns davon abhalten können, ihre Polizeiarbeit zu gefährden. Das lag doch in Ihrer Hand. So musste ich mir andere Hilfe suchen, einen Zeugen, den Reporter nämlich, der die Fotos machte und damit verschwinden konnte, als Sie mich vor dem Bürgermeisterhaus wegfingen und einsperrten. Ich hoffe, dass Sie die Kanaille Georg Burmeister auch verhaften konnten? Auch diesen unsäglichen Notar und die tüchtigen Helfershelfer, die Kistenschlepper?“ Rainer war kurz davor, vor Wut zu platzen, er verstand auch nicht, wessen er verdächtigt würde. Aus welchem Grund wohl sollte er diesen bedauernswerten Architekten, der alles ins Rollen brachte, abmurksen? Die Herren Kriminalisten antworteten nicht,

denn sie erkannten auch kein Motiv, und aus der gefundenen Waffe war nicht geschossen worden. Der Todeszeitpunkt des Architekten war ziemlich genau festzustellen; der Tod war in der Tat erst eingetreten, nachdem wir abgehauen und unterwegs zum Hotel waren. Aber wer war es? Zumindest jemand, der so eine alte Waffe besaß und damit umzugehen verstand, und, selbstverständlich, einer, dem das Wissen des Architekten schaden konnte. Die Tatwaffe war noch nicht gefunden. So wurde festgelegt, dass der Keller ratzekahl leer zu räumen sei. Sie hatten den Bürgermeister ebenfalls festgenommen und die Helfershelfer auch. Die waren schließlich gerade dabei, die Kisten ins Burmeisterhaus zu tragen. Es sollte wohl dort so eine Art Zwischenlager angelegt werden. Herr Burmeister sagte aus, dass er das gefährliche Gut der Polizei selbstverständlich umgehend übergeben wollte. Er könne nicht

verantworten, dass die armen Flüchtlinge über diesem Waffenlager leben sollten. Ihre armen Kinder! So musste er schnell handeln, um Schlimmes zu verhindern. Ja, es war damit ein Betreten fremden Eigentums verbunden, aber die Kisten mit dem gefährlichen Inhalt wären doch nicht in den Besitz dieses Ehepaares übergegangen, falls der Alteigentümer nichts gesagt habe? Doch in dem Fall hätten die Leute unbedingt die Polizei einbinden müssen. „Was sagen Sie zu dem Entführungsvorwurf und woher wussten Sie von dem geheimen Kellerinhalt?“ „Entführung? Das ist aus der Luft gegriffen. So etwas würde ich nie tun. Die Leute haben sich alles nur ausgedacht, um sich in Szene zu setzen, sie wollten sich halt wichtigmachen (er tat sehr entrüstet). Die andere Frage: Herr Richard B. hat es mir

anvertraut. Er wollte sich wohl vor seinem Tode erleichtern. Ich hörte, dass er sich umbringen wollte. Entsetzlich. Ich war bei ihm, um ihn zu besuchen. Da erzählte er mir von den Kisten. Das war genau an dem Tag der Bürgerversammlung. Ich musste doch handeln, als die Leute das mit der Flüchtlings-unterbringung vorschlugen. Ich bitte Sie. Ich habe Verantwortungsbewusstsein und handle, wenn es brennt.“ Die Kriminalkommissare setzten den Bürgermeister auf freien Fuß, auch wir durften gehen. Man untersagte uns, vorläufig unser Grundstück zu betreten, auch die Bauarbeiten an unserem Haus mussten gestoppt werden. Die Flüchtlingsfamilie müsste sich noch ein wenig gedulden, man würde sich aber beeilen und kurzfristig Bescheid geben. Einige Verhöre fanden noch statt, doch sie führten irgendwie ins Leere. Die Helfershelfer

wussten nichts von einer Entführung. Sie waren nur gebeten worden, die Kisten aus dem Keller zu holen und sie in das Haus des Bürgermeisters zu bringen. Es musste doch wegen der Flüchtlinge schnell gemacht werden, sagten sie mit Unschuldsmienen. Den Architekten kannten sie nur vom Sehen. Im Dorf kennt man sich und wer im Gasthof wohnt und isst, den sieht man halt dort sitzen. Der Gastwirt war auch nur eine reine und gute Seele, die einfach helfen wollte und das Fahrzeug zur Verfügung stellte. Man hilft, wo man kann. So tappten die Kriminalbeamten im Dunkeln. Drei Hoffnungen hatten sie allerdings noch: Das Finden der Tatwaffe und anderer Hinweise, durch die Räumung des Kellers, Erkenntnisse aus der Vernehmung des Notars, den man erst einmal ausfindig machen musste, und schließlich hofften sie ein paar Informationen von Richard B. zu erhalten, der glücklicherweise

überlebte und vor der Entlassung aus dem Krankenhaus stand.

kriminalisten

Hauptkommissar Brinkmann und Kommissar Schneller, sein flinker, junger Mitarbeiter, waren ein wenig ratlos. Dieser Burmeister schien mit allen Wassern gewaschen zu sein und er hatte seine Leute, wie es aussah, gut im Griff. Dass er log, war aber nicht zu übersehen. Es gab Ungereimtheiten und die übereifrige Aktion bei Nacht und Nebel wäre bestimmt nicht nötig gewesen. Alles hätte am nächsten Tag, in Absprache mit den Grundstücks-eigentümern, in aller Ruhe ablaufen können. „Der Mann hat etwas zu verbergen“, meinte Brinkmann und rieb sich die Hände. „Wir werden das herausfinden. Sie machen den Notar ausfindig und fühlen ihm auf den Zahn, wenn er nicht kooperiert, dann bringen sie ihn aufs Revier. Ich werde ins Krankenhaus fahren, um dem alten Richard zu befragen. Dann sehen wir weiter. Die Gerichtsmedizin sprach auch

von einer Wunde am Kopf, die vor dem tödlichen Schuss herbeigeführt worden ist. Wenn das stimmt, was Rainer B. S. aussagte und ich neige dazu, ihm zu glauben, dann werden wir uns das Gasthaus näher anschauen.“ Er beauftragte die Spurensicherung, diese Aufgabe zu übernehmen. Brinkmann und Schneller waren verärgert, dass man ihnen so krass das Vertrauen entzog. Dieser Burmeister war daran nicht ganz unschuldig und so waren die beiden bestrebt, hier alles ganz genau zu beleuchten und zwar ganz ohne Ansehen der Person. Ein Mord in Verbindung mit einer Entführung und Auffindung von Naziwaffen in einem Raum mit offensichtlich jüdischem Eigentum, das war schlicht ein Skandal, ein richtiger Fall, und sie würden ihn lösen. Man musste noch den Pressefuzzi ausfindig machen, damit der nicht voreilig Geschichten in die Welt setzt. Brinkmann wollte sich nach dem

Krankenhausbesuch dieser Aufgabe widmen. Der Presse muss man auf die Finger klopfen, besonders, wenn sie mehr dem Täter nützt als der Aufklärung. Im Krankenhaus war zu erfahren, dass Richard B. bereits entlassen sei, eine ältere Frau habe ihn abgeholt. So musste der Kriminalist wieder abziehen, ohne etwas herausgefunden zu haben, auch ein Anruf in Richards Wohnung brachte nichts. Er konnte nur um Rückruf bitten. So entschloss er sich, den Reporter aufzusuchen, aber auch hier Fehlanzeige. Der Mann wäre zu einem Interview unterwegs, der ist an einer Story dran, hieß es. Brinkmann war ärgerlich aber es half nichts. Sein Handy war auch ausgeschaltet. Gibt es denn so was? Überhaupt, jetzt hatte er eine Idee: Man müsse auch das Handy des Bürgermeisters untersuchen. Die Geräte des Ehepaares S. waren gecheckt, das Ergebnis müsste eigentlich vorliegen. Er rief Schneller an. Die Anruflisten

lagen vor. Sie bestätigten nur die Angaben des Ehepaares S. Es war zum Mäuse melken. So nahm die Polizeiarbeit ihren Lauf. Die Spurensicherung hatte am Heizkörper im hinteren Gang des Gasthauses eine kleine Blutspur gefunden. Aha! Der Tote war also hier. Man müsse aber erst den Vergleich abwarten, sagten die Kollegen. Im Hinterzimmer gab es eine Menge Spuren und Fingerabdrücke, man würde sie vergleichen, aber was wäre damit bewiesen? Man muss unbedingt den Notar finden, wenn dieser auch im Hinterzimmer war und zudem im Hexenhäuschen, dann würde das den Verdacht der Entführung erhärten, aber nicht beweisen. Der Mord an dem Architekten blieb im Dunkel. Schneller hatte den Herrn Notar in seiner Kanzlei abgepasst, als der gerade abdampfen wollte, zumindest sah es so aus; denn die Mitarbeiterin meinte, dass er in den Urlaub fliegen wollte. „Sie haben echt Glück, ihn noch

anzutreffen.“ Das Glück der Tüchtigen! Schneller musste sich viel Hochnäsigkeit gefallen lassen aber bei der Androhung, er müsse jetzt zur Vernehmung mit aufs Revier kommen, wurde der Mann zugänglicher. „Sagen Sie mir doch bitte, was in der Nacht vom Samstag zum Sonntag passierte und ich bitte Sie bei der Wahrheit zu bleiben, denn wir ermitteln in einem Mordfall.“ „Ich wurde zu einer dringenden Beurkundung gerufen.“ „Wer war der Auftraggeber und wo sollte diese dringende Beurkundung stattfinden. Benennen Sie bitte auch, um welchen Sachverhalt es dabei genau ging.“ Der Notar machte wahrheitsgemäße Angaben. „Hatten Sie den Eindruck, dass die Anwesenden unfreiwillig das Grundstück und die darauf befindlichen Gebäude

veräußerten?“ „Nein.“ „Ist Ihnen der Zeitpunkt und der Ort, das Hinterzimmer eines Gasthofes, nicht befremdlich erschienen?“ „Nein, das kommt schon hin und wieder vor, wenn auch äußerst selten, aber der Käufer und der Verkäufer wollten es so.“ Der Kunde wäre König, fügte er lächelnd hinzu. „Haben Sie sich nicht gewundert, dass der Architekt des Ehepaares S, zugegen war?“ „Nein, denn das Eigenheim ist ja noch nicht ganz fertiggestellt. Wir brauchten ihn für die Bestätigung und eine fachliche Aussage bezüglich des Baufortschrittes war erforderlich.“ „Was passierte dann, denn ein Kaufvertrag ist ja nicht zustande gekommen?“ „Käufer und Verkäufer hatten einen unterschiedlichen Standpunkt, was den Wert des Ferienhäuschens anbelangte, so sind wir alle

dorthin gefahren, um es genauer und gemeinsam anzuschauen.“ „Waren sie im Inneren des Häuschens?“ „Ja, in allen Räumen, auch im oberen Geschoss.“ „Auch der Architekt?“ „Ja, der auch.“ „Wie erklären Sie sich, dass Blut dieses Mannes auf dem Teppich war?“ „Also das weiß ich jetzt wirklich nicht, vermutlich hat er sich irgendwie ein wenig verletzt.“ „Was passierte dann?“ „Eigentlich nichts Besonderes mehr, der Termin war geplatzt, der Verkauf fand nicht statt. Ich bin nach der Besichtigung dann sofort nach Hause gefahren und bin ins Bett gegangen.“ „Haben Sie dafür einen Zeugen“ „Nein, ich lebe allein.“ Schneller hatte sich eifrig Notizen gemacht. Man würde noch ein Protokoll über die Befragung anfertigen und um eine Unterschrift

bitten. Dann bedankte und verabschiedete er sich. Der Mann war aalglatt, so dachte Schneller. Für eine Entführung gab es von dem Mann keine Bestätigung. Brinkmann fuhr inzwischen zur Wohnung des Richard B., aber dort war niemand. Er befragte die aufmerksame Nachbarin, wer wohl Richard vom Krankenhaus abgeholt haben könnte. Wer war diese ältere Frau? Er erfuhr, dass es vermutlich Richards jüngere Schwester gewesen sein könnte, die alte Frau Burmeister. Sie wäre manchmal hier gewesen, um sich um den Bruder zu kümmern. „Wissen Sie, die mag ja kein schlechter Mensch sein, aber im Kopfe war sie wohl immer noch im Vorgestern. Die gehörte wohl zu den Frauen, die damals mit dem Messer gegen die Russen angehen wollten. Die deutschen Frauen wären treu und verlässlich, sagte sie immer.“ „Wo wohnt sie denn?“ fragte, nun doch neugierig geworden, der

Hauptkommissar. Die Burmeisters würden schon immer alle in dem Dorf wohnen, wo Richard sein Hexenhäuschen hatte. „Jetzt hat er es ja endlich verkauft. Er kann es nicht mehr bewachen. Der Mann ist einfach zu alt.“ „Wieso bewachen?“ „Ja, wissen Sie, der Alte hatte so einen Spleen von einem Geheimnis, was er hüten müsse. Dabei weiß man ja, dass damals auf diesem Grundstück ein Judenkaufhaus stand, welches diese furchtbaren Nazis abgefackelt haben. Das ist doch kein Geheimnis. Aber wie gesagt, der Richard war besessen davon.“ Brinkmann hatte genug gehört. Das Geheimnis von früher kannte er auch. Wer genau den Brand gelegt hatte, wusste er natürlich nicht und wer den Architekten umgebracht hatte, was der überhaupt damit zu tun hatte, das war ihm auch noch sehr rätselhaft.

der mord

Das Geheimnis bestand darin, dass die alten Nazis an ihrer Ideologie festhielten; und nicht nur das, sie gaben ihren Hass an die nachfolgende Generation weiter. Das Erstaunliche, er fiel auf nahrhaften Boden. Man fragt sich wie das sein kann, nach all den bekannt gewordenen schrecklichen Ereignissen, nach den fürchterlichen Kriegsfolgen? Wie kann sich eine derartige, menschenverachtende Einstellung so lange erhalten und warum wurde nicht einfach aufgeräumt und die verbliebenen Waffen, die Erinnerungen an das jüdische Leid, an das damalige Verbrechen nicht einfach hervorgeholt und in diesem Dorf der Bevölkerung als Mahnung vor Augen gehalten? Ich verstand es nicht. Eine einzige Familie, die Burmeisters, hüteten die historischen Gräuel wie einen heiligen Schatz und sie schienen zu hoffen, in diesem Sinne die Jugend erziehen zu

können. Was wollten die erreichen? Das Rad der Geschichte zurückdrehen? Sollte all das Schlimme von vorne beginnen, geschürt mit alten Hetzkampagnen, mit Ausländerfeindlichkeit, das sogenannte Deutschtum verherrlichend? Man wollte offensichtlich, wenn auch noch im Verborgenen unter dem Deckmantel der Demokratie, den Lauf der Welt aufhalten. Für meinen Mann und mich waren diese Leute gefährlich und dumm, intolerant, gestrig, man musste sie unbedingt aufhalten und durfte ihnen nicht gestatten, die Jugend zu verhetzen. Das funktionierte aber auch nur, weil die Politik für diese keine annehmbaren Perspektiven bot, und zwar in Form von Ausbildungsmöglich-keiten und Arbeitsplätzen. Nun kam alles ans Tageslicht, der Keller unseres Hexenhäuschens wurde ordentlich beräumt. Uns war das natürlich sehr recht. Man wird sehen, was damit zu machen ist. Ich hatte

da so einige Vorstellungen, vielleicht eine kleine Gedenkstätte. Die Kriminalisten fanden keine Mordpistole. Sie fanden aber Beweise für die Nazivergangenheit des Hans Burmeisters und dass er die Waffen dort sicher verwahrte. Dass er seine Familie veranlasste, das Geheimnis zu hüten, schien klar. Der Sohn Gerhard und der Enkel Georg Burmeister, wollten als Amtspersonen nicht in den Geruch kommen, etwas mit den Nazis zu tun zu haben. Man hätte sie vermutlich nicht auf diesen Posten dulden können, aber ich war der Meinung, sie hätten sich von der Vergangenheit und der verbohrten Einstellung des Großvaters ohne weiteres lösen können. Sie haben es nicht gekonnt oder gewollt. Sie wählten den Weg der Vertuschung. Das Warum ist mir unklar. Mein Mann und ich wollten aber auch wissen, wer unseren Architekten auf dem Gewissen hatte. Wer hat den Ärmsten erschossen, der

nichts verbrochen hatte, als dieses so lange gehütete Geheimnis unter unserem Hexenhäuschen entdeckt zu haben? War es nun dieser Georg Burmeister? Die Polizei hatte ihn wieder laufen lassen und auf unsere Anfrage nur gesagt, dass die von uns angezeigte Entführung bislang keine Bestätigung gefunden habe. Es gab dafür keine schlüssigen Beweise. Die sogenannten Zeugen hätten von einer Entführung nichts bemerkt. Wir standen somit als Deppen da, das war sehr bitter. So hatten wir auch die Idee, wenigstens den alten Richard noch einmal zu fragen. Vielleicht wusste der etwas, irgendetwas, was uns weiterbringen konnte. War es nun Intuition, reiner Zufall, gutes Timing, dass wir just zu dem Augenblick in unserem Dorf eintrafen, als sich ein weiteres Unheil anbahnte. Wir standen vor dem Haus, indem die Schwester Richards noch alleine wohnte. Sie hatte ihren Bruder aus dem Krankenhaus geholt

und beabsichtigte, mit ihm ein ernstes Wörtchen zu reden. Wie konnte er sich nur so davonstehlen, nachdem er das Familiengeheimnis preisgegeben hatte? Sie hatte ihn als Frau von Hans Burmeister, der so leiden musste im Krieg, ein Bein verlor und unter den Russen jahrelang in Sibirien schmachten musste, immer mit durchgefüttert, gut versorgt und sich auch später um ihn gekümmert. Und er hatte nichts anderes zu tun, als das Geheimnis zu hüten und aufzupassen, dass keiner die Waffen stiehlt. Ihr treuloser Bruder verkaufte an Fremde. Um sich zu drücken, vermutlich wollte er, dass alles ans Tageslicht geholt würde. Frau Burmeister war sehr zornig. Sie hatte es schon dem Architekten ordentlich gegeben, als sie ihn im Gewölbe am Boden liegend gefesselt vorfand. Wie jeden Morgen in aller Frühe war sie auch am Sonntag in den Keller gehuscht, um sich die Sachen zu betrachten, die die Juden dort gehortet hatten.

Ihr war es verboten, nur ein einziges Stück hochzuholen und zu verkaufen. Sie musste es versprechen. Hans war ja auch so manches Mal dort hinab gestiegen, um die schmucke Uniform, seine Orden und alles anzusehen. Man durfte die Dinge ja nicht ehren. Er saß dann immer auf einem Stuhl, die Pistole auf den Knien und starrte vor sich hin, der Ärmste. Hier war sein Reich, das Letzte was vom tausendjährigen für ihn noch vorhanden war. Da lag dieser schreckliche Mensch Er schaute sie an und bat sie darum, Hilfe zu holen. Die Polizei müsse kommen und sich das ganze Zeugs hier ansehen. „Sie sind kriminell, die ganze Brut ist kriminell“ rief er. Diese Burmeisters gehören hinter Schloss und Riegel. Er wusste nicht, wer die alte Frau war, er kannte sie nicht. Hätte er doch in der Situation den Mund gehalten, vielleicht hätte es genützt, vielleicht nicht. Die Frau ergriff die alte Pistole von Hans. Sie

war wütend und wollte dem Mann drohen, ihm zeigen, wozu eine deutsche Frau fähig ist, wenn ihre Familie beleidigt wird. Erschießen wollte sie ihn nicht, er sollte nur merken, dass er ihre Familie nicht angreifen darf, auch nicht mit Worten, außerdem wollte er sie einkerkern lassen. Diese guten Menschen. Sie war sehr zornig und drückte ab, bloß so, denn das alte Ding war ja weder entsichert noch geladen. Sie irrte sich. Der Mann sagte nichts mehr, er war sofort tot. Das hat er nun davon, sagte sie und ging nach Hause. Die Waffe noch in der Hand. Als sie es merkte, gerade kam sie am Dorfteich vorbei, warf sie das Ding dort hinein. Die Sonne war aufgegangen. Es war ein schöner Sonntag. Dann klingelte sie an der Haustür ihres Enkels Georg, der würde schon den Mann da unten wegräumen. Hans würde es so wollen. Georg fand ein Versteck. Das Versteck! Keiner wusste von ihm außer Richard, der Trottel. Der würde sicher nie dort runter gehen und er würde

ja auch nichts sagen. Dieses Ehepaar, diese fremden Leute müsste man noch gesondert behandeln. Er würde später noch eine andere Lösung finden und den Architekten eventuell woanders hinbringen, es gab Möglichkeiten. Jetzt wollte er schnell die Sache regeln. Seine Oma hatte vollendete Tatsachen geschaffen, er selber wusste vorher noch nicht so genau, was er mit dem Architekten machen sollte nach all dem Kram. Jetzt war das Problem erledigt. Er würde es beenden. So fuhr er ganz schnell zum Hexenhäuschen und vergrub den toten Architekten in einer Ecke, stapelte die Judenkisten darüber und weg war er. Etwas später wurde er unruhig, ihm war als hätte er dort unten etwas vergessen. So fuhr er noch einmal dort hin und traf auf die Polizisten, denen wir auch knapp entkamen. Georg wollte nur nach dem Rechten schauen in seinem Dorf. Die Polizisten haben es ihm abgenommen. Er war eine

Amtsperson. * Nun standen wir vor dem Haus der alten Frau, der Schwester von Richard. Was sie getan hatte, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Sie öffnete die Tür und sah uns misstrauisch an, hinter ihr erschien Richard. “Bringen Sie mich nach Hause, bitte!“ Er hatte angstvolle Augen. Wir nickten und mein Mann schob die Frau beiseite, um Richard seinen Arm anzubieten. Wir brachten ihn schnell in seine Wohnung. Vor der Haustür wartete unser Reporter. Er wollte Richard besuchen und das im Krankenhaus begonnene Gespräch fortsetzen. „Ich habe ihn dort nämlich besucht“, sagte er stolz. „Ja, kommen Sie ruhig auch mit rein. Ich werde Ihnen allen jetzt alles erzählen, was ich weiß“, sagte er. „Ich habe ein altes Tonband, wir können es aufnehmen. Ich bin so müde, ich glaube, ich mache nicht mehr lange. Meine

Schwester ist eine Hexe.“ Wir fanden das Tonband und zur Sicherheit nahm auch der Zeitungsmann alles auf. Richard erzählte, was seine Schwester getan hat. „Sie hat es mir selber gesagt. Sie ist verrückt“, meinte er. Sie sei eine Hexe. Man sollte sie einsperren, am Besten in ein Irrenhaus. Er berichtete auch, dass dieser Enkel Georg die Leiche dort verscharrt hat. Sie hätte das gesagt und zuzutrauen wäre ihm das. Wir hörten fassungslos zu. Auf einmal fasste er sich ans Herz und sagte noch, dass es jetzt soweit wäre. „Vermutlich holt mich der Teufel.“ Wir bekamen einen großen Schreck, denn der alte Mann wurde leichenblass. Mein Mann rief die Rettung, die auch alsbaldig erschien, aber es war zu spät. Richard war tot. Wir riefen die Polizei und warteten, um das Tonband zu übergeben.

der journalist

Der Reporter, Jens Blumenthal, war schnell und er war geübt im Recherchieren. Es war sein Job, er wollte ihn gut machen. Als ich seinen Namen erfuhr, stutzte ich kurz, denn ich hatte doch diesen Namen irgendwo gelesen. Bei Gelegenheit wollte ich ihn fragen, ob da ein Zusammenhang bestand. Das Landwarenhaus, welches damals auf unserem Grundstück stand, hieß „Kaufhaus Blumenthal“. Die Blumenthals waren die Großeltern des Journalisten, nur hatte er keine Gelegenheit mehr, sie kennenzulernen, denn seine Eltern waren schon vor dem Brand nach Amerika ausgewandert. Er wurde viel später geboren und wuchs, abseits aller Umstürze in Deutschland, in Amerika in gesicherten Verhältnissen auf. Als seine Eltern gestorben waren und Deutschland sich wieder als einig Vaterland

präsentierte, wollte Jens in die Tiefen seiner Vorfahren tauchen Er wusste, dass die Großeltern auf einem Dorf damals ein Landwarenhaus betrieben hatten; was aus den Großeltern geworden war, nachdem die Nazis es vernichtetet hatten, war nicht heraus zu bekommen. Seine Eltern hatten alles versucht; aber erfolglos, viele Menschen verschwanden damals spurlos. Er ging also nach Deutschland, um Nachforschungen anzustellen, bewarb sich bei einem kleinen Lokalblatt und durfte als Reporter tätig sein. Im Großen und Ganzen beschäftigte er sich mit Banalitäten, langweiligem Alltagsquatsch. Er hatte schon vor, wieder nach Amerika zurück zu gehen, bis die Sache mit dem Hexenhäuschen begann. Natürlich war Jens Blumenthal im Stadtarchiv und er hatte auch herausgefunden, wer damals im Dorf das Sagen hatte, auch er hatte das Bild mit dem brennenden Landwarenhaus seiner

Großeltern gefunden. Oft war er in dieses Dorf gefahren, um herauszufinden, was in der Gegenwart passierte, der eine oder andere Artikel erschien in der Tageszeitung. Es war nichts Spektakuläres darunter. Er sprach auch manchmal mit dem alten Mann, dem das Hexenhäuschen gehörte. Der machte einen bekümmerten Eindruck, aber er pflegte sein Häuschen und das Grundstück mit Hingabe. „Was werden Sie machen, wenn sie das alles hier nicht mehr in Ordnung halten können?“ fragte er Richard einmal, als sie wieder auf seiner kleinen Terrasse saßen. „Ich werde es schon bald verkaufen müssen.“ Er seufzte. „Ich bin alt geworden und nicht mehr sehr kräftig, selbst das Rasenmähen fällt mir schon schwer, aber die Gemeinde bekommt es nicht.“ Das sagte er ziemlich energisch. “Warum nicht?“ fragte Blumenthal. Richard gab keine Antwort. Er sinnierte und schien in Gedanken

versunken. „Kommen Sie eigentlich von hier? Es lebten hier einmal Leute, die auch so hießen.“ „Ja, das waren meine Großeltern aber das ist eine lange, alte Geschichte.“ „Das kann man wohl so sagen, und sie ist düster.“ Richard nickte ein paar Mal vor sich hin. Die Männer schwiegen. „Wissen Sie, was damals hier genau passierte?“ Richard antwortete nicht. „Ja, das war wirklich schlimm. Ich habe eine alte Zeitung gefunden, in der über diesen Brand berichtet wurde.“ Blumenthal klopfte ein wenig auf den Busch, um zu erfahren, was Richard wusste. Der nickte aber nur mit dem Kopf und seufzte. „Ist eigentlich der jetzige Bürgermeister mit dem damaligen, dem Hans Burmeister verwandt?“ „Ja, das ist sein Enkel. Die Burmeisters hatten

hier immer dieses Amt inne, unter jeder Fahne,“ sagte Richard und es klang irgendwie bitter. „Sie scheinen diese Leute nicht besonders zu mögen?“ „Nein. Aber Sie müssen das ja nicht in der Zeitung bekannt geben.“ Blumenthal versicherte, dass er das nicht vorhabe, er interessiere sich bloß, was hier in diesem Dorf, speziell an dem Platz, wo einst das Kaufhaus seiner Großeltern stand, alles passiert ist. Richard bekam etwas flackernde Augen und meinte, dass auf dem Grundstück nur das Häuschen von ihm errichtet wurde. Blumenthal wollte sich einmal das Grundbuch näher anschauen. Wie war der Alte eigentlich an das Grundstück gekommen? Er fand es heraus. Die Nazis hatten es annektiert, also Hans Burmeister bekam es, er stand dick und frech im Grundbuch. Der hatte es später Richard B. überschreiben lassen. Blumenthal recherchierte alles und er bekam

auch heraus, dass Gerhard Burmeister in der ehemaligen DDR bei der Stasi war. Georg Burmeister, sein Sohn und jetziger Bürgermeister, wollte also auch das Grundstück seiner Großeltern erwerben. Eigentlich wäre es ja seines, denn Jens war der einzige Erbe, der rechtmäßige Eigentümer. Dem Alten schien das nicht ganz klar zu sein. Blumenthal wollte allerdings das Stückchen Garten mit dem albernen Hexenhäuschen nicht haben. Er hatte kein Interesse an einem winzigen Grundstück am Ende der Welt. An einer interessanten Story eher, nach all dem Vereinskäse in seiner Zeitung, wäre es an der Zeit dafür. * Die Zeit verging und Richard verkaufte alles. An uns. Er zog in die Stadt, um dort in Ruhe und leichter zu leben. Wir bauten unser Eigenheim und plötzlich machte unser Architekt die folgenschwere Entdeckung. Nach der Bürgerversammlung wurde die

Geschichte auch für Blumenthal interessanter. Er wusste nun, hier stinkt irgendetwas ganz gewaltig und er bekam mit, dass da mehr war als nur ein Hexenhäuschen. Das war spannend. Die Waffenkisten der Nazis wurden im Verborgenen gehütet, auch der alte Warenbestand seiner Großeltern. Der aktuelle Bürgermeister wusste davon. Die Entführung mit Nötigung zum Verkauf! Das war ein dicker Hund. Richard B. wird auch etwas davon gewusst haben. Blumenthal wollte ihn unbedingt befragen. Der alte Mann sei im Krankenhaus, hieß es. Er habe sich mit Tabletten umbringen wollen, sagte die mitfühlende Nachbarin. Schnell fuhr der Journalist hin und stellte sich als guter Freund vor. Gerade war Richard wieder erwacht. Viel erfuhr der Reporter nicht, nur dass Georg Burmeister bei ihm zuhause war, um ihm Angst zu machen. Er hätte ihm auch diese Beruhigungstabletten dagelassen.

Man muss ein paar davon nehmen, die sind harmlos, aber sie lassen einen gut schlafen. Das hat er gesagt. Blumenthal hatte das Gespräch aufgenommen, das tat er immer, um nichts zu vergessen, wenn er seine Artikel schrieb. „Ich besuche Sie, wenn Sie wieder zuhause sind,“ versprach Blumenthal und verabschiedete sich.

täter

Brinkmann und Schneller kamen angesaust. Wir mussten alle mit aufs Revier und dort warten, denn auf Grund unserer Aussage, wollten sie auch Richards Schwester zum Verhör holen. Ob auch Georg Burmeister verhaftet werden würde, war für uns nicht erkennbar. Die Kommissare hielten sich bedeckt. Sie wollten sich nicht noch einmal vorführen lassen. Man würde den Staatsanwalt befragen. Endlich tat sich etwas in diesem Mord, sie waren froh, der Fall begann zu nerven. Die alte Frau ließ sich hoch erhobenen Hauptes fest nehmen und schilderte den Hergang. Es klang glaubwürdig, obwohl sie in ihrem Denken im Vorgestern festzusitzen schien. Auf die Frage, wer die Leiche dort im Keller verscharrt hätte, reagierte sie mit Unwissenheit. Dann faselte sie von Wachsamkeit und Pflichtbewusstsein, auch von Treue und

Verlässlichkeit. Sie hätte das auch schon ihrem Bruder gepredigt, aber der sei ein Verräter. Sie wollte ihm nur die Meinung sagen, aber mit dem sei gar nicht mehr zu reden. Er würde es vorziehen, sich lieber mit fremden Leuten zu unterhalten. Sie habe das Georg auch schon gesagt, aber ihr Enkel meinte immer, dass er Richard schon im Griff hätte. Sie solle sich nicht so aufregen. „Ich rege mich aber auf“, schrie sie. Dann kam nur noch ganz wirres Zeug. Die Kommissare wussten ohnehin genug. Die Frau wurde ins Krankenhaus gebracht, dort behandelt und bewacht. Die Frage nach der Tatwaffe war mit ihr nicht zu klären. Vielleicht später, so war die Hoffnung. Man wollte eine Psychologin einschalten. Sie bekam es auch heraus. Georg Burmeister wurde durch Richard sehr schwer belastet. Er musste sich also einer für ihn unangenehmen und schwierigen, erneuten

Befragung stellen. Die Frage, warum er das Geheimnis hütete, war noch relativ einfach zu beantworten, denn er fühlte sich durch den Vater und Großvater dazu immer wieder genötigt und er hatte keine Kraft, sich darüber hinwegzusetzen. Er fürchtete, bei Bekanntwerden des Tatbestandes, dass er Waffen und jüdisches Eigentum unter Verschluss hielt, um seinen guten Posten. Er wollte als ein Saubermann, als ein ehrenvoller Mensch dastehen, als Vorbild in seinem Dorf. Die Vergangenheit wollte er nicht auferstehen lassen, sie sollte nur endlich ruhen dürfen. „Herr Kommissar, was kann ich dafür, was mein Großvater und mein Vater erleben mussten? Ich möchte nur Gutes, ein blühendes Dorf hier und heute.“ „Ihre Großmutter hat einen unschuldigen Mann mit einer für sie griffbereit liegenden scharfen Waffe erschossen. Wie stehen Sie dazu?“ „Meine alte Oma ist verwirrt. Sie lebt im

Gestern. Man kann sie nicht verantwortlich machen und was hatte der Mann dort in diesem Keller überhaupt zu suchen? Er ist dort eingebrochen. Er wollte gewiss etwas stehlen. War er ein krimineller Mensch? Das sollten Sie sich fragen.“ Er schwieg und schlug die Beine übereinander und verschränkte seine Arme. „Was meinen Sie, wer die Leiche des Architekten in dem Keller verscharrt hat?“ „Sie sind der Ermittler. Da kann ich ihnen wirklich nicht helfen.“ „Wieso haben Sie Richard B. Tabletten gebracht und ihm geraten mehrere davon zu nehmen?“ „Ich habe ihm gesagt, er könne eine nehmen, um besser schlafen zu können. Ich kenne ihn schon lange und weiß, dass er immer noch an seinem Häuschen und Garten hängt, obwohl er es verkauft hat. Er ist ein alter Narr und nicht mehr geistig fit. Ich wollte doch nicht, dass er versucht sich umzubringen. Halten Sie mich für ein

Monster?“ Brinkmann kam nicht weiter. Der Mann hatte immer eine plausible Antwort. Es gab einfach keine stichhaltigen Beweise, dass er den toten Architekten da unten versteckt hat, und die Kenntnis des Waffenlagers war sicher nicht als ein Gewalt-verbrechen zu bewerten, aber es würde ihm sehr schaden, wenn das ruchbar würde. Der Reporter würde es gewiss öffentlich machen. Immerhin. Die Burmeisters waren geliefert. Brinkmanns Mitleid hielt sich in Grenzen. Leider wurden auch keine schlüssigen Beweise für die Entführung gefunden. Es stand Aussage gegen Aussage. Der Staatsanwalt musste sich überlegen, ob er Georg Burmeister überhaupt anklagen könnte. Nein, es reichte nicht. Es waren nur Mutmaßungen, nur Verdächtigungen. Sie mussten den Mann laufen lassen. Brinkmann war nicht zufrieden. Er hatte das

Gefühl, etwas übersehen zu haben. Der Fall schien geklärt, die Täterin geständig, aber das kann doch nicht alles gewesen sein? Für einen Ermittler zwar schon, doch die Geschichte war nicht zuende. Jens Blumenthal brachte den Stein ins Rollen. Wir waren sehr geklatscht, dass man uns nicht glaubte, dass die Zeugen den Schwanz einkniffen und nur das aussagten, was ihnen ganz offensichtlich Georg Burmeister vorgab. Die Männer, die an der Entführung beteiligt waren, der ahnungslose Gastwirt und nicht zuletzt der Notar, sie standen scheinbar fest an Burmeisters Seite und stärkten ihm den Rücken. Jens Blumenthal weihte seinen Chefredakteur ein und gab sich auch als Ahne der Blumenthals zu erkennen, die durch die Nazis alles verloren hatten, auch das Leben. Hätten sie überlebt, würden sie sich bestimmt gemeldet haben. Nachdem er seinem Chef alles haarklein geschildert hatte, befand auch der, dass man

diese Ungeheu-erlichkeiten nicht unter Tisch fallen lassen könne und dürfe. So wurde der Plan gefasst, ein Interview in Folgen zu veröffentlichen, ein Interview des Chefredakteurs mit seinem Reporter, der als Nachfahre und rechtmäßiger Eigentümer die Ergebnisse seiner Recherchen offenlegte und zwar ohne Rücksicht auf Ansehen und Person. Wir wurden gefragt, ob wir einverstanden wären, dass auch über die unbewiesene Entführung berichtet wird. Für uns wäre das natürlich eine Genugtuung gewesen, aber wir fürchteten auch eine Klage wegen Verleumdung und übler Nachrede. Das wollten wir gar nicht. Jens Blumenthal setzte uns ziemlich zu, er wollte unbedingt seine Story und er würde auf alle Fälle auf Besitzansprüche bezüglich des Grundstückes verzichten. Das fanden wir großzügig. „Die Indizien sprechen doch alle für Sie“, sagte er. „Warum sollten Sie eine Entführung erfinden,

warum sollten sie in aller Herrgottsfrühe am Sonntag einen Notruf an die Polizei loslassen, warum sollten Sie zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort freiwillig Ihr Haus und Grundstück wieder verkaufen wollen? Da sieht doch ein Blinder mit einem Krückstock, dass hier etwas nicht stimmt. Die Polizei hat sich nicht viel Mühe gegeben, Beweise für Ihre Entführung zu finden. Es ist ein Skandal, dass man auf Grund Ihrer Aussagen diesem Burmeister keinen Prozess machen will. Wollen Sie, dass der so weiter macht?“ Nein, das wollten wir nicht; auch wir fanden es schrecklich, dass man uns keinen Glauben schenkte und auch dem armen Richard nicht. So willigten wir schließlich ein. Tag für Tag erschienen nun die Fortsetzungen, die ganze Geschichte wurde aufgerollt, auch die Familiengeheimnisse der Burmeisters. Das Meiste war aktenkundig, sowohl die alten

Parteizugehörigkeiten, als auch der Wandel der Gesinnungen. Das, was Richard erzählte, wurde Wort für Wort wiedergegeben, auch wie sich der Herr Notar äußerte, wie er sich herauszuwinden versuchte, was der Herr Bürgermeister äußerte und seine Nacht- und Nebelaktion, um die Waffen wegzuschaffen. Blumenthal befragte zudem die Jugendlichen des Dorfes und erfuhr Erstaunliches über die braunen Gedanken von Georg Burmeister, auch seine wahre Haltung gegenüber Flüchtlingsaufnahmen plauderten die Kinder aus, die er edelmütig von der Straße zu holen gedachte. Eine Welle der Empörung baute sich in der Bevölkerung auf, auch und besonders die Dorf-einwohner glaubten im falschen Film zu sein. Das hätten sie nicht gedacht, der Georg, wie konnte er nur? Jeden Tag las man in der Zeitung etwas Schlimmes über diesen Mann und seiner Familie. Die Zeitung stellte die Serie auch online für jedermann zur Verfügung, und

damit begann die Hölle für die Burmeisters. Sie erhielten Schmähbriefe, Drohanrufe, Journalisten anderer Zeitungen schlichen um ihr Haus; seine Mitarbeiter mieden ihn, die Leute im Dorf sprachen nicht mehr mit ihm. Kurz er wurde kalt gestellt und bis zur Leistungsgrenze verfolgt. Die Polizei konnte nichts für ihn tun. „Wir schicken eine Streife, wenn es ernst wird“, sagten sie und ab und zu sah man auch ein Polizeiauto durchs Dorf fahren. Wochenlang hielt das an, und Georg konnte kaum noch seine Arbeit als Bürgermeister verrichten. Er war ziemlich am Ende, aber sein Hass auf alles und jeden, insbesondere der auf uns, wuchs von Tag zu Tag. Wir zogen indes in unser Eigenheim ein und im Hexenhäuschen wohnte nunmehr eine sehr nette Familie aus Syrien. Gemeinsam renovierten wir den Keller unter dem Häuschen. Wir beabsichtigten dort, eine kleine Gedenkstätte für die Blumenthals einzurichten und baten

natürlich den Enkel, Jens Blumenthal, um Unterstützung und um einige Stücke aus dem Nachlass. Das war kein Problem, doch wer würde die Gedenkstätte einweihen? Eigentlich ja der Bürgermeister. Aber in diesem Fall war das ein Ding der Unmöglichkeit, so suchten wir einen Abgeordneten dafür zu gewinnen, was uns auch gelang. Mein Mann hatte noch eine Idee, die auch dem Herrn Abgeordneten sehr zusagte, wir wollten das regionale Fernsehen einladen. Unser Dorf würde damit einen Bekanntheitsgrad erlangen, der vorher nicht zu erträumen war. Wir hielten uns im Hintergrund, denn wir hatten eigentlich genug von dem Rummel im Dorf. Das sollte die letzte Aktion in Sachen Hexenhäuschen werden, und so geschah es auch. Ein paar Leute erschienen und filmten den Keller, sie filmten das Häuschen und sie nahmen die Rede auf, die der Abgeordnete hielt. Er machte das prächtig und sonnte sich vor der

Fernsehkamera, er schüttelte Jens Blumenthal die Hände und wischte sich bei seiner Beileidsbekundung verschämt eine Träne aus dem Auge. Als die Sendung ausgestrahlt wurde, das passierte zwei Monate nach dem Ereignis und sie währte ungefähr zwei Minuten, meinten die Leute des Dorfes, die es sich am Nachmittag ansehen konnten, also die Rentner und die zufällig Kranken, es wäre nicht viel zu sehen aber der Herr Abgeordnete hätte so ans Herz gehend gesprochen. So nahm das normale Leben in unserem selbst erwählten Paradies wieder seinen Lauf. Georg Burmeister ist aus unserem Dorf weggezogen, wohin weiß keiner und will wohl auch niemand wissen. Die alte Frau, die unseren Architekten erschossen hat, ist in der geschlossenen Psychiatrie gestorben. Jens Blumenthal hat sich auch aus dem Staub gemacht, er lebt nun wieder in Amerika und ist vermutlich auf der Suche nach einer guten Story, ob er je eine bessere

gefunden hat, wissen wir nicht. Die syrische Familie hat sich in unserem Dorf ein eigenes Häuschen gebaut und der Mann führt eine gut gehende Landarztpraxis. Das war hier noch nie möglich, denn kaum jemand wollte noch auf dem Land als Arzt arbeiten, alle strebten in die Städte, die alten Haudegen waren fast ausgestorben. Das Hexenhäuschen steht noch immer. Wir haben es frisch herrichten lassen und an den Wänden hängen meine Bilder, in den Regalen stehen meine Bücher und wenn ich gut drauf bin, dann lade ich zur Lesung und zur Betrachtung meiner Werke ein. Manche habe ich schon verschenkt und freue mich, wenn sie irgendwo hängen dürfen. Einige Dorfbewohner kommen regelmäßig, und ganz, ganz selten kommt ein Mensch und begehrt, in den Keller geführt zu werden. Am 9. November aber erscheint der neue Bürgermeister, um für die um für die Zeitung ein paar Tränen zu vergießen.

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Über den Autor

Helgaschreibt
Ich bin 1950 in Berlin geboren, bin unendliche Zeiten zur Schule gegangen, habe brav studiert und in diversen Firmen artig gearbeitet, bin nunmehr das dritte Mal verheiratet, habe zwei erwachsene, tolle Kinder und gehe endlich meinen Neigungen nach, die sich auf kreativer Ebene bewegen.

Ich bevorzuge die Satire, die Ironie, mag Methapher, die aber die Botschaft nicht verschleiern, eher krasser hervortreten lassen. Gerne nehme ich den typischen "Michel", den modernen Spießbürger, die großen Schlappen unserer Gesellschaft aufs Korn. Aber manchmal möchte ich auch poesievoll den Sinn des Lebens unterstreichen, allerdings immer den Boden der Tatsachen, stets lebensbejahend, im Auge behaltend. Ich liebe den Witz mit Geist und biete viel Hintergründiges an. Das Lachen über sich selbst aber auch über die allgegenwärtige Dummheit im Allgemeinen, scheint mir trotz aller schlimmen Erfahrungen immer geholfen zu haben, mich aus brenzligen Phasen oder Situationen zu bringen.

Ein intensives Nachdenken, Aufarbeiten mit einhergehendem Aufschreiben, und nicht zuletzt die eigene Malerei, sind meine Methoden mit dem Leben im positivsten Sinne umgehen zu können.

Falls sich jemand für meine Malerei interessiert, der besucht bitte meine kleine Online-Galerie. (im Augenblick noch in Beabeitung...die neusten Bilder fehlen..)

http://helga-siebecke.magix.net

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"Das Hexenhäuschen"

'Das Hexenhäuschen' entpuppt sich allerdings erst beim näheren Hinsehen, sozusagen auf den zweiten Blick als als ein Kriminalfall.
Es ist ein Krimi, der einen weiten Geschichtsbogen in einem etwas abgelegenen Dorf über ein untergegangenes "tausendjähriges Reich" und eine beigetretene Republik spannt.
In welchen noch immer so einige Leute im wahrsten Sinne des Wortes, ihre Leichen im Keller haben.
Da geht es zum Beispiel um ewig gestrige Amtspersonen, zum Teil auch um unlustige Polizisten, die manchmal scheinbar nur wie gezwungener Maßen ihren Job erledigen müssen...
Kommt mir alles nicht ganz unbekannt vor...
Definitiv also kein Krimi von der Stange, wie man ihn vielleicht von manchen 'Tatorten' aus dem TV erwarten würde.
Obwohl das Thema nach wie vor brandaktuell ist, wenn man da nur an die jüngsten Münchener Bilderfunde denkt, die zum übergroßen Teil wohl einstmals jüdisches Eigentum waren und die lange, viel zu lange unter fadenscheinigen Gründen der Öffentlichkeit vorenthalten wurden. Oder auch wenn man nur den laufenden NSU-Prozess betrachtet.
Skurriler kann es ja in einem Strafproßess von dieser Brisanz kaum zugehen. Wen wunderts, wenn selbst die Bundesregierung sogar ein NPD-Verbot ablehnt. In so einem solchen Klima könnte sich das braune Pflänzchen des Nationalsozialismus unter dem geduldeten Schutz einer erlahmenden und versagenden Demokratie tatsächlich wieder zu einer strammen deutschen Eiche entwickeln...
Die Vergangenheit ist ganz offensichtlich in vielen Punkten noch nicht aufgearbeitet worden und doch, scheinbar ganz allmählich erst, beginnt sich soetwas wie ein öffentliches Interesse dafür zu sensibilisieren.
Ich denke, dieser Krimi ist ein kleiner Versuch, dazu beizutragen, dass man die Augen nicht vor den Fehlern der Vergangenheit verschließen sollte....
Wie sagte doch Bert Brecht einst so treffend:
"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch..."

LG Louis


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Helgaschreibt Guten Morgen,
hier hat jemand verstanden, was ich meine. Das freut mich sehr, denn ich hatte wirklich das Bedürfnis, mit meiner Kriminalerzählung auch eine Botschaft rüber zu bringen. An anderer Stelle bin ich damit nicht so gut gelandet.
Eine Krimiautorin hat unlängst bei einer Lesung geäußert, dass bei einem Krimi um Gottes Willen kein Zeigefinger erhoben werden sollte. Nun, das mag Ansichtssache sien, ich habe mich bemüht eine Tatsache, nämlich die schleichende Unterwanderung der Gesellschaft, in den Handlungsverlauf einzubinden. Die Bewertung kann jeder Leser selber vornehmen.
So wie es Lois halt auch gemacht hat. Ich bin da völlig auf Deiner Seite, Louis.
Die Frage ist die, will darüber jemand lesen? Mein Eindruck ist, dass Fantasy oder Ähnliches mehr Chancen hat bei den Lesern. Leider.
Vielen herzlichen Dank, dass Du Dir die Mühe gemacht hast.

LG Helga
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